Auf dem Rückweg zu Tante Martha stattete ich der Südmarkt-Apotheke, eine der größten in Hamburg, noch einen Besuch ab. Ich brauchte etwas zum Einreiben, denn mein Rücken und mein Hintern mussten übel geprellt sein. Bei meinem nächsten Kampf würde ich mir definitiv einen weicheren Untergrund als einen Steinboden suchen.
Die Apotheke leuchtete wie eine Insel des Lichts aus dem Dunst des Nachmittags, der sich auf die Stadt senkte. Ich betrat den großen Verkaufsraum, es roch nach Medizin und Kamille. Ich umkurvte zwei Drehständer, die gegen Grippe mobilmachten. Fünf der sechs Schalter waren besetzt, Striche am Boden wiesen auf einen Diskretionsabstand hin.
Nur der Weg zum mittleren sechsten Schalter war frei. Es war der einzige Schalter, hinter dem ein Mann stand, ein hochgewachsener Typ mit hellblondem Haar, etwa Ende 40, mit goldenem Ring am Finger. Mir war sofort klar: Das musste der Apotheker sein. Sein Gesicht war fein geschnitten, hatte etwas Intellektuelles. Seine Augen leuchteten so blau, dass ich nicht sicher war, ob er Kontaktlinsen trug.
Ich trat vor. »Guten Tag, was empfehlen Sie zum Einreiben, wenn die Knochen schmerzen?«
»Es kommt drauf an, warum sie schmerzen«, sagte er mit einer sonoren Stimme. »Am Alter kann es ja bei Ihnen nicht liegen.« Er lächelte auf eine Weise, als würde er mich kennen. Ein angenehmer Mensch, ich kam mir willkommen vor.
»Ich bin gestürzt«, sagte ich.
»Dann empfehle ich Ihnen das Franzbranntwein Gel Menthol. Dieses Mittel verkaufe ich übrigens auch der Fitnessabteilung des HSV. Etliche Profisportler schwören darauf.«
Ich spürte seinen Stolz, er war eitel. »Dann ist es für mich das falsche Mittel, ich habe im letzten Jahr kaum Sport gemacht.«
»Das sieht man Ihnen erst recht nicht an«, sagte er. »Sie nehmen es also?«
Ich nickte. Ein wirklich netter Typ. Ich wartete darauf, dass mein inneres Teufelchen mich warnte, ihn gleich unter dem Tresen zu knutschen und mit einem Heiratsantrag zu belästigen, obwohl er ja schon einen Ring trug. Solche überzogenen Bezichtigungen hätten zu ihm gepasst. Aber mein Teufelchen, fiel mir gerade auf, war zuletzt überraschend still geblieben. Konnte es sein, dass es ebenso verschwunden war wie der Knallfrosch in meiner Brust? Dass ich mich jetzt so annehmen konnte, wie ich war, ohne mir selbst im Weg zu stehen durch schauerliche Bilder der Vergangenheit und durch meine ewige Selbstkritik? Das wäre eine Erleichterung, Rückenwind für meine nächsten Schritte.
Der Apotheker reichte mir das Medikament über den Tresen, er zwinkerte: »Und seien Sie künftig etwas vorsichtiger.«
»So schnell werde ich nicht mehr stürzen«, sagte ich – die Wahrheit, dass ich mich so schnell nicht mehr prügeln würde, hätte etwas merkwürdig geklungen.
»Ganz sicher?«, fragte er. »Das soll jetzt nicht eitel klingen, aber Konfuzius sagt ja: ›Erzähle mir deine Vergangenheit, und ich werde die Zukunft erkennen.‹«
Er war ein belesener Mann, das hatte ich geahnt. »Versprochen, ich bewahre für den nächsten Sturz einen Vorrat auf«. Er lachte. Und ich lachte auch.
»Einen schönen Tag noch«, sagte ich.
»Ihnen auch«, sagte er.
Ich war schon im Gehen, als er noch rief: »Und kommen Sie gut auf die andere Straßenseite.«
»Ich geb mir alle Mühe«, sagte ich lachend.
Direkt vor der Apotheke musste ich eine Ampel überqueren. Offenbar hatte er mich kommen sehen.