Was für ein Tag. Sie erwachte, sich streckend, Schlaf unter den Augen. Als hätte dieses Feuer etwas weggebrannt, spürte sie sich mit einer großen, viehischen Ruhe. Das Fenster offen, dicke Scheiben Sonnenlicht schichtweise aufs Bett gefallen. Das Surren eines Sommertages, der kaum angebrochen war. Die Schatten noch morgenlang, ein Lächeln hinter jedem einzelnen Atom.
Er hatte ihr etwas genommen, das sie schon lang hatte loswerden wollen, und sie war ihm dankbar dafür. Es war ganz ohne Mühe von ihr abgefallen. Ein Moment ereignete sich, und sie war ganz darin, keine Gliedmaße ragte heraus, kein Kopf, kein Finger. Was geschah, hielt sie eng umschlungen, alles passte wie angegossen. Da war keine Verzögerung zwischen ihr und der Zeit, die sie umgab. Kein Unterscheiden. Verschwenderischer Überfluss in ihren Gliedern. Sie, während sie Gegenwart empfand.
Auch heute ging sie wieder zu ihm hinauf. Sie hopste dahin wie ein Kind, sie war ganz da, gleichzeitig beobachtete sie sich mit großem Interesse von außen. Alles lief nun nach einer inneren Gesetzmäßigkeit ab, deren Teil sie war. Als hätte sie das Spiel angestoßen und sähe nun den Murmeln zu, wie sie träge den Hang hinaufrollten, bis sie die gegensätzliche Kraft wieder hinunterziehen würde. Wie anders man sich bewegt, wenn man weiß, dass man begehrt wird. Wie ansteckend das alles ist.
Die Nacht traumlos. Der Schlaf als etwas, das ihr fehlte, in ferne Klammern entrückt. Welcher Tag war heute? Wie lange, seit sie hergekommen war? Das Schnauben des Pferdes, die Sense, mit metallischer Regelmäßigkeit blitzte sie auf. Lima trat auf die Wiese, sah ihn an und lächelte.
Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände und küsste ihn, die scharfen Kanten, sein Kehlkopf, der unter ihren Fingern spielte, die leichte Brüchigkeit eines Gefühls, das sie nicht gänzlich fassen konnte. Ob er eigentlich schon tot war? Ob sie mit einer zukünftigen Leiche schlief? Aber wann tat man das nicht? Sie spürte das Rauschen der Büsche im Hintergrund, den Wind, der über die Wipfel zog. Wann tat man das nicht? Wenn man nur aus der Zukunft in ein Jetzt fallen konnte, ein Jetzt, das so absolut war, dass es alles überstrahlte. Sie an einem Ort jenseits von allem, der alles war. Das war die Frage und die Antwort und der Grund, warum wir das Tierische in uns mit einer solch verzehrenden Sehnsucht lieben. Es nimmt uns die Zeit, endlich, zerkleinert sie und dehnt sie unserem Gemüt passender, sodass sie uns ganz umschließt.
Er ließ zu, dass sie ganz betrunken wurde von seinem Anblick. Er zog sich nicht zurück, da war keine Befangenheit, wenn sie ihn betrachtete. Was für ein großes Geschenk. Seine Brust, fremdartig weisende Linien, Härte, wo an ihr selbst keine war. Seine Lenden, Weiten und Abstände, deren Verhältnisse sie sich einprägen wollte. Seine Achseln, seine Arme, wenn er unter ihr lag – Geometrie, hauchzarte Erhebungen unter zitternder Haut. Er ließ sie schauen, wusste, dass es wichtig war. Wie er sie betrachtete, wie er sich betrachten ließ – er verstand, dass sie ihn anschauen musste, auf ihre Art; dass sie sich jeden Moment einschreiben wollte, die Schwünge, die kleinen Gesten, das Unergründliche, das ewig Männliche, das sie hinunterzog, immer tiefer an den Kern der Dinge, den sie fast und fast fassen zu können meinte. Wie man schwebte, wenn man sich entglitt. Sie hielt sich nur mehr mit den Fingerspitzen fest.
Selten hatte sie solches Glück gefühlt.
Die nächsten Tage waren alles eins.