Surrend flatterte das rot-weiße Absperrband im Wind. Jemand hatte es vor den löchrigen Zaun des großen Grundstücks gespannt, in dessen Mitte sich ein Herrenhaus erhob, ein großer, feingliedriger Solitär, der die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs offenbar überstanden hatte. Der verschnörkelte Baustil imponierte mir.
Aber die Pracht verfiel: Einige Fenster waren eingeschlagen, leere Augenhöhlen hinter gezacktem Glas. Auf die Außenfassade hatte die Feuchtigkeit des Gemäuers große, dunkle Kreise gemalt. Und auf dem rot geziegelten Dach klafften alle paar Meter schwarze Löcher, als hätte ein Wirbelsturm gewütet. Der Erker gab der Schwerkraft nach und hatte sich leicht geneigt.
Am Zaun hingen Schilder mit Totenkopf und warnten davor, das Grundstück zu betreten: »Lebensgefahr: Sprengung!« Aber wo war der Sprengmeister, wo die Arbeiter, die den Schutt abtragen würden? Ich hatte eine Baustelle mit hektischem Treiben erwartet, aber hinter dem Rondell am Ende der großen Auffahrt verloren sich nur ein paar Baufahrzeuge, darunter eine Planierraupe, ein Bagger und ein Laster mit offenem Verdeck. Aber keine Stimmen waren zu hören, keine Menschen zu sehen. Nur ein einsamer Vogel krächzte in den Ästen einer der Eichen auf dem Grundstück.
Eigentlich wollte ich den Bauleiter bitten, die Sprengung aufzuschieben, denn ich war sicher: Hier sollte nicht nur Mauerwerk in die Luft gesprengt werden. Warum sonst hätte mir der Anrufer ein Hausverbot erteilt? Ich ging davon aus, dass er im Auftrag des Paten Heiner Stagemann gehandelt hatte.
Bestenfalls ging es darum, Beweisstücke zu vernichten – schlimmstenfalls sollten Menschen ausgeschaltet werden. Vielleicht lag jemand narkotisiert im Keller, ein Mitwisser oder Kritiker. Das wäre wieder ein »Unfall« nach Art des Hauses gewesen.
Aufgewacht, Susanne – dieses Opfer wirst du sein! Ausnahmsweise freute ich mich, mein inneres Teufelchen zu hören – die Schlange hatte es nicht verstummen lassen. Du bist Stagemann am gefährlichsten, weil du sein Geheimnis kennst. Aber nur, solang du lebst. Fahr nach Hause, ehe es knallt, aber schnell! Im Grunde war es gar kein »Teufelchen«, eher ein innerer Freund, der mich warnen wollte.
Martha hatte gute Laune verströmt, als ich mir Geld fürs Taxi von ihr gepumpt und den Wagen sofort bestellt hatte – gute Laune, weil sich der viel beschäftigte Dr. Otten endlich für einen Hausbesuch am heutigen Nachmittag angekündigt hatte. Er versprach, ein hochwirksames Medikament gegen die Schmerzen mitzubringen, laut Martha hatte er gesagt: »Danach spüren Sie nichts mehr.«
Ehe das Taxi eintraf, hatte ich noch auf zwei Mailboxen gesprochen: Janes und Marions. Jane hatte ich gesagt: »Ruf mich an, ganz dringend, ich bin an einer großen Sache dran!« Und bei Marion hatte ich hinterlassen: »Ich weiß alles über Heiner Stagemann und dich. Und ich habe gerade herausgefunden, was ihr durch die Sprengung im Harvestehuder Weg vertuschen wollt. Die Behörden sind informiert, ihr könnt den Plan abblasen!«
Ich wollte die Tatsache ausnutzen, dass meine Gegner offenbar meinen Wissensstand überschätzten. Der Hinweis auf die Behörden roch nach Polizei, Aufruhr und Schlagzeilen. Ich war sicher, dass sie die Sprengung abblasen und sich aus der Schusslinie zurückziehen würden.
Am Zaun des Grundstücks war gerade ein pfeifender Junge mit Schulranzen vorbeigelaufen, in einem merkwürdigen Slalomkurs, von einer Gehsteigkante zur anderen. Ich schaute mich um. Niemand sonst auf der Straße. Rasch duckte ich mich, schlüpfte durch ein Loch im Zaun und huschte aufs Grundstück.
Ich rannte bis zur ersten Eiche, drückte meinen Körper an den Stamm, verharrte einen Moment – und spurtete zum nächsten Baumstamm. Ich hielt es für besser, vorsichtig zu sein. Wenn jemand in dem Gebäude war, wollte ich den Überraschungseffekt auf meiner Seite haben.
Schließlich hatte ich die Treppe erreicht. Die Haustür war versperrt, jemand hatte ein Brett davor genagelt, wieder mit dem Sprengungsschild. Verflixt! Vorsichtig zog ich daran, aber die Tür gab keinen Zentimeter nach.
Also gut, dann würde ich eben einen anderen Zugang suchen. Ich schlich um das Gebäude. Die Fenster des ersten Stocks waren zu hoch, ich konzentrierte mich auf die Lüftungsschächte. Bald hatte ich ein offenes Kellerfenster entdeckt, etwa 1,5 Meter tief. Ich hob das Gitter an, rückte es zur Seite und ließ meinen Körper langsam rückwärts hinabgleiten. Dann zog ich den Kopf ein und schlüpfte durch das Fenster ins Haus.
Muffige Luft schlug mir entgegen. Es roch wie in einer Grabkammer.