Als ich spürte, dass sich etwas auf meinen Mund legte, feucht und eklig, wollte ich schreien. Doch ich zwang mich, meine Zähne zusammenzubeißen, und rieb mir das Spinnennetz aus dem Gesicht. Die Fäden waren so nass, dass sie sich in meiner Handfläche zu einem kleinen, widerlichen Klumpen formten. Er klebte an meiner Haut wie Gel, ich musste ihn abschütteln.
Etwas zerplatzte auf meiner Nase. Ein kalter Wassertropfen von der Decke des Kellerflurs, einer Art Grotte aus Naturstein, die sich als feuchter, finsterer Schlauch unter die Erde schlängelte. Nur wo offene Kellertüren angrenzten, hellten dunkelgraue Lichtinseln das Schattenreich auf. Die Scheiben der Lichtschächte waren so blind, dass nur Dämmerlicht einfiel. Kälte strahlte ab von den Wänden, durchdrang meinen Mantel. Es war der blaue Mantel, den ich zuletzt getragen hatte, als ich ins Schanzenviertel geradelt war, zu Friedhelm in die Kneipe.
Mächtige Rohre krochen wie Riesenschlangen den Rand der Grotte entlang auf dem Weg ans Licht, auch wenn ich mir kaum vorstellen konnte, dass dieses finstere Reich mit dem Haus oben verbunden war. Mir war, als läge diese Kellergrotte unter einem Meer, dessen Wasser sie langsam verschlang. Schimmlige Feuchte lag in der Luft, perlte von der Decke, rann die Wände hinab und bildete Pfützen am Boden. Meine Schuhsohlen knatschten bei jedem Schritt.
»Was machst du hier, du Idiotin?«, protestierte mein inneres Teufelchen. Schon vergessen, welches Ende deine letzte Kellerbegehung genommen hat? Wenn dir heute jemand eine Latte über den Kopf schlägt, wird dich niemand mehr retten. Dieses Haus ist schon gesperrt. Und woher weißt du eigentlich, dass es erst um vierzehn Uhr in die Luft fliegt? Vielleicht hat man dir die falsche Zeit genannt. Vielleicht kommt der große Knall schon in fünf Minuten.
Vor mir zitterte der winzige Lichtstrahl meines Handys über den Boden. Ich wich herabgefallenen Gesteinsbrocken aus, umkurvte kleine Wasserbäche und stieg über Bretter eines alten Weinregals, die den Weg versperrten. Dann fiel mein Lichtstrahl auf etwas fast Verstecktes, in einer Ecke, einen roten Zettel. Es sah aus, als wäre er handbeschriftet. War das eine Botschaft für mich? Hatte es mit dem Geheimnis dieses Hauses zu tun? Ich beugte mich hinab und las: »Achtung, Rattengift!«
Ich wusste, wie Rattengift funktionierte: Zunächst konnten die Tiere es fressen, ohne Schaden zu nehmen, damit kein Vorkoster umkippte. Vollgefressen zogen sich die Ratten in ihre Löcher zurück. Erst mit Verspätung verrichteten die chemischen Blutgerinnungshemmer ihre Arbeit – und die Tiere verreckten elend.
Was, wenn es mir wie diesen Ratten erging? Wenn ich den tödlichen Köder geschluckt hatte, indem ich in diesen Keller gestiegen war? Wenn ich noch der Meinung war, auf der Spur von Verbrechern zu sein – während sie längst auf meiner Spur waren, um mein Lebenslicht auszuknipsen?
Wie spät war es eigentlich? Das Display meines Handys zeigte 12.15 Uhr. Noch hatte ich 1 ¾ Stunden Zeit, kein Grund zur Panik. Außerdem würde ich durch einen einzigen Anruf unter 110 die Sprengung mit Leichtigkeit verhindern können – spätestens beim Verweis auf meinen Aufenthaltsort.
Ein Poltern in meinem Rücken ließ mich herumfahren. Ich riss einen Arm nach oben, um mich zu verteidigen. Der winzige Strahl meiner Handyleuchte stocherte wie ein kleiner Lichtfinger in der Finsternis herum, um den Verursacher des Geräusches ins Visier zu nehmen. Kauerte jemand dicht an der Wand? Ich konnte niemanden erkennen. Duckte sich da jemand mitten im Gang? Nein, das war nur das Weinregal.
Einige Zeit tastete sich der Lichtfinger über den Boden, dann blieb er an einem Gesteinsbrocken in der Mitte des Ganges hängen. Offenbar hatte der sich frisch von der Decke gelöst. Wenn das so weiterging, würde das Gebäude von alleine einstürzen und den Sprengmeister arbeitslos machen.
Ich schlich ein paar Schritte weiter. Etwas irritierte mich, ein leises Geräusch. Ich blieb stehen. Drang da nicht ein Wispern an mein Ohr? Ein Wispern wie von Mäusen, weit vor mir aus der Grotte? Oder waren das leise Menschenstimmen? Ich hielt es für ratsam, mein kleines Handylicht auszuschalten. Alles versank in Schwärze. Der Knallfrosch in meiner Brust machte einen mächtigen Satz. Die Dunkelheit verengte die Grotte, meine Beine wurden so schwer, als trüge ich das ganze Gemäuer auf meinen Schultern.
Mir fiel ein, wie oft ich in den letzten Wochen durch Dunkelheit und Nebel gewatet war: als ich Jane von Friedhelm hatte »abholen« lassen, Marion zum Joggen an der Alster getroffen hatte, Lars Ketterer bei seinem Spaziergang auflauerte, ins Firmengebäude der StageBau eindrang und auf dem Villengrundstück zu meiner Verblüffung Heiner Stagemann gegenüberstand. Ich sah immer nur so weit, wie der Lichtkegel meiner Taschenlampe gerade reichte. Aber was wirklich um mich herum geschah, schien mir zu entgehen. Ich stolperte, wie jetzt auch, im Dunkeln.
In kleinen Schritten tastete ich mich vorwärts, langsam nahmen meine Augen die Umrisse der Grotte im Dunkeln wieder wahr. Das Wispern kam umso näher, je weiter ich ging. Ich hätte schwören können, dass es Stimmen von Menschen waren. Oder spielte mir meine Wahrnehmung einen Streich? Wollte ich nur nicht zugeben, dass ich mich hier ganz allein mit Ratten und Mäusen herumtrieb?
Und dann gab es keinen Zweifel mehr: Ich schnappte das Wort »weitermachen« auf, eine ferne Männerstimme hatte es geflüstert. Also doch kein Fehlalarm! Hier waren noch Menschen im Haus – bestimmt nicht freiwillig!
Ein schwaches Lichtquadrat hob sich vor mir aus dem Dunkeln, von der linken Seite kommend. Vielleicht führte dort eine Treppe ins Erdgeschoss hinauf. Direkt gegenüber wurde das Licht bläulich reflektiert, wie Mondlicht auf einer glatten Wasseroberfläche. Als ich näher kam, erkannte ich eine wuchtige Metalltür. Sie sah aus, als behütete sie ein Geheimnis. Tatsächlich: Aus diesem Raum kamen die flüsternden Stimmen.
Ich tastete nach der Tür, ihre glatte Oberfläche war mit Wasser benetzt. Metallische Kühle kroch in meine steifen Fingerspitzen. Ich neigte meinen Kopf zur Tür, um zu hören, was gesprochen wurde.
»Sie haben kein Recht, mich hier festzuhalten«, sagte eine Frauenstimme.
»Kabelbinder reicht«, antwortete ein Mann.
»Sie werden damit auffliegen.«
»Ich fliege immerhin noch – aber Sie fliegen nirgendwo mehr hin.«
Mein Knallfrosch in der Brust schoss hin und her, mein Atem überholte sich selbst, mein Hals zog sich zu. Ruhig atmen, Susanne, ruhig atmen!
Was ging hinter dieser Tür ab? Wer war diese Frau? Von wem wurde sie gefangen gehalten? War sie eine unerwünschte Zeugin, die mitsamt dem Haus in die Luft gesprengt werden sollte? Wenn ja, in wessen Auftrag? Zog Heiner Stagemann wieder einmal die Fäden?
»Hören Sie mir gut zu«, sagte der Mann und senkte seine Stimme. Er wurde so leise, dass ich ihn nicht mehr verstehen konnte. Ich hielt meinen Atem an und presste mein Ohr an die eiskalte Metalltür. Ich wollte wissen, was hier gespielt wurde. Ich musste herausfinden, was sie sprachen.
Als ich das Geräusch hinter mir hörte, war es schon zu spät.