Was für ein Tag heute. Ihre Seelenregungen knisternde Trockenblumen in einer schönen Vase. Alles sehr fragil. Ob sie nun komplett übergeschnappt war? Oder ob es einfach passierte, dass Menschen aus den Tiefen der Seele in die Wirklichkeit hineinstiegen? Wiesenmähend. Mit einem Pferd. Einem Pferd! Sie wollte die Stille nicht zerbrechen, ging ganz vorsichtig, öffnete die Fenster. Sommerstrohgeruch, ein fahler Morgen hinter dem Haus. Wie viel davon wirklich war? Von diesem Blick? Wie viel überhaupt von dieser Welt? Wie viel in der Vergangenheit stecken geblieben war und wie viel sich nicht von der Zukunft lösen konnte? Ein kleiner Keil die Gegenwart. Knackend in ihrem Inneren trockene Zweige, bröselnde Knospen. Ein sterbend süßer Duft.
Charona hatte ihr heute Morgen wortlos das Frühstück hingestellt. Sie war dankbar gewesen, für das Schweigen und für das Frühstück. Lima hielt die Tasse und hörte das höflich leiser geschaltete Lärmen des Fernsehers aus dem Nebenzimmer. Sie war nun jemand anderes. Würde sich selbst aus der Hand geben. Konnte man motiviert loslassen? Angestrengt unbeschwert sein, nichts fühlen, nichts wollen? Es musste einen Anfang geben, einen Anfang von diesem Ende, und sie wollte ihn nun machen. Sie wollte von der Bremse steigen und die Augen offen halten, während sie auf den Abgrund zurollte, die dünne Wand, die um sie herum knisterte und knackte, weil an ihrem Fundament etwas faul war, weil ihre Struktur langsam bröckelte, endlich zerhauen. Hatte sie es schon einmal bis zum Ende durchgestanden? Sich wirklich gehen lassen? Nein, jedes Mal hatte sie sich in letzter Sekunde wieder gefasst. Sich wieder gefangen. Kein Abgrund so geheimnisvoll, dass sie von seiner Erforschung nicht auch ohne großes Nachdenken Abstand hatte nehmen können. Andere Menschen taumelten mit schlafwandlerischer Sicherheit in jedes Abenteuer hinein. Sie schwieg bloß.
Aus dem Nebenzimmer leise, zerhackte Nachrichten. Der Kaffee bitter in ihrem Mund, aber warm. Es war ein seltenes Anbranden, dieses Gefühl, das ihrem Gesicht seine Form gab, wenn sie an ihn dachte. Etwas ganz Unerhörtes zog an ihren Gliedmaßen, da war keine Notwendigkeit, aber eine alles, wirklich alles umfassende Möglichkeit. Es war so schwer auszuhalten für sie. Es war vollkommen ungewohnt. Unter Umständen würde es sie zur Gänze verzehren. Lima sagte sich, sie war alt genug, um das Leben auszuhalten. Sie würde das nehmen, was kam. Es konnte schließlich auch etwas Gutes sein.
Sie trank den letzten Schluck Kaffee, ein Klirren auf der Untertasse, der langsam eintrocknende Umriss ihres Mundes am Porzellan. Sich nicht fürchten. Was nützte Furcht in dieser Welt? Sie hatte nur Sinn, solange noch etwas zu retten war. Unter anderen Umständen, in einer anderen Zeit, fehlte nur den Wahnsinnigen die Furcht. Furcht als letzter Rest der alten Ordnung, ein dünner Film, der unregelmäßige Blasen schlug, sich langsam löste und schließlich ganz zerfiel. Keinen Sinn mehr, wo alles roh dalag und wund, wo sich alles zeigte, so wie es war, und sich zuckend wand, wenn man es berührte. Wenn man in seine Wahrheit griff.
Ihre Socken waren dreckig, sie trug Sandalen. Zog ein schöneres T-Shirt an, tiefes Magenta mit einer kleinen Blume links unten am Saum. Sie hasste die Sekunde, die sie länger gebraucht hatte, um es auszuwählen. Dass es ihr heute viel schwerer fiel als gestern. Im Spiegel sie und ihre Brüste. Lima betrachtete sich, drehte sich zur Seite, blickte sich selbst über die Schulter. Sie gefiel sich gut. Ihre Wanderhose in Bermudalänge mit ausgebeulten Taschen.
Sie hatte es lange versucht, aber ein Leben in den Texten war nur schwer möglich. Man musste andauernd vorbeileben an diesen Worten, sich zwischen den Buchstaben winden auf der Suche nach einem ungewissen Ziel. Bedeutsame Stellen blitzten wie Morsezeichen auf und versiegten wieder im Strom. Sie hatte sich mit Mühe eingepasst in die Gedankenwelt dieser schreibenden Männer, von denen so viele hinter ihren Möglichkeiten zurückgeblieben waren, obwohl sie als Genies galten, als die Besten ihres Faches. Einfach, weil sie niemand weitergestoßen hatte in ihrem Schreiben. Sie mit der Nase hingestoßen hatte auf das offensichtliche Loch in ihren Gedanken.
Und dann gab es Texte, heilige Texte, ihr heilige Texte, die etwas zeigten, das verborgen bleiben musste. Das, wenn man es doch sah, so empörte, dass es mit Getöse wieder zugedeckt wurde. Den Verfassern dieser Texte war es meist nicht gut ergangen. Kleist, Penthesilea. Wenn er das in ihr auslöste, dann musste er sterben. Das war doch sonnenklar. Büchner, Woyzeck. Es hatte nun mal sein müssen mit diesem Tambourmajor. Wie oft fand man schließlich jemanden, der einem wirklich gefiel? Mozart, DaPonte, ihre Opern, das, was aufblitzte zwischen Text und Musik, was kaum auszuhalten gewesen war für die Zeitgenossen. Freud sagte lapidar, die Frau sei ein dunkler Kontinent – ein definitives Upgrade vom schwarzen Loch, immerhin. Und doch ein Kontinent, von wilden Regungen bewohnt, auf dem gleißende Blitze flackerten und Vulkane feindlich sengende Ausflüsse in die Atmosphäre bliesen. Ein Kontinent, den Freud wegen mangelnder Relevanz und gleichzeitiger sittlicher Zweifelhaftigkeit nicht ernsthaft zu erforschen gedacht hatte.
Lima ging bergan, mit jedem Schritt schlug ihr die Wasserflasche, die sie im Rucksack trug, in den Rücken. Sie wollte unter den Bäumen gehen anstatt bloß am Waldrand entlang. Sie bog ab, Waldboden, der unter ihren Schuhen krümelte. Hielt sich mit Mühe optimistisch. Schweiß unter ihren Achseln, bald Schweißflecken mit Sicherheit. Lima hatte lange daran gearbeitet, sich diese Befangenheit abzutrainieren. Immer wenn sie glaubte, sie wäre nun endlich von ihr abgefallen, dann erhob sie sich wieder, stichelte aus schwer einsehbaren Winkeln ihrer Seele zu ihr herauf. Meist legte sie sich bald wie eine altersschwache Katze, die Krallen stumpf und müde, ausgelaugt von langen, harten Kämpfen und einem furchtsamen Leben im Schatten des Gemüts. Lima blieb stehen und atmete tief ein, sie versuchte, die Luft in ihren Lungen zu verteilen, versuchte, sich vor sich selbst nicht lächerlich zu machen. Sie war eine erwachsene Frau, mit dem Körper einer solchen, erinnerte sich, dass dieser Körper Männern für gewöhnlich gut in den Händen lag, dass er, wenn es darauf ankam, ganz von selbst die Dinge tat, die sie sich von ihm wünschte. Eine gewisse Ruhe, die sich über ihre Aufgeregtheit legte. Die Mechanik würde wohl funktionieren. Und wenn er sich heute wirklich von einem Schweißfleck abhalten ließe. Dann wäre ihm nicht zu helfen.
Sie gewöhnen einem die Natürlichkeit ab, nur um sie dann in verkünstelter Form wieder einzufordern. Was für eine Perfidie. Dass sie nicht verstanden hatten, wie weit das ging, wie tief diese patriarchalen Pflöcke in einen hineingetrieben wurden. Überall Sackgassen in der eigenen Seele! Überall verdammt mühsame Umwege. Die sie ging. Die sie gewillt war zu gehen. Sie würde neue Pfade schlagen durch dieses verwachsene Dickicht. Sie würde sich selbst herausschälen aus diesen dicht geschichteten Lagen jahrhundertealter Herablassung. Es wäre ein Kontinent, dessen Regeln sie kannte, weil sie sie mitgeschrieben hatte. Es wäre ein Sieg, den sie bis zum Äußersten verteidigen würde.
Lima würde ihn zu ihrem Komplizen machen, wenn er das nicht schon längst war. Wie er so dagestanden war auf diesem Hügel … Als er sich von ihr verabschiedet hatte, war eine Öffnung aufgeblitzt, ein dünner Schlitz in der Materie. Ein Spalt, der kaum erkennbar im Sonnenlicht klaffte. Die Möglichkeit. Zeit, Raum und ein hauchzarter Riss, durch den sie nur ihre Hand strecken musste.
Sie hatte diese Frauen immer schon mit einer furchtsamen Bewunderung betrachtet, mit der Empfindung, dass sie etwas gänzlich Fremdes waren und etwas gänzlich Fremdes taten. Ein Gefühl, das zwischen Entsetzen, Mitleid und Eifersucht schwankte: diese Frauen, die so hart träumen konnten, dass sie die Männer um sich herum einsaugten in ihre Träume, dass sie einen Strudel erzeugten, auf eine bestimmte Person gerichtet, dem sich diese nicht entziehen konnte. Es war das zu allem entschlossene Herauswürgen einer bestimmten Wirklichkeit aus einem Möglichkeitsraum, von dem Lima nicht wusste, ob es eine Vergewaltigung der Realität war oder einfach die Art, wie neue Wirklichkeiten entstanden. Die Geburt eines geteilten Traums unter Blut, Schweiß und Tränen.
Lima fragte sich, woher diese Entschlossenheit kam – aus dem Herzen der Verzweiflung? Alles Dasein ein Kampf. Wenn du als Frau bestehen willst vor dem Blick der Welt, musst du dich wappnen, am besten mit einem Mann. Aber vielleicht tat sie das ebenfalls, ohne dass es ihr auffiel; vielleicht erschuf sie um sich herum ein Vakuum, das bevölkert werden musste? Vielleicht konnte der, den man einzusaugen gewillt war, gar nicht anders, als in die Knie zu gehen? Die Ideen, die alles überstrahlen; jemanden in der Hauptrolle besetzen, der gar nicht weiß, wie er zu dieser Ehre kam.
Sie wollte das nicht. Er musste von selbst kommen, musste ihr entgegentreten. Er musste den Kopf neigen vor ihr, wie es sich geziemte. Wenn sie ihn ließ, dann musste er sie anschauen mit Augen, in denen sie sich selbst als Königin sah. Sie hatte alles Nötige getan. Hatte den Pudel verjagt, hatte alles weggeräumt, was im Weg stehen konnte. Sie war gekommen. Sie würde sich nicht gewaltsam Zutritt verschaffen. Nun lag es an ihm, ob er die Tür öffnete oder nicht.
Sie stand zwischen den Bäumen, blickte hinaus ins Licht. Staubkörnchenbebend, ein schwer gedehnter Traum schlug weiche Blasen über der Welt. Langsam ziehend stieß er seine Gabel ins Heu, warf es zu kleinen Haufen zusammen. Sie verfolgte ihn mit rehförmigen Augen, ihr Hals weich und gedehnt, Geschmeidigkeit im Leib. Seine Bewegungen bereiteten ihr solche Freude. Der Geruch dieses Bildes wehte wie ein sattes Flüstern zu ihr hinüber. Sie legte den Kopf schief und war sich mit einem Mal sehr sicher.
Etwas Urtümliches hatte zu ihr aufgeschlossen und glitt nun unter ihrer Haut dahin. Es hob sie höher, ließ ihre Augen blitzen auf ganz bestimmte Weise, führte die Arme, wenn sie sie bewegte, in fließenden, grazilen Bögen. Die Luft um sie ein weiches Bad, die Bänder an ihren Handgelenken warme Seide, das Blätterdach warf fransende Schatten auf ihre Haut. Sie eins mit diesem Tag, ein Teil von allem. Sie ließ es wirken, das Heilige floss nun aus ihrer Hand, in zarten Tropfen von ihren Fingerspitzen, hinterließ dunklere Punkte am Wegesrand. Der Wald war gekommen und hatte sie verschluckt. Wenn sie heraustrat, dann würde sie eine andere sein.
Während er sich niederbeugte und die Heugabel wieder in die Hände nahm, ließ sie den Anblick seiner Gestalt in sich hineinrieseln. Sie nahm diesen Anblick in sich auf, wie gut er ihr doch gefiel, und alles wurde ganz flüssig in ihr drin. Seine Unterarme, nie wurde über Unterarme geschrieben, keinem Mann würde es einfallen, über Unterarme zu schreiben, wo doch aber Unterarme – der Schwung seines Rückens, wie er sich aufrichtete, die Hand mit dem Handrücken voran an die Hüfte stemmte, sodass seine Finger abstanden wie ein kleiner Fächer oder die Flosse eines freundlichen Fisches. Diese Eigenheiten. Wie er dastand, wie er ging. Alles wollte sie sich einschreiben und sich daran erinnern. Sich diese Bilder mitnehmen, ihn in sich aufnehmen, ihn kuratieren, während sie ihn sah. Sie war dem Geheimnis ganz nahe, irgendwo in diesem Bild lag der Schlüssel zu ihr und zu der Welt da draußen, und wie seltsam, dass es derselbe Schlüssel für beides war.
Grün blinzelnd trat sie aus dem Wald heraus. Er hatte sich auf die Wiese gelegt, die Augen geschlossen, kaum merkbare Wolkenschatten zogen über seine Haut dahin. Sekündliche Verdunklungen, leichter Wolkenkitzel. Das Pferd auf der Hügelkuppe, geräuschlos kauend, ein gleichmäßiges Sein auf schweren Hufen. Lima, die die Beine durchs Gras zog, ihre Schritte schleifen ließ. Sie blieb stehen. Er öffnete die Augen nicht, aber da war ein Lächeln, in dem sie schließlich ertrinken würde. Sie zog ihre Sandalen aus.
Hallo, sagte er.
Hallo, sagte sie.
Lima hörte sich lächeln. Dann legte sie sich zu ihm.