Ich fand unsere erste Probe einigermaßen in Ordnung, aber Balwin war völlig begeistert. In Bezug auf mich verwendete er Begriffe wie »fantastisch«, »verblüffendes Talent«, »eine Spitzenkandidatin für jede Schule«. Natürlich vermutete ich, dass er nur nett sein wollte. Ich wusste, was es bedeutete, sich in der Welt des Entertainments zu behaupten. Daddy hatte mir viele Geschichten über Sänger und Musiker erzählt, die er kennengelernt hatte, Leute, die Talent besaßen, aber dennoch keinen Erfolg hatten, weil sie keine Chance bekamen oder nicht den Mumm hatten, es immer wieder zu versuchen.
»Es ist viel einfacher, einen Misserfolg zu akzeptieren und sich damit abzufinden, als es immer wieder in Angriff zu nehmen, Ice«, sagte er. »Du gibst dem Schicksal oder der Vorsehung oder dem mangelnden Glück die Schuld daran und richtest dich in der Mittelmäßigkeit ein. Viele gute Leute, die ich kenne, haben ihr Feuer verloren und schmoren jetzt in irgendeinem dunklen, verrauchten Loch und ertränken ihre Träume in Alkohol oder Drogen.«
So wie Daddy darüber sprach, fragte ich mich, was seine geheimen Träume gewesen waren. Als er schließlich enthüllte, dass er einmal Trompeter hatte werden wollen, weil sein Lehrer ihn dazu ermutigt hatte, war ich überrascht. Noch nie hatte er auch nur eine Andeutung dahingehend gemacht. Er wühlte in einer Schublade des Kleiderschranks und holte sein Mundstück heraus. Seine Großmutter mütterlicherseits hatte ihm damals die Trompete gekauft.
»Das ist alles, was von der Trompete, die ich einmal besaß, noch übrig ist«, sagte er. »Von Zeit zu Zeit, wenn ich nostalgisch werde, blase ich darauf.«
»Was ist aus deiner Trompete geworden, Daddy?«, fragte ich.
Sein Blick verfinsterte sich, und er schüttelte den Kopf. »Mein Vater zwang mich, sie zu verpfänden; aber ich tat so, als hätte ich das Mundstück verloren. Dafür verprügelte er mich«, erzählte er.
»Warum hast du später nie wieder gespielt, Daddy?«, fragte ich ihn.
»Vermutlich hatte ich Angst«, gestand er. »Ich hatte Angst, es würde dahin kommen, dass ich ohne Trompete nicht mehr leben könnte, und das hätte mein Leben damals schrecklich gemacht, Ice.«
Ich hatte meinen Großvater nie kennengelernt. Er war gestorben, als ich erst zwei Jahre alt war, aber wenn er jetzt noch lebte, hätte ich ihn nicht anschauen können, ohne ihn zu hassen. Erstaunlicherweise klang Daddy weder hasserfüllt noch wütend.
»Hast du ihn nicht gehasst?«, fragte ich ihn.
»Nein.« Er lächelte. »Er konnte nicht verstehen, wie wichtig das für mein Leben damals war, und das Geld kam in jenem Monat gerade recht.«
Wenn ich ihn so darüber sprechen hörte, fragte ich mich, welche Geheimnisse all die Menschen um uns herum wohl in ihren Herzen verbargen, wie viele Träume schon zerstört und begraben worden waren. Das war das wirkliche Schweigen, das aufzustören sie befürchteten. Es jagte mir Angst ein und trug viel dazu bei, dass ich zögerte, wenn es um meinen eigenen Gesang und meine Träume vom Erfolg ging. Wagte ich es, zu träumen?
Vermutlich schüttelte ich deshalb einfach den Kopf und dankte Balwin für seine Komplimente, als wüsste ich, dass er im Grunde nur nett zu mir sein wollte. Ich sah die Verwirrung und auch den Ärger in seinem Blick.
»Es ist mein Ernst«, beharrte er. »Du wirst es schaffen, Ice. Ich liebe Musik viel zu sehr, um darüber zu lügen.«
»Okay«, sagte ich. »Es tut mir leid. Danke.«
Wir setzten eine weitere Probe an. Als hätte er Angst, während des Schultages darüber zu reden oder es auch nur anzusprechen, ging er mir in der Schule aus dem Weg. Mir wurde rasch klar, dass er schüchtern war, wenn es darum ging, mit einem Mädchen zusammen zu sein. Genau wie ich benutzte er die Musik als Schutzschild und Mittel der Kommunikation mit anderen. Ohne sie war er fast so stumm wie ich.
Selbst bei den Chorproben sprach er nie mehr als nötig mit mir. Als ich zu ihm sagte »Dann bis später«, nickte er schnell und wandte sich ab, aus Angst, jemand in der Nähe könnte es mitbekommen.
Mama war an diesem Abend nicht zu Hause. Sie war mit zwei ihrer Freundinnen ins Kino gegangen. Daddy hatte wieder eine seiner Spätschichten. Ich rechnete damit, vor beiden wieder nach Hause zu kommen, deshalb hinterließ ich keine Nachricht, wo ich war.
Genau wie beim ersten Mal war Balwin praktisch in dem Moment, als ich klingelte, an der Tür.
»Hi«, sagte er, und ich trat ein. Er wirkte nervös. Ohne ein weiteres Wort ging er zur Tür seines Kellerstudios.
Bevor wir jedoch dort ankamen, trat ein großer, schlanker Mann mit einem grauen Haarkranz um seine glänzende Glatze in die Wohnzimmertür. Er hielt ein ordentlich zusammengefaltetes Exemplar der New York Times in der Hand und trug einen Nadelstreifenanzug mit Weste und Krawatte.
Sein schmales, langes Gesicht glänzte ebenso wie seine Glatze. Seine Haut war im reflektierenden Dielenlicht so glatt, dass es aussah, als hätte er sich die Barthaare mit einer von Mamas Pinzetten ausgezupft. Ich erkannte eine Ähnlichkeit zwischen ihm und Balwin, was Mund, Augen und die Form der Ohren anbelangte.
»Wer ist das?«, fragte er streng.
Balwin schaute mich an, als hätte er mich bei sich eingeschmuggelt und wäre dabei erwischt worden. Ich sah, wie ein Ausdruck des Entsetzens auf sein Gesicht trat, er den Blick schuldbewusst abwandte und Schultern und Kopf hängen ließ, dass er aussah wie ein geprügelter Welpe.
»Sie heißt Ice Goodman«, sagte er so leise, dass selbst ich es fast nicht hören konnte.
»Ice!«
Balwin hob den Kopf und nickte.
»Wenn eine Freundin von dir zu Besuch kommt, warum sagst du deiner Mutter und mir nicht Bescheid und stellst sie ordentlich vor, statt dich in deinen Bunker davonzustehlen?«
»Ich habe mich nicht davongestohlen. Wir wollten ...«
»Nun?«, verlangte sein Vater zu wissen.
Balwin trat einen Schritt vor, warf einen Blick auf mich und sagte dann: »Das ist mein Vater, Mr Noble. Dad, das ist Ice Goodman, ein Mädchen aus dem Schulchor.«
»Aha. Und wozu bist du hier?«, fragte er mich.
»Sie ist hier, um zu proben«, erwiderte Balwin, bevor ich antworten konnte.
Sein Vater starrte ihn an und wandte sich dann wieder mir zu, die Augen zusammengekniffen.
»Probe? Warum solltest du mit nur einem Mitglied des Chores proben, und warum kannst du so etwas nicht bei euch in der Schule tun?«
Obwohl er Balwin diese Fragen stellte, starrte er mich immer weiter an.
»Das ist keine Chorprobe«, sagte Balwin.
»Ach?«
Er wandte sich ihm zu. »Und was genau ist es dann?«
»Sie wird bei einer speziellen Schule vorsingen und muss dafür einige Stücke vorbereiten. Dabei helfe ich ihr«, erklärte Balwin.
»Tatsächlich?« Er schaute mich wieder an und wandte sich dann erneut an Balwin. »Gehe ich recht in der Annahme, dass du deine Hausaufgaben beendet hast?«
»Jawohl, Sir«, bestätigte Balwin.
»In welcher Schule findet dieses Vorsingen statt?«, fragte er mich.
»Sie singt in der Senetsky School in New York vor«, erwiderte Balwin rasch.
»Ich habe sie gefragt«, sagte sein Vater. »Du sagst, sie sei Sängerin, aber bis jetzt habe ich noch keinen Ton von ihr gehört.«
»Ich wollte nur ...«
Der Blick seines Vaters reichte aus, um Balwin verstummen zu lassen. Ich hatte noch nie solchen Gehorsam infolge eines solchen Terrors erlebt.
»Es ist die Senetsky School«, wiederholte ich.
Sein Vater würdigte mich kaum eines Blickes, bevor er sich wieder an Balwin wandte.
»Verstehe. Deine Mutter hat heute Abend schwere Kopfschmerzen, mach also keine laute Musik«, befahl er.
»Jawohl, Sir«, sagte Balwin.
Sein Vater ließ die Zeitung in seinen Händen wie eine Peitsche knallen, drehte sich um und verschwand im Wohnzimmer. Ich sah, wie Balwin erleichtert aufatmete.
»Komm mit«, sagte er und ging weiter zur Treppe.
»Ich will keinen Ärger verursachen«, sagte ich, bevor ich nach unten ging.
»Ist schon gut«, sagte Balwin und schaute zu mir hoch. »Mein Vater hält nicht viel von meiner Musik, meinem Komponieren. Er zitiert gerne Statistiken, wie schwierig es ist, in der Kunst Erfolg zu haben. Alles, was ich hier habe, habe ich mir von meinem eigenen Geld gekauft und mit Geld, das meine Mutter mir gegeben hat. Schließ bitte die Tür hinter dir«, fügte er hinzu und ging weiter die Treppe hinunter zum Klavier.
Ich schaute zur Wohnzimmertür, dann machte ich einen Schritt nach unten und schloss die Kellertür.
»Wenn ich ein Stück für viel Geld verkaufe, wird mein Vater seine Meinung ändern«, murmelte Balwin.
Es fiel mir sehr schwer, in die richtige Stimmung zum Singen zu kommen. Jedes Mal, wenn ich die Stimme erhob, musste ich daran denken, dass sein Vater mich vielleicht hörte und wütend wurde. Er war nur halb so breit und wirkte auch nicht so kraftvoll wie mein Vater, aber Balwins Vater hatte etwas Furchteinflößenderes. Sein Name sollte Ice lauten, fand ich. Seine Augen sahen aus, als könnten sie jemanden mit ihrem scharfen, harten Blick erdolchen.
»Hab keine Angst, richtig loszulegen«, sagte Balwin, nachdem wir das Stück zweimal gespielt hatten. »Meine Mutter kann dich nicht hören, und selbst wenn, würde sie sich nicht beschweren, wie er behauptet.«
»Ich will dich nicht in Schwierigkeiten bringen.«
»Das tust du nicht«, beharrte er. »Komm schon, ich möchte, dass wir die CD bald aufnehmen. Die kannst du dann den Leuten von der Schule vorspielen.«
Wir fingen wieder an, und ich legte mehr Energie hinein, was ein Lächeln auf sein Gesicht zauberte.
»Schon besser«, lobte er, nachdem wir fertig waren. Er spielte die Aufnahme ab, die er gemacht hatte. Wir hörten zu und folgten der Musik. »Genau hier solltest du deiner Stimme mehr Nachdruck verleihen«, sagte er und benutzte dabei eine von Mr Glenns Anweisungen für den Chor.
Ich lächelte.
»Bist du nicht einverstanden?«
Ich nickte, und er wirkte verlegen. Als die Aufnahme beendet war, fragte er mich, ob ich etwas trinken möchte.
»Ich kann hier unten Tee machen. Ich habe eine Mikrowelle hinter der Bar.«
»Einverstanden«, sagte ich.
Während er eine Tasse für sich selbst und für mich zubereitete, ging ich in dem Kellerraum umher, schaute mir die Poster an den Wänden und einige der gerahmten Fotografien an.
»Deine Mutter ist hübsch«, sagte ich.
»Seit jenem Foto hat sie ziemlich zugenommen«, erzählte er mir. »Vermutlich komme ich in diesem Punkt nach ihr. Vielleicht in vielen Punkten«, fügte er hinzu.
Er stellte meinen Becher Tee auf die Bar, und ich setzte mich auf einen Hocker. Er blieb dahinter, trank aus seinem Becher und schaute zu, wie ich mir etwas Honig hineintat.
»Mein Vater ist so genau in allem, was er tut, das Essen eingeschlossen. Er ist stolz auf die Tatsache, dass er in zwanzig Jahren kein Pfund zu- oder abgenommen hat. Einmal versuchte er, mich verhungern zu lassen, damit ich abnehme«, gestand Balwin, Schamesröte im Gesicht.
»Das kann doch nicht dein Ernst sein?«, fragte ich.
Er nickte.
»Zum Frühstück bekam ich nur ein Glas Apfelsaft, und alles, was ich abends aß, wog er auf einer Waage. Natürlich aß ich Schokoriegel und verputzte in der Schule, was ich wollte. Er suchte tatsächlich mein Zimmer ab wie jemand, der es nach Drogen durchsucht, und fand zwei Snickers und eine Schachtel Toffees. Ich liebe Toffees. Er bekam einen Wutanfall, brachte ein Schloss an meinem Klavier an und drohte mir, jedes Stück meiner Ausrüstung zu verkaufen, wenn ich in jenem Monat nicht fünf Pfund abnahm.
Meine Mutter war so außer sich und weinte so viel, dass ich einlenken musste und abnahm. Schließlich gab er nach und entfernte das Schloss vom Klavier. Aber im folgenden Monat nahm ich das Gewicht wieder zu, bis er eines Abends die Hände in die Luft warf und mir mitteilte, dass er mich aufgebe.«
Er wandte den Blick ab, um die Tränen zu verbergen, die ihm in die Augen getreten waren. Als er mich wieder anschaute, lächelte er rasch.
»Ist schon gut. Wir haben jetzt einen etwas unsicheren Waffenstillstand in diesem Haus hier, zumindest ist er glücklich über meine Noten. Vermutlich liebt er mich. Er ist nur einer von diesen Leuten, denen es sehr schwerfällt, das zu zeigen. Er hält es für ein Zeichen von Schwäche, zu viel Gefühl zu zeigen. Er stammt aus einer sehr armen Familie und war aus eigener Kraft erfolgreich. Seiner Meinung nach kann ein reifer Erwachsener, der bei einer Sache versagt, niemand anderem außer sich selbst die Schuld dafür geben. Es gibt immer einen Weg, um ein Hindernis zu überwinden oder ein Problem zu lösen, wenn man es wirklich will.«
»Vermutlich hat er recht.«
Er trank noch etwas Tee und schüttelte dann den Kopf. »Tut mir leid, ich hatte nicht vor, so draufloszuplappern.«
»Schon gut«, sagte ich und lächelte.
»Du bist cool, Ice. Hört sich komisch an, ich weiß, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass du so plapperst. Bestimmt wärst du in Stummfilmen toll gewesen.«
Ich lachte.
»Nein, wirklich. Du sagst mehr mit deinem Gesicht, mit deinen Augen, als die meisten Mädchen, die den ganzen Tag reden. Ich mag das. Tatsache ist, dass ich einen Song über dich geschrieben habe.« Er senkte den Kopf. »Ich hoffe, es macht dir nichts aus.«
»Über mich?«
Er nickte. »So toll ist er nicht.«
»Wo ist er?«
»Hier drin«, sagte er und deutete auf seine Schläfe. »Ich habe ihn noch nicht aufgeschrieben. Ich bastle daran herum.«
»Ich möchte ihn hören«, bat ich.
Er holte tief Luft und schaute fast so entsetzt drein wie oben vor seinem Vater.
»Bitte«, bettelte ich.
»Versprich mir, die Wahrheit zu sagen, wenn es sich schrecklich anhört, okay?«
Ich nickte.
Er ging um die Bar herum zum Klavier. Ich folgte ihm, stand daneben und wartete. Er warf mir einen Blick zu, schaute hoch und begann dann mit dem Vorspiel.
Er sang:
Im Schweigen ihres Lächelns klingt Musik,
In ihren Augen eine Melodie.
Lautlos gleitet sie durch den Lärm um sie herum.
In ihrer Harmonie liegt Schönheit.
Hör das Klopfen meines Herzens, hör die Trommeln in meiner Seele.
Sieh, wie sie den Chor zum Singen bringt, sieh, wie sie die Symphonie erklingen lässt.
Spiel, spiel dieses Lied von dir.
Spiel es für die Alten, spiel es für die Jungen.
Spiel es, wenn der Tag anbricht, spiel es, wenn der Abend niedersinkt.
Spiel hinweg den Kummer und die Sorgen.
Geh vor dem traurigsten Auge, das du je gesehen.
Geh und bring die Musik zurück zu mir.
Er hielt inne und starrte auf die Tasten. »Das ist alles, was ich bis jetzt habe.« Er schaute hoch.
Es war lange, sehr lange her, seit mir irgendjemand oder irgendetwas Tränen in die Augen getrieben hatte, Tränen, die ich nicht zurückhalten konnte. Tränen, die ihr Eigenleben hatten, einfach hervorsprangen und mir über die Wangen liefen. Dicke Tränen, deren ich mich nicht schämte, die stolz enthüllten, dass mein Herz barst und ich gerührt war.
»Nun?«, fragte er.
Ich ging um das Klavier herum und antwortete ihm, indem ich ihn auf die Wange küsste. Er war so überrascht, dass ihm fast die Augen aus dem Kopf fielen. Ich musste lachen und wischte mir die Tränen von den Wangen.
»Danke, das Lied ist wunderschön«, sagte ich.
Er strahlte. »Wie gesagt, es ist noch nicht fertig. Ich werde jeden Tag daran arbeiten. Es soll perfekt werden. Ich werde ...«
»Wie lang soll diese Probe, wie du sie nennst, noch weitergehen«, hörten wir die Stimme seines Vaters – er stand mitten auf der Treppe.
Wie lange war er schon dort? Hatte er gesehen und gehört, wie Balwin mir das Lied vorsang? Hatte er gesehen, wie ich ihn küsste?
»Wir kommen gerade zum Ende, Sir.«
»Gut.«
Er drehte sich um, stampfte die Treppe hinauf und schloss die Tür hinter sich.
»Tut mir leid«, sagte Balwin. »Manchmal ist er so.«
Wovor hat er Angst?, fragte ich mich und schaute hinter ihm her. »Ich muss jetzt sowieso nach Hause gehen. Mein Vater kommt spät nach Hause, und ich muss ihm das Abendessen machen. Meine Mutter ist mit Freundinnen ausgegangen«, sagte ich.
»In Ordnung. Wir treffen uns morgen Abend wieder, wenn du möchtest.«
Balwin sah, dass meine Blicke nach oben zur Tür wanderten.
»Das ist schon in Ordnung«, fügte er hinzu.
Ich nickte und ging die Treppe hinauf. Es war so ruhig. Balwins Vater schien die Stille nichts auszumachen. Man hörte weder Fernseher noch Musik, nur das laute Ticken der Standuhr in der Diele.
»Gute Nacht«, sagte ich an der Tür. »Danke.«
Rasch trat ich hinaus. Der Wind begrüßte mich mit einer eisigen Böe ins Gesicht und drang in jeden Winkel meiner Jacke, die ich noch nicht geschlossen hatte. Schnell zog ich den Reißverschluss nach oben und krümmte die Schultern, schob die kalten Finger tief in die Jackentaschen und eilte die kurze Strecke nach Hause. Kurz bevor ich die Ecke erreichte, hörte ich, wie ein Auto das Tempo verlangsamte. Als ich mich umdrehte, sah ich zwei junge Männer, die zu mir herausschauten, einer mit einer Skimütze und der Fahrer mit einem Cowboyhut. Der mit der Skimütze trug eine Sonnenbrille, obwohl es Abend war. Ich erkannte, dass die beiden frühere Schüler meiner Schule waren. Überrascht stellte ich fest, dass sie mich ebenfalls kannten.
»Wie wär’s mit einer Fahrt, Ice-Baby?«, fragte der Beifahrer. »Hier drinnen ist es warm genug, um dich zum Schmelzen zu bringen.«
»Richtig kuschelig warm«, rief der Fahrer.
Ich ging immer weiter, aber sie folgten mir.
»Was macht denn ein hübsches Mädchen wie du alleine hier draußen?«, fuhr der mit der Sonnenbrille fort. »Hattest du mit deinem Freund Krach?«
Ich ging ein wenig schneller, mein Herz klopfte und hallte mir in den Ohren wider, wie ein Leitungsrohr, auf das man mit einem Schraubenschlüssel klopfte. Plötzlich, als ich gerade um die Ecke biegen wollte, überholten sie mich und die Tür schwang auf. Der mit der Sonnenbrille stieg aus, machte eine tiefe Verbeugung und deutete auf das Auto. »Ihre Kutsche wartet auf Sie, Mylady!«
Entsetzt blieb ich stehen.
»Ice!«, hörte ich, drehte mich um und sah, wie Balwin auf uns zugerannt kam. Keuchend blieb er stehen. »Tut mir leid, ich musste noch schnell was erledigen«, sagte er und schaute zum Auto und dem Mann mit der Sonnenbrille.
»Wer ist das denn? Balwin Noble? Das kann doch wohl nicht dein Freund sein, der zerquetscht dich ja!«, sagte der Mann mit der Sonnenbrille und lachte. Sein Freund lachte auch.
»Vergiss es«, rief der Fahrer ihm zu.
»Du hast dir was entgehen lassen, Schätzchen«, sagte er und stieg ins Auto. Wir sahen zu, wie sie wegfuhren.
»Ich habe dir aus dem Fenster hinterhergeschaut und gesehen, wie sie das Tempo verlangsamten«, erklärte Balwin. »Ich bringe dich nach Hause.«
Ich schüttelte den Kopf.
»Das hätte ich dir sowieso anbieten sollen. Mein Vater bringt mich manchmal völlig aus der Fassung. Tut mir leid. Komm schon«, drängte er.
Gemeinsam gingen wir weiter, Balwin die Hände tief in den Taschen vergraben.
»Ab morgen fange ich eine Diät an«, versprach er. »Wirklich.«
Ich lächelte in mich hinein, und wir gingen weiter.
Balwin übernahm dabei das ganze Reden, ich das ganze Zuhören, aber ich fühlte mich wohl dabei, warm und beschützt. Vor dem Wohnblock sagten wir »Gute Nacht«, und ich bedankte mich bei ihm.
»Morgen bitte ich meinen Vater um das Auto. Wenn er hört, dass ich eine Diät mache, ist er bestimmt netter zu mir.«
»Okay«, sagte ich. »Aber mach meinetwegen keinen Ärger.«
Balwin lächelte. »Ich könnte mir keinen besseren Grund denken, um Ärger zu machen«, sagte er, beugte sich vor, um mir ein rasches Küsschen auf die Wange zu geben, und eilte davon, als hätte er mir wirklich einen Kuss geraubt.
Daddy kam früher nach Hause, als ich erwartet hatte. Er war bereits in der Küche, saß am Tisch und aß, was er sich selbst aufgewärmt hatte. Vermutlich erschien ihm mein überraschter Blick schuldbewusst.
Er zog die Augenbrauen hoch und musterte mich misstrauisch. »Wo warst du, Ice? Du hast dich doch nicht etwa wieder mit diesem Shawn getroffen, oder? Hoffentlich hat deine Mutter nicht wieder eines ihrer besonderen Arrangements vereinbart.«
Ich schüttelte den Kopf.
»Also, wo warst du?«
»Proben«, sagte ich und betrat die Küche. »Tut mir leid, dass ich nicht zu Hause war, um dir das Essen fertig zu machen.«
»Das ist kein Problem. Was meinst du damit: proben? Proben für was?«
Ich zuckte die Achseln.
»Na los, raus damit«, sagte er.
»Ich weiß, dass ich nur meine Zeit verschwende«, sagte ich.
»Ice, was soll das heißen? Wovon redest du eigentlich?«, fragte er langsam.
Ich hob den Blick vom Boden und schaute ihn an. »Ich probe verschiedene Stücke für das Vorsingen bei der New Yorker Schule«, sagte ich schnell.
»Wirklich?« Er lehnte sich beifällig nickend zurück. »Das ist gut, Ice. Das ist gut. Wo hast du geprobt?«
Ich erzählte ihm von Balwin und wie er mir half.
»Sehr nett von ihm, ich freue mich darüber. Und sag bloß nicht, du vergeudest deine Zeit. So eine Miesmacherei will ich nicht mehr hören! Hörst du?«
»Aber es ist doch zu viel Geld, oder, Daddy?«
»Das lässt du mal meine Sorge sein, wenn die Zeit gekommen ist, Schätzchen.« Er nickte. »Irgendwie werden wir das schon hinkriegen. Ich werde nicht zulassen, dass du dir so eine Gelegenheit entgehen lässt. No, Sir. No, Ma’am.«
Ich lächelte in mich hinein und fing an, Topf und Herd sauber zu machen, während er zu Ende aß.
»Hat deine Mutter gesagt, wo sie heute Abend hingeht?«
»Ins Kino.«
»Ins Kino, ja? Wenn sie sich all die Filme angeschaut hätte, von denen sie es behauptet, müsste sie schon Sternchen sehen. Und mit Sternchen meine ich keine Filmstars«, witzelte er.
Er versuchte es leicht zu nehmen, aber ich sah die Besorgnis in seinem Gesicht. Das jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken.
»Ich kann diese Frau nicht mehr glücklich machen«, murmelte er mehr zu sich selbst. Ich sah, wie schnell sich seine gehobene Stimmung verwandelte und düster wurde. Er hörte auf zu essen, starrte einen Augenblick ausdruckslos vor sich hin, erhob sich dann und ging ins Wohnzimmer, um dort eines seiner Billie-Holiday-Alben zu spielen, während er wartete, dass Mama nach Hause kam. Nachdem ich in der Küche fertig war, ging ich ins Wohnzimmer, um mich zu ihm zu setzen.
»Du siehst müde aus, Schätzchen«, meinte er fast eine Stunde später. »Geh ins Bett. Ich komme schon alleine zurecht. Ruh dich aus«, befahl er. »Du hast morgen Schule.«
Ich stand auf, küsste ihn auf die Wange und ging ins Bett. Aber ich konnte nicht einschlafen, ständig hoffte ich, Mamas Schritte auf dem Flur und dann das Öffnen der Wohnungstür zu hören, aber eine Stunde verging, dann eine weitere, und sie war immer noch nicht zu Hause. Ich hatte das Gefühl, dass uns eine schlimme Nacht bevorstand. Mir drehte sich der Magen um wie ein Motor ohne Benzin, der sich knirschend dreht, aber immer wieder erstirbt. Ich wälzte mich hin und her und versuchte verzweifelt, an etwas anderes zu denken, aber nichts funktionierte.
Als die Wohnungstür sich schließlich öffnete, war es fast drei Uhr morgens. Mama kam auch nicht einfach herein, es hörte sich an, als fiele sie herein.
Ich setzte mich auf, um zu lauschen, und hörte ihr gedämpftes Lachen. Sie war sehr betrunken.
»Was tust du da auf dem Boden, Lena?«, hörte ich Daddy sie fragen.
Sie lachte und teilte ihm mit, dass der Absatz ihres Schuhs abgebrochen sei. Ich hörte, wie sie sich mühsam aufrappelte, immer noch in sich hineinkichernd.
»Wo warst du die ganze Zeit, Lena?«
»Aus«, sagte sie. »Mich amüsieren. Schon mal was gehört davon? Weißt du überhaupt noch, was das ist? Das bezweifle ich.«
»Wo warst du?«, wiederholte er.
»Ich sagte: aus«, fauchte sie ihn an.
Ich hörte, wie er einige Schritte machte und sie kurz aufschrie.
Ich stand auf und öffnete die Tür weit genug, um die beiden zu sehen.
Daddy hatte seine Hände auf ihre Oberarme gelegt und hielt sie hoch wie eine Stoffpuppe; ihre Füße waren etwa dreißig Zentimeter vom Boden entfernt. Er schüttelte sie einmal.
»Wo warst du, Lena?«, wollte er wissen.
»Lass mich runter, verdammt noch mal, lass mich runter!«
»Wo warst du?«
»Ich bin nicht einer von deinen Verdächtigen, Cameron. Lass mich runter!«
»Du kommst gleich runter«, drohte er, »aber wie ein Hund, den man zwingt sich hinzulegen, wenn du mir nicht sagst, wo du warst.«
»Ich war mit Louella und Dedra unterwegs. Wir waren essen und danach im Kino und zuletzt bei Frank and Bob’s, so wie immer.«
Daddy ließ sie langsam herunter. »Ich habe es satt, dass du betrunken nach Hause kommst«, sagte er.
»Leute trinken, weil sie unglücklich sind«, fauchte sie zurück.
»Warum bist du so unglücklich? Vielleicht, wenn du dir einen Job besorgst oder ...«
»Ah, einen Job. Was für eine Art von Job soll das denn bitte sein, hä? Willst du, dass ich in irgendeinem Kaufhaus oder in einem Fast-Food-Laden arbeite?« Ihr Gesicht verzog sich, als sie anfing zu schluchzen. »Ich habe mein Leben vergeudet. Ich sollte auf der Titelseite einer Zeitschrift zu sehen sein oder in der Werbung. Ich sollte jemand Besonderes sein anstatt das, was ... was ich bin«, beschwerte sie sich. »Aber machst du dir je Gedanken darüber?«, fragte sie, richtete sich auf und presste die Lippen aufeinander. »Nein. Du und deine Musik und deine blöden Arbeitszeiten.«
»Ich tue mein Bestes für uns und ...«
»Das Beste«, murmelte sie. »Du kümmerst dich doch gar nicht darum, was hier passiert. Wir haben eine Tochter, die sich wie eine Taubstumme aufführt, statt mich stolz zu machen, und an all dem bist du schuld, nur du!«
»Sie ist ein wunderbares Mädchen, ein talentiertes Mädchen. Wir werden stolz auf sie sein, Lena.«
»Aber sicher. Ich gehe hin und arbeite an ihr, organisiere ein Rendezvous für sie, und alles läuft schief.«
»Du weißt, dass das nicht ihr Fehler war.«
»Ich weiß. Es war mein Fehler«, schrie sie ihn an. »Wem sonst würdest du die Schuld dafür geben?«
»Niemand beschuldigt hier irgendjemanden, Lena.«
»Lass mich in Ruhe«, sagte sie. »Mir ist schlecht. Ich fühle mich nicht gut.«
»Warum solltest du auch, nach dem, was du dir angetan hast?«
»Das hast du mir angetan«, beschuldigte sie ihn.
»Ich?«
»Du hast mich schwanger gemacht, als ich jung und hübsch war und eine Chance hatte, Cameron. Und dann hast du versprochen, etwas für mich zu tun, aber sieh dir an, was du getan hast ... gar nichts. Nichts, als mir ein Bleigewicht um den Hals zu hängen. Ich ertrinke!«, schrie sie ihn an. Dann fasste sie sich an den Magen, krümmte sich zusammen und stürzte ins Badezimmer.
Er stand da und sah ihr nach, sein Gesicht so gebrochen und traurig, wie ich es noch nie gesehen hatte. Er spürte meinen Blick und drehte sich zu meiner Tür um.
Wir sahen einander an.
War ich das Bleigewicht, das um Mamas Hals hing?
Hasste er mich, weil ich all das gehört hatte?
Der Schmerz in seinen Augen war mehr, als ich ertragen konnte. Leise schloss ich die Tür und kehrte ins Bett zurück, in die Dunkelheit, auf der Suche nach dem flüchtigen Schlaf.