Ich beschloss, Balwin nicht zu erzählen, dass sein Vater mich besucht hatte. Natürlich war Balwin verwirrt, warum sein Vater so kooperativ war: Er hatte nichts dagegen, dass ich herüberkam, um zu üben, lieh ihm das Auto, um mich abzuholen, stellte nie Fragen, was wir taten, und beklagte sich nie über den Lärm. Das erfüllte Balwin mit Misstrauen, und oft wunderte er sich darüber, wenn ich da war. Ich dachte, allein der Gedanke, dass ich mich möglicherweise bloß mit ihm traf, weil sein Vater mich bezahlte, würde ihm das Herz brechen.
»Es ist fast so, als freute er sich darüber, dass ich in der Schule eine Prügelei angefangen habe«, sagte Balwin. »Meine Mutter ist viel aufgebrachter darüber als er. Tatsächlich war sie diejenige, die vorschlug, ich sollte dich nicht mehr sehen.«
»Vielleicht solltest du das«, erwiderte ich rasch.
»Nein, nein, das ist alles nicht wichtig«, versicherte er.
Er kam wieder in die Schule und saß bei unseren Chorproben wieder am Klavier. Ein unerwartetes, glückliches Ergebnis der Prügelei und des Ärgers, den wir beide mit den anderen Schülern hatten, war, dass Balwin seine Schüchternheit verlor. Er zögerte nicht länger, mit mir zu reden und sich mit mir zum Mittagessen an einen Tisch zu setzen. Es war, als ob die Prügelei eine Art Einweihungsritus gewesen wäre, den er über sich ergehen lassen musste, um akzeptiert zu werden. Schon bald hänselten ihn immer weniger Jungen, und die es noch taten, machten einen jämmerlichen Eindruck dabei.
»Hinter unserem Rücken erfinden sie sowieso Sachen über uns«, überlegte Balwin, nachdem ich eine Bemerkung darüber gemacht hatte. Er schaute sich in der Cafeteria um, immer noch auf der Suche nach höhnischem Lächeln und gemeinen Blicken.
»Wir haben nie ihre Erlaubnis gebraucht, um miteinander zu reden, Balwin«, sagte ich.
»Genau, wer interessiert sich schon für sie?«, fragte er mit neuem Draufgängertum.
Trotz meines Zorns auf seinen Vater und des beleidigenden Vorschlags, den er mir gemacht hatte, musste ich mir eingestehen, dass sich verwirklichte, was Mr Noble vorhergesagt hatte. Balwin wurde lockerer, trug legerere Kleidung, hatte eine modische Frisur, begann eifriger zu trainieren und nahm ab. Ich fragte mich allmählich, ob Balwin nicht etwas ahnte, weil er mir regelmäßig seine Gewichtsverluste mitteilte, fast als glaubte er, ich hätte ein persönliches Interesse an der Verbesserung seines körperlichen Zustandes. Nach zweieinhalb Wochen hatte er fünf Kilo abgenommen, und das war an seinem Gesicht sehr deutlich abzulesen. Er hatte keine Pausbacken mehr, und ich fand, er sah viel besser aus.
Es machte ihn stolz, dass er allmählich Muskeln entwickelte. Eines Nachmittags rollte er einfach seine Ärmel hoch, um mir seinen zum Vorschein kommenden Bizeps zu zeigen.
»Mein Vater freut sich, weil ich endlich die teure Gewichthebeausrüstung benutze, die er mir vor drei Jahren gekauft hat.«
Es war ein komisches Gefühl für mich, ihn zu ermutigen. Ich konnte nicht umhin, mich schuldig zu fühlen, obwohl ich das Angebot seines Vaters vehement ausgeschlagen hatte.
Trotzdem war Balwin so aufgeregt und stolz auf seinen Fortschritt, dass ich ihm ein Kompliment machen musste.
Er mied nicht länger den Sportunterricht und freundete sich mit Jungen an, die vorher nichts mit ihm anzufangen wussten. Jetzt luden sie ihn ein, bei ihren Basketballspielen mitzumachen. Fast einen Monat nach der Prügelei mit Joey Adamson sah ich die beiden in einer Pause miteinander reden und scherzen, als wären sie schon ein Leben lang Freunde. Selbst Thelma Williams nahm zurück, was sie gesagt hatte, weil einige ihrer Freundinnen positive Bemerkungen über Balwins Aussehen machten. Zögernd näherte sie sich mir nach dem Sportunterricht und sagte: »Sieht aus, als hättest du einen guten Einfluss auf deinen Mann.«
Sie sprach die Worte aus, als hinterließen sie einen Geschmack von faulen Eiern in ihrem Mund.
»Was auch immer er tut, tut er, weil er es tun will, nicht meinetwegen«, sagte ich. »Und er ist nicht mein Mann, er ist sein eigener Mann«, fauchte ich.
Alle Augenbrauen schossen in die Höhe. Selbst ich änderte mich, redete mehr, und alle nahmen es zur Kenntnis.
Thelma lächelte affektiert, schaute die anderen an und schüttelte den Kopf. »Klar«, sagte sie, »mach Schluss mit ihm, und du wirst schon sehen, wessen Mann er ist und wessen nicht.«
Alle lachten und gingen weiter. Ich blieb zurück und grübelte darüber nach, was sie glaubten. Balwin und ich hatten kaum je einen freundschaftlichen Kuss ausgetauscht. Was brachte sie dazu, etwas anderes anzunehmen? Lag es einfach daran, dass wir so viel Zeit miteinander verbrachten?
»Es ist die Musik«, erklärte ich Arlene Martin und Betty Lipkowski eines Nachmittags, als sie mich fragten, warum ich so viel Zeit mit Balwin verbrachte statt mit einigen der besser aussehenden, geselligeren Jungen, die ein Interesse an mir gezeigt hatten.
»Musik?«, fragte Arlene.
»Balwin fühlt sie so wie ich. Wenn wir einen Song zusammen spielen, sind wir verbunden. Wir berühren einander ganz tief hier«, sagte ich mit der Hand auf der Brust, »und hier«, und deutete auf meine Schläfe.
Sie saßen da und starrten mich einen Augenblick an. Dann schüttelte Betty den Kopf und lächelte. »Du lässt es klingen wie Sex«, sagte sie mit einem Anflug von Eifersucht.
»Vielleicht ist es besser als Sex«, sagte ich.
Die beiden schauten einander an und starrten mich dann an, als wäre ich wirklich verrückt. Nun gab es etwas anderes über mich und Balwin, etwas anderes, das den Topf mit Tratsch füllte, der umgerührt und verteilt werden musste. Betty und Arlene erzählten den Leuten, wir hätten eine Art verrückte, abartige Beziehung, die mit Musik zu tun hätte. Das hielt uns bei den Klatschtanten in den Schlagzeilen, sorgte dafür, dass wir uns im Rampenlicht bewegten und uns jedes Wortes, das wir zueinander sagten, jeder Berührung, jedes Lächelns bewusst waren. Wir beide fühlten uns beobachtet wie Tiere im Zoo, wie ständig von einer Kamera gefilmt. Ironischerweise ließ das Balwin noch stärker auf sein Äußeres achten, und er sah viel besser aus.
Wenn ich jetzt im Chor sang, spürte ich jedermanns Augen und Ohren auf mir, die beobachteten, wie ich Balwin am Klavier anschaute. Alle warteten auf einen besonderen Hinweis, ein spezielles Zeichen, das enthüllte, welchen Zauber wir miteinander teilten. Ich glaube, ich sang dadurch noch besser. Ich weiß, dass ich lauter sang, aber Mr Glenn war sehr zufrieden.
»Das wird unser bestes Konzert«, prophezeite er.
Zwei Abende vor dem Konzert holte Balwin mich zu einer weiteren Probe bei sich zu Hause ab. Er hatte sein Lied über mich fertiggestellt und wollte, dass ich es mir ganz anhörte. Außerdem wollten wir mein zweites Stück für das Vorsingen vorbereiten. Balwins Vater, erfreut über die körperliche Veränderung seines Sohnes, sprach davon, ihm ein eigenes Auto zu kaufen.
»Er hat gesagt, wenn ich Freundinnen und Verabredungen und so was hätte, sei es notwendig, dass ich jederzeit selbst fahren könne. Ich habe das Thema nicht einmal angesprochen!«, rief er, begeistert über dieses neue Gesicht seines Vaters.
Immer wenn sein Vater mich jetzt begrüßte, lächelte er freundlich. Balwin meinte, das hätte Auswirkungen auf die ganze Familie. Wenn sein Vater glücklich war, war auch seine Mutter glücklich.
»Ich kann gar nicht glauben, wie anders es in den letzten Wochen bei uns zu Hause ist«, erzählte er mir, als wir zu ihm fuhren. »Mein Vater und ich reden in letzter Zeit sogar miteinander. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, aber ich bin mir sicher, dass es viel mit dir zu tun hat«, fügte er hinzu.
»Mit mir? Warum?«, fragte ich rasch.
Er zuckte die Achseln.
»Ich sagte doch, ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Ich weiß nur, Ice, seit du und ich zusammen Musik machen, hat sich das Grau und Schwarz der Welt in Regenbogenfarben verwandelt. Dieses Kompliment musst du akzeptieren«, beharrte er.
Ich wandte mich von ihm ab und merkte, dass mein Herzschlag kurz aussetzte. Es war nett, solche Dinge über mich zu hören, aber irgendwie ängstigten sie mich sehr. Es war, als ob mein Herz mehr wüsste als mein Verstand und mich mit jedem Schlag warnte, dass Regenbögen erst nach dem Sturm kamen.
Der richtige Sturm musste erst noch kommen.
Bei Balwin zu Hause war es immer sehr ruhig, aber heute Abend schien es noch ruhiger zu sein. Sein Vater tauchte auch nicht wie üblich in der Wohnzimmertür auf.
»Meine Eltern sind zum Abendessen bei einem Kunden meines Vaters eingeladen«, erklärte Balwin. »Meine Mutter wollte, dass ich mitkomme, aber ich sagte ihr, ich hätte bereits Pläne gemacht. Mein Vater fand das gut«, sagte Balwin rasch, bevor ich darüber schimpfen konnte, dass er die Einladung ausgeschlagen hatte. Er lächelte mich an und schüttelte den Kopf. »Er ist sonst immer derjenige, der darauf besteht, dass ich mitkomme, um seinen Kunden meinen Respekt zu erweisen. Im Moment werde ich nicht schlau aus ihm«, sagte er und ging weiter die Kellertreppe hinunter.
Ein dunkler Schatten kam durch die Diele auf mich zu, aber es war nur eine Wolke, die sich über den Mond schob und so das Licht schluckte, das von draußen durch die Fenster fiel. Ich folgte Balwin, der bereits am Klavier saß.
»Es ist fertig«, erklärte er. »Ich habe endlich die letzte Strophe ausgeknobelt.«
Ich wusste, dass er über das Lied sprach, das er für mich geschrieben hatte. Ich stand neben dem Klavier, und er begann, sang zuerst den Teil, den ich bereits gehört hatte, und schließlich die fertiggestellte Schlussstrophe, während der er mich anschaute.
Ja, im Schweigen ihres Lächelns klingt Musik.
In ihren Augen eine Melodie.
Wenn sie mich anschaut,
Beginnt mein Herz zu singen.
Ich spüre die Verzückung, die ihre Lippen bringen.
Ich erkenne den wahren Grund des Frühlings,
Das Sprießen der Blumen, die Lieder der Vögel
Und ich hebe meine Lippen und Augen, damit ihre juwelengeschmückte Stimme sie liebkost.
Spiel, spiel dieses Lied von dir.
Spiel es für die Alten, spiel es für die Jungen,
Spiel es wenn der Tag anbricht, spiel es wenn die Sonne sinkt.
Spiel hinweg den Kummer und die Sorgen.
Geh vor dem traurigsten Auge, das du je gesehen.
Geh und bring die Musik zurück zu mir.
Als er die Finger von den Tasten hob und sich zurücklehnte, starrte ich ihn einfach an. Die Musik klang mir noch in den Ohren. Er lächelte zögernd und unsicher.
»Ist es richtig?«, fragte er schließlich.
Ich nickte, und er stand auf, das Gesicht vor Verwirrung verzerrt.
»Ice«, sagte er. »Ice, dir laufen Tränen über die Wangen. Was ist los?«, fragte er und kam näher. Er berührte eine meiner Tränen, als müsste er sie spüren, um es zu glauben. Dann führte er die Finger an den Mund.
»Wunderschön«, flüsterte ich.
»Wie du«, sagte er. Sein Gesicht näherte sich meinem wie in Zeitlupe, aber ich wich nicht zurück und wandte mich auch nicht ab. Wir küssten uns, ein langer, sanfter Kuss. Keiner von uns hob dabei die Hände. Als er sich von mir löste, waren seine Augen noch geschlossen, als versuchte er, jeden köstlichen Moment zu genießen.
»Wenn ich dich küsse, ist es so, als gebe man der Musik Worte, als machte man sie vollständig«, sagte er.
Ich lächelte, und er küsste mich wieder. Seine linke Hand legte er um meine Taille, die rechte auf meine Schulter. Ich umarmte ihn, und wir hielten uns fest, unsere Lippen hielten uns, als ob die ganze magnetische Zauberkraft in unseren Mündern läge.
»Das Lied war die einzige Möglichkeit, dir zu sagen, wie ich für dich empfinde«, sagte er zärtlich. »Ich fühle es hier«, erklärte er und legte die Hand aufs Herz.
Ich nickte, er nahm mich bei der Hand und führte mich zu dem kleinen Sofa. Wir saßen nebeneinander und schauten uns nur an. Wenn jemand so viel Kreativität und Talent besitzt wie Balwin, fand ich, hat er eine viel profundere Persönlichkeit, viel tiefgehender als jede Maske männlich guten Aussehens. Seine Gefühle für mich lagen nicht nur in seinen Blicken und auf seinen Lippen; sie lagen in seinem Wesen. Ich war überwältigt von seiner Aufrichtigkeit und seinem Hunger nach meiner Zustimmung und Liebe.
Dennoch konnte ich nicht anders, ich fürchtete mich auch ein wenig. Aber ich hatte nicht so sehr Angst um mich als um ihn. Eine solch totale Liebe wie Balwins Liebe für mich zum Ausdruck zu bringen machte einen Menschen, besonders einen wie ihn, verletzlich wie eine Schildkröte ohne ihren Panzer. Ich wusste nicht, ob ich ihn liebte oder auch nur halb so viel für ihn empfand wie er offensichtlich für mich. Er sehnte sich danach, dass ich ihm sagte, wie meine Gefühle für ihn waren. Seine Blicke verrieten es mir.
Aber ich wusste nicht, ob das, was ich im Augenblick für ihn empfand, alles war, was eine Frau für einen Mann empfinden konnte. War das Liebe? Instinktiv spürte ich, dass Liebe bedeutete, jemanden mehr zu mögen als jeden anderen, sogar sich selbst. Aber ich begriff auch, dass der Gegenüber genauso empfinden musste, sonst war man unvollständig, verloren. Konnte ich nur annähernd so intensiv für Balwin empfinden wie Balwin für mich? Würde er sich unvollständig, verloren fühlen, wenn ich es nicht tat? Man braucht sehr großes Vertrauen, um jemandem die Worte »Ich liebe dich« zu sagen; schließlich kennt man die Reaktionen des anderen nicht, er könnte über einen lachen oder einen zurückweisen und einen damit so bloßstellen wie eine Schildkröte ohne Panzer.
Was würde dann geschehen? Hätte man Angst, diese Worte jemals wieder auszusprechen? Schweigen, so wurde mir klar, war so sicher.
Als könnte er die Diskussion in meinem Kopf hören, beugte sich Balwin zu mir vor, um sie mit einem langen und sehr leidenschaftlichen Kuss zu beenden. Er fuhr mit seinen Lippen über meine Wange, hoch zu meinen Augen. Er küsste meine Stirn, mein Haar, dann wieder meine Lippen. Ich hielt ihn nicht auf, wich auch nicht zurück, und seine Erregung wuchs immer schneller. Ich glaubte, sein Herz gegen meines pochen zu hören, oder war das nur mein eigenes klopfendes Herz?
»Ice«, flüsterte er. Seine Hände glitten unter meine blaue Baumwollbluse und dann hoch zu meinen Brüsten. Seine Finger fuhren mit raschen Seitwärtsbewegungen über meine Brustwarzen, die davon hart wurden. Mein Rücken gab nach und ich legte mich hin, als er über mich glitt. Ich spürte, wie der Verschluss meines BHs aufsprang und seine Finger über meine Haut strichen. Dadurch fühlte sich jeder Fleck, den er berührte, an, als würden winzige Feuerwerkskörper angezündet und explodierten. Hitze breitete sich über meinen Bauch und meiner Brust aus, umfasste meine Rippen, machte mich immer weicher und nachgiebiger, bis ich mich ganz hilflos fühlte, mir nur noch wünschte, überall berührt, überall geküsst zu werden.
Ich schloss die Augen und hatte das Gefühl, im Sofa zu versinken.
»Ich liebe dich, Ice. Na bitte, jetzt habe ich es gesagt, ohne zu singen«, prahlte er.
Ich öffnete die Augen und schaute in seine, um das große Glück zu sehen. Er küsste mich wieder, seine Zunge glitt über meine, dann kämpfte er mit seiner Kleidung, bis ich seine nackten Schenkel spürte und merkte, wie seine Erregung wuchs. Das hatte den gegenteiligen Effekt von dem, was ich vermutet hatte. Es glich eher einem Weckruf, einem Schwall kalten Wassers oder sogar einem Elektroschock.
Was tat ich? War es das, was ich wollte? Und wenn ja, war es das, was ich jetzt wollte? Hatte ich den Augenblick bereits verpasst, in dem man noch denken und entscheiden konnte, jenen Augenblick, bevor die Hitze des Blutes die Kontrolle übernimmt und einen zum gehorsamen Sklaven der eigenen Leidenschaften macht?
»Warte, halt«, sagte ich. »Bitte, Balwin. Tu’s nicht«, rief ich scharf.
Er löste sich von mir und schaute mich an, den Blick so feurig, dass ich die Flammen in ihm lodern sehen konnte. Ich schüttelte den Kopf.
»Oh«, stöhnte er und schaute an sich herab, als würde ihm gerade klar, was er tat. »Oh, tut mir leid«, murmelte er und kämpfte sich hoch, um sich anzuziehen.
Ich setzte mich auf und schloss meinen BH. Er hastete umher, zog sich an und beeilte sich dabei wie jemand, der vom Tatort eines Verbrechens fliehen muss. Ich streckte die Hand aus, um seine Schulter zu berühren. Er hielt inne und schaute mich mit verzweifeltem Gesicht an.
»Ich bin einfach noch nicht bereit dazu«, sagte ich.
Er sah aus, als würde er in Tränen ausbrechen. Er nickte rasch und zog sich fertig an. Dann stand er auf und schaute sich einen Moment lang um.
»Also ... wir ... also ... lass uns weiterarbeiten«, sagte er.
Ich sah, wie er zum Klavier zurücklief, seine Noten durchblätterte und dabei vermied, mich anzuschauen.
»Es tut mir leid. Ich weiß, das war nicht fair von mir«, sagte ich.
Er schaute auf und schüttelte den Kopf.
»Nein, es war nicht fair von mir. Ich war mir selbst nicht sicher«, beharrte ich. Ich dachte an ein Spiritual, das ich oft sang. »Du warst nicht der Einzige, der sich in trübem Gewässer befand«, sagte ich zu ihm.
Er lächelte. »Du meinst, du hast noch nie ...«
Ich schüttelte den Kopf.
Er wirkte erleichtert.
»Ich bin kein Experte«, sagte ich, »aber es ist wohl besser, wenn wir dem Ganzen die nötige Zeit geben. Wenn es denn sein soll, heißt das«, fügte ich hinzu.
»Wie ein Baby, das geboren wird«, schlug er vor. »Man sollte nichts überstürzen, hm?«
Ich lachte. »Vielleicht. Ich bin auch, was das anbelangt, kein Experte«, sagte ich, und er lachte ebenfalls.
»Zurück zur Musik«, sagte er; ich stand auf und gesellte mich zu ihm am Klavier.
Es war so, als hätten wir uns von einigen Spinnweben befreit, von der Dunkelheit und den Schatten, die wie Spanisches Moos zwischen uns hingen, über jeden Gesichtsausdruck, jedes Wort drapiert waren. Wir hatten über diese Gefühle hinwegkommen müssen, der Notwendigkeit, einander auf intimere Weise zu berühren und kennenzulernen, nachgeben müssen, bevor wir einander auch geistig noch näherkommen konnten, als wir es bereits gewesen waren. Nachdem wir das getan hatten, folgte die Musik und blühte auf. Seine Finger waren befreit und ebenso meine Stimme. Wir klangen so gut zusammen, dass wir vor Freude aufjubelten und beide wussten, dass es etwas ganz Besonderes war.
»Wenn du so singst, kommst du bestimmt in diese Schule«, erklärte Balwin, als wir fertig waren.
»Das kann ich nur, wenn du mitkommst, um mich zu begleiten. Tust du das?«
»Als Erstes müssen wir herausfinden, ob sie das gestatten«, meinte er. »Wenn sie es tun, mache ich es.«
»Danke, Balwin. Du gibst mir so viel«, sagte ich.
Ich umarmte ihn, und er hielt mich einen Augenblick fest, den Kopf gegen meinen Busen gepresst, die Augen geschlossen.
»Du hast mir viel mehr gegeben«, flüsterte er mit brechender Stimme.
Ich hob seinen Kopf hoch, schaute hinab in sein Gesicht voller Liebe und beugte mich runter, um ihn zu küssen. Die Musik, seine Hingabe machten ihn für mich in diesem Augenblick zum begehrenswertesten Mann auf der Welt. Er griff um meine Taille und drückte mein Hinterteil an sich, während seine Lippen meinen Bauch berührten und dann immer tiefer glitten, bis ich spürte, wie eine Welle der Erregung mit Blitzgeschwindigkeit durch meine Blutbahnen bis ins Herz schoss. Er schaute wieder zu mir hoch und seine Blicke fesselten mich. Würde ich wieder die Kraft besitzen, »Halt« zu sagen?
Zusammenzurücken, einander zu berühren, selbst durch bloße Blicke und Worte, war wie durch ein Minenfeld zu steuern, in dem die Leidenschaft jederzeit explodieren konnte, wenn wir sie zufälligerweise durch einen tieferen Blick oder eine unschuldige Liebkosung auslösten.
Geh zurück, Ice, befahl ich mir. Beeil dich, bevor es fast wieder zu spät ist.
Meine eigenen Finger gaben mich jedoch preis wie kleine Verräter. Sie kamen nach vorne, um meine Hose zu öffnen. Balwin zog sie mir über die Hüften. Seine Lippen fuhren über meinen nackten Bauch und berührten den Gummizug meines Unterhöschens. Ich stöhnte, als seine Hände hinunterfuhren, um mein Gesäß zu packen und mich festzuhalten. Er atmete tief, als wollte er jeden Teil von mir seinem Gedächtnis übereignen. Dann senkte er die Arme, umschloss meine Beine in Kniehöhe, stand auf und hob mich hoch.
»Sieh mal, wie stark ich geworden bin«, sagte er lächelnd. Ich küsste ihn erneut, und wieder lagen wir auf dem kleinen Sofa. Diesmal lag ich still da, als er sorgfältig und geduldig jedes Kleidungsstück einschließlich der Socken von meinem Körper entfernte. Dann kniete er sich vor das Sofa und legte seine Stirn auf meinen Bauch. Mein Blut fühlte sich an, als würde es kochen. Als er den Kopf hob und meinen Körper eingehend betrachtete, schaute ich ihn an und sah das Vergnügen und die schiere Verblüffung und Freude in seinem Blick. Er schwebte über mir, neckte mich mit seinen Lippen und Fingern.
»Mach das Licht aus«, flüsterte ich.
Er stand auf, um das zu erledigen. »Ich verstehe«, sagte er. »Du bist noch nicht so weit, mich so zu sehen. Da liegt noch was vor uns, hm?«
»Daran liegt es überhaupt nicht, Balwin.«
»Aber sicher. Schon gut«, sagte er. »Einen Augenblick«, bat er.
Er schlüpfte aus seiner Kleidung und legte sich neben mich. Wir küssten uns und umarmten uns.
»Klärt sich das trübe Wasser?«, fragte er.
Ich befand mich so tief unten in der Quelle der Leidenschaft, dass seine Stimme über mir widerzuhallen schien. Ich war dabei, die Schlacht zu verlieren. Es könnte vielleicht schon zu spät sein. Meine eigene Neugierde und Erregung drängten jede Vorsicht beiseite. Die Alarmglocken wurden ertränkt im Trommelwirbel meines Herzens, die Parade der Begierde und Lust marschierte von den Schenkeln hoch bis ins Genick und um meine Lippen.
Er kam näher, näher ...
Und dann hörten wir, wie die Tür sich oben öffnete und schloss und die Stimmen seiner Eltern, das Lachen seines Vaters und die Reaktion seiner Mutter.
Balwin flog förmlich fort von mir und huschte über den Boden, um seine Kleidungsstücke zusammenzusuchen. Ich beeilte mich, meine ebenfalls einzusammeln.
»Das Licht«, rief ich. »Sie werden sich wundern, warum wir hier unten im Dunkeln sitzen.«
Er knipste die Lampe auf dem Klavier an, gerade als wir hörten, wie die Kellertür sich öffnete. Ich hastete um die Ecke, um außer Sichtweite zu bleiben, während ich mich anzog. Balwin klimperte ein paar Töne und tat so, als arbeitete er am Klavier.
»Hallo!«, rief sein Vater nach unten. »Arbeitest du noch mit Ice da unten?«
»Ja, Dad.«
»Es wird spät, Sohn«, sagte er und schloss die Tür.
Ich kam schnell um die Ecke, und wir schauten einander an. Die meisten Lichter waren aus gewesen. Bestimmt wirkte das verdächtig und seltsam.
»Ist schon gut«, sagte Balwin, um mich zu beruhigen. »Mach dir keine Sorgen.«
»Ich gehe jetzt besser nach Hause«, sagte ich. Er nickte, und wir gingen nach oben.
Als wir in die Diele traten, tauchte sein Vater wieder in der Wohnzimmertür auf und schaute uns mit einem schiefen Lächeln an.
»Habt ihr da unten Musik gemacht?«, fragte er.
Balwin schaute mich an, sein Blick glitt hin und her, als er verzweifelt nach der richtigen Antwort suchte.
»Ja«, sagte ich für ihn.
»Gut«, sagte sein Vater. »Gut«, wiederholte er und drehte sich um.
Wir eilten nach draußen zum Auto.
»Tut mir leid«, sagte Balwin, als wir davonfuhren.
»Vielleicht sollten wir eine Weile abkühlen, ein bisschen Pause machen«, schlug ich vor.
»Nur eine Weile«, stimmte er nickend zu. »Wir fangen nach dem Konzert am Samstag wieder an, okay?«
»Lass uns mal sehen«, sagte ich.
Ich konnte nicht ahnen, welche Bedeutung mein Zögern für ihn bekommen sollte, aber ich hatte ja selbst noch keine Ahnung davon.
Unser alljährliches Frühjahrskonzert war immer sehr gut besucht. Wir hatten ein ausgezeichnetes, preisgekröntes Orchester ebenso wie einen preisgekrönten Chor. Viele Leute besuchten das Konzert, obwohl sie keine Kinder hatten, die an der Aufführung teilnahmen. Sie wussten, dass sie etwas für ihr Geld bekamen.
Ein Großteil der Einnahmen floss in ein Stipendium für einen verdienten Musikschüler. Der oder die Gewinner wurden vor dem letzten Stück des Chores verkündet. Mr Glenn rief den Schulleiter nach oben, der die Gewinner bekannt gab. Jeder war sich sicher, dass Balwin dieses Jahr den Preis erhalten würde. Schließlich hatte er jetzt seit mehr als zwei Jahren freiwillig seine Dienste für den Chor geleistet und war in früheren Konzerten auch solo aufgetreten, wobei ihm das Publikum stets zu Füßen lag.
Obwohl sich Balwins Vater so schwer tat, die musikalischen Fähigkeiten seines Sohnes anzuerkennen, konnte er bei all den Umarmungen und Gratulationen, die er und Mrs Noble erhielten, nicht umhin, nicht zumindest stolz zu erscheinen. Es war jedoch nicht schwer auszumachen, dass er Hoffnungen hegte, Balwin würde schließlich doch noch eine Berufslaufbahn einschlagen, die finanziell erfolgversprechender war. Balwin hatte mir erzählt, dass sein Vater ihn gedrängt hatte, nach Harvard oder Yale zu gehen und dort Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Glücklicherweise hatte er jedoch bereits eine Zusage für das Frühförderprogramm der Juilliard School erhalten.
»Er muss das aus dem Körper kriegen«, pflegte Mr Noble zu sagen, wann immer jemand mit ihm über Balwins Beschäftigung mit Musik sprach. Es hörte sich so an, als glaubte er, Musik sei eine Infektionskrankheit, eine Grippe oder ein Virus, von dem sein Sohn seinen Körper und seine Seele reinigen musste. Mr Noble schien zu glauben, dass Balwin im Laufe der Zeit einfach daraus herauswachsen würde.
Dieser ganze Applaus sei ja nett, erzählte er Bekannten, aber wenn es darauf ankomme, könne man für Applaus weder das Essen auf dem Tisch noch ein elegantes Heim noch einen angenehmen Lebensstil bezahlen. Deshalb würde Balwin seine Aufmerksamkeit bald weltlicheren Dingen zuwenden müssen. Er würde entweder in seine, Mr Nobles, Fußstapfen treten und Steuerberater werden oder aber die Laufbahn eines Managers oder sogar Finanzchefs eines großen Unternehmens anpeilen. Er könnte sich ja dann immer noch ein Klavier kaufen und an Feiertagen für andere Leute spielen, oder nicht?
»Wie viele Leute kennen Sie denn«, sagte sein Vater schließlich, »die in der Unterhaltungsbranche sehr viel Geld verdienen? Wir können ja nicht alle Frank Sinatra sein.«
Ich hörte, wie er sich in diesem Stil während der Konzertpause im Foyer mit jemandem unterhielt. Balwin hörte es auch und war so peinlich berührt, dass er versuchte, in der Menge zu verschwinden.
»Ich muss eben etwas nachsehen«, sagte er seiner Mutter und schlüpfte davon.
Meine Mama und mein Daddy waren auch zum Konzert gekommen. Ich war überrascht, dass Mama tatsächlich aufgetaucht war, obwohl sie, lange bevor ich gegangen war, in ihr Zimmer verschwunden war, um sich fertig zu machen. Sie fand immer, die Musik sei zu langweilig und mache sie schläfrig. Ich muss zugeben, dass sie sehr gut aussah in einem dunkelblauen Kleid mit ihren Perlen und ihrem Haar und ihrem perfekten Make-up. Sie genoss eine Menge Aufmerksamkeit, und hin und wieder warf sie mir mit funkelnden, stolz leuchtenden Augen einen Blick zu. Daddy wirkte etwas unbehaglich neben ihr, die Krawatte hing ihm wie die Schlinge eines Henkers um den Hals. Er warf mir ein Lächeln zu und verdrehte die Augen wegen Mama, die gerade ihr süß perlendes Lachen hatte ertönen lassen und vom Kompliment irgendeines Vaters dahinschmolz. Wir wurden wieder hineingerufen, um das Konzert zu beenden. Die zweite Hälfte begann mit drei Orchesterstücken, darauf folgte ein Chorstück, danach wurde das Publikum sehr still. Mr Glenn stellte den Schulleiter vor, der ankündigte, die Schule habe in diesem Jahr äußerst verdienstvolle Schüler für ihre renommierten Musikstipendien. Dann begann er mit einer sehr detaillierten Schilderung aller Leistungen Balwins. Ich hatte selbst vergessen, wie oft er zur Grundschule hinübergegangen war, um dem dortigen Chor bei seinen Proben zu helfen, und dass er einmal für die Grundschule ein kleines Programm aufgeführt hatte.
Das Publikum erhob sich, als er nach vorne gerufen wurde, um sein Stipendium entgegenzunehmen. Ich klatschte, so fest ich konnte. Er schaute in meine Richtung, lächelte und trat dann nach vorne. Dort dankte er der Schule und seinen Eltern und versprach, das Stipendium gut zu nutzen.
Wieder herrschte Stille in der Menge. Der Schulleiter setzte seine Lesebrille auf und begann jemanden zu beschreiben, der eine »echte Entdeckung« war, »ein Juwel, das so in Bescheidenheit gehüllt ist, dass man leicht an ihm vorübergehen könnte bis«, er hob den Kopf, um das Publikum anzuschauen, »man sie singen hört. Dann erkennt man ihre Kostbarkeit. Mit großer Freude überreichen wir ein Stipendium jemandem, der das Potential besitzt, alle Schüler dieser Schule mit Stolz zu erfüllen, Ice Goodman.«
Zuerst war mir gar nicht klar, dass er meinen Namen ausgesprochen hatte. Ich stand da und wartete auf einen Namen. Mr Glenn drehte sich strahlend zu mir um, und die anderen schauten mich auch an. Ihre Blicke führten mir die Wirklichkeit vor Augen. Ich fühlte mich außerstande, auch nur einen Schritt zu tun, aber Mr Glenn kam auf mich zu und griff nach meiner Hand, um mich zum Podium zu geleiten. Balwins Gesicht strahlte so vor Freude, dass seine Augen im Rampenlicht wie winzige Sterne funkelten. Ich glaubte, ich würde ganz bestimmt in Ohnmacht fallen. Mein Herz schlug so schnell, dass ich kaum Luft holen konnte.
Der Schulleiter überreichte mir den Umschlag und trat zurück. Ich wusste, dies bedeutete, dass ich etwas sagen musste. Alle im Publikum schauten mich an und warteten.
»Danke«, sagte ich. Dann drehte ich mich um und eilte auf meinen Platz zurück. Niemand klatschte.
Der Schulleiter trat lachend vor. »Sie macht das alles wieder gut, wenn sie den Mund öffnet, um zu singen, Leute. Lehnen Sie sich einfach zurück, und genießen Sie das letzte Stück.«
Endlich klatschte das Publikum.
Ich sang laut und kräftig bis zur letzten Note. Danach gratulierte Mr Glenn mir als Erster und dann die meisten anderen Chormitglieder. Balwin und ich blieben hinter der Bühne und warteten auf unsere Eltern. Mama war überglücklich, sie schwelgte in den Umarmungen und Komplimenten, als hätte sie sie erwartet. Und dann enthüllte Daddy, dass sie über meinen bevorstehenden Preis informiert worden waren, um sicherzugehen, dass sie das Konzert besuchten.
»Wir sind sehr stolz auf dich, Schätzchen, sehr stolz«, sagte er und umarmte mich. Einige der Männer, die er kannte, zogen ihn beiseite, um ihm die Hand zu schütteln und zu gratulieren. Balwin und ich standen dicht beieinander und begrüßten Leute wie die Gewinner eines olympischen Wettkampfes. Schließlich kam sein Vater auf mich zu.
»Vermutlich hat eure Zusammenarbeit euch beiden auf unterschiedliche Weise geholfen«, begann er. Balwin schüttelte Hände, hörte aber mit einem Ohr zu.
Ich nickte, lächelte und wollte mich von seinem Vater abwenden, als dieser meine Hand ergriff.
»Das haben Sie verdient«, sagte er, »und jetzt, da ich weiß, dass Sie eine vielversprechende Zukunft haben, wird es bestimmt gut genutzt werden. Danke, dass Sie das Abkommen erfüllt haben«, sagte er.
Ich öffnete die Hand und sah auf fünf knisternde Hundertdollarscheine.
Balwin schaute ebenfalls darauf, dann sah er hoch zu mir, sein Gesicht voll Verwirrung und Schmerz.
»Nein«, sagte ich kopfschüttelnd. »Ich will Ihr Geld nicht, Mr Noble«, rief ich, »ich habe Ihnen doch gesagt ...«
Er drehte mir den Rücken zu und verschwand in der Menge. Ich schaute Balwin an.
»Ich habe ihm gesagt, ich wollte nicht ...«
Er wartete nicht, bis ich geendet hatte, sondern ging rasch davon. Ich wollte hinter ihm herlaufen, aber Mama packte mich und fing an, mich vor ihren Freunden zu loben und zu behaupten, wie sehr sie mich ermutigt hätte, in der Kirche zu singen. Eine Hälfte von mir hörte zu.
Die andere Hälfte war geistesabwesend und schrie in die Nacht hinaus.