Ihre Wut hatte sich nicht gelegt. Sie hatte alles zerrissen, was sie noch hielt, triefende Löcher in der Zeit, in ihrem Gehirn. Der Pferdemann. Der Pferdemann! Wie wahnsinnig man in so kurzer Zeit nur werden kann. Natürlich gäbe es heute eine Wanderung. Sie würde sich nicht aufhalten lassen von Ideengestalten, die durch erdachte Wiesen stapften. Sie würde sich nicht so leicht entkommen lassen, nicht auf diese Weise. Nicht in eine Verrücktheit, die ihr keine Klärung bot, sondern alles einwob in ein feingezogenes Spinnennetz, das die Welt in einem fahlen, milchklaren Licht erscheinen ließ, alles verklärte, verklebte, versponn. Sie riss sich zusammen. Lima war hergekommen, um sich zu erhöhen, um besser zu sehen, um Dinge zu verstehen, und nicht, um in der Tiefe der Materie zu versinken.
Knapp vor der Hauptstadt war damals der Bus niedergebrochen. Motorschaden. Sie war mit zwei schwedischen Studentinnen gereist, die irgendetwas Schwedisches getrunken hatten, skandinavischen Schnaps aus Beeren, wenn sie sich recht erinnerte. Weil ihr so rau zumute gewesen war, hatte sie angenommen, als ihr die beiden die Flasche gereicht hatten. Sie war zu jung gewesen, um etwas dagegen zu tun, aber alt genug, um ihre missliche Lage zu begreifen. Die Flüssigkeit gluckerte zurück, als sie die Flasche wieder absetzte, schürfende Bitternis auf der Zunge. Sie waren auf einem Hügel gesessen, vor ihnen die Lichter der Stadt, die Nacht schwarz und daunendeckenschwer über den glimmenden Häusern. Der Bus stand rauchend abseits, daneben der telefonierende Chauffeur, der spanische Flüche in sein Handy schrie. Drei dickliche Männer, die leise murmelnd am Wegesrand standen und sich berieten. So ein Ziehen in ihrem Herzen, als sie vor sich hin blickte. Dass dies der richtige Ort war, aber sie die falsche Person. Das deutliche Gefühl, dass ihr die Verbindung fehlte, dass sie ein Loch schlagen musste in das zähe, durchsichtige Material, das sie von der Welt trennte. Dass sie keine Ahnung hatte, wie das zu bewerkstelligen wäre. I’m starting to think we’ll never make it to Lima, sagte eine der Schwedinnen und riss ihr freundlich betrunken die Flasche aus der Hand. Die Zeit schlug um sie herum eine Blase, als sie ihr beim Trinken zusah. Funkelnder Dschungel, Luft voller Versprechungen, die sie nicht entziffern konnte. Traurigkeit, die von ihr abstand wie tausend kleine Stacheln. Die Schwedinnen kicherten, die Nacht vor ihnen blinkte munter dahin. Neben ihr ein schüchterner Peruaner, der ihr gefallen hatte, aber gemeinsam mit ihr selbst kläglich an ihr gescheitert war.
Sie trat aus dem Haus, keine Spur von Charona. Es war spät, später, als sie sonst losging. Sie ärgerte sich, dass sie so lange gebraucht hatte. Aus den Augenwinkeln meinte sie den Pudel vorbeihuschen zu sehen, dann war es doch nur der Schatten einer leise zeternden Amsel. Lima trug ihre alten Socken noch ein letztes Mal. Sie spürte Schweiß unter ihren Brüsten, der Tag war zu heiß, er hatte nicht gut begonnen und würde auch nicht gut weitergehen. Das Licht war zu hell. Sie stolperte über einen Erdhaufen am Rande des Weges, fing sich mit den Händen, die jetzt dreckig waren. Verdammter Erdhaufen, verdammter Weg. Sie starrte finster in den Himmel und ging weiter. Das grelle Knirschen der Steinchen unter ihren Sohlen erbitterte sie auf unbeschreibliche Weise.
Sie spürte die Trockenheit herankommen, jeden Tag ein paar Meter höher den Berg hinauf. Lima wusste ja, dass es hieß, es würde dem Ende zugehen, aber dass es dem Ende entgegenschleichen würde, dass es so entsetzlich langsam gehen würde, das hielt sie nicht aus. Der Mensch war nicht gemacht für Äonen, schon fünf Minuten im Wartezimmer kamen ihm vor, als wären Sonnensysteme entstanden und vergangen, beim Anstehen an der Kassa gelangten Zivilisationen zur Hochblüte und bröselten in gärenden Klumpen wieder auseinander. Welche Beziehung hat der Mensch überhaupt zur Zeit? Keine, er weiß nicht einmal, was das ist, man muss dem armen Augustinus kein Bekenntnis abnötigen, da genügt ein Blick auf den eigenen Terminkalender. Wie es so zäh hinfließen kann über Monate, wie es tröpfelt und in quälenden Kästchen die Wochentage umschließt. Und dann im Rückblick, als wäre alles nie geschehen. Zeit ist keine Sache, schon gar keine Dimension, Zeit ist ein Kollateralschaden, der in alles seine Kerben schlägt. Sie dachte: Ihre Mühlen mahlen so langsam, dass sie beginnen, sich in unseren Köpfen rückwärts zu drehen. Vielleicht ersehnt der Mensch deshalb einen finalen Kometen oder zündelt so lange, bis der entscheidende Krieg die Erde in unbewohnbare Bruchstücke zerlegt. Zeit hat nichts mit uns zu tun. Manchmal bleibt sie stehen, oder wenn wir nicht aufpassen, dann überholt sie sich selbst.
War das das wahre Leben? Nicht rechts noch links, nur hinunterschauen auf die eigenen Füße, wie sie am festen Erdenboden stehen. Schon der Blick in den Himmel zu riskant. Sich nehmen, solange man hat, kein Problem, solange man hat, denn man hat ja noch. Wir eine Kolonie von kleinen Tieren, bedrängendes Wuseln, bis eine Welle durch den Pulk geht und alles verstirbt. Wenn der Apfel am Kern verfault ist, geht das Knabbern an den Rändern ohne Unterlass weiter. Wir sind auf eine Unendlichkeit angewiesen, die uns aufrechterhält, die uns in ihrer Unbegrenztheit Grenzen setzt. Sie scheint uns so selbstverständlich, so glasklar größer als wir. Wenn wir an ihr Ende stoßen, eines, das wir nicht kommen sehen, dann erschrecken wir uns zu Tode.
Lima setzte sich auf die Bank und starrte in die sonnendumpfe Weite hinaus. Das Holz an ihren Waden heute voller messerscharfer kleiner Späne. Ihre Augen fanden den Ort nicht, wo sich die Oberfläche löste – die Hügel nachlässig geknetete Klumpen aus Modelliermasse, zusammengeknüllte Papierbäumchen mit Heißklebepistole, Krepppapier Wellen schlagend draufgeklatscht. Im Sonnenkörper steckten einzelne Strahlen, die man sah. Von entschiedenen Kinderhänden gezogene Striche, die wie lose Balken dahingen und jeden Moment herunterzufallen drohten. Der Boden unter ihren Füßen aus dumpf braunem, schlecht ausgelegtem Filz. Lima grub die Ferse in die Erde, die nachgab, als könne sie ihr trauen.
Sie fühlte sich ertappt bei einem kindischen Spiel, das sie zu weit getrieben hatte. Sie hätte sich an die Grenzen halten sollen, an das Denkbare. Was hatte sie auch herkommen müssen und nachsehen, stochern, kletzeln, ob die Klammern nicht doch nachgaben, die die Welt so mühsam zusammenhielten. Man hatte sie betrogen, diese Welt hier hatte sie betrogen, hatte ihr Wirklichkeit vorgetäuscht, wo keine war. Sie hatte sich täuschen lassen. Sie hätte sich eine bessere Täuschung erwartet.
Lima erhob sich, sie ging langsam den Pfad bergan. Wenn er da wäre. Wenn er nicht da wäre. Eine Unglaublichkeit, die sich entlangzog am Rande ihres Bewusstseins. Sie hob den Blick. Senkte ihn wieder. Heute keine Freude. Der Wald ohne Worte. In ihr ein sprachloses Rumoren.
Lima fragte sich manchmal, wie dieses Ende aussehen würde. Es zeigte sich in ausgesprochen bunten Farben in der Fantasie. Es erhob sich aus gut recherchierten Zeitungsartikeln und selbstzufriedenen Dokumentationen. Ließ nichts zu wünschen übrig. Ein sieben Meter höherer Meeresspiegel. Der Urwald eine Steppe. Die sandige Spitze einer Insel zwischen den azurblauen Wellen, alles, was geblieben war. Unser Hirn spult vor zu einem Bild, das es gerne glauben möchte, aber nicht kann: Es sieht aus wie die Kulisse zu einem Superheldenfilm vor unserem geistigen Auge. Szenisch ansprechende Zerstörung. Gleich würde ein nordischer Gott seinen Hammer aus den schweren Wolken hervorwerfen. Es würde einen Schlag tun und die Welt sich in prismatische Multiversen spalten. Lima war durchaus bewusst, was eine gute Geschichte kann: Manchmal entrückt sie. Das Ende hat eine wunderbare, eine schicksalhafte Dramaturgie, der wir nicht entrinnen können. Wir genießen dieses Ende aus der Ferne. Gerade weil es so große Leinwände braucht in unserem Kopf, wirkt es unendlich fremd. Es ereignet sich auf einem anderen Planeten, auf dem andere Gesetze gelten als hier. Hier gelten die Gesetze von jetzt, jetzt und jetzt. Alles darüber hinaus ist Theorie. Lima verstand. Und doch wusste sie nicht, wie man es anders hätte angehen sollen. Die Menschen denken: Wir werden nicht mehr dieselben sein. Es ist so klar, dass wir nicht diese sind. Das Ende wird uns nicht ereilen. Die, die das Ende ereilt, das sind nicht mehr wir.
Vielleicht wäre es besser, mit dumpfem Unbehagen zu warnen? Die Zukunft ein unklarer, verschwommener Ort, an dem sich nichts Gutes mehr ereignen kann. Nicht bunt und nicht konkret. Allumfassend. Auch das – unzulänglich. Als könnten wir wählen zwischen zwei Pfaden ins Verderben: klar sehend, mit jedem Schritt wissend, was kommt. Oder mit verbundenen Augen, fröhlich und unbesorgt weitertänzelnd, bis man schließlich nach deprimierend kurzem Fall am Boden des Abgrunds aufprallt, in den man so unbeschwert hineingelaufen war. Eine Täuschung, wieder eine Täuschung. Es ist ein und derselbe Pfad. Er führt an denselben Ort, ob wir das nun wissen wollen oder nicht. Wenn wir uns nicht entschließen, stehen zu bleiben, ist es relativ egal, wie wir an sein Ende kommen.
Sie näherte sich dem Waldrand. Blick hinunter auf ihre Schuhspitzen. In ihr ein Kampf, der ihre Seele spannte. Ein Laut, ein Vogel oder ein unerwartetes Knacken im Gebüsch, und sie würde mit ihrer Explosion ein Loch in den Boden reißen. Einen Moment noch. Dann hob sie die Augen.
Die Wirklichkeit war ihr also entgegengekommen. Hatte sie nicht hängenlassen in ihren Träumen und Gedanken. Ein schönes, schönes Gefühl stieg in ihr auf. Es entfaltete sich, streckte seine zartblättrigen Spitzen dem Sommer zu. Sie würde der Welt nicht lange böse sein können. Still, als stiege er durch ein Gemälde, ging er seiner Arbeit nach. Der Wagen. Das Pferd. Die Sense in klirrenden Schwüngen durch die Luft.
Es hängt oft an den Kleinigkeiten. Wie entscheidet sich, ob es ein guter Tag wird oder nicht? Das Darmbakterium stößt seine Stoffe aus, der Glascontainer vorm Fenster wird geleert, noch bevor es richtig hell ist, man hat gestern zu viel Alkohol getrunken oder eben nicht. Manchmal, als hätte sich in den ersten Takten des Tages etwas verhakt, kam man die ganzen Stunden, die folgen sollten, nicht mehr heraus aus dem schiefen Rhythmus. Einmal misstönend angehoben, war das ganze darauffolgende Stück im Arsch. Doch hier, anders. Sie würde sich rausreißen lassen. Sie würde sich umstimmen lassen. Sie wäre nicht zu stolz, um ihr vernichtendes Urteil über diesen halb durchlebten Sommertag zu revidieren. Lima tat einen Schritt aus dem Wald hinaus.
Hallo, sagte sie.
Er richtete sich auf.
Servus, Lima, sagte er.
Sie sah ihn an. Ihm schien der skeptische Blick in ihren Augen nicht zu entgehen.
Bist du also wirklich da, sagte sie.
So wirklich, wie ich gestern auch schon da gewesen bin, sagte er.
Ich war mir nicht sicher ... Sie hielt inne, dann schüttelte sie den Kopf.
Er grinste und hob die Sense, trieb sie mit einem hellen Zischen durch das Gras.
Ich mein, es stört mich nicht, sagte er, während er erneut ausholte, aber ein bissl komisch bist du schon.
Sie zog die Augen schmal.
Das hältst du schon aus, sagte sie, und dann trat ein ungewöhnlich verwegener Ausdruck in ihr Gesicht. Michael. Engel.
Welche Entscheidung, dachte sie sich, welche Entscheidung war denn noch zu fällen? Es war alles klar, mit ihren ersten Schritten den Hügel hinauf, Rollkoffer hinter sich her, war doch alles schon klar gewesen. Sich Gelegenheiten gewünscht, Gelegenheiten bekommen. Sie würde dieser Welt ihre Wahrheit entlocken. Sie würde sich selbst vergessen. Würde aus sich herausstechen, in ein Eigentlicheres hinein. Würde mitten in das Herz der Welt ihre Krallen treiben. So ein brennendes Wollen, eine Neugier, eine nicht zu formulierende Frage, die jede Faser von Anfang bis Ende durchzog. Ach, was überhaupt an ein Ende denken, wenn doch hier ein Anfang stand?
Sie setzte sich auf die Wiese, streckte die Beine von sich. Er setzte sich zu ihr. Blick hinunter ins Tal, in den Nachmittag, der langsam über die Hügel kippte.
Und, sagte er, wie ist es in der Stadt?
Fad, antwortete sie, ohne eine Sekunde zu zögern. Wie ist es hier, fragte sie, wenn man lange bleibt?
Auch fad, sagte er, aber man hält die Landschaft aus. Sie grub ihre Finger in die Wiese, packte zu, ließ die Halme durch ihre Hände gleiten.
Ich hatte den Eindruck, dass das hier irgendwie … echter ist, sagte sie. Etwas Einfaches, habe ich mir gedacht. Etwas Schöneres.
Er zog die Beine an, stützte seine Ellenbogen auf die Knie. Mit einer Hand zupfte er einen Grashalm aus, hielt ihn nachdenklich vor sein Gesicht.
Mir kommt es unwirklich vor, sagte er, dass hier immer alles bleibt, wie es ist. Als könnte man überhaupt nichts daran ändern.
Sie überlegte kurz.
Es ist halt doch zu schön, um wahr zu sein, sagte sie.
Er sah sie an, dann begann er zu lachen. Wie er zu ihr herübersah, wie dieser Blick hinunterglitt an ihrer Haut, ein Tropfen Honig an der Sonne, erhitzt, fast flüssig.
Ich würde sagen, meinte er, es ist schöner als gedacht.
Nachmittagsluft in dickflüssigen Pinselstrichen auf ihren Armen, über den weiten Wiesen, hüllte sie ein. Sie sah sein Grinsen ganz genau.
Eine Weile saßen sie so da, dann stand er auf, wandte sich wieder der Arbeit zu. Sie drehte sich auf den Bauch, stützte ihr Kinn in die Hände. Mit einer großen Gabel hievte er einen verstreuten Heuhaufen nach dem anderen auf den Wagen. Seltsame Türchen in ihr taten sich auf, als sie ihn betrachtete. Er war eine Falle, alles an ihm war eine Falle, sie wusste, wie sich das anfühlen würde, die zarte Haut, wenn er die Arme hob, diese Schüchternheit, immer diese Schüchternheit. Sie konnte ganz weich werden, kätzisch. Sie mochte das: begehrt werden von jemandem, der begehrenswert war. Man lockte sie, aber wohin, das wusste sie noch nicht. Er richtete sich auf, und sie konnte es nicht fassen, diese kleinen Fältchen um seinen Mund, dieses verhaltene Lächeln, halb spöttisch, dann auch wieder ganz ernst gemeint. Sie in ihren Wanderschuhen, mit Grashalmen gespickte Erdklumpen an den Füßen, Schweißflecken unter ihren Brüsten, aber scheiß drauf, scheiß doch endlich einmal auf alles. Wenn ihm das nicht gefiele, dann würde er jetzt nicht so lächeln, wie er das tat.
Kommst du mich morgen wieder besuchen?, fragte er.
Mhm, sagte sie und versuchte nicht, den Blick zu unterdrücken, den sie ganz deutlich an sich spürte.
Sie schloss die Augen. Als Traum das Leben. Es war doch alles scheißegal.
In der Nacht stand sie im Traum in der Türe. Sie hatte die Arme verschränkt. Eine große Macht ging von ihr aus. Sie blickte über die Hügel, die von einem undefinierbar schwelenden Licht erhellt waren. Sie wartete. Endlich hörte sie ein Scharren vom Waldrand aus, der Pudel trottete wie beiläufig herbei und ließ sich am Rande ihres Blickfeldes nieder. Gemächlich begann er, sich zwischen den Hinterbeinen zu putzen. Du brauchst gar nicht glauben!, sagte sie. Geh wieder. Du kommst hier nicht herein. Ein Donnergrollen war zu hören. Von den Hügelkuppen her zog ein sachtes Beben durch die Luft. Als hätte er sie gar nicht wahrgenommen, blickte der Pudel ungerührt an ihr vorbei. Er senkte sein hochgerecktes Pfötchen und schüttelte sich ausgiebig. Fern zitterten die Blitze. Er erhob sich und ging, ohne sie anzusehen, in Richtung Waldrand davon. Sie wusste, dass sie gewonnen hatte.