Der Kampf hatte gut für mich begonnen: Marion war auf den Rücken gestürzt, ich auf ihr gelandet. Instinktiv hatte ich meine Beine seitlich ausgefahren, um ihren liegenden Körper von außen zu fixieren. Ich stemmte meine Arme neben ihr auf den Boden, zog mich mit zwei kurzen Rucken ihren Körper hinauf und kam oberhalb ihres Bauches rittlings zum Sitzen. Sie schlug nach mir, ihre Faust traf mich unter dem Auge. Ich sah Sterne, wie damals in dem brennenden Haus.
Ich umklammerte ihre Unterarme und verlagerte mein Gewicht nach vorne, um sie auf den Boden zu pressen. Doch ihre Arme blieben in der Luft auf halbem Weg stehen, wie eingerastet, ich vermochte sie nicht weiter nach unten zu zwingen. Marion war gut trainiert, das hatte ich befürchtet. Ich drückte, so fest ich konnte, meine Oberarme begannen zu zittern.
Ich spürte, wie sich ihr Körper unter mir verhärtete. Sie hatte ihre Beine angewinkelt, ihre Füße auf den Boden gestemmt, und jetzt schnellte sie mit der Kraft eines bockenden Pferdes nach oben, bildete eine Brücke. Dieser überraschende Stoß ließ mich zur Seite purzeln.
Sie stürzte sich auf mich. Keuchend und stöhnend rollten wir über den feuchten Boden, die Beine ineinander verschlungen. Sie kämpfte anders als ich, schlug mit der Faust und setzte ihre Ellbogen als Waffe ein. Ihr Arm angelte nach meinem Kopf. Mehrfach hatte ich mich am Boden weggedrückt, aber dann gelang es ihr, meinen Hals zu umschlingen. Sie lag neben mir, drückte mit ihrem angewinkelten Arm meinen Hals zusammen und presste meinen Kopf auf den nassen Boden. Dieser Schwitzkasten setzte mich außer Gefecht. Mein Körper schien mir wie ein Motor, der kein Benzin mehr bekam, die Kraft ließ nach.
Mit einer gekonnten Bewegung drehte sie mich auf den Rücken, glitt auf mich und rückte meinen Körper zurecht. Mein Brustkorb war zwischen ihren Oberschenkeln fixiert, ihre Arme drückten meine Handrücken auf den kalten Boden. Ich übte Gegendruck aus, aber nichts bewegte sich. Ich bäumte meinen Oberkörper auf, wie sie es zuvor getan hatte, aber sie federte meine Bewegung souverän ab.
Mir war klar, dass ich verloren hatte. Ich war die Größere von uns beiden. Aber sie war die Stärkere. Ihr Körper war trainierter und geschmeidiger. Mein aktives Muskelabbauprogramm, das ich fast ein Jahr lang auf dem Sofa betrieben hatte, würde mich jetzt unerwartet teuer zu stehen kommen.
»Das war alles, Susanne?«, höhnte sie. »Mehr hast du nicht drauf, wenn es um dein Leben geht? Du hast gekämpft wie ein kleines Mädchen.«
»Ich hatte dich am Boden!«
»Ich war abgelenkt – das war ein unfairer Angriff.«
»Und dein Messer – war das etwa fairer?«
»Du hast ja selbst gesehen, dass ich es nicht brauche, um mit dir fertigzuwerden. Ich hab mich oft mit meinem dämlichen Bruder geprügelt. Ich weiß, wie das geht.«
Und ich wusste es nicht! Sonst hätte ich meine Hände vielleicht um ihren Hals geschlungen, als ich auf ihr saß. Oder sie mit einem Fausthieb ausgeschaltet. Aber solche Attacken kannte ich nur aus dem Kino. Es stimmte, ich hatte harmlos gekämpft, das wurmte mich. Eine zweite Chance würde sie mir sicher nicht geben.
»Und was passiert nun?«, fragte ich – und ahnte die Antwort schon.
Ihre Stimme klang spöttisch: »Jetzt warten wir beiden Hübschen auf Volker. Dann betreiben wir ein kleines Fesselspiel. Und danach fliegst du mit diesem Haus in die Luft.«
Ich ließ meine Arme erschlaffen und sagte resigniert: »Also gut, Marion, ihr habt gewonnen. Aber eines muss ich unbedingt noch tun, es liegt mir so sehr am Herzen.«
»Was denn?«, fragte sie und neigte sich ein Stück zu mir runter, als erwartete sie ein Liebesbekenntnis.
Ich sog Speichel, spitzte meinen Mund und spuckte ihr mitten ins Gesicht. Sie war überrascht, ließ meine linke Hand los und wischte sich über die Augen. Ich lag starr am Boden, ohne Gegenwehr, nur mein Arm bewegte sich.
»Du kleines Dreckschwein«, fauchte sie. »Das wirst du bereuen!« Sie holte aus zu einem Schlag. Ich riss die Dose aus der Manteltasche, zielte auf ihr Gesicht und drückte ab. In der engen Grotte zischte die kleine Haarspraydose wie ein Feuerlöscher – gut, dass sie von meinem Date mit Friedhelm noch in meinem Mantel war. Marion schrie auf und wischte sich panisch über die Augen. Ich nutzte ihre Verwirrung und rammte ihr die Metalldose ins Gesicht. Ihr Oberkörper sackte zur Seite, ich stieß sie von mir und hörte sie stöhnen. Diesmal hatte ich nicht wie ein Mädchen gekämpft.
Aus den Tiefen der Grotte drang eine Männerstimme: »Was ist passiert, Marion?« Mit klatschenden Schritten näherte sich Volker Jaspers. Ich rannte los in die Gegenrichtung, verfolgt vom vibrierenden Lichtkegel seiner Taschenlampe, strauchelte über Steinbrocken, fing mich wieder und bog ab in den Kellerraum mit dem offenen Fenster, durch das ich gekommen war.
Ich zog mich die Fensterbank hinauf, glitt durch den Fensterrahmen und sah über mir schon den Mittagshimmel. Jetzt musste ich mich nur nach oben stemmen, hinaus aus dem Schacht, hinaus aus der Falle.
Einen Fuß hatte ich schon seitlich gegen den Schacht gestemmt, doch mein zweiter Fuß gehorchte mir nicht. Zwei Hände hatten mein Fußgelenk wie ein Schraubstock umschlungen. Ein heftiger Ruck holte mich von den Beinen, ich krachte in den Schacht zurück. Ich sah noch Volker Jaspers’ wütendes Gesicht, ehe ich mein Bewusstsein verlor.