Erinnern Sie sich an die neugierige Frau, die das Vergnügen haben wird, von mir über die Straße begleitet zu werden? Erst hatte ich vor, ihr einen anonymen Hinweis zu geben, sie müsse unbedingt in eine bestimmte Straße kommen – dort wolle eine bekannte Immobilienfirma ein Haus sprengen. Menschen seien in Gefahr, Beweismittel sollten vernichtet werden. Und wenn das jemand verhindern könne, dann sie. (Ich weiß ja, dass sie zur Selbstüberschätzung neigt!)
Aber dann habe ich mich an ein psychologisches Phänomen erinnert, die paradoxe Wirkung des Appells. Für den Fall, dass Ihnen dieser Fachbegriff nichts sagt, übersetze ich ihn gern in die Laiensprache: Wenn Sie einem Menschen sagen, dass er etwas tun soll, tut er es nicht, eben weil er es tun soll. Und wenn Sie ihn auffordern, etwas nicht zu tun, dann tut er es, eben weil er es nicht tun soll. Schlichtere Gemüter ohne akademischen Hintergrund würden das Phänomen vielleicht als »Trotzreaktion durch Aufforderung« bezeichnen.
Falls Sie kleine Kinder haben, ist Ihnen die paradoxe Wirkung des Appells schon begegnet: Sagen Sie kurz vor Weihnachten, dass ein bestimmter Schrank ab sofort tabu ist – und ich wette, kein anderer Fleck im Haus wird Ihre Kinder so anziehen wie dieser. Natürlich werden sie schnüffeln. Dagegen würde Ihre Aufforderung, einen bestimmten Schrank nach Geschenken zu durchsuchen, Ihre Kinder völlig kaltlassen – da kann ja nicht Spannendes drin sein!
Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ich fast einen schweren Fehler begangen hätte, in Bezug auf die besagte Frau. Ich weiß, Sie kennen inzwischen meine Professionalität und trauen mir größere Fehler kaum zu – womit Sie ja auch richtig liegen, denn ich habe die Denkfalle früh genug erkannt, um einen klügeren Weg einzuschlagen.
Entgegen meiner ersten Idee werde ich die neugierige Frau nicht dazu einladen, das Haus mit der Sprengladung zu betreten. Zu groß wäre das Risiko, an der paradoxen Wirkung des Appells zu scheitern – stattdessen will ich diese für mich nutzen.