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An der Art, wie Marion reagierte, erkannte ich ihre Überraschung: Im Reflex, als wollte sie sich festhalten, klammerte sie sich an den Oberarm ihres Freundes. »Wer ist das? Wer treibt sich hier unten rum?«, flüsterte sie.

»Meinst du, uns hat jemand belauscht?«, fragte Jaspers.

»Wir müssen äußerst vorsichtig sein, Volker!«

»Ich weiß, woher dieses Geräusch kam«, sagte ich.

»Woher denn?«, fragte Marion.

»Schon vergessen, dass euer Komplize eine Frau hinter der Stahltür gefangen hält. Ich habe gehört, wie er sie bedroht hat.«

»Du musst schauen, was da los ist«, sagte Marion und löste ihre Hand von Volkers Oberarm.

Er zögerte einen Moment. »Gib gut acht auf sie, okay?«, sagte er.

»Kein Problem.« Ich sah, wie sie die Klinge des Messers drehte, sie schien zu allem entschlossen.

Volker Jaspers schlich sich zur Tür hinaus und bog in die finstere Grotte ein. Das Geräusch seiner Sohlen, ein ganz leises Schmatzen, verlor sich in der Dunkelheit des Gangs.

Wenn es eine Chance gab, noch freizukommen, dann jetzt – ich musste etwas unternehmen, ehe er zurückkam. »Marion, im Nebenraum ist ein Fenster offen – wir können durch den Lichtschacht aus dem Haus klettern.«

»Warum sollte ich einen so unbequemen Weg nehmen? Die Hintertür war offen.«

»Das alles ist doch bestimmt nicht auf deinem Mist gewachsen! Ich kann mir vorstellen, dass er dich ganz langsam in die Sache reingezogen hat: erst die faulen Aktiengeschäfte, dann der Mord an seiner Mutter, die Brände, der Absturz, das Verbrechen an Friedhelm.«

»Du meinst, ich war nur die Mitläuferin?«, fragte sie – und etwas in ihrer Stimme klang bedrohlich.

»Du hast ein gutes Herz, sonst würdest du nicht für Trinkwasser in Afrika kämpfen. Und ja, ich glaube, du bist auf ihn reingefallen. Wenn man liebt, fällt man auf alles rein.« Ich musste an Friedhelm denken. Er hatte mich hinters Licht geführt. Oder hatte ich das selbst besorgt, durch unrealistische Erwartungen und einen zu positiven Blick auf ihn?

Marion schien nachzudenken, und ich schlug noch einmal in dieselbe Kerbe. »Wenn du jetzt mit mir türmst, werde ich vor Gericht für dich aussagen.«

»Du meinst also, ich werde vor Gericht gestellt.«

Bei dem Versuch, mich aus der Schlinge zu reden, zog ich sie mir fester um den Hals. »Ich weiß, dass du ein sozialer Mensch bist. Du würdest niemanden schädigen. Wir haben uns doch immer gut verstanden.«

Ich rappelte mich auf und war überrascht, wie stark meine Kniescheiben von dem Sturz schmerzten. Meine Beine kamen mir steif vor, als hätte sie jemand an meinen Körper geschraubt. Ungelenk stakste ich ein Stück auf sie zu.

»Bleib, wo du bist«, sagte sie und hob ihren Arm mit dem Messer an.

»Marion, er hat dich als Mitläuferin da reingezogen«, beschwor ich sie. »Lass uns gehen!«

»Nenne mich nie wieder eine Mitläuferin!«, zischte sie. »Meine ganze Kindheit lang war ich nur ein Rollkoffer, meine Eltern haben mich von einem Land ins nächste geschoben. Und immer stand ich im Schatten meines idiotischen Bruders. Er bekam das größere Zimmer, die schöneren Geschenke, das meiste Lob. Er hat so lang auf meine Eltern eingequatscht, wenn ihm in einem Land langweilig wurde, bis wir wieder umgezogen sind. Er war der Liebling, der Kronprinz. An Weihnachten wurde sein Lieblingsessen gekocht, Rotbarsch. Ich habe Fisch immer schon gehasst. Ich hätte kotzen können.«

Sie spuckte die Sätze aus wie Fischgräten, die man nach oben würgt, um nicht an ihnen zu ersticken. Ihre rechte Hand, mit der sie das Messer umklammerte, begann gefährlich zu beben. Ich musste sie beruhigen. »Marion, du bist kein Mädchen mehr, du …«

»Ich brauche meine Eltern nicht, mein Vater ist schon tot, und zu meiner Mutter habe ich keinen Kontakt mehr. Ich bin Führungskraft! Ich gebe den Ton an. Ich muss mir nicht mehr sagen lassen, was zu tun ist – ich habe selbst das Sagen. Der Mitläufer ist er! Volker ist der Mitläufer, nicht ich! Ohne mich hätte er die Aktiengeschäfte nicht angefangen. Ohne mich hätte er seiner dämlichen Mutter kein Haar gekrümmt.«

Ihre Stimme klang kalt wie das Geräusch einer Eisensäge. Jetzt ahnte ich, warum sie Führungskraft geworden war und es in der StageBau so weit gebracht hatte.

»Aber du bist doch eine soziale Frau«, sagte ich. »Mit deiner Stiftung sorgst du für frisches Wasser in Afrika.«

Sie grinste hämisch. »Nein, für frisches Geld auf meinem Konto. Oder glaubst du wirklich, ich verschenke Geld, aber gehe selbst pleite?«

»Ihr habt mich gezielt hierhergelockt, in die Falle!«

»Wir dich? Du hast mich doch angerufen. Und deiner Stimme habe ich angehört, dass du sehr angespannt warst.«

»Aber ein anonymer Anrufer hat zu mir gesagt: Dieses Haus wird gesprengt – und ich solle es meiden.«

»Was denn nun? Wurdest du gelockt? Oder wollte dich jemand abhalten?«

»Das frage ich mich jetzt auch«, antwortete ich ehrlich. Was, wenn der Anrufer mich tatsächlich hatte warnen wollen? Aber wer, wenn nicht die beiden, hatte mich in dieses Haus gelotst? Und wer, wenn nicht sie, hielt hinter der Stahltür eine Frau gefangen? Volker Jaspers könnte jeden Moment wieder zurückkehren. Spätestens dann wäre mein Schicksal besiegelt.

Wir hörten das Quieken zur selben Zeit und fuhren mit unseren Köpfen herum. Aus dem Schacht in der Wand war eine fette Ratte gekrabbelt, die sich offenbar erschreckt und zu einem schnellen Rückzug entschlossen hatte. Mit peitschendem Schwanz wieselte sie wieder auf das Loch zu.

Marion hatte ihren Arm mit dem Messer sinken lassen und starrte auf den Schacht. Ich erkannte meine Chance, warf mich mit ganzer Kraft nach vorne und rammte meinen Kopf gegen ihre Brust. Sie taumelte nach hinten. Ich hörte, wie das Messer klirrend aus ihrer Hand fiel. Und in der nächsten Sekunde lagen wir kämpfend am Boden.