Beim Frühstück sprach sie mit Charona.
Entschuldigung, sagte sie, dann lauter, damit es die Alte nicht überhören konnte: Entschuldigung!
Charona wandte sich zu ihr um, einen Teller in der Hand, gerade war sie im Begriff gewesen, den Tisch abzuräumen: Ja, sagte sie, was wollen Sie denn.
Lima hielt die leere Tasse fest zwischen beiden Händen, schaute in den letzten Rest Kaffee hinein, als sie sprach: Kennen Sie einen Michael? Er ist wohl so alt wie ich, vielleicht ein paar Jahre jünger … Sie drehte ihre Tasse, hob den Blick zu der Alten. Er hat ein Pferd …
Charona betrachtete sie und sagte: Kenne ich nicht.
Lima setzte die Tasse ab, legte die Hände, als würden sie ihr nicht gehören, auf den Tisch: Gibt es keinen Michael aus dem Dorf oder vielleicht aus einem Nachbarort … der Heu mäht …?
Die Alte zuckte mit den schmalen Schultern: Ich kenne keinen.
Dann ging sie davon.
Lima hatten ihre eigenen Sätze geschmerzt, als hätte man ihr das Fleisch in Streifen abgezogen. Sie griff sich ins Gesicht und drückte auf die Augen. Die Luft wacklig in ihrer Kehle. Nein, jetzt nicht. Nicht diese Blöße. Nicht so.
Waldbrände im östlichen Österreich, sich ausbreitend, Löschhubschrauber. Die Alte hatte den Fernseher laut gedreht. Erstaunliche Größe dieses Feuers, Jahrhundertfeuer, epische Dürre, Jahrhundertflammen, Flammenwand. Lima stand da und sah es lodern, blickte über den Sitz der Alten hinweg, ein Leuchten, das über den Bildschirm hinauszuwachsen drohte.
Entschuldigung, sagte sie und dann ein Schreien: Entschuldigung!
Die Alte drehte sich um, der Fernseher verstummte. Sie war verdutzt, Lima sah ihren Dutt, ihre Augen, ihr Gesicht neben der Lehne erscheinen, als sie sich mühsam umwandte. Lima betrat den Raum, ging um den Ohrensessel herum, sah ihre Füße, die nicht ganz bis zum Boden reichten, die Katzenpantoffeln auf einem kleinen Holzschemel, eine graubraune Filzdecke auf den Knien. Lima war bis zum Äußersten gegangen. Es musste sein.
Sie stand nun vor der Alten in ihrem dunklen Refugium. Das Licht zeichnete zuckende Schatten in ihr Gesicht. Bebend änderte sich seine Farbe, mal roter Widerschein, mal gelbes Blitzen in Limas Rücken. Charona hatte sich gefasst, sah sie aus schmalen Augen an. Es wirkte, als sei sie mit diesem Stuhl verwachsen. Von hier aus überblickte sie den ganzen Gram der Welt.
Hören Sie, sagte Lima, ich habe ihn getroffen, wir haben uns ein paarmal gesehen, und jetzt ist er weg –
Charona unterbrach sie: Das soll vorkommen, ja. Und.
Lima holte Luft. So hören Sie mir doch zu, sagte sie, ich will nur wissen, ob es –
Gut, sagte Charona, es gibt ein paar Burschen unten im Dorf mit Namen Michael. Aber das sind noch halbe Kinder, die fahren mit ihren Mopeds durch die Gegend und haben keine Pferde. Sie musterte Lima von oben bis unten, und nach einer Pause, die etwas zu lange gedauert hatte: Da werden Sie doch nicht, in Ihrem Alter –
Lima drehte sich um und ging. Sie hätte schreien mögen. Was sollte das heißen, Sie in Ihrem Alter? Nein, keine Burschen aus dem Dorf, nur einen Burschen aus der Zeit. Und wenn sie sich alles eingebildet hatte? Wenn sie so blöd gewesen war? Sie hatte sich doch absichtlich verarschen lassen!
Waldbrände, ungeahnte Ausmaße, ein Hilferuf der Feuerwehr, sie stieg die Treppe zum Zimmer Tanne hinauf. Was für wichtige Informationen! Mit Wuttränen in den Augen trat sie ihre Schuhe in die Ecke. Alles Schweine, und dann konnte man ihnen nicht einmal böse sein, weil man sie einfach für Idioten halten musste. Für arme Irre. Man betrachtete ihr Kommen und ihr plötzliches Verschwinden im eigenen Leben, man schloss auf eine akute emotionale Unfähigkeit, auf eine prinzipielle Unzulänglichkeit, die in einem unvollständigen und des Ausbaus bedürftigen Wesen begründet lag. Lima warf sich aufs Bett. Es sollte keine Ausflüchte geben. Er hatte einfach nicht mehr wollen. Kein Wort, keine Andeutung, nicht ein einziger Hinweis. Wie einem Unzurechnungsfähigen böse sein? Sie die einzig Erwachsene in diesem großen Kindergarten.
Sie schlug mit den Fäusten auf die Matratze. Sie dachte: Wenn die Männer wüssten, wie wir über sie reden! Wie über Bürden, die wir uns in einem akuten selbstzerstörerischen Drang aufhalsen. Ein schöner, absolut pflegebedürftiger Hund, ein Prachtkerl von einem Hund, der sauteures Futter braucht und andauernd Friseurbesuche. Sich wieder einen Mann eingefangen. Die Freundinnen nicken mit mitleidigem Interesse. Wie man überhaupt dazu gekommen war? Saß einem monatelang schwer auf der Seele. Und wieder war er in einem unbeobachteten Moment entlaufen. Lima rollte sich in der Decke ein, so fest, dass sie kaum Luft bekam. Suchtrupp und lauter Hürden im Gemüt. Man hatte den Hund liebgewonnen trotz seiner Nutzlosigkeit, und jetzt war er weg. Wie er sich zurechtfinden würde in der Welt? Bald würde ihn ein Auto überfahren. Mit seinem Weitblick musste er doch an der nächsten Kreuzung scheitern. Sie dachte: Was für ein teures, was für ein stupides, was für ein sinnlos beliebtes Hobby! Und weil man doch auf das Gute hoffte, legte man sich bald den Nächsten zu. Der freundlich hechelte und dann ebenfalls entlief.
Sie lag da, das Zimmer presste auf sie ein. Wo war dieser Jesus, wenn man ihn brauchte? Der schwere Nachmittag würgte sie durchs Fenster, die Holzvertäfelung schloss sich mit sachtem Knarzen über ihr, um sie herum die Tuchent heiß und drückend. Plötzlich hielt sie es nicht mehr aus. Sie sprang auf, in die erdenbraun staubigen Sandalen, das Wasser ließ sie da, nichts nahm sie mit. Die Tür unverschlossen, sie machte sich keine Mühe, nur die Treppe hinunter, nur aus dem Haus.
Kobaltblau der Himmel. Es roch nach Feuer, sie meinte, über den fernen Hügeln Rauch zu sehen. Fingergleich zogen sich dünne graue Schwaden in alle Richtungen. Sie konnte sich auch täuschen. Wenn doch nur ein Regen hervorkommen würde aus diesen Wolken, wenn man doch neu anfangen könnte, wenn sich etwas öffnete und alles, was schlecht war, fraß.
Alles war ihr egal – das Einzige, worauf sie sich mit sich selbst einigen konnte, war, dass sie diesen Mann wollte. Endlich einmal, wie oft will man schon einen Mann? Manchmal hatte sie sich einen genommen wie ein überzähliges Dessert, aber dass sie einmal wirklich Hunger hatte auf einen … Sie war dankbar gewesen für diese Klarheit, in dieser Sache Klarheit. Alles ein einziges Zausen und Tosen in der Welt, selbst die kürzesten Fäden fünfmal verknotet, unauflösbar ineinander verflochten, nichts, das verständlich schien, ein Höllentempo, mit dem sogar der Stillstand über sie hinweggerauscht war. Aber in dieser einen Hinsicht alles klar. Als sie ihn noch nicht einmal berührt hatte, hatte sie schon gewusst, dass es gut sein würde. Wie fremd diese Eindeutigkeit war und wie schnell man sich doch daran gewöhnte. Was für eine außergewöhnliche, äußerst gewöhnliche Fähigkeit. Von Mensch zu Mensch, von Tier zu Tier. Ihn sehen und alles wissen. Sie wollte sich daran erinnern, wollte verstehen, woher sie kam. Woher man dieses Wissen nimmt. Vom Auge direkt in den Uterus. Was für ein Genuss, etwas wollen zu können in einer Welt, in der alles möglich war und nichts. In der immer so viel passierte und nie das Richtige. Was für ein Geschenk, was für eine Gnade. Etwas, das wirklich schien.
Sie stieg bergan in den Wald, es lag eine fremde Stille darin. Alles wartete. Die Tiere, wenn sie noch da waren, schwiegen auf eine Weise, die ihr hätte Angst machen sollen. Sie ging darüber hinweg. Als würden sie fliehen wollen, als wären sie in der Flucht erstarrt, standen die Bäume da. Immer nur etwas erleiden müssen, auf alles warten, was mit ihnen geschah. Sie konnten nur geschehen lassen; was sie betraf, stieß ihnen zu. Wenn es nicht mehr anders ging, dann stürzten sie mit einem dumpfen Krachen um.
Was hatte sie sich eingebildet? Wieso hatte sie geglaubt, das Leben aushalten zu können? Sie hatte sich eingliedern wollen in die Natur, und nun fraß die Natur sie auf. Lima setzte sich mitten im Wald auf den Boden, zog die Beine an und ließ sie auseinanderfallen, saß da wie ein kleiner Bär. Nur ihre Fußsohlen berührten sich. Sie war nicht gemacht für all das, was sie nun fühlte. Es würde ihr die Seele zerreißen, in weißflockenden Aschestaub würde sie sich auflösen, zum Himmel stieben, sich, ohne Schlieren zu hinterlassen, über der Landschaft verteilen. Würde ihr die Seele aus den Augen herausdampfen. Wie das die anderen Frauen machten? Welche Härte sie sich hatten zulegen müssen. Wie sie nicht alle starben, augenblicklich und sofort.
Lima erhob sich, Staubschatten auf ihren Gliedmaßen. Sie stand da und legte den Kopf in den Nacken. Brandiger Geruch floss zu ihr herunter, die großen Äste hatten sich sanft zu biegen begonnen, ein Wind war aufgekommen. Lima ging den Berg hinunter, der Boden rutschig vor Trockenheit. Sie blieb stehen. Welche Häresie! Sie stampfte auf mit dem Fuß, eine solche Verletzung, sie war stolz, oh, wenn er nur wüsste, wie groß sie war! Sie fluchte, und niemand hörte sie. Sie schüttelte ihre Fäuste, und der Wald wich nicht zurück.
Lima betrat das Haus. Da stand Charona vornübergebeugt, zu ihren Füßen trippelte der Pudel. Sie streichelte ihm übers Fell.
Na komm, sagte sie.
Das Hündchen sprang auf und ab, versuchte, die Finger der Alten abzuschlecken, drehte in höchster Ekstase die Pupillen zum Himmel hinauf. Lima schob sich an den beiden vorbei, wich dem tänzelnden Hündchen aus.
Der Hund ist mir hier noch nie aufgefallen, sagte sie bitter. Sie sprach aus der Dunkelheit des Stiegenhauses: Wie heißt er denn?
Net er, erwiderte die Alte und warf ihr einen kurzen Blick zu, das ist ein Hundsweiwerl. Die Luzi ist das. Gö, Mauserl, ja. Ist das gut.
Seinen weißen Bauch darbietend, ließ das Tier sich kraulen. Lima schien, dass da ein Blitzen in seinen kleinen Äuglein lag, das einem Hund nicht zustand. Ein hämisches Stampfen mit den Pfötchen. Ein keckes Hin-und-her-Winden des felligen Leibes. Sie betrachtete dieses entwürdigende Schauspiel und sagte nichts.
Lima wollte eben hinauf verschwinden, da sagte die Alte hinter ihr: Sie haben gehört von diesem Feuer.
Lima blieb stehen, sie zuckte mit den Schultern. Auf den Fernseher deutend: Ich konnte nicht umhin.
Der Pudel kläffte, Charona sah sie einen Moment lang an. Dann sah Lima zum ersten Mal so etwas wie ein Lächeln auf ihrem Mund: Wie Sie meinen. Passen Sie auf sich auf. Und, sich wieder dem Hund zuwendend: Bald ist es da.