Sie mochte Männer so wie ihn, an denen sie die Zartheit spürte, die sich anders äußerte als bei ihr. Sie mochte es, ihm über den Bauch zu fahren, zu spüren, wie er sich bewegte, wie unter seiner Haut fremde Muskeln spielten, ein Geheimnis lauerte, ein Geheimnis sich andauernd ereignete. Wenn er dalag, die Arme neben seinem Kopf so angewinkelt, als hätte er keine Kraft mehr, sich zu wehren. So etwas Verletzliches und gleichzeitig Starkes, als hätte ein großer, schöner Vogel seine Flügel hingebreitet. Wie er sie ansah, mit einer leichten Furcht im Blick, die ihr mehr Freude bereitete als alles andere – als könnte sie, Lima, jede Minute zerplatzen wie eine Seifenblase, als wäre auch sie für ihn ein heller, milchglasfarbener Traum.

Sie hatte gar keinen Begriff mehr von dieser Welt. Sie wusste nicht, wovon sie sprach. Wie sprechen von etwas, das keine Worte verträgt? Und wenn, dann nur ganz große. Begriffspflöcke, die das Wesentliche verstellen,

 

Es nahm eine Beiläufigkeit an, die ihr gefiel. Wenn sie an seine Hände dachte, an seine Schultern, an das Lächeln auf seinem Mund, dann spürte sie ganz deutlich, dass ihr Körper wusste, wonach ihm war. Alles verfloss, verschmolz. Sich an der Grenze zu reiben, war das Schöne, die Grenze zu spüren, machte das Gefühl des Verfließens erst möglich. Es gab nur wenige Fragen. Ein unzweideutiges, aber nicht selbstverständliches Einverständnis. Wie sie neben ihm lag, mit ihrem Aug in seine Wimpern hineinblinzelte: wie sie ihn atmen hörte. Wenn man miteinander ruhen konnte, dann war eigentlich alles klar. So dachte sie zumindest.

 

Als sie nebeneinander auf der Wiese lagen, fragte sie ihn einmal, ob er mitkommen wolle. Die Nacht bei ihr verbringen. Sie erwähnte das Zimmer Tanne. Das Bett sei klein, aber man könne sicher …

Er schüttelte den Kopf. Ich kann nicht, sagte er.

Du kannst nicht?, fragte sie. Lima hörte die Verwunderung in ihrer Stimme.

Ich kann nicht mitkommen mit dir, sagte er. Er drehte den Kopf zur Seite, dass sie seine Augen nicht sah.

Das ist eine sehr lange Geschichte, sagte er, hielt sein Gesicht abgewandt.

Lima versuchte, irgendetwas herauszuhören, was zwischen den Worten lag. Ärger, Trauer, eine lang zurückliegende Peinlichkeit. Aber da war nichts. Nichts, das sie deuten konnte. Sie presste die Lippen zusammen.

Aber sehen willst du mich noch?, sagte sie. Dass sie so verletzlich geworden war, dass so viel abhing von seiner Antwort. Ihre Seele ein hauchzart verpuppter Kokon.

Er sah sie an und zog sie an sich, nickte in ihr Haar.

Jeden Tag freue ich mich, sagte er, jeden Tag freue ich mich so, dich zu sehen.

Sie sah ihm an, dass er die Wahrheit sprach, glaubte, das sehen zu können. Ihr Herz, ganz nackt, hatte sich, ohne einen Schlag auszusetzen, wieder an ihn geschmiegt. Ein Funken Zweifel, der alles hätte entzünden können. Sie ließ es dabei bewenden.

 

Sie unterschied die Tage nicht mehr voneinander. Da waren Nächte, kaltes Wasser in der Kehle, Kaffee in einer Schale, trüb und ungezuckert. Das Reiben der Holzbank unter ihren Knien. Da lag sie mit ihm im Gras, das gelb geworden war, sein Heuwagen, der um die Kuppe verschwand. Kleine Kratzer auf der Haut, ein sich

 

Die Welt war brüchig geworden, seit Wochen schon kein Regen. Die Sonne immer unbarmherziger, die beiden näher an den Waldrand gerückt, kühl im Schatten der Bäume. Das Wasser im Holztrog auf Limas Weg hinauf nur mehr ein kleines Rinnsal, keine samtene Weichheit, nur beunruhigendes Knacken der Äste unter den Sohlen. Ein einziger Funken, und alles wäre hin.

Wieso schreiben, wenn doch rundherum alles unterging? Wieso lesen? Sie fragte nicht nach dem Sinn, der war schon in guten Zeiten nie wirklich auszumachen gewesen, sie fragte nach dem Zweck. Wem damit helfen, ein Buch zu verstehen, wenn die Bomben fielen? Wen mit einem Buch aufrütteln, wenn das Feuer im Unterholz sengende Bahnen zog? Zu welchem Diskurs beitragen, wenn alles Reden in Geschrei mündete, in Geschieße, in Selbstmorde und Schlingen, die von selbst gebastelten Galgen baumelten? Es ging ihr nicht mehr so nahe. Sie rang dem Untergang seine Schönheit ab.

Wie feige sie doch gewesen war. Bis zum letzten Moment hatte sie warten müssen, um alles fallen zu lassen. Erst als es kein wirkliches Wohin mehr gab, hatte sie sich gehen lassen können. Nun lag sie da, vor

 

Sie hatte die sinnige Empfindung, dass dies die Ewigkeit war.