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Durchbruch

 

Lehrsatz Nr. 4

 

Sie brachten Roman mit einem riesigen Flugzeug zurück zur Einrichtung der Hundestaffel in San Antonio. Er wurde neben einem halben Dutzend anderer Hunde in eine Kiste gesteckt, die an der Wand festgezurrt wurde. Einer der Hunde zitterte so heftig, dass seine Kiste wackelte.

Das war nicht Roman, jedenfalls nicht äußerlich. Um seinen Kopf war ein Verband geschlungen, doch er hatte gehört, wie der Arzt gesagt hatte, er hätte Glück gehabt. Ein Teil seines rechten Ohrs und ein Stück Haut und Fell waren von der Kugel weggerissen worden, aber sie hatte seinen Schädel nur gestreift, statt ihn zu durchschlagen. Er war zusammengeflickt und dann als reisefähig abgesegnet worden.

Ungeachtet dessen war er gebrochen. Er lag auf dem Polster in seinem Käfig, vergrub den Kopf unter den Pfoten und schlief unentwegt. Die Kugel mochte zwar nicht eingedrungen sein, doch in seinem Inneren klaffte trotzdem ein gewaltiges Loch, wo James einst gewesen war. Und da war auch noch etwas anderes. Irgendetwas kribbelte und summte unter seiner Haut, in seinen Muskeln, in seinen Knochen und pochte schmerzhaft in seinem Schädel. Ständig verspürte er den Drang, sich zu strecken, zu strecken , länger und länger, sich so lang zu machen wie möglich, selbst wenn seine Wunde dadurch wehtat. Aber in dem Käfig konnte er sich nicht strecken.

Er wünschte, er wäre mit James gestorben. Sie waren nie voneinander getrennt gewesen, nicht seit dem Tag, als James zum ersten Mal Romans Zwinger betreten hatte. Sie hätten in derselben Kiste heimkehren sollen.

In San Antonio kam er in einen Einzelzwinger, der dem ähnelte, in dem er als junger Hund seine Zeit verbracht hatte. Er rollte sich in einer Ecke zusammen und schlief – oder er wachte auf und tigerte auf und ab und streckte sich stundenlang, mit dem Hintern in der Luft und den Vorderbeinen nach vorn gespreizt, angestrengt. Er konnte jedes Wort verstehen, das über ihn gesprochen wurde.

»Ein hübscher Hund. Warum streckt er sich immer so?«

»Keine Ahnung. PTBS. Sein Hundeführer ist umgekommen und er hat eine Menge Lebenslust verloren.«

»Wird er eingeschläfert?«

»Was? Auf keinen Fall. Wir schläfern keine Militärhunde ein. Er ist ein verdammter Held, Mann. Nein, wenn er es nicht mehr packt, wird er zur Adoption freigegeben. Aber hoffentlich rappelt er sich wieder auf. Wir geben ihm eine kleine Pause und schauen dann, wie er sich mit einem neuen Partner macht. Nicht wahr, Roman?«

Der Mann schlug mit einer Hand leicht gegen den Käfig und machte ein Geräusch mit den Lippen, um Roman zu sich zu locken. Roman ignorierte ihn. Seine Gliedmaßen trieben ihn dazu an, noch hektischer auf und ab zu gehen. Diese Männer waren nicht James. Sie waren Roman egal. Er wusste nicht genau, was er von der Bemerkung des Mannes halten sollte.

Ein neuer Partner? Wollte er das? Zurück nach Afghanistan gehen und die Straßen und endlose Flächen nach Bomben absuchen?

Nein, nicht ohne James.

Aber James würde das wollen, oder? Roman konnte Bomben in Afghanistan aufspüren. Er konnte James' Freunden helfen. Er konnte dem Militär helfen. Er wusste, dass er die Vorstellung gut finden oder zumindest bereit und gewillt sein sollte. Doch das war er nicht. Gott, das war er nicht. Ihm tat alles weh und er sehnte sich so sehr nach James, dass er kaum atmen konnte. Die Vorstellung, mit jemand anderem neu anzufangen… Nein.

Roman war seit ein paar Wochen in dem Zwinger und von drei verschiedenen Tierärzten begutachtet worden. Keiner von ihnen wusste, was mit ihm nicht stimmte, aber Romans Zustand verschlechterte sich zunehmend. Eines Nachts dann erreichte seine Krankheit ihren Höhepunkt. Es war eine dunkle Nacht. In der Ferne leuchteten grelle weiße Lichter, die das Gelände erhellten, doch in Romans Zwinger herrschte Finsternis, sodass er nicht begriff, was mit ihm geschah.

Er wachte auf und fühlte sich so schlecht wie nie zuvor. Seine Muskeln brannten, er wurde von Krämpfen geschüttelt, ihm war übel und es juckte ihn überall. Er hechelte vor Schmerz und kam nur mühsam auf die Beine. Es tat weh, sich zu bewegen, aber er musste, deshalb begann er erst zu laufen, dann zu rennen, bis er gegen einen der Maschendrahtzäune prallte, die seinen Zwinger begrenzten. Dann drehte er um und raste so schnell er konnte auf den nächsten zu, bis er auch damit kollidierte. Der Hund im Käfig neben ihm begann zu bellen und dann stimmten alle anderen in das Gebell mit ein.

Bamm , machte Roman, bamm, bamm.

Es fühlte sich gut an, sich mit dem ganzen Körper gegen die glatten Metallglieder zu werfen. Es erreichte irgendein Verlangen in ihm und verschaffte ihm Linderung. Bamm, bamm, bamm.

Er hatte das Gefühl, seine Knochen würden brechen, aber auf gute Art, als würde ihm ein kranker Zahn gezogen. Bamm, bamm. Seine Pfoten fühlten sich komisch und ungelenk an, während er rannte, wurden immer größer, schwollen immer mehr an. Bamm, bamm. Seine Beine fühlten sich zu lang an, um auf allen vieren zu rennen, und er musste die Knie beugen um weiterzumachen. Bamm, bamm.

Guter Junge , sagte James. Du bist der beste Hund auf der ganzen Welt. Und er hatte es ernst gemeint. James hielt ihn für den besten Hund. Bamm, bamm. Die anderen Hunde bellten und verstummten dann. Es war eine angespannte Stille voller Angst.

Roman rannte, bis sein Körper sich so seltsam und unförmig und riesig anfühlte, dass er nicht mehr rennen konnte. Keuchend ließ er sich auf den Bauch fallen. Das Blut rauschte in seinen Ohren wie ein tobender Fluss.

Sein Bauch. Die Unterlage des Zwingers war kalt an seiner nackten Haut. Seine Arme und Beine hatte er zu beiden Seiten von sich gestreckt, lang und gerade auf eine Weise, wie er nie zuvor gelegen hatte. Er hob den Kopf und sah sich um. Der Hund in dem Zwinger zu seiner Linken, ein Dobermann, kauerte sich in eine Ecke. Er hatte den Blick von Roman abgewandt und zitterte vor blanker Angst.

Roman versuchte, an sich hinabzublicken, aber er lag immer noch auf dem Bauch und es war so dunkel.

Er krabbelte vorwärts zu einem Fleckchen Licht, das durch die Vorderseite seines Käfigs schien. Seine Pfoten fühlten sich auf der Oberfläche des Zementbodens merkwürdig an, irgendwie überempfindlich. Und als er den Rand des Lichtflecks erreichte, hielt er inne und schob dann langsam sein Vorderbein ins Helle.

Nur war es nicht sein Bein. Es war ein menschlicher Arm und eine ebenso menschliche Hand.

Roman konnte nicht aufhören zu starren, konnte nicht fassen, was er da sah. Und dann rollte er auch den Rest seines Körpers ins Licht.

Roman hatte sich in einen Menschen verwandelt.

 

***

 

Colin »Kingpin« Clery rollte mit seinem Wagen nach Mad Creek hinein und war bereits beeindruckt. Die Fahrt hierher war echt verdammt lang und, Mann, war das eine winzige Scheißstadt mitten im Nirgendwo. Es würde ätzend sein, Ausrüstung und Ware von und nach L.A. zu schleppen. Aber andererseits wäre es auch ätzend für andere, sie zu finden . Und das war der springende Punkt.

Die Karte, die Rufie ihm gezeigt hatte! All diese wundervollen Hektar Nichts , nur Bäume und Felsen und Hügel. Sie würden dort eine Nadel im Heuhaufen sein. Oder vielleicht eine Heroinnadel in einem Mohnblumenfeld.

»Siehst du, Colin?«, sagte Rufie, als sie langsam die erste von den insgesamt zwei Ampeln in der Stadt hinter sich ließen. »Es ist perfekt, wie ich gesagt habe. Oder? Oder?«

»Das wird sich zeigen, nicht wahr?«, erwiderte Colin unwirsch. Rufie nahm sich wegen dieser ganzen Sache viel zu wichtig.

Rufie war es gewesen, der – nach seinem letzten Besuch im Knast – von Mad Creek Wind bekommen hatte. Sein Zellengenosse hatte von dieser kleinen Stadt gesprochen, abseits jeglicher Zivilisation in den Bergen Kaliforniens, und wie er und ein Kumpel sie ausgespäht hatten, bevor sie auf einer Cannabisfarm in Coarsegold geschnappt worden waren. Der Kerl hatte geprahlt, dass er dort seine Zelte aufschlagen würde, wenn er rauskam.

Aber Rufie war vor seinem Zellengenossen entlassen worden. Und Colin… Colin betrachtete sich selbst als offen für neue Geschäftsmöglichkeiten.

Er war vor zehn Jahren von Columbus, Ohio, nach L.A. gezogen und war davon überzeugt gewesen, ein Filmstar zu werden. Er malte sich aus, einen altmodischen Bösewicht zu spielen, wie James Cagney. Außerdem würde er ein großartiger Bösewicht sein, nicht einer dieser dämlichen deutschen wie in der Stirb Langsam -Reihe oder wie dieser lispelnde Idiot in diesem Kingsmen -Streifen. Colin wäre der durch und durch amerikanische, knallharte Gegenspieler.

Doch die Filmbranche war nicht an Colin interessiert gewesen. Arschlöcher, allesamt. Letztendlich war ihm klar geworden, dass es sowieso viel lukrativer war, im echten Leben ein Bösewicht zu sein. In den letzten fünf Jahren hatte er mit dem Drogenverkauf ein Vermögen gemacht. Er hatte die Großstadt satt. Und er war gelangweilt von den Versagern und Suchtis und kaputten Ex-Promis, mit denen er in L.A. tagtäglich zu tun hatte.

Eine Cannabisfarm hingegen… das war interessant. Die Verkaufszahlen von Gras schossen in die Höhe und in Kalifornien konnte man es sich mit Rezept sogar legal besorgen. Gerüchten zufolge würde es bald auch ohne Rezept legal erhältlich sein und wenn das geschah, würde die Branche explodieren. Wie Starbucks -Cafés würde es an jeder Ecke einen Hanfladen geben. Legal – ganz anders als der heftige Stoff, mit dem er in L.A. gedealt hatte.

Nein, Gras war die Zukunft. Niedriges Risiko und riesiger Profit. Er stellte es sich wie die Geburtsstunde von Vegas vor, Baby. Und er stieg gleich zu Anfang mit ein. Er musste bloß eine Weile unter dem Radar bleiben. Die derzeitigen Vorschriften, um den Mist anzubauen , beinhalteten staatliche Lizenzen, ein sauberes Strafregister, eine Erlaubnis von den örtlichen Behörden und so viel Bürokratie, dass man an den Formularen ersticken würde. Scheiß drauf. Colin hatte sich von Gesetzen noch nie davon abhalten lassen, ein Geschäft aufzubauen, und würde es auch jetzt nicht tun. Nein, er würde auf seine eigene Weise damit anfangen, wie er es schon immer getan hatte, und die ganze Sache schön ordentlich legalisieren, sobald das Gesetz nachgezogen hatte und sein Unternehmen zu groß war, um zu scheitern.

Sie kamen gegen 14 Uhr in Mad Creek an und Colin war am Verhungern. Er entdeckte ein Diner. Praktischerweise befand es sich direkt gegenüber vom Polizeirevier. »Lass uns da anhalten.« Er deutete auf das Restaurant. »Wir können uns ein bisschen umsehen, während wir essen.«

»Ja, Mann. Ich brauch 'nen Burger«, stimmte Rufie zu.

Die Hauptstraße der Stadt schien irgendeinem amerikanischen Film aus den 50ern entsprungen zu sein. Es gab schräge Parkplätze und Rufie fuhr auf einen in der Nähe des Diners. Colin warf im Spiegel einen prüfenden Blick auf seine Haare. Sie wurden allmählich schütterer und der Haaransatz wich immer weiter zurück – vielen Dank auch, Mom –, aber die kupferrote Farbe war immer noch kräftig. Mit den Fingern brachte er etwas mehr Volumen in seine Frisur, wobei er so tat, als würde er sich nur am Kopf kratzen. Er wischte sich die Nase ab, die ein bisschen platt aussah, seit ihm ein Junkie eine verpasst hatte. War gut genug. Seine Fliegersonnenbrille hatte grüne Gläser. Ja, er sah cool aus.

Er klappte die Sonnenblende nach oben und öffnete die Beifahrertür des Buick. Rufie wartete schon vor der Tür auf ihn. Er sah sich um und flüsterte: »Bleib locker, ja? Denk dran, was ich dir erzählt hab, was Rico von diesem Army-Typen Roman gesagt hat, der ihnen das Leben schwer gemacht hat, als sie bloß in der Gegend rumgefahren sind. Wir dürfen also nicht auffallen. Okay?«

Colin verspürte einen Funken Verärgerung. »Das war ein Typ. Mein Gott, Rufie. Sei nicht so ein Weichei. Und du bist derjenige, der wie ein Ex-Knacki aussieht. Zieh deine Kapuze runter und kämm dir mal die Haare, um Himmels willen. Hier geht's ums Geschäft.«

Rufie zerrte an seiner Kapuze und fuhr sich mit den Fingern durch die dunklen Haare. »Sorry. Gewohnheit.«

»Tja, das hier ist nicht L.A. und hier sucht niemand nach uns, also benimm dich nicht so paranoid. Schraub deine nervösen Ticks mal runter, spiel nicht mit dem Besteck Schlagzeug und wipp nicht mit den Füßen. Kapiert?«

»Klar, Colin. Hab's kapiert.«

Colin überließ Rufie seiner albernen Haarpflege. Der Kerl war der perfekte Prügelknabe und genau deshalb mochte Colin ihn auch. Wenn man eine Menge Ideen hatte, brauchte man keine Leute an seiner Seite, die irgendwelche eigenen hatten. Und Rufie kannte sich mit Gras aus. Schon seit seiner Kindheit baute er es in verschiedenen Varianten an. In seiner Wohnung gab es einen begehbaren Schrank, der wie ein verdammter Dschungel aussah. Colin brauchte Rufie, denn es war noch keine Pflanze gezüchtet worden, die Colin nicht töten konnte. Trotzdem. Rufie konnte echt höllisch nervig sein.

Colin zog die Tür des Diners auf und über seinem Kopf bimmelte ein Glöckchen. Eine blonde Kellnerin in einer altmodischen blauen Uniform im Stil der 50er, die gerade an einem Tisch Kaffee verteilte, sah auf und lächelte ihn an.

»Hallöchen!«, sagte sie zuckersüß. »Setzt euch einfach irgendwohin, wo ihr noch Platz findet!«

Colin schenkte ihr sein bestes Lächeln. Sie sah ein bisschen zu nett für seinen Geschmack aus, aber die Auswahl würde in diesem Rattenloch wohl sehr begrenzt sein. »Oh, vielen Dank, Süße«, erwiderte er und rutschte in eine Sitznische.

Du meine Güte, dieser Diner. Die Inneneinrichtung bestand aus Tischen und Sitznischen, die mit glänzendem rotem Leder bezogen waren, und Tischplatten aus Plastik mit glitzernden Strudeln darin. In einer Ecke stand eine Jukebox, es gab einen halbrunden Tresen und altmodische Hocker. Die Atmosphäre war aber auch nicht Disney-mäßig. Nein, dieses Retrozeug war echt, so alt, dass es schon wieder in war. Tatsächlich hatte die ganze Stadt ein altmodisches Flair. Das war Colin ganz recht. Je naiver die Bewohner im Hinblick auf die große böse Welt da draußen waren, desto weniger waren sie darauf vorbereitet, mit jemandem wie ihm umzugehen.

Und wer wusste es schon? Vielleicht würde Colin ja jahrelang hier leben, wenn seine ersten paar Saisons gut liefen und er einen Riesenhaufen Geld verdiente. Falls Cannabis tatsächlich irgendwann legalisiert wurde, konnte Colin rechtmäßig ein Stück Land erwerben und ein wahrer Gründervater werden. Er besaß schon jetzt genug Geld, um Land zu kaufen, wenn er wollte. Aber das würde er nicht. Wenn er erst mal im Grundbuch stand, wäre er vom System erfasst und würde zu einer bekannten Zielperson. Und dann würde das alles nicht funktionieren. Nein. Er hatte eine Hütte gemietet, wo sie schlafen konnten, aber die Farm würde woanders sein, an einem geheimen Ort. Niemand würde wissen, wo die Goldmine war. Das war die klügste Herangehensweise.

Colin lächelte in sich hinein, während er die laminierte Speisekarte überflog. Ja, das hier fühlte sich richtig an. Er würde sich hier wohlfühlen. Und wenn dieser Roman auftauchte, würde er kein Problem darstellen. Er oder Big T würden sich um ihn kümmern. Auf gar keinen Fall würde ihm ein Typ im Weg stehen, der seine Nachbarschaftswache zu wichtig nahm.

Eigentlich, beschloss er selbstgefällig, würde man dafür eine kleine Armee brauchen.

 

***

 

Matt hatte schon Feierabend gemacht und Roman sah sich schwitzend Videos auf seinem Computer an. Als Lance das Büro betrat ohne anzuklopfen, zuckte Roman ertappt von der Tastatur zurück.

Natürlich erkannte Lance sofort, was vor sich ging. »Was hast du da, Roman?« Er grinste und umrundete den Schreibtisch. »Sag nicht, du hast Pornos für dich entdeckt?«

Roman wollte verstecken, was sich auf seinem Bildschirm abspielte, doch es war zu spät. Lance warf einen Blick darauf und schaute dann mit überrascht gehobenen Augenbrauen zu Roman. »Eine… Bulldogge auf einem Skateboard?«

Zutiefst beschämt sah Roman weg. »Das ist…« Er hielt inne. »Matt, er…«

»Spuck's aus.«

»Als wir gestern in den Wäldern unterwegs waren, hat Matt einen Pfad entdeckt und gemeint, den würde er gerne mal mit seinem Mountainbike ausprobieren. Er hat mich dazu eingeladen. Ich wollte Nein sagen. Aber dann ist mir eingefallen, dass Sie mir aufgetragen haben, ihn ständig im Auge zu behalten. Deshalb…«

»Wann soll das stattfinden?«

»Am Sonntag. Oh Gott .« Roman vergrub das Gesicht in den Händen.

»Sieh mich an, Roman.«

Roman gehorchte, obwohl er nicht wollte. Er konnte spüren, wie warm seine Wangen waren. Rot zu werden, war im Hinblick auf menschliche Merkmale nicht gerade seine Lieblingseigenschaft. Und es machte ganz sicher nicht annähernd so viel Spaß wie zu masturbieren.

Nicht, dass er Lance irgendetwas vormachen könnte, ob er nun errötete oder nicht.

»Weißt du«, sagte Lance langsam. »Du musst Barclay außerhalb der Arbeit nicht beobachten. Ich erwarte nicht von dir, das an deinem freien Tag zu machen. Du brauchst auch mal eine Pause, Roman.«

»Es macht mir nichts aus.« Tatsächlich hatte er sich gefreut, als Matt gefragt hatte, ob sie an ihrem freien Tag eine Fahrradtour machen wollten. Als… als wären sie Freunde. Allerdings hatte die Freude nur so lange angehalten, bis ihm aufgegangen war, dass er nicht den blassesten Schimmer hatte, wie man Fahrrad fuhr. Oder ob er das überhaupt lernen konnte. »Aber es hört sich an, als wäre er ziemlich gut darin. Er hat sogar zwei Fahrräder, ein neueres und ein älteres, und ich darf eins davon fahren, meinte er. Aber… Hunde und Räder…« Er erschauderte. »Was, wenn ich mich blamiere?«

Es war lächerlich. Er hatte Hindernisstrecken beim Militär bezwungen und war in Hunderten Autos und Flugzeugen gewesen, aber die Vorstellung, auf zwei Rädern die Balance halten zu müssen, jagte ihm eine Heidenangst ein.

Lance wandte das Gesicht ab und seine Schultern bebten leicht. Er lachte, das wusste Roman. Er war nicht beleidigt. Er wünschte nur, Lance würde sich endlich einkriegen und ihm sagen, was zu tun war.

Lance drehte sich wieder zu ihm und wischte sich Tränen aus den Augen. »Roman, du bist echt unbezahlbar.«

»Sir…«, schnaufte Roman.

Lance hob kapitulierend die Hände. »Nein. Nein. Ich versteh schon. Zum ersten Mal ein Fahrrad zu fahren, kann ein bisschen einschüchternd sein, besonders, wenn man daran gewöhnt ist, auf vier Beinen zu laufen.«

»Ist es überhaupt möglich?«

»Natürlich. Hast du nicht gesehen, dass Fred Beagle mit dem Fahrrad durch die Stadt fährt? Daisy hat auch eins.«

»Aber sie sind als Gewandelte geboren worden.«

»Spielt keine Rolle. Ich sag dir was. Tim hat ein altes Fahrrad in der Garage stehen. Ich rufe ihn an und höre mal, ob er was dagegen hätte, dir zu zeigen, wie man es fährt. Vielleicht könntest du heute Abend vorbeikommen, damit du bis Sonntag Zeit zum Üben hast.«

»Danke, Sir.« Roman war zutiefst erleichtert. Wärme breitete sich in seiner Brust aus. Lance und Tim waren so nett zu ihm. Er würde alles für sie tun. Absolut alles.

»Und, äh, der Grund, warum ich reingekommen bin, ist, dass Tim Matt und Luci und dich auch am Sonntagabend zu uns zum Essen einladen will. Hättest du Lust?«

»Ja.« Roman liebte Tims Kochkünste. Seine Gerichte waren viel leckerer als die in der Mikrowelle aufgewärmten Kartoffeln und Suppe und die anderen einfachen Dinge, die Roman beherrschte.

»Schön.« Lance schlug Roman auf den Rücken und ging zur Tür. Dort drehte er sich um und betrachtete Roman vorsichtig. »Du und Matt…« Er kratzte sich unbehaglich am Ohr. »Ich weiß, dass ihr euch wahrscheinlich anfreunden werdet, weil ihr so viel Zeit miteinander verbringt. Denk bloß dran, Roman: Er ist keiner von uns. Du darfst ihm dein wahres Wesen nicht zeigen. Die Stadt steht an erster Stelle. Verstanden?«

»Selbstverständlich, Sir.«

Lance nickte. »Gut.« Dann war er verschwunden.

Roman hatte es ernst gemeint, aber zum ersten Mal störte ihn etwas daran. Es schmeckte eklig nach einer Lüge. Aber es musste stimmen, oder? Die Stadt stand wirklich an erster Stelle.

Roman verstand nicht, warum ihn das so traurig machte.