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Ich sah ein Flugzeug in der Nacht, sah es immer wieder blinken, ehe die Dunkelheit es wie eine Faust umfing, eine Weile festhielt und kurz wieder freigab. Immer wenn das Flugzeug verschwand, hielt ich den Atem an: Würde ein weiteres Signal folgen? Würde es sich in der Luft halten können? Oder wäre das Nächste, was ich hörte, ein gewaltiges Klatschen, eine Bruchlandung im Meer?

Ich stellte mir Heiner Stagemann bei seinem letzten Flug vor. Vielleicht freute er sich an Bord seiner Maschine, morgen schon wieder in den Armen seiner Geliebten zu liegen – während die schon im Internet nach der ersten Absturzmeldung suchte. Und alles für die Zeit nach seinem Tod präpariert hatte.

Meine Gedanken liefen heiß in meinem Kopf. Ich lag auf dem Bett und starrte an die Decke, wo der Brandmelder immer wieder rot aufblinkte. Ich wusste nicht, was dieses Signal zu heißen hatte: dass die Batterie noch funktionierte? Oder dass ich sie wechseln musste? War ich in Gefahr? Oder befand ich mich in Sicherheit?

Das Talent, Signale zu lesen, fehlte mir. Alles, was ich bislang geglaubt hatte, war ins Wanken geraten, seit ich dieses Buch in Marions Einkaufsliste entdeckt hatte. Waren die brisanten Datensätze, die sie mir auf dem Stick zugespielt hatte, überhaupt echt? Oder hatte sie, um den Verdacht von sich abzulenken, die paradoxe Anleitung zum Mietermobbing und die Hinweise auf die Brände selbst formuliert und als Köder für mich ausgelegt?

Immer wieder hatte sie mich aufgefordert, Schlagzeilen gegen die StageBau anzuschieben und den Aktienkurs zu schädigen, angeblich im Auftrag Heiner Stagemanns. Aber was wusste ich schon über seine Wünsche? Ein kurzes Treffen und ein Telefonat – danach war er für mich aus der Welt verschwunden. Wer garantierte mir, dass Marion ihre eigenen Wünsche nicht in seinen Mund gelegt hatte? Womöglich wusste er gar nicht, dass sie mich anstiftete, seiner Firma solchen öffentlichen Schaden zuzufügen.

Und wie naiv von mir, dass ich angenommen hatte, Marion sei eine Kämpferin gegen das Unrecht, eine Business-Pippi-Langstrumpf. Vielleicht war »Frisches Wasser für Afrika« ein Engagement, das sie ins Schaufenster stellte, um von ihren Charakterschwächen abzulenken. Schon in jungen Jahren hatte sie eine gehobene Führungsposition in einem profitgierigen Konzern erobert – sicher nicht durch Nettsein allein. Sie musste Machtpolitik betrieben, Ellbogen ausgefahren und die skrupellose Geldgier des Hauses geteilt haben. Und bestimmt hatte es sie verbittert, als ihr Freund, der Starfotograf, ihre Bürgschaften hatte platzen lassen, um mit einer Jüngeren durchzubrennen. War aus dem harmlosen Mädchen, das die Diplomateneltern wie ein Gepäckstück von Land zu Land verschoben hatten, selbst eine rollende Kofferbombe geworden?

Mein kindlicher Blick hatte sie glorifiziert. Ich hatte das in ihr gesehen, was ich hatte sehen wollen: eine gutherzige, fürsorgliche Verbündete, keine machthungrige Geldfrau. Ich war blind gewesen.

Und wenn Heiner Stagemann sie in diese Position gehoben hatte, fragte ich mich: Hatte sich das enge Verhältnis zwischen ihm und ihr zufällig ergeben? Oder hatte Marion ihren Charme und ihren attraktiven Körper instrumentalisiert, um sein Herz in die Falle zu locken?

Was, wenn sie von Beginn an den Plan verfolgt hatte, eines Tages selbst die StageBau zu leiten? Wenn sie ihren Geliebten beeinflusst hatte, seine Unternehmensanteile per Testament an sie zu vermachen? Und wenn sie, um ihr Glück zu beschleunigen, von langer Hand seinen Tod eingefädelt und Maßnahmen für die Zeit danach getroffen hatte?

Dann wäre klar gewesen, worauf es nach Heiners Tod hinauslief: auf einen Machtkampf zwischen ihr und Patricia Stagemann. Also ergab es Sinn, der Konkurrentin öffentlichen Schaden zuzufügen: Menschen starben, Häuser brannten, paradoxe Anleitungen zum Mietermobbing tauchten auf. Und ich, die verdeckte Ermittlerin, sollte Patricia ans Kreuz nageln. Ein paar Schlagzeilen hätten genügt, um nicht nur den Aktienkurs der StageBau, sondern auch das Image von Patricia Stagemann zu zerstören.

Vielleicht hatte ich die Chefin des Unternehmens von Beginn an zu negativ gesehen, war sie mir doch als Intrigantin, als Business-Kriminelle, ja als »Schlange« vorgestellt worden. Vielleicht war die Temperatur im Fahrstuhl vor allem durch meine Fantasie so kalt geworden. Und vielleicht war es nur ein Zufall, dass sich die Abendsitzung mit dem Brandanschlag überschnitten hatte.

In einem Zeitungsbericht hatte ich gelesen, dass Patricia Stagemann bis heute ihr altes Gymnasium in Blankenese unterstützte, unter anderem durch eine kostenlose Sanierung der Turnhalle, in der Asbest entdeckt worden war. Ein Foto zeigte sie bei der Einweihungsfeier in einem lila Kostüm, neben der Direktorin, der Schülerchor hatte einen Halbkreis um die beiden gebildet und sang ein Ständchen. Konnte es sein, dass nicht nur Heiner, sondern auch Patricia eine soziale Ader hatte? War ihre raue Schale nur eine Berufskleidung, die sie tragen musste, um in der harten Immobilienbranche zu überleben?

Zumindest hatte Marion sie unterschätzt: Patricia hatte die drohenden Schlagzeilen gerochen und die Presse auf ihre Seite gezogen. Oder warum sonst hatte mir der Taxifahrer erklärt, sie habe ursprünglich eine Fahrt zum Landgut der von Leibringens in Niedersachsen bestellt gehabt? Das klang nach einem vertraulichen Termin mit dem wichtigsten Chefredakteur der Stadt.

Und eine Frage, die mich schmerzhaft betraf, war nach wie vor offen: Wer hatte mir im Keller des Mordhauses die Latte über den Kopf gezogen? Mittlerweile hegte ich den Verdacht, dass es dieselbe Frau war, die kurz darauf mit einem riesigen Blumenstrauß vor meinem Bett stand.

Gut konnte ich mich an unser Gespräch erinnern, in dem sie mich davon überzeugen wollte, dass dieser Lattenschlag eher zu einer Frau als zu einem Mann passte. Was für ein raffinierter Schachzug: Dass sie den Verdacht auf eine Frau lenkte, klammerte sie selbst indirekt aus dem Kreis der Verdächtigen aus – denn eine Täterin wäre doch niemals so dreist, mir den männlichen Täter auszureden und selbst eine Frau ins Gespräch zu bringen. Dabei hätte mein erstes Gefühl im Flur des Hauses – »Diese Person hat hier nichts verloren!« – eins zu eins auf sie, als Personalchefin des Konzerns, zugetroffen.

Und warum hatte ich eigentlich keinen Verdacht geschöpft, als sie mir die Situation im Keller so anschaulich geschildert hatte? Ich hörte ihre Worte noch: »Du kommst in meine Parzelle, ich kauere in einer Ecke und fühle mich in die Enge gedrängt.« Das klang nach einer Erzählerin, die sich mit viel Fantasie in eine Rolle versetzte. Und wenn es ein schlichter Erlebnisbericht war? Dann wusste ich: Marion hielt sich für so überlegen, dass sie Psychospielchen mit mir trieb, mich nach Belieben manipulierte. Ihr Abgang im Stadtpark war sicher ein Teil dieses Theaters gewesen.

Aber jetzt hatte sich das Blatt gewendet: Während Marion noch dachte, mich zu blenden, hatte ich ihre kriminelle Energie durchschaut. Wie lächerlich müssen ihr meine Entschuldigungen auf der Mailbox vorgekommen sein. Aber meine nächste Nachricht, da war ich ganz sicher, würde sie aus der Reserve locken.

Mein Plan war abenteuerlich – und doch gab er mir Frieden. Ich spürte, dass mein Atem ruhig und regelmäßig wurde. Doch etwas in diesem Raum stimmte nicht mehr und roch nach Gefahr. Was war es bloß? Genau: Das Blinken am Himmel war erloschen. War das Flugzeug ins Meer gestürzt? Nein, du Dummerchen, antwortete mein Teufelchen, aber du hast gerade die Augen zum Schlafen geschlossen. Dann blinken keine Brandmelder mehr, sondern nur noch deine Träume.