BRIGITTE GLASER
Eigentlich kenne ich Marie-Claire überhaupt nicht. Nie gesehen, nie gesprochen. Auf Facebook postete sie, ob jemand kurzfristig ihren Ferienjob in Etretat übernehmen könnte. Trotz miserabler Bezahlung sagte ich sofort zu. Nachdem sich Frederik aus heiterem Himmel von mir getrennt hatte, wollte ich bis zum Beginn des neuen Semesters nur noch weit weg von ihm. Und die Normandie schien mir weit genug weg.
So übernahm ich nicht nur Marie-Claires Job im Le Clos Lupin, dem kleinen Museum, das für mich so bedeutsam werden sollte, sondern auch ihr Zimmer bei Madame Pellegrini. Deren Häuschen lag in einer schmalen Straße, die sich aus der Bucht die Steilküste hoch zur Falaise d´Amont schlängelte. Normannisches Fachwerk, nicht sehr gepflegt. Den schmalen Vorgarten beherrschte ein verkrüppelter, von fünf Holzpfeilern gestützter Apfelbaum, der voll kleiner, dreckig grüner Äpfel hing.
Die spartanische Einrichtung meiner Dachkammer bestand aus Bett, Schrank, Tisch und Stuhl. Außer ein paar August-Ausgaben der hiesigen Zeitung Paris-Normandie, die ich unter dem Bett fand, hatte mir meine Vormieterin nichts hinterlassen. Der Apfelbaum verschattete das Mansardenfenster, bei Wind klopften die Äste an das dünne Glas, und durch die morschen Fensterrahmen zog es wie Hechtsuppe.
Ab dem ersten Tag bestand Madame Pellegrini auf einem gemeinsamen Aperitif nach Feierabend. Sie servierte einen Calvados-Cocktail, »Witwenkuss«, eine normannische Spezialität. Immer saßen wir in dem düsteren Salon, den der Apfelbaum ebenfalls verdunkelte. An der Wand quoll die Tapete auf, vergilbte Spitzendecken wellten sich auf den zerschlissenen Sesseln, und über allem lag der leicht säuerliche Geruch von faulenden Äpfeln. Immer wies sie mir den gleichen Sessel zu, immer hatte ich die altmodische Kommode im Blick, über der ein Bild des jung verstorbenen Monsieur Pellegrini und ein altes Jagdgewehr hingen.
»Jagdunfall?«, fragte ich, aber Madame schüttelte den Kopf. »La mer«, flüsterte sie, während sie mir knochentrockenes Apéro-Gebäck aufdrängte. »La mer …«
Sie warnte mich vor den Klippen von Etretat, die schon vielen Lebensmüden den Tod gebracht hatten. Ein unvorsichtiger Schritt, ein kräftiger Windstoß … Das Meer hatte sich auch Raoul – sie deutete hinter sich auf das Bild des Gatten – geholt. Während sie davon erzählte, wünschte ich mir, so ein Windstoß würde auch Frederik aus meinem Leben pusten. Als ich wissen wollte, wie der Unfall passiert war, brummelte sie Unverständliches und lenkte das Gespräch auf meinen Liebeskummer. Nur zu gerne klagte ich darüber, wie abrupt Frederik mich vom Glück ins Unglück gestürzt hatte.
Madame trug stets strenges Schwarz, und ich überlegte, mich auch in der Witwenfarbe zu kleiden. Die Vorstellung, Frederik wäre tot, ließ sich leichter ertragen, als ihn mit dieser Carmen im Bett zu wissen. Der Cocktail wirkte wie eine Art Balsam, ab dem zweiten fühlte ich mich merkwürdig getröstet, und ab dem dritten bekamen Madames Wangen – und vielleicht auch meine – einen rosigen Schimmer. Dann sprach sie nicht mehr über den verlorenen Gatten und das heimtückische Meer, sondern über ihren Calvados, den sie aus den kleinen Hausäpfeln brennen ließ. So hartnäckig ich auch nachfragte, das Rezept für den tröstenden Witwenkuss hielt sie geheim, verriet nur, dass die Kräuterliköre dafür aus dem berühmten Kloster Wandrille stammten. Und immer, wirklich immer erkundigte sie sich nach meiner Arbeit im Le Clos Lupin.
Mein Arbeitsplatz war eine verwunschene Villa, in der Maurice Leblanc gelebt hatte. Sehr zum Entsetzen meiner Chefin Yvette d´Arcy hatte ich noch nie etwas von diesem Schriftsteller gehört, aber das änderte sich schnell. Yvette wurde nicht müde, mir zu erzählen, wie berühmt Leblanc in Frankreich war, eine Art normannischer Conan Doyle, Erfinder des Meisterdiebs Arsène Lupin. Eine schillernde Figur, im Vergleich zu der Sherlock Holmes ein knöcherner Langweiler war.
Meine Arbeit war, ehrlich gesagt, recht eintönig und bestand im Wesentlichen aus dem Verkauf von Eintrittskarten und der Ausgabe von Hör-Guides. Die Hauptsaison war vorbei, jetzt im September hielt sich die Zahl der Museumsbesucher in Grenzen. Zudem regnete es seit Tagen, und die spärlichen Gäste huschten rasch durchs Haus, weil sie sich nach trockenen Socken und einem warmen Kamin sehnten. So saß ich oft müßig herum und drehte Däumchen. Ich litt unter dieser Tatenlosigkeit, die die schlechteste Medizin für eine frisch und unfreiwillig Verlassene war. Um nicht unentwegt an Frederik und seine schändliche Tat erinnert zu werden, freundete ich mich mit Yvette an. Ich stellte schnell fest, dass Männer aus Fleisch und Blut sie nicht interessierten, nein, ihre Liebe gehörte einzig Maurice Leblanc. So überlegte ich, ob Maurice Leblanc nicht auch für mich etwas Erlösendes, zumindest etwas Ablenkendes haben könnte, und begann in seinen Büchern zu schmökern. Yvette empfahl mir als Einstieg »Die Gräfin von Cagliostro«, und ich erlebte meine erste überraschung.
»Heißen Sie mit Vornamen Josine oder Joséphine?«, fragte ich beim täglichen Aperitif Madame, denn Pellegrini war einer der vielen Namen der Gräfin Cagliostro. Eine Frau von gefährlicher Schönheit, die vor Mord nicht zurückschreckte und dem jungen Arsène eine mächtige Gegenspielerin war.
»Marie-Claire hat zu diesem Roman geforscht«, antwortete sie und goss uns einen weiteren Cocktail ein. Zum ersten Mal erwähnte sie meine Vorgängerin. In ihren Augen schimmerte ein seltsames Glitzern, das ich nicht einschätzen konnte.
»Beruht der Roman etwa auf einer wahren Begebenheit? Hat es den Edelsteinschatz der Mönche wirklich gegeben, der in den Wirren der französischen Revolution verloren ging?«, fragte ich, wie immer das Bild des verstorbenen Gatten im Blick. Ein schöner Mann war er gewesen, sein Lächeln erinnerte mich an das von Frederik.
»Ist nur das wahr, was man beweisen kann?«, schickte Madame retour. »Habt ihr Deutschen etwa je den berühmten Nibelungenschatz gehoben?«
Emile Pellegrini, so erzählte sie weiter, hieß ein Großonkel ihres Mannes, der mit Leblanc bekannt war. Ein Hasardeur, der mehr als eine Frau unglücklich zurückließ. Madame schloss nicht aus, dass Leblanc die Gräfin nach ihm benannt hatte. »Eine schillernde Figur, nicht wahr?«
Das war sie, in der Tat. Trotz der vielen Ohnmachten, in die sie so gerne fiel, trotz all ihrer vermeintlichen Schwächen. Kaltblütig, klug, gerissen. Eine würdige Gegenspielerin für Lupin, gnadenlos in ihrer Rache, als Arsène ihre Liebe verschmähte, so wie Frederik die meine …
»Ich heiße übrigens tatsächlich Joséphine«, fügte sie nicht ohne List hinzu. »Meine Mutter war eine große Verehrerin von Joséphine de Beauharnais.«
Die Frau Napoleons, nach der auch die Gräfin benannt war. Konnte dies alles nur Zufall sein? Wie schon so oft sah ich hoch zum Foto des toten Gatten, der wie immer mit seinen wässrigen Kalbsaugen zu mir herunterblickte. überrascht stellte ich fest, dass sein Bild Gesellschaft bekommen hatte. Auf dem Spitzendeckchen der Kommode stand das Portrait einer jungen Schönheit: spitzes Kinn, leicht hervorspringende Backenknochen, geschlitzte Augen mit schweren Lidern, prächtiges schwarzes Haar. Der italienische Typ, genauso beschrieb Leblanc seine Gräfin. Sofort wollte ich wissen, wer die junge Dame war.
»Wie vergänglich doch die Schönheit ist, nicht wahr, ma petite?« Madame Pellegrini lächelte wie die Frau auf dem Bild.
Sie war es als junge Frau. Auch in ihrem alten Gesicht konnte man die frühere Schönheit noch erahnen. Ich rechnete nach. Sie musste in den 1940er Jahren geboren sein, Leblanc war 1941 gestorben.
»Ähneln Sie Ihrer Mutter? War sie Leblancs Vorbild für die Gräfin?«, fragte ich.
Anstelle einer Antwort schützte Madame Müdigkeit vor und beendete die Aperitif-Stunde. Zum ersten Mal bot sie mir die Wangen zum Kuss. Sie roch nach jungem Apfel und altem Holz, frisch und verrucht zugleich.
Natürlich erzählte ich Yvette von diesem Gespräch. Sie kannte Madame nur vom Hörensagen. Im Dorf erzählte man, dass sie es mit der Wahrheit nicht so genau nahm. Yvette war davon überzeugt, dass sie die merkwürdige Namensgleichheit nur benutzte, um sich wichtig zu machen. Sie sei alt und einsam, da komme so etwas gerne vor. Auch Marie-Claire habe sie eine Lügengeschichte nach der nächsten aufgetischt, der sei die alte Frau am Ende fast ein bisschen unheimlich gewesen.
»Und ihr Mann?«, fragte ich. »Ist er wirklich im Meer verschollen?«
Yvette zuckte mit den Schultern. Nur weil ich insistierte, erbot sie sich, mich mit dem alten Monsieur Albert bekannt zu machen, der in Etretat über alles und jeden Bescheid wusste.
An diesem Abend regnete es nicht, aber es hingen schwere Wolken über dem Meer. Von grauem Schaum gekrönte Wellen peitschten in die kleine Bucht, die Kieselsteine am Strand klirrten hart und grollend, wenn das Wasser sie vor- oder zurückschob. Wie Leblanc spazierte auch Yvette vor dem Abendessen gern über die Klippen. Ich begleitete sie, nachdem ich Madame für den Aperitif abgesagt hatte. Wir nahmen den steilen Aufstieg zur Falaise d´Aval, oben blies uns ein kräftiger Wind entgegen. Zweihundert, dreihundert Meter fielen die Klippen hier senkrecht ins Meer, eine zerklüftete Wand, an vielen Stellen hatten die Wellen Löcher in den Kalkstein gefräst. Von hier aus ins Meer zu stürzen, bedeutete den sicheren Tod. Aber reichte ein Windstoß aus? Doch nur, wenn man unmittelbar an der Klippe stand, doch nur, wenn man des Lebens überdrüssig war. Allerdings, eine kleine Unachtsamkeit, ein schneller Stoß …
»In Leblancs Geschichten kommen die Klippen von Etretat immer wieder vor«, schrie Yvette gegen den Wind und deutete auf einen waghalsig schmalen Pfad, der über die Felsen hinunter zum Meer führte und den sie mit Marie-Claire an einem windstillen Tag mal hinuntergestiegen war. »Nicht ungefährlich der Weg, wie du siehst. Aber Marie-Claire hat darauf bestanden. Jeden Schritt, den Leblanc gegangen ist, wollte sie auch gehen.«
»Sind hier wirklich schon Leute von den Klippen geweht worden? Nur durch den Wind?«, fragte ich.
Yvette wusste es nicht. Schnell landete sie wieder bei Leblanc. Seine Welt war für sie lebendiger als ich oder Madame Pellegrini.
Über die konnte auch Monsieur Albert nicht allzu viel sagen, als wir eine Stunde später im Salamandre vor einer Platte Meeresfrüchte saßen. Immerhin erfuhr ich, dass der Tod von Raoul damals in den Siebzigern die Gemüter erregt hatte. Keiner verstand, was er bei so stürmischem Wetter auf den Klippen suchte. Im Gegensatz zu leichtsinnigen Touristen wusste er doch, wie gefährlich sie waren. Gerüchte über seinen Tod gab es viele: zu viel Calvados, ein Streit mit Joséphine, berufliche Probleme. »Man hat ihn bei Sturm dort gesehen. Danach war er verschwunden. Man hat ihn nie gefunden. Manche behält das Meer für immer.«
»Und wie hat Madame reagiert?«
»Man sagt, dass sie seit Raouls Tod im Haus nichts verändert hat.«
Sie muss ihn sehr geliebt haben, dachte ich. »Eine glückliche Ehe, nicht wahr?«
»Nun ja. Sie wissen, in jeder Ehe liebt immer einer mehr als der andere.«
Und ob ich das wusste! Frederik! In meiner Fantasie sah ich ihn lieber tot auf dem Grund des Meeres verrotten, als mit dieser Carmen auf dem Campus schnäbeln.
Als ich an diesem Abend zurückkehrte, lag das kleine Haus im Dunkeln und ich fand die Haustür verriegelt. Der Schlüssel lag nicht wie sonst unter dem Geranientopf. Ich klopfte und schrie, aber niemand antwortete. Wie eine ausgesetzte Katze strich ich im Regen eine kleine Ewigkeit ums Haus herum. Als Madame endlich von Gott-weiß-woher kam, kein Wort der Entschuldigung. Stattdessen blaffte sie mich an und pries Marie-Claire, die niemals einen Aperitif mit ihr versäumt hatte.
Ich verstand nicht, warum Madame so wütend war, und schlief schlecht in dieser Nacht. Immer wieder schreckte ich hoch, wenn der Wind einen Ast gegen mein Fenster krachen ließ oder die Äpfel mit dumpfem Grollen auf dem Boden landeten. Im Traum sah ich Monsieur – oder war es Frederik? – von den Klippen stürzen. Die stürmische See begrub ihn sofort, zog ihn in das schwarze Nass und spülte ihn hinaus ins offene Meer. Schweißgebadet wachte ich auf.
Am nächsten Tag berichtete ich Yvette von dem Vorfall. Die Schroffheit von Madame überraschte sie, lieferte ihr aber eine mögliche Erklärung für Marie-Claires Verhalten. Die hatte von einem auf den anderen Tag bei der Pellegrini ausziehen wollen. Weil sich aber in der Hochsaison so schnell kein Ersatzzimmer in Etretat hatte finden lassen, kündigte sie stattdessen.
»Und Madame Pellegrini war der Grund dafür?«, fragte ich zweifelnd.
Yvette wiegte unentschlossen den Kopf hin und her. So genau habe Marie-Claire dies nicht gesagt, erwiderte sie. Etretat tue ihr nicht gut, die Atmosphäre hier sei morbid, so was in der Art, habe sie als Grund angegeben. »Weißt du, sie war etwas überspannt, hysterisch vielleicht. Ein bisschen so wie Leblancs Frauenfiguren, über die sie ihre Masterarbeit geschrieben hat. Ich habe ihr geraten, ein paar heitere Geschichten von Leblanc zu lesen. Stattdessen hat sie sich Simenon vorgenommen.«
»Georges Simenon?« Von dem hatte ich zumindest gehört.
»Ja. Einer seiner Maigret-Romane spielt hier in Etretat. Maigret und die alte Dame«. Yvettes Antwort kam schroff. Sie empfand es als Frechheit, dass es ein anderer Schriftsteller wagte, einen Roman in Leblancs Herrschaftsbereich anzusiedeln.
»Und nachdem sie diesen Roman gelesen hat … «
» … hat sie gekündigt«, vollendete Yvette meinen Satz und verdrehte die Augen ob des merkwürdigen Verhaltens von Marie-Claire. Dann unterbrach sie unser Gespräch, um einen der seltenen Museumsbesucher zu begrüßen.
Nachdem ich den Eintritt kassiert und den Hör-Guide erklärt hatte, fragte ich Yvette nach Adresse oder Handynummer von Marie-Claire.
»Nicht dass du auch noch hysterisch wirst«, unkte Yvette, als sie mir recht unwillig das Gewünschte aus den Personalakten heraussuchte.
An diesem Abend war Madame so reizend wie nie zuvor, sie erwähnte ihr gestriges Verhalten mit keinem Wort. Sie lenkte mich mit Erzählungen über die Klöster der Normandie, Valmont, Wandrille, Jumièges, ab, die ich mir unbedingt ansehen sollte. Marie-Claire hatte dies getan und war sehr beeindruckt gewesen.
»Wissen Sie, wo Marie-Claire nach ihrem Weggang aus Etretat hin ist?«, wollte ich wissen, denn mit der Telefonnummer, die Yvette mir gegeben hatte, erreichte ich niemanden.
»Nach Rouen, denke ich, dort studiert sie doch.«
»Nicht nach Le Havre?« Yvette hatte mir eine Adresse in Le Havre genannt.
»Nein, sie studiert in Rouen. Le Havre hat sie nie erwähnt«, versicherte Madame.
Sie fragte nicht nach, warum mich Marie-Claire interessierte, schlug stattdessen für morgen einen Ausflug ins Kloster Jumièges vor. Ich hätte eh nicht gewusst, was ich mit meinem freien Tag anfangen sollte, und sagte gerne zu.
Obwohl es in dieser Nacht windstill war, fand ich keinen Schlaf. Auf dem Stuhl neben meinem Bett lag der Simenon, aber ich traute mich nicht, das Buch in die Hand zu nehmen. Stattdessen holte ich die Paris-Normandie-Nummern unter dem Bett hervor. Marie-Claire hatte nur die Fécamp-Etretat-Seiten aufbewahrt. Ausgaben vom vorigen Monat, die letzte vom 12. August. Das Datum würde als Horrortag auf ewig in meiner Erinnerung eingebrannt bleiben. An diesem Tag hatte Frederik mit mir Schluss gemacht und Marie-Claire auf Facebook ihre Stelle angeboten. Ich blätterte die Zeitungen durch, fand nur die üblichen Provinz-Nachrichten. Nichts, was mir eine Erklärung dafür lieferte, warum Marie-Claire diese Zeitungen aufgehoben hatte oder was sie zu ihrer überstürzten Abreise aus Etretat bewegt haben könnte. Erst als ich bei der Zeitung vom 12. August anlangte, fand ich etwas Interessantes. Ich stellte fest, dass ein Foto aus der Serie Etretat wie es früher war – Leser schicken ihre Fotos ein herausgeschnitten war. Von Madame? Von Marie-Claire? Und was oder wen zeigte das Foto? Antworten fand ich keine und irgendwann schlief ich ein. Beim Aufwachen hatte ich den Geschmack von verschrumpelten Äpfeln im Mund.
Ich lag noch im Bett und überlegte, woher der Apfelgeschmack kam, ob der Witwenkuss gestern anders gemixt gewesen oder was mir sonst auf den Magen geschlagen war, da rief Yvette an. Sie fahre nach Le Havre, um ihre Mutter zu besuchen, erzählte sie und fragte, ob ich mitwolle. Natürlich wollte ich. Ich putzte die Zähne, um den Apfelgeschmack loszuwerden, aber trotz hartnäckigem Bürsten verlor er sich nicht.
Als ich nach dem Frühstück vor die Haustür trat, fand ich Madame im Garten unter ihrem Apfelbaum. Sie trug Gummistiefel und eine Gärtnerschürze und las Äpfel auf. Am Gartentor stapelten sich bereits drei volle Kisten. Als ich erzählte, dass ich erst am Nachmittag Zeit für den gemeinsamen Ausflug haben würde, wandte sie mir abrupt den Rücken zu und bückte sich nach weiteren Äpfeln. Am Gartentor drehte ich mich noch mal um. Madame sammelte weiter Äpfel vom Boden auf, nicht einen Blick war ich ihr wert.
Yvette wartete vor dem Museum auf mich und drängte zum Aufbruch. Auf der Fahrt erzählte ich ihr von dem ausgeschnittenen Foto.
»Mon dieu, ist dein Liebeskummer so groß, dass du zur Ablenkung im Leben fremder Menschen herumwühlen musst?«, fragte sie mit einer Mischung aus Besorgnis und Erstaunen. »Du siehst überall Gespenster.«
»Findest du es nicht seltsam, dass Marie-Claire so plötzlich verschwunden ist?«
»Was heißt verschwunden? Sie hat gekündigt und ist gegangen. Was glaubst du, wie viele Studentinnen ich im Laufe einer Saison kommen und gehen sehe?«
»Und Madame Pellegrini? Sie verhält sich doch merkwürdig, oder etwa nicht?«
»Merkwürdig, merkwürdig«, echote Yvette. »Sie macht sich wichtig wie eine alternde Diva, das ist alles. Und du bist so überspannt, dass du ihr auf den Leim gehst.«
Vielleicht hatte sie Recht, vielleicht auch nicht. Ich war durch die Trennung so durcheinander, dass ich mir selbst nicht mehr richtig traute. Aber Marie-Claires Verschwinden ließ mich einfach nicht los.
»Um was geht es in dem Simenon-Roman?«, wollte ich von Yvette wissen.
»Um eine reizende alte Dame, die Maigret als Mörderin überführt.«
»Hat sie ihren Mann getötet?«
Yvette verdrehte die Augen, weil sie wusste oder zumindest ahnte, warum ich diese Frage stellte. »Nein, nicht ihren Mann, ihr Dienstmädchen«, antwortete sie. »Hör auf, dich in etwas hineinzusteigern«, riet sie mir und brachte das Gespräch schnell wieder auf Leblanc. Egal über was wir redeten, immer fand Yvette ein Türchen, um Leblanc ins Spiel zu bringen.
Yvette parkte am Hafen und empfahl mir eine Hafenrundfahrt, während sie ihre Mutter besuchte. Aber ich hatte andere Pläne. Im Office du tourisme erkundigte ich mich nach der Adresse der Redaktion von Paris-Normandie und besorgte mir einen Stadtplan. Marie-Claires Wohnung lag in der Nähe der Avenue Foch, ein dreistöckiges Haus im Fünfzigerjahre-Stil. Ihr Name stand auf keinem der Klingelschilder. Der alte Mann, der zufällig aus dem Haus kam, behauptete, dass überhaupt keine jungen Leute in dem Haus wohnten. – War die Adresse falsch, die Yvette mir gegeben hatte?
Irritiert machte ich mich auf den Weg zur Redaktion von Paris-Normandie und besah mir im Archiv die ausgabe vom 12. August. Das ausgeschnittene Foto zeigte eine fröhliche Gruppe Menschen, aufgenommen in der Bucht von Etretat. Ich erkannte Raoul. Die Frau, die er im Arm hielt, war nicht Josephine. »14. Juli 1974. Von links nach rechts sind auf dem Foto zu sehen …« Ich las die Namen. Die Frau neben Raoul hieß Pauline d´Arcy. D´Arcy, der Nachname von Yvette.
Brühwarm erzählte ich Yvette von meinen Erkundigungen. Wieder verdrehte sie die Augen, schimpfte mich eine würdige Nachfolgerin von Marie-Claire – genauso überspannt – und beantwortete meine Fragen mit der mühsam unterdrückten Ungeduld einer Mutter, der die neugierige Tochter auf den Wecker ging.
»Nein, ich kenne keine Pauline d´Arcy! Jeder zweite Normanne heißt d´Arcy, selbst in Etretat kenne ich nicht jeden, der d´Arcy heißt«, erklärte sie und war sehr überrascht, dass Marie-Claire nicht unter der angegebenen Adresse wohnen sollte.
»Und wenn Marie-Claire eine falsche Adresse angegeben hat?«
»Wieso hätte sie das tun sollen?«, fragte Yvette erstaunt zurück. »Sollen wir noch mal gemeinsam hingehen und jemand anderen nach ihr fragen?«
Plötzlich kam mir diese Suche nach Marie-Claire wie eine krankhafte Manie vor. Es war schon traurig, welchen Grillen ich nachjagte. Ohne wundes Herz hätte mich Marie-Claire nicht die Bohne interessiert.
Auf der Rückfahrt machte mir Yvette den Vorschlag, ein paar Tage zu ihr zu ziehen. Tapetenwechsel schien mir eine gute Idee, die praktische Yvette wohltuender als die kapriziöse Madame. Yvette bot an, mir beim Packen zu helfen, und parkte den Wagen vor Madames Haus. Die war immer noch im Garten, der Stapel mit den Apfelkisten deutlich gewachsen. Ich nickte ihr zu, und sie schaute böse, als ich mit Yvette hoch in mein Zimmer ging.
»Ach herrje«, murmelte Yvette, als sie die Kammer sah. »So was muss aufs Gemüt schlagen. Lass uns schnell hier verschwinden.« Sie hievte meinen Koffer vom Schrank, und ich klapperte mit Kleiderbügeln, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde.
»Du wirst sie nicht mitnehmen, du kleines Dreckstück!« Madames Stimme vibrierte vor Entschlossenheit. Sie stand in Gummistiefeln und der grünen Schürze im Türrahmen und richtete das Jagdgewehr auf Yvette.
Yvette war völlig geschockt, ich nicht minder. Ich starrte in die kalten Augen von Madame.
»Haben Sie das ausgeschnittene Foto gefunden?«, fragte sie, und als ich nickte – zu etwas anderem war ich überhaupt nicht fähig – ging sie mit dem Gewehr einen weiteren Schritt auf Yvette zu und verkündete: »Pauline d´Arcy ist ihre Mutter.«
Jetzt starrte ich Yvette an, die ungläubig den Kopf schüttelte.
»Sie lügt wie gedruckt! Sie spielt sich auf, kokettiert mit ihrem schillernden Namen, denkt, sie wäre eine echte Pellegrini …«, flüsterte sie mir zu.
»Pauline wäre gerne eine Pellegrini geworden!« Madame lachte hart und bitter, trat einen weiteren Schritt auf Yvette zu, der Gewehrlauf jetzt keine zehn Zentimeter von ihr entfernt
War Pauline nun Yvettes Mutter oder nicht? Mit offenem Mund sah ich von der einen zur anderen. »Stimmt das?«, stotterte ich, aber keine der beiden antwortete mir. Die zwei brauchten mich bestenfalls als stumme Zuschauerin, ihr Duell trugen sie ohne mich aus. Wieso hatte mir keine der beiden erzählt, dass sie sich kannten?
»Aber Raoul hat sich für mich entschieden«, triumphierte Madame. »Doch Pauline ließ nicht locker. Liebesbriefe, bettelnde Anrufe. Dann der 14. Juli 1974. Zu viel Calvados, Raoul in Festtagsstimmung, Pauline zur Stelle, ein kleiner Seitensprung …«
»Deswegen hast du ihn umgebracht!«
Trotz des auf sie gerichteten Gewehrs schrie Yvette diese Anschuldigung in den Raum. War sie so furchtlos? Oder das Gewehr nicht geladen? Spielten die zwei diese Szene nicht zum ersten Mal? Hatten sie sie auch vor Marie-Claire gespielt?
»Oh, dieses Gerücht hat deine Mutter frühzeitig in die Welt gesetzt und mir dadurch das Leben in Etretat zur Hölle gemacht.« Alter Groll klang in Madames Worten durch, ihr Brustkorb bebte. Aber schnell hatte sie sich wieder unter Kontrolle, die Stimme kalt und klar, als sie fragte: »Wo ist Marie-Claire?«
»Das fragst du mich? Wo du es ganz genau weißt. Marie-Claire hat das Foto entdeckt, sie hat herausgefunden, dass du Raouls Mörderin bist! Und das war ihr Todesurteil. Wie hast du es gemacht? Mit deinem Witwenkuss? Oder hast du sie wie Raoul von den Klippen gestoßen?«
»Oh nein!« Madames Stimme klirrte eisig. »Du hast sie von den Klippen gestoßen. Maire-Claire sollte deine Stelle bekommen, das hat sie mir an ihrem letzten Tag erzählt. Sie hat die Leblanc-Gesellschaft mit ihrer immensen Kenntnis von Leblanc überzeugt. Vom Sockel gestoßen hat sie dich! Denn für dich gibt es nichts Furchtbareres als eine zweite Leblanc-Expertin und nichts Schlimmeres, als nicht mehr im Le Clos Lupin arbeiten zu können.«
Yvette kreischte und hätte sich am liebsten auf Madame gestürzt, doch die hielt sie mit dem Gewehr auf Distanz. In mir drehte sich alles. Da beschuldigten sie sich gegenseitig des Mordes, jede wollte mich von der Bösartigkeit der anderen überzeugen. Ich wusste nicht, was an Wahrheit, was an Lüge auf mich einprasselte. »Wir gehen zur Gendarmerie«, schlug ich mit zittriger Stimme vor. »Wir melden Marie-Claire als vermisst.«
»Eine sehr gute Idee«, stimmte Yvette zu. »Die Polizei hat andere Möglichkeiten als wir.«
»Einverstanden«, knurrte Madame und nahm endlich das Gewehr herunter.
Yvette entfuhr ein Seufzer der Erleichterung. Bevor Madame es sich anders überlegte, drängte sie an ihr vorbei und stürzte in aller Eile die Treppe hinunter.
Madame ließ sich von mir das Gewehr aus der Hand nehmen. Sie wirkte mit einem Mal schlaff und uralt. Wir standen noch eine Weile stumm in dem kleinen Zimmer, wo die bösen Verdächtigungen nachhallten. Dann straffte Madame die Schultern und verließ die Kammer. Ich folgte ihr die Treppe hinunter. Nachdem ich das Gewehr wieder über dem toten Gatten platziert hatte, fragte sie: »Gehen wir, ma petite?«
Auf der Polizeiwache warteten wir vergeblich auf Yvette. Sie war weder im Le Clos Lupin noch über Handy erreichbar. Wir erfuhren, dass Marie-Claires Eltern die Tochter schon vor drei Wochen als vermisst gemeldet hatten. Zuhause hatte Marie-Claire von ihrem Job im Museum nichts erzählt. Die Familie hatte also auch keine Ahnung, wohin Marie-Claire nach ihrem Weggang aus Etretat verschwunden war.
»Ob Marie-Claire gesprungen ist?«, fragte ich bei unserem abendlichen Witwenkuss. Es passte nicht zu meinem Bild von Yvette, dass sie etwas mit Marie-Claires Verschwinden zu tun haben sollte. Aber hatte ich mich nicht auch in Frederik getäuscht? Ich erinnerte mich an den Spaziergang über die Klippen. Ein falscher Tritt, ein schneller Stoß … Weil für Yvette ein Leben ohne Le Clos Lupin unvorstellbar war?
»Die Ungewissheit ist das Schlimmste«, raunte Madame. »Vierzig Jahre, und ich weiß immer noch nicht, was mit Raoul passiert ist. Natürlich, ich kenne die Gerüchte, aber ich war nicht mit ihm auf den Klippen. Ist er gesprungen? War es ein Unfall? Hat er in Le Havre eine Schiffspassage gebucht und irgendwo auf der Welt ein neues Leben begonnen?«
Beim Abschied verriet sie mir dann doch die Mixtur für ihren Cocktail, und zurück in Deutschland behielt ich die Angewohnheit bei, am Nachmittag einen Witwenkuss zu trinken. Manchmal verführte mich der tröstliche Trank zu einem trügerischen Rückblick, wo mir Marie-Claires und Yvettes Verschwinden wie ein Einfall von Leblanc oder als Verwirrspiel einer frisch Verlassenen, kurzum als ein Produkt der Fantasie, erschien. Bestimmt hätte ich dies irgendwann einmal geglaubt, hätte Madame mir nicht regelmäßig Postkarten von Etretat geschickt. Immer schrieb sie die Zahl der Selbstmörder auf, die wieder von den Klippen gesprungen waren, und immer lautete der letzte Satz: »Weder von Marie-Claire noch von Yvette irgendeine Spur«.
Witwenkuss
4 cl Calvados
2 cl Chartreuse (gelb)
2 cl Bénédictine
2 Spritzer Angosturabitter
Alle zutaten auf Eis im Rührglas kalt rühren. Dann in ein vorgekühltes Cocktailglas abseihen.