Ein Fremder an der Tür
Matt schlief tief und fest, als jemand das Licht einschaltete. Er schreckte aus dem Schlaf hoch, sah Luci in ihrem roten Flanellschlafanzug im Türrahmen seines Zimmers stehen, ließ sich wieder auf die Matratze fallen und zog sich ein Kissen über den Kopf.
»Eeehhh.« Er stöhnte protestierend auf und war drauf und dran einfach weiterzuschlafen.
»Matt! Steh auf! Da ist etwas an der Tür!« Luci klang verängstigt.
Widerwillig zog Matt das Kissen wieder weg. »Was meinsu?«
»Irgendwas kratzt an der Tür und… und… macht Geräusche! Matt!«
»Wahrscheinlich 'n Waschbär«, murmelte Matt und schloss die Augen.
»Das ist kein Waschbär! Matt, es ist verletzt. Ich kann es hören. Matt!«
Die Vorstellung, dass das Tier – was immer es auch war – verletzt war, reichte aus, um Matt aus dem Bett zu treiben. Wenn sich ein verwundetes Tier auf das Grundstück der Hütte gewagt hatte, sollte er sich das wohl näher ansehen. Er wollte nicht, dass es litt.
»Na schön«, beschwerte er sich, setzte sich auf und schüttelte den Kopf, um wach zu werden.
Er erhob sich und schlurfte zur Tür. Zum Schlafen trug er ganz gerne seine Boxershorts und ein T-Shirt. Die Nächte in den Bergen waren kühl.
»Zieh dir Schuhe und Jeans an«, schimpfte Luci. »Es könnte versuchen, dich zu beißen.«
Matt schaute sie finster an. »Na klasse. Weißt du, du hättest dir das auch selbst angucken können.«
»Ernsthaft? Ich wohne mit einem Marine zusammen. Warum sollte ich das selbst machen?«
Da hatte sie schon recht, auch wenn Matt ein Ex-Marine war. Die Idee mit den Klamotten war vielleicht auch nicht schlecht. Er wollte nicht mit einer Bisswunde im Schritt in die Notaufnahme eingeliefert werden. Er zog sich eine Jeans an, holte ein Sweatshirt aus einer Schublade und schlüpfte in seine Laufschuhe. Luci beobachtete ihn von der Tür aus. Sobald sie sah, dass er angezogen war, lief sie den Flur entlang. Er folgte ihr.
Im Wohnzimmer der Hütte fühlte sich die Tiefe der Nacht seltsam an. Die Lampe, die Luci eingeschaltet hatte, brannte zu gelb und zu unwirklich in der Düsternis. Luci blieb an der Vordertür stehen und legte den Finger an die Lippen. Hör mal.
Matt lauschte. Er konnte nichts hören.
Da sagte Luci: »Hallo? Ist irgendwas da draußen?«
Sofort folgte eine Reaktion – ein Kratzen am unteren Rand der Tür, ein gequältes Winseln, dann ein kaum wahrnehmbares Bellen. Es klang nach einem Hund.
Die Tür der Hütte hatte kein Fenster. Matt spähte durch das im Wohnzimmer, sah aber kein Auto oder andere Anzeichen dafür, dass sich Leute dort draußen aufhielten. Natürlich bedeutete das nicht, dass keine da waren. Von hier aus konnte er nicht viel von der vorderen Terrasse erkennen.
Wieder erklang das Winseln. Es war ein herzzerreißender Laut. Scheiß drauf.
Matt öffnete die Vordertür einen Spaltbreit, ohne die Sicherheitskette zu lösen, und schaute hinaus. Der Anblick, der sich ihm bot, war wie ein Schlag in den Magen. Jeder Gedanke an Vorsichtsmaßnahmen verpuffte. Hastig zog er die Sicherheitskette aus ihrer Halterung und riss die Tür weit auf.
Vor der Schwelle befand sich ein großer Deutscher Schäferhund. Er lag auf der Seite auf den rauen Terrassenbrettern. Er war schwer verletzt und wirkte schon halb tot. Vom Kopf über den Hals bis zu seiner Brust und den Pfoten war das Fell blutverklebt. Goldene Augen starrten ihn flehend an, während der Hund hechelte. Er sank auf die Knie.
»Oh nein! Oh, armer Kleiner!«, rief Luci hinter ihm.
Matt versuchte, den Ursprung der Blutung zu finden. Zuerst dachte er, dem Hund wäre die Kehle aufgeschlitzt worden. Aber nein, die Wunde befand sich in seiner Schulter. »Jemand hat ihn angeschossen«, sagte Matt entsetzt und sehr wütend.
»Wieso sollte jemand das tun?« Luci war in Tränen aufgelöst.
»Ich weiß es nicht. Wir müssen ihn zu einem Tierarzt bringen. Geh und hol eine Decke. Ich fahre ihn hin.«
»Ich ziehe mich auch an«, stimmte Luci eifrig zu.
»Dafür ist keine Zeit! Ich kann ihn selbst hinfahren.«
»Nein, Mattie! Jemand sollte auf dem Rücksitz bei ihm sein! Was, wenn er stirbt? Armes Ding!«
Matt brummte. »Dann beeil dich. Ich hole die Decke und bringe ihn ins Auto.«
So schnell wie möglich schnappte sich Matt seinen Geldbeutel, seine Schlüssel und eine alte Steppdecke aus dem Schrank. Sie wäre danach ruiniert, aber das kümmerte ihn nicht. Er brachte sie hinaus auf die Terrasse, wo der Hund sich keinen Zentimeter bewegt hatte.
»Ich versuche, dir zu helfen, okay?« Matt breitete die Decke über dem Hund aus und versuchte, die Arme unter seinen Körper zu bekommen, um ihn hochzuheben, ohne ihm allzu sehr wehzutun.
Der Hund jaulte schmerzerfüllt auf, als Matt einen Arm unter seine Brust schob, gab aber sonst keinen Laut von sich, als Matt ihn behutsam hochhob und Hund und Decke an seinen Körper drückte. Er schaute in die Augen des Hundes. Sie waren auf ihn gerichtet und in ihnen spiegelte sich Schmerz, aber auch Vertrauen wider. Es waren unergründliche, alterslose Augen. Der Hund leckte Matt übers Kinn und Matts Herz zog sich zusammen.
»Du weißt, dass ich versuche, dir zu helfen, oder? Wir bringen dich zum Tierarzt. Halt durch.«
Er erreichte seinen Cherokee und öffnete mit einer Hand die hintere Tür. Er zögerte, den Hund auf den Rücksitz zu legen, bedeutete, ihn loszulassen. Der Hund schmiegte sich eng an ihn, als würde Matts Gegenwart ihm Trost spenden. Matt stellte einen Fuß auf den Rahmen, um das Gewicht des Hundes auf seinem Knie abzusetzen. Der Hund blickte zu ihm hinauf. Wo zum Teufel blieb Luci?
Der Deutsche Schäferhund war größer, als Matt gedacht hätte, und ziemlich schwer. Vor Kurzem war er noch gesund gewesen, in der Blüte seines Lebens, aber jetzt war sein Körper schlaff, abgesehen von den Schauern, die ihn alle paar Minuten schüttelten.
Matt war mit Hunden groß geworden. Der General liebte sie. Matt konnte sich nicht erinnern, dass es je eine Zeit gegeben hätte, in der er seinen Vater ohne einen Hund zu seinen Füßen im Sessel hatte sitzen sehen. Sein Dad mochte große Hunde wie diesen hier. In Matts Kindheit hatten sie einen Deutschen Schäferhund gehabt, dann einen Dobermann und später einen schwarzen Retriever, der aus der Hundestaffel ausgeschieden und vom General adoptiert worden war. Es waren alles tolle Hunde gewesen und Matt hatte jeden einzelnen geliebt. Theoretisch waren es vielleicht die Hunde seines Vaters gewesen, aber wenn der nicht zu Hause gewesen war, hatten sie in Matts Bett geschlafen und waren seine allerbesten Freunde gewesen.
Hunde waren so vorurteilsfrei und treu. Es machte Matt krank, dass ein Mensch einen Hund so misshandeln konnte.
Nur ein Feigling fügt einem Tier, einem Kind oder einer Frau Schaden zu, Matthew. Sei niemals so ein Feigling.
»Bereit!« Luci kam aus der Hütte gerannt. Die Tür fiel hinter ihr krachend ins Schloss. »Ich bin hier! Los geht's!«
Das war der Impuls, den Matt gebraucht hatte. Vorsichtig legte er den Hund auf dem Rücksitz ab. Luci kletterte auf der anderen Seite ins Auto.
»Kannst du ihn während der Fahrt festhalten? Aufpassen, dass er nicht vom Sitz fällt?«
»Mach ich! Mach ich! Fahr schon!«
Auf dem gesamten Weg in die Stadt redete Luci auf den Hund ein – albernen, liebevollen Unsinn. Und nach jedem weiteren Kilometer musste Matt fragen: »Atmet er noch?«
»Ja, cariño . Er lebt noch.«
***
Als Roman die Augen öffnete, wurde er von grellem Licht geblendet. Er fühlte sich benommen und als würde er schweben. Er schloss die Augen wieder.
»Er ist wach!« Das war Tims Stimme.
Mühsam zwang Roman seine Lider wieder nach oben. Tims besorgtes Gesicht tauchte über ihm auf, dann Lance'.
»Lasst mich ihn sehen.« Das war Matts Stimme. Tim trat zurück und Matt war da. Ein sanftes Lächeln lag auf seinen Lippen. »Hey, Kleiner.«
Neben Matt verdrehte Lance die Augen. Er zog die dunklen Augenbrauen zusammen und sein Kiefer mahlte, als er Roman ansah. »Was ist passiert?«
»Das hab ich Ihnen schon gesagt«, erwiderte Matt. »Er ist einfach auf meiner Terrasse aufgetaucht.«
Roman wusste, dass Lance ihn gefragt hatte, doch er konnte gerade nicht wirklich antworten. Sehr witzig, Lance. Ihm fielen wieder die Augen zu.
»Die Operation ist gut verlaufen, er schwebt also nicht in Lebensgefahr, aber er wird drei bis vier Wochen absolute Ruhe brauchen.« Das klang wie Bill McGurver. »Entschuldigt, bitte.«
Der Arzt schob sich an den anderen vorbei und Matt und Lance traten zurück. Roman öffnete die Augen, um Bill dabei zu beobachten, wie er an seiner linken Vorderpfote nach seinem Puls fühlte. Ihm fiel auf, dass das Fell dort geschoren und eine Infusion gelegt worden war.
Bill bemerkte seinen Blick und tätschelte ihm beruhigend den Hals. »Wir verabreichen dir momentan nur Flüssigkeit, aber vorhin hast du eine Bluttransfusion gebraucht. Du wärst fast gestorben. Matt und Luci haben dich gerade noch rechtzeitig hergebracht.«
»Wenn Luci mich nicht geweckt hätte, hätte ich das Kratzen an der Tür möglicherweise verschlafen«, gab Matt irgendwo hinter Bill mit bebender Stimme zu.
Bill nickte. »Ihr habt ihm beide das Leben gerettet.«
»Wer hat ihn angeschossen? Das würde ich gern wissen.« Lance klang aufgebracht.
»Wir haben kein Auto gesehen oder gehört«, sagte Matt. »Ich glaube, er muss durch den Wald gekommen sein. Oder vielleicht hat ihn jemand an einer Straße in unserer Nähe ausgesetzt.«
»Kann Charlie nicht seine Fährte aufnehmen? Und herausfinden, wo es passiert ist?«, fragte Tim.
»Charlie?« Matt klang verwirrt.
»Charlie, uhm, arbeitet manchmal mit Spürhunden«, antwortete Lance. »Gute Idee, Babe. Ich rufe ihn gleich an. Entschuldigt mich.«
Eine Tür öffnete und schloss sich, als Lance den Raum verließ. All das nahm Roman mit einem Gefühl der Unwirklichkeit wahr, während er auf dem Untersuchungstisch in Bill McGurvers Klinik lag. Sein Körper fühlte sich so schwer an, dass er sich auf gar keinen Fall bewegen wollte, und seine Brust und Schulter pochten trotz all der Schmerzmittel dumpf. Bills Hand lag noch immer an seinem Hals. Er leckte Bill über das Handgelenk.
Bill schenkte ihm ein kleines Lächeln und zwinkerte ihm zu. »Gern geschehen«, flüsterte er. Kaum war er zurückgetreten, nahmen Matt und Tim seinen Platz ein und beugten sich über Roman. Tim hielt seine Pfote und streichelte sie mit seinem Daumen, während Matt ihm über den Kopf streichelte.
Roman schloss die Augen und wurde von Dankbarkeit überwältigt. Sie erfüllte sein Herz, bis es zum Bersten voll war. Er hatte Glück, so gute Freunde zu haben. So großes Glück.
»Wie gesagt«, fuhr Bill fort. »Er wird für drei oder vier Wochen absolute Bettruhe brauchen. Und damit meine ich, dass er sich nicht bewegen darf, abgesehen davon, dass ihm ein paarmal täglich jemand aufs Klo hilft.«
Die Tür öffnete sich wieder. »Er kommt zu uns«, verkündete Lance entschlossen, als er zurück ins Zimmer kam und über Tims Schulter zu Roman spähte.
»Er sollte bei mir bleiben«, sagte Matt ebenso beharrlich. »Wir haben ihn gefunden. Er ist an unserer Tür gewesen. Ich lasse ihn jetzt nicht im Stich.«
»Sie lassen ihn nicht im Stich, wenn er zu uns nach Hause kommt. Er wird in guten Händen sein.«
»Aber Sie arbeiten rund um die Uhr, Sheriff Beaufort!«, hielt Matt dagegen.
»Und Sie ebenfalls, Mr. Barclay!«, bellte Lance zurück. »Jedenfalls ist Tim die meiste Zeit zu Hause.«
»Luci ist die ganze Zeit zu Hause!«
Roman schnaubte resigniert und schloss die Augen. Sie benahmen sich so lächerlich.
»Oh ja, vielen Dank auch. Ich bin ja so ein jämmerliches Mauerblümchen«, grummelte Luci.
»Na ja, du studierst doch von zu Hause aus! Ich meine…«, stammelte Matt.
»Nein, ich will ihn ja auch bei uns haben. Niemand wird sich besser um Paco kümmern als wir«, sagte Luci inbrünstig.
Roman öffnete ein Auge, um sie anzustarren. Paco?
»Nein, nein, nein«, widersprach Lance. »Hört zu, ich weiß es zu schätzen, dass ihr euch Sorgen um Ro-… den Hund macht, aber ihr könnt nicht…«
»Paco«, unterbrach Luci ihn.
Lance seufzte. »Paco . Aber glaubt mir, wenn ich euch ehrlich sage, dass ihr nicht wisst, was er braucht. Er muss bei seinen Leuten sein.«
»Was soll das heißen?« Luci klang beleidigt.
»Ja, was soll das heißen, Lance?«, wollte Tim mit ironischem Unterton wissen.
Lance knurrte frustriert. »Bill, sag es ihnen! Der Hund muss zu uns kommen!«
»Na ja, ich denke…«, setzte Bill an.
»Ich denke, wir sollten ihn fragen. Paco. Lasst uns Paco fragen, was er tun will.« Tims lächelndes Gesicht schwebte näher an Roman heran. »Nicht wahr, Kumpel? Du solltest entscheiden, wo du dich erholen willst.«
»Tim…«, sagte Lance warnend.
»Nein, das wird funktionieren. Sieh hin.« Tim zog Lance' Hand zu sich heran und legte sie an den Rand des Untersuchungstisches, dann Matts, sodass sie nebeneinander nur Zentimeter von Romans Pfote entfernt lagen.
»Okay, Paco. Wo möchtest du wieder gesund werden? Bei uns zu Hause, wo ich mich ganz besonders gut um dich kümmern werde…«
»Und ich«, hakte Lance ein.
»Und Lance, wenn er nicht gerade jeden Millimeter blanker Erde nach den Leuten absucht, die das getan haben. Oder bei Matt und Luci?«
»Ich bleibe den ganzen Tag bei dir, Süßer«, säuselte Luci. Sie streckte eine Hand aus und strich Roman über den Kopf. Allmählich fühlte er sich wie eine Buddha-Glücksstatue oder so was, weil er ständig gestreichelt wurde. Nicht, dass es ihn wirklich störte. Die Berührungen waren beinahe genauso gut wie die Medikamente.
Roman wusste, wen er wählen sollte, was Lance, sein Boss, von ihm erwartete. Aber er war müde und benommen und es war ihm einfach egal. Er hob seine schwere Pfote und legte sie auf Matts Hand.
»Aaa-lles klar.« Tim schaute Roman an und hob vielsagend die Augenbrauen.
Roman schloss die Augen, damit er Lance' finsteren Blick nicht mehr sehen musste. Es war okay, ein Feigling zu sein, wenn man gerade eine Kugel rausoperiert bekommen hatte, beschloss er. Das war die Definition der Redewendung einen Freifahrtschein haben .
»Aber…«, protestierte Lance.
»Nope, die Entscheidung ist gefallen«, sagte Tim. »Es wird schon gut gehen, Lance. Er wird sich bloß ausruhen und… und die Füße stillhalten. Wir können ihn bestimmt oft besuchen. Oder, Luci?«
»Natürlich!«
»Ich komme jeden Tag vorbei, um nach ihm zu sehen, zumindest am Anfang«, versprach Bill.
Matts Hand lag an Romans Kiefer. Er erkannte seinen Geruch. Er öffnete die Augen nicht, leckte aber einmal darüber. Danke.
»Ich werde mich um ihn kümmern, wenn ich zu Hause bin«, sagte Matt mit sanfter Stimme. »Und er darf nachts in meinem Bett schlafen, falls er Schmerzen hat. So höre ich ihn auf jeden Fall.«
»Ich halte das für eine großartige Idee«, stimmte Tim viel zu begeistert zu. »Nachts ist es am gefährlichsten, wenn man sich von einer Operation erholt.«
»Ganz genau!« Bill klang leicht amüsiert. »Könnt ihr dann bitte alle einmal ins Wartezimmer gehen? Ich muss… Paco noch mal… untersuchen, bevor wir ihn entlassen können, und ich glaube, er wäre für ein paar Minuten Ruhe ganz dankbar.«
Nach und nach verließen alle den Raum. Roman spürte, dass er mit Bill allein war, und öffnete die Augen. Es fühlte sich an, als wären seine Augenlider aus Blei – Blei und an der Rückseite Sandpapier. Er brauchte Schlaf.
Bill beugte sich über ihn und seufzte. Sanft rieb er über Romans Rücken. »Okay, hör zu, Roman. Ich habe keine Ahnung, was passiert ist, aber ich weiß, dass du dich verwandelt hast, nachdem du angeschossen wurdest. Du hattest sehr, sehr großes Glück, dass du dabei nicht draufgegangen bist.«
Bills Miene war ernst. Roman winselte. Das hatte er gewusst, aber er hatte keine andere Wahl gehabt.
»Wir werden diesen Fehler also nicht wiederholen, nicht wahr? Du wirst dich in absehbarer Zeit nicht verwandeln, nicht, bis die Knochen in deiner Schulter verheilt sind. Verstanden?«
Roman hechelte.
»Ich möchte, dass du es nicht einmal versuchst, bevor ich dir grünes Licht gegeben habe. Und lass dich ja nicht von Lance unter Druck setzen, es zu tun. Was auch immer du zu sagen hast, wird jetzt einfach warten müssen.«
Wie aufs Stichwort schlüpfte Lance durch die Tür. Bill wirkte nicht überrascht. »Hast du vor der Tür gelauert? Wenn du gehört hast, wie ich Roman angewiesen habe, sich nicht zu verwandeln – das meine ich ernst. Mit Glück und Therapie wird er seinen rechten Arm wieder benutzen können. Aber wenn er sich während des Heilungsprozesses verwandelt, kann er ihn auch gleich abschreiben.« Bill schnaufte. »Das sollte kein Wortwitz sein.«
Lance grummelte, widersprach aber nicht. Er beugte sich über Roman, um ihn anzusehen. In Lance' blauen Augen loderte Wut. »Du tust, was Bill gesagt hat, verstanden, Roman? Du musst dich ausruhen. Also, wenn Charlie deiner Fährte von Matts Haus aus folgt, wird er denjenigen finden, der dich angeschossen hat?«, fragte er leise.
Roman wedelte einmal mit seiner linken Vorderpfote. Ja. Seine Spur würde Charlie zu der Miethütte am Piney Top Drive und zu seinem Wagen führen, falls die Verbrecher ihn nicht längst weggefahren hatten. Er wollte Lance sagen, dass diese Männer gefährlich waren – sehr gefährlich. Er wollte ihm sagen, dass sich der Rothaarige nach den Polizeibeamten der Stadt erkundigt hatte. Er wollte ihm von dem großen Mann mit der Pistole erzählen, den er hatte töten müssen, um zu entkommen und ihr Geheimnis zu bewahren. Er wollte sagen, dass es ihm leidtat. Aber er konnte überhaupt nichts sagen.
Lance runzelte die Stirn und verengte nachdenklich die Augen. »Hat das etwas mit diesen beiden Männern zu tun, nach denen wir gestern gesucht haben?«
Roman streckte wieder die Pfote in die Luft. Ja. Dann winselte er. Sei vorsichtig.
»Okay, hör zu, ich verstehe, dass das wichtig ist, Lance, aber er braucht jetzt wirklich Schlaf.«
Lance nickte. »Okay, Doc.« Erstaunlicherweise beugte er sich vor und gab Roman einen Kuss auf die Stirn. »Ich bin froh, dass du wieder auf die Beine kommst. Wir brauchen dich, Roman. Erhol dich und mach dir keine Sorgen. Ich halt dir den Rücken frei.«
Mit einem verdächtig emotionalen Schniefen verließ Lance den Raum.
Bill lächelte auf ihn herab. »Schlaf jetzt, Roman.«
Mit einem dankbaren Seufzen gehorchte Roman.