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Der Straßenlotse

Wissen Sie, woran ich sofort gedacht habe? An den Hund, diesen blöden Köter, der mir in die Quere gekommen war – damals, beim Begleiten des Mütterchens. Ich hörte, wie die Hintertür der alten Villa – hätte ich sie bloß wieder verschlossen! – vorsichtig geöffnet wurde. Aus meiner Deckung heraus sah ich, wie ein Mann und eine Frau das Haus betraten, wie sie hinab in den Keller schlichen und wie sie die neugierige Frau exakt dort, wo ich mich ihrer hatte annehmen wollen, mit unsanften Methoden in einen benachbarten Raum baten.

Mein ganzer Plan war wieder aufgegangen wie ein Soufflé im Backofen: Die Frau klebte förmlich an der Stahltür, weil sie der Meinung war, ein spannendes Gespräch zu belauschen. Dass es sich dabei nur um ein passendes Kriminalhörspiel von meinem iPod handelte, das ich hinter der Tür hatte laufen lassen, ist ihr dabei natürlich entgangen.

Stellen Sie sich das so vor: Die Frau war freiwillig an den Rand der Straße getreten, es hätte nur noch ein paar Schritte gebraucht, um sie fürsorglich auf die andere Seite zu bringen. Aber dann machten sich diese beiden Amateure daran, meine Ernte einzufahren. Noch ahnte ich nicht, wer sie waren.

Ich pirschte mich in den feuchten Gang des Kellers und wurde Zeuge eines interessanten Gespräches. Es stellte sich heraus, dass die beiden alte Bekannte von mir waren, wenn auch nur indirekt: Offenbar hatten sie mich damit beauftragt, das 94-jährige Mütterchen zu begleiten. Glauben Sie mir, in Darknet-Zeiten war das ein singulärer Vorgang: Durch einen Zufall lernte ich meine anonymen Auftraggeber nun persönlich kennen. In Gedanken zog ich den Hut, weil sie ein so großes Herz für das Mütterchen bewiesen, also in mir einen so würdigen Wegbegleiter ausgesucht hatten.

Doch je länger ich dem Gespräch lauschte, desto mehr zerschlug sich meine Hoffnung, die beiden würden das Feld bald wieder räumen und die Angelegenheit mir, dem von ihnen engagierten Profi, überlassen. Es klang, als hätte mich diesmal jemand anders beauftragt. Das hätte mich eigentlich nicht verwundern dürfen, dazu bin ich viel zu gut im Geschäft, aber ich neige stets zur Bescheidenheit.

Wenn ich die Lage richtig einschätzte, war das Pärchen gerade dabei, die Frau an meiner Stelle über die Straße zu begleiten. Nun wägte ich ab, welches Risiko größer wäre: meinen Auftrag durch Pfuscher erledigen zu lassen? Oder die Pfuscher selbst zu erledigen? Die erste Möglichkeit schmeckte mir zwar nicht, war aber mit Abstand vernünftiger.

Ich hoffte, meine Stellvertreter würden sich als Reisebegleiter nicht allzu dumm anstellen. Immerhin agierten sie an einem Ort, den ich als Eldorado der Spurenvernichtung ausgewählt hatte. Auf leisen Sohlen trat ich den Rückzug an. Nur meinen iPod mit dem Kriminalhörspiel musste ich noch aus dem Raum mit der Stahltür holen, um keine Spuren unter den Trümmern zu hinterlassen.

Der Schlüssel drehte sich leise im Schloss. Aber die Tür kratzte viel zu laut über den Boden, als ich sie aufzog – das mussten meine Kellernachbarn gehört haben. Ich schnappte mir den iPod und den Minilautsprecher, sprang aus dem Raum, und die Tür knallte ins Schloss

Als ich ins Treppenhaus rannte, hörte ich Schritte hinter mir. Was für eine schlechte Idee von diesen Amateuren, mich zu verfolgen.