Epilog

Balwin fuhr mich. Wir hatten gefragt und die Erlaubnis erteilt bekommen, dass er mich auf dem Klavier begleiten durfte. Mama wusste nichts davon. Sie dachte, ich würde normal zur Schule gehen und danach noch Daddy besuchen.

Ich glaube, mein Herz klopfte den ganzen Weg nach New York City. Als wir an dem kleinen Theater ankamen, war ich so verängstigt, dass ich meine Beine nicht bewegen konnte. Ich schaute Balwin an, und er lachte.

»Ich habe schon Lampenfieber und Lampenfieber erlebt«, sagte er, »aber du leidest ja unter kompletter Bühnenpanik.«

»Das ist nicht lustig, Balwin. Ich werde mich lächerlich machen«, jammerte ich.

»Und mich noch dazu«, erklärte er entschieden. Er hielt mir seine Hand hin, und ich stieg aus dem Auto.

»Atme mal tief durch«, befahl er. »Schließ die Augen und atme tief durch. Mach weiter. Entspann dich. Wenn sie dich nicht nimmt, wird es zu ihrem eigenen Schaden sein, nicht zu deinem.«

»Genau«, sagte ich. »Sicher.«

Er lachte, und wir betraten das Theater. Es war so ruhig und leer, dass ich dachte, wir wären am falschen Tag gekommen. Plötzlich tauchte eine große, dünne, dunkelhaarige Frau aus den Schatten auf, ihre Absätze klackerten auf dem Boden des kleinen Foyers.

»Sind Sie diese Ice Goodman?«, fragte sie und hielt ein Blatt in ihrer rechten Hand. Sie hatte große braune Augen und eine scharfgeschnittene Nase, so scharfgeschnitten, dass ich dachte, sie könnte ein Steak damit schneiden.

»Ja«, bestätigte ich.

»Sie sind zehn Minuten zu früh, aber das ist gut. Madame Senetsky ist im Theater. Und das ist Ihr Begleiter?«, fragte sie und nickte zu Balwin.

»Balwin Noble«, sagte Balwin und streckte die Hand aus. Sie schaute sie einfach an und nickte.

»Gehen Sie direkt auf die Bühne und fangen Sie an«, befahl sie, drehte sich um und zog sich ins Theater zurück.

»Bereit?«, fragte Balwin.

»Nein«, sagte ich.

»Gut«, sagte er und ging voran.

Es war dunkel außer ein paar kleinen Lichtern auf der Bühne. Es dauerte einen Augenblick, bis sich meine Augen an den Zuschauerraum gewöhnt hatten. Zuerst dachte ich, es sei niemand da, aber dann sah ich ganz hinten jemanden sitzen.

Balwin ging weiter den Gang hinunter zum Klavier. Er setzte sich hin, legte die Noten bereit und schaute mich an. Dann nickte er zur Bühne.

»Mach es einfach so, wie wir es immer gemacht haben«, sagte er.

Ich schaute nach hinten zu der Frau in der letzten Reihe. Sie war wie eine Schaufensterpuppe. Ich konnte nicht viele Einzelheiten erkennen, sah aber, dass ihr Haar nach hinten zu einem straffen Knoten zusammengezogen war. Warum waren nicht mehr Leute hier, fragte ich mich. Und wo war diese große, sauertöpfische Frau, die uns begrüßt hatte?

Zitternd stieg ich auf die Bühne. Balwin ließ mich eine schnelle Aufwärmübung machen. Dann schaute ich ihn an, und er nickte. Ich holte tief Luft und begann.

Ich sang so gut ich konnte. Als ich fortfuhr, merkte ich, wie ich mich entspannte, und ich dachte nur noch an das Lied selbst. Und dann, wie durch Zauberei, glaubte ich Daddy in der ersten Reihe sitzen zu sehen, er schaute zu mir hoch und lächelte.

Und in der Hand hielt er sein Trompetenmundstück.

Ich sang auch mein zweites Stück. Niemand sprach hinterher mit uns. Als ich von der Bühne trat, war auch die ältere Frau verschwunden. Wir standen eine Weile da, und als uns klar wurde, dass niemand mit uns reden würde, gingen wir hinaus, schauten uns im Foyer um, auch dort war niemand zu sehen.

»Warum ist denn nicht mal jemand da, um sich zu bedanken und uns zu verabschieden«, fragte ich.

Balwin schüttelte den Kopf.

»Vermutlich danken sie dir nicht, du musst ihnen danken«, sagte er, und wir gingen.

Er war sehr still auf dem Nachhauseweg. Ich wusste, was er dachte. Es war eine Katastrophe. Es war so schlecht, dass wir noch nicht mal ein »Auf Wiedersehen« und »Danke für die Mühe« wert waren. Das Einzige, was mich ein wenig aufheiterte, war, dass Mama glücklich sein würde, dass ich versagt hatte. Ich würde ihr jedoch nichts erzählen. Sie würde nur schrecklich wütend werden, dass ich überhaupt zu dem Vorsingen gegangen war.

Ich vergaß das Vorsingen nicht, aber die Tage direkt vor der Abschlussprüfung und dem Schuljahresende waren erfüllt von kleinen Explosionen und Heiterkeitsausbrüchen, man konnte es in den Stimmen der Schüler hören, wie sie vor Glück und Aufregung platzten. Das Leben wurde geplant, man redete über Colleges und Jobs. Es war, als würde eine riesige Tür langsam geöffnet, um eine neue Welt zu betreten. Für alle, außer für mich.

Daddy machte weitere Fortschritte in der Therapie, und es war jetzt die Rede davon, dass er nach Hause kommen sollte. Er und ich redeten nicht über das Vorsingen. Es blieb in der Luft hängen wie ein Traum. Ich glaube, er hatte Angst vor meiner Enttäuschung und vor dem, was eine Absage auch für ihn bedeutete.

Mama redete ständig von den neuen Anforderungen, die nun auf sie zukommen würden, aber ich konnte sehen, dass sie glücklich war über Daddys bevorstehende Heimkehr. Damit verbunden war das Versprechen auf eine Art Wiederherstellung der alten Zeiten. Daddy steigerte ihren Optimismus sogar noch, indem er davon sprach, in eine nettere Gegend umzuziehen. Er erhielt eine Entschädigung, und es wurde ihm ein leichterer Job versprochen, wenn er zur Arbeit zurückkehren konnte. Schließlich war er für die Firma eine Art Held.

Als ich meine Bewerbung ausgefüllt hatte, hatte ich angegeben, dass Madame Senetsky Mr Glenn in der Schule Bescheid geben sollte. Ich hatte Angst, dass irgendetwas in der Wohnung ankommen und Mama es zuerst finden würde. Drei Tage vor dem letzten Schultag rief der Schulleiter mich in sein Büro. Mr Glenn war ebenfalls dort. Sobald ich hereinkam, wusste ich, dass etwas Verblüffendes passiert war. Ihre Gesichter strahlten vor Begeisterung, die beiden gratulierten mir herzlich.

Ich las den Zusagebrief, unterzeichnet von Madame Senetsky, zweimal, bevor ich ihn wirklich verstand. Noch einmal in meinem Leben war ich stumm, außerstande zu sprechen. Sie lachten und gratulierten mir erneut. Mr Glenn ließ Balwin ins Büro rufen. Als er hörte, was passiert war, fing er an zu weinen. Er schluchzte nicht, es waren nur einige Tränen, die er rasch wegwischte.

Mit Genehmigung des Schulleiters verließen wir das Gebäude, und Balwin fuhr mich zum Krankenhaus. Daddy machte gerade einige Oberkörperübungen in seinem Rollstuhl. Der Therapeut drehte sich um, als Daddy innehielt und uns anstarrte, während wir den Übungsraum betraten.

Ich sprach nicht.

Ich brauchte nicht sprechen.

Ich hielt nur sein Trompetenmundstück hoch.

Er schrie auf, und dann stand er zur Verblüffung seines Therapeuten auf und machte ganz allein ein paar Schritte auf mich zu. Ich rannte in seine Arme.

»Mama wird fuchsteufelswild sein«, sagte ich.

»Na, das ist ja nichts Neues«, erwiderte er, und wir lachten.

»Wie können wir das schaffen, Daddy?«

»Das können wir«, beharrte er. »Und das werden wir; ich meine, du wirst es.«

Balwin nickte zustimmend.

Vor dem Fenster des Übungsraums, auf dem Fensterbrett, paradierte ein Spatz und schlug mit den Flügeln.

Und ich erinnerte mich an ein kleines Mädchen, das Angst hatte zu sprechen und in der Musik eine Stimme fand. Die gleiche Musik, die dem Spatz half, sich in die Lüfte zu schwingen und zu fliegen.