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Wie man einen perfekten Moment vermasselt

 

Früh am Sonntagmorgen beobachtete Roman durchs Fenster, wie Matt in seinem Jeep Cherokee vorfuhr und ausstieg. Es war das erste Mal, dass Matt zu Romans Hütte kam, und er war so nervös. Er sah sich noch einmal um, aber es war sogar noch ordentlicher als sonst. Gestern Abend und sogar heute Morgen hatte er gekehrt und den kleinen Tisch aus Kiefernholz, an dem er immer aß, gründlich poliert, bis er so furchtbar nach Desinfektionsmittel und Zitrone gestunken hatte, dass er sein Müsli nicht dort hatte essen können.

Er zupfte an den engen Fahrradshorts, die Tim ihm ausgeliehen hatte. Er hatte gesagt, dass er lieber die tragen sollte, weil ein großes Polster eingearbeitet war und einem sonst irgendwann die Eier wehtaten. Die Shorts waren ein bisschen zu klein. Sie fühlten sich auch komisch an – sie gingen ihm bis zur Mitte der Oberschenkel, waren schwarz und klebten an ihm wie eine zweite Haut. Sein Penis und alles andere waren darin zusammengepfercht, als wären sie zu Einzelhaft verurteilt worden. Er hatte noch nie etwas Derartiges getragen und fand, dass er dämlich aussah. Zumindest tat er das, bis er die Tür öffnete.

Matt starrte ihn an und hatte den Mund so weit geöffnet, als hätte ihn ein Arzt gebeten, Ah zu sagen. Roman fragte sich, ob irgendetwas mit seinen Beinen nicht stimmte, und sah an sich hinunter. Sie waren sehr gut definiert. Die Muskeln über seinen Knien sahen aus wie gemeißelt. Und sie waren ziemlich üppig mit weichen, gelockten, hellbraunen Härchen bedeckt. Aber auf Roman wirkten sie menschlich genug.

»Uh…« Matt schluckte. »Wow. Du bist toll in Form.«

Unbehaglich fummelte Roman an der Türklinke herum.

»Du musst häufig Beintraining machen. Diese Oberschenkelmuskulatur ist…« Matt sah Roman ins Gesicht und errötete plötzlich. »Ich meine…« Er hustete. »Du musst mir unbedingt deinen Trainingsplan verraten. Das sieht hammermäßig aus.«

»Trainingsplan?«

»Ja. Wie viele Kniebeugen machst du? Ist Kreuzheben dabei?«

Einen Moment lang geriet Roman in Panik, weil er keine Ahnung hatte, wovon Matt sprach. Dann ging ihm ein Licht auf. James hatte Roman auf der Militärbasis mit in den Trainingsraum mitgenommen, wo James ächzte und stöhnte und große, schwere Gewichte an einer Stange hochstemmte. Die Soldaten prahlten gerne, wie viel Gewicht sie heben konnten. Das musste es sein, was Matt meinte.

»Ich gehe bloß viel spazieren und joggen«, antwortete Roman.

»Mann, du musst echt gute Gene haben.« Matt schaute noch einmal auf Romans Beine und wandte dann den Blick ab.

Roman wurde ein bisschen warm und sein Magen machte Luftsprünge. Er klammerte sich fester an die Türklinke. »Komm rein. Ich meine… wenn du magst.«

»Für eine Minute, gern.« Matt lächelte.

Roman trat von der Tür zurück, sodass Matt hereinkommen und sich umsehen konnte. Die Hütte, in der Roman wohnte, war eine von 20, die der Stadt gehörten. Sie war von Freiwilligen aus dem Rudel auf einem städtischen Grundstück gebaut worden. Im letzten Sommer hatte Roman selbst dabei geholfen, eine weitere zu errichten. Sie brauchten immer Unterkünfte für frisch Gewandelte, da die meisten von ihnen kein Geld und keinen Job hatten.

Romans Hütte war so winzig, dass sie nur Platz für eine einzige Person bot, deshalb musste er sie sich mit niemandem teilen. Sie befand sich außerdem so weit außerhalb der Stadt, wie nur wenige Rudelmitglieder es mochten. Es gab nur ein Zimmer mit einer Futonmatratze an einer Wand, die er als Bett nutzte, einer alten karierten Couch in der Mitte, einem etwas älteren Fernseher, einem Beistelltisch, seinem kleinen Küchentisch, an dem er aß und lernte, und Küchenschränken, einem Ofen, einem Waschbecken und einem Kühlschrank an einer anderen Wand. Er liebte die Hütte innig, weil sie ganz ihm gehörte. Jetzt, da er eine Vollzeitstelle in der Stadt hatte, fühlte er sich noch nicht einmal schuldig, weil er hier mietfrei wohnte.

»Meine Güte, Roman, du bist so sauber und ordentlich. Ich fürchte, mein Zuhause würde dich nicht beeindrucken. Ich habe so viel Zeug.« Matt ging hinüber zu den Fotos an der Wand.

Roman gesellte sich zu ihm und seine Brust wurde eng. Er wollte, dass Matt sich die Bilder ansah, aber plötzlich fühlte sich das so, so intim an.

»Wer ist das?« Matt deutete auf das Foto von James und Roman. Es war von einem Militärfotografen geschossen worden und war Romans wertvollster Besitz. Nachdem er nach Mad Creek gekommen war und schreiben gelernt hatte, hatte er einen Brief an James' Schwester geschickt. Lily hatte ihm geholfen, ihre Adresse zu recherchieren und die richtigen Worte zu finden. Er hatte geschrieben, dass er ein Freund von James gewesen war, und ihr erzählt, was für ein mutiger und wundervoller Mann James gewesen war. James' Schwester hatte mit einem sehr freundlichen Brief geantwortet, dem dieses Foto beilag.

James hockte auf dem Bild mit einem Knie auf dem Boden und hatte einen Arm über Romans Schulter gelegt. Roman hing die Zunge aus dem Maul und er wirkte überglücklich. Das war lange, bevor er sich in einen Menschen verwandelt hatte.

»Das ist Sergeant James Pattson.« Roman zögerte. »Er war mein bester Freund.«

Matt wandte sich zu Roman um. Sein Lächeln verblasste. »War?«

»Er wurde durch eine Landmine getötet.«

»Das tut mir leid«, sagte Matt leise. Er starrte wieder auf das Foto. »Mein älterer Bruder Mitch ist im Einsatz im Irak gefallen. Damals war ich 15. Mann, das hat meinen Dad fertiggemacht. Mich auch. Ich meine… weil man seiner Erinnerung gerecht werden wollte, weißt du? Also, ja, das verstehe ich.«

»Hast du eine Mutter?«

Matt schnaubte und warf Roman einen amüsierten Blick zu. »Ja. Das ist irgendwie notwendig.« Er schluckte und seine Heiterkeit verebbte. »Sie ist an Brustkrebs gestorben, als ich noch ein Kind war.«

Ein qualvoller Unterton schlich sich in Matts Stimme, der Romans Hund beunruhigte, sodass er aufhorchte. Doch Matt wechselte das Thema und der Unterton verschwand. »Hey, hast du Fotos von dir mit deinem Hund? Du warst doch auch in der Hundestaffel, richtig?«

»Solche Bilder besitze ich nicht.«

»War dein Hund so wie der da? Ein Deutscher Schäferhund? Der ist ein echter Hingucker.« Matt deutete mit dem Kopf auf das Foto.

Roman geriet ins Schwimmen, als hätte sich der Boden verflüssigt. Lügen war ihm so furchtbar fremd. »J-ja. Mein Hund war genau so einer. Wollen wir los? Ich hab Wasser da, falls du eine Flasche mitnehmen willst.«

»Nein, ich bin für alles gerüstet.« Mit bedauernder Miene riss Matt sich von dem Foto los. In Romans Brust löste sich ein Knoten, jetzt, da sie das Thema hinter sich gelassen hatten. »Ich habe beide Fahrräder hinten in meinem Cherokee, wollen wir damit hinfahren?«

»Okay.«

»Super. Lass uns gehen.«

Als Roman durch die Tür vorausging, hing eindeutig Unbehagen in der Luft. Doch er hatte keine Ahnung, was das bedeutete.

 

***

 

Obwohl er bei Tim und Lance zu Hause geübt hatte, fühlte sich Roman beim Fahrradfahren immer noch unwohl. Als sie vom Ausgangspunkt des Weges losfuhren, wirkte es ganz und gar falsch, sich auf zwei Rädern fortzubewegen. Roman saß ein bisschen wacklig und zögernd im Sattel. Matt fuhr voraus, schaute sich aber häufig zu ihm um. Ein Stück den Weg hinauf hielt er inne und Roman kam unbeholfen hinter ihm zum Stehen, erleichtert, dass er beide Füße auf dem Boden abstellen konnte.

»Alles okay?«, fragte Matt.

»Ja. Ich bin noch nicht so oft Fahrrad gefahren.«

Matt sah verwirrt aus. »Oh. Mann, Roman, das hättest du mir sagen sollen. Wir müssen heute nicht Fahrrad fahren.«

»Doch. Ich will es versuchen.« Und Roman stellte fest, dass das stimmte. Matt hatte sich darauf gefreut und Roman wollte, dass er Spaß hatte.

»Wenn du dir sicher bist. Lass uns bis zu dieser ersten Anhöhe fahren und schauen, wie es läuft. Notfalls können wir immer noch umdrehen.«

Sie radelten den Weg weiter hinauf. Es war viel schwerer als seine Übungsrunden in Tims Einfahrt, weil es bergauf ging und Wurzeln und kleine Steinchen das Vorankommen erschwerten. Schnell genug zu fahren, um nicht umzufallen, war anstrengend.

Roman beschloss, dass er Fahrradfahren überhaupt nicht mochte. Das Leben auf zwei Beinen zu meistern, war hart genug. Aber dann hatte er James' Stimme im Ohr. Komm schon, Roman. Du schaffst das! Er hatte während seiner Ausbildung schon viel schwerere Dinge geschafft, zum Beispiel ein glitschig nasses Dach mit steiler Schräge erklommen. Es ging nur um Selbstvertrauen und Geschwindigkeit. Er trat fester in die Pedale und setzte seine Oberschenkelmuskeln ein, um trotz der Steigung schneller zu werden. Dadurch fiel es ihm viel leichter, das Gleichgewicht zu halten.

Er hielt mit Matt mit, klebte ihm manchmal fast am Hinterreifen, weil er eine bestimmte Geschwindigkeit brauchte, um überhaupt vorwärtszukommen. Im Handumdrehen erreichten sie den Hügelkamm.

Matt stieg von seinem Rad und streckte sich. Er grinste Roman an. »Das war eine nette kleine Trainingseinheit.« Schweiß hatte sich auf seinem Gesicht und Hals gebildet. Roman fand die glitzernde Haut dort faszinierend. Er fragte sich, wie sie wohl schmecken würde, wenn er darüber leckte. Aber das taten Hunde, nicht Menschen.

»Ja, es war anstrengend, aber gut.« Romans Herz hämmerte von dem Anstieg kräftig.

»Das sind die besten Dinge immer.« In Matts Stimme schwang ein humorvoller, flirtender Unterton mit. Roman blinzelte ihn an. Matt räusperte sich und sah weg. »Weiter?« Mit einer Kopfbewegung deutete er auf den Grat des Hügelkamms, auf dem sie standen. »Von hier aus wird es leichter.«

Roman dachte darüber nach. Der Gebirgsrücken führte in sanftem Auf und Ab kilometerweit in die Ferne. Letzte Woche waren sie dort gewandert und Matt hatte sich sofort verliebt. Roman konnte es ihm nicht verdenken. Der Kamm verlief im Vergleich zu den umgebenden Bergen niedrig, deshalb erinnerte der Ausblick an eine Schüssel voller Hügel. Der Himmel war komplett klar und blau und der Tag kühl und windig. Das Herbstlaub zeigte sich in seiner ganzen Pracht und das rauschende, schillernde Meer aus Gold und Orange musste das Schönste auf der ganzen Welt sein – da war sich Roman ziemlich sicher. Man konnte Mad Creek nicht mal sehen, weil es von einer weiteren Anhöhe verdeckt wurde. Es war, als wären sie ganz allein auf der Erde – nur sie, der Wald und all das Leben, das Roman darin erspürte.

»Ich will weiterfahren.«

»Das ist der harte Hund, den ich kennen und lieben gelernt habe. Komm.« Matt stieg auf sein Rad und fuhr voran. Roman folgte ihm.

Jetzt fiel es ihm viel leichter, besonders weil Matts lobende Worte in seiner Brust glühten. Roman gefiel es, ein harter Hund zu sein. Und ihm gefielen die Senken im Hügelkamm. Es ging so steil bergab, dass sie genug Geschwindigkeit aufnahmen, um die kurzen Steigungen mühelos hinaufzurasen. Der Wind peitschte ihm ins Gesicht und über die Hände und er ertappte sich dabei, dass er lächelte. Es war ein bisschen, als säße man im Auto, aber er fühlte sich dem Land so nahe wie beim Wandern.

Nach ein paar Kilometern beschloss er, dass Fahrradfahren doch gar nicht so schlimm war. Und noch ein paar Kilometer später verspürte er nur noch Freude.

Vielleicht hätte es allein nicht so viel Spaß gemacht, aber er mochte es, hinter Matt herzufahren, seine schlanke Gestalt in den schwarzen Fahrradshorts und einem übergroßen roten T-Shirt, das sich durch den Gegenwind an seinen Körper schmiegte, zu beobachten. Matt war sein Freund. Er gehörte zum Rudel.

Nein. Er gehört nicht zum Rudel. Lance' Stimme meldete sich in Romans Kopf, um ihn zu warnen.

Aber Romans Herz bestand darauf, dass Matt dazugehörte . Er hatte so viel Zeit mit ihm verbracht und seine Gegenwart war angenehm. Sogar wenn Roman Fehler machte, sich am Ohr kratzte oder etwas sagte, was Menschen merkwürdig finden würden, schüttelte Matt nur liebevoll den Kopf oder lachte, als hätte Roman sich mit Absicht witzig verhalten. Matt lachte über beinahe alles. Sein Wesen war von Licht durchdrungen, selbst wenn er traurig war. Er hatte ein gutes Herz.

Sie fuhren etwa eine Stunde den Hügelkamm entlang, bis er endete und die einzige Möglichkeit weiterzukommen eine steile Talfahrt beinhaltete. Matt stieg vom Rad und streckte sich erneut.

»Hey, ich hab uns was zum Brunchen mitgenommen.«

»Brunchen? Machen das nicht nur noble Leute?«

Matt lächelte. »Hey, wir sind nobel. Außerdem ist Sonntag, oder nicht?«

Am Gepäckträger seines Fahrrads waren Taschen befestigt. Er öffnete den Reißverschluss und holte ein Stück Stoff heraus, das auf einer Seite silbrig glänzte und auf der anderen weiß war. Es war sehr klein, ließ sich aber zu Deckengröße entfalten. Matt breitete es auf dem Boden aus und beschwerte die Ecken mit Steinen, sodass es nicht wegflog. Dann brachte er eine kleine Flasche Sekt und mehrere Plastikbehälter zum Vorschein.

»Setz dich.« Matt klopfte neben sich auf die Decke.

Roman legte Matts zweites Fahrrad vorsichtig hin und nahm Platz. Die Behälter enthielten kleine dreieckige Lachs-Sandwiches, bei denen die Kruste abgeschnitten worden war, Weintrauben und Erdbeeren und kleine Wraps, die wie Tacos aussahen. Roman war wirklich überrascht.

»Du hast dir so viel Mühe gemacht, dabei bin ich's doch nur«, protestierte er, obwohl sein Magen knurrte. Sein innerer Hund hatte immer Hunger.

Matt lächelte und es war ein wärmeres Lächeln als sonst. Die Brise zerzauste sein dunkles Haar. Er zuckte mit den Schultern. »Ich hatte einen Haufen Ei-Sandwiches auszugleichen.«

»Aber die waren aus dem Diner. Ich hab sie nicht selbst gemacht.«

»Das hier war nicht viel Aufwand. Luci hat die Taquitos zubereitet und der Rest war keine große Sache.«

»Okay.«

Bei der Erwähnung von Luci runzelte Roman die Stirn. Als Roman sie im Kino kennengelernt hatte, hatte sie nett auf ihn gewirkt. Aber sie war eine hübsche Frau und die Vorstellung, dass sie mit Matt zusammenwohnte und so viel Zeit mit ihm zu Hause verbringen durfte, vielleicht sogar mit ihm in einem Bett schlief… das nagte an Roman. Er aß so gesittet wie möglich ein Lachs-Sandwich und versuchte zu ergründen, warum er so empfand.

Als er mit James zusammengearbeitet hatte, waren sie tagein, tagaus unzertrennlich gewesen. Niemand hatte ihnen nähergestanden als sie einander. Roman spürte, wie etwas in seinem Inneren ihn zu Matt hinzog, um so etwas mit ihm zu haben. Und das war verwirrend, weil er wusste, dass es so nicht war. Matt war nicht James und Roman war kein Hund mehr. Er hatte jetzt eigene Verpflichtungen, auch wenn die meisten davon momentan mit Matt zu tun hatten.

Die Komplexität dieser Überlegung beunruhigte ihn und brachte ihn durcheinander. Sein Hund wollte das alles vereinfachen, wollte, dass Matt zum Rudel gehörte und für immer sein Freund war und dass es sich damit dann hatte. So war es nicht. Matt ging jeden Abend nach Hause und Roman durfte ihm dorthin nicht folgen. Außerdem wollte Lance etwas völlig anderes.

»Was meinst du?« Matt wedelte mit der kleinen Sektflasche. »Das ist nicht genug, um uns daran zu betrinken, aber glaubst du, dass du den Rückweg nach unten packst, wenn du was davon trinkst?«

»Ja. Sind da Blubberbläschen drin? Ich hab einmal so was mit Blubberbläschen getrunken. Das hat mir echt gut geschmeckt.« Das war bei der Silvesterparty des Rudels gewesen. Roman erinnerte sich gut daran.

»Ja, da sind Blubberbläschen drin, du knallharter Kerl«, antwortete Matt grinsend. Er wickelte die Folie vom Flaschenhals, hielt die Flasche von sich weg und ließ den Korken knallen. Sekt spritzte heraus auf die Felsen und ein Windstoß blies ihn Matt direkt ins Gesicht. Er prustete empört.

Irgendetwas daran war so, so lustig. Roman verspürte einen Schmerz in seinem Bauch, der sich bis in seine Kehle hinaufarbeitete und aus seinem Mund herausplatzte. Er befürchtete, dass es ein Bellen sein würde, aber nein, es war ein Lachen . Ein lautes. Das Geräusch, das aus seinem eigenen Mund kam, war so überraschend, dass er noch heftiger lachen musste.

Matt grinste ihn an und wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht. »In den Fahrradtaschen wird er ganz schön durchgeschüttelt.«

Die Vorstellung davon war auch urkomisch! Das Gelächter brach beinahe schmerzhaft aus Romans Brust. Zum Glück klang es mehr nach ha ha ha als nach einem Heulen. Er zog die Knie an und legte die Stirn darauf ab, bis er sich wieder im Griff hatte. Lachen . Echtes menschliches Lachen. Eine weitere Premiere. Gott, was für ein herrliches Gefühl!

Als er endlich wieder zu Atem kam und den Kopf hob, beobachtete Matt ihn mit einem warmen, glücklichen Gesichtsausdruck. »Das fandest du witzig, was?«

»Ja.« Roman schnappte immer noch nach Luft und lächelte von einem Ohr zum anderen.

»Mhm. Erinner mich daran, in deiner Gegenwart nach Bananenschalen Ausschau zu halten. Du sollst schließlich nicht hyperventilieren.« Was auch immer seine Worte bedeuteten, sie klangen locker und freundlich, deshalb war das in Ordnung.

Matt trank einen Schluck aus der Flasche und reichte sie an Roman weiter. Roman beschloss, dass es okay sein musste, obwohl Leesa ihm immer böse war, wenn er auf der Arbeit direkt aus der Flasche trank. Der obere Rand roch und schmeckte nach Matt, gleichzeitig verschwitzt und sauber. Der Sekt war angenehm sauer und die Blubberbläschen kribbelten in seinem Mund.

Roman gab Matt die Flasche zurück, nahm sich einen Taquito und biss hinein. Er war knusprig und schmeckte nach Käse und sehr lecker. Das hier? Der Sekt und das Essen und der Tag und der Ausblick und das Lachen… das war ziemlich gut. Das war perfekt. Und Roman wusste genug, um einen perfekten Moment zu erkennen, wenn er einen erlebte.

Sie aßen ihren Brunch und ließen die Flasche zwischen sich hin und her wandern. Roman gefiel der Geschmack von Matt an der Flaschenöffnung sogar noch besser als der Sekt und er versuchte, unauffällig darüber zu lecken, um mehr davon zu bekommen. In seinen Fahrradshorts begann es zu prickeln und der Stoff spannte sich.

Als er aufsah, betrachtete Matt ihn und seine braunen Augen verdunkelten sich. Roman reichte ihm die Flasche und wandte sich auf der Decke ab. Er zog die Knie an die Brust, um zu verbergen, was in seiner Hose vor sich ging. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt! Diese Shorts würden noch reißen und dann würde er richtig dämlich aussehen. Er schnappte sich ein paar Weintrauben.

»Roman?« Matts Stimme klang komisch.

»Ja?« Roman drehte sich nicht zu ihm um.

Matt räusperte sich. »Da gibt es etwas, das ich dich… also…«

Roman wartete ab.

Matt schnaufte. »Okay. Also, offensichtlich ist Sheriff Beaufort immer noch nicht begeistert davon, mich in der Stadt zu haben.«

Roman bezweifelte, dass Matt ursprünglich das hatte sagen wollen, aber er beantwortete die Frage. »Er findet dich als Person ganz okay.« Er rückte wieder herum, sodass er Matt ins Gesicht sehen konnte.

Matt blinzelte verwirrt. »Alles klar. Nun, das ist schön. Aber…« Er rieb sich unbehaglich mit einer Hand über den Kiefer. »Hör zu, ich bin kein Idiot. Offenbar hat der Sheriff der ganzen Stadt irgendetwas über mich erzählt. Jeder hier verhält sich, als wäre ich ein Aussätziger. Und du hast dir verdammt große Mühe gegeben, mich von der Stadt fern zuhalten.«

»Unsere Arbeit findet in den Wäldern statt«, sagte Roman ernst, obwohl er spürte, wie seine Wangen warm wurden.

Matt hob eine Hand. »Ich weiß. Ich sage auch nicht… Hör mal, du warst mir bis jetzt eine riesige Hilfe. Und ich glaube ja, dass du genauso daran interessiert bist, mögliche Drogenfarmen in der Gegend auffliegen zu lassen wie ich…«

»Das stimmt.«

»Genau. Also. Ich versuche hier nicht, dich zu kritisieren oder so. Ich habe einfach… Irgendetwas geht in der Stadt vor sich. Und ich habe mich gefragt, ob du mir vielleicht verraten willst, worum es dabei geht.«

Roman wusste nicht, was er sagen sollte. Seine Lippen wollten die Lüge, die er brauchte, einfach nicht formen. Er starrte in Matts Augen, weil er weder Angst zeigen noch so wirken wollte, als würde er unterwürfig nachgeben.

»Roman?«

»Lance Beaufort ist ein guter Mann«, sagte Roman. »Er ist ein sehr guter Mann.«

Matt nickte. »Okay. So wirkt er auch. Aber…«

»Mad Creek… ist eine besondere Stadt.« Roman seufzte angespannt und es klang beinahe wie ein Winseln. »Die Menschen dort… Es gibt viele verletzliche Menschen dort. Menschen, die Schutz brauchen. Lance will sie nur beschützen. Und ich auch. Wir sind wie eine große Familie.«

Matt schüttelte den Kopf und die Verwirrung spiegelte sich mittlerweile auf seinem ganzen Gesicht wider. »Vor was beschützen?«

»Vor…« Ideen purzelten in Romans Kopf durcheinander, aber keine von ihnen fühlte sich richtig an. Entweder waren sie zu nah an der Wahrheit oder sie ergaben keinen Sinn. Er fühlte sich hilflos und schloss die Augen. »Vertrau mir. Es gibt Dinge, die… Wenn die an die Öffentlichkeit dringen würden, würde das meiner Stadt und all den Menschen darin schaden. Aber es hat nichts mit Drogen oder deinem Job zu tun. Und es ist nichts Schlimmes. Bitte glaub mir.« Er legte sein ganzes Herz in diese Worte. Er wollte sich nicht mit Matt streiten. Er wollte Matts Freund sein. Er wünschte sich so sehr, dass er ihm einfach vertrauen und ihm die Wahrheit sagen könnte.

Matt musterte Roman eine ganze Weile lang, als würde er um eine Entscheidung ringen. »Na gut, Roman«, lenkte er schließlich ein. »Aber ich hoffe, dass du eines Tages mit mir darüber reden kannst.«

»Ich auch.« Roman fragte sich, ob das jemals möglich sein würde.

Sie widmeten sich wieder ihrem Essen. Roman spürte, dass Matt immer noch frustriert war, er das Thema jedoch fürs Erste ruhen ließ. Aber wie lange noch? Würden sie sich irgendwann auf entgegengesetzten Seiten der Schlacht gegenüberstehen? Er hoffte, dass dieser Tag niemals kommen würde.

Bald waren alle Behälter leer und die Flasche ebenfalls. Matt lehnte sich auf der Decke zurück, stützte sich auf seine Arme und drehte das Gesicht der Sonne zu. Hinter seiner Sonnenbrille schien er die Augen geschlossen zu haben, weshalb Roman sich erlaubte, zu starren. Matt war durchtrainiert. Er sah sehr gesund und stark aus. Und sein Gesicht löste ein glückliches Gefühl in Roman aus. Seltsam. Als er diesen schlimmen Fehler in Coarsegold begangen hatte – die Fassung verloren und während der Schießerei gedacht hatte, Matt wäre James –, hatte er vielleicht gar nicht so falschgelegen. Matt war nicht James, aber irgendetwas an ihm erinnerte an ihn. Roman mochte ihn beinahe genauso sehr.

Matt öffnete die Augen und ertappte ihn beim Starren. Hastig wandte Roman den Blick ab.

»Roman?«, sagte Matt sanft.

»Ja, Matt?«

»Da gibt es noch etwas, was ich dich fragen wollte.«

Roman wartete ab. Als Matt weiterhin schwieg, überlegte er, ob von ihm erwartet wurde, grünes Licht zu geben. »Frag ruhig.«

Matt räusperte sich und holte tief Luft. »Ich hab mich gefragt… also… Dumme Frage, aber… bist du hetero?«

Romans Blick wanderte über das Panorama zu einem Adler, der in ihrer Nähe kreiste, doch er war sich Matt in seinem Augenwinkel sehr bewusst. Er las aus Matts Körpersprache und seinem Tonfall, dass ihm die Frage wichtig war, doch er verstand nicht, warum. Himmel, er verstand die Frage nicht mal.

War er hetero? Was meinte Matt damit? Wollte er wissen, ob Roman ein Lügner war? Oder ein Dieb? Es gab da eine Formulierung, die Lance manchmal verwendete – irgendwas darüber, astrein zu sein. Wollte Matt vielleicht darauf hinaus?

Wie immer, wenn Roman sich nicht sicher war, was sich in der menschlichen Kommunikation abspielte, täuschte er vor zu wissen, worum es ging. »Klar«, sagte er locker.

»Klar… du bist hetero?«

»Ich bin hetero.« Roman sah Matt direkt in die Augen und nickte selbstbewusst.

»Ah. Natürlich. Ja, dumme Frage.«

Die Stimmung zwischen ihnen veränderte sich. Matt genoss weiter die Sonne, doch es hatte sich eine Anspannung in seinen Körper geschlichen und etwas Trauriges oder sogar Wütendes knisterte in der Luft. Roman wünschte, er könnte etwas dagegen tun, wusste aber nicht, wie.

»Na ja, wir sollten uns auf den Rückweg machen«, sagte Matt kurz darauf. »Ich habe Luci versprochen, dass ich nicht allzu lange weg bin. Wir sind heute bei Beaufort zum Abendessen eingeladen.«

»Okay.« Roman stand auf und half beim Aufräumen. In nur wenigen Minuten war alles wieder in Matts Fahrradtaschen verstaut.

»Wetten, ich bin schneller unten als du?«, sagte Matt, doch sein Tonfall ließ es nicht so spaßig klingen, wie es sein sollte.

Roman versuchte trotzdem mitzuspielen. »Auf keinen Fall.« Er sprang auf sein Rad und sauste los.

Er behielt die Führung, weil die Fahrt bergab einfacher war. Der Wind peitschte ihm immer noch über Arme und Gesicht, aber der Tag fühlte sich ruiniert an. Und als Matt ihn bei seiner Hütte absetzte, vermutete er, dass keiner von ihnen es schade fand, dass er vorbei war.