6.
Verstimmt

Häufig erinnerte die Stimmung bei uns zu Hause an die in einem Leichenschauhaus. Ich nenne es Totenstille, weil jeder es den Toten gleichtun zu wollen scheint. Ich bin bei Beerdigungen gewesen, bei denen Leute in Gegenwart des Leichnams mit so leerem und ruhigem Blick dasaßen, dass ich mir vorstellte, sie hätten nur ihre Hülle für eine Weile im Leichenschauhaus abgegeben und wären dann weggegangen, um sich an einem lebhafteren Ort die Zeit zu vertreiben.

Wenn jedoch der Gesang anfing, war es immer so, als ob sich alle in Lazarus verwandelten und selbst aus dem Grab auferstanden wären. Als kleines Mädchen war ich so beeindruckt von der Kraft und dem Gefühl, das einige Menschen bei diesen Totenwachen zur Schau stellten, dass ich mich oft fragte, ob sie den toten Mann oder die tote Frau damit nicht wiederbeleben würden, der nicht plötzlich die Augen aufklappen, sich im Sarg aufrichten und in den Gesang einstimmen würde. Einmal malte ich mir das so lebhaft aus, dass ich tatsächlich glaubte, es sei geschehen. Mama sah mich mit so weit aufgerissenen Augen staunend dort sitzen, dass es sie nervös machte. Sie bestand darauf, mich nach Hause zu bringen, weil sie glaubte, die Beerdigung bringe mich um den Verstand.

»Schließlich ist sie verrückt genug mit ihrem elektiven Mutismus«, meinte sie zu Daddy. Sie benutzte diesen Ausdruck sehr gerne, seit sie ihn zum ersten Mal von meiner Lehrerin gehört hatte.

Jeder bei mir zu Hause litt an elektivem Mutismus an dem Morgen, nachdem Mama abends so lange weggeblieben war. Bei uns herrschte Totenstille. Mama stand nicht auf, schlief aber auch nicht. Ich schaute zu ihr hinein und sah, dass sie zur Decke starrte, die Lippen fest aufeinander gepresst wie ein Gedankenstrich quer durch das Gesicht. Daddy trank seinen Kaffee und starrte an die Wand. Ich hatte das Gefühl, auf Zehenspitzen durch die Wohnung schleichen zu müssen, als ich mich für die Schule fertig machte. Er sagte kein Wort, bis ich fertig war zum Gehen.

»Heute habe ich eine Doppelschicht«, teilte er mir mit. »Muss zwei neue Männer einarbeiten. Ich komme erst spät wieder, aber ich brauche nichts mehr zu essen heute Abend. Ich habe noch genug zu verdauen«, sagte er mit vor Wut und Ekel zitternder Stimme. »Vielleicht würde sie mir sowieso Gift ins Essen tun«, murmelte er mit Blick aufs Schlafzimmer. »Macht jeden außer sich selbst für ihr Unglück verantwortlich.«

»Ich kann dir doch etwas machen, Daddy.«

»Nein, ist schon gut«, wehrte er ab. »Ich komme vielleicht später als üblich. Mach dir um mich keine Sorgen«, befahl er. Er war an diesem Morgen so geladen, dass mir jetzt schon jeder leid tat, der ihm bei der Arbeit in die Quere kommen würde.

Ich nickte, beendete mein Frühstück ohne ein weiteres Wort und ging zur Schule.

Sobald ich dort ankam, spürte ich, dass etwas anders war. Ich erkannte es an der Art, wie andere Schüler (besonders einige Mädchen aus meiner Klasse) mich anschauten, versteckt hinter vorgehaltener Hand lächelten, deren Finger sie spreizten wie Geishas ihre Fächer, sich gegenseitig etwas ins Ohr flüsterten. Es war klar, dass ich wieder einmal die Zielscheibe eines hässlichen Witzes werden würde. Normalerweise hatte ich ein dickes Fell. Was auch immer für Pfeile des Spottes sie aus ihren herablassenden Augen auf mich abschossen oder mir aus ihren boshaften, verzerrten Lippen entgegenspuckten, prallte von meinem Panzer ab und fiel, in Stücke zerbrochen, vor ihre Füße. Meistens machte es ihren kleinen Spielchen schnell ein Ende, wenn es mir gelang, sie gründlich zu ignorieren. Sie wurden es leid zu versuchen, mir irgendeine Reaktion zu entlocken, und wenn ich sie ausdruckslos anstarrte, mit einem Gesicht, das an Gleichgültigkeit so leicht von keinem Stoiker überboten werden könnte, zogen sie sich zurück und suchten sich ein befriedigenderes Opfer.

Heute war es anders, weil ich spürte, wie ihre Entschlossenheit und ihre Zufriedenheit mit jeder Minute wuchs, trotz meines offensichtlichen Desinteresses. Das verwirrte mich und erweckte gegen meinen Willen meine Neugierde. War es etwas, das meine Mutter getan hatte? Oder gesagt hatte? Erfuhren sie gerade alle von meinem Blind Date und lachten sie über das Ergebnis? Was konnte denn nur der Grund sein für all dieses Getuschel und Gelächter hinter meinem Rücken? Es verfolgte mich von Raum zu Raum wie eine Kette leerer Dosen, die an den Schwanz irgendeines armen Hundes gebunden waren. Je schneller ich ging, desto schneller und lauter wurde das Getuschel und Gelächter. Wenn ich im Unterricht saß, brauchte ich den Kopf nur leicht nach rechts oder links zu drehen, um zu sehen, dass alle Blicke auf mir ruhten. Mädchen und Jungen flüsterten über Tische hinweg, produzierten ein so lautes Hintergrundgemurmel, dass unsere Lehrer sie mehrmals ermahnen mussten und drohten, die ganze Klasse nachsitzen zu lassen.

Ihre Beharrlichkeit machte mich allmählich nervös, aber ich konnte meine Gefühle unter Kontrolle halten, ging, den Blick geradeaus gerichtet, und benahm mich, als wäre sonst weit und breit niemand zu sehen. Schließlich traten mir kurz vor dem Mittagessen, als ich unterwegs in die Cafeteria war, Thelma Williams und Carla Thompson in den Weg. Beide grinsten auf die gleiche gemeine Weise; mit ihren Büchern in den Armen, Schulter an Schulter präsentierten sie sich wie eine Wand, die aufgerichtet worden war, um meinen Weg zu blockieren.

»Was ist los?«, wollte ich wissen, als sie immer weiter grinsend dastanden.

»Wir haben uns gefragt, ob du und dein Freund Balwin gerne dieses Wochenende zu einer Party bei Carla kommen möchten«, fragte Thelma mit heuchlerisch süßer Stimme.

»Was?«

»Wir haben dich noch nie zu irgendetwas eingeladen, weil du nie ein Interesse an Jungen gezeigt hast«, sagte Carla.

»Einige von den Mädchen haben sich schon Sorgen gemacht, du könntest lesbisch sein, weißt du. Sie ziehen sich nicht gerne in deiner Gegenwart um«, erklärte Thelma.

Ich schüttelte den Kopf und wollte um sie herum gehen.

»Wie lange triffst du dich schon heimlich mit Balwin?«, fragte Carla, während die beiden ebenfalls zur Seite rückten, um mir weiter den Weg zu versperren.

Ich starrte sie an. Balwin? Konnte Balwin jemandem etwas über mich gesagt haben? Das erschien mir unwahrscheinlich.

Eine kleine Menge sammelte sich hinter ihnen.

»Was wir uns gefragt haben ist: Wie kann er denn mit dir schlafen, wenn sein dicker Bauch im Weg ist?«, sagte Thelma. Die anderen fingen an zu kichern. »Ich sagte zu Carla, dass du immer oben sein müsstest, stimmt’s?«

»Ihr seid widerlich«, sagte ich.

»Es ist doch nichts dagegen einzuwenden, oben zu sein«, meinte Carla. »Solange es etwas gibt, auf dem man sein kann.« Damit erntete sie lautes Gelächter. Einige Jungen, die gerade vorbeigingen, blieben stehen, um zuzuhören.

»Ich muss zum Mittagessen gehen«, murmelte ich und machte wieder einen Schritt vorwärts, aber sie wichen nicht zur Seite, um mir Platz zu machen.

»Also, kommst du jetzt zu der Party oder nicht?«, fragte Thelma. »Wir lassen Carlas Bett verstärken, damit es unter eurem Gewicht nicht zusammmenbricht.«

Sie drehte sich zu der dankbaren Menge um und lächelte, bevor sie sich wieder an mich wandte.

Ich starrte sie an. »Du musst sexuell sehr frustriert sein«, sagte ich. Das entlockte den Jungen am Rande des Kreises ein lautes Aufheulen.

»Nicht so frustriert, dass ich zu Balwin Noble gehen würde. Du musst sein Ding doch mit einer Pinzette suchen.«

Gelächter dröhnte wie Donner den Flur entlang über mich hinweg. Mein Herz klopfte, Wut stieg in mir auf.

»Das hast du falsch verstanden, Thelma«, sagte ich so ruhig, als redete ich über ein Problem im Biologieunterricht. »Es ist dein Gehirn, das man mit einer Pinzette suchen muss.«

Ich zwängte mich zwischen ihr und Carla hindurch, während die Jungen vor Lachen brüllten, die meisten rissen jetzt über Thelma ihre Witze. Lauthals verfluchte sie sie. Bevor ich die Tür zur Cafeteria erreicht hatte, spürte ich, wie mir ihre Bücher gegen den Rücken knallten, die sie hinter mir hergeworfen hatte. Sie fielen zu Boden. Ich hielt inne, holte tief Luft und ging dann einfach weiter, vorbei an Mr Denning, der Mittagsaufsicht hatte und mir lächelnd zunickte. Er hörte, wie der Tumult draußen weiterging, wandte ihm seine Aufmerksamkeit zu und befahl den Schülern, nicht so rumzuschreien und zum Mittagessen zu gehen.

Zunächst wurde es tatsächlich ruhiger, aber kurz danach brach auf dem Flur ein noch viel größerer Lärm los, und Mr Denning musste wieder nach draußen eilen. Eine Gruppe von Schülern ballte sich an den Türen, um zuzuschauen, aber als drei weitere Lehrer auftauchten, verteilten sich alle rasch an ihren Tischen.

Was war jetzt los?

Zitternd stand ich in der Schlange an der Essensausgabe, und als ich mich endlich mit meinem Tablett hinsetzte, zitterte ich noch immer. Arlene Martin und Betty Lipkowski, zwei weiße Mädchen, die immer nett zu mir gewesen waren, saßen bereits am Tisch. Sie waren auch im Chor.

»Vermutlich wird Mr Glenn uns heute am Klavier begleiten«, sagte Betty.

»Warum?«, fragte ich.

»Hast du denn nicht gesehen, was da draußen gerade los war?«, fragte Arlene mich.

»Ich habe da draußen genug gesehen«, murmelte ich.

»Balwin hat sich übel geprügelt.«

»Was?«

»Er und Joey Adamson mussten von Mr Denning auseinander gezogen werden. Er brachte sie beide zum Schulleiter, und du weißt ja, dass man nach einer Prügelei automatisch drei Tage vom Unterricht ausgeschlossen wird, ganz gleich wer schuld ist«, sagte Betty.

»Was ist das für ein Gefühl?«, fragte Arlene.

Ich starrte sie an.

»Was?«

»Wenn ein Junge sich deinetwegen prügelt?«

Ich schaute hinunter auf mein Essen. Ich musste immer wieder schlucken, damit mir nicht hochkam, was ich bereits gegessen hatte. »Übel«, sagte ich schließlich.

»Was?«, fragte Betty.

»Übel. Mir wird davon übel«, sagte ich, stand auf und verließ die Cafeteria.

Der Rest des Tages verging wie im Nebel. Die Stimmen meiner Lehrer verschwammen in meinem Kopf ineinander. Ich bewegte mich wie ein Roboter, mir war gar nicht bewusst, wie ich von einem Raum zum anderen gelangte. Als Mrs Huba mich in der letzten Stunde des Tages, in Mathematik, aufrief, hörte ich sie nicht einmal. Ich glaube, ich starrte so ausdruckslos vor mich hin und saß so steif da, dass ich ihr Angst einjagte. Sie kam zu meinem Pult und rüttelte mich an der Schulter.

»Ice? Ist alles in Ordnung mit dir?«

Ich schaute zu ihr hoch und sah dann den Rest der Klasse an. Alle starrten mich an und sahen aus, als hielten sie den Atem an und warteten nur darauf, dass ich schreien oder weinen oder wie eine Verrückte lachen würde.

»Ja«, sagte ich leise. Ihre vorherige Mathefrage erreichte mein Gehirn, als hätte sie vor der Tür gewartet.

Ich ratterte die Antwort herunter. Sie lächelte.

»Das ist richtig. In Ordnung, wenden wir uns dem Nächsten zu«, sagte sie.

Als ich die anderen wieder anschaute, variierten ihre Ausdrücke von Verblüffung bis zu Enttäuschung. Nachdem Mrs Huba die Hausaufgabe gestellt und der Klasse die letzten zehn Minuten gegeben hatte, um damit anzufangen, wurde das Schweigen um mich herum immer bedrückender. Dann flüsterte Thelma Williams, die auf dem letzten Platz in der dritten Reihe saß, laut: »Gebt ihr eine Pinzette!« Die ganze Klasse brüllte vor Lachen. Verwirrt schaute Mrs Huba auf. Und ich ... ich fühlte mich, als ob jede Salve des Gelächters ein Kieselsteinhagel wäre, der mich ins Gesicht traf.

Endlich gab ich ihnen, was sie so verzweifelt haben wollten. Ich schlug mir die Hände vor das Gesicht, sprang auf und rannte aus der Klasse. Mrs Hubas erstaunte Stimme wurde durch die Tür, die ich hinter mir zuknallte, zum Schweigen gebracht.

Ich ging nicht zur Chorprobe, sondern geradewegs nach Hause. Ausnahmsweise war ich froh, dass Mama nicht da war, um mich zu begrüßen. Ich fürchtete ihre Fragen, ihr Nachhaken, um genau zu erfahren, warum ich die Chorprobe geschwänzt hatte, besonders da in weniger als einem Monat ein Konzert bevorstand. Sie würde graben und kratzen, bis sie alles aus mir herausbekommen hätte.

Natürlich fühlte ich mich schrecklich. Balwin hatte nur versucht, mir einen Gefallen zu tun, hatte versucht, mir bei meiner Zukunft zu helfen, und war jetzt nicht nur selbst Ziel des Spottes, sondern hatte auch noch Ärger in der Schule, vermutlich zum allerersten Mal. Ich zitterte, als ich daran dachte, was sein Vater ihm wohl antun würde.

Etwa eine Stunde später hörte ich Mama nach Hause kommen. Sie murmelte vor sich hin und merkte nicht, dass ich bereits zu Hause war. Ich ließ sie in ihr Zimmer gehen, kam dann aus meinem und rechnete damit, sie jeden Moment zu sehen – ich wappnete mich bereits für ihr Kreuzverhör. Sie kam aber nicht heraus. Ich wartete und wartete, bis ich schließlich zur Schlafzimmertür ging und hineinspähte. Sie lag wieder im Bett und schlief fest, eine geöffnete Flasche Aspirin auf dem Nachttisch. Ich entschied, dass es das Beste war, sie nicht zu wecken.

Als ich gerade begann mir Abendessen zu machen, hörte ich, wie sie mich rief, und kehrte in ihr Zimmer zurück. Sie war aufgestanden und hatte sich einen kalten Waschlappen geholt, den sie sich auf die Stirn legte.

»Das ist der schlimmste Kater meines Lebens«, stöhnte sie. »Nie wieder trinke ich billigen Gin. Tu das bloß nie, Ice! Wenn du trinkst, besteh darauf, dass der Mann dir das Beste kauft«, riet sie.

»Ich trinke nicht, Mama.«

»Ja ja, aber eines Tages wirst du das«, beharrte sie.

»Hast du Hunger?«

»Nicht bei meinem Magen«, klagte sie. »Ich habe heute Mittag versucht etwas zu essen, und es kam wieder hoch, kaum dass ich es geschluckt hatte. Mach mir nur etwas Kaffee, ja, Schätzchen?«, bat sie.

Ich nickte und tat es. Ich gab ihr einen dampfenden Becher schwarzen Kaffee, von dem sie trank, die Augen schloss und wieder trank. Dann schaute sie mich scharf an.

»Wo ist dein hart arbeitender Vater?«, fragte sie.

»Er hat heute eine Doppelschicht, Mama.«

»Ist klar, an dem Tag, an dem ich ihn hier brauche, macht er den Babysitter für ein Warenhaus.«

Sie ließ den Kopf auf das Kissen fallen, als sei er ein massiver Brocken Granit, und schloss die Augen.

»Gib mir noch zwei Aspirin«, befahl sie.

Nachdem sie sie geschluckt hatte, sagte sie, sie wollte einfach bis nächste Woche schlafen.

Ich kehrte in die Küche zurück, aber noch bevor ich mich zum Essen hinsetzen konnte, klopfte es laut an unsere Wohnungstür. Ich lauschte und hörte das Klopfen wieder.

»Ja?«, fragte ich durch die geschlossene Tür.

»Ich möchte mit Ihnen sprechen, Miss Goodman«, hörte ich. Die Stimme war seltsam vertraut. Verzweifelt durchforstete ich mein Gedächtnis und versuchte mich zu erinnern, wo ich sie schon einmal gehört hatte. Und dann wurde es mir klar: Es war Balwins Vater.

Ich warf einen Blick zurück auf das Schlafzimmer und wartete darauf, ob sie mich fragte, wer das war. Aber sie rief mich nicht.

»Ich beanspruche nur ein paar Minuten Ihrer Zeit«, hörte ich Balwins Vater sagen.

Mit zitternden Fingern öffnete ich die Tür, um ihn einzulassen.

Er stand da und starrte mich an. Bekleidet mit seinem dunkelgrauen Nadelstreifenanzug, mit Weste, Krawatte und goldenen Manschettenknöpfen wirkte er in diesem Gebäude fast so fremdartig wie ein Außerirdischer. Seine Lippen waren fest aufeinander gepresst, wodurch sich auf seinem Kinn eine kleine Falte bildete.

»Danke«, sagte er und trat ein. Er schaute sich um, als er die Tür hinter sich schloss, und nickte leicht, als ob das, was er sah, seine Erwartungen bestätigte.

»Um was geht es, Mr Noble?«, fragte ich.

Ich hatte mich ohnehin bereits entschieden, mich von Balwin fernzuhalten, und würde sofort zustimmen, wenn er das von mir verlangte. Ich rechnete damit, dass er sich darüber beklagen wollte. Sein Sohn, der sonst immer so ein perfekter Schüler gewesen war, hatte sich durch meine Schuld zum allerersten Mal schlecht benommen und damit bewiesen, dass ich einen schlechten Einfluss auf ihn ausübte.

»Ich bin hier, um Sie um einen Gefallen zu bitten«, begann er. »Aber nicht um einen Gefallen, den ich umsonst erwarte«, fügte er rasch hinzu.

Er blickte zur Wohnzimmertür. »Sind Ihre Eltern zu Hause?«

»Meine Mutter schon, aber sie fühlt sich nicht wohl und liegt im Bett«, sagte ich.

Er nickte. »Können wir uns einen Moment hinsetzen?«, fragte er.

Ich führte ihn ins Wohnzimmer. Er überflog jeden möglichen Sitzplatz, als wollte er sichergehen, jenen auszusuchen, der keinen Schmutzfleck auf seinem makellosen Anzug hinterließ. Unsere Wohnung war alles andere als schmutzig. Die Möbel waren zwar abgenutzt, aber es lag weder Staub auf ihnen, noch hatten sie Flecken. Er wählte Daddys Sessel aus, ich blieb stehen.

»Also gut«, begann er und legte die Fingerspitzen gegeneinander. »Ich vermute, Sie wissen, was heute passiert ist.«

Ich nickte.

Er legte den Kopf schief und lächelte fast.

»Ich wurde völlig davon überrascht, als ich den Anruf des Schulleiters erhielt. Mein Balwin? Sich prügeln? Ich erinnere mich daran, wie die Mädchen auf dem Spielplatz ihn herumschubsten und traten und er nicht mal einen Finger hob, um sich zu verteidigen – und nicht einmal die Stimme, um sich zu beklagen. Ich dachte, er besäße überhaupt keine Selbstachtung. Andere Kinder seines Alters konnten ihre Schuhe an ihm abtreten, und er stand brav da wie eine lebende Fußmatte. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr mich das geärgert hat. Und als er dann zuzunehmen begann, dachte ich, dass sei einfach eine logische Konsequenz seiner Rückhaltlosigkeit. Er besitze keinen Stolz.«

»Das stimmt nicht«, protestierte ich.

Seine Hände zuckten auseinander, als hätte ich meine dazwischengeschoben.

»Nein«, bestätigte er nickend. »Mir ist jetzt klar, dass es doch einige Dinge gibt, die ihn motivieren, für sich selber einzustehen, sich um sein Selbstbild zu kümmern und um das Bild, das er anderen präsentiert. Ein Ding zumindest, sollte ich sagen«, meinte er abschließend, schaute zu mir hoch und nickte.

Ich wartete, die Arme unter der Brust verschränkt.

»Sie wissen, dass ich Sie damit meine. In diesem Kampf heute ging es um Sie, so wie ich es verstanden habe. Er verteidigte Ihre Ehre. Natürlich wurde er genau zum falschen Zeitpunkt seines Highschool-Lebens vom Unterricht ausgeschlossen. Jetzt, wo es auf die Abschlussprüfungen zugeht, bei denen er unbedingt gut abschneiden muss, damit er eine renommierte Hochschule besuchen kann. Er hat sein Herz an die Juilliard School verschenkt, aber ich habe ihn dazu gebracht, sich zumindest auch in Yale und Harvard zu bewerben.«

»Mr Noble«, begann ich, aber er hob die Hand, um mich zu stoppen.

»Wie, fragte ich mich, wie kann ich mich aus dieser ziemlich peinlichen Affäre ziehen, ohne einen vollständigen Verlust zu erleiden? Ich verdiene mein Geld damit, indem ich das in einem gewissen Sinne für andere tue, deshalb sollte ich auch in der Lage sein, es für mich selbst zu tun, finden Sie nicht?

Lange Zeit habe ich ohne Erfolg versucht, Balwin zu bewegen, sich selbst im Spiegel zu betrachten und zu sehen, was jeder andere sieht. Ich habe versucht zu erklären, zu demonstrieren, deutlich zu machen, wie wichtig das Aussehen in dieser Welt ist. Menschen beurteilen andere meistens auf Grundlage ihres Aussehens, des Images, das sie präsentieren. Kleider machen wirklich Leute, Miss Goodman. Und ebenso ihre persönliche Hygiene und ihr körperlicher Zustand.

In Balwins Fall ist er beklagenswert. Er hat schöne Kleidungsstücke und pflegt diese auch gut, aber man kann ein Schwein nicht in einen Schwan verwandeln, nur indem man es in hübsche Federn kleidet.«

»Balwin ist kein Schwein«, platzte ich heraus.

Er starrte mich an und schloss dann die Augen einen Moment, als müsste er seine tobenden Gefühle unter Kontrolle bringen. »Nein«, sagte er und öffnete seine Augen wieder. »Im geistigen Sinne ist er kein Schwein, obwohl jemand, der ihn anschaut, meinen könnte, er fröne übermäßigem Genuss, wie es Schweine tun.«

»Was wollen Sie von mir?«, wollte ich wissen, weil ich es leid war, zuzuhören, wie Balwins Vater ihn in der Luft zerriss.

»Ich möchte, dass Sie ihn dazu bringen abzunehmen«, sagte er.

»Wie bitte?«

»Sie haben gehört, was ich gesagt habe. Ich möchte, dass Sie ihn dazu bringen, in Form zu kommen, seine Ausstrahlung zu verbessern. Ich weiß nach allem, was heute geschehen ist, dass Sie ihn motivieren können. Er hat ein gewisses Engagement für etwas anderes als seine Musik bewiesen. Natürlich erwarte ich nicht von Ihnen, dass Sie das ohne eine Entschädigung tun sollen. Deshalb mache ich Ihnen dieses Angebot. Ich gebe Ihnen zwanzig Dollar für jedes Kilo, das er von jetzt bis zum Ende des Schuljahres verliert.«

Ich starrte ihn einfach an.

»Zehn Kilo bringen Ihnen schnelle zweihundert Dollar. Bestimmt können Sie es gebrauchen«, sagte er und ließ seinen Blick durch das Wohnzimmer schweifen. »Nein«, sagte er nach einem weiteren Augenblick, während dem ich ihn nur schweigend und durchdringend musterte. »Ich mach Ihnen noch ein besseres Angebot. Ich sage Ihnen was. Ich erhöhe die Summe alle zweieinhalb Kilo, so dass Sie von einem halben bis zweieinhalb Kilo fünfzig Dollar bekommen, von drei bis fünf Kilo das Doppelte, hundert Dollar, von fünf bis siebeneinhalb Kilo nehmen wir das Dreifache, und von siebeneinhalb bis zehn vervierfachen wir die Summe. Für alles über zehn Kilo geben ich Ihnen fünfzig Dollar pro halbes Kilo. Wie hört sich das an?«

»Dumm«, sagte ich. »Beleidigend, niederdrückend, ekelhaft und gefühllos«, meinte ich abschließend. »Balwin wird abnehmen, wenn er abnehmen will, und nicht wenn ich ihm sage, dass er abnehmen soll.«

Mr Noble lächelte. »Bitte, Miss Goodman. Wir beide wissen, dass ein Junge, der in ein Mädchen verknallt ist wie Balwin in Sie, fast alles tun würde, worum das Mädchen ihn bittet. Alles worum ich Sie bitte, ist, ihn ein bisschen anzuleiten. Ich muss Ihnen doch bestimmt nicht erzählen, wie Sie einen Jungen dazu bringen zu tun, was Sie wollen. Nur können Sie diesmal gutes Geld damit verdienen.

Ich könnte sogar geneigt sein, einen Bonus draufzusetzen, wenn es Ihnen gelingt, sein Aussehen in wenigen Monaten wirklich zu verändern. Das wäre doch ein nettes Geschenk zum Schulabschluss, und welchen Schaden haben Sie damit angerichtet? Keinen. Aber Sie hätten Balwin immens geholfen. Würden Sie nicht gerne etwas Gutes für jemanden tun und dabei auch noch Geld verdienen?«

»Ich lasse mich nicht dafür bezahlen, dass ich für jemanden etwas Gutes tue«, protestierte ich.

Ich hörte Mamas charakteristisches Stöhnen und schaute in Richtung Schlafzimmer, weil ich damit rechnete, dass sie auftauchte und dann über den Anblick Mr Nobles schockiert wäre. Es wurde jedoch wieder still, deshalb wandte ich mich wieder an ihn.

»Meiner Mutter geht es nicht gut, Mr Noble. Es tut mir leid, aber Sie sollten gehen.«

»Gut«, sagte er und stand auf. »Denken Sie über mein Angebot nach und melden Sie sich dann bei mir. Sie können natürlich weiterhin zu uns nach Hause kommen und Ihre Lieder einstudieren und auf diese Weise profitieren.«

Er ging zur Wohnungstür, öffnete sie und stand einen Augenblick da. »Verurteilen Sie nicht zu rasch einen Vater dafür, dass er versucht seinem Sohn zu helfen«, bat er, schlüpfte behände hinaus und schloss leise die Tür hinter sich.

Ich stand einen Augenblick da und schaute hinter ihm her. Dann hörte ich Mama hinter mir, ich drehte mich um und sah, wie sie den Kopf schüttelte.

»Ich habe eine Närrin großgezogen«, schimpfte sie. »Ich habe alles gehört. Gerade bist du hingegangen und hast hunderte von leichten Dollars zum Fenster rausgeschmissen.«

»Ich könnte für so etwas kein Geld von Balwins Vater nehmen, Mama. Ich würde mich wie eine Verräterin fühlen«, sagte ich und ging auf die Küche zu.

»Warum? Wen betrügst du denn? Irgendeinen fetten Jungen? Glaub mir, Ice, du bekommst nicht häufig in dieser Welt eine Gelegenheit, Männer auszunutzen. Normalerweise ist es andersherum. Denk an diesen Shawn Carter! Hat er nicht versucht uns auszunutzen? Dich? Das ist für Männer einfach natürlich. Warum solltest du also nicht von einer Gelegenheit wie dieser profitieren, hm?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Wenn du das Geld nicht willst, nimm es und gib es mir, um Himmels willen.«

»Ich kann nicht, Mama«, sagte ich.

Sie lächelte affektiert und nickte. »Na klar, das kannst du nicht. Und was hast du eigentlich da drüben bei dem Jungen gemacht? Na los, erzähl mir alles!«

»Wir haben für mein Vorsingen geübt«, gestand ich.

»Dachte ich mir. Weiß dein Vater das?«

»Ja«, gab ich zu.

Sie raffte sich hoch. »Tja, das ist ja klar. Geheimnisse, du und er, ihr habt Geheimnisse.«

»Nein, Mama«, rief ich. »Er hat es erst gestern Abend herausgefunden, als ich nach Hause kam. Ich hätte es dir auch erzählt, aber du kamst erst sehr spät ...«

»Klar, gib mir die Schuld dafür. Er gibt mir auch für alles die Schuld.«

Sie holte tief Luft, drehte sich um und ging ins Schlafzimmer. Ich wollte ihr folgen und ihr alles erklären, aber bestimmt würde sie ihre Ohren ebenso fest schließen wie ihre Augen. Später versuchte ich sie dazu zu bewegen, etwas zu essen, und schließlich gab sie nach und bat mich um etwas Toast mit Marmelade.

»Du nimmst das Geld«, sagte sie, als ich ihn ihr brachte. »Sei nicht so eine Närrin, wie ich es gewesen bin. Nimm, was immer du kriegen kannst, solange du es kannst, es dauert nicht lange. Ehe du es weißt, schauen sie jüngere Frauen an, und du könntest genauso gut unsichtbar sein«, klagte sie.

Ich ging in mein Zimmer, um meine Hausaufgaben zu beenden. Kurz vor zehn rief Balwin an.

»Vermutlich hast du gehört, was passiert ist«, begann er.

»Es tut mir leid, Balwin. Ich wollte nicht, dass du in Schwierigkeiten gerätst«, sagte ich ihm.

»Das ist doch nicht deine Schuld. Mein Gott, Ice, du kannst dir doch nicht die Schuld daran geben, was diese Idioten tun. Ich hätte mich nicht hinreißen lassen sollen von seinen Bemerkungen«, sagte er. »Aber ich wollte nicht, dass irgendjemand solche Sachen über dich sagt.«

»Ich weiß, danke.« Ich überlegte, ob er eine Ahnung hatte, dass sein Vater bei mir zu Hause gewesen war. »War dein Vater sehr wütend?«, fragte ich.

»Nicht so wütend, wie ich erwartet hatte. Er fragte nicht einmal nach dem Grund der Prügelei, und er hat kein einziges böses Wort über dich gesagt, Ice. Mir machen die freien Tage nichts aus. Ich werde an meiner Musik arbeiten. Ich werde auch dein Lied beenden.«

»Balwin ...«

»... kommst du morgen Abend nach dem Essen, ja? Bitte? Ich fühle mich wie ein kompletter Idiot, wenn du nicht kommst. Als wenn alles umsonst gewesen wäre.«

Ich musste lächeln. »Bist du dir sicher, Balwin? Es wird in der Schule nicht aufhören, weißt du?«

»Ich weiß, es ist mir egal. Tatsächlich«, sagte er mit tieferer Stimme, »fange ich allmählich an es zu genießen, sie sind einfach eifersüchtig, das ist alles. Das hübscheste Mädchen der Schule ist mit mir befreundet, besucht mich zu Hause«, prahlte er. »Ich glaube, sie begreifen die Macht der Musik nicht so gut wie wir, stimmt’s, Ice?«

Er wartete.

»Stimmt’s?«

»Es stimmt, Balwin«, bestätigte ich.

»Okay, zur gleichen Zeit, in Ordnung?«

»In Ordnung«, sagte ich.

»Ich kann mir niemanden vorstellen, wegen dem ich lieber in Schwierigkeiten geraten wäre, als dich, Ice.« Danach sagte er schnell gute Nacht und legte auf.

Es war genau wie vorher, als ich das Gefühl hatte, er hätte mir einen Kuss gestohlen.

Das zauberte ein noch tieferes Lächeln auf mein Gesicht.

Musik ist so machtvoll, dachte ich. Sie kann dir ein so viel besseres Gefühl von dir selbst und deinem Leben vermitteln, sie kann dir helfen, dir ein Bild von deinen Träumen zu machen, sie kann dir Hoffnung und Kraft geben. Genau wie Daddy würden Balwin und ich die Musik um uns hüllen und die schmutzige Welt ausschließen.

Lass sie fluchen, lachen und spotten, bis sie blau im Gesicht anlaufen.

Alles, was wir hören, ist der Rhythmus und der Blues oder die Melodie des Birdland.

Ich werde lauter, besser und länger singen.

Und ich werde sie alle übertönen.