»Ich bin real und kein Gespenst, liebe Frau Mikula«, sagte er – und hielt mir seine Hand hin, Beweisstück aus Fleisch und Blut. Ich wollte sie greifen, aber konnte nicht. Meine Hände hatten sich ineinander verkrampft und an meinen Bauch gepresst, sonst wären sie weggeflattert, ich zitterte. Mein Kopf brummte wie ein Mixer auf höchster Stufe, pürierte Gedanken. Offenbar hatte ich falsch gedacht, falsch kombiniert, falsch verdächtigt.
»Sie haben« – ich schnappte nach Luft – »Sie haben den Flugzeugabsturz überlebt?«
»Ich war beim Absturz nicht im Flugzeug«, sagte er und rückte seine Sonnenbrille zurecht. Nicht mal bei Dunkelheit legte er sie ab.
»Dann haben Sie gewusst, dass jemand einen Anschlag auf Sie ausüben wird?«
»Ich bin ein vorsichtiger Mensch.«
»Aber warum verheimlichen Sie der Öffentlichkeit, dass Sie am Leben sind?«
»Wie gesagt: Ich bin ein vorsichtiger Mensch.«
»Ich bitte Sie! Suchtrupps durchkämmen das Meer nach Ihnen, Medien veröffentlichen Nachrufe, und die Polizei hält Sie für verschollen – da müssen Sie doch mal den Finger heben und sagen: ›Hallo, mich gibt’s noch!‹«
»Ich habe mich gerade aus dem Fadenkreuz entfernt. Ich habe keine Veranlassung, freiwillig wieder hineinzugehen.«
»Wer nimmt Sie ins Fadenkreuz?«
»Nun, Sie haben sich jetzt einige Zeit mit meiner Firma befasst – Sie sollten das wissen.«
»Meine letzte Theorie hat sich gerade erledigt.«
»Wen haben Sie denn verdächtigt?«
Ich überlegte kurz, ob ich es wirklich sagen sollte, aber wollte ehrlich sein. »Marion.«
Er lachte hell auf. »Nicht gerade der Prototyp einer Killerin. Wie sind Sie denn auf sie gekommen?«
»Ich habe mich gefragt, wer von Ihrem Tod profitieren könnte. Und wenn Marion Ihre Geliebte war, wenn sie Ihre Firmenanteile erbt, dann …«
»Zu viele ›Wenns‹, Frau Mikula. Erstens ist Frau Römer, die ich übrigens sieze, nicht meine Geliebte. Zweitens steht sie nicht in meinem Testament. Und drittens würde sie nie einen Menschen umbringen, auch nicht fürs größte Erbe dieser Welt.«
»Und wie erklären Sie es dann, dass Marion in die Wohnung meiner Tante eingedrungen ist? Dort hat sie am Gashahn gefummelt und ein Buch über Depression hinterlegt.«
»Ich kann Ihnen nicht folgen.«
»Ich glaube, ein Selbstmord sollte vorgetäuscht werden.« Ich überlegte kurz und schob nach: »Oder es sollte vorgetäuscht werden, dass ein Selbstmord vorgetäuscht werden sollte.«
»Sie sprechen in Rätseln, das klingt ja völlig wirr. Werden Sie bitte konkreter!«
»Bei meiner Tante wurde nachts das Buch Warum Selbstmord keine Lösung ist im Sekretär platziert – und Marion hat genau dieses Buch am selben Tag gekauft.«
»Hat Ihnen Frau Römer noch nie von ihrem Vater erzählt? Er leidet seit vielen Jahren unter Depression. Schon zweimal hat er versucht, sich das Leben zu nehmen.«
»Dafür, dass Sie nur eine geschäftliche Beziehung haben, wissen Sie ziemlich viel über Frau Römer.«
Das Licht auf dem Grundstück erlosch, plötzlich standen wir im Dunkeln. Ich blinzelte einen menschlichen Umriss an und wich instinktiv einen halben Schritt zurück.
»Ich vertraue Frau Römer, sie vertraut mir – so einfach ist das, okay?«
»Der Anschlag auf meine Tante hat etwas bewirkt: Ich habe Ihr Angebot doch noch angenommen. Vielleicht hat Marion meiner Motivation auf die Sprünge geholfen.«
»Das ist doch absurd! Wie kann ein gescheiter Mensch nur so um die Ecke denken?«
Meine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit, nun sah ich ihn wieder etwas schärfer. »Marion hat sich schon länger merkwürdig verhalten. Sie hat verhindert, dass ich direkt mit Ihnen spreche.«
»Das war mein Wunsch«, sagte er.
»Sie hat mich immer wieder aufgefordert, Ihre Firma durch negative Schlagzeilen zu schädigen.«
»Auch das war mein Wunsch.«
»Und nach Ihrem Absturz war sie plötzlich nicht mehr erreichbar für mich.«
»Sie ist zu mir geflogen. Ich habe sie ins Vertrauen gezogen, dass ich noch lebe.«
»Und ich hatte den Verdacht, dass Marion mich im Keller eines Ihrer Häuser mit einer Latte niedergeschlagen hat.«
»Jetzt reicht es aber! Erst erklären Sie Frau Römer zu meiner Geliebten, dann zu meiner Erbin, dann zur Einbrecherin – und jetzt soll sie Ihnen auch noch eine feuchte Latte über den Kopf gezogen haben. Sie haben mehr Fantasie als Verstand.«
Ich spürte, dass seine Kritik berechtigt war. Ich hatte mich in meine These so sehr verbissen, dass ich sie nicht mehr loslassen wollte, obgleich sie hinfällig war. Aber als ich nachdachte, fiel mir eines auf: »Woher wissen Sie eigentlich, dass die Latte feucht war?«
»Das haben Sie gerade selbst erwähnt.«
»Ich habe gesagt, ich wurde mit einer Latte niedergeschlagen. Von feucht war nicht die Rede.«
»Vielleicht hat Marion mir das erzählt.«
Hatte ich dieses Detail gegenüber Marion wirklich erwähnt? Aber noch etwas fiel mir auf: »Nun sagen Sie plötzlich ›Marion‹ – ich dachte, Sie siezen sich?«
»Weil ja auch Sie die ganze Zeit den Vornamen verwenden.«
Beschwindelte er mich? Oder war das nur die berechtigte Vorsicht eines Mannes, der einem Mordanschlag knapp entgangen war? »Ich habe das Gefühl, Sie verheimlichen mir etwas«, sprach ich meine Sorge aus.
»Sie täten gut daran, sich an Fakten zu halten. Falsche Verdächtigungen haben Sie schon zur Genüge erhoben.«
War es nur seine Diskretion, die ihn ausweichen ließ? »Ich verspreche Ihnen, dass ich nichts Privates über Sie ausplaudere. Aber ich muss das wissen: Sind Sie und Marion ein Paar?«
»Darauf habe ich schon geantwortet. Und ich darf Sie erinnern, dass ich Sie nicht eingestellt habe, um mich zu verhören – Sie sollten krumme Geschäfte in meiner Firma an die Öffentlichkeit bringen. Aber bis heute haben Sie keine einzige Schlagzeile hinbekommen. Im Gegenteil, der Aktienkurs ist gestiegen. Und dann haben Sie sich auch noch als meine Schwester ausgegeben, Ärger mit der Polizei verursacht und Ihren Arbeitsplatz verloren!«
»Das tut mir leid. Ich war kurz davor, Brandanschläge aufzudecken und …«
»›Kurz davor‹ ist eine Formulierung aus der Versagersprache.«
»Aber …«, setzte ich an – doch er ging erneut dazwischen.
»Ich habe Ihnen vertraut. Ich habe Ihnen ein gutes Gehalt gezahlt. Sie sind mir noch etwas schuldig, okay?«
»Ich bin extra zurück nach Hamburg gekommen, um meine Arbeit zu Ende zu bringen.«
»Dann tun Sie das auch! Ich will, dass jetzt rasch ein paar negative Schlagzeilen erscheinen. Sagen Sie den Medien, dass Sie aus vertraulicher Quelle wissen: Das Flugzeug des verunglückten Heiner Stagemann wurde durch Mitarbeiter seines eigenen Unternehmens manipuliert. Darauf wird die Börse reagieren.«
»Warum ist es Ihnen so wichtig, dass der Aktienkurs sinkt? Das macht Sie doch ärmer!«
»Soll ich mich über Geld freuen, an dem Blut und Tränen kleben? Unmoralisches Handeln darf sich nicht länger lohnen. Alles, was die Börse belohnt, baut eine Firma aus. Wer mit Lug und Trug durchkommt, der lügt und betrügt immer mehr. Aber wenn die Börse dieses Verhalten bestraft, wenn es Geld kostet, dann werden Lug und Trug zurückgefahren.«
Nach allem, was ich über die StageBau wusste, traf er damit den Nagel auf den Kopf. Solange die Firma mit ihren fiesen Maschen durchkam, mit Mietermobbing, Bordellen und einer unverschämten Preispolitik, perfektionierte sie dieses Verhalten. Womöglich führte auch ein gelungener Mord dazu, dass der nächste schon geplant wurde.
»Woher wissen Sie denn so genau, wer Ihr Flugzeug manipuliert hat?«, fragte ich.
»Ich habe Leute, die das für mich beobachten. Deshalb bin ich nicht ins Flugzeug gestiegen.«
Ich holte tief Luft. »Sie haben Ihren Piloten in den Tod fliegen lassen?«
»Es war nicht mein Verbrechen, okay? Und noch einmal: Ich möchte jetzt endlich Schlagzeilen sehen. Das sind Sie mir schuldig.«
»Ich arbeite daran.«
»Bis wann liefern Sie?«
»Bald.«
»Es muss schnell gehen. Ich könnte schon tot sein.« Er hielt kurz inne. »Apropos: Was genau plant Patricia denn gegen Frau Römer?«
Mein Köder für Marion – ich hatte ihn schon vergessen. »Ich weiß keine Details. Aber ich wollte Marion bitten, vorsichtig zu sein.«
»Sie wollten eine Frau warnen, die Sie bis gerade eben noch für meine Mörderin gehalten haben – auf welcher Seite spielen Sie eigentlich?«
Ich öffnete den Mund, durchsuchte meine frisch pürierten Gedanken, aber mir fiel ums Verrecken keine vernünftige Antwort ein.
»Hören Sie gut zu«, sagte er, und seine Stimmtemperatur sank unter den Gefrierpunkt. »Niemand darf erfahren, dass ich noch lebe. Und Sie bringen jetzt endlich das Presseecho auf den Weg, das meine Firma verdient hat.«
Er legte seinen Kopf in den Nacken, als wollte er sein Temperament am Nachthimmel abkühlen. Dann wandte er sich mir wieder zu, und seine Stimme kehrte in die Plusgrade zurück: »Die gute Sache wird sich für Sie lohnen, Frau Mikula, sehr sogar. Wie ich höre, schwimmen Sie nicht gerade in Geld. Das kann sich ändern, Sie verstehen?«
Mit einem Ruck drehte er sich um und tigerte auf den Ausgang zu. Der Bewegungsmelder sprang an, Licht fuhr mir in die Augen, und ich blinzelte ihm hinterher. Als Schatten war er gekommen, als Schatten verließ er das Grundstück. Auf einmal fühlte sich die Schwimmweste, die ich unter dem Anorak trug, wie eine Zwangsjacke an.
Ich schaute zum Wintergarten, dem riesigen Terrarium, in das wieder Licht fiel, und fragte mich: Hatte ich Marion zu Unrecht für eine Schlange gehalten? Wenn ja, dann wusste ich, wen ich mir nun vorknöpfen musste: Patricia Stagemann.