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Auf der Brücke blieb ich stehen. Der Fluss atmete wieder Nebel aus, wie feiner Rauch stieg er aus dem Wasser und verlor sich in der Nacht. Motoren brummten ungeduldig vor einer Ampel, ehe sie sich röhrend entfernten. Irgendwo quietschte ein Zug, und Fetzen einer Lautsprecherdurchsage wehten durch die Nacht. Der Fluss verströmte eine leichte Fäulnis, und der Fahrtwind der Autos blies mir Tankstellengeruch in die Nase.

Ich hatte meinen dicksten Anorak angezogen, ein blaues Teil, das ich zuletzt beim Skifahren getragen hatte. Die dicken Daunen sollten ein kleines Geheimnis vor Marion verbergen. Mein Angelgerät hatte ich zu Hause gelassen. Kein Fisch sollte heute Abend ins Netz gehen. Auch ich nicht.

Den Schlüssel für das Grundstück der Alstervilla besaß ich noch. Ich öffnete die Pforte, knarrend ging sie auf. Das Grundstück schirmte sich mit einer hohen Hecke gegen die Straße ab. Das Licht der nahen Brücke verlor sich in dem weiten Gelände, das Haus mit säulengestütztem Vorbau und einem Erker lag fast im Dunkeln.

Vorsichtig tastete ich mich die Stufen zum Grundstück hinab. War ich noch allein hier? Oder lag Marion schon im Schatten auf der Lauer? Beobachtete sie jeden meiner Schritte, wie im Wald an der Oberalster, und dachte sich : Noch geht sie. Noch atmet sie. Noch lebt sie. Gab es einen Plan, das für immer zu verändern?

Oder verhielt es sich mit meiner Angst mal wieder wie mit dem Scheinriesen Tur Tur: Würde sie sich nun, da ich mich ihr stellte, mit einem Schlag auflösen? Hatte ich Marion zu Unrecht verdächtigt? Hatte meine Fantasie bei ihrem Galopp die Realität abgeworfen?

Ein grelles Licht fuhr mir in die Augen, ich riss die Hand nach oben und blinzelte. Der Bewegungsmelder war angesprungen und tauchte das Grundstück in hellgelbes Licht. Die Uferbäume waren einen Schritt aus dem Dunkeln getreten, warfen gespenstische Schatten zum Fluss.

Unter der Trauerweide sah ich das Ruderboot dümpeln. Niemand schien es seit meinem letzten Angeltag bewegt zu haben. Ich tapste über den Rasen zum Fluss, der so langsam und geräuschlos floss, als wollte er sich dem hektischen Treiben dieser Stadt entziehen.

Im Gegensatz zur Elbe, die ihre Fließrichtung bei Tidenhub wechselte, war auf die Alster Verlass: Wer ihrem Lauf folgte, landete zuverlässig in der Innenstadt. Viele Touristen hielten die Alster für ein Riesengewässer, nur weil der Fluss auf seinen letzten drei Kilometern als Außen- und Binnenalster in die Breite ging. Dabei war die Alster auf ihren dreiundfünfzig Kilometern davor nur ein winziges Geschwisterchen der Elbe, im Oberlauf ein schmales Bächlein.

Eine Bewegung, die von der Seite kam, ließ mich zusammenzucken. Ich hörte ein leises Pfeifen. Etwas flog durch die Luft, direkt auf mich zu. Ich federte in die Knie, um dem Geschoss auszuweichen. Es war nur eine Fledermaus, die im Zickzackflug wieder in der Nacht verschwand, nachdem ihr Radar mich geortet hatte.

Oben, im trockenen Laub der Trauerweide, raschelte der Wind. »Marion?«, rief ich. Aber ich wusste ja schon, dass sie bei Nacht nur ungern antwortete. Mein Blick tastete das Gelände ab. Das Grundstück war reich mit Bäumen und Büschen bepflanzt, das Licht des Bewegungsmelders malte jede einzelne Pflanze mit schwarzer Schattentinte nach. Viele Verstecke für jemanden, der sich verbergen und mir auflauern wollte.

Der Wintergarten des Hauses ragte weit ins Grundstück hinein, das Licht des Bewegungsmelders schien durch sein Glas, eine Art Palme stand in der Mitte des Raums. Er sah aus wie ein Terrarium, dessen stabiles Glas ein gefährliches Tier umschloss. Eine Giftschlange zum Beispiel. Hatte Marion nicht behauptet, Patricia Stagemann sei eine Schlange? Gut möglich, dass sie selbst die Schlange war.

Ein Busch, nur wenige Meter vor mir entfernt, bewegte sich. Es sah aus, als träte er einen Schritt zur Seite. Dann kam er mitsamt Schatten auf mich zu. Ich erkannte einen Körper, die Schultern, den Kopf, die Beine. Das Gesicht lag im Dunkeln, das Licht kam von hinten. Eigentlich war Marion etwas kleiner als ich. War es der Schatten, der sie größer wirken ließ und breitschultriger?

»Nicht erschrecken, okay?«, sagte eine Stimme. Und ich erschrak fürchterlich. Denn das war nicht Marion, das war … Ein Eisblitz zuckte durch meinen Körper und überzog mich mit einer Gänsehaut. Der Knallfrosch tobte los in meiner Brust, mein Herz sprang bis in den Hals hinauf. Ruhig atmen, Susanne, ruhig atmen.

Aber der Schrecken umklammerte meine Kehle mit stählernem Griff. Ich hoffte, meine Beine würden nicht wegsacken.