Der Weg wand sich nach links, dort oben sah sie das zweistöckige Haus mit den ruinösen Holzbalkonen stehen. Kein einziges Auto in der letzten halben Stunde, noch immer nicht, vielleicht war es schon zu spät für Autos oder für Menschen ganz allgemein. Sie hatte sich diese Pension ausgesucht, weil es sie schon lange gab. Auf seine Weise ein schönes Haus. Diese Balkone, eine gewisse Verwunschenheit, die das dunkle Holz verströmte, hoch aufragende Tannen ein wenig zu knapp vor den Fenstern. Aber eigentlich war es die Jahreszahl über der Tür gewesen, die den Ausschlag gegeben hatte. 1862 – mit Google Street View gesehen, und schon am Bildschirm war sie seltsam berührt gewesen. Die alte Frau, die die Pension führte, hatte sich am Telefon so angehört, als müsse sie über das gesamte Jahrhundert hinüberschreien. Gleichzeitig laut und heiser, ein verwegenes Lärmen, das den älteren Damen mehr zustand als den jüngeren. Wahrscheinlich hatte sie bloß versucht, ihre eigene Schwerhörigkeit wegzuplärren. Nur bar, hatte die Alte in größtmöglicher Lautstärke ins Telefon gekrächzt, sie hatte auf der anderen Seite stumm genickt, und nach einem heiser gebrüllten Bitte? hatte sie sich gezwungen gesehen, Ja zurückzuschreien.
Ob sie wirklich eine Pause brauchte? Nein, sie brauchte keine Pause. Die Welt machte keine Pausen. Es war nicht die Intensität der Welt, die sie schmerzte, oder die schiere Menge von allem. Es war das Ende der Welt, das sich zwar noch unscharf, aber doch immer deutlicher hinter allem abzubilden schien. Wenn man es so aussprach, in einem normalen, alltäglichen Gespräch, das Ende der Welt, dann lachten sie einen aus. Da gab es aber nichts zu lachen. Alle spürten es doch, es war doch vollkommen klar. Nur die Worte mussten sich noch zurückhalten. Aber Worte, die ohne Grund zurückhaltend waren, hatten sie noch nie interessiert. Worte, die sich vor dem zu Sagenden in Demut verbeugten und dabei umso deutlicher bezeichneten, ja. Aber Worte, die Dinge voller Angst umschifften, die sich ihnen nicht zu nähern getrauten, weil sie tatsächlich glaubten, das Wort injiziere die Dinge erst in die Welt, jede unbedachte Bemerkung eine selbsterfüllende Prophezeiung. Die sich derart hart überschätzten und damit an sich selbst scheiterten. Nein. Solche Worte nicht.
Meistens gab es Worte, die zu viel wollten oder das Falsche, oder es gab zu wenige Worte. Die richtige Dosis von Worten nannte man Literatur. Davon gab es wenig. Es war eine hohe Kunst, die Menschen mit den Worten nicht zu vergiften oder sie verhungern zu lassen an der ausgestreckten Hand, sie zu unter-füttern, ihnen den Stoff zum Denken zu nehmen oder sie so darunter zu begraben, dass sie ganz dumm wurden. Sie mochte Literatur, weil sie ernsthaft bestrebt war, der Welt die richtige Menge an Worten und gleichzeitig die richtige Art von Worten zukommen zu lassen. Vielleicht beschäftigte sie sich mit Literatur, weil sie Rezepte, Anleitungen, Lösungen erkennen wollte. Das gelang ihr aber nicht. Nicht im Wesentlichen: Sie konnte sich nur vor dem jeweiligen Werk verneigen, das sie untersuchte, und hätte nicht sagen können, wie ein Werk, das all das in der Vergangenheit bewerkstelligt hatte, in der Gegenwart aussehen würde. Aber genau so ein Werk brauchte es jetzt, oder vielmehr Werke, vielmehr Worte und Wortarrangements für diese Welt hier. Aber an diesem Punkt wurde es kompliziert.
Sie zog den Koffer die letzten Meter zur Haustüre hinter sich her. Jetzt Erde, die Räder gruben sich in den moosigen Grund, halb versunkene Steinplatten auf dem Weg mit zentimeterbreiten Erdfurchen dazwischen. Das verhaltene Blauschimmern eines Fernsehers aus dem Raum im Erdgeschoss, wahrscheinlich Wohnzimmer, vielleicht Aufenthaltsraum für die Gäste. Keine Stufen vor dem Eingang. Sie hob den Kopf. 1862 schaute schief auf sie hinunter. Die 2 schön geschwungen, am Ende eine kleine kühne Schleife ins Nichts. Das geborstene Holz, die wegstehenden graubraunen Späne. Sie holte aus und schlug dreimal kräftig gegen die Tür.
Als die Alte öffnete, glaubte sie, sie starre rückwärts durch die Jahre zurück in eine Zeit der Dutts, der beengten schwarzen Baumwollkleider mit hohen Krägen, der sittsam gefalteten Hände, der ewigen dunkelschweren Jesusse an der Wand, die mit gesenkten Lidern auf die halb abgebrannten Osterkerzen zu ihren Füßen blickten. Hinter der Alten zuckte das blaue Leuchten an den Wänden, ein schummriges Haus, ein übermenschliches Blitzen. Die Frau trat aus der Finsternis auf sie zu, ein kurzes Flackern ging ihr durchs Herz, nicht mehr als eine Anwandlung. Auf den zweiten Blick sah sie statt des krinolinehaften Kleides einen dunklen Hausanzug mit ausgeleiertem Rollkragenpullover, der über dem schmalen Körper Wellen schlug, eine in grauschwarzem Leopardenmuster gehaltene Fleeceweste, augenscheinlich neue Polyesterpantoffeln mit aufgestickten Kätzchen, die ihre Augen aufrissen, als hätten sie eine grausame Bluttat mit angesehen. Sie blinzelte. Der erste Schauer war geblieben und sollte bleiben, ein zartes Gewürz auf allen Dingen hier. Besorgnis, nicht mehr als ein sachtes Zirpen im Hintergrund. Die Frau stand in der Türe, warf einen Blick hinauf zum dunkelnden Himmel hinter ihr, dem späten Gast, was sie veranlasste, sich selbst umzudrehen und zurückzuschauen.
Weinhager, krächzte die Frau, es war keine Frage, es war die Feststellung eines Umstandes, der ihr nicht zu gefallen schien. Sie sind zu spät.
Sie wandte den Blick wieder der Alten zu, der schöne Himmel mit den verblassenden Zuckerwolken noch in ihrem Kopf. Sie war zu spät?
Also sind Sie die Frau Weinhager. Oder nicht, sagte die Alte. Sie führte keine Fragezeichen im Repertoire.
Ja, sagte sie und zog den Koffer etwas näher zu sich heran, ich bin die Frau –
Gut, unterbrach sie die Alte, dann kommen Sie herein.
Sie wollte den Wald. Sie wollte die Ruhe. Sie hatte sich in eine Welt hineingeträumt, der die jeweils nächste Katastrophe noch bevorstand, die ihr als Leserin aber schon bekannt war, in der sie mehr wusste als die Menschen, die durch die Geschichten wuselten. Das war beruhigend: Das Schreckliche zwar als kommend lesen, aber vergangen wissen. War es nicht ähnlich gewesen wie heute? Wien der Nabel der empfundenen Welt, die toten Fiakerpferde unangenehme Nebenerscheinungen von Feiern und Geschäftigkeit, die schwingenden Kleider von Näherinnen an der Kreuzung, die forsch adjustierten Schiebermützen der Zeitungsjungen, die auf der anderen Straßenseite im Gewühl verschwanden. Menschen, die in Weingärten vögelten, auf der Praterallee vögelten, in abgetrennten Hinterzimmern vögelten. Krachen, Scheppern. Gestank. Immer alles haben, in moderaten Mengen, für die meisten eigentlich schön, eigentlich ruhig. Den Ruin ahnen, aber noch nicht spüren. Wissen, dass etwas kommt, obwohl sich der Körper noch in Sicherheit wiegt, der Körper sich mit sich selbst betrügt. Das Lauernde hinter dem absolut Harmlosen, der Inbegriff von Horror.
Wann hatte dieses Wissen um die noch unbekannte Katastrophe eingesetzt? Sie stellte sich nicht die Frage, wie sie es schon so oft getan hatte, ob die Katastrophe hätte abgewendet werden können. Sie hatte zu ahnen begonnen, dass das nicht mehr die relevante Frage war. Sondern ab wann die Katastrophe, wie auch immer sie dann beschaffen wäre, am Horizont als konturloses Faktum aufgetaucht war. Sie dachte an Wien im Jahre 1913. War nicht irgendwo Weltausstellung gewesen? Sie hatte gehört, dass nach diesem und jenem Maßstab die Welt sogar globalisierter gewesen war als unsere. Menschen reisten, Waren gingen um den Globus, Bohemiens bohemierten, der Himmel über allem war blau und wolkenlos. Unbesiegbarer Eroberungsgeist, Triumph des Fortschritts, alles Eisen und in klebrigen Wolken aufsteigender Ruß. Die Landschaft von Lokomotiven und mühsam voranrumpelnden Automobilen zerschnitten, eine warme Zukunft, eine große Fläche vielversprechenden Jahrhunderts. Ein schönes, ein wohlgeordnetes Bild, an dem doch irgendetwas nicht stimmte. Finde den Fehler. Und dann das. Dann was? Das Gefühl zwischen der Ahnung und dem Ereignis. Eine Ratte im Unterholz, das Einrieseln von Angst, obwohl doch alles friedlich scheint, tumb starrende Augen, ein kurzes Zittern im widergespiegelten Licht. Die Sekunde, bevor das Raubtier zupackt. Sie dachte an den Tiger im Dschungel, an den Krieg, daran, dass sie jetzt im Dschungel war. Panther in Katzenpantoffeln, Dickicht zwischen den Tannen. Der Untergang ist naturgemäß ein Prozess. Etwas kommt in Bewegung, löst sich, beginnt zu bröckeln. Wie den Untergang fassen, wenn man nicht weiß, wohin alles entgleitet? Bewegung überall. Richtig schön ist er erst zu beschreiben, wenn alles schon in Trümmern liegt. Doch wofür dann? Vielleicht nur spüren, dass etwas im Rutschen ist. Annehmen, dass es bergab geht, weil wir nicht optimistisch sind. Weil wir an die Schwerkraft glauben.
Als sie den Fuß auf die Schwelle setzte, dachte sie an den Pudel. Sie war der Pudel. Nein, falsch herum. Sie stieg in den Pudel, trat ihm in den Bauch. An ihrem Kern nur Wasser. Dennoch, ein Schritt, Sandalen auf dem abgetragenen Holz. Fast wäre sie gestolpert. Mit einem Ruck hoppelte der Koffer hinter ihr über die Schwelle. Hätte Sie etwas fühlen sollen? Nichts fühlte sie. Sie war zu spät.
Sie bleiben lange, sagte die Alte, wieder kein Fragezeichen. Sie sprach zu laut wie schon am Telefon. Da gehen Sie hinauf, es ist das Zimmer links. Hier haben Sie den Schlüssel. Ihr Finger tippte auf ein kleines Brettchen neben dem Eingang. Sie werden alleine sein, sagte die Alte.
Mit den Augen folgte sie der engen Holztreppe hinauf, oben die Ahnung eines Ganges, der quer verlief, die Ahnung einer Zimmertür.
Sie werden alleine sein, wiederholte die Alte, und jetzt verstand sie, dass es sich um eine Frage handelte.
Sie blickte zu Boden. Folter, eine urzeitalte Methode. Sie auch noch wiederholen zu lassen.
Ich werde alleine sein.
Die Alte nickte. Frühstück ist um acht, sagte sie, zu laut in diesem dumpfen Raum. Dann wandte sie sich wieder ab, schlurfte zum Fernseher. Die Katzen auf ihren Schuhen trugen Verzweiflung im Blick, während sie die Füße über den Boden zog. Die Alte ließ sich in ihrem Fernsehsessel nieder und drückte eine Taste, woraufhin der Nachrichtensprecher in ohrenbetäubender Lautstärke den Vollzug eines nordkoreanischen Raketentests verkündete.
Sie sah die Frau schon nicht mehr, nur die Konturen des kleinen Dutts, der über die Sessellehne aufragte, während jenseits davon eine Rakete von nicht definierbarer Größe in hohem Bogen über den Bildschirm glitt. Das Bild der mit den Augen schreienden Pantoffelkatzen blieb ihr im Kopf. Sie wollte die Frau Charona nennen, die eine unsichtbare Grenze Bewachende. Kein Pudel, sondern Katzen, große und kleine Katzen. Und: Was sein muss, muss sein. Sie griff zum Schlüssel, ertastete den Gummiring an dem dicken goldenen Anhänger, der ihr die nächsten Wochen über schwer in der Tasche liegen würde. Keine Zimmernummer. Kaum dass sie überhaupt etwas erkennen konnte. Mit dem Finger fuhr sie über die Gravur. Ihres war das Zimmer Tanne.
Bei der Publikation ihrer letzten Arbeit war sie et al. gewesen. Sie hasste es, aber es war nicht zu ändern, zumindest jetzt noch nicht. Es ging um die Darstellung der Sexualität bei Schnitzler. Weder hatte sie als Erste darüber geschrieben, noch würde sie die Letzte sein. Schnitzler habe den Sex verstanden, hatte es in dem Paper geheißen. Das kam nicht von ihr. So ein schmerzhaft dummer Satz konnte nur von einem Mann stammen. Den Sex verstanden, auf ewige Zeiten – was das überhaupt bedeutete. Irgendwas daran musste Schnitzler wohl verstanden haben, aber ob verstehen überhaupt die richtige Kategorie war, wagte sie zu bezweifeln. Die Menschen wollten Sex, andauernd wollten sie Sex, und wenn sie drauf und dran waren, ihn zu bekommen, dann schraken sie davor zurück. Sex war gut in der Theorie, dort war er sicher und gleichzeitig aufregend, man konnte sich etwas trauen, konnte die Ereignisse so lange ordnen, bis sie zusammenpassten. Die Praxis schrumpfte davor zusammen, es gab mehr Fragezeichen als Lust. Und danach …
Was eigentlich geschehen war? In dem Paper zitierten et al. die Aussage, Schnitzler habe besonders realitätsnah geschrieben. Hat er das? Die Menschen wollten in Ruhe gelassen werden. Nein, sie wollten animiert und dann in Ruhe gelassen werden. Sie wollten alles gleichzeitig, das eine und sein Gegenteil. Sie dachte sich: Vielleicht hat Schnitzler einfach die ultimative Verwirrung beschrieben. Er hat den Sex genauso wenig verstanden wie eine Fliege das Fensterglas. Ob er wollte oder nicht, er war einfach immer wieder darauf gestoßen.
Sie schleppte den Koffer die knarrenden Stiegen hinauf, wieso war er so schwer? Kein einziges Buch hatte sie hineingetan, sie hatte Wert darauf gelegt, dass sie ganz ohne reiste. Keine Buchstaben hier, sie wollte das Einfache, das Echte, und das schien ihr immer weniger mit Buchstaben zu tun zu haben. Außerdem war sie süchtig, sie war umzingelt, sie war eingelegt in Worte, sie musste sich lossagen von diesen Textketten, von diesen Satzwällen, immer lesen, lesen, lesen, das konnte ja zu nichts führen. Das Leben in den Büchern suchen, und während sie danach suchte, versteckte es sich immer besser darin. Wer was wie verstanden hatte. Sie dachte an Hume und an den Brief, den er einem Arzt schrieb, an die Behandlung, die er sich darin mehr oder weniger selbst verordnet hatte. Herunter vom Bücherregal und hinauf aufs Pferd, ein junger Mann wie Sie braucht Bewegung, gehen Sie hinaus in die Natur und bewegen Sie sich dort gefälligst! Sie mit Ihrer Anämie und Ihren blassen Augen, was wollen Sie überhaupt mit der Philosophie, worüber wollen Sie denn philosophieren, wenn Sie aufgedunsen und gallig vor Ihren Büchern hocken? Dass Hume die Natur überhaupt ausgehalten hatte, war ihm hoch anzurechnen. Dass er nicht wie ein Stein vom Pferd gefallen war. Schon wieder ein Pferd. Ein Stein, ein toter Hume. Sie stellte sich Hume vor, reitend, er trug eine samtene Mütze, während sein Gaul unlustig über die schottische Hochebene trottete. Wie er schon wieder insgeheim ans Schreiben dachte.
Sie dachte: Eine junge Frau wie Sie braucht Bewegung. Brauchte sie Bewegung? War sie denn noch eine junge Frau? Welche Bewegung denn? Die Medien waren schnell, gute und schlechte Bewegung für die Frau, zu viel, zu wenig, eine potenzielle Schädigung des Beckenbodens ist auf jeden Fall zu vermeiden – und überhaupt: aufpassen mit dem Klettern. Sie hatte eine tiefe, eine animalische Abneigung gegen Yoga, nichts machte sie so aggressiv, wie einzuatmen. Diese kleinen perversen Kissen, die sehnigen Frauen mit ihren tiefen Atemzügen, die Zehen auf anrüchige Weise gespreizt, sodass sie das Knacken förmlich sehen konnte. Diese Zehen machten sie auch aggressiv. Sie ging gerne wandern, sämtliche Stadtwanderwege hatte sie durch, nur der zwölfte fehlte noch. Und Nummer 4a, aber der war ein Mysterium. Vor ein paar Jahren hatte sie eine Fitnesscentermitgliedschaft gelöst, seitdem ging sie ein paarmal pro Monat hin und hantierte an den Maschinen. Das war noch erträglich. Man ließ sie in Ruhe. Niemand ermahnte sie dort einzuatmen.
Sie schlug die Zahnbürste samt Halterung gegen den Spiegel, dann grinste sie sich selber an. Ihre Zahnbürste hielt mit einem Saugnapf auf glatten Oberflächen. Ein kleines Aufwallen von Freude, als sie das ploppende Geräusch hörte und die Bürste dort hängen sah – nun war es real. Sie war wirklich angekommen; et al. over and out, zwei Wochen Urlaub, die ganze Uni mit ihren schwächlichen Wissenschaftsmachos, die sich nicht einmal zu einer wirklichen Intrige durchringen konnten – all das sollte ihr gestohlen bleiben.
Das Licht im Badezimmer dottergelb und schwach, die Fliesen das ubiquitäre Braun der Achtzigerjahre, bräunlich umrandete Gänseblümchen, hellbraune Wände, ein dunkelbrauner Fliesenboden. Die Handtücher ein vages Beige, sogar das Porzellan des Waschbeckens war braun. Über die Gründe für diese Farbwahl dachte sie nicht nach. Sie hatte das Fenster aufgemacht, um die Abendluft hereinzulassen. Ihr Zimmer war klein, aber gemütlich. Solche Zimmer kannte sie seit ihrer Kindheit, die geschwungenen Messingtürschnallen, die Wasserhähne mit den bräunlichen Plexiglasknöpfen, der staubige Häkelvorhang, das Stillleben eines weinenden Jagdhundes vor aufgebrochenen Kürbissen neben der Badezimmertür. Seltsamerweise kein Kreuz im Zimmer, kein Jesus in der Ecke. An der holzvertäfelten Wand stand ein Einzelbett, das kleine Tischchen daneben kaum groß genug für ein Notizbuch. Die Schreibtischlampe blendete immer, egal in welche Position man sie drehte. Im Zimmer gab es einen Kasten und vor allem einen Kühlschrank, worauf sie größten Wert gelegt hatte. Der Kühlschrank gab ein überirdisches Summen von sich, das periodenweise lauter und leiser wurde. Er war klein, aber er funktionierte. An der anderen Längsseite stand ein zweisitziges Sofa, auf das sie sich nun fallen ließ. Wenn sie die Beine ausstreckte, konnte sie sie aufs Bett legen.
Sie blickte aus dem Fenster, der Himmel hatte eine zufriedene abendblaue Farbe angenommen. Das Wolkengleißen hatte aufgehört, alles ging in Richtung Nacht. Abendgeräusche vor dem Haus. Der viel zu weiche Schaumstoff verschlang sie, selbstverständlich war der Sofaüberzug braun. Sie seufzte, nahm einen der beiden Polster mit Blumenaufdruck und grub die Beine in die Tuchent auf dem Bett gegenüber. Sie fühlte sich tatsächlich wohl.
Einmal hatte sie einen Mann gehabt, sie wusste gar nicht mehr, wie das zugegangen war. Er war Spanier gewesen und auf Durchreise, sie hatten einander zwei Wochen lang gesehen, und danach hatte sie nie wieder etwas von ihm gehört. Er war klein gewesen, aber voller Energie, was sie gemocht hatte. Sie konnte sich erinnern, wie alles immer größer geworden war in ihr drinnen, wenn sie ihn gesehen hatte. Sie konnte Gefühle gar nicht abwenden, es war doch so etwas Natürliches gewesen, sie kommen zu lassen – wie mit jemandem schlafen und ihn nicht liebhaben dürfen? Sie war am Boden zerstört gewesen, als er nicht mehr geantwortet hatte. Diese Stille, Grabesstille, und sie gehalten von Fäden, die sie nicht selbst geknüpft hatte. Sie war sehr jung gewesen. Das hatte nichts besser gemacht, in keiner Hinsicht.
Sie spürte, dass sie schlief. Das war sehr selten, zu träumen und zu wissen, dass man das tut – sie trug ein schönes, eng tailliertes Kleid in zart schimmerndem Grau, auf ihrem Hut war eine Straußenfeder. Sie ging in sengender Hitze über den Ring, es war heiß, unglaublich heiß. Sie wünschte, dass sie sich alle Kleider vom Leibe reißen könnte, aber das tat sie nicht. Keine Wolke stand am Himmel, sie blickte durch die weit auseinanderstehenden Bäume direkt hinauf in die Sonne.
Sie wunderte sich nicht, als das erste Pferd umfiel. Neben ihr auf der Straße fiel es hin, dickweißer Schaum vor dem Maul. Es zuckte mit den Beinen, dann war es tot. Das schien niemanden zu stören. Ein Offizier in hellblauer Uniform ritt an ihr vorbei. Er trug Schnurrbart und sah ihr geradewegs in die Augen, als plötzlich sein Pferd unter ihm in die Knie ging, wie in Zeitlupe umsank und ihn unter sich begrub. Der arme Schnurrbart, dachte sie und ging weiter. Da war ein Ton in der Luft, ein außerirdisch grässliches Geräusch, und auf einmal bemerkte sie, dass das Pferd schrie. In Todesqualen – alle Pferde hatten zu schreien begonnen, ihre Stimmen metallisch, als kämen sie aus Echsenmündern. Eine Kutsche war neben ihr stehengeblieben. Ohne Zweifel wusste sie, dass es gerade der Soldat und die Hure aus Schnitzlers Reigen darin trieben. Die Pferde, die sie gezogen hatten, hingen in den Seilen, hatten das Zaumzeug mitgerissen, lagen schreiend und sich windend am Boden. Der Kutscher beugte sich zu ihnen, erhob die Peitsche und wurde von einem Huftritt gefällt. Als sie die Kutsche fast passiert hatte, sah sie aus dem Augenwinkel das grantige Gesicht einer jungen Frau im Fenster auftauchen. Der Mann, der sich neben ihr aufrichtete, um ebenfalls hinauszusehen, hatte das Gesicht des Spaniers. Dies traf sie mehr als alles andere. Sie begann zu laufen, überall Pferde, ein helles Kreischen in der Luft. Braune, schwarze, graugescheckte Pferde fielen vom Himmel. Sie kam nicht schneller voran in ihrem Kleid, wich ihnen aus, den großen Blutpfützen, die sie hinterließen. Fast hätte sie es geschafft, fast, fast, als sie endlich ein Pferd erschlug.
Sie fuhr hoch, kalter Schweiß in ihrem Rücken. Den Blumenpolster hielt sie umklammert, als ginge es um ihr Leben. Eine Sekunde lang wusste sie nicht, wo sie war, ah, richtig, dieser Ort, das Zimmer Tanne. Sie blickte hinaus in die Nacht, ein sternenheller Wind war aufgezogen. Sie war benommen, fühlte sich, als hätte sie eine Strafe ausgefasst für etwas, das sie gar nicht getan hatte. Als sie aufstand, waren ihre Beine wacklig. Irgendetwas hatte sie hier zurückgelassen, aber sie wusste nicht, was.
Unter dem fahlgelben Licht der Badezimmerlampe putzte sie ihre Zähne, Zahnpastaspeichel rann ihr aus dem Mundwinkel. Sie betrachtete sich, das Gesicht, das sie so gut kannte, und ihr fiel auf, dass sie gar nicht wusste, wozu sie fähig war. Sie spuckte aus, hielt ihren Mund direkt unter das laufende Wasser. Als sie die Zahnbürste in ihre Halterung steckte, hatte sie sich wieder gefasst. Was für ein Traum. Alles vergessen.
Sie zog ihr Nachthemd an und legte sich ins Bett. Kurz meinte sie, das Fenster schließen zu müssen, aber dann ließ sie es bleiben. Dass alles trocken war, hatte es geheißen. Noch kaum Sommer und schon viel zu trocken. Man hoffte schon jetzt auf Regen. Ob man sich jemals an das Brennen gewöhnen würde? Wahrscheinlich ja, wahrscheinlich würde man das. Man gewöhnte sich an alles, das einen gerade noch nicht umbrachte. Das nannten sie Flexibilität.
Der Pudel hatte sehr kurzes Fell, man musste ihn geschoren haben. Er hatte einen weißen Fleck am Bauch, auch die beiden Vorderpfoten waren weiß. Es war ein herzallerliebstes Tier. Sie gab ihm ein Stück Wurst, er fraß ihr aus der Hand. Der Pudel wurde ganz aufgeregt, führte sie zur Haustür. Sie war hier, hier in diesem Haus. Er fasste sie am Stoff ihrer Hose, zog an ihrem Bein. Ja, ja, dachte sie, ich komm ja schon. Sie machte einen Schritt über die seltsam aufragende Schwelle, dann stand sie draußen. Der Pudel war inzwischen hinterm Haus. Sie folgte ihm. Er lief zwischen den beiden Tannen in Richtung Waldrand, hielt sich dann aber links. Sie stieg, ihr fiel auf, dass sie barfuß war. Wie seltsam, sie ging nicht einmal im eigenen Wohnzimmer ohne Socken. Der Pudel ließ nicht zu, dass sie ihn aus den Augen verlor. Er wartete an jeder Wegbiegung auf sie.
Der Pfad zog sich zickzack am Waldrand den Hügel hinan, er war nicht zu steil, aber sehr steinig. Sie musste sich bemühen, nicht bei jedem Schritt laut aufzuheulen, wenn sich ein Kieselstein in ihre Sohle grub. Der Pudel blickte auf, sie folgte seinem Blick in den Himmel, wo plötzlich dunkle Wolken aufzogen. Sturmgeräusche. War es nicht gerade noch sonnig gewesen? Der Hund ließ ein Winseln hören, ein Donnerschlag, der ihn zu Tode erschreckte – in einem Höllentempo lief er zurück ins Tal und ließ sie alleine hier zurück. Was für ein feiges Tier. Wieso war sie ihm überhaupt gefolgt? Sie drehte sich um, machte ein paar vorsichtige Schritte den Berg hinunter, alles noch rutschiger am Weg zurück. Ob sie es schaffen würde, ohne zu fallen? Noch regnete es nicht. Sie setzte einen Fuß vor den anderen, mit den Händen balancierend, ihre ganze Konzentration darauf gerichtet, heil wieder herunterzukommen.
Eine Bewegung am Waldrand, sie hob den Blick. Zwischen den Bäumen eine Gestalt. Ein Mann, er war ausgenommen hübsch, trug ein weißes Ruderleibchen und eine dünne Hose, die locker auf seinen Hüften saß. Sie hatte die Empfindung eines großen Zufalls. Er wirkte, als würde er sich wundern, sie hier zu sehen, vielleicht überhaupt jemanden hier zu sehen. Sie stand reglos, das Stechen der Steine auf ihren Sohlen, ihre Hände ausgestreckt. Ein Kreuz unter dem Himmel. Mit dem nächsten Donnerknall, der in ihren Ohren nachhallte, war er verschwunden. Es wirkte nicht, als wäre er geflohen.
Ganz ruhig ging sie zum Haus zurück. Es dauerte ewig. Irgendwas war gebrochen, eine Grenze zwischen dem Hier und dem Da. Der Pudel wartete auf sie, saß unter dem Dachvorsprung hinter dem Haus und sah sie aus schmalen Augen an. Als sie sich hinunterbeugte, um ihn zu streicheln, biss er sie in den Zeh, gerade so, dass es noch nicht blutete. Es dauerte einige Sekunden, bis sie sich erschreckte, als ob der Schrecken erst zu ihr aufschließen musste durch die Zeit, aber dann befiel er sie so heftig, dass sie mit einem Mal keine Luft mehr bekam.
Sie öffnete die Augen. Ihr war nicht, als sei sie aufgewacht. Das Tosen um sie war real. Sie wand sich aus der Decke, die sich in einem unförmigen Wust um ihre Beine gewickelt hatte, und stand auf. Sie kam kaum an gegen den Wind. Als sie aus dem Fenster sah, war die Nacht lila, ein grässliches Brausen und kein Tropfen Regen. Die dünnen, zweiteiligen Fensterflügel klapperten, schlugen gegen ihre Hüften, als sie dazwischenstand. Sie dachte an Sturmhöhe und an die schlagenden Äste, sie sah die Bäume vor ihrem Fenster, die aufeinander einprügelten. Stürme ohne Regen, Wasser, das nicht netzt, was es nicht alles gab in dieser neuen Welt. Regelmäßig alles zerschlagen und dann vom staubigen Schlachtfeld wieder aufstehen, einzig nass das Blut. Sich aus dem verklumpten Dreck wieder zusammensetzen, pressen, quetschen, unbarmherzig zudrücken, bis man erstarrte zum Diamanten. War das ein häufiges Vorkommnis hier, solche Stürme? Dass man glaubte, die Welt wende sich von innen nach außen? Alles, was sie im Innersten zusammenhielt, musste raus. Kein Vollmond am Himmel, nur fliegende Wolkenfetzen, die von innen heraus leuchteten. 1862 fraß sie auf, hier hatte es sie also erwischt, es hatte sie an den Beinen zusammengebunden und hinabgezogen in der Zeit. Ein seltsames Gefühl stieg in ihr auf, so etwas Wollüstiges, das vom Waldrand her herüberblies.
Sie legte sich ins Bett, rücklings, sie fiel geradezu, die Beine auf den Boden baumelnd, die Fenster offen und aneinanderschlagend. Wenn alles einmal auseinanderbrach? So richtig auseinanderbrach? Wenn es hier anfing? Rissen die Dinge nicht immer vom Rand her ein? Sie spürte sich, ihr Körper ein einziger Schauer. Wie schmeckte wohl die Welt, wenn man die kuratierten Schichten abgetragen hatte? Wenn man sich hinuntergegraben hatte unter das, was man sehen sollte? Ihre Beine begannen sacht zu summen, das Blut vibrierte, sie spürte ihre Sohlen auf den rauen Dielen, doch sie blieb liegen. Schlief mit offenen Augen, die lila Nacht in ihrem Gemüt. Gänsehaut in Wellen, Wind unter ihrem Hemd. Die Kälte in drängenden Wogen auf ihrer Haut.