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Als Jane mich sah, ging ein Lächeln in ihrem Gesicht auf. Sie sprang mir entgegen, drückte mich und rief: »Dem Himmel sei Dank.«

»Bist du der Himmel? Ich glaube, ich muss mich bei dir bedanken.« Mein Blick ruhte auf ihrem Gesicht, und jede ihrer Sommersprossen lachte mich an.

»Es war keine Heldentat, die Nummer der Polizei zu wählen.« Jetzt sah es aus, als pendelte ihr Oberkörper vor ungeduldiger Freude – sicher wollte sie die ganze Geschichte erzählen.

»Aber woher wusstest du, wo ich stecke?«

»Du hattest mich doch um Rückruf gebeten. Das klang dringend, so wie Informanten klingen, wenn es um etwas ganz Gefährliches …«

»Aber du hast nicht zurückgerufen.«

»Hab ich wohl! Aber es ging nur die Mailbox ran.«

»Wahrscheinlich hatte ich keinen Empfang in diesem alten Gemäuer. Und dann hat mir Volker Jaspers das Handy weggenommen.«

»Ich war in Sorge, weil ich dich nicht erreicht habe. Ich spürte, dass du in Gefahr …«

»Aber ich begreife nicht, wie du einen Zusammenhang zwischen mir und diesem Haus hier hergestellt hast.«

»Ich habe deine Tante angerufen und gefragt, wo du bist. Sie sagte, sie wisse es nicht.«

»Ich habe ihr nichts gesagt. Ich wollte sie nicht beunruhigen.«

»Dann habe ich sie gefragt: ›Was hat Susanne getan, eher sie aus dem Haus ging?‹ Deiner Tante fiel ein, dass du ein Taxi …«

»Jetzt sage aber nicht, sie wusste noch, wohin.«

»Doch. Sie hat gesagt, dass du zum Harvestehuder Weg 249 wolltest. Ich bin zu dem Haus gerast, habe die Sprengschilder gesehen, und mir wurde ganz anders. Es war ja gut möglich, dass du da drinnen warst.«

»Was hast du getan?«

»Ich bin unterm Zaun hindurchgeschlüpft und ins Haus gelaufen.«

»Aber die Tür war doch zu.«

»Nur die Vordertür. Die Hintertür war offen.«

»Das gibt’s nicht! Das Haus war doch schon versiegelt; das Sprengteam muss total schlampig gearbeitet haben. Und dann?«

»Dann bin ich durchs Erdgeschoss geschlichen und habe gesehen, dass jemand im Haus ist.«

»Gesehen?«

»Ja, ich sah einen Mann von hinten, der auf ganz leisen Sohlen die Kellertreppe hinabpirschte.«

»Bist du ihm gefolgt?«

»Nein, ich habe mich erst mal versteckt, bin in einen kleinen Seitenraum eingebogen, eine Materialkammer. Dort war ein Schacht in der Wand. Und auf einmal hörte ich deine Stimme von unten. Du hast mit einer Frau geredet.«

»Patricia Stagemann?«

»Nein, ihre Stimme kenne ich ja. Es klang nach einer jüngeren Frau. Sie hat gerade einen Einbruch bei deiner Tante zugegeben. Und dann habe ich auch den Mann gehört. Das alles klang sehr bedrohlich. Erst wollte ich runterkommen und dir helfen. Aber was hätte ich gegen den Mann ausrichten sollen? Also bin ich raus und habe die Nummer der Polizei …«

Sie trat von einem Fuß auf den anderen, bis ich sie an mich zog und fest drückte: »Du hast genau das Richtige getan, Jane. Wenn du runtergekommen wärst, wären wir jetzt beide tot.«

»Ganz feige war ich ja auch nicht. Ich bin wieder ins Haus und habe an dem Schacht gelauscht. Dann hörte ich unten eine Tür schlagen – und dass der Mann schauen wollte, was passiert ist. Kurz darauf ist der Mann an meiner Tür vorbeigehuscht.«

»Das war Volker Jaspers, der Freund von Marion.«

»Nein, es war der Mann, den ich als ersten die Treppe hatte runtergehen sehen. Eine halbe Minute später schlich ein zweiter Mann – Volker Jaspers, wie ich jetzt nach seiner Verhaftung weiß – an meiner Tür vorbei. Er schien dem ersten zu folgen. Aber der war offenbar schon weg. Und dann habe ich die Geräusche deines Kampfes aus dem Schacht gehört, am Ende einen lauten Schrei. Da ist Volker Jaspers wieder an meiner Tür vorbeigerannt, diesmal allerdings in die Gegenrichtung.«

Wer war dieser zweite Mann? Der, den ich durch die Tür belauscht hatte? Und was hatte er so kurz vor der Sprengung in dem Haus verloren? Vielleicht nur ein verirrter Penner, der im Suff die Warnschilder übersehen und einen Ort zum Schlafen gesucht hatte? Oder jemand, der etwas mit den krummen Geschäften der StageBau zu tun hatte?

»Da war ja richtig was los auf dem Flur!«

»Kann man so sagen. Denn kurz darauf sah ich eine Frau mit einer Pistole, die sich ebenfalls in den Keller schlich. Ich habe sie erst als Patricia Stagemann erkannt, als ich von unten ihre Stimme hörte. Offenbar hat sie das Pärchen abgefangen und eingesperrt. Den Rest der Geschichte kennst du.«

»Aber nur aus meiner Perspektive – erzähl weiter!«

»Wir haben oben durch den Schacht gehört, wie sich die Lage zuspitzte – dass sie dich erschießen wollte. Das Einsatzkommando hat daraufhin beschlossen, den Raum direkt zu stürmen. Das lange Hupen eines Polizeifahrzeugs hat das Sprengsignal imitiert. Das sollte die Stagemann ablenken und war das Startsignal für den Einsatz. Ein Polizist hat eine Blendgranate und Tränengas durch den Schacht geworfen – der Rest des Kommandos hatte sich schon in den Keller geschlichen. Was ich dann hörte, klang nach Weltuntergang: Es hat geknallt und gebrüllt und …«

»Ich dachte, das ist die Sprengung. Ich hatte schon mit dem Leben abgeschlossen.«

»Dann darfst du es jetzt wieder aufschließen!«

»Und ob!«, sagte ich – und merkte, dass meine Brust immer noch so weit wie die eines Wals war. Es kam mir vor, als hätte ich den Knallfrosch in meiner Brust endgültig überwunden. Ich freute mich schon riesig, gleich bei Tante Martha vorbeizuschauen und ihr bei einem Tee zu erzählen, was geschehen war. Ich hätte sie gleich ins Vertrauen ziehen sollen. In Wirklichkeit hatte ich durch mein Schweigen nicht sie, sondern mich schonen wollen.

Der Mann, der mich im Keller befreit hatte, war zu uns getreten. In der Hand hielt er eine Art Sturmhaube. »Wissen Sie eigentlich schon, dass Sie höchstwahrscheinlich um 50.000 Euro reicher sind?«

Ich glotzte ihn an: »Wie bitte?«

»Das ist nicht offiziell. Ich darf das eigentlich nicht sagen.« Er schaute kurz über die Schulter, ehe er weiterredete: »Jemand hat diese Prämie zur Aufklärung gewisser Vorgänge bei der StageBau ausgesetzt. Wir hatten die Ermittlungen gerade aufgenommen.«

»50.000 Euro? Das kann ich nicht glauben. Sogar für die Aufklärung eines Mordes gibt es oft nur 5.000.«

»Die Belohnung wurde von privater Seite ausgesetzt. Eigentlich war ein noch deutlich höherer Betrag angedacht, aber das haben wir dem Sponsor ausgeredet.«

»Aber wer setzt so viel Geld aus, nur um einer Immobilienfirma das Handwerk zu legen?«

Verschmitzt sah er mich an. »Das darf ich Ihnen leider nicht sagen.«

Auf einmal war mir alles klar. Es gab nur einen Menschen, von dem dieses Geld stammen konnte. Und der gern noch höhere Summen geboten hätte. »Heiner Stagemann!«, rief ich. »Er hat den Absturz überlebt.«

Der Polizist führte seinen Zeigefinger an den Mund: »Psst, nicht so laut!«

»Es stimmt also!«

»Ich denke, wir gehen heute Nachmittag damit an die Öffentlichkeit. Er ist nicht abgestürzt, aber hielt sich nach dem Anschlag auf unseren Rat hin versteckt.«

»Ein Anschlag, sagen Sie? Aber nicht abgestürzt?«

»Sein Pilot wurde plötzlich ohnmächtig. Aber Herr Stagemann betreibt zahlreiche Hobbys, darunter auch das Fliegen. Er übernahm das Steuer und landete selbst auf einer kleinen Insel. Es stellte sich heraus, dass das Mineralwasser des Piloten mit Blutdrucksenker versetzt war. Er hat übrigens überlebt. Das muss sich jemand mit medizinischen Fachkenntnissen ausgedacht haben.«

Jane schaltete sich ein. »Aber die Polizei kann doch keinen Absturz melden, der nicht passiert ist. Damit wurde die Öffentlichkeit in die Irre …«

»Das haben wir nicht. Diese Nachricht war schon in der Welt, als Heiner Stagemann sich bei uns gemeldet hat. Immerhin war das Flugzeug vom Radar verschwunden. Nur haben wir diese Meldung nicht mehr zurückgerufen, um den Täter in Sicherheit zu wiegen. Und ihn von einem zweiten Versuch abzuhalten.«

Ich fragte ihn, ob man die Frau hinter der Stahltür gefunden und einen weiteren Täter verhaftet habe – aber er versicherte mir, dort sei außer dem Pärchen niemand gewesen. Vielleicht hatte mir meine Wahrnehmung in dem finsteren Keller einen Streich gespielt?

50.000 Euro! Von dieser Belohnung würde ich all meine Schulden zurückzahlen und ein gutes Polster anlegen können. Am meisten freute ich mich darauf, Iris das Geld für den Armreif zurückzugeben. Ich war sicher, dass sie sich dafür verschuldet hatte. Diesmal würde ich sie hochheben. Und im Kreis drehen. Sie erst zurück auf den Boden lassen, wenn ich nicht mehr konnte. Und sie wieder anheben, sobald ich wieder konnte. Mit ihrem Einfall, den Armreif für mich zu ersteigern, mit ihrer Lebensenergie, die wie ein Frühlingswind in die Grabkammer meiner Wohnung gefahren war, hatte sie mir den Rückweg ins Leben gewiesen. Sie war eine echte Herzensfreundin.

Und Jane war auf dem besten Weg, es auch zu werden.