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»Gib mir die Schokolade und hilf den Mädchen beim Reinemachen.« Crescenzia nahm Klara den Korb ab. »Bevor das Vieh sie noch auffrisst. Oder ich. Denn was für Kaisers gut ist, ist für mich gewiss nicht schlecht.« Sie lachte gackernd und ging schwerfällig die Treppe zur Küche hinunter. Vorher drehte sie sich noch einmal um. »Die Kaiserin ist die nächsten Stunden mit ihren Hofdamen bei ihrem Töchterle im Schloss. Deshalb können wir ihre Kemenaten sauber machen. Sofie zeigt dir alles. Und vergiss nicht, dein Dienstbuch auszufüllen!«

Klara nickte eifrig. Das graue Heft lag in der Kammer obenauf in ihrem Rucksack, gestern Abend noch hatte sie alles Nötige eingetragen. Was immer noch fehlte, war die Unterschrift ihres Vaters, aus der hervorging, dass er sie zum Arbeiten in die Stadt geschickt hatte. Denn das hatte er nicht getan. Er wusste nicht einmal, wo seine Tochter war. Zumindest hoffte Klara das von ganzem Herzen. Irgendwann musste sie ihr Dienstbuch bei der Polizei registrieren lassen. Sie konnte nur beten, dass alle davon ausgingen, dass sie mit dem Einverständnis ihrer Familie hier war und arbeitete. So wie es bei den meisten Mädchen der Fall war. Vorerst aber schob sie das Problem mit dem Dienstbuch so weit weg, wie sie konnte.

Klara stieg in den ersten Stock hinauf, zum Salon des Kaiserpaares. Die schwere Holztür stand offen, als sie näher kam, hörte sie Sofie leise singen. Diese junge Frau war einfach ein Sonnenschein. Klara war ihr noch immer dankbar für die Hilfe mit ihren Haaren, jetzt konnte sie sich ein wenig revanchieren und mit anpacken.

Ohne das Kaiserpaar darin wirkte der Saal gleich weniger majestätisch. Das Sammelsurium von Teppichen und Möbeln machte ihn wohnlich, aber nach den ersten Tagen in der Maison sah Klara darin auch die viele Arbeit.

»Du kommst wie gerufen!«, begrüßte Sofie sie. »Hilf mir, wir rollen die Teppiche zusammen und tragen sie zum Ausklopfen in den Garten.«

Sie schwitzten, als die Teppiche wieder an Ort und Stelle lagen. Klara richtete ihr Häubchen und lächelte ihre neue Freundin an. »Wo kommst du eigentlich her, Sofie?«

»Aus Gaggenau.« Sie wies aus dem Fenster. »Siehst du das Alte Schloss? Dahinter kommt die Burg Alt-Eberstein, und dahinter liegt Gaggenau.«

»Und wie bist du hierhergekommen? Wissen deine Eltern, dass du hier bist?«

»Ja, natürlich. Meine Eltern führen ein Hotel. Aber es ist klein, und mein Bruder wird es übernehmen. Deshalb haben mich die Eltern in die Stadt geschickt. Wir sind eine richtige Hoteliersfamilie. Es gefällt uns einfach, wenn die Gäste sich wohlfühlen. Wer zufrieden ist, kommt wieder, sagt mein Vater immer.«

Klara nickte. Diesen Wunsch spürte sie auch in sich. Sie wollte ein wenig dazu beitragen, Menschen glücklich zu machen. »Das Kaiserpaar reist schon seit vielen Jahren nach Baden-Baden, sie müssen sehr zufrieden sein.«

»Aber nur, wenn die Kaiserin heute Nacht in frischer Wäsche schläft. Komm, es ist unsere Aufgabe, das Bett zu beziehen und in ihrem Schlafgemach Staub zu wischen.«

Sofie führte Klara hinaus aus dem Salon und weiter den langen Flur entlang zu einer der nächsten Türen.

Das Zimmer, in dem die Kaiserin ihre Nächte verbrachte, war nicht groß, bemerkte Klara überrascht. Neben einem einfachen Bett war gerade noch Platz für ein Pult mit einem Kreuz darüber. Ein dickes Buch lag aufgeschlagen darauf.

»Das Betpult Ihrer Majestät. Jeden Morgen und jeden Abend liest Augusta in der Bibel«, erklärte Sofie. »Sie ist sehr gläubig. Halt mal fest.« Das Mädchen hielt ihr die Zipfel des weißen Überzugs entgegen, dessen Stoff sich zwischen den Fingern fest und schwer anfühlte. Mit einem Ruck zog Sofie daraus eine wollene Decke. »Und jetzt den neuen Bezug, Crescenzia hat ihn schon bereitgelegt.« Sie wies zum Stuhl neben dem Eingang. »Da schaust, was? Ich hatte auch teure Daunen erwartet, aber wie es aussieht, ruht unsere Kaiserin lieber bescheiden wie in einem Kloster.«

Klara staunte. Dass Augusta eine barmherzige Frau war, das hatte sie gezeigt, als sie den Hausherrn gebeten hatte, sie als neues Dienstmädchen aufzunehmen. Aber warum lebte sie auch sonst das Leben einer Nonne?

»Als Kaiserin könnte sie sich Luxus gönnen. Sie könnte jeden Tag Pralinen essen und sich in den Kolonnaden etwas Hübsches kaufen.«

Sofie lachte. »Sie hat doch alles, was sie sich wünscht. Sogar schöne Kleider und Juwelen. Bald gibt es ein wichtiges Essen für das Hochzeitspaar. Und bestimmt trägt Augusta dann eine Krone.« Die Mädchen kicherten, während sie das frische Bettzeug glatt strichen.

»Ihr sollt euch beeilen, Crescenzia braucht euch.« Marie stand im Türrahmen und starrte sie finster an. »Vor dem großen Festessen müssen die Böden gebohnert werden.«

»Wir sind schon fertig«, verkündete Sofie strahlend. Ihr sonniges Gemüt war durch nichts und niemanden zu erschüttern, auch nicht von der Aussicht, die nächsten Tage sämtliche Böden in der Maison auf Hochglanz zu bringen. »Die Kronjuwelen polieren wir beim nächsten Mal.« Sie stupste ihre Freundin in die Seite, und gemeinsam eilten sie hinunter in die Küche der Maison.

Hätte sich Klara umgedreht, hätte sie die neugierigen Blicke von Marie gesehen, mit denen sie das Schlafgemach der Kaiserin betrachtete, bevor sie leise die Tür zuzog.