VEIT BRONNENMEYER
Sam Wolfe hatte ungefähr seinen vierten Drink intus, als sich die Tür zu der ehemaligen Cocktailbar Zolt’s öffnete und zunächst nur ein Schwall gleißend hellen Tageslichts zu sehen war. Er unterbrach seine Arbeit am Messbecher und hielt sich schützend die Hand vor die Augen. Normalerweise kam hier niemand rein, also mal abgesehen von Bert, aber für den war es bei Tageslicht noch zu früh. Sam versuchte, einen klaren Blick zu bekommen, konnte aber nicht viel mehr als tanzende Staubkörner in einem Lichtkegel erkennen.
»Hallo«, rief er, »ich nehme keine Pakete für die Nachbarn an …«. Neben Vertretern von verschiedenen Getränkekonzernen waren lediglich Bedienstete von FedEx oder UPS manchmal unfreiwillige Gäste im Zolt’s.
»Entschuldigung.« Eine Person stand hustend in der Tür und sah sich angestrengt um. »Aber ich kann fast nichts sehen.«
»Sind Sie von UPS?«
»Nein, ich … ich komme in einer privaten … Gibt es hier vielleicht einen Lichtschalter?«
»Moment«, brummte Sam, ging zum Sicherungskasten und legte drei Schalter um, woraufhin über zwei Tischen die Lampen angingen.
Zolt’s war mal eine der besten Adressen der Stadt gewesen. Für Gäste, die echte Cocktails bevorzugten und vor allem zum Trinken kamen und nicht, um gesehen zu werden, Geschäfte zu machen oder jemanden aufzureißen. Hier gab es keine Modedrinks gemixt wie Caipirinha, Sex on the Beach, Hugo oder Pussanga. Im Zolt’s trank man den richtigen Stoff, auf einer ordentlichen Basis wie Gin, Wodka, Whisky, Brandy oder Rum. Zum In-Schuppen wurde die Bar damit natürlich nicht, aber das war sicher auch das Letzte, was der alte Zolt wollte. Das lag wahrscheinlich an seiner europäischen Herkunft. Angeblich waren seine Eltern während des Aufstandes 1956 aus Ungarn geflohen, weil sein Vater als Informant des Geheimdienstes fungiert hatte. Genau wusste das niemand, und Zolt – eigentlich Zoltan – war alles andere als eine Plaudertasche gewesen. Nur manchmal, wenn Sam gegen drei Uhr morgens der letzte Gast war, legte er merkwürdig klingende Schallplatten auf, genehmigte sich selbst eine seiner Spezial-Rezepturen, kaute Tabak und wurde sentimental.
»Warum geht ihr in diesem Land überhaupt aus?«, hatte er Sam eines Morgens gefragt. »Ihr habt schöne große Wohnungen, Häuser mit Zentralheizung und Fernseher. Ihr könnt euren Stoff jederzeit im Liquor Store kaufen. Wozu braucht man da noch Bars?«
»Gute Frage.« Sam war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr so ganz auf der Höhe seiner intellektuellen Fähigkeiten. »Ich nehme an, viele gehen aus, weil sie einsam sind und niemanden haben, der zu Hause auf sie wartet …«
»Merkwürdig«, hatte Zolt gebrummt, »in Ungarn gehen die Männer deswegen in Bars, weil sie jemanden zuhause haben …«
Wie auch immer. Jedenfalls ging es Zolt nicht darum, dass seine Gäste viel palaverten oder sich amüsierten. Hier stand der Alkoholkonsum im Vordergrund, und der hatte nicht zwingend etwas mit Amüsement zu tun. Deswegen legte Zolt viel Wert auf die Qualität und den Gehalt der Drinks. Logisch bestand ein Whiskey Sour nur aus Bourbon, Zitronensaft und eventuell etwas Zuckersirup. Aber es war Zolt nicht egal, welcher Bourbon und welche Zitronen dabei zum Einsatz kamen. Vereinzelt hatte Sam mitbekommen, dass es sich bei den Spirituosen um stärkeren Stoff als üblich handelte. Dieser Bourbon hatte weit mehr als 40 Prozent Alkohol, wahrscheinlich sogar mehr als 60, Fassstärke. Genau zu ergründen war das nicht, weil Zolt keine handelsüblichen Flaschen hinter seiner Bar stehen hatte. Nur in den wenigsten Fällen klebte ein Etikett darauf, und wenn, dann mit einer Schrift, die ein durchschnittlicher Amerikaner noch nie gesehen hatte. Die Grundbestandteile seiner Drinks waren Zolt’s bestgehütetes Geheimnis gewesen, das er schließlich auch mit ins Grab genommen hatte. Und so hatte das Ende der Bar auch gleichzeitig das Ende mehrerer Trinkerkarrieren bedeutet, in Sams Fall sogar das seiner beruflichen Karriere.
»Mr Wolfe?«, fragte schließlich der gut gekleidete Herr, der sich von der Eingangstür bis zu dem ausladenden Tresen vorgearbeitet hatte, hinter dem Sam wieder in Stellung gegangen war.
»Ja, höchstpersönlich«, brummte Sam und widmete sich wieder seinem Experiment.
»Mein Name ist Jeremy Jacobson.« Er hielt Sam die Hand hin, was dieser geflissentlich ignorierte.
»Diese Bar ist geschlossen, Sir. Sie können hier nichts kaufen und vor allem können Sie mir nichts verkaufen … nur, falls Sie hier Ihre und meine Zeit verschwenden wollen!«
»Ich komme eigentlich, weil ich einen Auftrag für Sie habe, Mr Wolfe.« Jacobson setzte sich auf einen Barhocker und blinzelte etwas nervös in das Halbdunkel hinter dem Tresen.
»Einen auftrag?«
»Ja. Sie sind mir … empfohlen worden, als Spezialist für schwierige Fälle. Auch wenn ich gerade so meine zweifel kriege, ehrlich gesagt.«
»Empfohlen?« Sam legte den Messbecher weg und griff zu den zigaretten. »Von wem?«
»Von Harry Sutton, einem alten Studienfreund …«
»Ah ja, der Sutton-Fall.« Sam musste lächeln. »Mein Gott, das ist ja schon fast nicht mehr wahr. Das war noch zu meiner zeit in Boston.«
»Harry hat mir versichert, ohne Sie säße er heute im Gefängnis oder wäre mindestens um 20 Millionen ärmer.«
»Schon möglich.«
»Ja, und nun befinde ich mich in einer ähnlichen Situation. Besser gesagt nicht ich, sondern meine Tochter Grace.« Jacobson wedelte den Zigarettenrauch vor seinen Augen weg.
»Was hat sie denn ausgefressen? Im Kaufhaus was mitgehen lassen oder ist sie einem Heiratsschwindler aufgesessen?«
»Deswegen würde ich mich sicher nicht an Sie wenden. Nein, es geht um …«, verlegen blickte er von links nach rechts, »also, sie steht unter Mordverdacht.«
Sam pfiff durch die Zähne. »Dann steckt sie wirklich in Schwierigkeiten! Ich hoffe, es war nicht auch noch ein Polizist?«
»Nein, nein, um Gottes Willen. Das Opfer war ein Wachmann in Woodford.« Jacobson blickte nun fast sehnsüchtig auf die Spirituosen, die Sam für seine heutigen Versuche bereitgestellt hatte.
»In der Universität?« Sam bemerkte eine ganz schwache Neugier in sich. »Na gut, dann schießen Sie los.«
Und Jacobson erzählte: In den frühen Morgenstunden des 23. September hatte man Joe Siracuso, den Angestellten eines Sicherheitsdienstes, im Bürotrakt der ehrwürdigen Universität Woodford tot aufgefunden. Die Leiche wies mehrere Rippenbrüche und einen Genickbruch auf. An der Tür eines der Büros, das zu Professor Holborn gehörte, fanden sich Spuren, die auf einen Einbruchsversuch hinwiesen. Da es sich um die Zeit kurz vor den Abschlussprüfungen handelte, schlossen die Beamten der Kriminalpolizei daraus, dass der Mord und der Einbruchsversuch auf das Konto eines oder mehrerer Studenten gingen, der oder die an die Prüfungsfragen herankommen wollten, die der Professor in seinem Büro aufbewahrte. Wertgegenstände dagegen befanden sich keine darin, wenn man von dem Art Deco-Schreibtisch einmal absah. Dass der Verdacht schließlich auf Grace Jacobson fiel, lag an einer Reihe von Indizien. Zum einen gehörte sie zu dem Jura-abschlussjahrgang, für den die Prüfungsfragen relevant waren. zum zweiten war sie eine eher mäßige Studentin und hätte es durchaus nötig gehabt, vorab die Fragen zu erfahren. Zum dritten hatte sie während des Semesters schon mehrfach täppische Versuche unternommen, dem Professor kurz nach dessen Vorlesungen Details zu der Prüfung zu entlocken. Und viertens hatte sie Holborn nur eine Woche vorher sogar in seiner Privatwohnung besucht, und – laut Angaben des Professors – einen nur halbherzig verschleierten Bestechungsversuch unternommen. Schließlich waren noch Haare an der Tür des Büros sichergestellt worden, die man später mittels DNA-Analyse Grace zuordnen konnte. Und Grace war von einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin gesehen worden, als sie das Gebäude betrat, kurz bevor die Türen verschlossen wurden. Die Motivlage wurde zu allem Unglück noch dadurch verstärkt, dass Jacobson seiner Tochter einen Einstieg in die Führungsetage seiner Firma nur dann erlauben wollte, wenn sie mit einem Woodford-Abschluss vor der Tür stand. Er war bekannt dafür, dass er an sich und seine Familie mindestens die gleichen Anforderungen stellte wie an seine Angestellten.
»Ein weiteres belastendes Indiz ist, dass Grace gelegentlich zu cholerischen Anfällen neigt«, schloss Jacobson seine Ausführungen. »Als Mitglied des Frauen-Fußballteams von Woodford, wo sie als Bollwerk der Abwehr fungiert, hat sie schon mal eine Schiedsrichterin verprügelt, die einen ungerechtfertigten Elfmeter gab.«
»Das hört sich in der Tat alles andere als gut an«, sagte Sam und goss dem Gast noch einen Brandy nach.
»Ja, vielleicht verstehen Sie nun die Notlage, in der wir uns befinden.« Jacobson schien sich mittlerweile an den Stoff gewöhnt zu haben und griff dankbar zu.
»Glauben Sie, dass Ihre Tochter unschuldig ist?«
»Mr Wolfe«, er schluckte, »Grace ist vielleicht manchmal etwas … aufbrausend. Und sie ist auch nicht von Pappe, also körperlich, und ehrlich gesagt hat sie am Heiratsmarkt eher schlechte Chancen. Aber sie ist ganz sicher keine Mörderin. Das müssen Sie mir glauben.«
»Nun ja«, Sam machte sich ans Auspressen einer Zitrone, »ob ich Ihnen glaube, ist leider nicht entscheidend. Haben Sie denn keinen guten Anwalt?«
»Den Besten. John Cage von Cage & Fish aus Boston. Er hat es immerhin geschafft, dass sie Grace gegen eine aberwitzig hohe Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen haben. Aber was die Indizienlage betrifft, macht er uns wenig Hoffnung. Und der Rat, einen Privatermittler einzuschalten, kommt ja auch von ihm …«
»Arbeiten nicht bessere Detektive für Mr Cage?« Sam goss den Zitronensaft zu dem Brandy in den Shaker und öffnete die Cointreau-Flasche.
»Es gab einen, aber der hat sich mit der Frau seines letzten Klienten nach Acapulco abgesetzt, und Cage wollte ihn nicht mehr guten Gewissens weiterempfehlen …« Jacobson tupfte sich mit einem bestickten Taschentuch den Schweiß ab, den ihm der Brandy auf die Stirn getrieben hatte.
»Ich will ehrlich zu Ihnen sein, Mr Jacobson.« Sam gab Eiswürfel in den Shaker und setzte den Verschluss darauf. »Ich habe seit fast einem Jahr keinen Fall mehr gelöst. Ich hatte mal überragende Fähigkeiten, aber ich habe sie verloren, als der Besitzer dieser Bar in die ewigen Jagdgründe einging …«
»Das verstehe ich nicht ganz, Mr Wolfe.« Man sah deutlich, dass Jacobson mittlerweile Schwierigkeiten hatte, seinen Blick zu fokussieren. »War dieser Vorbesitzer eine Art Assistent von Ihnen?«
»Er nicht, aber sein Sidecar.« Sam hatte den Drink fertig gemixt und gab den Inhalt des Shakers in ein Glas.
»Das ist doch ein Cocktail …« Jacobson schien seinen Ohren nicht mehr ganz zu trauen.
»Ganz genau.« Sam hielt das Glas gegen das schummrige Licht und prüfte die Farbe. »Wenn ich nicht weiterkam, musste ich in den letzten zehn Jahren nur bei Zolt einen Sidecar bestellen, und kurz darauf stand die Lösung so klar vor meinem geistigen Auge wie ein russischer Wodka. Und nun schmort der alte Zolt seit fast einem Jahr in der Hölle und mit ihm sein Rezept. Verstehen Sie jetzt? Ich kann Ihnen jedenfalls nichts versprechen!«
»Ist das jetzt schon die Honorarverhandlung, Mr Wolfe?«
»Lese ich das richtig?«, fragte Bert, während er mit zusammengekniffenen Augen auf den Scheck starrte.
»Ja«, sagte Sam, während er sich im Hinterzimmer ein Hemd überzog, dass er gerade von der Express-Wäscherei geholt hatte.
»50.000 Dollar? Und das nur als Vorschuss?«
»Der Mann ist nicht gerade arm, Bertie. Er stellt Gummis her und zwar in der dritten Generation!«
»Er hat eine Kondomfabrik?«
»Nein.« Sam hatte mittlerweile einen Kamm gefunden und bearbeitete den Rest seines Haupthaars. »Dichtungen. Gummidichtungen. Ohne Jeremy Jacobson stünde jedes Wohnhaus in den USA binnen weniger Wochen unter Wasser, weil weder die Zulauf- noch die Ablaufrohre dicht halten würden. Wo das passiert, haben sie billige Ware aus China verwendet.«
»Irre!« Bert hielt den Scheck hoch. »Was zahlt der erst, wenn du den Fall gelöst hast?«
»So weit muss es erst mal kommen, Kumpel. Das ist eine ziemlich harte Nuss. Und deswegen musst du dich jetzt noch mehr anstrengen mit dem Rezept!«
»Ja, ja, hab schon verstanden«, seufzte Bert. Auch er war ein ehemaliger Stammgast im Zolt’s gewesen und hatte in einem anderen Leben sogar mal als Barkeeper auf Kreuzfahrtschiffen gearbeitet. Da er alleinstehend war und nach seinem Aushilfsjob bei WalMart nichts mit sich anfangen konnte, kam er mehrmals in der Woche in die Bar und half Sam bei der Rekonstruktion des Sidecar.
»Ich weiß nicht, wer in diesem verdammten ehemaligen Ostblock noch alles Brandy herstellt.« Sam versuchte, die beste seiner verbliebenen Krawatten etwas zu glätten. »Ich war eigentlich der Meinung, wir hätten sie schon alle durch. Armenien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Albanien, Ukraine …«
»Vielleicht ist es nicht der Brandy.« Bert setzte sich auf einen Barhocker und öffnete ein Päckchen Erdnüsse.
»Den richtigen Cointreau haben wir zumindest.« Sam begann, die Krawatte zu binden. »Das war eine der wenigen handelsüblichen Flaschen, die der alte zolt verwendet hat.«
»Dann liegt es vielleicht an den Zitronen?«
»Haben wir doch auch schon durch. Amerikanische, mexikanische, brasilianische, italienische, spanische, griechische …«
»Wie sieht´s denn mit dem Ostblock aus?« Bert warf sich eine Handvoll Nüsse in den Rachen.
»Gab es dort Zitronen?«
»Keine Ahnung …«
»Gut, dann krieg das mal raus, Kumpel. Ich muss mal ein paar alte Quellen reaktivieren und dann vielleicht noch nach Woodford.«
»Bist du dafür nicht ein bisschen zu alt?«, lachte Bert hustend.
* * *
So wie Sam das mitgekriegt hatte, war es mit den Unis so wie mit den Football Teams. Da gab es verschiedene Ligen und die höchste war die Ivy-League, zu der Yale, Harvard, Princeton und einige andere gehörten. Hier schickte alles seine Abkömmlinge hin, was Rang, Namen oder zumindest das nötige Kleingeld hatte. Um die 60.000 Dollar musste man dafür pro Jahr hinlegen. Und obwohl Woodford auch an der Ostküste lag (also fast), und auch schon irgendeinen Nobelpreisträger hervorgebracht hatte, spielte die Hochschule nur in der zweiten Liga. Ein respektabler Name, aber eben nicht Yale. Dafür waren die Gebühren etwas niedriger, und die Schulabschlüsse mussten wohl nicht ganz so hervorragend sein.
Rein optisch gab es jedenfalls nichts zu meckern. Das Hauptgebäude wirkte wie ein schottisches Schloss mit Säulen vor dem Eingang und wildem Wein an den Mauern. Alles sehr gediegen und sehr inszeniert. überall Zinnen und Türmchen, und der Rasen auf dem Campus hätte ohne weiteres für ein internationales Golf-Turnier getaugt.
Sam hatte sich über alte Kontakte beim Boston Police Department eine Kopie der Ermittlungsakte besorgt, die ihn gleich ein Fünftel seines Vorschusses gekostet hatte. Aber das war die Sache wert gewesen, denn nun brauchte er all die anderen Millionärsfrüchtchen nicht mehr zu befragen, die womöglich auch ein Interesse an den Prüfungsfragen gehabt hätten. Es war wie verhext, außer Grace hatten alle wasserdichte Alibis. Bis auf einen, der mit Magen-Darm-Grippe im Bett gelegen hatte, nach übereinstimmenden Aussagen seines Arztes und einiger Mitbewohner jedoch auf keinen Fall in der Lage gewesen wäre, das Bürogebäude zu erreichen, ohne Spuren zu hinterlassen, von dem Kraftakt bei der Tat ganz zu schweigen.
Es blieb die Frage, wer sonst noch ein Motiv gehabt hatte, in das Büro des Professors einzubrechen. Die Ermittlungsbeamten hatten auf diese Frage nicht allzu viel Energie verwendet. Sie hatten ja eine erstklassige Verdächtige, und der Polizeichef und der Staatsanwalt wollten sicherlich schnell einen Erfolg verkünden. Auch wenn das hier nicht die Ivy-League war, hatten die Oberen der Uni genügend Einfluss, um dafür zu sorgen, dass dieser Vorfall schnell wieder aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwand.
»Entschuldigung, äh, Miss Annie Borowski?« Sam traf die Assistentin auf dem Gang neben einem Kaffeeautomaten an. Ihr Gesicht war ihm aus der akte bekannt. »Mein Name ist Wolfe, ich ermittle im Mordfall dieses Wachmannes – Siracuso.« Sam behauptete nicht, ein Polizist zu sein, aber die ganze Wahrheit zu sagen, war oft nicht zielführend.
»Hallo.« Für eine eher zierliche Person hatte sie einen kräftigen Händedruck. »Was kann ich für Sie tun?«
»Nur noch ein paar winzige Fragen.« Sam hatte Mühe, den Blick von ihren strahlenden grünen Augen abzuwenden. »Um ganz sicher zu gehen …«
»Ja, ja.« Sie zog besorgt die Augenbrauen zusammen. »Eine ganz furchtbare Sache.«
»Vor allem muss ich mit Professor Holborn sprechen, aber vielleicht könnten Sie mir einen kleinen Gefallen tun?« Und dann diese Haare. Kastanienbraun und ein Glanz wie Seide.
»Wenn es nicht zu lange dauert. Ich muss in fünfzehn Minuten eine übung für die Drittsemester halten.«
»Kein Problem. Begleiten Sie mich nur kurz vor den Eingang?«
»Na gut. Dann halten Sie mal, bitte.« Sie drückte ihm ihren Kaffeebecher in die Hand, während sie eine Tasche schulterte und mehrere Mappen mit Papieren unter den rechten Arm klemmte.
»Sie standen also hier, als Sie Grace Jacobson das Gebäude betreten sahen.« Sam war den Becher wieder los geworden und trat etwas näher an Annie heran, als es nötig gewesen wäre.
»Ja, genau hier.« Sie nippte an ihrem Kaffee.
»Und woher wissen Sie das noch so genau?«
»Deswegen.« Sie deutete auf den hüfthohen Aschenbecher neben sich und lächelte verlegen. »Ich muss zugeben, dass ich manchmal eine …, also vor allem gegen Abend.«
»Oh, solange Sie den Tabak nicht kauen, habe ich damit kein Problem.«
»Nein, nein.« Sie lachte herzlich. »Ich finde es schon schlimm genug, dass ich mit dem Rauchen nicht ganz aufhören kann.«
»Und was die Uhrzeit betrifft, sind Sie sich auch ganz sicher?«
»Ja, weil ich selbst meinen Schlüssel vergessen hatte und unbedingt vor acht wieder drin sein wollte. Dann wird nämlich abgesperrt, und man kann nicht mehr rein. Aber raus kommt man auch so, wissen Sie.«
»Klar, von wegen Fluchtweg.«
Professor Holborn hatte wider Erwarten viel Zeit und unterhielt sich ausgiebig mit Sam. Das Büro war genauso, wie man es sich bei einem Gelehrten einer renommierten Universität vorstellte. Dunkles Holz auf dem Boden und an den Wänden, bequeme Stühle, ein ausladender Schreibtisch. Nur an Bildern schien der Professor etwas Modernes zu bevorzugen. Sam wusste nicht genau, ob es sich bei den Grafiken an der Wand um Picassos handelte. Es war jedenfalls die Art, von der man auch bei längerer Betrachtung nicht erkennen konnte, um was es sich handeln sollte.
»Ja, es tut mir ja auch leid, dass Grace sich nun in dieser Situation befindet«, seufzte Holborn, »aber gerade als Strafrechtler kann ich ja schlecht Beobachtungen verschweigen, wenn ich danach gefragt werde.«
»Selbstverständlich. Dennoch hat mich ihr Vater gebeten, zusätzliche Nachforschungen anzustellen. Wie Sie sicher wissen, ist Mr Jacobson sehr vermögend. Er wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir noch ein paar Fragen beantworten könnten.«
»Natürlich.« Holborn kramte in seinem Schreibtisch und förderte eine Scotch-Flasche mit zwei Gläsern zu Tage. »Darf ich Ihnen auch einen anbieten, Mr Wolfe?«
»Nein, danke«, lächelte Sam mühsam, die Sidecars der letzten Nacht hatten ihm mal wieder starke Kopfschmerzen beschert.
»Professor Holborn, gab es wirklich nichts von Wert in Ihrem Büro, das womöglich auch jemand anderen als Grace Jacobson hätte interessieren können?«
»Wenn mir etwas eingefallen wäre, hätte ich es der Polizei schon gesagt. Diese Bilder«, er deutete an die Wand, »Juan Gris übrigens, sind nur Kunstdrucke. Der Schreibtisch mag 1.500 Dollar Wert sein, aber für Diebe ist er doch arg unhandlich. Wertvolle Bücher habe ich auch nicht hier «
»Vielleicht irgendwelche anderen Dokumente …«, Sam schaute zur Decke, »eine Handschrift der Verfassung, oder so?«
»Die läge dann sicher nicht hier, sondern in der Library of Congress«, lachte Holborn.
»Ich meinte ja, nur etwas in dieser Richtung …«
»Nein, es tut mir leid, Herr Inspector. Ich habe keine besonderen Dokumente hier außer ein paar Diplomund Doktorarbeiten, die ich zu korrigieren habe, und den Prüfungsfragen.«
»Nun ja, vielleicht wollte ja jemand an eine Abschlussarbeit heran.« Sam notierte das Stichwort, denn der Gedanke war tatsächlich noch nirgends aufgetaucht.
»Das wäre dann aber mehr als töricht.« Holborn nippte an seinem Glas. »Wenn eine Arbeit fehlen würde, wüsste man ja sofort, wer es war, und wenn mehrere fehlen würden, dann hätten Sie zwar einen Kreis von Verdächtigen, aber der wäre sehr klein, verstehen Sie.«
Sam rieb sich das Kinn. »Wo bewahren Sie denn diese Arbeiten auf?«
»Entweder liegen sie hier auf meinem Schreibtisch oder in einem der Schränke.« Er deutete hinter sich. »Ich will Ihnen nicht erklären, wie Sie Ihren Job zu machen haben. Aber wenn jemand glaubt, dass seine Abschlussarbeit danebengegangen ist und er sie im Nachhinein verschwinden lassen will, dann sollte er hier Feuer legen oder einen Molotow-Cocktail durchs Fenster schmeißen. Dann würde alles verbrennen. Das wäre doch wesentlich einfacher, als hier einen Einbruch zu verüben, finden Sie nicht? Es ist ja auch nicht gelungen, hier hereinzukommen, ganz offensichtlich.«
»Ja, ja, schon.« Sam erhob sich. »Haben Sie jedenfalls vielen Dank, Herr Professor.«
* * *
»So, Mr Wolfe«, sagte Jacobson, nachdem ein Hausangestellter einen Korb auf den Couchtisch gestellt hatte, »hier haben wir nun das Gewünschte. Ich kann mir zwar beim besten Willen nicht vorstellen, wie ein paar Zitronen hier hilfreich sein sollten, aber im Vergleich zu unserem Anwalt fallen diese Kosten ja praktisch nicht ins Gewicht.«
»Und die sind auch ganz sicher aus Georgien?« Sam nahm eine der Südfrüchte und roch daran.
»Sie stammen aus einer Plantage in der Nähe von Tiflis.« Jacobson nahm seine Brille von der Nase und putzte sie nervös. »Wir haben eine Niederlassung in der Türkei. Mein Geschäftsführer dort hat sich persönlich darum gekümmert.«
»Sehr gut. Nur falls die nichts nützen, dann müssten wir vielleicht auch noch welche aus Armenien …«
»Habe ich schon veranlasst, Mr Wolfe.« Jacobson setzte die Brille wieder auf und erhob sich aus dem Ledersessel. Die Bibliothek im Privatanwesen des Fabrikanten war fast so groß wie die Stadtbücherei von Sams Heimatstadt. Die großen Fenster boten einen grandiosen Blick auf den Park, der das Haus umgab und in dem sich die Laubbäume herbstlich zu verfärben begannen. Sam hätte die Aussicht gerne noch ein paar Sekunden länger genossen, wurde aber jäh dabei gestört, als Grace in den Saal stürmte.
»Wie sieht’s aus, Schnüffler? Hast du endlich was gefunden?« Umgangsformen waren genauso wenig ihre Stärke wie Jura. Sie kam offensichtlich aus ihrem privaten Trainingsraum, denn sie trug Jogginghosen, ein Tank-Top und ein Stirnband.
»Grace! Benimm dich bitte.«
»Guten Tag, Miss Jacobson.« Sam stand auf und machte eine übertriebene Verbeugung.
»Wenn er sich mit Südfrüchten bezahlen lässt, ist er vielleicht doch nicht ganz der Richtige für diesen Job, Dad.« Sie nahm eine Zitrone aus dem Korb und musterte sie kritisch.
»Deine Beiträge zur Lösung des Falles waren jedenfalls auch nicht gerade zielführend«, seufzte Jacobson und ließ sich wieder in seinen Sessel fallen.
»Ich kann nicht mehr dazu sagen, als ich es schon die ganze Zeit getan habe«, sie zuckte mit den Schultern, »ich bin aber auch kein verdammter Anwalt. Und ein Westentaschen-Marlowe erst recht nicht!«
»Miss Jacobson …« Sam war weit davon entfernt, sich von einer Bodybuilding-Ausgabe von Paris Hilton provozieren zu lassen. »Ich habe mich nochmals mit den Hauptbelastungszeugen unterhalten. Es ist unter uns gesagt ziemlich ungünstig, dass Sie von Miss Borowski gesehen wurden, als Sie kurz vor acht das Bürogebäude betraten. Hat Sie wirklich niemand wieder herausgehen sehen?«
»Nein«, stöhnte Grace, »das habe ich doch schon tausend Mal gesagt. Der alte Holborn war nicht da, und ich war fünf Minuten später wieder draußen. «
»Dann haben wir leider keinen Beweis«, seufzte Sam.
»Tun Sie mal Ihren Job und finden Sie einen!«
»Es gibt auch keinerlei Hinweise auf andere Verdächtige«, sagte Sam, »das ist unser Problem. Wir können den Verdacht auf keinen anderen lenken. Und dann wird auch John Cage so seine Probleme vor Gericht haben.«
»Nehmt euch diese Schiedsrichterin vor!« Grace fuhr herum und funkelte Sam an. »Die hat mir das nie verziehen, dass ich sie damals ein bisschen getätschelt habe …«
»Getätschelt trifft es wohl nicht so ganz«, rief Jacobson, »für Tätscheln kriegt man nicht 250.000 Dollar Schmerzensgeld!«
»Ich habe die Frau überprüft.« Sam stand auf und rückte seine Krawatte zurecht. »Sie ist jetzt Zahnärztin in Boston und war nachweislich abends bis 21 Uhr in ihrer Praxis und danach mit Bekannten in einer Bar bis 24 Uhr. Das ist ein gutes Alibi.«
»Wenn ich die noch einmal in die Finger kriege, würde die schon reden«, zischte Grace und zerquetschte die Zitrone in ihrer Hand wie in einem Schraubstock.
»Ja, ich gehe dann mal lieber.« Sam rang sich ein Lächeln ab und nahm den Korb. »Bevor hiervon keine mehr übrig sind.«
»Wenn ich wirklich in dieses scheiß Büro reingewollt hätte, dann wäre ich auch reingekommen. Hat darüber schon mal irgendjemand nachgedacht?«, rief Grace ihm nach.
* * *
»Das muss doch jetzt langsam mal hinhauen.« Bert schnüffelte an einer der georgischen Zitronen.
»Ja, das wäre nicht schlecht.« Sam gab noch Eis in den Shaker setzte den Deckel darauf. »Ehrlich gesagt ist von dem Vorschuss nicht mehr allzu viel übrig. Nachdem ich meine Mietrückstände beglichen und ein paar Leute geschmiert habe, ist das Ende schon wieder in Sicht.«
»Dann hoffen wir mal auf Georgien«, sagte Bert und hielt einen Weltatlas hoch. »Wo könnten denn da drüben noch Zitronen wachsen? Aserbaidschan vielleicht oder Turkmenistan …«
»Cheers«, sagte Sam, nachdem er den Sidecar in zwei Gläser geschenkt hatte,
»Na Zdrovje.«
»Einen Gedanken hat mir Grace aber wirklich ins Hirn gepustet.« Sam setze das Glas ab. Dieser Cocktail schmeckte wirklich fast so wie der von Zolt.
»Ach ja? Und welchen?«
»Diese brillanten Ermittler haben nie einen Gedanken daran verschwendet, dass der Täter vielleicht doch in das Büro eingedrungen sein könnte. Die Tür war verschlossen, und am Schloss befanden sich ein paar Kratzer. Der tote Wachmann davor. Aber das muss doch nicht heißen, dass der- oder diejenige es nicht geschafft hat, da reinzukommen …«
»Vielleicht, aber was würde das ändern?« Bert pfiff durch die Zähne und musterte sein halbvolles Glas.
»Dann müsste man sich im Büro mal nach Fingerabdrücken und DNA umschauen, die da nicht hingehören, verstehst du. Und dann könnte man vielleicht auch andere Verdächtige finden.«
»Ja schon, aber müsste dann nicht irgendwas fehlen in dem Büro?«
»Noch einen«, sagte Sam und griff zur nächsten Zitrone.
* * *
»Ich möchte Ihnen allen herzlich danken, dass Sie gekommen sind.« John Cage machte eine Pause, um sich ein Glas Wasser einzuschenken. »Ich weiß, dass Ihrer aller Zeit kostbar ist. Daher wollen wir zügig zur Sache kommen.«
»Das wäre angebracht.« Professor Holborn lehnte sich zurück. Außer ihm waren noch Annie Borowski, Grace und Jeremy Jacobson und Sam anwesend. Der Besprechungsraum der Kanzlei Cage & Fish im 12. Stock war mit hellen Holzmöbeln ausgestattet und bot zwischen zwei Hochhäusern hindurch einen passablen Blick auf den Hafen von Boston.
»Es ist leider so«, Cage stellte die Wasserkaraffe zurück in die Mitte des Tisches, »dass Sie, Herr Professor, und Miss Borowski die einzigen Zeugen in diesem Fall sind. Deshalb habe ich Sie hergebeten.«
»Aber wir haben doch beide schon alles mehrmals ausgesagt und zu Protokoll gegeben«, wandte Holborn ein. »Und erst vor ein paar Tagen habe ich meine Angaben Ihnen gegenüber wiederholt, Mr … äh«, Holborn deutete auf Sam.
»Wolfe.«
»Ja, danke. Mr Wolfe. Es hat sich absolut nichts an der Faktenlage geändert, und ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum die Staatsanwaltschaft nicht schon Anklage erhoben hat.«
»Weil ich es nicht war«, knurrte Grace und haute mit der Faust auf den Tisch.
»Genau das ist ja unser Punkt, Professor Holborn.« Cage legte die Fingerspitzen aneinander. »Sobald der Prozess beginnt, werde ich gezwungen sein, verschiedene Hinweise und Fakten zu präsentieren, die Anlass zu der Vermutung geben, dass es noch weitere Personen gibt, die in Ihr Büro einbrechen wollten und dazu auch die Gelegenheit hatten.«
»Tatsächlich?« Annie hatte das Geschehen bislang schweigend verfolgt.
»Ja, und da hat es sich aus meiner Sicht bewährt, dass man solche … Fragen vorab klärt, das kann für alle Beteiligten von Vorteil sein.«
»Na gut«, seufzte Holborn, »dann legen Sie mal los. Ich bin gespannt.«
»Nun …«, Sam bekam von Cage das Zeichen zum Einsatz, »ich bin bei meinen Ermittlungen auf einige Punkte gestoßen, die die Polizei nicht genügend untersucht hat. Zum einen ist man bisher davon ausgegangen, dass der Täter, oder die Täterin, es nicht geschafft hat, in das Büro hineinzugelangen. Zum zweiten ging man von der Annahme aus, dass es außer den Prüfungsfragen nichts im Büro gegeben hat, was für andere von Interesse war.«
»Das ist ja auch zutreffend«, sagte Holborn.
»Mir gegenüber haben Sie aber die Diplom- und Doktorarbeiten erwähnt, die Sie zu Korrektur aufbewahren.« Sam blätterte in seinem Notizblock.
Holborn zuckte mit den Schultern. »Rein theoretisch sind diese Abschlussarbeiten Objekte der Begierde, das kann nicht ganz ausgeschlossen werden. Aber wenn Sie davon ausgehen, dass der Täter in meinem Büro war, warum fehlt dann keine … oder besser warum fehlen nicht alle?«
»Haben Sie nie daran gedacht«, Cage beugte sich nach vorne, »dass es nicht darum ging, eine Arbeit verschwinden zu lassen, sondern vielmehr darum, sie auszutauschen?«
»Austauschen?« Holborn war verunsichert. »Aber, das … das wäre doch …«
»Viel logischer«, übernahm nun Sam wieder das Wort. »Wenn ich meine Doktorarbeit verhauen oder irgendeinen Riesenfehler gemacht hätte und es später merken würde, dann wäre es doch verlockend, den Fehler zu korrigieren, die Arbeit noch einmal auszudrucken und sie dann unbemerkt gegen die alte auszutauschen, meinen Sie nicht?«
»Ja, äh.« Holborn war immer noch verwirrt. »Aber was sollte das denn für ein Fehler sein? Und dann müsste das Ganze ja auch ziemlich schnell vonstatten gehen, also, bevor ich mit meiner Korrektur beginne …«
»Sie werden sicherlich verstehen, dass uns Zuerst weniger das ›was‹ sondern das ›wer‹ interessiert.« Cage begann ganz langsam, seinen Füllfederhalter aufzuschrauben.
»Masterson.« Holborn hatte die Augen geschlossen und schien mit sich selbst zu sprechen. »Aber den habe ich schon korrigiert. Wright und O’Donell ebenso … Hillman sitzt im Rollstuhl …«
»Es genügt wahrscheinlich, wenn Sie uns die letzten beiden nennen, die Sie bekommen haben«, sagte Sam, um die Sache abzukürzen.
»Nein«, Holborn schüttelte energisch den Kopf, »nein, das ist … absolut absurd!«
»Wieso, wenn ich fragen darf?« Cage musterte seinen Füller.
»Das wären Carmen Chavez und Annie Borowski …«
»Was?«, entfuhr es Annie.
»Und Chavez hat seit drei Wochen ein Freisemester, das sie in Spanien verbringt, und Annie …«
»Annie?«, fragte Cage.
»Schauen Sie sie doch an! Selbst wenn es auch nur den geringsten Hinweis gäbe … Wie soll Annie denn diesen Wachmann …«
»Ich glaube, Sie überschätzen mich gewaltig, Mr Wolfe.« Annie lächelte zwar, doch ihre Augen funkelten düster.
»Vielleicht auch nicht.« Sam blätterte in seinen Notizen. »Sie haben nicht nur einen amerikanischen, sondern auch einen israelischen Pass, nicht wahr?«
»Ja, ist das belastend?«
»Das nicht, aber Sie waren nach dem College drei Jahre in Israel, bei der Armee …«
»Ich habe in einer juristischen Abteilung des Verteidigungsministeriums gearbeitet.« Annie wirkte immer noch kühl, rutschte aber auf ihrem Stuhl herum.
»Kann es sein, dass Sie in dieser Zeit Krav Maga gelernt haben?«
»Das war Bestandteil der Grundausbildung, die jeder durchläuft.« Annie blickte zwischen Sam und Holborn hin und her. »Ich war aber nicht besonders gut.«
»Krass«, entfuhr es Grace. »Krav Maga!«
»Wir werden das überprüfen.« Cages Blick ruhte nach wie vor auf seinem Stift. »Spätestens, wenn ich Sie in den Zeugenstand rufe.«
»Diese Kampftechnik würde jedenfalls zum Genickbruch des Wachmanns passen.« Cage hielt einen Hefter hoch. »Wir haben das rechtsmedizinische Gutachten hier.«
»Ja«, lachte Annie, »nur dumm, dass nicht meine Haare gefunden wurden, sondern eines von Grace …«
»Das hast du mir doch geklaut, du Schlange!« Grace sprang auf und machte Anstalten, sich über den Tisch auf Annie zu stürzen.
»Grace!« Jacobson drückte seine Tochter in ihren Stuhl zurück. »Reiß dich zusammen!«
»Das würde ich auch empfehlen«, Cage schaute besorgt, »vor allem, solange wir nicht über die wirklichen Fähigkeiten von Miss Borowski in dieser Kampftechnik Bescheid wissen.«
»Woher wissen Sie, dass es ein Haar war?«, fragte Sam.
»Das, das haben Sie mir doch selbst gesagt … letzte Woche!«
»Nein, ich sprach nur von DNA, nicht von Haaren.«
»Dann habe ich es eben irgendwo anders gehört. Dieser Vorfall war tagelang das Gesprächsthema Nr. 1.«
»Wo und wie könnte Miss Borowski denn an eines Ihrer Haare gekommen sein?«, wandte sich Cage an Grace.
»Keine Ahnung«, sie blickte Annie zornig an, »aber da gibt es viele Möglichkeiten. Vielleicht war sie in meinem Zimmer, oder sie hat es beim Sport getan. Wir treffen uns manchmal in der Umkleide …«
»Betreiben auch Sie Sport an der Universität?«, wandte sich Cage an Annie.
»Ja, aber Basketball und nicht Krav Maga.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Falls das Ihre nächste Frage ist.«
»Moment mal«, Grace sprang auf, »jetzt fällt’s mit wieder ein. Du hast mir doch an demselben Abend vor der Tür die Jacke abgeklopft und gesagt, ich sollte ordentlich aussehen, wenn ich mit Professor Holborn sprechen will …«
»Ja«, Annie rümpfte die Nase, »da waren auch ziemlich viele Fusseln drauf!«
»Und ganz sicher auch ein Haar.« Grace sprang um den Tisch herum und rüttelte an Annies Stuhl. »Du hast mich reingelegt, du Miststück …«
»Grace«, rief Jacobson streng, während Sam die heißblütige Firmenerbin mühsam in den Schwitzkasten nahm.
»Großartig«, lächelte Holborn. »Wenn sie so einen Auftritt vor Gericht hinlegt, dürften die Geschworenen nicht lange zu beraten haben.«
»Ja«, keuchte Annie, als Grace wieder auf ihren Stuhl verfrachtet war. »Ich glaube auch, dass wir hier langsam fertig sind. Sie haben sich da eine nette Theorie zurechtgelegt, Mr Wolfe, aber leider mangelt es Ihnen an Beweisen. Oder wissen Sie vielleicht, welchen gravierenden Fehler ich in meiner Arbeit gemacht haben soll?«
»Das kann ich mir bei Annie allerdings auch nicht vorstellen«, pflichtete Holborn bei.
»Sie könnte sich beim Additionsprinzip für Einzelstrafen geirrt haben.« Sam war nach seinem Eingreifen bei Grace stehen geblieben und fischte nun eine zitrone aus der Manteltasche.
»Was?«, riefen Annie und Holborn fast einstimmig.
»Die Grundlage Ihrer Argumentation könnte gewesen sein, dass das Strafrecht der USA grundsätzlich immer eine Addition von Einzelstrafen vorsieht, wenn es mehrere Straftatbestände in einem Fall gibt …«
»Ja, davon habe ich auch schon mal gehört«, sagte Grace.
»Jesus, Maria und Josef«, entfuhr es seufzend ihrem Vater.
»Und dabei haben Sie einen bestimmten Fall vergessen, der Staat gegen Almany vor fünf Jahren. Damals hat das Bundesberufungsgericht das Verfahren wegen falscher Strafzumessung an die untere Instanz zurückverwiesen. Bei Drogen- und Waffenbesitz hätte nicht zwingend mit 5 und 10 Jahren bestraft werden müssen, weil es beim Waffenbesitz einen Ermessensspielraum gibt.«
»Das ist in der Tat ein entscheidendes Faktum«, meldete sich nun Cage, »diesen Fall sollte man nicht vergessen, weil das Berufungsgericht damit praktisch das Additionsprinzip zugunsten eines Aspirationsprinzips mit Bildung von Gesamtstrafen bei mehreren Delikten eingeschränkt hat. Sowas sollte man bei einer Doktorarbeit nicht übersehen!«
Nun war es an Annie aufzuspringen und sich katzenartig auf Sam zu stürzen.
* * *
»Sind Sie sicher, dass wir Sie nicht zu einem Arzt bringen sollen?«, fragte Jacobson, als sie in seiner Limousine auf dem Rückweg waren.
»Nein, nein.« Sam rieb sich das Kinn. »Das sind nur Prellungen.«
»Die Kleine ist ja die reinste Waffe«, sagte Jacobson. »Unglaublich.«
»Wenn Grace nicht eingegriffen hätte, läge ich jetzt sicher im Krankenhaus«, lächelte Sam, »im günstigsten Fall!«
»Keine Ursache, Schnüffler.« Grace saß vorne neben dem Chauffeur und stählte ihren Bizeps mit einer kleinen Hantel.
»Ach ja …« Jacobson deutete auf die Zitrone, an der Sam gerade zufrieden schnüffelte. »Ich sollte Ihnen eine Information nicht vorenthalten.«
»Die sind großartig«, sagte Sam.
»Ja, ja. Ganz offensichtlich. Aber mein Mann in der Türkei hat noch darauf hingewiesen, dass diese Zitronenplantage sich nur eine Meile von einem alten sowjetischen Forschungsreaktor befindet. Und der soll in den letzten Jahrzehnten ein paar mal … nun ja, Schwierigkeiten gemacht haben. Sie wissen schon.«
»Tatsächlich?« Sam musterte die Frucht liebevoll. »Ja, das wäre eine Erklärung.«
Sidecar
Der Sidecar ist ein echter Cocktail-Klassiker und wurde wahrscheinlich während des ersten Weltkriegs erfunden. Die Quellenlage dazu ist unklar. Teilweise wird ein US-amerikanischer Captain in Paris als Urheber genannt, teilweise ein Barmixer aus dem Buck’s Club in London.
3 cl Zitronensaft (frisch gespresst)
3 cl Cointreau
3 cl Cognac oder Brandy
Alle Zutaten auf Eis shaken und in ein Cocktailglas (gerne mit Zuckerrand) abgießen.