Eines Tages war er weg.

 

Sie stieg am späten Vormittag hinauf auf die Wiese. Stille, Sommerstille, auf- und abschwellendes Insektengesurre um sie herum. Süße und Müdigkeit hingen in der Luft. Sie wartete auf ihn. Schon dieses Warten Erfüllung. Vorfreude. Ein Vertrauen. Und kein Mensch. Sie ließ sich auf die Wiese fallen, am Waldrand, wo die Schatten noch auf die trockenen Gräser reichten.

Dass sie schlief, merkte sie nur an einem Scharren neben ihrer ausgestreckten Hand. Lima drehte den Kopf, sah den Pudel, der gerade dabei war, sein kleines krausfelliges Beinchen dicht an ihren Fingern zu heben. Sie wollte die Hand zurückziehen, es gelang ihr kaum. Wie mit einem Fremdkörper schlug sie damit nach dem zurückweichenden Tier. Das Gefühl von Gummi in ihren Gliedern, der genüsslich schadenfrohe Blick des Hundes. Mit einem Ächzen wachte sie auf.

 

Als sie damals nach Hause gekommen war aus dem Dschungel, die Zeit bitteres Metall in ihrem Mund, hatte sie die Tür aufgeschlossen und war einem Massaker gegenübergestanden. Die ganze Wohnung bedeckt von einer gleichmäßigen, dünnen Schicht Fruchtfliegen. Alle tot. Der Sommer stand unverrückbar im Zimmer, noch immer, auch Wochen nachdem sie – ebenfalls schon Sommer – das Land verlassen hatte. Hier lag das Schicksal hingestreut, auf jeder geraden Oberfläche die kleinen, bröseligen Leiber. Welten waren entstanden und vergangen. Lima suchte in der leeren Wohnung, fand einen Sack Kartoffeln, den sie hinten im Küchenschrank vergessen hatte. Nur mehr Schrumpeln übrig, ein verklumptes Netz, fahlgrüne vertrocknete Triebe. Diese Verdammnis hatte zu einem Übermaß von Leben geführt, zu einem Übermaß an Tod. Sie tat einige Schritte über die knirschenden Fliegenpunkte zum Staubsauger: Ihre gesamte Reise lag da

 

Er war nicht gekommen. Sie hatte es dunkel werden lassen, hatte den Mond als dünne Sichel auf seinem halben Weg über den Himmel verfolgt. Den Hügeln dabei zugesehen, wie sie verschwanden. So finster war es geworden. Sie war auf der Wiese sitzen geblieben, bis es nicht mehr zu leugnen gewesen war. Es würde eine Erklärung geben. Es würde doch eine Erklärung geben? Sie erhob sich, streckte den Rücken durch und ging mit vorsichtigen Schritten zurück ins Tal.

 

Sie schlief, sie öffnete die Augen. Kaum dass die Sonne aufgegangen war, stieg sie bergan. Sie stand vor morgenfrischen Wiesen, eine seltsame Kühle auf dieser ausgetrockneten Landschaft, die bald verdampfen würde. Lima zog ihren Fuß über den Boden, war dieses Gras jemals wirklich gemäht worden? In schütteren gräulichen Büscheln stand es da. In ihrem Kopf der Schatten einer großen Absenz, die in ihrem Körper noch nicht angekommen war. Phantome, Gefühle, die nur schliefen. Ihr Herz ging hartnäckig von einem guten Ende aus. Lima blickte in den Morgen hinein. Er war bodenlos. Sie hätte gedacht, dass es einer

 

Natürlich hatte sie schon öfter daran gedacht. Diesen Gedanken aber zur Seite geschoben, was ihr nicht schwergefallen war. Ob er einer von ihnen war. Ob er mit der Dirne gelebt hatte, mit dem Offizier. Durch die Zeit gestiegen, an Gaslaternenmasten entlanggehantelt. Die Augartenbrücke, die Eisenbahn am Berg, das Dröhnen einer zukünftigen Katastrophe in einer unschuldigen Welt. Wer ging noch mit einem Pferd? Sie hatte sich nicht viel dabei gedacht. Hier in den Bergen hätte sich die Unschuld lange halten können, es hätte sein können, dass man bei den Ursprüngen blieb. Es hätte sein können, was gewesen war. Es war ihr recht, nein, es wäre ihr egal, wenn sie mit ihren bloßen Gedanken die Zeit zerschlagen hätte, bis sie brach, und sich in wackligen, immer wieder kippenden Blöcken neu anordnete um sie herum. Als Tag und Nacht über ihr zusammengeschwappt waren, hatte sie sich nicht gewehrt. Als alles neu begonnen hatte mit einem ewigen Jetzt, hatte sie es freudig aufgenommen. Hätte sie es wissen müssen? Hätte sie doch misstrauen sollen? Alles, was einfach ist, fordert seinen Preis.

 

Der Traum diese Nacht schlug ein tiefes Loch in ihre Seele. Angewinkelt saß sie auf der Bank hinter dem Haus, der Himmel dräute, lila Wolken bröckelten wie

Hinter den Dingen, dem Zwischenreich der Nacht, lag schon alles da: in seine Fraktale zerlegt, noch nicht passiert, was sich doch ereignen würde. Sie begann mit grimmiger Zufriedenheit zu ahnen, dass das nicht gut ausgehen würde. Als hätte sie es immer schon gewusst. Als hätte sie sich nicht überzeugen lassen! Ein Sturm, nur von der Zeit zurückgehalten, die immer durchlässiger wurde. Das Loch, das schon alles verschlungen hatte, wollte sie weiter aufreißen, weg der Pferdewagen, weg der Mann, weg das, was sie mit ihm verbunden hatte. Sie wollte nach ihm suchen. Sie würde nicht klein beigeben, bis sie sich selbst davon überzeugt hätte, dass dies das Ende war.

 

An alles hatte sie sich erinnern wollen. An seinen Körper, ihn ganz stark anschauen, dass ihr nichts verloren ging. Sie hatte sich Momente machen wollen, die sie mitnehmen konnte – die sie würde hinüberretten können über die Zeit, die auf verschlungenen Wegen zu vergehen pflegte. Wer konnte wissen, wie lange alles

 

Sogar der Pudel ließ sie sitzen. Die heftige Scham, die sie befiel: der letzte Depp zu sein, sogar im Traum zu warten. Mit hängenden Schultern ging sie ins Haus, ihr Körper war, als ob er knirschte. Schritt für Schritt winkelte sie sich die Treppe hinauf, stieß überall an, mit ungeheurem Lärm knarzte das Holz unter ihren Tritten, an ihren rostig-harten Ellenbögen. Sie schob sich ins Zimmer. Wenn man doch nur durch all das schon durchgegangen wäre. Gerade wie ein Lineal fiel sie in sich hinein.