Durch den dünnen Vorhang meines Zimmers sickerte Morgenlicht, trüb wie Putzwasser, das der Himmel sparsam auf mich herabgoss. Blinzelnd öffnete ich die Augen. Wie lange hatte ich geschlafen? Der Wecker an meinem Bett zeigte 8.13 Uhr. Auf dem Flur knarrten die Dielen, ein Wasserrohr pfiff asthmatisch. Tante Martha war auf den Beinen.
Ich setzte mich aufrecht ins Bett und tippte eine Textnachricht in mein Handy: »Patricia Stagemann will dich vernichten. Ich weiß alles. Wir müssen reden!« Das klang dramatisch, und das sollte es auch.
In der Nacht war ich noch sicher gewesen, dass Marion sofort reagieren würde. Aber bei Tageslicht schloss ich nicht mehr aus, dass sie mit dieser Nachricht zu ihrer Chefin oder gar zur Polizei lief. Tante Martha hatte mich gemahnt, ich sei mit meinen Schlussfolgerungen zu voreilig. Ich beschloss, sie nicht in meine Aktion einzuweihen, das hätte sie zu sehr aufgeregt.
Nach fünf Minuten antwortete Marion. Sie wollte mich sehen. Der Ort überraschte mich: »Lass uns angeln gehen auf der Alster. Heute um 22 Uhr. Das Boot liegt noch dort.«
Interessant, dass sie plötzlich ihre Leidenschaft fürs Angeln entdeckte. Mir war klar, warum sie mich nachts auf einem schwankenden Boot treffen wollte: ein überraschender Schubser, danach ein paar Schläge mit dem Ruder – schon wäre ihr nächstes Problem in den Fluten versunken. Und der nächtliche Herbstnebel war ein Zeuge, der alles für sich behielt. Glaubte sie, ich wäre dumm genug, dass ich mich auf diesen Treffpunkt einließ?
Aber vielleicht war es der einzige Ort, wo sie mir die Wahrheit sagte – in der Annahme, ich müsse diese mit auf den Flussgrund nehmen. Dabei übersah sie meine zwei Vorteile: Ich war geübt darin, mein Gleichgewicht in schwankenden Booten zu halten – während sie in den letzten Jahren allenfalls die Jacht ihres Lover-Chefs betreten hatte. Und sie ging davon aus, mich mit einem Angriff zu überraschen – ich aber war darauf gefasst. Sofort fiel mir ein Hilfsmittel ein, das mich unsichtbar schützen würde.
Du bist nicht ganz bei Trost, Susanne!, schaltete sich mein Teufelchen ein. Die Frau ist gefährlich, sie hat Menschenleben auf dem Gewissen. Nachts auf dem Fluss bist du ihr ausgeliefert. Dein Gleichgewichtssinn soll dich retten? Und wenn sie ein Messer zückt? Oder eine Pistole? Spiel nicht die Heldin, schalt die Polizei ein. Eine Wasserleiche im Ozean reicht – du musst nicht dieselbe Rolle in der Alster spielen.
Aber was hatte ich gegen Marion denn in der Hand? Der Stick mit den Daten war verloren, und alles andere konnte ich nicht beweisen. Für die Polizei war ich eh eine höchst fragwürdige Zeugin, nach meiner Flucht aus dem Taxi und meiner Aktion in dem brennenden Haus.
Nein, ich musste diese Sache auf eigene Faust regeln. Vor einigen Wochen war ich noch feige gewesen, hatte mich von einem Schaffner zur Schnecke machen lassen, mich vor dem Auftrag Heiner Stagemanns gedrückt und mich kaum einen Zentimeter von meinem Fernsehsofa bewegt. Mein zweiter Vorname war »Johnny«. Und fast hätte mich meine Rückkehr nach Reinstadt wieder in diese Leichenstarre gepresst.
Aber als Iris mir den Armreif meiner Mutter zurückgegeben hatte, war etwas in mir passiert: Die alte Lebendigkeit floss wieder durch meine Adern. Nur deshalb war ich bei Nacht ins Gebäude der StageBau eingedrungen und auf den entscheidenden Beweis gestoßen. Ich dachte wieder an die Worte meines Psychologen: »Angst wächst, wenn Sie meiden, was Sie fürchten. Aber Angst schrumpft, wenn Sie nach vorne gehen und sich ihr stellen.« Ich konnte mich erinnern, dass er die Angst mit Herrn Tur Tur verglichen hatte, dem Scheinriesen aus Jim Knopf, der umso kleiner wird, je näher man ihm kommt.
Ich drückte mich nicht mehr vor dem Leben, sondern nahm es mit ihm auf. Auch mit den Schwierigkeiten, mit den Abgründen, mit Marion. Ich durfte nicht zurückweichen, sondern musste nach vorne gehen.
Marion hielt mich für ein dummes, naives Mädchen, das sie mal eben aufs Wasser locken und für immer loswerden konnte. Ich würde ihr beibringen, dass sie mich unterschätzte.