Sie war nur ein paar Tage im Oderbruch gewesen, und doch war es ihr lange erschienen. Nun war sie wieder hier. Sila blieb vor dem Tor mit dem Reh stehen, schloss die Augen und atmete tief ein. Dieser Geruch der sonnenwarmen Holzlatten des alten Zauns! Der roch jetzt schon nach Geborgenheit, nach Zuhause. Seltsam, aber wenn sie in den paar Tagen auf dem Wickenhof an Fehmarn und Valentinas Garten gedacht hatte, dann war ihr dieser Duft als Erstes in den Sinn gekommen.
Die Sonnenblumen am Gartenweg grüßten sie still, und auch das Haus schien sie willkommen zu heißen, als sie aufschloss. Sie sah zuerst nach den Seepferdchen, die sich ebenso gelassen und zufrieden in ihrem grünblauen Reich bewegten, wie Sila sich hier fühlte.
»Ich darf mich noch nicht zu sehr daran gewöhnen«, sagte sie zu Aton, während sie ihm eine Garnele gab. »Noch ist ja nichts beschlossen.«
Sie wusste, dass Hummeln einen Trick hatten, um zu beschleunigen, was ihnen wichtig war. Hummeln waren im Frühling lange vor den Bienen unterwegs, wenn es noch kaum Blüten gab. Dann knabberten sie die Blätter von bestimmten Pflanzen an und injizierten dabei einen Stoff, der die Pflanzen dazu brachte, einen halben bis ganzen Monat früher zu blühen. Das klappte zum Beispiel bei Senf und bei Tomaten. Wissenschaftler hatten versucht, das nachzuahmen, aber es hatte nicht funktioniert. Sila hätte die Dinge jetzt auch gern so einfach angeknabbert und beschleunigt. Sie sehnte sich nach Gewissheit, nach einer sicheren Zukunft. Doch das mit dem Test war ja ihr eigener Vorschlag gewesen. Alles andere wäre Lexi gegenüber auch nicht fair gewesen.
Sila beschloss, erst einmal die Wochen zu genießen, die sie jetzt auf Fehmarn hatte. Sie hatte Lexi gefragt, ob sie den Garten ein wenig bienenfreundlicher gestalten durfte. »Nur ein paar entsprechende Pflanzen in die Lücken und einen geschützten Sandplatz. Und eine Totholzecke am Rande der Rehwiese, da fällt sie nicht auf.«
»Alles, was du willst. Ist mir sehr recht. Ich mache daraus dann gleich eine Unterrichtseinheit«, hatte Lexi gesagt.
»Weißt du, wo hier eine Gärtnerei ist?«, fragte Sila Rasmus, als sie sich abends ein Fischbrötchen holte.
»Na klar, es ist gar nicht weit. Soll ich dich morgen fahren?«
»Das wäre wunderbar.« Sila biss in ihr Brötchen. »Wenn ich wirklich hierherziehe, brauche ich wohl ein Auto.«
»Das fände ich schön. Wenn du hierbliebest.« Da waren wieder diese Lachfältchen.
Sie hatten viel Spaß in der Gärtnerei, und im Wagen häuften sich die Pflanzen. Borretsch, Sonnenhut und Salbei, Natternkopf, Thymian, Kugeldisteln. Rasmus interessierte sich auch dafür, stellte Sila fest.
»Ich habe einen großen Balkon«, sagte er.
Sie verbrachte glückliche Stunden damit, alles einzupflanzen. Zu ihrer großen Freude entdeckte sie dabei Blaue Holzbienen an den Löwenmäulchen. Die stammten ursprünglich aus südlicheren Ländern. Es gab sie noch gar nicht lange hier im Norden. Nicht einmal im Oderbruch hatte Sila die gesehen, nur darauf gehofft. Sie waren unglaublich schön mit ihren blauglänzenden Flügeln.
Auch Bienen wechseln ihren Wohnort, dachte sie. Wie ich jetzt. Ich glaube, die blaue Biene bringt mir Glück.
Wenn Sila nicht im Garten war, ging sie am Strand spazieren. Einmal fuhr sie mit Rasmus ins Vogelschutzgebiet Wallnau. Sie machten Jonnes Führung mit.
»Lexi klingt so glücklich am Telefon«, sagte Jonne hinterher zu Sila.
»Du vermisst sie sehr«, stellte sie fest. Sie hörte es an seiner Stimme.
»Oh, ja. Sila, würdest du heute Abend zu mir kommen? Ich mache uns einen schönen Salat, und wir können auf dem Dach essen. Ich möchte dich um einen Rat bitten.«
»Gerne.«
Eine Weile saß sie noch mit Rasmus in einem der Verstecke, mit einem Fernglas bewaffnet, und beobachtete die gemächlichen Rinder und die Vögel in der goldblaugrünen sumpfigen Weite. Rasmus deutete nach oben, wo ein Schwarm Kormorane ein paar Runden drehte.
»Wenn Lexi Zugvögel sieht, bekommt sie immer diese Sehnsucht in den Augen. Schon lange«, sagte er. »Ich denke, du hattest genau die richtige Idee. Und wenn du dann auch noch hierbleibst …«
Auf dem Rückweg hielten sie in Burg. Einkaufen machte Sila Freude hier auf der Insel, denn anders als in den Geschäften nahe Altlewin musste sie sich keine misstrauischen Blicke oder Sprüche über Ausländer und Türken, Schmarotzer oder gar Terroristen anhören, die sie angesichts ihrer schwarzen Haare und dunklen Augen immer wieder einmal trafen.
Sila hatte Wandas Strohhut mitgenommen und ihn, damit er im Wind nicht wegflog, mit einem Tuch unter dem Kinn festgebunden. In Burg im Laden fand sie ein Tuch mit Meeresfarben, das besser zu ihrer Laune passte. Ebenso ein bequemes Kleid aus Baumwolle mit einem Möwenmuster und weiten Taschen, in denen man Muscheln und Steine sammeln konnte. Es war von einer Designerin aus Ahrenshoop, Tallulah, und Sila fand, es passte zu ihrem neuen Lebensgefühl.
Denn hier auf Fehmarn, so nahe am Meer, wenn auch ohne Delfin, war sie ganz und heil und neu, mitten in ihren alten Träumen. Jenen Träumen, die sie mit den Bienen gemeinsam hatte. Weite, Freiheit, Duft und Himmel. Hier fühlte sie sich wie Andrena, die Frau, die Bilder auf Holz zauberte, die von den Landschaften der Träume erzählten.
Abends war sie zu früh dran auf dem Weg zu Jonne und ruhte sich an einem ihrer Lieblingsplätze aus, der Steinmole am Ende des Strandes, an der Einfahrt zum Binnensee, nahe am Café Sorgenfrei. Dort bildeten sich hinter den Steinen klare Fluttümpel, die den Himmel einfingen, und die Strömungen zeichneten Muster in den Sand. Man konnte durch die Tümpel waten und auf die Steine klettern. Von da aus sah man wunderbar die Schiffe einfahren und auch den Abendspaziergang der Sonne zum Horizont hin.
Sila saß auf einem der Steine und fühlte sich wie die kleine Meerjungfrau. Nach einer Weile meldete sich ihr Handy gleich zwei Mal mit einem leisen Pling. Eine Nachricht von Indra. Wo hast du die neuen Blumen gepflanzt? Bitte Fotos! Ich habe diesen kleinen Garten jetzt schon ins Herz geschlossen und freue mich so darauf, ihn im Herbst zu sehen. Indra und Oswin hatten versprochen, im Oktober mit zum Drachenfestival zu kommen. Sila lächelte bei dem Gedanken.
Das zweite war eine Mail von Lexi.
Liebe Sila, du glaubst gar nicht, wie es hier ist! Ach entschuldige, natürlich weißt du das, ich meine, wie es für mich ist! Ich bin so glücklich, dass ich ganz durcheinander bin. Gut, dass Henrik mich immer wieder auf die Erde zurückholt. Er kommt und zeigt mir, wo überall Wühlmäuse sind und Läuse und kaputte Zäune und Löcher in Stalldächern. Ich muss ihm noch beibringen, was ein wirklicher Naturgarten ist, und dass die Marienkäfer die Läuse erledigen, wenn man ein bisschen Geduld hat. Er ist ein bisschen zu sehr Ingenieur, aber das ist ja auch manchmal ganz nützlich, wenn was wirklich kaputt ist. Es ist ein Segen, dass er da ist, allein wäre ich doch etwas überwältigt von diesem Reichtum an Möglichkeiten hier! Ich könnte die ganze Zeit auf der Streuobstwiese tanzen. Beinahe fühle ich mich wieder wie damals, als ich mit großen Augen zum ersten Mal bei Pia vor dem Tor von Valentinas Garten stand und sich mir ein ganz neues Reich eröffnete.
Was es hier alles gibt! Ach, du weißt es ja, aber ich kann nicht anders als schwärmen.
Am Fluss war ich auch schon, mit Lisann, und wir haben lange geredet. Sie ist ein Schatz! Ich mag ihren pädagogischen Ansatz, und wir haben tausend Pläne im Kopf. Ich war gestern mit ihr in der alten Kneipe, du hast ja gesagt, ich soll es mir ansehen. Das ist ein bisschen gruselig, aber es ist auch phantastisch! Die Tische und manche Stühle sind sogar noch völlig in Ordnung. Und der Raum! Ich könnte dort Unterrichtsstunden mit einer ganzen Klasse abhalten. Man kann spielen, wenn es regnet, oder basteln. Man kann dort essen, wenn man Feste veranstaltet. Es gibt dadurch so viel mehr Spielraum.
Und der Eiskeller ist noch großartiger, als ich ihn mir vorgestellt habe. Er eignet sich bestens für Gruselgeschichten und Schatzsuchen und bestimmt noch vieles mehr.
Und der Gemüsegarten! Der ist riesig! Was könnte ich da alles mit den Kindern anstellen. Wir würden ihn auf Mischkultur umstellen, mit Pflanzen, die sich gegenseitig helfen. Dann gedeiht alles noch besser und sieht schöner aus. Zwischen die Reihen kommen Kapuzinerkresse, Lavendel, Ringelblumen, Sonnenblumen. Bohnenkraut, Kamille, Ziertabak, Kornblumen, Jungfer im Grünen, Süßlupinen … Das wird so schön, und die Kinder würden dabei unglaublich viel lernen können. An eurer Kräuterspirale habe ich Eidechsen entdeckt, stell dir vor! Übrigens hat Henrik die Denkmalskulptur fertig und an den Steinen verankert, es sieht genau richtig aus, ein Mann und eine Frau als Silhouette, würdevoll und friedlich, an einem wunderbaren Platz.
Mit Lisann habe ich ausgemacht, dass wir Weiterbildungswochenenden für Lehrer anbieten könnten, was Schulgärten und Ähnliches angeht. Das wollte sie schon lange. Jetzt hätten wir die Möglichkeiten, jedenfalls, wenn die Kneipe renoviert ist. Nahe genug an Berlin sind wir ja.
Mit Linnea habe ich auch regen Austausch, sie will unbedingt filmen, wie wir den Hof umstellen und was wir dann hier machen. Sie will auch manchmal von hier senden. Und sie kennt einige Schulen in Berlin aus ihrer Zeit dort, als sie mit einem Architekten zusammengearbeitet hat. Sie kann mir Kontakte herstellen.
Oh, Sila, was man hier für Ernten einfahren könnte! Und ich meine nicht nur die essbaren. Ich stelle mir die Kinder in den Bäumen vor, mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht, Wissen über und Liebe zur Natur in Kopf und Herz und Erinnerungen an Kindheitssommer, die ein Leben lang halten. Das ist es, was auf dem Wickenhof gedeihen und geerntet werden soll!
Eins noch: Stell dir vor, Henrik hat einen Vorschlag gemacht. Das muss natürlich noch mit dir besprochen werden. Er sagt, er würde gern bleiben. Er sagt, er könnte ja Wandas alte Mädchen-für-alles-Position wiederaufleben lassen. Außerdem könnte er von hier aus gelegentlich in die Städte fahren und seine Vorträge halten. Und er kann für Zeitschriften schreiben. Viel Geld braucht er nicht, sagt er. Er ist glücklich hier und hat so viel Freude an der Gartenarbeit. Kinder mag er auch. Er könnte ihnen sicher einiges beibringen, was ich gar nicht weiß. Er möchte sich die kleine Scheune als Wohnung umbauen, es würde ihm Freude machen. Sag mir, was du davon hältst, ja?
Übrigens, wir hatten eine Idee. Der Wickenhof würde natürlich weiter Wickenhof heißen. Aber der Lehrteil, wo die Kinder und die Schulen ihre Beete bekommen und so und wir vielleicht einen Lehrpfad machen und wo Linnea filmen wird – den würden wir gerne Annawandas Garten nennen. Das klingt nett, und wir finden es richtig, weil Annas Garten eine Zuflucht für Henriks Großvater war, und weil Wanda dir so viel beigebracht hat, so wie wir es anderen Kindern beibringen wollen. Annawandas Garten wird ein wirklicher Kinder-Garten. Dort sollen sich die Träume der Bienen und der Kinder treffen. Wie findest du das? Du könntest ein schönes Schild an den Eingang machen …
Liebe Sila, jetzt höre ich besser auf. Ich habe dich ja vollkommen zugeschüttet. Ich kann nur noch hoffen, dass es dir auf Fehmarn wirklich so gut gefällt, wie du dachtest. Ich glaube, ich könnte mich nicht mehr vom Wickenhof trennen. Den Duft und die Farben der Wicken würde ich niemals wieder aus dem Kopf bekommen. Und nein, es ist mir hier nicht zu einsam und abgeschieden, wie du befürchtet hast! Ich liebe es. Und man ist mit dem Auto oder dem Zug doch recht schnell in Berlin, ich habe es ausprobiert. Aber ich bin kein Stadtmensch, wirklich nicht!
Übrigens, das Junge von Runaj und Joy übt schon das Fliegen.
Tschüs, liebe Sila!
Erschrocken sah Sila auf die Uhr. Jetzt musste sie sich beeilen, Jonne wartete ja längst.
Auf dem Weg zum Hafen musste sie immer noch über Lexis glücklichen Enthusiasmus und ihre kindliche Freude lächeln. Sila dachte daran, wie sie kürzlich im Stall auf dem Wickenhof ihr altes Springseil gefunden hatte, immer noch an seinem alten Haken. Sie hatte es in die Hand genommen und ein paar Sprünge gemacht, es sah sie ja niemand. Sie konnte es noch. Das Seil allerdings nicht, es fiel nach kurzer Zeit auseinander. Doch die gedrechselten Holzgriffe lagen so vertraut in ihren Händen wie damals. Sila erinnerte sich genau daran, wie sie damit über die Felder gelaufen war, immer weiter, im Rhythmus des Schwingens und Hüpfens, und gehofft hatte, wenn sie es nur lange genug durchhielt, würde sie dieses Seil mit den blaugrünen Griffen bis an einen anderen, fernen Ort bringen, wo sie niemand mehr zu irgendetwas zwingen konnte.
Jetzt hatte sie ihn gefunden.