»Lexi, da winkt einer!«, rief Tim, als sie über die Steine zwischen den Dünen zurückkletterten.
»Wo denn? … Oh! Wolf!« Glücklich sah Lexi ihren Bruder auf sie zukommen. Er lief ihr entgegen, hob sie hoch und schwenkte sie im Kreis, als wäre sie noch das kleine Mädchen von früher.
»Hey, lass mich runter!« Aber sie lachte und drückte ihn genauso fest. »Lange nicht gesehen, Großer!«
»Ich muss jetzt aber nicht Alexandra zu dir sagen, oder?«, fragte er.
»Untersteh dich!« Sie knuffte ihn in die Seite. Alexandra und Wolfgang, das sagte niemand außer ihrem Vater, wenn er ärgerlich war. Und das war er oft. Aber Lexi und Wolf, das war ein unschlagbares Team.
»Das sind Tim und Leo«, stellte Lexi vor.
»Hast du wirklich ein Motorrad?«, fragte Leo.
»Ja, steht am Haus. Könnt ihr nachher gerne ansehen.«
»Wir wollten gerade Fischbrötchen holen«, sagte Lexi.
»Perfekt, da komme ich mit.«
Zusammen wanderten sie die Promenade entlang. Die Zwillinge rannten voraus.
»Geht es dir gut, Wolf?«
Lexi fand, dass ihr Bruder müde aussah. Aber normalerweise schlief er ja um diese Tageszeit auch. »Wirst du vielleicht ein bisschen zu alt für einen Clubbesitzer?«
»Ich und alt? Tsss, Lexi!« Aber er grinste ein wenig schief. »Wenn es dich beruhigt, ich habe einen Manager eingestellt, der mich etwas entlastet.«
»Wirklich? Läuft der Club so gut?«
Wolf war zehn Jahre älter als sie. Mit neunzehn hatte er sein Studium abgebrochen und war zum Entsetzen seiner Eltern nach Berlin gegangen. Da schossen die Clubs nach der Wende wie Pilze aus dem Boden. Das war Wolfs Traum. Er war gerade noch auf diesen Zug aufgesprungen, hatte aus den Fehlern derjenigen gelernt, die vor ihm damit gescheitert waren, und hatte Erfolg gehabt. Die besten DJs kamen zu ihm, weil sie ihn mochten. Dafür war er anscheinend geboren – für Unterhaltung zu sorgen, für eine ungezwungene, fröhliche Atmosphäre. Das genaue Gegenteil von dem, was ihr Vater für richtig hielt. Wolf jedoch genoss es und scheute dafür weder harte Arbeit noch schlaflose Nächte. Lexi bewunderte ihn für seinen Mut und dass er so genau wusste, was er wollte.
Ihr Vater hatte damals jeden Kontakt zu ihm abgebrochen, und Lexi hatte seitdem allzu oft zu hören bekommen: »Du wirst ja wie dein Bruder!«.
Jetzt wünschte sie, sie wäre wirklich so wie er. Denn sie wusste im Augenblick gar nicht mehr genau, was sie wollte.
»Ja, der Club läuft gut«, erwiderte er. »Zum Glück konnten wir auch den Pachtvertrag verlängern. Lexi, ich …« Er blieb stehen und sah sie an. »Ich werde Vater. Und ich werde Alika heiraten.«
»Oh.« Lexi versuchte, das zu verdauen. Was würden ihre erzkonservativen Eltern wohl zu einer afrikanischen Schwiegertochter sagen? Aber dann dämmerte es ihr. Sie wurde Tante! »Wolf, das ist ja … Hurra! Juchu!« Sie hüpfte auf und ab und umarmte ihn dann.
»Hey, du schnürst mir die Luft ab! Wie schön, dass du dich so freust.« Er sah erleichtert aus. »Dann kommt wenigstens einer aus meiner Familie zur Hochzeit.«
»Worauf du dich verlassen kannst. Ich mag Alika sehr. Und sie ist so wunderschön!«
Wolfgang lachte und wuschelte ihr wie früher durch den ohnehin zerzausten, von der Inselsonne stets weißblonden Schopf. Sie ließ ihren langen Bob immer stufig schneiden, weil eine andere Frisur bei dem ständigen Wind einfach nicht funktionierte. So sah es wenigstens gewollt wild aus. »Du brauchst gar nicht so bescheiden zu tun«, sagte er. »Wer kann schon mit deinen meergrünblaugrauen Augen mithalten, die mit den Wolken die Farbe wechseln?«
»Das nützt gar nichts. Oh – wo sind die Jungs?«, fragte sie erschrocken.
»Da vorne, sie sind auf den Steg gelaufen. Ich sehe sie.« Wolf steckte zwei Finger in den Mund und ließ einen lauten Pfiff los. Die Jungs blickten auf, und er winkte sie energisch heran.
»Sie kennen dich keine zehn Minuten, und schon hören sie auf dich«, stellte Lexi fest. »Du hättest auch Lehrer werden sollen.«
»Was ist denn mit dir?« Er sah sie prüfend von der Seite an, während sie weitergingen. Die Jungs hatten vorn die Fischbrötchenbude entdeckt und kletterten am Geländer herum. »Ist Frank wirklich endgültig gegangen?«
»Ja. Nach London. Und den Fotos im Netz nach zu urteilen ist er da auch nicht einsam. Aber es ist nicht seine Schuld. Eigentlich hat er lange durchgehalten. Er hat es mir oft genug gesagt, dass ihm das hier auf Dauer nicht reicht.«
»Was denn genau?«, fragte Wolfgang finster.
»Ein Leben zwischen der Arbeit in Heiligenhafen und den Wochenenden auf Fehmarn mit meinen Schülern. Das ist mein Leben, nicht seins. Er will die Welt sehen. Was erleben. Er ist ein Großstadtmensch. Wie du. Das ist schon okay.«
»Und wie geht es dir damit? Ich will nicht, dass meine kleine Schwester traurig ist.«
»Ich gewöhne mich dran. Ich glaube … ich denke, Frank ist auf Dauer auch nicht mein Leben. Wahrscheinlich ist es gut für uns beide, dass er eine Entscheidung getroffen hat. Er hat mich gefragt, ob ich mitkomme. Da wusste ich sofort, dass ich es nicht kann. Wenn er mir so wichtig gewesen wäre, hätte ich doch ja gesagt, oder?« Manchmal kamen ihr immer noch Zweifel.
Wolf legte ihr den Arm um die Schultern. »Ich bin mir sicher, du hast es richtig gemacht. Bestimmt wartet etwas anderes auf dich. Du wirst es herausfinden. Ich bin da sehr zuversichtlich.«
Sie musste lachen. »Na, dann kann ja nichts schiefgehen.« Aber sie fühlte sich seltsam getröstet. Wolfs Instinkt trog selten.
Und sie hatte selbst den merkwürdigen Eindruck gehabt, hier auf etwas zu warten.
»Da seid ihr ja endlich. Können wir eine Cola haben?«, fragte Leo.
Mit den Brötchen liefen sie zurück zum Strand, setzten sich auf den Steg und ließen die Füße ins Wasser baumeln. Mehr brauchte man doch nicht, um glücklich zu sein, dachte Lexi. Ihr Bruder neben ihr. Segel am Horizont, freudestrahlende Kitesurfer um sie herum, Möwengeschrei und Frühlingshimmel. Die Menschen am Strand trugen ein Lächeln im Gesicht, von jenen, die noch nicht richtig laufen konnten, bis hin zu jenen, die es kaum noch konnten. Hier gab es für alle eine Portion Glück, Luft und Freiheit. Viele dieser Menschen hätten ihr Leben womöglich sofort gegen ihres eingetauscht.
Als Leo sich die Finger leckte, das leere Papier in den Mülleimer brachte und nach Eis verlangte, sprang Wolf auf. »Ich lade euch ein«, verkündete er.
Tim aber blieb stehen und starrte interessiert in den Sand. »Hier war ein Wildschwein«, erklärte er.
Lexi betrachtete die deutliche Spur. »Nein, das war ein Reh.«
»Ein Reh am Strand? Aber Lexi, die wohnen doch nur im Wald!«
»Auch. Sie kommen hier oft an den Strand. Lasst uns zurückgehen, ich zeig euch was im Garten.«
»Warte«, sagte Wolf. »Hast du schon etwas zum Abendessen geplant? Ich habe nämlich Vollkornbrot mitgebracht, frisch vom Bäcker. Und die Quarkeria hat schon offen.«
»Wirklich?« Lexi strahlte. »Darauf freue ich mich schon den ganzen Winter.« Sie sauste um die Ecke und stellte fest, dass Wolf sich nicht geirrt hatte. Die Jungs folgten ihr neugierig. »Quakeria, ist das was mit Fröschen?«
»Nein.« Lexi lachte und wies auf das Schild. »Quarkeria. Da gibt es alle möglichen leckeren Sorten Quark.«
Leo zog ein Gesicht. »Iih, das ist ja gesund.«
»Das schmeckt aber nicht gesund, wirst schon sehen«, versprach Lexi. »Es gibt ganz viele verschiedene Sorten. Sogar mit Kokosnuss. Das mögt ihr doch. Und mit Schokostreuseln. Aber ich nehme den mit Mandarinen, der schmeckt mir am besten.«
Am Ende entschieden sie sich alle für Quark mit Mandarinen und Schokostreuseln. Obwohl das Anstehen dauerte, beschlossen die Jungs beim Probieren, dass es sich gelohnt hatte. »Jetzt stellen wir das aber erst mal in den Kühlschrank«, sagte Lexi.
»Und ich krümel noch das Vollkornbrot rein«, sagte Wolf.
»Was wolltest du uns denn zeigen, Lexi?«, erkundigte sich Tim später, nachdem sie Wolfgangs Motorrad ausführlich bewundert und ihn Löcher in den Bauch gefragt hatten.
»Ach ja. Kommt mal mit.« Geheimnisvoll winkte sie die Kinder durch den Garten ganz ans Ende des Grundstücks, dorthin, wo beinahe schon die Felder begannen. Sie sah auf die Uhr.
»Wir verstecken uns jetzt hier hinter dem Weidenbusch und sind ganz still. Ihr könnt euch da auf den Findling setzen.«
»Worauf warten wir denn?«, fragte Leo, dem es schwerfiel, stillzusitzen.
»Psst.« Lexi legt einen Finger auf die Lippen. »Gleich geht es los! Bald beginnt die Dämmerung, dann kommen sie.«
»Wer …«, begann Tim noch, aber dann stupste ihn sein Bruder in die Seite und zeigte auf den Zaun.
Durch eine Lücke trat ein Reh, sah sich um und begann zu weiden, ein zweites und ein drittes folgten. Gebannt sahen die Zwillinge zu, während Abendduft aus dem feuchten Gras stieg und eine Amsel zu singen begann. Lexi freute sich über den Ausdruck in ihren Gesichtern. Für den Moment schienen sie all ihre Sorgen und Schwierigkeiten vergessen zu haben. Das möchte ich gern viel mehr Kindern schenken, immer und immer wieder, dachte sie.
Die Jungs blieben mucksmäuschenstill, bis die Rehe wieder zum Zaun hinausgeschlüpft waren.
»Oh, Lexi!«, flüsterte Leo mit leuchtenden Augen. »Das war so schön. Kommen die jeden Tag?«
»Nein, aber sehr oft. Die meisten Menschen vertreiben Rehe aus ihren Gärten, das kann ich auch gut verstehen, weil sie manchmal die Blumen fressen oder das Gemüse. Aber hier in Valentinas Garten war es schon immer Tradition, dass dieser Streifen am Zaun für die Rehe bleibt. Dafür lassen sie die anderen Pflanzen meist in Ruhe. Nur zweimal im Jahr wird die Wiese gemäht, damit alle Kräuter dort wachsen können, die sie gern haben.«
»Was fressen sie denn am liebsten?«, wollte Tim wissen.
»Zum Beispiel Hornklee, Schwedenklee, Spitzwegerich, Wiesenplatterbse, Wilde Möhre, Weißklee und Löwenzahn.« Lexi ging von Pflanze zu Pflanze und zeigte darauf. »Wir achten hier immer drauf, dass genug davon auf der Wiese wächst, und wenn eine Sorte davon verschwindet, holen wir sie woanders her und pflanzen sie wieder ein.«
»Dann ist das so eine Art Quarkeria für Rehe«, sagte Leo zufrieden.
Lexi lachte. »Kann man so sagen.«
»Und deswegen ist das Reh auf dem Tor drauf«, stellte Tim fest.
»Genau.«
Wolfgang erschien mit dem Horn des Nachtwächters und ein paar Mundstücken in einer Tasse. »Lexi, ist es nicht langsam Zeit hierfür?«
»Aber vorher müssen die Jungs sich die Hände waschen und Haare kämmen«, verlangte Lexi. »Das ist ein feierlicher Moment, wenn man den Tag verabschiedet und die Nacht begrüßt. Wenn sich die Blüten im Garten schließen und bald die ersten Sterne auftauchen. Der Augenblick zwischen Tag und Nacht und umgekehrt erinnert uns daran, was für ein Wunder es ist, lebendig zu sein.«
»In einer Welt, in der es Eis und Quark und Barfußgehen gibt«, fügte Wolf hinzu.
»Du hast recht.« Lexi hatte für einen Augenblick vergessen, dass sie zu zwei kleinen Jungs sprach. Aber Leo nickte ernst. »Ich weiß, was du meinst, Lexi! Wenn die Sterne rauskommen, merkt man, wie weit weg sie sind. Und dass da so viel Platz im Weltraum ist.«
»Leo wird mal Astronaut«, erklärte Tim. »Ich nicht, ich werde lieber Taucher und ziehe die Skelette und die Motorräder heraus, die die Menschen ins Wasser schmeißen.«
Nachdem das mit dem Händewaschen und Haarekämmen erledigt war, stiegen sie zum Strand herunter. Leo stellte sich stolz auf einen Findling und blies voller Ehrfurcht, so kräftig, wie er konnte, in das Horn, dann gab er es widerstrebend an Tim weiter. Nicht ganz so laut wie sonst und ein bisschen quietschig, aber doch sehr beeindruckend flogen die Töne auf das Meer hinaus, in dem sich silbern das letzte Licht des Tages und der erste Stern spiegelten.
Es war ein guter Tag gewesen, dachte Lexi.
Nach der anstrengenden Zeit an der frischen Luft waren die Jungs schnell eingeschlafen, nachdem sie ihnen noch eine kurze Geschichte erzählt hatte. Sie ging leise hinunter zu Wolfgang, der mit lang ausgestreckten Beinen auf der Bank an der Hauswand saß.
»Ist noch was vom Quark übrig?«, fragte er.
»Nein, es ist alles weg.« Lexi setzte sich neben ihn und reichte ihm einen Teller. »Es gibt aber noch Friesenkekse.«
»Auch gut.« Sie saßen eine Weile in kameradschaftlichem Schweigen nebeneinander.
»Schön ruhig hier«, sagte Wolfgang schließlich.
»Ich dachte, du magst es laut?«
»Vielleicht werde ich älter.«
»Sag bloß. Ich auch.«
Er lachte auf. »Echt jetzt?« Dann wurde er ernst. »Was bedrückt dich, kleine Schwester? Ist es doch wegen Frank? Vermisst du ihn?«
»Was, wenn er recht hat?« Im Dunkeln war es leichter, darüber zu sprechen. Lexi griff nach der Decke unter der Bank und breitete sie über ihre Beine. Vom Meer stieg Abendkühle auf. Immer mehr Sterne wurden sichtbar. Eine Fledermaus zog hungrige Kreise über dem Flieder.
»Inwiefern?«
»Dass mein Leben hier einfach im Sande verläuft. Dass sich nie mehr etwas ändert. Dass ich niemals machen werde, was ich eigentlich will. Ganz im Gegensatz zu dir. Warum bin ich nicht wie du?«
»Weil du was Besonderes bist.« Wolf beugte sich vor und versuchte, ihren Gesichtsausdruck zu erkennen. »Was willst du denn, kleine Schwester?«, fragte er sanft. »Was willst du auf einmal so unbedingt, dass du an deinem Lieblingsort so unglücklich klingst?«
»Ich bin nicht unglücklich. Das könnte ich hier nie sein. Nur ich merke, dass ich noch so viel mehr will.« In der Dämmerung leuchteten die weißen und gelben Tulpen und die Osterglocken, als wären einige der Sterne vom Himmel gefallen. Sie brauchte nur die Hand danach auszustrecken. Wenn es doch mit anderen Dingen auch so einfach wäre!
»Wolf, du weißt, wie sehr ich diesen Garten liebe. Und dass ich versprochen habe, ihn zu hüten. Aber er war eben schon fertig, als ich ihn übernommen habe. Da ist kein Raum mehr, etwas Neues zu schaffen.«
»Aber Lexi, du hast ihm längst deinen Stempel aufgedrückt. Nimm nur die Süßkartoffeln. Und deine Kräuterspirale und das Gemüsebeet. Das gab es vorher alles nicht. Es war doch ein reiner Blumengarten, wenn ich mich richtig erinnere.«
»Ja, schon. Aber ich brauche Platz. Viel Platz. Und den gibt es hier nicht. Ich habe nicht Pädagogik studiert, um einfach nur Sachkunde und Biologie vor der Tafel zu lehren. Ich möchte mehr Praxis vermitteln. Weißt du, da gibt es so eine Journalistin, die sendet neuerdings regelmäßig kurze Filme in die Schulen, Lehrfilme. Zum Teil aus einem Garten im Spreewald und zum Teil aus Hiddensee. Da bauen sie gerade einen neuen Garten auf. Sie nennt diese kurzen Filme ihre ›Neugierige Minute‹. Es sind unheimlich schöne Aufnahmen, und die Kinder sehen sehr gerne, wie eine Libelle schlüpft oder wie Sonnenblumen aus Samen wachsen. Sie erzählt von Eidechsen und von Insekten und zeigt das alles sehr anschaulich.«
»Und das interessiert die Kinder wirklich?«, fragte Wolfgang erstaunt. »Ich hätte gedacht, dass die das langweilig finden. Mögen die nicht lieber Abenteuergeschichten oder so was? Oder Videospiele?«
»Die spielen zu Hause so viel Videospiele, dass ihnen das inzwischen langweiliger ist, als eine Süßkartoffel in einen Blumentopf zu pflanzen und zu beobachten, ob sie wächst. Und außerdem ist das alles auch ein Abenteuer. Jedenfalls so wie Linnea Joneleit es in ihren Filmen darstellt. Aber das sind nur Bilder, verstehst du? Was diese Kinder brauchen, ist Praxis! Sie müssen die Erde spüren und riechen können und die Pflanzen gießen und ernten oder pflücken, wenn sie Erfolg haben. Sie müssen an die frische Luft und nicht nur vor einem Bildschirm sitzen. Mit dem Wissen, das sie im Unterricht erwerben, möchte ich sie hinausbringen. Auf die Natur loslassen. Die leben in der Stadt und haben keine Ahnung mehr davon. Wie sollen unsere Städte da wieder lebenswerter werden? Dafür bin ich doch Lehrerin geworden. Ich möchte, dass die Kinder glücklich sind und lernen, gleichzeitig etwas für ihre Gesundheit und für die Umwelt zu tun. Das ist alles nicht neu, aber es wird zu wenig gemacht.«
»Aha. Und dafür brauchst du Platz.«
Lexi sprang auf und fing an, auf der Terrasse hin und her zu laufen. »Ja, ich möchte, dass die Kinder Zelte aufschlagen und darin schlafen und morgens die Vögel hören. Ich will, dass sie ein Stück Wiese sehen, die Pflanzen kennenlernen und die Insekten zählen. Ich möchte miterleben, wie sie ein richtig großes Gemüsebeet anlegen, mit ganzen Reihen aus Möhren und Feldsalat und Radieschen. Und Sonnenblumen düngen, die doppelt so hoch werden wie sie selbst. Dass sie Insektenhotels und Baumhäuser bauen und die Sterne zählen, wo man sie sieht und es nicht die ganze Nacht so hell ist, dass die Amseln sogar noch um Mitternacht singen. Ich muss es schaffen, dass sie Klassenfahrten aus der Stadt heraus machen können oder Wandertage oder Praktika. Freiwillige Wochenenden. Sommerfeste. Tage mit ihren Eltern, an denen sie ihnen alles zeigen können. Es gäbe tausend Möglichkeiten!«
»Möchtest du?« Wolf hielt ihr den letzten Keks hin.
Lexi schüttelte den Kopf.
»Jetzt verstehe ich, wofür du so viel Raum brauchst. Das klingt doch toll, Lexi. Und die Kinder, die so etwas bitter nötig hätten, die sehe ich jeden Tag in der Stadt. Aber dafür fehlt dir nicht nur Platz. Dafür brauchst du auch finanzielle Mittel.«
»Ich weiß. Und ich werde wohl kaum jemals so viel ansparen können! Es bräuchte also erstens ein Wunder, und zweitens habe ich ja versprochen, mich um dieses kleine Paradies hier zu kümmern.« Lexi sah sich um. »Außerdem könnte ich es sowieso nie im Stich lassen.«
»Nein, das kann ich mir auch nicht vorstellen. Aber Lexi, vielleicht könntest du zeitweise woanders mitarbeiten. Vielleicht dieser Journalistin helfen, von der du erzählt hast, in ihrem Garten. Oder ganz woanders.«
Lexi setzte sich wieder. Auf einmal war sie müde. »Ich glaube nicht, dass das neben meiner Arbeit funktionieren würde. Und dem Garten hier. Außerdem, ich will etwas ganz Eigenes. Ich möchte die Ideen, die ich habe, selbst umsetzen. Ja, ich würde natürlich Hilfe brauchen, aber ich möchte es genau so machen, wie ich es mir vorstelle. Wahrscheinlich habe ich diese Eigenschaft von Vater. Er hat ja schließlich auch gute Seiten. Ich fürchte aber, das wird noch zehn Jahre warten müssen. Oder zwanzig. Wahrscheinlich hast du recht. Ich sollte einfach Gleichgesinnte finden und irgendwo mitmachen.«
»Ich wünschte, ich könnte dein Sponsor sein«, sagte Wolf. »Aber jetzt, wo ich eine Familie habe und die Mietpreise in Berlin immer höher werden, wird das wohl in absehbarer Zeit auch nicht möglich sein.«
»Das sollst du auch nicht. Ich muss das allein schaffen. Du machst mich zur Tante, das ist erst mal ein Riesending. Wahrscheinlich gibt mir das so viel Auftrieb, dass ich im Handumdrehen ein Vermögen erwirtschafte. Ich weiß nur noch nicht, womit.«
»Vielleicht ernten deine Jungs ja genug Süßkartoffeln, um sie auf dem Markt zu verkaufen«, witzelte Wolfgang und gähnte herzhaft. »Lass uns schlafen gehen, Lexi. Heute lösen wir unsere Probleme nicht mehr.«
Lexi umarmte ihn. »Es tut mir leid, dass Vater wohl nicht zu deiner Hochzeit kommen wird. Aber ich rede mit Mama. Da muss doch was zu machen sein. Sie ist nicht so.«
»Nein, sie wird nicht riskieren, dass er schlechte Laune bekommt. Lass es lieber. Es ist ja noch ein bisschen Zeit bis dahin. Ich überleg mir was. Gute Nacht, kleine Schwester. Eins noch, Lexi. Ich glaube nicht, dass Pia dir den Garten gegeben hat, damit du deine Träume aufgibst! Eher, damit sie in Ruhe wachsen können. Gib ihnen diese Ruhe. Und dann denke daran, was die Tradition des Gartens ausmacht.«
Lexi sah nach den Jungs, die tief und fest schliefen. Dann verkroch sie sich in ihr eigenes Bett. Dort lag sie wach und dachte daran, wie viel Freude die zwei an diesem Tag gehabt hatten. So erfüllte sich immerhin der Sinn des Gartens, wie er seit Valentinas Zeiten gedacht war.
Genauso, wie es auch für sie immer gewesen war.
Lexi dachte zurück an die Zeit, als sie selbst sogar noch ein wenig jünger gewesen war als die Zwillinge. Seit sie denken konnte, waren sie von Bremen aus, wo ihr Vater seine Firma hatte und ihre Eltern immer noch wohnten, stets in die Ferienwohnung der Eltern am Südstrand gefahren, an jedem Wochenende, in jeden Ferien. Es waren glückliche Zeiten gewesen, aber dann fing der Streit zwischen Wolfgang und ihren Eltern an. Lexi konnte es nur schwer ertragen, wenn sie einander anschrien oder sich feindselige, schweigsame Spannung breitmachte. Dann flüchtete sie an den Strand und mit der Zeit auch ein Stück weiter die Promenade entlang, immer weiter bis zu diesem Strandabschnitt, wo kaum noch Sand war und weniger Menschen. Die Ruhe hier tat ihr wohl.
Eines Tages hatte sie vor dem Tor mit dem Reh gestanden. Sie hatte die Schrift entziffert. »Valentinas Garten«. Und dann war die Frau dahinter aufgetaucht in einer Gärtnerschürze und mit einem Strohhut, genau wie der Gärtner in einem ihrer Bilderbücher. Sie hatte eine sehr große Schere in der Hand und schnitt damit Äste von einem Busch. Ihre Stimme war freundlich, als sie sagte: »Hallo, wer bist du denn?«
»Ich bin die Lexi. Bist du die Valentina?«
»Nein. Valentina hat vor langer Zeit hier gelebt. Aber ich passe jetzt auf ihrem Garten auf. Ich heiße Pia. Möchtest du hereinkommen? Ich habe Kirschsaft. Aus Kirschen, die hier gewachsen sind.«
Lexi zögerte. Sie durfte doch nicht mit Fremden mitgehen. Aber Pia war kein Mann, auch wenn sie diese Schere ziemlich furchteinflößend schwang. Und außerdem konnte Lexi nicht widerstehen.
Als Pia das Tor öffnete, lag dahinter eine Welt, die so bunt und duftend, so aufregend und einladend war, dass ganz bestimmt niemand der Versuchung hätte widerstehen können.
Staunend war sie Pia zum Haus gefolgt. Die Sonnenblumen rechts und links vom Weg standen so hoch, dass sie Lexi um einiges überragten. Überall blühten große Büschel aus Blumen in Rosa und Blau, flammendem Rot und leuchtendem Gelb. So einen Garten hatte Lexi noch nie gesehen. Im Garten ihrer Eltern gab es nur kurzgeschorenen Rasen, und auf dem durfte noch nicht einmal ein Gänseblümchen wachsen. Die stach ihre Mutter sofort mit einem scharfen Messer aus. Die Beete rundherum waren schnurgerade. Es standen nur ein paar dünne Rosen darin und ein paar Töpfe mit Geranien auf der Terrasse. Dass ein Garten so bunt und lebendig und fröhlich aussehen und so duften konnte wie dieser hier, das hatte Lexi nicht geahnt. Sogar ein kleiner Brunnen plätscherte heiter vor sich hin. Daneben gab es eine Hollywoodschaukel mit vielen bunten Kissen. »Setz dich doch, wenn du möchtest«, sagte Pia. »Ich hole den Saft.«
»Da rein?«, hatte Lexi sie erstaunt gefragt. Die Schaukel mit den Kissen sah aus, als wäre sie für eine Prinzessin gedacht.
»Na klar, dafür ist sie doch da«, hatte Pia gesagt und war im Haus verschwunden. Lexi hatte sich vorsichtig zwischen die Kissen gekuschelt und die Schaukel ein bisschen angestupst. Ihre Füße reichten gerade bis nach unten. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie im Himmel angekommen war. Besonders, als sie den Kirschsaft kostete, der nach Glück und Sommer und endlosen Ferien schmeckte.
»Du kannst jederzeit wiederkommen, Lexi«, hatte Pia versprochen, nachdem Lexi gesagt hatte, dass sie gehen musste. Ihre Eltern würden sie vermissen, wenn sie nicht bald zurück in der Ferienwohnung war. »Wenn du öfter kommen möchtest, dann könntest du mir aber mal deine Eltern vorstellen, damit sie wissen, wo du bist«, hatte Pia vorgeschlagen.
Also hatte Lexi ihre Eltern auf dem nächsten Spaziergang bis zu Valentinas Garten geschleppt.
»Ziemlich unordentlich hier«, hatte ihr Vater missbilligend gesagt, als er über den Zaun blickte.
Aber Pia wusste mit ihm umzugehen. Sie verwickelte ihn in ein Gespräch über Markisen, denn Lexi hatte ihr erzählt, dass ihr Vater ein Geschäft für Markisen und Sonnensegel hatte. Als Pia an jenem Tag ihre Eltern verabschiedete, hatte das Ehepaar Rehling ihr einen Sonnenschirm verkauft und Lexi die Erlaubnis gegeben, Pia gelegentlich zu besuchen.
»Eine etwas schrullige Dame, aber ich gehe davon aus, dass sie dir keinen Unfug erlaubt«, hatte Vater zu Lexi gesagt. »Aber gib acht, dass du ihr nicht zur Last fällst, Alexandra.«
Von da an verbrachte sie so viel Zeit wie möglich bei Pia, die versicherte, dass Lexi sie nicht störe. »Du hilfst mir ja«, hatte sie gesagt und Lexi kleine Aufgaben zugeteilt. Die Sonnenblumen gießen. Die wuchernde Vogelmiere aus den Bodendeckern ziehen. Die Grashalme von den Grasnelken unterscheiden. Die Rehe beobachten, ob es ihnen auch gut ging. Blätter harken und den Kompost sieben. Es gab unendlich viel zu tun, und alles war spannend.
Im nächsten Frühling durfte sie sogar selbst Löwenmäulchen und Ringelblumen aussäen. Von Pia lernte Lexi überhaupt erst die Namen der Blumen. Und dass Blumen Bedürfnisse hatten wie Menschen auch.
»Sieh mal. Das ist eine Sonnenblume, wie du weißt.« Pia hatte ihr die Blume gezeigt, die bis über die Dachkante hinausreichte. »Und jetzt komm mal mit.« Sie waren um das Haus herumgegangen, und dort stand eine andere Sonnenblume. »Das ist ihre Zwillingsschwester. Sie ist aus einem Samenkorn gekeimt, das aus derselben Blüte stammt. Aber sie hat weniger Licht, und die Erde ist auch nicht so gut. Siehst du, wie klein sie geblieben ist?«, erklärte Pia.
Lexi staunte über den großen Unterschied. Wolfgang war auch viel größer als sie, aber der war ja viel älter und nicht gleichzeitig gepflanzt worden.
»Die Blumen können sich nicht aussuchen, wo sie wachsen, deshalb ist es wichtig, dass man dafür sorgt, dass sie alles haben, was sie brauchen. Aber merk dir eins, kleine Lexi«, hatte Pia gesagt. »Du bist keine Pflanze! Du kannst dir später einmal selbst aussuchen, wo du gut wachsen kannst. Du weißt ja jetzt, dass es auch vom richtigen Standort abhängt.«
Daran musste Lexi jetzt denken.
Ihr Bruder hatte offenbar den richtigen Standort für sich gefunden. Aber was war mit ihr selbst? Es ging ihr gut hier. Hier im Garten und auch in Heiligenhafen an der Schule. Doch war das schon der beste Standort für sie? Konnte sie denn hier noch wachsen? Sie war zu jung, um schon mit dem Wachsen aufzuhören. Denn Pia hatte natürlich nicht nur das körperliche Wachsen gemeint.
»Wenn sie am richtigen Ort stehen und Licht bekommen und den richtigen Dünger, dann ist auch ihre Farbe leuchtender und satter, siehst du? Nur dann kann die Blüte sich richtig ausformen und ausfärben, und nur dann wird sie viele gute Samen produzieren, aus denen die Sonnenblumen für das nächste Jahr wachsen und so auch das Futter für die Vögel. Es ist wichtig, dass jeder seinen optimalen Standort findet, soweit es in seiner Macht liegt. Gib dich nicht mit weniger zufrieden, solange du noch etwas ändern kannst. Wenn die Wurzeln erst zu tief in der Erde sind, dann wird es immer schwieriger.«
Lexi hatte damals nicht alles verstanden, was Pia ihr gesagt hatte. Aber Pia hatte es noch manches Mal auf die eine oder andere Art wiederholt. Außerdem war sie jemand, deren Worte man nicht vergaß, sondern irgendwo im Kopf aufbewahrte, bis man sie gebrauchen konnte.