So wie Mama redete und sich benahm, hätte jedermann annehmen müssen, ich würde wirklich für einen Debütantinnenball vorbereitet. Sie konnte es nicht erwarten, es meinem Daddy zu erzählen, als er an diesem Abend kurz nach zehn Uhr von der Arbeit nach Hause kam. Wenn er die spätere Schicht arbeitete, aß er abends ein Sandwich, aber das war für einen Mann seiner Größe nie genug, also machte Mama ihm einige Reste warm, falls sie zu Hause war, wenn er zurückkam. Wenn sie nicht da war, kam ich aus meinem Zimmer, sobald er da war, und wärmte sein Essen auf.
»Ice hat am Samstagabend ein Rendezvous«, hörte ich, wie sie ihm am Tisch erzählte.
Wir hatten ein kleines separates Esszimmer und in der Küche einen gelben Resopaltisch mit vier Stühlen. Das späte Abendessen servierte sie ihm immer in der Küche, angeblich weil sie das saubere Esszimmer nicht für ein Resteessen versauen wollte. Das ergab für mich keinen Sinn, weil sie die Küche ja auch wieder aufräumen musste.
Trotz ihrer Klagen hatte unsere Wohnung für die Miete, die wir zahlten, eine ganz angemessene Größe. Daddy wies immer darauf hin, dass unsere Miete der Mietpreisbindung unterlag und dass wir nirgendwo so viel für unser Geld bekommen würden. Mama wünschte sich nämlich, dass wir uns anderswo eine Wohnung suchten. Um ihr eine Freude zu machen und sie umzustimmen, versuchte Daddy immer wieder, unsere Wohnung zu verschönern. Er hatte Freunde, die Teppichböden verlegten und die Wände tapezierten. Außerdem kaufte er im Einkaufszentrum vieles sehr günstig ein. Ganz gleich, was er tat, die Wohnung war und blieb für Mama ein Loch.
»Ein Rendezvous? Was denn für ein Rendezvous?«, fragte Daddy. Ich hörte die Besorgnis in seiner Stimme, was mich überraschte. Er fragte mich kaum je nach meinen Freunden oder nach den Jungs in der Schule. Nie drängte er mich, tanzen zu gehen, und er löcherte mich auch nicht, warum ich am Wochenende nicht ausging.
»Ein schönes Rendezvous«, sagte Mama. »Ich habe es selbst arrangiert«, prahlte sie.
»Du hast es arrangiert? Wie meinst du das? Wie denn?«
»Ich habe arrangiert, dass Louella Carters Bruder Shawn sie ausführt. Er ist bei der Armee und hat Urlaub nach der Rekrutenausbildung.«
»Bei der Armee? Was für eine Art Arrangement ist das denn? Willst du damit sagen, dass sie ihn noch gar nicht kennt?«
»Sag mir doch mal, Cameron Goodman, wie sie jemanden kennenlernen soll, wenn sie am Wochenende hier in der Wohnung hockt und mit dir Musik hört? Glaubst du, da draußen gibt es eine Anzeigetafel mit ihrem Konterfei, auf der steht: Das hier ist Ice Goodman! Wer geht mit ihr aus?«
»Das hört sich für mich nicht gut an«, wandte Daddy mit beunruhigt klingender Stimme ein.
»Ach nein? Und warum ist das so, Cameron? Hm? Warum? Weil ich dafür gesorgt habe?«
»Es hört sich einfach nicht wie eine gute Sache an. Jungs aus der Armee sind eine Sorte für sich«, warnte er. »Vergiss nicht, dass ich bei der Militärpolizei war. Ich weiß, was es bedeutet, so mit anderen Männern eingesperrt zu sein, und besonders für einen Jungen, der gerade die Rekrutenausbildung hinter sich hat.«
»Nun, diesmal wird es eine gute Sache sein«, beharrte sie. »Louella ist eine sehr nette Freundin, und ich bin sicher, ihr Bruder ist ein netter junger Mann. Außerdem, was hast du denn schon dazu beigetragen, dass dieses Kind ein normales Mädchen wird, hm? Nichts. Du bist zufrieden damit, wenn du sie zu Hause hältst und sie Musik mit dir hört. Wie soll sie auf diese Weise denn je jemanden kennenlernen und heiraten?«
»Sie ist erst siebzehn und noch auf der Highschool, Lena. Das ist nicht wirklich eine Krise.«
»Wie alt war ich, als du mich geheiratet hast? Hm? Nun?«
»Das war etwas anderes«, erwiderte Daddy leise. »Du warst anders.«
»Was soll das heißen? Meinst du, sie ist was Besseres als wir?«
»Nein. Das wollte ich nicht sagen«, widersprach er, aber seine Stimme klang nicht entschieden genug.
»Du bläst das Ego dieses Kindes auf, dass sie glaubt, sie wäre die Jungfrau Maria, die die ganze Zeit nur für ihr Singen schwärmt. Niemand wird jemals gut genug für sie sein. Vielleicht willst du das ja, Cameron Goodman. Vielleicht willst du sie dein ganzes Leben lang behalten. Sie wird zusammen mit dir graue Haare bekommen, während ihr Musik hört. Das ist unnatürlich.«
»Hör auf, Lena.«
»Sie geht zu einer Verabredung. Sie wird sich wie ein normales Mädchen verhalten, das redet. Und sie wird mich stolz machen. Unterstütz mich, wenn du willst, Cameron, aber wenn es dir nicht passt, wage es ja nicht, auch nur ein Wort dagegen zu sagen, hörst du? Ich warne dich.«
Daddy schwieg. Er war nicht zufrieden, gab aber wie üblich nach. Sein Mangel an Begeisterung und seine Warnungen setzten Mama jedoch noch mehr unter Strom. Jetzt musste sie beweisen, dass sie Recht hatte. Am nächsten Morgen konnte sie es gar nicht abwarten, bis ich aufstand und wir zum Friseur gingen. Sie machte einen solchen Wirbel darum, dass es wirklich eine sehr peinliche Veranstaltung für mich wurde.
»Hier ist sie!«, rief sie, sobald wir die Schwelle übertraten.
Alle Frauen in ihren Sesseln drehten sich um, um uns anzuschauen, und alle Friseure hörten auf zu arbeiten. Dawn, eine schmutzigblonde Frau, die nicht größer war als meine alte Grundschullehrerin Mrs Waite, tauchte aus einem Hinterraum des Geschäftes auf und musterte mich, als wäre ich jemand, der gerade erst in die Zivilisation gebracht worden war.
»Da lässt sich was machen«, verkündete sie. »Ich versteh schon, was du meinst, Lena.«
Mama blähte sich auf vor Stolz.
»Aber es wird einige Mühe kosten«, fügte Dawn warnend hinzu, während sie mich umkreiste. Alle anderen schauten mich immer noch an.
»Hübsches Mädchen«, sagte die Frau im ersten Sessel.
»Hochgewachsen, wie ein Model«, kommentierte der Mann, der sie bediente.
Dawn befingerte mein Haar. »Du hast wirklich trockene Haare, Mädchen«, sagte sie. »Und Haarausfall.«
»Ich wusste es«, triumphierte Mama. »Sie hat sich einfach nicht richtig um sich gekümmert. Ständig bin ich hinter ihr her, aber du weißt ja, wie die jungen Leute heute sind. Sie lassen sich nichts sagen.«
Dawn reagierte nicht darauf. Sie umkreiste mich weiter, was mich noch nervöser machte. »Wir müssen gründlich mit Shampoo waschen und reichlich feuchtigkeitsspendenden Conditioner verwenden«, sagte sie.
»Genau«, bestätigte Mama nickend.
»Womit hast du dein Haar gewaschen, mit Seife?«, fragte Dawn mich. Alle lachten, selbst Mama.
Ich senkte den Blick hin- und hergerissen, ob ich mich einfach umdrehen und weglaufen oder bleiben sollte.
»Also, dann in den Sessel mit dir, und los geht’s«, sagte Dawn. »Wir werden das schon hinkriegen.«
»Geh schon, Ice«, soufflierte Mama.
Zögernd ging ich durch den Laden, vorüber an anderen Sesseln und Frauen, und setzte mich in den Sessel, der für mich reserviert war. Dawn kam hinterher und bereitete das Waschbecken für die Haarwäsche vor.
»Du fönst die Haare zu viel«, begann sie, »besonders bei deinem trockenen Haar. Warum gönnst du deinem Haar keine Pause und lässt es für eine Weile in kleine, eng anliegende Zöpfchen flechten?«
»Nein«, entgegnete ich scharf.
Eine der Frauen, die das gerade machen ließ, drehte sich zu mir um.
»Das ist nichts für mich«, erklärte ich und warf Mama einen Blick zu, der ihr sagte, dass ich aufstehen und gehen würde, wenn sie nicht darauf hörten.
»War nur ein Vorschlag«, beschwichtigte Dawn. »Was hältst du davon, wenn wir die Haare glätten und schneiden, Lena? Ich bringe es bis hierher«, sagte sie und klemmte mein Haar in Kinnlänge zwischen ihre Finger. Mama nickte. Dawn schaute in mein Gesicht und lächelte. »Du bist wirklich noch nie beim Friseur gewesen, hm?«
»Nicht meine Schuld«, betonte Mama.
»Das wird toll aussehen«, versprach Dawn mir. »Ich schneide es ein gutes Stück, füge Stylingschaum hinzu und lege dein Haar mit einem Glätteisen so, dass sich die Haare vorne nach innen und hinten nach außen wellen. Du wirst sehen. Toll«, sagte sie.
Mama trat zurück, nickte Dawn zu, und sie fing an. Ich schloss die Augen wie jemand, der in einen OP muss, und versuchte alle Gespräche und alles Gelächter auszuschalten, indem ich Daddys Musik in meinem Kopf lauschte.
Als sie endlich fertig war, drehte Dawn mich um und stand hinter mir, stolz wie ein Künstler. Ich starrte mein Spiegelbild an, verblüfft über die Veränderung meines Aussehens. Ich wirkte nicht nur älter und kultivierter, sondern Mama hatte Recht: Ich besaß die meisten ihrer schönen Gesichtszüge, vielleicht sogar schönere, weil ich einen kräftigeren Mund, größere Augen und vorstehendere Wangenknochen hatte – Gesichtszüge, die ich von Daddy geerbt hatte.
»Nun?«, sagte Dawn. »Du hast die ganze Zeit kein einziges Wort gesprochen. Und was sagst du jetzt dazu?«
»Es gefällt ihr, nicht wahr, Ice?«, fragte Mama und drängte mich mit ihren Blicken, positiv zu antworten.
Ich nickte.
»Ja, ich glaube schon«, gab ich zu.
Mama atmete erleichtert auf, sie und Dawn lachten. Mama wirkte wirklich erfreut, und das ließ ihr Gesicht weicher und jünger aussehen. Ärger machte sie augenblicklich alt, als ob eine dunkle Hand auf magische Weise vor ihr hin- und herwischte.
»Jetzt zupfen wir ihr die Augenbrauen, und ich kümmere mich um ihr Make-up«, teilte sie Dawn mit. »Wir gehen jetzt und kaufen ihr ein hübsches Kleid.«
»Gehst du auf einen Highschool-Ball oder so was?«, fragte Dawn mich.
Ich schaute Mama an. »Nein, sie hat ihr erstes richtiges Rendezvous.«
»Ihr erstes? Du veralberst mich, Lena Goodman.«
»Ich wünschte, es wäre so«, sagte Mama. »Wir haben viel nachzuholen.«
Dawn zog die Augenbrauen hoch, schaute mich an und nickte.
»Aber sicher«, sagte sie. »Ich wette, das bekommt sie hin. Okay, jetzt hör zu, Mädchen«, sagte Dawn, »ich habe dir den besten Schnitt verpasst, zu dem ich in der Lage bin. Denk daran, bevor du abends schlafen gehst, dein Haar auf seinen Schönheitsschlaf vorzubereiten. Trage ein wenig von der Feuchtigkeitscreme auf, die deine Mama gerade gekauft hat; und um diesen Spliss zu vermeiden, solltest du keine Haarbänder mehr tragen. Wir haben Satinschlafhauben, Lena. Vielleicht solltest du ihr eine besorgen.«
»Ja«, antwortete Mama begeistert. »Unbedingt.«
Mama war jetzt richtig in Fahrt, befeuert von unserem Erfolg beim Friseur. Wir nahmen ein Taxi zur Gallery im East Market und zu Drawbridges Department Store, in dem Daddy fünfundzwanzig Prozent Rabatt bekam. Als ich die Preise an den Kleidern las, fand ich, dass es keine Rolle spielte, ob wir Rabatt bekamen oder nicht, aber die Kosten spielten für Mama keine Rolle. Sie wollte sich nicht davon aufhalten lassen, dass sie auf einen Schlag das Budget von mehreren Monaten überschreiten würde – das war jetzt eine Kleinigkeit.
»Ich will nicht, dass du diese Omaklamotten trägst, in denen junge Mädchen heutzutage herumstolzieren. Die meisten von ihnen sehen aus wie Säcke aus Secondhandläden. Und diese klobigen Quadratlatschen, die sie tragen. Als ob die Mädchen sich schämten zu zeigen, was sie haben, aber manche haben vielleicht auch überhaupt nichts zu zeigen.«
Ich versuchte Mama verschiedene Stilrichtungen und Trends zu erklären, aber sie wollte nichts davon hören.
»Was dich gut aussehen lässt, ist meiner Meinung nach in Mode, und was es nicht tut, ist unmodern«, sagte sie.
Wir gingen ohne Erfolg durch die Abteilung mit Teenagermode. Mama gefiel nichts davon. Ich dachte, wir würden bei Drawbridges aufgeben, aber sie beschloss, in die Erwachsenenabteilung zu gehen, und blieb vor einer Schaufensterpuppe stehen, die Bluse und Rock im sogenannten Prinzessinnenschnitt trug. Die Sachen waren aus einem schwarz-silbernen Polyesterjacquard, die Bluse war mit einem Blumenmuster bedruckt und der Rock mit einem Blattmuster. Wegen des figurbetonenden Schnittes fand Mama es sexy und stylish.
Als ich aus der Umkleidekabine trat, wirkten Mama und die Leute um sie herum beeindruckt. Andere Kunden blieben stehen, um uns zuzusehen. Mir war diese Aufmerksamkeit peinlich.
»Wie perfekt das sitzt, und was für eine gute Figur Ihre Tochter hat, Mrs Goodman. Sie könnte als Model für uns arbeiten«, meinte die Verkäuferin. »Sie sieht aus wie Anfang zwanzig.«
»Ihr Vater muss sich mit einem Gewehr neben die Tür setzen, wenn Sie ihr das Kleid kaufen«, meinte eine Frau, die gerade vorbeiging.
Mama platzte vor Stolz, ihre Augen blitzten, die Schultern gestrafft. »Das ist die neueste Mode, sagen Sie?«, wandte sie sich an die Verkäuferin.
»Ja, Ma’am. Es ist erst gestern hereingekommen.«
»Wir nehmen es«, entschied Mama.
Da es von einem Designer stammte, war es ein teures Outfit, aber Mama war fest entschlossen.
»Dein Vater kann ein paar Überstunden machen«, meinte sie, als ich ihr das Schild zeigte.
»Ich brauche nichts so Teures, Mama.«
»Aber natürlich«, widersprach sie. »Je besser du am Samstag aussiehst, desto besser wirst du behandelt. Darin nimmt er dich nicht mit zu irgendeiner Imbisskette«, meinte sie lachend. »Das ist mal sicher.«
»Vielleicht kann er sich aber nicht mehr leisten, Mama«, gab ich zu bedenken. Schließlich wusste ich nichts über ihn, und Mama wusste auch nicht viel.
»Das macht nichts«, sagte Mama. »Wenn eine Frau einen Mann beeindruckt, denkt er nicht an Kontoauszüge und was er sich leisten kann oder nicht. Er denkt nur an eines: wie er sie beeindrucken kann. Ich kenne die Männer, Schätzchen. Und es dauert nicht lange, dann kennst du sie auch und weißt genau, was du zu erwarten hast. Deine Erfahrungen beginnen ein wenig später als meine, aber du profitierst von mir«, erklärte sie nickend. »Die Wahrheit ist, ich hätte mir gewünscht, ich hätte jemanden wie mich an meiner Seite gehabt, als ich jünger war. Es war nicht leicht. Meine Mutter hielt Sex für ein unanständiges Wort; sie ließ mich und meine Geschwister glauben, wir wären durch eine Art Bestäubung zur Welt gekommen, weißt du, so wie Blumen. Die Pollen wurden auf ihren Bauch gesprenkelt, und wir wurden geschaffen.«
Ich lächelte bei ihrem Versuch, einen Witz zu machen, aber sie lachte.
»Ich mache keine Witze. Alles, was sie wusste, handelte von Vögeln und Bienen und wie machen es die Bienen. Die Bienen verbreiten doch den Blütenpollen? Du hättest wohl nicht gedacht, dass ich so viel Ahnung von Naturwissenschaften habe, hm? Ich kann noch eine Menge Überraschungen aus dem Ärmel zaubern, Ice.«
Plötzlich hatte ich Angst, dass sie die Wahrheit sagte.
Mein Herz klopfte wie eine tickende Zeitbombe, als der Samstag näher rückte. An dem Abend, als wir all unsere Einkäufe erledigt hatten, ließ Mama mich die neuen Sachen anziehen, damit ich sie Daddy vorführen konnte. Als Erstes arbeitete sie an meinem Make-up. Sie setzte mich an ihren Schminktisch, stellte sich hinter mich und musterte mein Gesicht eingehend im Spiegel. Sie entschied, dass ich ein wenig Lidschatten benötigte. Ich fand es zu viel, aber sie behauptete, die Augen seien mein stärkster Gesichtszug, und ich sollte alles tun, um sie zu betonen.
»Du besitzt einen natürlichen Schmollmund«, erklärte sie mir und beschloss, ihn zu betonen, indem sie einen Hauch Lipgloss auf die Mitte meiner Unterlippe tupfte. Sie zeigte mir einen Trick, wie man verhindert, dass Lippenstift auf die Zähne kommt. Ich sollte den Finger in den Mund stecken und die Lippen schließen. Wenn ich dann den Finger wieder herauszog, wäre die überschüssige Farbe entfernt.
»Jemand hat mir einmal gesagt, das Gesicht einer schönen Frau sei wie die Palette eines Künstlers. Der Künstler sieht das Bild und bringt es mit seiner Palette zum Vorschein. Du musst das Gleiche mit deinem Gesicht tun, Ice. Mach es zu einem Kunstwerk, enthülle seine Schönheit. Das tue ich auch«, sagte sie leise, mit viel Gefühl.
Ich erinnere mich, wie ich zu ihr hochschaute und voller Überraschung dachte, dass sie mehr Tiefgang hatte, als ich je vermutet hätte. Als ich mich selbst und sie hinter mir im Spiegel betrachtete, wie sie so stolz dastand, wurde mir klar, dass meine Mama nur ihr gutes Aussehen hatte, auf das sie als Inhalt und Ziel ihres Lebens bauen konnte. Die meisten ihrer Freundinnen betrachteten sie voller Neid und suchten ihre Gesellschaft, weil ihre Schönheit auf sie abfärbte, sie umfing, sie unter ihre Fittiche nahm. Die Leute, besonders Männer, schauten zu ihnen hin, weil Mama in ihrer Mitte schlenderte. Vielleicht hätte Mama mit dem richtigen Management und ein wenig Glück Model werden können. Wenn sie Abend für Abend dasaß, ihre Frauenzeitschriften durchblätterte und die Frauen betrachtete, die für Schönheitsprodukte oder Mode warben, musste sie Höllenqualen leiden, sich verspottet vorkommen und frustriert sein, da sie doch wusste, wie viel schöner und reizvoller sie selbst war.
Es war seltsam, wie dies alles mir in jenen Momenten vor ihrem Spiegel durch den Kopf ging. Wir hatten noch nie ein richtiges Mutter-Tochter-Gespräch über solche Dinge geführt. Bei dem endlosen Schwall an Klagen und Stöhnen, den sie über unsere kleine Welt losließ, war es eine schwere Aufgabe für mich, zu verstehen, was sie wirklich meinte und fühlte. Ich musste bei all dem einförmigen Gerede genau hinhorchen, bis ich plötzlich erkannte, wer sie war.
Mama war eine wunderschöne Blume, die zu früh gepflückt und dann in die Enge einer Vase gestellt worden war, wo sie aufblühte und gegen Zeit und Alter ankämpfte, damit sie ihr besonderes Aussehen nicht verlor. Jetzt schaute sie mich an und glaubte, ich würde vollenden, was ihr verwehrt geblieben war, würde all das tun, was sie außerstande war zu tun, und all das, von dem sie geträumt hatte.
»Kinder sind unsere wahre Wiedergutmachung«, verkündete der Geistliche uns eines Sonntags. »Wir glauben, sie werden unsere Hoffnungen und Träume verwirklichen, all das vollbringen, was wir nicht geschafft haben, wo wir versagt haben. Wir möchten, dass aus ihnen der Mensch wird, der zu sein wir selbst uns immer gewünscht haben. Das ist ganz normal. ›Gehet hin und mehret euch‹«, rezitierte er.
Die Last einer solchen Verantwortung wog schwer; ich wollte sie nicht, aber ich war nicht so hart, mich einfach umzudrehen und zu sagen: »All das ist deine Welt, Mama, nicht meine. Ich muss nicht im Rampenlicht stehen. Es macht mir nichts aus, im Chor zu singen. Es ist die Musik, die zählt.«
Natürlich hielt ich meinen notorisch versiegelten Mund geschlossen.
»Gut«, erklärte sie, als wir fertig waren. »Zieh dein Kleid an. Wir wollen deinem Vater einmal zeigen, wie blind er ist, wenn er dich wie ein kleines Mädchen behandelt.«
Ich war fast so nervös, mich für Daddy anzuziehen, wie ich es am Samstag sein würde, wenn ich mich für Shawn anziehen müsste. Mama kam in mein Zimmer, um sicherzugehen, dass ich alles richtig gemacht hatte. Sie hatte mir ein Paar Schuhe gekauft, um mein Outfit zu vervollständigen, und hatte mir ihren kostbaren Schmuck gegeben: ihre Perlenkette mit den passenden Perlenohrringen.
»Dreh die Musik leise, Cameron Goodman«, rief sie von meiner Zimmertür aus, »und bereite dich auf eine echte Überraschung vor.«
Ich fühlte mich wie ein entlaufenes Model, als ich von meinem Zimmer zum Wohnzimmer hinüberging. Daddy folgte Mamas Anweisung, drehte die Musik leiser, und sie brachte mich ins Wohnzimmer. Als er aus seinem großen Sessel aufblickte, machte er große Augen, strahlte, blinzelte und kniff sie dann plötzlich zusammen, während sich ein dunkler Schleier der Traurigkeit über sie senkte. Ich konnte es in seinem Gesicht lesen, als liefen seine Gedanken in großen weißen Buchstaben über seine Stirn: Mein kleines Mädchen ist fort, ihre Stelle nimmt diese schöne junge Frau ein, die auch gepflückt werden wird, wie ihre Mutter, und die im Garten eines anderen eingepflanzt werden wird. Alles, was mir bleibt, sind die Erinnerungen.
»Nun?«, verlangte Mama zu wissen. »Sitz doch nicht einfach da und spiel auch noch den Stummen, Cameron Goodman. Sag etwas. Ich habe viel Zeit und Energie auf all das verwendet.«
»Sie ist ... unglaublich schön, Lena.«
»Gefällt dir, was sie anhat?«
»Ja«, sagte er und nickte nachdrücklich.
»Gut. Du wirst dich daran erinnern müssen, wenn du die Rechnung siehst.«
Sein Lächeln gefror, aber er zeigte weder Ärger noch Missvergnügen. »Sie erinnert mich sehr an dich, als ich dich zum ersten Mal sah«, sagte Daddy.
Mama strahlte über das ganze Gesicht. »Hab ich’s dir nicht gesagt«, flüsterte sie und drückte meine Hand. »Sie ist hübscher, als ich es war, Cameron. Ich hatte damals keine Ahnung von Haarstyling und Make-up.«
»Du warst eine Naturschönheit.«
»So etwas gibt es nicht. Jede Frau sollte ihre positiven Seiten hervorheben«, beharrte Mama.
Daddy lehnte sich zurück und lächelte einen Augenblick lang herzlich. Dann wurde sein Gesichtsausdruck erneut ernst, er machte sich allerhand Gedanken. »Wohin wird dieser Shawn sie ausführen?«, fragte er.
»Woher soll ich das wissen? Der Mann ist nicht hier, nicht wahr? Und wenn er kommt, möchte ich nicht, dass du ihn wie einen deiner Verdächtigen behandelst.«
»Ich habe keine Verdächtigen«, sagte Daddy. »Davon abgesehen ist es sicher nicht falsch, zu wissen, wo deine Tochter sich aufhält, wenn sie ausgeht.«
»Ich warne dich«, antwortete Mama. »Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, um diesen Abend zu etwas ganz Besonderem für sie zu machen. Tu bloß nichts, um das zu versauen, sonst schmeiße ich deine kostbaren alten Alben aus dem Fenster.«
Daddys Gesicht wurde einen Moment aschfahl, dann unterdrückte er ein Lachen, schüttelte den Kopf und hob seine Hand. »Ja, Boss«, sagte er und schaute mich an. »Ich wünsche dir einen schönen Abend, Liebling. Wirklich.«
Ich sagte gar nichts. Mein Herz schlug zu schnell, und in meinem Hals steckte ein Kloß, groß genug, um ein Pferd zu ersticken.
Mama ging mit mir zurück in mein Zimmer, um mir dabei zuzusehen, wie ich meine neuen Sachen wegräumte. Sie murmelte etwas über Daddy vor sich hin, der ihre Bemühungen nicht genug anerkenne, und schob es darauf, dass er ein Mann war.
»Männer erwarten zu viel und erkennen deine Leistungen zu wenig an«, predigte sie. »Sie glauben, du gehst in dein Zimmer, trödelst eine Weile herum, kommst dann wieder heraus und siehst wie eine Million Dollar aus. Wenn es zu lange dauert, ächzen und stöhnen sie, aber wenn du nicht so gut wie möglich aussiehst, sind sie unglücklich, weil ihnen dann nicht alle ihre Freunde neidisch auf die Schultern klopfen.
Männer behaupten immer, sie mögen nicht, dass andere Männer dich anstarren, aber glaub mir, Ice, genau das wollen sie. Es ist wie bei allem anderen, das sie besitzen. Sie wollen ein schickes Auto fahren, damit jeder sie sieht und eifersüchtig ist. Sie wollen teure Uhren und Ringe, damit die anderen vor Neid erblassen. Mit ihren Frauen ist es das Gleiche.«
Ich runzelte die Stirn.
Sie hörte auf zu reden und lächelte affektiert. »Du glaubst mir nicht, oder? Was? Du glaubst nicht, dass Männer Frauen als einen weiteren Besitz betrachten? Du lebst noch in deinen Büchern, Mädchen. Vergiss all diesen romantischen Kitsch. Was ich dir erzähle, ist die Wahrheit, ist Realität. Du musst langsam lernen, wie die wirkliche Welt ist. Du wirst dann zu mir zurückkommen und sagen: ›Mama, du hattest recht. Erzähl mir mehr, damit ich weiß, wie ich mit all dem da draußen zurechtkommen soll.‹
Genau das wirst du tun«, prophezeite sie nickend und hängte dabei meine Bluse und den Rock auf. »Und ich habe dir noch viel mehr zu erzählen, mehr als du jemals aus Büchern und von Musik lernen könntest.«
Sie wandte sich mir zu und wirkte nachdenklich, als stünde sie vor einer Entscheidung. Schnell traf sie sie.
»Dein Daddy ist nicht der einzige Mann, mit dem ich zusammen war, Ice. Ich kann an deinem Gesicht ablesen, dass diese Neuigkeit dich überrascht, ja sogar verletzt. Aber meine Tochter wird dann eine Frau sein, wenn sie bei ihrer Mama sitzen und etwas über das Liebesleben ihrer Mama erfahren kann, ohne sich zu winden und sie dafür zu hassen.«
Sie schwieg. Vielleicht wartete sie darauf, dass ich ihr sagte, ich sei dazu bereit, aber das war ich nicht und würde es vielleicht nie sein.
»Mach dir keine Sorgen«, meinte sie abschließend. »Ich werde wissen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, dir mehr über die wirkliche Welt zu erzählen.«
Sie wollte hinausgehen, blieb dann aber lächelnd an der Tür stehen. »Ich wünschte, ich könnte unsichtbar sein, wie eines von diesen kleinen Engelchen, und morgen Abend auf deiner Schulter sitzen und dir Ratschläge ins Ohr flüstern, wenn du welche brauchst.
Aber du wirst prima zurechtkommen«, entschied sie. »Schließlich bist du meine Tochter. Du musst doch noch mehr geerbt haben als mein gutes Aussehen. Hab einfach keine Angst, dich zu amüsieren«, riet sie mir. Sie schaute wütend drein. »Und hör auch nicht auf diese Kirchenchorlieder in deinem Kopf. Das Letzte, was irgendein Mann will, ist, mit einer Heiligen Händchen zu halten oder mit jemandem, der ihn daran erinnert, dass er auf die immerwährende Hölle zusteuert, weil er dich hübsch findet und dich küssen will.
Wenn du unbedingt singen musst, sing etwas Lebhaftes«, sagte sie und ging endlich hinaus.
Arme Mama, dachte ich, sie hält das alles für einen großen Film oder ein Musical.
Und die Ironie der Geschichte war, dass sie glaubte, mich für die richtige Welt vorzubereiten.
Vielleicht gab es keine richtige Welt. Vielleicht war das alles nur Schminke, Lichter und Vorhänge, die aufgingen und sich schlossen. Und wenn man von der Bühne stürzt, dann ist man wirklich tot und vergessen. Kein Applaus, keine Musik, nichts als das Schweigen, das anscheinend so viele Menschen fürchten.