„Darf ich nicht doch mitkommen, Mommy?“ Flehentlich blickte Louis zu seiner Mutter auf, in seinen großen blauen Augen schimmerten Tränen. „Bitte, bitte, bitte, bitte! Ich möchte so gern den Hund sehen, von dem der nette Mann heute Mittag erzählt hat!“
Isabel unterdrückte ein Seufzen. Den ganzen Nachmittag hatte es für ihren kleinen Sohn nur dieses eine Thema gegeben. Auch jetzt – es war halb acht durch und somit Louis’ übliche Zeit, um ins Bett zu gehen – gab er keine Ruhe.
„Tut mir leid, mein Schatz, aber es geht wirklich nicht.“ Zärtlich strich sie ihm übers Haar. „Und nun sei schön brav. Wenn du jetzt schön schläfst, geht Mommy demnächst mit dir in den Zoo, einverstanden?“
„Versprochen?“
„Versprochen“, gab sie sich mit einem nachsichtigen Lächeln geschlagen. „Aber nur, wenn Estefania mir morgen früh bestätigt, dass du ein braver Junge gewesen bist.“
Louis nickte glücklich strahlend, dann rollte er sich auf die Seite und schloss die Augen. Schon nach weniger als einer Minute ging sein Atem ganz ruhig und regelmäßig – er war eingeschlafen. Auf Zehenspitzen schlich Isabel sich aus dem Kinderzimmer und schloss leise die Tür hinter sich.
„Hat er sich endlich beruhigt?“, fragte Estefania, als Isabel zu ihr in die Küche kam, wo sie sich gerade einen Tee zubereitete. Das Kindermädchen arbeitete nun schon seit etwas mehr als drei Jahren für sie, und Isabel konnte sich einhundertprozentig auf sie verlassen. Ja, sie wusste überhaupt nicht mehr, wie sie es zu Anfang geschafft hatte, allein über die Runden zu kommen!
Nach Jorges Tod war ihr Leben – und damit zwangsläufig auch das von Louis – völlig chaotisch verlaufen. Zum Glück war der Junge damals erst anderthalb Jahre alt gewesen, sodass er davon nicht viel mitbekommen hatte. Andererseits machte es sie unendlich traurig, dass ihr Sohn seinen Vater niemals kennenlernen würde. Vor allem deshalb, weil es vermutlich nicht zu jenem tragischen Unfall gekommen wäre, hätte sie nicht …
Hastig verdrängte sie den Gedanken. Es war nicht gut, zu viel über Dinge nachzugrübeln, die man ohnehin nicht mehr zu ändern vermochte. Außerdem hielt die Gegenwart genug Herausforderungen für sie bereit.
„Was werden Sie anziehen?“, fragte Estefania unvermittelt und holte Isabel damit auf den Boden der Tatsachen zurück.
„Eigentlich wollte ich so …“
„Sie machen Witze, oder?“
„Wieso?“ Isabel schaute an sich herab. Sie trug noch immer dasselbe Outfit, das sie heute im Café angehabt hatte: eine dunkelblaue enge Jeans, ein einfaches pfirsichfarbenes Top und eine gehäkelte weiße Bolerojacke. „Was ist daran auszusetzen?“
Lächelnd schüttelte die Spanierin den Kopf. „Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass Sie mit einem der begehrtesten Junggesellen der Balearen zu Abend essen werden? In den Illustrierten wird ständig über ihn berichtet. Unter anderem auch darüber, dass die schönsten Frauen versuchen, ihn vor den Traualtar zu bekommen. Doch er ist bisher stets standhaft geblieben.“
Darüber war sich Isabel tatsächlich nicht im Klaren gewesen. Und es sollte für sie auch keinen Unterschied machen, denn Louis war das einzige männliche Wesen, das sie in ihrem Leben brauchte. Trotzdem verstärkten Estefanias Worte das leichte Kribbeln noch, das sich nun schon seit dem frühen Nachmittag hartnäckig in ihrer Magengegend hielt.
„Was würden Sie mir raten?“, fragte sie. Es war lange her, dass sie sich mit einem Mann getroffen hatte. Und seit es Louis gab, interessierte sie sich für andere Dinge als die neuesten Mode- und Make-up-Trends.
„Kommen Sie mal mit.“ Estefania nahm Isabel bei der Hand und führte sie in ihr Schlafzimmer. Gemeinsam begutachteten sie den Inhalt des Kleiderschranks. Das Urteil des hübschen Kindermädchens fiel wenig begeistert aus. „Sie sollten sich wirklich einmal wieder etwas gönnen“, meinte sie. „Nur weil Sie Mutter sind, müssen Sie ja nicht gleich damit aufhören, ein eigenständiger Mensch zu sein.“
Isabel schnitt ein Gesicht. Es stimmte ja – sie hatte sich schon seit einer kleinen Ewigkeit keine neuen Sachen mehr gekauft. Wenn sie einmal etwas Geld übrig hatte, dann gab sie es in der Regel für Louis aus. Dass man es ihrer Garderobe so deutlich ansah, war ihr nicht bewusst gewesen.
Schließlich zauberte Estefania ein rubinrotes Etuikleid aus edlem Leinenstoff aus dem hintersten Winkel des Schranks hervor. Sie hielt es Isabel vor den Körper und nickte zufrieden. „Das sieht doch schon mal ganz gut aus.“
Als Nächstes beförderte sie schwarze High Heels aus dem untersten Regal. Isabel hatte völlig vergessen, dass sie noch Schuhe mit solchen unanständig hohen Absätzen besaß.
„Damit werde ich keine zwei Schritte laufen können!“, stöhnte sie. Doch als sie sich schließlich eine halbe Stunde später vor dem Spiegel betrachtete, musste sie zugeben, dass Estefania das richtige Händchen gehabt hatte.
Isabel erkannte sich selbst kaum wieder. Das Kleid, das sie vor Jahren von Jorge bekommen und nur einmal getragen hatte, stand ihr hervorragend. Die hochhackigen Schuhe gaben ihrem Outfit den richtigen Schliff, und das dezente Make-up, auf das Estefania bestanden hatte, verlieh ihrem Teint einen goldenen Schimmer.
„Wunderbar!“ Begeistert klatschte die Spanierin in die Hände. „Señor Velásquez wird es gewiss die Sprache verschlagen, wenn er Sie sieht!“
Das aber hatte Isabel so gar nicht im Sinn. Wobei … Im Grunde wusste sie nicht einmal, warum sie auf seine Einladung zum Dinner überhaupt eingegangen war. Was immer er ihr auch vorschlagen mochte, sie glaubte nicht wirklich, dass es eine Option für sie darstellen würde.
Doch sie hatte kaum darüber nachgedacht, da wurde ihr bewusst, wie absurd ihr Verhalten eigentlich war.
Vielleicht solltest du dir mal überlegen, was für Alternativen du hast. Wenn du nicht bald der überfälligen Bezahlung der Rechnungen nachkommst, wird der Gerichtsvollzieher kurzen Prozess machen. Sollte es zu Pfändungen kommen, ist damit auch niemandem geholfen. Also hör dir doch wenigstens einmal an, was dieser Velásquez zu sagen hat. Ablehnen kannst du immer noch.
„Ich glaube, Ihr Date ist soeben eingetroffen“, stellte Estefania fest, die gerade aus dem Fenster blickte.
Unwillig schnitt Isabel ein Gesicht. „Señor Velásquez ist nicht mein Date“, korrigierte sie die hübsche Spanierin. „Dieses Treffen ist rein geschäftlicher Natur.“
„Selbstverständlich“, erwiderte Estefania, die sich nur mühsam ein vielsagendes Lächeln verkniff. „Dann wünsche ich Ihnen viel Vergnügen bei Ihrem Geschäftsessen.“
Es war ein lauer Abend. Langsam sank die Sonne dem Horizont entgegen und tauchte den Himmel und das Meer in ein feuriges Magentarot, während am Firmament die ersten Sterne glitzerten.
Isabel atmete noch einmal tief durch, dann balancierte sie vorsichtig auf ihren hohen Schuhen die unebenen Stufen von ihrer Eingangstür zur Straße hinunter. Das Haus, in dem sie mit Louis wohnte, war eine mehrere Hundert Jahre alte Bauernkate, die dringend einer Renovierung bedurfte. Doch da es sich hauptsächlich um Schönheitsreparaturen handelte und die Miete für eine Bleibe dieser Größe – noch dazu in unmittelbarer Nähe zu ihrem Café – äußerst günstig war, störte es sie nicht. Trotzdem schämte sie sich ein wenig für die abblätternde Farbe und den bröckelnden Putz angesichts des teuren Sportcabriolets, das jetzt in der Auffahrt stand.
Genau in diesem Moment verließ Lorenzo Velásquez seinen Wagen, und Isabel stockte der Atem. Verstohlen musterte sie ihn. Er sah ungemein gut aus. Kein Wunder, dass er der Traum sämtlicher lediger Frauen war. Nein, nicht sämtlicher lediger Frauen! Du wirst seinem aufgesetzten Charme ja wohl hoffentlich nicht erliegen – oder?
Doch ein kurzes Lächeln von ihm reichte aus, um sie all ihre guten Vorsätze mit einem Schlag vergessen zu lassen. Ihr wurden die Knie weich, wodurch das Gehen in den unbequemen High Heels zu einer noch größeren Herausforderung wurde als ohnehin schon.
„Buenas tardes“, begrüßte er sie, nahm ihre Hand und führte Isabel zur Beifahrerseite. Unwillig stellte sie fest, dass ihr Herz vor Aufregung schneller schlug. Dabei gab es doch gar keinen Grund, seinetwegen nervös zu sein. Allerhöchstens wegen der Angelegenheit, die er mit ihr besprechen wollte, obgleich sie noch immer nicht glaubte, dass etwas grundlegend Neues dabei herauskommen würde. Vermutlich gedachte er lediglich, sein Angebot in entspannter Atmosphäre noch einmal geringfügig zu erhöhen, und hoffte, sie damit umstimmen zu können. Nun, da würde er eine Enttäuschung erleben. Das Café del Playa stand nicht zum Verkauf – für kein Geld der Welt. Zumindest nicht freiwillig werde ich einlenken, dachte sie. Dabei würde sie vermutlich besser damit fahren, es zu einem vernünftigen Preis zu veräußern, ehe es zur Zwangsversteigerung kam. Doch was das betraf, war Isabel für die Stimme der Vernunft einfach nicht zugänglich. Zumindest noch nicht …
Sie stieg in den Wagen, dessen herrlich weiche, crèmefarbene Ledersitze warm waren von der Sonne. Unwillkürlich überlegte sie, was ein solches Auto wohl in der Anschaffung kosten mochte. Bestimmt mehr, als sie zur Sanierung ihres Lokals benötigte – und für einen Mann wie Lorenzo Velásquez doch kaum mehr als ein Taschengeld.
„Sie sehen heute Abend wirklich bezaubernd aus“, sagte er mit einem umwerfenden Lächeln, nachdem er sich ans Steuer gesetzt hatte. „Sie sollten immer Schuhe mit hohen Absätzen tragen. Es betont Ihre schmalen Fesseln und die langen, schlanken Beine.“
„Nein danke“, erwiderte Isabel. „Auf High Heels würde ich die Arbeit im Café keine zwei Stunden durchstehen, und kindertauglich – ich denke da an Louis – sind sie auch nicht.“
„Nein, natürlich nicht“, erwiderte er und ließ den Motor an.
Isabel stieß vor Überraschung einen kleinen Schrei aus, denn sie hatte plötzlich das Gefühl, auf dem Rücken eines mächtigen Raubtieres zu sitzen. Die Kraft des Antriebs schien sich auf die gesamte Karosserie und von dieser auf seine Insassen zu übertragen. So etwas hatte sie noch nie zuvor erlebt. Und als Lorenzo Gas gab, preschte das Cabrio nach vorn wie ein ungeduldiger Hengst.
Im Gegensatz zu Jorge hatten Isabel Autos, Motorräder und Sportjachten nie besonders interessiert. Jetzt glaubte sie zum ersten Mal eine Ahnung davon zu bekommen, was ihren verstorbenen Mann daran so fasziniert hatte. Die schiere vibrierende Energie, die von diesem Wagen ausging, machte sie atemlos.
Doch am Ende hatte diese Begeisterung Jorge das Leben gekostet, wie sie sich in Erinnerung rief. Er hatte auf der Küstenstraße einem entgegenkommenden Wagen ausweichen wollen und dabei die Kontrolle über sein Motorrad verloren und war die Klippen hinuntergestürzt.
Aber daran, dass er mitten in der Nacht bei schlechter Witterung unterwegs gewesen war, trägst du die Schuld, schon vergessen? Hättest du ihn nicht …
„… Sie mir eigentlich zu?“
Isabel sah ihren Begleiter irritiert an und wurde sich schlagartig ihrer Umgebung wieder bewusst. „Ich … Es tut mir leid, was haben Sie eben gesagt?“
Er lächelte. „Schon gut, es war nicht so wichtig. Mögen Sie Fisch? In dem Restaurant, in dem ich für uns einen Tisch habe reservieren lassen, werden die besten Goldbrassen der gesamten Insel serviert.“
„Ich liebe Fisch“, erwiderte Isabel und lachte leise. „Sehr sogar. Ich würde ihn gern häufiger selbst zubereiten, aber Louis verabscheut Gräten. Deshalb gibt es bei uns zu Hause allerhöchstens Fischstäbchen.“
„Ihr Sohn ist ein prächtiger kleiner Kerl. Mir scheint, Sie sind eine wunderbare Mutter.“
„Ach, wissen Sie, das zu sein ist gar nicht so schwer. Ich kann gar nicht anders, als ihn zu lieben. Und ein liebevolles Elternhaus ist für ein Kind doch das Allerwichtigste, finden Sie nicht?“ Ihr fiel auf, dass seine Miene sich bei ihren Worten verfinsterte, und sie runzelte die Stirn. „Tut mir leid, habe ich etwas Falsches gesagt?“
Er winkte ab. „Nein, nein, Sie haben vollkommen recht. Unsere Kindheit prägt uns, selbst wenn wir uns dessen zumeist gar nicht bewusst sind. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass es für Sie in den letzten Jahren nicht immer leicht war – so ganz allein, ohne Mann.“
Das Thema behagte Isabel gar nicht. Trotz der sommerlichen Hitze durchfuhr sie ein eisiger Schauder, als sie daran dachte, dass die Stelle, an der Jorge ums Leben gekommen war, nicht weit entfernt lag. Sie hatte diesen Ort seither gemieden. Die Schuldgefühle waren auch so schon stark genug, als dass sie sie noch zusätzlich provozierte.
„Was ist los?“ Lorenzo Velásquez sah sie besorgt an. „Sie sind plötzlich ganz blass geworden.“
Isabel rang sich ein Lächeln ab. „Es ist nur mein Kreislauf. Ich fürchte, ich hatte heute noch keine Gelegenheit, etwas Vernünftiges zu essen.“
„Na, dann wird es aber Zeit“, meinte er. „Und da wären wir auch schon.“
An einer Abzweigung, die wohl jeder übersehen hätte, der nicht explizit danach suchte, verließ er die Küstenstraße. Der Weg, dem sie nun folgten, schmiegte sich direkt an die Klippen. Er war so schmal, dass zwei sich entgegenkommende Fahrzeuge ihn nicht gleichzeitig passieren konnten. Unwillkürlich spürte Isabel ein leises Unbehagen, doch die schroffe Schönheit der Landschaft lenkte sie ein wenig von ihren Ängsten ab. Weiß schäumend warf sich die Brandung gegen die steil aufragenden Felsen, darüber spannte sich der wolkenlose Himmel.
Auf einer Landzunge, die weit ins Meer hineinragte, stand ein großer weißer Leuchtturm. Isabel blinzelte verblüfft, denn er war ihr früher nie aufgefallen, dabei lebte sie schon seit vielen Jahren auf Menorca.
„So wie Ihnen ergeht es den meisten Menschen“, sagte Lorenzo, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Man kann den Bau von der Küstenstraße aus nicht sehen. Das Angelo’s ist ein echter Geheimtipp. Trotz der abgeschiedenen Lage ist es oft schwierig, an den Wochenenden sogar fast unmöglich, dort kurzfristig einen Tisch zu bekommen.“
„Für Sie war es offenbar kein Problem.“
Er lachte. „Nein. Angelo und ich sind alte Freunde. Er hat früher einmal im ersten Hotel meiner Tante als Küchenchef gearbeitet. Ich konnte ihn und einige Angestellte dazu bewegen, Geld in eine neue Geschäftsidee zu investieren. Keiner von ihnen hatte jemals Anlass, diese Entscheidung zu bereuen.“
„Darf ich Sie etwas fragen?“
Er nickte aufmunternd. „Nur heraus damit.“
„Sie haben mir immer noch nicht verraten, was Sie mit dem Grundstück vorhaben, auf dem mein Café steht.“
„Ist das für Sie wirklich so wichtig?“, erwiderte er seufzend.
„Ja, allerdings. Doch nicht aus dem Grund, den Sie vielleicht vermuten. Mir ist die Bucht über die Jahre einfach sehr ans Herz gewachsen. Es ist mir nicht gleichgültig, was damit geschieht, verstehen Sie?“
Er sah nicht so aus, als würde er begreifen, was sie meinte, denn er zuckte die Schultern. „Also gut, ich will ein Hotel bauen, aber das haben Sie sich vermutlich bereits gedacht. Es soll jedoch nicht einfach nur irgendeine Herberge sein.“ Seine Augen fingen an zu leuchten. „Was meine Architekten und ich zusammen entworfen haben, ist das Nonplusultra, was Luxus und Komfort angeht. Glitzernde Türme, die hoch in den Himmel ragen, mit einem erlesenen Angebot an Wellness, wie Sie es auf den Balearen sonst nirgends finden. Dort, wo im Augenblick noch das Café del Playa steht, wird sich schon bald eine ausgedehnte Poollandschaft erstrecken, die zum Entspannen einlädt. Können Sie es vor sich sehen?“
Entsetzt blickte Isabel ihn an. Er schien tatsächlich zu glauben, dass er sie mit seinen Ausführungen zu begeistern vermochte. Doch das genaue Gegenteil war der Fall. „Sie planen eines dieser anonymen Riesenkomplexe in meiner Bucht?“
Er schien nicht sicher zu sein, ob er belustigt oder verärgert sein sollte. „Entschuldigen Sie, aber mir war nicht bewusst, dass ich es mit der Eigentümerin des gesamten Areals zu tun habe“, entschied er sich schließlich für die erste Option. „Davon abgesehen glaube ich kaum, dass Sie eine Expertin für Tourismus und Fremdenverkehr sind, oder täusche ich mich?“
„Nein“, erwiderte Isabel mit sicherer Stimme. „Ich bilde mir aber ein, genug gesunden Menschenverstand zu besitzen, um zu erkennen, dass Ihr Projekt das Bild der gesamten Bucht zerstören wird. Sie können doch nicht so blind sein, das nicht zu sehen!“
Er räusperte sich vernehmlich. „Sie werden verzeihen, dass ich da etwas anderer Meinung bin. Lassen Sie uns diesen herrlichen Abend nicht dadurch verschwenden, dass wir uns über Dinge streiten, die ohnehin bereits beschlossene Sache sind.“ Er lächelte süffisant, was sie ärgerte. „Wir sollten lieber zum angenehmen Teil des Abends übergehen.“
Neben dem Leuchtturm gab es einen winzigen Parkplatz, der fast vollständig besetzt war. Doch Lorenzo lenkte seinen Wagen geschickt in eine kleine Lücke. Dann stieg er aus und lief – wie bei der Abfahrt – um das Cabriolet herum, um Isabel die Tür zu öffnen. Galant hielt er ihr die Hand entgegen.
Natürlich war Isabel sich der Tatsache bewusst, dass er alles nur tat, um sie für sein eigentliches Vorhaben zu gewinnen. Dennoch spürte sie, wie ein Hauch von Röte ihre Wangen überzog. Sie gestand es sich nicht gern ein, aber es gefiel ihr, von ihm umschmeichelt zu werden. Es war lange her, dass ein Mann sich solche Mühe mit ihr gegeben hatte. Jorge war zu Anfang ebenfalls sehr aufmerksam gewesen. Doch das hatte sich rasch gelegt, als er erfuhr, dass sie schwanger war. Und als Louis dann auf die Welt kam …
Rasch schüttelte sie die unliebsamen Erinnerungen ab, wohl wissend, dass die Geister der Vergangenheit sie nicht lange in Ruhe lassen würden. Das taten sie nie. Isabel hatte trotzdem gelernt, damit zu leben. Ihr war gar nichts anderes übrig geblieben.
Sie ergriff Lorenzos Hand und ließ sich aus dem Wagen helfen. Dann hakte sie sich bei ihm unter, und sie stieg an seinem Arm die Stufen zum Eingang des Restaurants hinauf. Einerseits war sie ihm für sein betont höfliches Verhalten dankbar, denn sie fühlte sich immer noch ein wenig unsicher auf ihren hohen Absätzen. Auf das heftige Herzklopfen, das seine Nähe bei ihr auslöste, hätte sie allerdings liebend gern verzichtet.
Es ist ein rein geschäftliches Abendessen, ermahnte sie sich. Doch das Flattern in ihrem Magen wie von unzähligen Schmetterlingsflügeln signalisierte ihr etwas völlig anderes.
Als sie das Angelo’s betraten, erlebte Isabel eine Überraschung. Das Restaurant war ganz und gar nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Unbewusst war sie davon ausgegangen, dass Lorenzo Velásquez ausschließlich in modern gestylten Lokalen mit jener beinahe klinisch anmutenden Atmosphäre speiste, die sie selbst überhaupt nicht mochte. Das Angelo’s war hingegen eher rustikal eingerichtet, mit Tischen und Stühlen aus dunklem Holz, farbenfrohen Tischdecken und schmiedeeisernen Hängelampen.
Ein älterer Mann mit grau meliertem Haar, der eine rote Schürze über einer schwarzen Hose und einem schlichten weißen Hemd trug, kam freudestrahlend auf sie zu. „Señor Velásquez, wie schön, dass Sie uns einmal wieder beehren!“ Mit einem breiten Lächeln wandte er sich dann an Isabel, nahm ihre Hand und deutete einen Handkuss an. „Señorita.“
„Die Geschäfte haben mich in den letzten Monaten meist auf Mallorca festgehalten“, erklärte Lorenzo. „Im Moment wohne ich allerdings wieder in meinem Strandhaus bei Ciudadela. Deshalb werden wir uns in nächster Zeit sicher häufiger sehen, Angelo.“ Er legte Isabel den Arm um die Schultern. „Darf ich Ihnen Señora Culbraith vorstellen? Sie betreibt ein kleines Lokal bei Cala Tirant, ist also quasi eine Kollegin von Ihnen.“
„Etwa das Café del Playa?“ Als Isabel seine Frage bejahte, nickte er anerkennend. „Ich war schon einmal dort. Die Kaffeespezialitäten sind ausgesprochen gut und die Ingwerplätzchen – ein Gedicht!“
Isabel konnte nicht verhehlen, dass sie sich über das Kompliment freute. Von einem anderen Gastronomen gelobt zu werden war wirklich eine große Anerkennung – wenngleich es ihr nicht dabei half, ihre drängenden Probleme in den Griff zu bekommen.
„Schauen Sie doch mal wieder vorbei“, forderte sie ihn auf. „Ich würde mich sehr freuen, Ihnen meine neueste Kaffeekreation vorzuführen – selbstverständlich auf Kosten des Hauses.“ Mit einem kurzen Seitenblick auf Lorenzo fügte sie hinzu: „Sofern es mein Lokal in ein paar Wochen noch gibt …“
Lorenzo ging über die Spitze hinweg, als hätte er sie gar nicht gehört. „Ist unser Tisch schon frei?“
Angelo nickte. „Aber natürlich“, erwiderte er. „Kommen Sie. Ich bringe Sie hin.“
Zu Isabels Überraschung führte er sie auf eine kleine Terrasse, die geschützt im Windschatten des Leuchtturms lag, und zog sich dann diskret zurück. Isabel war fasziniert: Es gab nur einen einzigen Tisch, auf dem sich neben zwei Porzellangedecken und Besteck eine Kristallvase mit einer einzelnen langstieligen roten Rose befand. Auf der niedrigen Balustrade reihten sich dicht an dicht Dutzende von Windlichtern, die ein warmes, goldenes Licht verbreiteten. Dahinter eröffnete sich ein atemberaubender Blick auf das Meer, wo am Horizont gerade die Sonne versank.
„Das ist … einfach unbeschreiblich!“, flüsterte Isabel beinahe ehrfürchtig. „Wirklich traumhaft.“
Ihr Blick war wie gefesselt von der Schönheit des Schauspiels, das sich vor ihren Augen abspielte. Und als sie Lorenzos Hände auf ihren bloßen Schultern spürte, ließ sie es geschehen. Ein Schauer überlief ihren Körper. Unwillkürlich neigte sie den Kopf zurück und seufzte lustvoll. Da wurde ihr plötzlich klar, was sie tat, und sie machte sich hastig von ihm los. Röte überzog ihre Wangen. Hatte sie völlig den Verstand verloren, sich so gehen zu lassen? Noch dazu in Gegenwart dieses Mannes?
Er verhielt sich allerdings so, als wäre nicht das Geringste geschehen. Doch Isabel glaubte, ein schalkhaftes Funkeln in seinen Augen zu bemerken. Er spielt mit dir, sagte sie sich. Sei vorsichtig, sonst wirst du dich an ihm verbrennen.
„Wollen wir uns nicht setzen?“ Lorenzo rückte ihr einen Stuhl zurecht, und sie nahm Platz. In diesem Moment kam Angelo zurück und brachte die Speisekarten. Isabel nutzte die Gelegenheit, sich einen Augenblick hinter ihrer zu verstecken, um wieder zu Atem zu kommen, während Lorenzo den Wein bestellte. Es fiel ihr schwer, auch nur einen zusammenhängenden Gedanken zu fassen. Dabei war ein klarer Kopf genau das, was sie jetzt am dringendsten benötigte.
„Haben Sie schon entschieden, was Sie wollen?“, fragte er mit samtweicher Stimme. Prompt überlegte Isabel, ob er seine Worte absichtlich zweideutig gewählt hatte. Meinte er nun, was zu essen sie sich ausgesucht hatte, oder spielte er auf seinen ersten Annäherungsversuch an? Das wirklich Fatale aber war, dass sie keins von beidem mit einem eindeutigen Ja oder Nein beantworten konnte.
Sie räusperte sich angestrengt. Ihr Mund war staubtrocken, und nachdem Angelo den Wein gebracht und ihnen beiden eingeschenkt hatte, stürzte sie den halben Inhalt ihres Glases in einem Zug hinunter. Doch abgesehen davon, dass sich sofort ein leicht benebeltes Gefühl in ihrem Kopf einstellte, bewirkte sie damit nichts.
Was machst du eigentlich hier? Das Einzige, was du erreichen kannst, ist, dich vollends zum Narren zu machen! Also geh lieber! Verschwinde, ehe es zu spät ist!
Isabel atmete tief durch und stellte das Weinglas auf dem Tisch ab. „Es tut mir leid“, sagte sie, „es war töricht von mir, Ihre Einladung anzunehmen, Señor Velásquez. Ich habe in Ihnen Erwartungen geweckt, die ich in keinem Fall erfüllen kann, und dafür entschuldige mich. Ich denke, es ist besser, wenn ich Sie jetzt verlasse …“
Sie schob ihren Stuhl zurück und stand auf. Ehe sie allerdings zu gehen vermochte, ergriff Lorenzo über den Tisch hinweg ihre Hand. Flehend schaute sie ihn an, aber er lächelte nur.
„Das ist doch absurd“, meinte er. „Jetzt, da Sie schon einmal hier sind, können Sie auch mit mir zu Abend essen. Außerdem hatte ich noch keine Gelegenheit, Ihnen mein Angebot vorzutragen.“
Hilflos schüttelte sie den Kopf. „Sie verstehen nicht, ich …“
„Por el contrario, ich verstehe sogar sehr gut! Dennoch werde ich Sie nicht gehen lassen, ohne Ihnen meinen Vorschlag zumindest unterbreitet zu haben.“
„Also schön“, seufzte sie ungeduldig. „Ich höre.“
Er zuckte die Schultern. „Ganz wie Sie wollen – aber vielleicht sollten Sie sich zunächst einmal wieder setzen.“
„Ich will mich nicht setzen, ich …“
„Nun zieren Sie sich nicht so!“, forderte er sie energisch auf und fügte dann sanfter hinzu: „Tun Sie sich selbst einen Gefallen.“
Unwillig nahm sie wieder Platz. Sie wusste selbst nicht, warum sie sich derartig von ihm herumkommandieren ließ. Doch sein Ton duldete keinen Widerspruch. „Also?“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust – ein schwaches Zeichen der Rebellion, aber immer noch besser als gar keins.
Lächelnd ließ er ihr Handgelenk los und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Er schien die Situation regelrecht zu genießen. „Was ich Ihnen anzubieten habe, dürfte Ihnen gefallen, Isabel“, erklärte er selbstgefällig. „Es ist die Lösung sowohl für all Ihre als auch meine Probleme. Mir ist klar geworden, dass Sie einem Verkauf Ihres Cafés wohl niemals zustimmen werden, obwohl Ihnen bewusst sein dürfte, dass Ihnen eigentlich gar keine Wahl bleibt. Ich schließe daraus, dass sentimentale Gründe Sie an das Lokal fesseln, vermutlich die Erinnerung an Ihren verstorbenen Mann.“
Isabel presste die Lippen zusammen. Seine überhebliche Art gefiel ihr ganz und gar nicht. Sie musste jedoch zugeben, dass er mit seiner Einschätzung im Großen und Ganzen richtig lag. „Und weiter?“
„Nach unserer Unterhaltung am Nachmittag habe ich mit meinem Architekten über eine Idee gesprochen, die mir ganz unvermittelt gekommen ist.“ Ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen. „Er versicherte mir, dass die Ausführung nicht nur technisch möglich, sondern auch ökonomisch gesehen vertretbar sei.“
Isabel sah ihn irritiert an. Sie hatte keinen blassen Schimmer, worauf Lorenzo hinauswollte.
„Ich könnte mir vorstellen, das Café del Playa an einen anderen Abschnitt der Bucht zu versetzen.“
Jetzt verschlug es Isabel vollends die Sprache. Einen Augenblick lang blickte sie Lorenzo nur fassungslos an. War der Mann denn von allen guten Geistern verlassen? Das Lokal versetzen? Wie sollte denn das gehen? Sie schluckte. „Ich … verstehe nicht“, brachte sie stockend hervor. „Wie stellen Sie sich das vor?“
„So, wie ich es gesagt habe“, entgegnete er ungerührt. „Das gesamte Gebäude wird von A nach B transportiert. Ganz einfach.“
Konsterniert sah Isabel ihn an. „Ganz einfach?“ Sie schüttelte den Kopf und versuchte, sich zu sammeln. Das Ganze war im Grunde genommen eine fantastische Idee. Das Café würde Lorenzos Bauvorhaben nicht mehr im Wege stehen, und sie konnte es einfach wie bisher weiterführen. Alles, was Jorge einst aufgebaut hatte, würde also erhalten bleiben, nur an anderer Stelle. Doch bei genauerer Betrachtung offenbarten sich die ersten Hindernisse in Lorenzos fabelhaftem Plan. „Einmal ganz davon abgesehen, dass ich kein anderes Grundstück besitze“, begann sie. „Es würde doch sicher ein kleines Vermögen erfordern, um ein solches Gebäude umzusetzen. Das kann ich mir nie im Leben leisten!“
„Wer hat denn gesagt, dass Sie die Kosten dafür tragen sollen? Die würde selbstverständlich ich übernehmen.“
„Sie?“ Misstrauisch runzelte Isabel die Stirn. „Wo ist der Haken? Ich meine, warum sollten Sie so etwas für mich tun? Doch nicht nur, weil Sie den Boden, auf dem sich mein Café befindet, so dringend benötigen? Immerhin haben Sie selbst bereits herausgefunden, dass ich es so oder so nicht mehr lange halten kann.“
„Sie haben recht. Trotzdem wäre ich dazu bereit. Darüber hinaus würde ich sogar Ihre Gläubiger ausbezahlen und Ihnen ein kleines Startkapital zur Verfügung stellen, sodass finanzielle Schwierigkeiten künftig in Ihrem Leben wohl keine Rolle mehr spielen würden.“ Er machte eine kurze Pause. „Selbstverständlich erwarte ich, dass Sie mir im Gegenzug auch einen kleinen Gefallen erweisen.“
Aha, jetzt wird es also interessant, dachte Isabel, und ihre Anspannung wuchs, bis sie kaum noch ruhig auf ihrem Stuhl sitzen bleiben konnte. Doch mit dem, was nun kam, hatte sie nicht gerechnet.
„Keine Sorge“, nahm Lorenzo mit ruhiger, gelassener Stimme den Faden wieder auf. „Ich verlange nichts Unmögliches von Ihnen. Es gibt nur eine einzige Bedingung dafür, dass ich Ihre Existenz und damit auch die Ihres kleinen Sohnes rette.“
Isabel schluckte. „Und … die wäre?“
„Nun lassen Sie es mich so ausdrücken: Ich brauche dringend eine Ehefrau, und dabei dachte ich an Sie.“