Fünfundvierzigstes Kapitel

Wie ein nasses, kaltes Laken spannte sich die Morgendämmerung über das Lager. Ein vages Licht suchte sich den Weg in den beginnenden Tag. Nach einer längeren Trockenperiode mit milden Frühlingstemperaturen regnete es jetzt seit Tagen.

Bis zu den Knöcheln versank Carl im Schlamm. Hose und Uniformjacke schlotterten zerrissen und verdreckt um seinen stark abgemagerten Körper. Die schmutzstarrenden Fußlappen lösten sich schon nach wenigen Schritten und verloren sich in der zähflüssigen Erde. Die Feuchtigkeit war in jede Pore des Körpers eingedrungen und hatte sich dort eingenistet.

Vor drei Nächten waren ihm die Stiefel gestohlen worden. Die schönen, handgefertigten Reitstiefel, das einzige Relikt seiner Generalstabsuniform, das die Monate der Gefangenschaft einigermaßen heil überstanden hatte. Unvorsichtigerweise hatte er sie in jener Nacht nicht anbehalten. Irgendjemand hatte sich im Schutz der Dunkelheit an Carls Erdloch herangeschlichen. Nun waren sie verschwunden. Kameradendiebstahl. So etwas hätte es ohne die Niederlage nicht gegeben. Jetzt dachte jeder nur an sein eigenes Überleben.

Ende April war er, zusammen mit mehreren Tausend Gefangenen aus verschiedenen Lagern der US-Armee, auf eine große Acker- und Wiesenfläche am linken Rheinufer bei Remagen verlegt worden. Das Areal hatten die Amerikaner mit Stacheldraht in verschiedene Camps aufgeteilt. Als Schlafstätten mussten sich die gefangenen deutschen Offiziere und Soldaten Erdlöcher graben. Nun waren sie Wind, Regen und den kalten Nachttemperaturen schutzlos ausgeliefert. An Verpflegung standen nur unzureichende Rationen zur Verfügung. Viele starben an Erschöpfung, Unterernährung und Krankheiten, die sich rasch ausbreiteten.

Bis zu seiner Abkommandierung an die Ardennenfront im Dezember des vergangenen Jahres hatte Carl nur selten der kämpfenden Truppe angehört. Zunächst in Polen, danach in Frankreich. Und um einen direkten Kriegseinsatz war es in Frankreich nicht gegangen, als er im September 1940 nach Paris abkommandiert wurde. Die Stadt befand sich bereits fest in der Hand der Deutschen, und Carl hatte sich eher den schönen Seiten des Lebens gewidmet: In den Cabarets und Tanzlokalen floss der Champagner in Strömen, und viele junge Französinnen warfen den Besatzern mehr als nur einen koketten Blick zu.

Auch in der Gefangenschaft hatte er sich nicht entmutigen lassen. Es galt zu überleben, und Carl würde alles daransetzen, dies zu schaffen. Als er am Weihnachtsmorgen des Jahres vierundvierzig in der Nähe der belgischen Stadt Bastogne amerikanischen Soldaten in die Hände gefallen war, war der Kampf für ihn zu Ende gewesen. Ohne eine einzige Verwundung hatte er den Krieg überlebt. Die Monate bis zur Verlegung auf die Rheinwiesen überstand er mehr schlecht als recht. Durch die eisige Kälte und die karge Verpflegung zog er sich eine Lungenentzündung zu. Ein deutscher Stabsarzt kümmerte sich um ihn, doch Medikamente gab es nicht. Die Sieger zeigten sich mitleidlos und gleichgültig, wenn die Gefangenen erkrankten. Nur bei drohenden Seuchen griffen sie ein und verteilten Medikamente gegen Typhus und Cholera. Carl überstand hohes Fieber, das viele Tage anhielt. Wie durch Zauberhand erholte er sich plötzlich, als habe ihm jemand ein Wundermittel verabreicht. Er glaubte nicht an Gott, doch offensichtlich hatte eine höhere Macht beschlossen, dass er weiterleben sollte.

Oft hatte er an Else gedacht, voller Sehnsucht und auch Sorge. In den letzten Monaten hatte er einige Briefe an sie geschrieben, doch nie eine Antwort erhalten. Weilte sie immer noch in Rathenow, oder war sie zusammen mit Maximilian und der kleinen Vicky zu ihrer Mutter nach Thüringen geflohen? Im Lager hatte sich die Nachricht verbreitet, dass dort die Amerikaner einmarschiert waren.

Manchmal erinnerte er sich wehmütig an die leidenschaftlichen Nächte mit ihr. Doch die Erinnerung daran rückte immer weiter in die Ferne. Sein Begehren war im Lauf der Monate verblasst wie ein Stück Tapete, das zu lange dem Sonnenlicht ausgesetzt gewesen war.

Er dachte an das, was das Leben noch für ihn bereithalten könnte. Doch wie würde eine Zukunft mit seiner Schwägerin aussehen? Noch war sie mit Heinrich verheiratet, falls dieser den Krieg überlebt haben sollte. Dann käme nur eine Scheidung in Betracht. Würde Heinrich dem zustimmen? Auf welche Weise Else auch immer frei sein würde – wollte er sie wirklich heiraten? Sie liebte ihn, dessen war er sich gewiss. Doch erwiderte er ihre Liebe? Er hatte sie begehrt und sie erobern wollen. Das war ihm gelungen. Nur allzu schnell war sie willens gewesen, die Ehe zu brechen und ihren Mann zu betrügen. Das zeugte von einer gewissen Leichtfertigkeit und Charakterschwäche. Schien sie es wirklich wert, dass er sein zukünftiges Leben mit ihr und der Tochter seines verhassten Bruders plante? Er war weder Angehöriger der SS gewesen noch in Kriegsverbrechen verwickelt. Sein Leben nach der Gefangenschaft würde er mit einer weißen Weste beginnen. Für einen Mann mit seinem Namen gab es in einem Nachkriegsdeutschland sicher hervorragende Partien. Viele Männer waren an der Front gefallen. Es herrschte Frauenüberschuss, wie nach jedem Krieg. An hübschen Kandidatinnen mangelte es nicht. Carl wusste nur allzu gut, wie blendend er aussah und wie galant er auftrat. Schon als junger Fähnrich und Leutnant hatte er bei Gesellschaften in den Offizierskasinos geglänzt. Ein blendender Tänzer und charmanter Unterhalter, wusste er die Frauen für sich einzunehmen. Damals, in den goldenen Tagen seiner ersten Offiziersjahre, gehörten reiche Fabrikantentöchter ebenso wie junge Frauen des Adels zu seinem Umgang. Für sie war er »der schöne Charly«, ein begehrter Junggeselle. Nachts, zusammengekauert in seinem vom Wasser gefluteten Erdloch, fiel ihm so mancher Name aus dieser Zeit wieder ein.

Als er jetzt mit nackten Füßen im Schlamm weiterwatete, überkam ihn eine plötzliche Heiterkeit und Lebensfreude. Die Zukunft bot noch viele Chancen. Sich dem Leben mit frischer Kraft zuwenden, es glühend umarmen, wie man eine neue Geliebte umarmt. Er griff in die Brusttasche seines zerschlissenen Uniformrocks. Dort steckte noch immer die Fotografie von Else, die sie ihm beim Abschied geschenkt hatte. Darauf blickte sie kokett lachend in die Kamera. Das helle Sommerkleid zeugte von der Leichtigkeit der frühen Kriegsjahre. Das Bild war inzwischen fleckig und zerknittert. In den ersten Monaten der Gefangenschaft hatte es Carl das Überleben erleichtert und ihm Halt gegeben.

Er nahm das Foto und zerriss es in kleine Stücke. Der Wind trug die Fetzen davon, bis sie auf die nasse Erde taumelten. Wie von einer Bürde befreit, blickte Carl ihnen einen Augenblick nach.