Lima ging in ihr Zimmer und wartete auf die Nacht.

 

Hätte es länger dauern, hätte es sich in immer neue Wunden schlagenden Faltungen entwickeln sollen? Langsam sickern, das graduelle Verständnis eines endgültigen Verlusts? Hätte sie es vor sich selbst länger geheim halten sollen? Lima hatte die Erkenntnis nicht abwenden können. Sie war vollständig und in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit vor ihr gestanden. War über sie hereingebrochen, die Schwerkraft zugelassen, nichts aufgehalten, alles aufgegeben. Sie hatte es ernst gemeint mit dem Loslassen. Sich an die letzten Reste klammern, die ihr ohnehin entgleiten würden. Das hatte sie nicht nötig. Wie im Fallen alle Möglichkeiten an ihr vorbeizogen, immer kleiner wurden. Nicht einmal versuchsweise streckte sie die Hand danach aus.

 

 

Es wurde finster um sie herum. Sie war am Herzen der Dinge angelangt. Der Kern war geborsten, heraus quoll heißes Gestein, das alles zum Erstarren brachte. Vor ihrem Fenster ein Sturm, sie öffnete beide Flügel, sie konnte sich kaum halten in diesem Drängen. Ein Wind, der aus der Hölle blies. Sie hielt die Augen offen, rotes Glosen über den Wipfeln. Sie hörte es, das Feuer bohrte sich in die Dunkelheit hinein. Lima dachte an ihre Ankunft. Alles, was sie erhofft hatte, war eingetreten. Alles, was schön war, forderte seinen Tribut. Welchen Tod schon alles atmete. Welches Ende dem Himmel eingemeißelt war.

 

Als sie das Haus verließ, ging sie an dem Pudel vorbei. Sie betrachtete das Tier mit kalten Augen. Luzi, sagte sie, sitz. Du sollst mich auf diesem Weg nicht begleiten.

 

Was alles nicht mehr da war: die Welt. Eine Wirklichkeit. Lima war barfuß, ein Hemd, das lose um ihre Schultern hing. Ohne zu zögern, ging sie in den Wald hinein, der um sie herum von zarten Vibrationen erfüllt war. Es war eine andere Kraft in die Dinge gefahren, ein Nach-Leben, das sie erfasste, nachdem sie schon gestorben waren. Aus jedem Baum troff nun das Harz, es roch nussig, Rauch und Tannennadeldämpfe fuhren ihr in die Nase. Sie spürte etwas Großes, das sie mit einschloss. Es gab ein Zurück, aber dahin wollte sie nicht mehr. Sie würde sich langweilen in einem Leben.

 

Lima stieg höher, viel weiter hinauf, als sie es bis jetzt geschafft hatte. Sie hörte es, das Zischen, das Knacken, ein weiter, gleichmäßiger Ton. Lima fand eine kleine Kuhle. Das Moos, das einmal saftig und grün gewesen sein musste, knisterte unter ihren Füßen. Sie ließ sich nieder, legte sich hin.

 

So sollte ihre Geschichte enden. Sie würde dieses Ende bestimmen, das ließ sie sich nicht nehmen. Glutsamt,

 

Ein Aufbegehren, Feuergestalten, die jede Sekunde entstanden und vergingen. Ein ungleichmäßiger Rhythmus, ein Pulsieren der ganzen Welt. So viel Schönes, so viele Enttäuschungen. Ist es das alles wert gewesen, dachte sie, und habe ich am Ende doch etwas verstanden?

 

Was für endloses Empfinden.

 

Dann schlief sie ein.