Ein Räuspern wie ein Hundeknurren ließ mich frösteln. »Manche Recherchen sind wohl fesselnder, als man es sich wünschen würde.« Ihre Stimme passte zur Raumtemperatur, sie klang eiskalt.
»Frau Stagemann, was machen Sie hier?«, fragte ich – und ahnte schon, dass sie nicht das ersehnte Rettungskommando war.
»Ich bin gar nicht hier, ich habe diesen Keller nie betreten. Verstanden? Hier hat sich ein Drei-Personen-Drama ohne meine Mitwirkung abgespielt. Erst nach der Sprengung wird es ans Tageslicht kommen.«
»Welches Drama?«
»Wie weit sind Sie mit Ihrer Recherche gekommen? Haben Sie herausgefunden, dass Marion Römer und ihr Freund meiner Firma übel mitgespielt haben?«
Ich brachte ein schwaches Nicken zustande, und sie fuhr fort: »Erinnern Sie sich an diesen Irren, der vor ein paar Jahren den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund in die Luft jagen wollte – nur um dem Aktienkurs zu schaden und mit seinen Optionsscheinen viel Geld zu verdienen? Er hatte auf fallende Kurse gewettet. Genau denselben Irrsinn haben Frau Römer und ihr Komplize getrieben: Anschläge gegen meine Firma verübt oder sie uns in die Schuhe geschoben. Aber dabei sind sie ertappt worden – und wissen Sie, von wem?«
»Ich nehme an, von Ihnen«, sagte ich und spürte, dass mein Verstand wieder klarer wurde.
»Das natürlich auch. Ich habe das Telefon von Frau Römer abgehört. Daher wusste ich, dass sie Ihnen hier ihre Aufwartung machen wird. Ich dachte, es könnte nicht schaden, dass ich mich hinzugeselle. Solche vertraulichen Angelegenheiten sehe ich als Chefsache.«
»Weil Sie nicht noch mehr Mitwisser gebrauchen können!«
»Das Drama hier lief so ab: Sie, Frau Mikula, recherchieren als Journalistin, sind den beiden auf die Schliche gekommen und wollen sie auffliegen lassen. Aber die Überführten wollen ihre Haut retten, verschleppen Sie in diesen Keller und fesseln Sie kurz vor der Sprengung an eine Wand.«
»So war es ja auch. Aber bislang kann ich nur ein Ein-Personen-Drama erkennen.« Und um diese Hauptrolle hatte ich mich bestimmt nicht beworben.
»Hören Sie doch erst mal weiter zu. Die beiden Täter haben sich im Eifer des Gefechtes verkalkuliert: Kurz vor der Sprengung wollen sie ihr Opfer zurücklassen und sich in Sicherheit bringen. Aber der Sprengmeister kommt ihnen zuvor. Die Täter werden mitsamt ihrem Opfer verschüttet – ein Drama ohne Mitwirkung von außen.«
»Ich habe gehört, wie Sie die beiden in den Raum mit der Metalltür kommandiert haben. Dort sind sie jetzt eingeschlossen, stimmt’s?«
»Ich musste nicht viel kommandieren. Die Pistole war ein guter Wegweiser.« Jetzt erst erkannte ich den Schalldämpfer, der die Waffe klobig wirken ließ.
Allmählich begriff ich ihren Plan. »Sobald dieses Haus einstürzt, sind alle tot, die Sie ans Messer hätten liefern können. Und jedes schmutzige Geschäft der Vergangenheit können Sie dann Marion Römer in die Schuhe schieben – sie wollte Ihrer Firma ja nachweislich schaden. Warum sollte sie nicht auch den Mordanschlag auf Ihren Bruder verübt oder Häuser in Brand gesteckt haben, falls das jemals ans Licht käme?«
»Woher wissen Sie, dass der Anschlag auf meinen Bruder nicht von den beiden verübt wurde?«
Sie hatte den vermeintlichen Unfall gerade selbst als »Anschlag« bezeichnet. Versehentlich? Oder redete sie Klartext, weil man meine Lebenserwartung jetzt von der Eieruhr ablesen konnte? »Marion und Volker Jaspers wussten genau, dass Ihr Bruder den Aktionären ein Dorn im Auge war. Er galt als moralischer Bremsklotz, ihnen wäre deshalb klar gewesen: Wenn er abstürzt, steigt der Aktienkurs. Damit hätten sie also ihr eigenes Geld vernichtet, was nicht in ihrem Sinne sein konnte. Aber Sie – Sie haben von seinem Tod gleich doppelt profitiert. Weil der gestiegene Unternehmenswert Ihnen als persönlicher Erfolg zugeschrieben wurde. Und weil Sie nun ganz sicher waren, Heiner würde Ihnen nie mehr dazwischenfunken.«
»Mein Bruder hat mir keine Wahl gelassen. Kennen Sie das Gefühl, vollkommen satt zu sein? Wenn Sie zum Beispiel von einem Büfett so viel essen, dass Sie keinen Brocken mehr runterbringen? Würden Sie dann den noch hungrigen Gästen ins Gewissen reden? ›Seid satt! Esst weniger! Schont all die Tiere, die für diese Wurst und diese Butter und diesen Käse sterben müssen!‹«
Ich verstand ihre Botschaft. »Ihr Bruder hatte seine Schäflein schon im Trockenen, stand in der Milliardärsliste ganz oben. Aber Sie waren noch hungrig auf lukrative Geschäfte und fühlten sich von seinen moralischen Zwischenrufen ausgebremst.«
»Schade, dass wir künftig auf Ihre Mitarbeit verzichten müssen. Mit Ihrer Kombinationsgabe hätten Sie es in der Immobilienwirtschaft zu etwas bringen können.«
»Dafür bin ich nicht skrupellos genug. Wie haben Sie es angestellt, dass sein Flugzeug abgestürzt ist?«
Ein schmirgelndes Räuspern drang aus ihrem Hals. »Ich verkaufe meine Häuser nicht selber – ich habe meine Makler.«
»Ein Profikiller hat das Geschäft für Sie erledigt.«
»Ein Absturz ohne Spuren, sogar ohne Leichen – er hat seinen Job wirklich gut gemacht.«
»Warum musste Friedhelm Ganter sterben? Er stand doch auf Ihrer Seite, hat alle kritischen Berichte der Mieter abgefangen und die Wogen geglättet.«
»Er hat diese Berichte zurückgehalten, um mich damit zu erpressen. Bei dem zugemauerten Schornstein hat er behauptet, die Mieter verlangten einen siebenstelligen Betrag als Schweigeprämie. Aber ich weiß, dass er nur einen Bruchteil davon für ein Eigenheim weitergereicht hat. Den Rest hat er auf sein eigenes Konto gespendet. Er wurde zu einem Fass ohne Boden.«
»Ich habe von Anfang an gewusst, dass es kein Drogentod war!«
»O doch: Er ist an seiner Gier gestorben. Unterschätzen Sie die Folgen dieser Krankheit nicht.«
»Wenn Gier töten würde, wären Sie doch längst auf dem Friedhof! Sie lassen doch nichts unversucht, um Ihren Profit zu erhöhen: vertreiben anständige Menschen aus ihren Wohnungen, mauern Schornsteine zu, veranstalten Höllenlärm, eröffnen Bordelle, verhüllen Häuser, legen Brände: Ich kenne Ihren Leitfaden zum Umgang mit langjährigen Mietern.«
»Ich weiß, dass Frau Römer solches Material an die Presse durchgestochen hat – ergebnislos. Denn alles, was dort steht, ist gesetzeskonform.«
»Weil Sie das Gegenteil meinen! Sie wollen Ihren Wohnraum säubern, als wären die Mieter nur lästiger Schimmel. Und wenn alles gereinigt ist, verticken Sie die Immobilien zu horrenden Preisen – an zahlungskräftige Investoren oder vermögende Mieter.«
»Aber so funktioniert doch das ganze Wirtschaftsleben: Überall steigen die Preise. Wer eine Tankstelle ansteuert, muss sich vorher fragen, ob er sich das Tanken zum aktuellen Preis leisten kann. Niemand zahlt heute noch den Benzinpreis von vor zwanzig Jahren. Warum sollte das beim Wohnraum anders sein? Die Altmieten sind völlig überholt, die Preise haben sich verdoppelt und verdreifacht. Der Gesetzgeber lässt uns nur eine Wahl: Wir müssen die Mieter dazu bringen, von alleine zu kündigen.«
»Sie ekeln die Leute raus und treiben die Kosten künstlich nach oben – durch Ihre unnötigen Renovierungen und durch explodierende Nebenkosten. Darum haben Sie auch so viele Unterfirmen gegründet, die Hausmeisterdienste, Handwerkerarbeiten und andere Nebenkosten zu total überzogenen Preisen abrechnen. Und Ihren Mietern ist durch die Tarnnamen der Firmen nicht einmal klar, dass Sie sich das Geld von einer in die andere Tasche stecken.«
»Ich bitte Sie, das tun alle großen Vermieter. In der Immobilienbranche ist es wie im Radsport: Wer sich an alle Gesetze hält, wer nicht dopt oder trickst, kommt niemals aufs Siegertreppchen. Nur dass ein hinterer Rang im Business vom Insolvenzverwalter besiegelt wird.«
»Selbst wenn Sie die Gesetze beachten würden, könnten Sie immer noch genug Geld verdienen.«
»Die Börse will immer mehr. Ich muss rausholen, was drin ist. Der soziale Wohnungsbau ist nicht mein Ressort.«
»Sie haben Mieterleben auf dem Gewissen! Hermann Weigel ist wegen Ihnen gestorben.«
»Ich kenne den Mann nicht einmal.«
»Ich habe versprochen, ihn zu beschützen! Er war herzkrank und ist am Lärm in seinem Haus eingegangen. Später brach in seinem Haus ein Feuer aus. Sie haben mich an diesem Abend in der Sitzung gezielt festgehalten, stimmt’s?«
»Jetzt sehen Sie ja, was passiert, wenn ich Sie nicht davon abhalte, gefährliche Häuser zu betreten.«
»Das alles waren Ihre Ideen, auch die zugemauerten Schornsteine!«
»Ich habe angeregt, den Mietern ein paar noch handfestere Argumente für den Auszug zu liefern. Das gehört zu meinem Job. Verstanden?«
Alles in meinem Kopf surrte. »Wann wird dieses Haus gesprengt?«
»Sobald ich draußen bin.«
»Und wenn es früher schon knallt?«
»Ich habe dafür gesorgt, dass der Sprengtrupp noch in eine Sicherheitsbesprechung verwickelt wird. Schließlich wollte ich das Rendezvous zwischen Ihnen und diesem freundlichen Pärchen ermöglichen. Die Männer des Bautrupps sind gerade in einem Versammlungsraum. Sobald der Schulungsleiter auf seinem Handy ein Signal bekommt, geht es hier zur Sache.«
»Außerdem wollten Sie das Grundstück betreten und verlassen können, ohne erkannt zu werden.«
»Sie sagen es. Aber jetzt müssen wir das hier hinter uns bringen.«
»Was meinen Sie?«
Sie räusperte sich kurz und trocken. »Ich muss Sie erschießen.«
Ich glaubte, nicht richtig zu hören. »Erschießen? Ich sterbe doch ohnehin gleich.«
»Diese Waffe ist auf Volker Jaspers zugelassen. Ich habe sie mir aus seiner Wohnung organisieren lassen. Ein gescheiterter Sicherheitsdienstler, den Finger am Abzug, das passt.«
»Sie begehen einen Denkfehler! Wenn ich hier erschossen liege, aber keine Waffe in den Trümmern gefunden wird, dann kann er als Verschütteter nicht der Täter gewesen sein.« Es war ein lächerlicher Versuch, sie mit Scheinargumenten von der Tat abzuhalten. Wahrscheinlich wäre der Tod durch die Kugel sogar der bessere.
»Stellen Sie sich vor, man findet die Waffe in seiner Nähe. Dann bleiben keine Fragen offen. Ich werde dafür sorgen, dass sie dicht bei seinem Fundort liegt. Aber erst müssen wir das hier erledigen. Verstanden?«
Sie hob ihren Arm mit der Pistole und zielte auf meinen Kopf. Irgendwo hatte ich gelesen, dass die Kugel schneller als der Schall ist – dass man schon getroffen ist, bevor man den Knall hört. Aber der Schalldämpfer würde den Lärm ohnehin verschlucken. Ich hätte mich ducken können, ein Stück wegdrehen, aber ich würde ihr nicht entkommen. Die Gegenwehr war zwecklos.
»Eine Frage noch«, sagte ich – weil mich die Antwort interessierte und ich ein paar Sekunden Lebenszeit schinden wollte. »Wie haben Sie es geschafft, dass Ihnen die Hamburger Allgemeine die Stange hielt? Lag das nur an den Moderationshonoraren für den Chefredakteur?«
Sie lachte. »Haben Sie eine Ahnung, wie reich die von Leibringens sind? Die Moderationshonorare spendet Frank an die Welthungerhilfe, damit wir auf der sicheren Seite sind. Aber seine Familie besitzt nicht nur den halben Kiez, sondern ist auch stiller Teilhaber unserer Firma; wir sind seit vielen Jahren eng befreundet. Wenn der Aktienkurs um ein Prozent fällt, kostet das die von Leibringens viele Millionen – und im umgekehrten Fall profitieren sie um denselben Betrag.«
»Dann haben die von Leibringens Ihnen die Prostituierten besorgt, um den Mietern das Leben zu verleiden.«
»Wir haben einigen Menschen damit sogar Freude gemacht, darunter hochrangige Hamburger Politiker und Journalisten. Nur wurde diese Freude filmisch festgehalten.«
»Sie haben durch Erpressung verhindert, dass Ihnen jemand auf die Finger klopft!«
»Erpressung klingt so brutal. Aber genug jetzt.«
»Nur eine letzte Frage noch …«
»Abgelehnt!«
»Ich möchte nur …«
»Drücke ich mich undeutlich aus? Keine Fragen mehr!«
Ich sah, wie sie die zweite Hand an die Waffe führte, um den Rückschlag abzufangen, und hielt die Luft an.
Ein langes Tuten, wie von einem großen Schiff, drang von draußen in den Keller. Sie schaute zum Fenster, ihr Arm mit der Waffe sank. »Das kann nicht sein!«, rief sie entgeistert.
»Was kann nicht sein?«
»Das war das Signal! Die sprengen jetzt schon! Ich muss hier raus!«
Ich auch, dachte ich. Aber es war zu spät. Ein mächtiger Knall fuhr in den Raum, ein heller Lichtblitz zuckte auf, ich schloss die Augen. Es knallte erneut. Und wieder. Und wieder. Das war das Ende.
Bilder rasten durch meinen Kopf: Ich sah Sebastian, wie ich ihn als Baby auf dem Arm wiegte, seine Augen, die mich immer mit einem so feuchten Glanz anstrahlten. Manchmal hatte ich mein Gesicht darin als Spiegelbild gesehen und mich nie wieder so schön gefunden. In den Augen des eigenen Kindes ist jede Mutter am schönsten, von innen wie von außen.
Ich sah Iris, wie sie den goldenen Armreif meiner Mutter wie einen Hula-Hoop-Reifen um ihren Finger kreisen ließ. Ich sah Ratte, meinen damals obdachlosen Freund, wie er auf einer Bühne seine frisch restaurierte Gitarre mit Tränen in den Augen wieder in Empfang nahm, nachdem ein Schlägertrupp sie zertrümmert hatte.
Und ich sah mich auf der Autobahnbrücke stehen, sah mich weinen über das, was ich getan hatte, wenn auch in der Gewissheit, dass ich es hatte tun müssen. Ich spürte, wie mein Brustraum immer weiter wurde, groß wie der Bauch eines Wals, hier würde nie mehr ein Knallfrosch explodieren. Ich hatte Frieden mit mir geschlossen, in der letzten Sekunde meines Lebens.
War das Gebäude schon über mir zusammengestürzt? Ich atmete schwefligen Rauch ein, das musste der Geruch der Hölle sein. Und viele Teufel sprangen hier unten herum, ihre Schritte trommelten auf den Boden der Grotte, sie stießen tierische Schreie aus. »Hinlegen«, brüllte einer. Aha, aufrechte Haltung war in der Hölle verboten. Aber ich lag ja schon, es bestand kein Handlungsbedarf.
Als ich die Augen öffnete, konnte ich vor lauter Rauch nichts sehen, und sofort rannen mir Tränen über die Wangen. Der Qualm brannte in meinen Augen, ich blinzelte. Mehrere vermummte Gestalten wuselten durch den Dunst. Ein Mann in Uniform, mit Maske über dem Gesicht, beugte sich zu mir runter. »Ist mit Ihnen alles in Ordnung, Frau Mikula?«
»Ich muss tot sein.«
»Sie dürfen leben.«
»Sind Sie von der Feuerwehr?«
»Ich gehöre zum Sondereinsatzkommando. Wir wussten, dass Sie hier unten mit einer Waffe bedroht werden. Wir haben den Keller gerade mit Blendgranaten gestürmt. Die erste kam von oben durch den Materialschacht.«
Durch den Rauch sah ich, dass ein kräftiger Mann auf einem langen, bäuchlings liegenden Körper kniete. Das musste Patricia Stagemann sein. Ein anderer Mann riss ihr die Arme auf den Rücken, Handschellen klickten.
»Aber das Sprengsignal von draußen …«
»Haben wir simuliert. Es war nur eine Ablenkung. Wir haben Ihr Gespräch mit Frau Stagemann durch den Schacht belauscht. Erst wollten wir mit der Festnahme abwarten, bis sie den Raum verlassen hat. Aber als wir den Plan mit der Waffe hörten, mussten wir natürlich sofort eingreifen. Jetzt wird Frau Stagemann dem Staatsanwalt einiges zu erklären haben. Und das Pärchen dort drüben ebenso.«
»Aber woher wussten Sie überhaupt, dass ich in diesem Haus und in Gefahr bin?«
»Wir haben einen Hinweis bekommen.«
»Von wem?«
»Eine Frau hat uns angerufen.«
»Wie heißt sie?«
»Ich weiß es nicht.«
»Woher wusste sie, dass ich …«
»Das können Sie sie selber fragen. Sie wartet oben. Aber jetzt schneide ich Sie erst mal los.«