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Zwei kräftige Arme hatten meinen Körper auf Bauchhöhe umschlungen, fuhren zusammen wie eine Metallpresse und hoben mich ein Stück an. Hilflos strampelten meine Füße in der Luft. Ich spürte einen Brustkorb, der sich gegen meinen Rücken rammte, ein heißer, abgestandener Atem streifte meinen kalten Nacken. Ich probierte, mich schwer zu machen, aber es half nichts: Mit ruckartigen Bewegungen wurde ich Stück für Stück durch die finstere Grotte gezerrt. Meine Füße streiften über den Boden, berührten ihn zu kurz, um Halt zu finden. Wie versteift holperten sie über Steine, die im Weg lagen und meine Knöchel schürften.

Es fühlte sich an, als hätte mich ein Raubtier angefallen, und jetzt wurde ich in seine Höhle verschleppt.

»Loslassen!«, wollte ich aus voller Kehle schreien, aber brachte nur ein dünnes Rufen hervor – das Echo der Grotte gab meiner Stimme etwas lächerlich Fiependes. Der Knallfrosch in meiner Brust, wie vom Druck nach oben gepresst, turnte jetzt in meinem Hals herum, machte alles dicht, raubte mir den Atem. Ich hörte, wie es aus meinem Mund rasselte und pfiff. Ruhig atmen, Susanne, ruhig atmen. Mein Strampeln ließ nach, meine Beine wurden schwerer.

Aber durch meinen Kopf zuckte die Panik in hektischen Wellen. Wer verschleppte mich gerade? War ich in eine Falle gelockt worden? Was sollte jetzt mit mir passieren? Und hörte ich hinter mir tatsächlich die Schritte eines zweiten Menschen, wie es mir schien, oder fiel ich nur auf ein Echo herein?

Mit einem Ruck zur Seite, einer Drehung um 45 Grad, wurde ich vom Schatten der Grotte in das trübe Licht eines Kellerraums gedreht. Dann spürte ich einen kräftigen Stoß gegen meinen Rücken, stürzte nach vorne und schlug mit den Knien auf den unebenen Boden. Feuchtigkeit sickerte durch meine Jeans. Oder war es Blut?

Von der Decke baumelte eine nackte Glühbirne, eine Leiter schmiegte sich horizontal an eine Wand, und der Boden sah aus wie ein Hindernisparcours aus umgefallenen Holzregalen. An der Wand verlief ein Metallrohr. Ich war auf der linken Seite des Raums gelandet und glotzte in einen alten Materialschacht, der mich wie ein quadratisches, rabenschwarzes Auge aus der schimmligen Wand anstarrte.

»So sieht man sich wieder, Frau Mikula«, sagte eine Männerstimme. Es war Heiner Stagemann, ich drehte mich zu ihm um. Diesmal trug er keine Sonnenbrille, sein Gesicht kam mir nackt vor. Er schüttelte den Kopf, und seine rötlichen Ohren, die wie die Griffe eines Topfes abstanden, schienen mir dabei höhnisch zuzuwinken. Aus dem Schatten der Grotte schälte sich ein zweiter Körper ans Licht. »Danke für deine Nachricht, Susanne«, sagte Marion Römer – ihre rechte Hand umklammerte den Schaft eines langen Küchenmessers, in dessen Klinge sich das dämmrige Licht fing.

»Ihr habt mir eine Falle gestellt!«, sagte ich.

»Wir sind nur Ihrer Einladung gefolgt«, sagte Heiner Stagemann. »Wir haben gehört, dass dieses Haus heute mit einem Feuerwerk seinen Ausstand feiert, okay? Das trifft sich gut.«

»Du hast deinen Job äußerst schlecht gemacht, Susanne«, schaltete sich Marion ein. »Wir haben uns auf dich verlassen. Das hat uns viel Geld gekostet.«

»Dass ich dir vertraut habe, war auch nicht gerade die beste Entscheidung meines Lebens«, antwortete ich.

»Du hast an meinem Computer geschnüffelt.«

»Du warst die Einbrecherin bei meiner Tante!«

»Ich hatte einen Schlüssel. Das ist doch kein Einbruch.«

»Du hast den Gashahn aufgedreht, du wolltest sie umbringen.«

»Dann hätte ich das Gas mehr als nur einen Spalt aufgedreht. Und deine Tante beim Verlassen der Wohnung auch nicht geweckt.«

»Du hast das Buch in der Wohnung hinterlassen.«

»Das habe ich nie bestritten. Du hättest mich nur fragen müssen.«

»Warum, Marion? Warum hast du das getan?«

»Das war zu deinem Vorteil – eine Motivationsmaßnahme. Du hattest unser tolles Angebot blitzschnell abgelehnt. Was kümmerte dich eine tote Rentnerin, das war ja nur eine Fremde! Aber dass deiner Tante jemand an den Kragen geht, das wolltest du unbedingt verhindern.«

»Aber woher hast du von meiner Tante gewusst?«

»Sie waren so nett, mir im Atlantic davon zu erzählen«, sagte Stagemann. »Können Sie sich nicht mehr erinnern, dass ich Sie sogar von meinem Chauffeur dorthin bringen lassen wollte?«

»Sie haben mich verfolgen lassen. Woher wussten Sie eigentlich, dass ich zu dieser Zeit ein Vorstellungsgespräch in Hamburg hatte?«

»Ein ehemaliger Angestellter von mir arbeitet bei der Hamburger Allgemeinen im Sicherheitsdienst. Er führt bei Besuchern im Vorfeld einen kleinen Sicherheitscheck per Internetrecherche durch und hat bei einem Kollegentreffen erwähnt, dass diese krasse Reinstadt-Journalistin, die den Verleger auf dem Gewissen hat, sich bei ihnen vorstellt. So habe ich von Ihrem Stelldichein erfahren.«

»Dann wussten Sie von Beginn an, dass meine Tante Mieterin der StageBau ist.«

»Das war Zufall«, sagte er.

»Warum wollten Sie ausgerechnet mich anheuern? Sie hätten doch einen renommierten Privatdetektiv nehmen können!«

»Den hätte uns die StageBau kaum bezahlt. Vor allem wollten wir der Firma durch negative Presse die Hölle heißmachen. Und nach Ihren Leistungen in Reinstadt haben wir Ihnen das zugetraut. Doch wir haben Sie völlig überschätzt.«

»Warum begehen Sie Straftaten? Warum riskieren Sie, ins Gefängnis zu kommen? Sie sind doch ein steinreicher Mann.«

»Ist er nicht«, schaltete sich Marion ein. »Er steht äußerst in der Kreide, noch tiefer als du. Das ist ja der Grund, warum wir dich gebraucht haben.«

Allmählich verstand ich gar nichts mehr. »Aber ich habe Sie doch gerade in der Liste der reichsten Deutschen als vermögendsten Hamburger gesehen.«

Marion schüttelte den Kopf. »Dort steht Heiner Stagemann drin.«

»Sag ich doch.«

»Leider nicht. Denn er, mein Freund« – sie zeigte auf Heiner Stagemann – »heißt Volker Jaspers, ist ein abgebrochener Germanistikstudent und hat einen eigenen Sicherheitsdienst in die Pleite geritten.«

Ich glotzte ihn an wie ein Gespenst: »Sie sind nicht Heiner Stagemann?«

»Nie gewesen.«

»Sie haben es ausgenutzt, dass ich sein Gesicht nicht kennen konnte.«

»Ausgenutzt ist ein starkes Wort.«

»Und der Chauffeur war tatsächlich nur ein Schauspieler, den Sie für einen Tag angeheuert haben.«

»Für einen halben Tag – das war schon teuer genug, okay? Es kamen ja die Kosten fürs Hotel und die Leihgebühren fürs Auto hinzu. Aber wie hätten wir Sie sonst davon überzeugen können, dass Sie es mit einem Milliardär zu tun haben?«

»Aber warum – warum dieses ganze Theater?«

»Wir stecken in der Klemme«, sagte Marion. »Ich habe hohe Schulden durch meinen dämlichen Ex. Und Volker sitzen die Gläubiger seiner Firma im Nacken. Wir brauchten einen finanziellen Befreiungsschlag. Ich verdiene gut, deshalb haben uns die Banken einen letzten Kredit gegeben. Wir haben mit vollem Einsatz auf einen sinkenden Aktienkurs der StageBau spekuliert. Wir waren sicher, dass es zu solchen Einbrüchen kommen würde – denn wir haben brisante Informationen an die Medien durchgestochen. Aber es wollte nicht klappen. Patricia hatte in der lokalen Presse starken Rückhalt. Und wir standen endgültig vor dem finanziellen Abgrund, brauchten neues Geld.«

»Aber was habe ich damit zu tun?«

»Jemand musste jetzt schnell für die negativen Schlagzeilen sorgen. Wir hatten uns neues Geld durch eine Erbschaft organisiert – zu wenig, um die Schulden zu bezahlen. Aber genug, um mit neuen Aktienoptionen den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.«

Das alles ergab keinen Sinn für mich. Was hatten diese Geschäfte mit den kriminellen Machenschaften zu tun, zum Beispiel dem Tod Elfriede Jaspers’? Plötzlich klingelte es in meinem Kopf: Elfriede JASPERS … Ich sah den Mann an, den ich bislang für Heiner Stagemann gehalten hatte: »Hat Marion gerade gesagt, dass Sie Volker Jaspers heißen?«

Er nickte, und ich sagte: »Dann war Elfriede Jaspers Ihre Mutter?« Er nickte erneut. »Und Sie haben Ihre eigene Mutter umgebracht, nur um das Erbe einzusacken?«

»Du unterschätzt uns«, sagte Marion. »Seine Mutter war ohnehin steinalt und nicht ganz arm, da haben wir durch einen Profi ein wenig nachhelfen lassen – natürlich mit dem Hintergedanken, diesen Mord der StageBau in die Schuhe zu schieben. Wir wussten ja, was in diesem Mietshaus schon alles passiert war. Kein Mensch würde den Sohn als Mörder verdächtigen – aber einer Firma wie der StageBau, die mit so fiesen Methoden arbeitet, trauen die Leute auch noch Fieseres zu.«

Allmählich rieselten mir die Schuppen von den Augen. Ich fixierte Jaspers. »Dann waren Sie damals im Haus Ihrer Mutter, um die Wohnung aufzulösen, als ich Ihnen fast in die Arme gelaufen wäre. Ich vermute, Sie haben unauffällige Straßenkleidung getragen, keine verspiegelte Sonnenbrille. Und Sie sahen nicht gerade wie ein Milliardär aus. Und bei meinem Anblick dachten Sie: Verdammt, jetzt fliegt unser Rollenspiel auf! Aber Sie haben gerade noch die Kurve in den Keller gekriegt – und dort zu einer Holzlatte gegriffen.«

»Nun beschwer dich nicht, Susanne«, antwortete Marion. »Ich hab dir doch einen tollen Blumenstrauß ins Krankenhaus gebracht.« Ich sah, wie ihre Hand mit dem Messer zuckte. Ich war nicht sicher, ob sie in Gedanken die Blumen oder mich einen Kopf kürzer gemacht hatte. Auf einmal kam sie mir nicht mehr intelligent und freundlich, sondern wie eine ausgemachte Psychopathin vor.

»Wie habt ihr es geschafft, das Flugzeug Heiner Stagemanns abstürzen zu lassen? Warum musste Friedhelm Ganter sterben?«

»Damit haben wir nichts zu tun«, sagte Marion.

»Friedhelm war euch im Weg, weil er mit der StageBau kooperiert hat. Du hast ihm kritische Unterlagen zugespielt – und er hat die Berichterstattung verhindert. Das hat ihn sein Leben gekostet, stimmt’s?«

»Er war nicht gerade kooperativ, der Herr Ganter. Aber wir waren das nicht.«

»Und Heiner Stagemanns Absturz sollte den Börsenkurs einbrechen lassen. Aber ihr habt euch vollkommen verschätzt: Statt zu fallen, ist die Aktie durch die Decke gegangen.«

»Auch damit haben wir nichts zu tun, okay?«, sagte Volker Jaspers. »Uns war klar, dass sein Tod die Aktie nach oben treiben würde. Heiner Stagemann spielte den Moralapostel nur. Man wird nicht reich durchs Spenden, sondern indem man Menschen wie meiner Mutter das Geld aus der Tasche zieht.«

»Das müssen gerade Sie sagen!«, entfuhr es mir.

Er trat einen Schritt nach vorne, sein Gesicht blieb im Halbschatten. »Wie bedauerlich, dass Sie so wenig Verständnis für unsere Lage aufbringen. Stecken Sie nicht auch in finanziellen Schwierigkeiten?«

»Lieber bin ich pleite als eine Mörderin!«

»Wenn dieses Haus eingestürzt ist, sind Sie weder das eine noch das andere – dann sind Sie einfach tot.«

In diesem Moment fuhr ein scharrendes Geräusch durch die Grotte, als hätte ein Riese mit stählernen Fingernägeln über den Boden gekratzt. Aus der Ferne drangen Stimmen zu uns und verstummten.

Dann gab es einen Knall.