3.
Der Kit-Kat Club

Meiner Erinnerung nach begann der Samstagmorgen mit einem Trommelwirbel. In dem Augenblick, als das Licht durch meine Vorhänge hindurch ins Zimmer fiel, um mein Gesicht zu liebkosen und die Augenlider aufzustupsen, fing es an. Ich hatte geträumt, ich wäre im Zirkus. Mama war der Zirkusdirektor, ließ die Peitsche über Löwen und Tigern knallen und lenkte die Aufmerksamkeit des Publikums auf den kleinen Kreis in der Mitte, wo ich in meinem neuen Outfit im Scheinwerferlicht stand, durchgestylt für »Das tollste Rendezvous auf Erden«.

Als wüsste sie von meinem Traum, kam Mama in mein Zimmer gefegt, kaum dass ich erwacht war und gerade aufstehen wollte. »Ich möchte, dass du heute nicht allzu viel tust, Ice. Du musst dich ausruhen und eine Schönheitsbehandlung machen.«

»Was ist das denn?«

»Du wirst schon sehen«, versprach sie.

Nach dem Frühstück holte Mama ihre Cremes und Lotionen heraus. Mir war nie klar gewesen, was sie alles hatte und was sie alles tat, bevor sie sich in die Öffentlichkeit traute. Sie besaß Produkte, um die Spannung der Haut zu reduzieren, die Haut geschmeidig zu machen, die Augen zu entspannen. Sie hatte Cremes für die Hände und für die Füße. Später im Verlauf des Tages sollte ich mich aufs Bett legen, mit Gurkenscheiben auf den Augen.

Daddy war verärgert und enttäuscht, weil er früh am Tag einen Anruf erhielt, in dem er gebeten wurde, zur Arbeit zu kommen. Eigentlich hätte er freigehabt, aber sein Stellvertreter hatte angerufen und sich krankgemeldet. Jetzt war Daddy besorgt, weil er nicht zu Hause sein würde, um Shawn zu begrüßen, wenn er mich abholen kam. Er überlegte, ob er nicht telefonieren sollte, um jemanden zu finden, der ihn vertrat, damit er hier sein konnte. Mama bestand darauf, dass dies nicht nötig sei.

»Ich glaube, ich weiß schon, was ich sagen muss, Cameron, und außerdem, was willst du damit erreichen, dass du hier bleibst, hm?«

»Ich besitze genug Erfahrung, um zu wissen, worauf ich bei einem Soldaten achten muss, Lena.«

»Ach, hör auf. Du wirst das Mädchen verängstigen mit diesem Gerede, und das geht auf keinen Fall bei ihrem ersten Rendezvous. Man braucht doch ohnehin schon einen Dosenöffner, um ein paar Worte aus ihr herauszubekommen. Wenn du so was erzählst, sieht man ihr gleich an, wie gestresst sie ist«, fügte sie hinzu, »und damit ruinierst du meine ganze Arbeit.«

»Diese ganze Arbeit war doch bei ihr gar nicht nötig«, murrte Daddy.

Mama starrte ihn einen Augenblick lang an. Ich glaubte schon, es würde sich einer ihrer üblen Streits entwickeln, bei denen ihre Augen vor ungezügeltem Temperament funkelten und blitzten.

Sie sah aus, als wollte sie ihm etwas an den Kopf schmeißen, aber Daddy warf mir einen Blick zu und ging schnell weg.

»Siehst du, was ich meinte, als ich über Männer sprach?«, sagte Mama und nickte in seine Richtung.

Tatsächlich hatte ich gehofft, dass Daddy Shawn kennenlernte, und ich war enttäuschter als er, aber ich hatte Angst, darüber einen Kommentar abzugeben, weil Mama dann möglicherweise das Gefühl hätte, ich würde ihr nicht zutrauen, das Richtige zu tun und zu sagen. Sie war den ganzen Tag so aufgeregt und wuselte um mich herum mit Berichten von ihrer Freundin Louella, die ihr mitgeteilt hatte, wann Shawn kam, wie er aussah und wie sehr auch er sich auf dieses Rendezvous freute.

»Er ist sehr aufgeregt, dass er dich kennenlernen kann«, berichtete Mama, als sie am späten Nachmittag in mein Zimmer kam. Ich lag auf meinem Bett mit den Gurkenscheiben auf den Augen und fühlte mich sehr albern.

Ich nahm die Gurkenscheiben ab und setzte mich auf. »Wie kann das sein, Mama? Er weiß doch nichts über mich, nicht einmal wie ich aussehe«, fragte ich sie.

Schuldbewusst wandte sie den Blick ab.

»Mama?«

»Also, ich habe Louella was über dich erzählt, und ich habe ihr auch ein Foto gegeben, um es ihm zu schicken.«

»Was für ein Foto?«, fragte ich.

»Das, was wir vor einem Monat oder so gemacht haben, als wir meinen Geburtstag gefeiert haben. Ich habe einfach mich und deinen Vater aus dem Bild herausgeschnitten und dich verschickt.«

»Dann ist es wohl nur für mich ein Blind Date«, sagte ich.

»Das macht doch nichts, Ice. Jede Verabredung mit einem neuen Mann ist ein Blind Date, ganz gleich, was die Leute dir über ihn erzählen. Glaub mir das. Wenn du von einer anderen Frau was über einen Mann hörst, ist es zur Hälfte erdichtet oder übertrieben, und wenn ein anderer Mann dir etwas über diesen Mann erzählt, bekommst du ein von Eifersucht gefärbtes Bild. Es gibt nur einen Menschen, der dir sagen kann, was du über einen Mann wissen musst, und das bist du selbst.«

Sie lächelte. »Vielleicht sollte ich eine Zeitungskolumne mit Ratschlägen für Liebende verfassen, hm?«

Ich riss die Augen auf, und sie lachte.

Nichts, an das ich mich in unserer jüngsten Vergangenheit erinnern könnte, hat Mama so jung, strahlend und glücklich gemacht wie mein bevorstehendes Date. Ich hatte Angst, einen negativen Kommentar abzugeben oder auch nur im Geringsten zu zögern.

Bevor Daddy zur Arbeit ging, blieb er an meiner Tür stehen. »Ich hoffe, du hast viel Spaß«, sagte er, »aber wenn du aus irgendeinem Grund nicht glücklich bist, zögere nicht, von ihm zu verlangen, dass er dich nach Hause bringt. Sag es klar und entschieden, genau wie die Befehle, an die er sich in der Armee gewöhnen muss. Männer müssen von Anfang an geradegebogen werden. Das ist alles, was ich zu sagen habe – und dass du sehr hübsch bist.«

»Danke, Daddy.«

Er nickte, küsste mich rasch auf die Wange und ging.

Mama kam sofort hereingestürmt. »Was hat der Mann zu dir gesagt, Ice? Hat er irgendwas gesagt, das dir Angst einjagt?«

»Nein, Mama, er hat mir nur viel Spaß gewünscht.«

»Hm«, meinte sie, immer noch misstrauisch.

Ich schaute auf die Uhr.

»Es wird langsam Zeit«, sagte sie. Ich fühlte mich wirklich wie jemand, der sich auf eine Premiere, eine große Vorstellung vorbereitet. »Du ziehst dich in meinem Zimmer an, benutzt meinen Frisiertisch und mein Zeug«, sagte sie.

Sie wuselte ständig um mich herum und sorgte dafür, dass ich das Make-up auflegte, das sie wollte, jede Haarsträhne fixierte, und machte dann viel Wind um mein neues Outfit. Als ich vollständig angezogen und zurechtgemacht war, kam sie überraschenderweise mit dem Fotoapparat und machte eine Aufnahme von mir.

»Ich möchte auch eine von dir und Shawn machen«, sagte sie.

»Oh, Mama, das wird ihm peinlich sein.«

»Unsinn. Jeder Mann würde sich mit dir fotografieren lassen, Ice«, sagte sie.

Ich fragte mich, ob sie recht hatte. War ich wirklich so hübsch wie sie, und lag es wirklich an meinem Ruf, nicht viel zu reden, dass die Jungs mich mieden?

Genau um sieben klingelte es. Ich hatte das Gefühl, dass mein Herz aufhörte zu schlagen. Gleich darauf konnte ich es laut in den Ohren pochen hören. Ich versuchte zu schlucken, konnte es aber nicht.

Mama hatte sich auch ziemlich aufgedonnert. Sie trug ein rotes Kleid mit V-Ausschnitt und hochhackige Pumps. So kam sie aus ihrem Zimmer, warf mir im Wohnzimmer noch einen Blick zu, lächelte und ging zur Tür.

»’n Abend, Ma’am«, hörte ich eine tiefe kräftige Stimme. »Ich bin Shawn Carter, Louellas Bruder.«

»Ach ja«, sagte Mama. »Und wie gut Sie in Ihrer Uniform aussehen.«

»Danke, Ma’am.«

»Kommen Sie doch herein. Ice wartet im Wohnzimmer auf Sie, Shawn.«

Ich spürte, wie sich mein ganzer Körper anspannte, meine Rippen fühlten sich an, als schlössen sie sich wie Klauen um meine Eingeweide. Mama kam zuerst herein und trat dann beiseite, um Shawn eintreten zu lassen. Er stand da mit seiner Mütze in der Hand und starrte mich an. Einen Augenblick lang sprach keiner von uns. Ich nahm seinen Anblick in mich auf und musste ihn erst mal verdauen.

Er war etwa so groß wie ich, hatte breite Schultern, fast so breit wie Daddy, sah aber nicht annähernd so gut aus. Er wirkte fast kahl, weil sein Haar so kurz geschoren war und weil sein Haaransatz so hoch auf der Stirn saß. Der knappe Haarschnitt betonte seine großen Ohren. All seine Gesichtszüge waren groß, bis auf die Augen – kleine Knopfaugen wie ebenholzschwarze Murmeln. Seine Unterlippe war ein bisschen dicker als die Oberlippe, und sein Kiefer war sehr ausgeprägt. Sein Lächeln milderte jedoch das erste Erscheinungsbild. Es ließ ihn jünger aussehen.

»Hi«, sagte er.

Ich war weit davon entfernt, arrogant zu sein, aber eine kleine Stimme in mir flüsterte: »Kein Wunder, dass er so aufgeregt war, mit dir auszugehen. Du bist wahrscheinlich das hübscheste Mädchen, mit dem er sich jemals verabreden konnte.«

Ohne seine Uniform wäre er so durchschnittlich, dass man ihm keinen zweiten Blick schenken würde. Mama konnte nicht wirklich glauben, dass er so gut aussah, fand ich, es sei denn, sie war von seiner Uniform geblendet. Wie dem auch sei, ich war immer dafür gewesen, ein Buch nicht nach seinem Einband zu beurteilen. Es dauert eine Weile herauszufinden, ob das Innere eines Menschen wirklich schön ist.

Mama schaute mich an und nickte mir auffordernd zu, damit ich etwas sagte.

»Hi«, begrüßte ich ihn.

»Du siehst sehr, sehr gut aus«, sagte er. »Noch viel besser als auf dem Foto, das meine Schwester mir geschickt hat.«

»Schlechte Lichtverhältnisse«, kommentierte Mama. »Ice ist eigentlich sehr fotogen.«

»Oh, sie sieht auch auf dem Foto nicht schlecht aus«, korrigierte er sich schnell. »Sie sieht nur in Wirklichkeit verteufelt viel besser aus.«

Sein Lächeln wurde breiter, und Mama lachte.

»Natürlich tut sie das. Nehmen Sie doch Platz, Shawn, und erzählen Sie uns ein bisschen über sich selber, bevor ihr zwei euch auf den Weg macht, falls Sie keinen Termin für das Abendessen haben.«

Er nickte.

»Ich hatte gehofft, wir könnten uns mit einigen meiner Kumpels treffen und alle zusammen ins Kit-Kat gehen«, sagte er.

»Oh, ich glaube, davon habe ich noch nie gehört«, sagte Mama.

»Es ist ein Restaurant, in dem eine Jazzband spielt«, erzählte er ihr.

»Jazz? Bestimmt weiß Ice das zu schätzen. Ihr Vater und sie sind Jazz-a-holics«, sagte Mama und lachte.

»Jazz-a-was?«

»Nicht so wichtig, ich will euch nicht länger aufhalten«, sagte sie. »Ice, du brauchst meinen leichten Mantel«, sagte sie. Wir hatten das bereits entschieden, aber Mama tat so, als sei ihr das in letzter Minute eingefallen.

»Ich hole ihn dir eben. Entschuldigen Sie mich«, bat sie Shawn.

»Ja, Ma’am. Ich liebe solche höflichen Unterhaltungen, du nicht auch, Ice?« Shawn lächelte und sah mich an. Mama wartete darauf, dass ich etwas sagte, sog dann vor Enttäuschung scharf die Luft ein und ging den Mantel holen.

»Deine Mutter ist wirklich nett«, sagte Shawn.

Ich stand auf.

»Kennst du meine Schwester?«, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf und murmelte: »Nicht wirklich.«

Er nickte. Sein Kampf, die richtigen oder überhaupt irgendwelche Worte zu finden, war auf seinem Gesicht deutlich zu erkennen, besonders in seinen Augen. Er hielt seinen Blick gesenkt, und sein Kopf nickte wie auf einer Sprungfeder.

»Du bist in der zwölften Klasse der Highschool?«, fragte er.

Ich nickte.

»Du siehst älter aus«, sagte er und fügte dann rasch hinzu: »Nicht alt, nur älter.«

Ich starrte ihn an und fragte mich, wie er jemals annehmen konnte, ich würde denken, er meinte alt.

»Hier ist er schon«, rief Mama und brachte mir ihren Mantel.

Sie hielt ihn vor sich, und Shawn stürzte sich praktisch darauf, um ihn ihr abzunehmen und mir hineinzuhelfen. Mama stand daneben und strahlte vor Zustimmung.

»Oh, wartet«, rief sie. »Bevor du ihn ihr anziehst, möchte ich ein Foto von euch beiden machen.«

Ich verdrehte meine Augen zur Decke.

»Das ist in Ordnung«, sagte Shawn. »Merken Sie mich für zwei Abzüge vor. Einer davon kommt direkt an meinen Spind in der Kaserne.«

Mama lachte und nahm ihre Kamera, die sie vorausschauend auf dem Tisch im Wohnzimmer platziert hatte.

»Stellt euch da drüben hin. Na los, legen Sie den Arm um sie, Shawn. Sie zerbricht schon nicht«, rief Mama.

Ich schloss die Augen und biss mir auf die Unterlippe.

Sein Arm legte sich über meine Schulter und seine große Hand schloss sich um meinen Unterarm, wobei er mich näher an sich zog.

»Du kannst doch hübscher lachen, Liebling«, sagte Mama. »Shawn hier hat ein schönes Lachen.«

Ich zwang meine Lippen zu einem Lächeln, und sie schoss das Foto.

»Noch eins«, sagte sie. »Nur für den Fall, dass ...«

Als das vorbei war, machte ich einen Schritt nach vorne aus Shawns Umarmung heraus und griff erneut nach Mamas Mantel. Er beeilte sich, mir hineinzuhelfen.

»Vielen Dank, Mrs Goodman«, sagte Shawn. »Ich werde dafür sorgen, dass sie sich amüsiert.«

»Davon bin ich überzeugt, Shawn. Kommt nicht zu spät«, rief Mama, als wir auf die Tür zusteuerten.

»Nein, Ma’am«, antwortete Shawn.

Aber was bedeutete das schon? Was war zu spät? Daddy wäre da konkreter gewesen, dachte ich.

»Amüsiert euch gut, Ice, Liebling«, rief Mama, bevor die Tür sich hinter uns schloss.

»Werden wir«, versprach Shawn. Er sah mich an. »Okay, lass uns einen draufmachen, ja?«

Ich ging in Richtung Aufzug, und er nahm meine Hand. Er schnappte sie so schnell und sicher, dass er mich einen Augenblick verblüffte. Dann drückte er den Knopf für den Aufzug.

»Du bist hier aufgewachsen?«, fragte er, als die Tür sich öffnete.

Ich nickte.

»Ich auch. Allerdings habe ich die Highschool nicht beendet. Ich entschloss mich dann, bei diesem Programm mitzumachen, wo du bei der Armee deinen Schulabschluss machen kannst, während du Dienst tust. Ich war ein Spätstarter in der Schule«, erklärte er. »Meine Mutter ist viel mit uns gereist, bevor sie sich in Philadelphia niederließ. Als ich vierzehn war, haute sie mit einem Computervertreter ab und ließ mich und Louella zurück. Louella hatte bereits einen guten Job, deshalb kamen wir alleine zurecht«, fuhr er fort.

Während der Aufzug nach unten fuhr, schien er fest entschlossen, keinen Augenblick Schweigen aufkommen zu lassen.

»Ich habe meine Schwester gefragt, wie es kam, dass deine Mutter dich Ice genannt hat, und sie sagte, das läge daran, dass du so ein cooler Typ bist. Stimmt das?«, fragte er.

»Nein«, sagte ich und stieg in der Eingangshalle aus.

»Warum hat sie dich denn dann so genannt?«

Ich zuckte die Achseln, und er öffnete die Haustür. Es war kälter, als ich erwartet hatte. Ich schloss den Mantel und hielt den Kragen oben mit beiden Händen zu, während ich darauf wartete, dass er mir die Richtung zu seinem Auto wies. Am Straßenrand parkte nur ein Pick-up. Ich drehte mich zu ihm um.

»Ich habe mir den Pick-up von meinem Freund Chipper geliehen. Meine Schwester hat kein Auto, und ich habe es noch nicht geschafft, mir selbst eines zuzulegen.«

Wir gingen zu dem Lieferwagen, und er öffnete mir die Tür. Als ich einstieg, war ich mir sicher, Whiskey zu riechen. Der Sitz war in der Mitte zerrissen und sah sehr vergammelt aus. Ich hoffte, dass nichts darauf war, mit dem ich mir Flecken in mein neues Outfit machen würde. Auf dem Boden sah ich einen Schraubenschlüssel, den ich mit dem Fuß aus dem Weg schubsen musste. Shawn stieg ein und ließ den Motor an.

»Auf geht’s«, sagte er. Als er losfuhr, rollte eine leere Bierdose unter dem Sitz hervor. »Chipper ist nicht besonders gut im Ordnung-Halten«, sagte er mir. »Hast du schon mal was vom Kit-Kat gehört?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Sie kontrollieren an der Tür die Ausweise«, sagte er.

»Ich bin erst siebzehn.«

»Schon gut. Mach dir keine Sorgen. Wir kennen den Typen, der das macht. Er ist ein Freund meines Bruders. Außerdem siehst du mindestens wie zwanzig aus. Im Handschuhfach sind Zigaretten, falls du eine willst«, fügte er hinzu und nickte in die Richtung.

Ich schüttelte den Kopf.

»Du rauchst nicht? Das ist gut. Ich rauche hin und wieder. Nur Zigaretten«, erklärte er lachend. »Ich wette, du gehst viel aus, hm?«

Ich wusste nicht, ob ich ihm die Wahrheit sagen sollte. Wenn ich es tat, würde er sich vermutlich für wichtig halten, und ich wusste instinktiv, dass ich das nicht wollte.

»Ein Mädchen wie du muss doch beliebt sein. Du siehst nicht nur gut aus, sondern nach dem, was Louella mir erzählt hat, bist du auch eine Sängerin. Wo hast du denn bis jetzt gesungen?«

»Im Chor«, sagte ich.

»Im Chor, das ist alles?« Er lachte. »Zum Teufel, ich war auch im Chor, aber ich würde mich nie einen Sänger nennen.«

Er redete immer weiter, beschrieb seine Erfahrungen in der Rekrutenausbildung, die neuen Freunde, die er gefunden hatte, den Feldwebel, den er hasste, und wo er hoffte, eines Tages stationiert zu werden.

Schließlich wandte er sich mir zu und lächelte. »Meine Schwester hat mich gewarnt, dass du nicht viel redest. Wie kommt das, wenn du so eine schöne Stimme hast?«

»Ich rede, wenn ich etwas zu sagen habe«, erklärte ich ihm.

Er lachte. »Du würdest haargenau in ein Rekrutenlager passen. Mein Ausbilder schreit immer: ›Haltet eure Klappe, bis ich euch sage, ihr sollt sie aufmachen.‹ Er hat Dickie Stieglitz x-mal zu einer Woche Küchendienst verdonnert, weil der immer leise vor sich hin gemeckert hat, wenn wir in Formation standen. Dieser Bursche hat Radarohren oder so was. Er muss nicht mal in der Nähe sein, um dich zu hören. He, ich werde noch heiser, wenn ich die ganze Zeit rede. Kannst du mir nichts über dich erzählen?«

»Ich mag Jazz«, versuchte ich es.

»Toll, toll, wir werden uns großartig amüsieren. Was trinkst du?«, fragte er, als wir auf einem Parkplatz gegenüber des Nachtclubs parkten. »Wodka? Gin? Bier?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Bourbon, Rye oder was?«

»Ich trinke nichts«, sagte ich.

»Aber sicher«, erwiderte er lachend. »He, mach dir keine Sorgen. Ich erzähle meiner Schwester nichts über meine Verabredungen, wenn es das ist, worüber du dir Gedanken machst. Von mir erfährt deine Mutter nichts«, versprach er.

Ich sagte nichts, da öffnete er seine Tür und stieg aus. Jetzt, da wir weit entfernt waren von Mamas Blicken, kam er nicht herum, um mir die Tür zu öffnen. Verschwunden war auch das »Ja, Ma’am, nein, Ma’am«.

Als wir den Club betraten, musterte mich sein Freund, der die Ausweise kontrollierte, und nickte mit einem Lächeln, das so verschlagen und lüstern war, dass er mir das Gefühl gab, nackt dazustehen.

»Nett«, meinte er zu Shawn. »Ihr kommt zu spät«, fuhr er fort, »alle aus deiner Clique sind schon da.«

»Das machen wir schon wett«, meinte Shawn zu ihm und führte mich in den Club.

Direkt hinter dem Eingang war rechts eine lange Bar mit Lametta über den Spiegeln – es sah aus wie Weihnachten. Die Hocker waren alle besetzt, und der Barkeeper war so beschäftigt, dass er kaum den Kopf heben konnte. Mir fiel auf, dass die Männer gut angezogen waren, Jacketts und Krawatten trugen, und auch die meisten Frauen hatten teuer aussehende Kleidung an.

Auf einer kleinen Bühne spielte eine fünfköpfige Jazzcombo eine Duke-Ellington-Nummer, die ich erkannte. Shawn führte mich den Gang entlang zu einem Tisch ganz vorne, an dem drei junge Männer in Armeeuniform mit drei Mädchen saßen. Alle sahen Jahre älter aus als ich. In dem Moment, als die Männer uns sahen, fingen sie an zu johlen und zu lachen, was ich unhöflich fand, weil die Leute um sie herum die Musik genossen. Natürlich zog das viel Aufmerksamkeit auf uns, besonders auf mich.

»Wo zum Teufel hast du gesteckt? Wir dachten schon, du hättest dich unerlaubt von unserer Truppe entfernt«, rief der große, rothaarige, junge Mann zur Rechten. Das Mädchen bei ihm wirkte unglücklich, fast als hätte sie Schmerzen. Sie hatte sehr kurzes, dunkles Haar und einen Mund, der so weich war, dass die Unterlippe aussah, als sei sie in den Mundwinkeln ausgehängt.

»Erst musste ich die Höflichkeitsnummer bei den Eltern hinter mich bringen«, erklärte Shawn. »Das hier ist Ice. Ice, darf ich dir Michael vorstellen«, sagte er und nickte zu dem großen, rothaarigen Mann, »Buzzy«, fügte er hinzu und deutete auf einen stämmigen Afroamerikaner, der älter wirkte als die anderen, »und Sonny«, fuhr er fort. Sonny sah am jüngsten aus. Er hatte einen karamellfarbenen Teint mit dunklen Sommersprossen auf Wangen und Stirn. Alle sagten: »Hallo«, und dann stellte Michael die anderen Mädchen vor. Seine Begleiterin hieß Jeanie und die von Buzzy Bernice. Sie war stämmig, hatte einen üppigen Busen und hellblondes Haar, das nicht nur die Farbe von Stroh hatte, sondern auch aussah, als ob es sich so anfühlte.

Er hielt inne, bevor er das Mädchen neben Sonny vorstellte, und fragte: »Wie war noch mal dein Name, Schätzchen?«

»Ich bin Dolores«, erwiderte sie, sehr verärgert, dass er sich nicht erinnerte. Sie sah lateinamerikanisch aus, vielleicht war sie Mexikanerin. Ich fand, sie war die Hübscheste von den dreien, wegen ihrer funkelnden dunklen Augen, die aufblitzten, wenn sich ihr Temperament zeigte. Sie kam jedoch schnell darüber hinweg und wiegte sich weiter auf ihrem Stuhl im Takt und genoss die Musik. »Wann hören wir endlich auf zu reden und tanzen?«, rief sie.

»Sonny, steh auf und tanze mit dem Mädchen, hörst du«, sagte Michael. »Ihr Motor läuft die ganze Zeit auf Hochtouren, und du bist in Parkposition.« Alle lachten.

Shawn nahm mir den Mantel ab und hängte ihn über meinen Stuhl. All seine Freunde starrten mich so an wie der am Clubeingang. Ich fragte mich, ob ich etwas falsch gemacht hatte. Mama hatte darauf bestanden, dass ich einen von diesen Wonderbras trug. Mir war klar, dass ich viel mehr Dekolleté zeigte, als ich wollte.

Ich setzte mich hin, und Shawn bestellte schnell einen Gin Tonic für sich, dann schaute er mich an und sagte: »Für sie das Gleiche.«

Ich sagte nicht nein, nahm mir aber vor, ihn nicht zu trinken, wenn ich ihn nicht mochte.

»Warum heißt du Ice«, fragte Buzzy und lehnte sich über den Tisch, »auf mich wirkst du gar nicht kalt.«

Alle lachten wieder, selbst Jeanie, die unfähig schien zu lächeln. »Sie ist nicht kalt«, sagte Shawn, »sie ist cool.«

»Ice, du darfst jederzeit deinen Finger in meinen Drink tauchen«, witzelte Sonny. Wieder lachten alle.

»Wie lange kennst du dieses Kunstwerk?«, fragte Michael mich und deutete auf Shawn.

Ich überlegte einen Moment. »Zwanzig Minuten«, erwiderte ich.

Er brüllte vor Lachen und erzählte allen anderen, was ich gesagt hatte. Es schien das Witzigste zu sein, was sie je im Leben gehört hatten. Ich glaubte, das Gelächter würde nie enden.

Die Musik hörte auf, und das Publikum applaudierte. Unsere Drinks kamen, und Shawn trank seinen in einem Zug fast aus.

»Das brauchte ich«, sagte er. »Eine Mutter kennenzulernen macht mich immer durstig.«

»Bestimmt hast du schon einige kennengelernt«, sagte Buzzy. »Bist du aus Philadelphia?«, fragte er mich.

Ich nickte. In dem Club war es so laut, dass man schreien musste, um sich zu verständigen, und ich wusste, was das in kurzer Zeit meiner Stimme antun würde.

»Du weißt, wie gefährlich dieser Bursche ist, mit dem du zusammen bist?«, scherzte Michael.

Ich zuckte die Achseln.

»Seine Memoiren sind erst für Jugendliche ab achtzehn freigegeben.«

»Du hast Recht«, sagte Buzzy nach weiterem Gelächter. »Sie ist cool, sie wirkt kein bisschen besorgt, Shawn. Ich finde, du solltest langsam anfangen, dir Sorgen zu machen.«

Die Musik begann wieder. »Magst du diese Musik, Ice?«, fragte Sonny und zog eine Grimasse.

»Sie liebt sie«, sagte Shawn. »Sie ist ein Jazz-a-holic

»Klar«, sagte Michael. »Kennst du das?«, fragte er und nickte in Richtung Band.

Ich lächelte. »Das ist ein Benny-Goodman-Stück«, sagte ich. Alle drehten sich zu mir um. »Es heißt ›After a While‹ und ist etwa 1929 entstanden«, erzählte ich ihnen. Ihnen fiel die Kinnlade herunter.

»Sie macht Witze, stimmt’s?«, fragte Buzzy Shawn.

Er schüttelte den Kopf. »Ihre Mutter sagte, sie steht darauf, und wisst ihr was?«, fügte er hinzu. »Sie singt auch.«

»Nein, das alles und auch noch talentiert?«, rief Michael. Die anderen Mädchen wirkten verärgert über die Aufmerksamkeit, die ich erhielt. Dolores brachte Sonny schließlich dazu, aufzustehen und zu tanzen, und dann fragte Shawn mich, ob ich tanzen wollte. Ich lächelte in mich hinein, als ich mich an einige der Schritte erinnerte, die Daddy mir beigebracht hatte.

Ich nickte, und wir standen auf. Shawn hatte kein Rhythmusgefühl und konnte nicht viel mehr, als so zu tun als ob, aber ich ignorierte ihn, schloss die Augen und ließ die Musik in mich hinein. Mir war nicht klar, dass ich die Aufmerksamkeit des gesamten Publikums auf mich zog, bis die Musik endete; die Leute applaudierten und schauten dabei mehr auf mich als auf die Band. Der Bandleader, ein hochgewachsener Schwarzer mit grauen Schläfen und freundlichen Augen, lächelte.

Als wir an unseren Tisch zurückkehrten, schwärmten die Jungs alle von mir, und die Mädchen wirkten noch verärgerter. Shawn bestellte sich einen weiteren Drink. Ich hatte von meinem gerade einen Schluck getrunken.

»Komm schon, trink was«, drängte er. »Wir haben noch eine lange Nacht vor uns.«

Ein Grund mehr, langsam zu trinken, dachte ich. Aber alle kippten munter ihre Drinks in sich hinein.

Wir tanzten noch einmal. Dolores versuchte mit einigen sehr sexy Bewegungen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Als Sonny mich bat, mit ihm zu tanzen, sah sie aus, als würde sie am liebsten über den Tisch springen und mir die Augen auskratzen.

»Na los, gönn ihm den Nervenkitzel«, sagte Shawn zu mir.

»Lieber nicht«, sagte ich so sanft wie möglich.

Auf einmal verschwand das Lachen aus den Augen meiner Tischgenossen. Solange alle tranken und herumalberten, war kein Raum für einen ernsthaften Gedanken, wurde mir klar. Ihre Aufgekratztheit legte über alles einen Dämpfer.

»Das ist wirklich kalt«, sagte Michael zu Sonny. »Jetzt sehe ich das Eis.«

»Hey, gönnt ihr mal ’ne Pause«, sagte Buzzy. »Außerdem wird es Zeit, dass sie mal singt.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte ich.

Er hörte nicht, sondern sprang auf und ging zum Bandleader, der in meine Richtung schaute und nickte. Buzzy winkte mich heran.

»Na los«, drängte Shawn. »Zeig ihnen mal, was Jazz ist.«

»Nein«, widersprach ich kopfschüttelnd.

Die Leute im Publikum schauten mich alle an.

»Was ist los? Ist dieses Publikum nicht gut genug für dich?«, fragt Jeanie.

Ich schaute sie an. »Ich habe noch nie ein Solo gesungen«, sagte ich und hoffte, das würde ausreichen.

»Heute Abend ist der richtige Moment, das zu tun«, verkündete Michael.

Shawn fing an mir aufzuhelfen.

Wieder schüttelte ich den Kopf.

Die Leute zur Rechten klatschten, um mich zu drängen aufzustehen. Ich schüttelte immer weiter den Kopf, aber mittlerweile jubelten alle an unserem Tisch, besonders die Mädchen, die hofften, ich würde einen kompletten Narren aus mir machen.

Ausnahmsweise hatte ich selbst das Gefühl, dass Mama mir den richtigen Namen gegeben hatte. Das Blut schien in meinen Adern zu gefrieren, ich war taub vor Furcht. Da hörte ich plötzlich hinter mir eine vertraute Stimme.

»Na los, Ice.«

Ich drehte mich um und sah Balwin Noble, den Zwölftklässler aus unsere Schule, der die Klavierbegleitung für unseren Chor spielte.

»Balwin, was machst du denn hier?«, rief ich.

»Ich dachte, du hättest gesagt, sie redet nicht«, brüllte Sonny zu Shawn.

»Ich komme oft her und spiele mit Barry Jones. Sing Lullaby of Birdland«, drängte er. Gelegentlich, wenn noch kein anderer zur Probe gekommen war, alberten er und ich herum, und ich sang dann. Genau wie Daddy liebte er meine Version von Ella Fitzgeralds Hit. »Ich gehe ans Klavier.«

»Wirklich?«

»Wer zum Teufel ist das?«, verlangte Shawn zu wissen.

»Ich begleite den Schulchor auf dem Klavier«, sagte Balwin zu ihm.

»Wir sind hier nicht in der Schule, du Dummkopf.«

»Ich gehe nicht, wenn Balwin nicht mitkommt«, erklärte ich.

Das Publikum wurde ungeduldig. Die Leute schlugen mit dem Besteck gegen ihre Gläser. Shawn schaute sich um.

»Lass ihn gehen«, sagte Michael. »Was kümmert dich das?«

Shawn trat beiseite, und Balwin und ich gingen zu der kleinen Bühne. Sie kannten ihn alle. Der Klavierspieler stand auf, um Balwin seinen Platz zu überlassen.

»Hey, Balwin«, sagte der Bandleader. »Bist du dir sicher bei ihr? Das ist kein einfacher Haufen heute Abend.«

»Sie ist im Chor, sie macht das schon«, prahlte er. Er beugte sich vor und sagte: »Na los, denen zeigen wir’s!« Er wandte sich an den Bandleader: »Spiel Lullaby«, bat er ihn.

»Alles klar.«

Mein Herz klopfte nicht. Es tobte wie ein eingesperrtes wildes Tier in meiner Brust. Das Einzige, was mich etwas tröstete, war Balwin am Klavier zu sehen. Sein vertrautes Gesicht und sein Lächeln ermutigten mich.

»Wisch ihnen den Zweifel von ihren blasierten Gesichtern«, sagte er.

Buzzy setzte sich. Alle an meinem Tisch starrten mich an, die Mädchen sahen wütend aus. Dann setzte die Musik ein, ich dachte an Daddy und mich im Wohnzimmer und an sein glückliches Lächeln, und ich begann. Bald war ich nicht mehr im Kit-Kat, sondern wieder zu Hause. Ich fühlte mich geborgen, das Lied gab mir Sicherheit.

Als ich aufhörte, war das Publikum auf den Beinen, selbst die Mädchen an meinem Tisch standen zögernd auf, um zu klatschen.

»Komm vorbei, wann immer du willst«, sagte der Bandleader zu mir.

Balwin sah so stolz aus. »Ich wusste, dass du das kannst«, sagte er.

»Ich hätte es nicht gekonnt, wenn du nicht hier gewesen wärst, Balwin.«

»Dann freue ich mich, dass ich hier war«, sagte er.

Shawn trat rasch zwischen uns. »Nett«, sagte er. »Wirklich nett. Komm, wir gehen jetzt alle zu Michael, um zu feiern.«

»Was? Warum? Warum bleiben wir nicht hier?«

»Hier sind wir fertig«, sagte Shawn.

Ich sah, wie die Gruppe vom Tisch aufstand, und dachte an den Rat meines Vaters. »Ich will nicht zu irgendjemandem nach Hause gehen, Shawn«, sagte ich entschieden.

»Warum nicht?«

»Wir wollten doch essen gehen. Bis jetzt haben wir noch nichts gegessen.«

»Wir werden dort etwas zu essen besorgen«.

»Vielleicht solltest du mich einfach nach Hause bringen«, sagte ich zu ihm.

»Machst du Witze?«

Ich schüttelte den Kopf, und sein ungläubiges Lächeln verwandelte sich in einen verärgerten Gesichtsausdruck. »Warum?«

»Ich will nicht zu irgendjemandem nach Hause gehen«, sagte ich.

»Ich dachte, wir würden uns amüsieren. Willst du dich denn nicht amüsieren?«

»Ja, aber ich will dafür nicht zu irgendjemandem nach Hause gehen«, sagte ich.

»Na komm schon.«

»Nein«, sagte ich so entschieden wie möglich.

Er starrte mich einen Augenblick wütend an, dann ging er zu seinen Freunden, um es ihnen zu erzählen, und sie fielen alle über mich her.

»Wir wollten doch nur Musik hören, etwas essen und den Abend genießen.«

»Wir können eine richtige Party feiern.«

»Was ist das Problem?«

Ich antwortete keinem von ihnen. Ich saß am Tisch, die Arme unter der Brust verschränkt, richtete meine Aufmerksamkeit auf die Bühne und ignorierte ihre Kommentare und Bitten.

»Da hast du dir aber wirklich einen Eisklumpen an Land gezogen«, sagte Sonny zu Shawn.

Der starrte wutschnaubend auf mich herab. »Ich gehe jetzt zu Michael«, sagte er schließlich. »Kommst du mit oder nicht?«

Ich schaute zu ihm hoch. »Nein bedeutet nein«, sagte ich so hitzig und so entschieden, wie ich konnte.

Sein Kopf fuhr zurück, als hätte ich ihm ins Gesicht geschlagen. »Gut, dann lass dich von dem fetten Burschen nach Hause bringen«, rief er und wandte sich von mir ab. »Das nächste Mal, wenn meine Schwester eine Verabredung für mich vereinbaren will, werde ich ihr sagen, dass sie es sich besser überlegen soll. Geh und ruf deine Schwester an, Dolores. Ich hätte auf dich hören und sie ausführen sollen. Bei der hier steht man ja mit einem Fuß im Gefängnis.«

Alle Mädchen lachten. Ich starrte sie an und wandte mich dann ab.

»He«, sagte Buzzy und beugte sich vor, um mir ins Ohr zu flüstern: »Wenn du jemals mit einem richtigen Mann ausgehen willst, ruf mich an. Ich stehe in den gelben Seiten unter ›Richtiger Mann‹.«

Er lachte, dann gingen sie alle den Gang hinunter und ließen mich alleine am Tisch sitzen. Ich war mir sicher, dass die Leute um uns herum uns anstarrten. Immer wenn ich den Blick vom Tisch hob und mich umdrehte, sah mich jemand an. Ich fühlte mich so dumm und verängstigt, genau wie ein Jugendlicher, der im Begriff war, im Treibsand der Erwachsenenwelt unterzugehen. Aber ich rührte mich nicht.

»Was ist passiert?« Balwin eilte zu mir, um mich das zu fragen, sobald sie den Club verlassen hatten.

Rasch erzählte ich es ihm.

»Wie konnte er dich einfach so zurücklassen?«

Ich antwortete nicht. Ich starrte auf den Tisch, mein ganzer Körper zitterte immer noch. Ich spürte, wie seine Hand sanft meine Schulter berührte.

»He, mach dir keine Sorgen, Ice. Meine Mutter hat mir heute Abend ihr Auto geliehen. Ich bringe dich nach Hause«, sagte er. »Möchtest du nach Hause?«

Ich nickte.

»Ich habe gehört, dass du gesagt hast, du hättest noch nicht gegessen. Wie wäre es, wenn wir unterwegs auf eine Pizza anhalten? Ich habe auch Hunger. Ich habe immer Hunger«, gestand er.

»Okay«, sagte ich. Ich hätte allem zugestimmt, um hier herauszukommen. Aber als ich mich erhob, um mit Balwin zur Tür hinauszugehen, dachte ich an Mama. Bestimmt würde sie mich hassen.