Als ich meine Augen wieder öffnete, lag ich auf dem Boden, beide Hände an ein Metallrohr gefesselt. Mein Schädel fühlte sich an, als hätte mir jemand einen Korkenzieher mitten durchs Gehirn gedreht. Der Schmerz klackerte wie eine stählerne Billardkugel von Schläfe zu Schläfe, mir wurde schlecht. Bloß nicht wieder ohnmächtig werden, befahl ich mir, doch meine Lider wogen zu schwer; mein Blinzeln zerhackte die Umrisse des Kellers, ich sah gespenstische Schatten, mit silbernen Lichtfäden durchzogen.
Ich wusste, was mir blühte, der große Knall stand unmittelbar bevor. Ich hätte kämpfen müssen, mich befreien. Aber ich war zu schwach. Alles verschwamm vor meinen Augen, und ich dachte noch: Du hast getötet – und jetzt wirst du getötet werden.
Ich hatte den Tod des Verlegers Hans-Otto Gleim verursacht, seinen Sturz von der Autobahnbrücke. Die Staatsanwaltschaft hatte darin einen klaren Fall von Notwehr gesehen. Und doch spürte ich, dass die Bilder von damals mich nicht nur verfolgten, weil ich um mein Leben gefürchtet, sondern auch, weil ich ein anderes Leben ausgelöscht hatte.
Ja, er war ein Mörder gewesen, sein Tod erschien als gerechte Strafe. Und doch rebellierte etwas in mir dagegen, dass ich mich zum Jüngsten Gericht aufgeschwungen hatte. Weil Gleim gestorben war, war auch etwas in mir gestorben. Ich spürte, dass diese unverarbeitete Trauer in mir gärte, dass sie zur Bremse meines Lebens geworden war, zum Knallfrosch in meiner Brust.
Endlich konnte ich meinen Vater verstehen: warum er so darunter gelitten hatte, den Tod meiner Mutter beschleunigt zu haben. Vielleicht war ihm aufgegangen, dass er nicht nur seine leidende Frau von den Schmerzen, sondern auch sich selbst vom Anblick seiner leidenden Frau hatte befreien wollen.
Jeder Täter erfand eine Geschichte, die ihn rechtfertigte, ein edles Motiv für fragwürdiges Handeln, damit er sich morgens im Spiegel ertragen konnte. Bestimmt hielten es Marion und Volker Jaspers auch für »Notwehr«, mich unter den Trümmern dieses Hauses zum Schweigen zu bringen.
Dunkel erinnerte ich mich an das Geschehen, nachdem meine Flucht im Schacht des Fensters gestoppt worden war. Volker Jaspers hatte mich unter den Armen gepackt und zurück in den Raum mit den Weinregalen geschleift. Dort musste er die tobende Marion mit aller Kraft davon abhalten, mich in Stücke zu reißen, offenbar blutete sie heftig aus dem Gesicht. Und dann ließ er mich nahe der Wand auf den Boden plumpsen, drehte mir die Hände auf den Rücken und zurrte sie mit Kabelbinder an einem Metallrohr so fest, dass das Plastik sich in meine Haut schnitt und mir keine Chance ließ, mich zu befreien.
Ich lag am Boden, und mein Bewusstsein flackerte wie eine Kerze im Wind, mal leuchtete es etwas heller, mal war es fast erloschen. Bevor die beiden gingen, hörte ich Marion noch hämisch sagen: »Ich fürchte, gleich fällt dir mal wieder die Decke auf den Kopf, Susanne!«
Alles, was danach geschehen war – falls es geschehen war –, hatte ich in meinem Kopf noch nicht ablegen können. Ich wusste nicht, in welches Fach es gehörte: Wirklichkeit oder Traum? Mir war, als hätte ich ein fernes Stimmengewirr aus der Grotte gehört, eine Art Streit; als wären Marion und Volker Jaspers bei ihrer Flucht aufgehalten und von jemandem herumkommandiert worden; als hätte ich die Stahltür erneut über den Boden kratzen und danach ins Schloss fallen hören. Aber welchen Sinn sollte das ergeben?
Ich wusste, dass ich gleich sterben würde, in tausend Stücke gerissen. Vielleicht hatte mein Unterbewusstsein eine Rettung in letzter Sekunde bestellt, einen Superhelden, der die beiden Fieslinge schnappte und mich rettete. Und meine Wahrnehmung gaukelte mir die bestellte Realität vor. So wie der Verdurstende in der Wüste, kurz bevor er stirbt, eine glitzernde Oase herbeifantasiert.
Aber ich konnte mich an eine Stimme erinnern, eine Frauenstimme, die ich kannte. Wessen Stimme? Und nun hörte ich ein klackendes Trommelfeuer hoher Absätze, es kam hallend immer näher.
»Hilfe«, krächzte ich. »Hilfe, ich bin hier!« Das Klacken verharrte kurz, als wollte mich jemand orten. Dann setzte es erneut ein, diesmal noch schneller.
Ich hoffte, ein vertrautes Gesicht würde gleich auftauchen, Iris oder Jane. Eine Retterin würde auf mich zustürmen, mich drücken und dieser finsteren Hölle entreißen, ehe mir alles um die Ohren flog. Aber woher hätten die beiden wissen sollen, dass ich hier unten festsaß?
Ich schloss die Augen, als die Schritte meinen Raum fast erreicht hatten. Und als ich sie wieder öffnete, stand tatsächlich eine Frau unter der Tür. Sie war groß und hager, eine spitze Nase dominierte ihr Gesicht. Ihre Hand umklammerte eine überdimensionale Pistole, die sie auf mich richtete.