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Der Anruf schreckte mich aus meiner Internet-Recherche auf. Die Nummer war unterdrückt. Vielleicht Jane? Wir mussten unbedingt wieder miteinander reden. Bis jetzt hatte ich niemandem mitgeteilt, dass Heiner Stagemann noch am Leben war – und was ich über ihn und seine Komplizin herausgefunden hatte.

Martha hätte ich alles erzählt – aber ich wollte sie nicht gefährden, indem ich sie zur Mitwisserin machte. Iris hätte ich alles erzählt – aber ich war unsicher, ob mein Telefon abgehört wurde. Jane war hier in Hamburg. Ich konnte sie an einem sicheren Ort treffen und auf den neusten Stand bringen.

Diesmal würde sie von mir die spektakulärste Schlagzeile ihres Lebens serviert bekommen: »Toter Milliardär Stagemann lebt noch!« Dass er den Absturz selbst arrangiert und den Piloten geopfert hatte, machte die Geschichte für den Boulevard nicht uninteressanter. Und da ihr Chefredakteur Frank von Leibringen ein bekennender Patricia-Fan und Heiner-Gegner war, würde er diese Story sofort ins Blatt heben.

Die Öffentlichkeit musste erfahren, was passiert war. Je mehr Menschen im Bilde waren, desto sicherer wurde mein Leben. Denn bislang hatte nur ich den faulen Zauber durchschaut. Gäbe es mich nicht mehr, gäbe es auch keine Anklage; ich lebte gefährlich, das war mir klar.

Ich nahm den Anruf an. »Susanne Mikula.«

»Guten Tag, Frau Mikula«, sagte eine tiefe Männerstimme, die metallisch verzerrt und deshalb bedrohlich klang. »Ich möchte Sie vor einer Dummheit bewahren.«

Diese hatte ich offenbar schon begangen, indem ich das anonyme Gespräch angenommen hatte. »Wer sind Sie?«, fragte ich.

»Ich habe gehört, dass Sie heute bei der Sprengung des Mietshauses im Harvestehuder Weg dazwischenfunken wollen. Dies ist eine Warnung: Lassen Sie das!«

»Sagen Sie mir erst mal, wer Sie sind!«

»Ihnen liegen falsche Informationen vor. Niemand ist in Gefahr. Es handelt sich um eine ganz reguläre Sprengung. Es gibt eine behördliche Genehmigung für vierzehn Uhr.«

»Wenn Sie mir nicht gleich sagen, wer Sie sind, lege ich auf.«

»Hier spricht jemand, der es gut mit Ihnen meint.«

»Warum wollen Sie mich nicht dabeihaben?«

»Nehmen Sie meine Warnung einfach ernst: Bleiben Sie dem Harvestehuder Weg 249 fern!« Ein Knacken fuhr in die Leitung.

»Hallo?«, rief ich noch. Keine Antwort mehr.

Ich schaute aufs Display: 11.30 Uhr.

Da hatte jemand den Stand meiner Recherche überschätzt und mir unfreiwillig einen wertvollen Hinweis geliefert. Mir blieben noch zweieinhalb Stunden, um das Schlimmste zu verhindern.