Es war, als hätte der Traum mein Gedächtnis repariert. Als ich aufwachte, wusste ich, wer mir im Eingang des Mordhauses begegnet war. Das entscheidende Puzzleteil, das gefehlt hatte, war wieder da. Meine beiden Träume fügten sich nahtlos zusammen.
Schon der letzte Traum, aus dem ich im Krankenhaus erwacht war, hatte mir einen Fingerzeig gegeben: Ich war das riesige Grundstück Heiner Stagemanns hinaufgekraxelt, am Zaun entlang, aber immer wieder über Fallstricke gestürzt. Und als ich die Villa erreicht hatte, mitten in der Nacht, als er in der Tür vor mir stand, da war mir ein Licht in die Augen gefahren – und ich hatte ihn nicht mehr gesehen.
Ich hatte mich blenden lassen, auch mit offenen Augen. Ich war über Fallstricke gestolpert, auch bei Tageslicht. Aber jetzt sah ich den Mann wieder vor mir, der mir auf Höhe der Briefkästen entgegengekommen war, sah seine roten Ohren, die abstanden wie die Henkel eines Topfes. Nur die verspiegelte Sonnenbrille hatte gefehlt. Ich erkannte ihn ohne den Hauch eines Zweifels.
Nun erklärte sich mein Gefühl, er habe im Mordhaus nichts verloren gehabt: Mir war Heiner Stagemann persönlich begegnet. Er hatte sich weggedreht, war in den Keller geflüchtet, hatte sich versteckt und mir dann eine Latte über den Schädel gezogen – von der er nicht zufällig wusste, dass sie feucht gewesen war.
Weiß der Teufel, was der Chef der StageBau in diesem Mietshaus zu suchen hatte. Weiß der Teufel, warum er von mir auf keinen Fall gesehen werden wollte.
Dann ergab plötzlich alles einen Sinn: Er selbst hatte den Mord an Elfriede Jaspers inszeniert, hatte die Schornsteine zumauern und die Mieter mit kriminellen Methoden rausmobben lassen. Und mich hatte er instrumentalisiert, um den Verdacht auf seine Schwester zu lenken. Ihr Ruf als Firmenchefin sollte zerstört und ihr Erfolgsimage durch einen sinkenden Aktienkurs widerlegt werden – darum die ständigen Hinweise auf die Börse.
Und nach der medialen Hinrichtung seiner Schwester wäre er, Heiner Stagemann, wieder als großer Zampano ans Steuerrad seines Unternehmens gesprungen. Offenbar hatte ihn seine Schwester durch einen internen Machtkampf von dort verdrängt.
Dass seine Maschine über dem Meer abgestürzt war: ein weiteres Verbrechen, das er Patricia in die Schuhe schieben wollte. Für ihn war der Preis billig gewesen: das Leben des Piloten. Wahrscheinlich hatte ihn die positive Reaktion der Börse völlig überrascht. Zwar war mir noch nicht klar, wie er sein eigenes Überleben erklären und wieder an die Öffentlichkeit treten wollte, aber bestimmt gab es auch dafür schon einen Plan.
Und Marion, die er in unserem Gespräch nicht umsonst beim Vornamen genannt hatte, Marion war eben doch seine Geliebte. Mehr noch: Sie war seine Komplizin. Sie hatte mir eingeredet, ich sei im Keller von einer Frau angegriffen worden, um von Heiner Stagemann abzulenken.
Sie hatte die Daten auf dem Stick gefälscht, die böse Anleitung zum Mietermobbing war ja angeblich von Patricia verschickt worden. Sie hatte die Brände organisiert und vielleicht auch mit dem Tod von Friedhelm zu tun. War er den beiden in die Quere gekommen, weil er im Dienste Patricias stand und kritische Berichte über die StageBau zurückhielt?
Ich setzte mich aufrecht ins Bett, griff mein Smartphone vom Nachttisch und tippte bei Google »Marion Römer Hamburg« ein. Mal gespannt, was die Suchmaschine über sie ausspucken würde. Sofort bauten sich auf dem Display Dutzende von Meldungen auf, alle im Zusammenhang mit der StageBau. Fachzeitschriften der Immobilienbranche priesen die »vorbildliche Personalpolitik«, Ausschreibungen von Führungsposten nannten Marion als Ansprechpartnerin, und in Porträts über das Unternehmen wurde sie erwähnt und einmal sogar auf einem schmucken Foto abgelichtet. Sie war bildhübsch, aber nicht mehr für mich; jetzt sah ich ihren Schlangenkopf.
Auf der zweiten Seite der Suchergebnisse sprang mich ein drei Jahre alter Nachruf an, der wortgleich in zwei Hamburger Zeitungen erschienen war. Die Überschrift lautete: »Er ging, aber bleibt in unseren Herzen«. Nach einem »erfüllten Leben« wurde Rudolf Römer verabschiedet, der im Alter von 69 Jahren verstorben war. Die Anzeige war unterzeichnet mit: »Marion Römer und alle Angehörigen«. Und im Lauftext hatte sie sich verabschiedet von ihrem »geliebten Vater, der viel zu früh von uns geht«.
Diesem Vater konnte sie vor ein paar Wochen kein Buch gegen Depression mehr gekauft haben. Jetzt war ich sicher, dass Stagemann und sie auch hinter dem Einbruch bei Martha steckten.