4. KAPITEL

„Eine Ehefrau? Heiraten?“

Isabels Worte brachen das entstandene Schweigen.

Lorenzo hielt einen Moment lang den Atem an. Es war faszinierend. Er konnte förmlich verfolgen, wie sie die Bedeutung seines Angebots realisierte. Ihre Gesichtsfarbe wechselte zu kreidebleich, dann überzog schließlich eine feine Röte ihre Wangen, und ihre smaragdgrünen Augen wurden groß. Sie sah unglaublich attraktiv aus.

Was muss jetzt bloß in ihrem hübschen kleinen Kopf vor sich gehen, überlegte Lorenzo. Vermutlich fragte sie sich, ob er sie lediglich veralberte und mit ihr spielte. Nun, sie hatte ja keine Ahnung, wie wenig ihm zum Scherzen zumute war.

Es ging schon längst nicht mehr um das Projekt auf Menorca. Nein, endlich sah er auch wieder eine reelle Chance, schon bald der neue Hauptanteilseigner der Firma seiner Tante zu werden. Und Isabel war für die Realisierung beider Vorhaben von essenzieller Bedeutung. Er brauchte sie, um Inés zu zwingen, endlich ihr altes Versprechen einzulösen und die übrigen achtzig Prozent der Unternehmensanteile auf ihn zu übertragen. Deshalb brauchte er sie – und ihren Sohn.

Lorenzo wusste um seine Anziehungskraft, die er auf Frauen ausübte. Somit wäre es ihm sicher nicht schwergefallen, eine geeignete Kandidatin zu finden, die bereit war, seine Ehefrau auf Zeit zu spielen. Das Kind jedoch stellte ein Problem dar. Lorenzos Erfahrung nach neigten Mütter dazu, stets zuerst an das Wohl ihres Sprösslings zu denken. Es war also kaum damit zu rechnen, dass sich eine einfach so für diese kleine Scharade zur Verfügung stellte.

Damit, dass er den Schlüssel zur Lösung all seiner Probleme ausgerechnet im Café del Playa finden würde, hatte er allerdings nicht gerechnet. Doch in dem Moment, in dem der Junge in Begleitung seines Kindermädchens erschienen und Lorenzo klar geworden war, dass es sich um Isabels Sohn handelte, hatte er erkannt, dass sie die Richtige war.

Isabels Verzweiflung war der Schlüssel zum Erfolg. Denn nur eine verzweifelte Frau würde sich auf ein unmoralisches Angebot, wie er es ihr machte, einlassen.

„Sie müssen verrückt sein!“ Isabels Feststellung riss ihn aus seinen Gedanken. Erbost sprang sie von ihrem Platz auf, ihre Augen funkelten vor Zorn. „Wie können Sie es wagen!“ Sie wirbelte auf dem Absatz herum und flüchtete von der Terrasse, vorbei an dem verblüfften Angelo, der gerade ihre Bestellung aufnehmen wollte.

Mit einem wissenden Lächeln blickte Lorenzo ihr nach. Eigentlich hatte er keine andere Reaktion von ihr erwartet. Er spekulierte darauf, dass sie sich seinen Vorschlag noch einmal in Ruhe durch den Kopf gehen ließ. Und dann würde ihr zweifellos klar werden, dass ihr im Grunde keine andere Wahl blieb. Sie stand an einem Scheideweg, der nach allen Richtungen in den Abgrund führte. Egal, welche sie einschlug, sie würde auf jeden Fall verlieren. Einzig die Lösung, die ich ihr eröffnet habe, bietet für sie und ihren Sohn eine Perspektive, dachte Lorenzo zufrieden, und ein triumphierendes Lächeln erschien auf seinen Lippen.

Was bildet sich dieser unverschämte Kerl eigentlich ein? fragte sich Isabel, während sie durch das Lokal lief und suchend nach dem Ausgang Ausschau hielt. Sie war wütend. Wütend auf Lorenzo Velásquez, auf ihre ausweglose Situation – aber vor allem auf sich selbst.

Sie stürmte weiter durch das Restaurant, ohne sich um die teils irritierten, teils neugierigen Blicke der Gäste und Angestellten zu kümmern. Sie wollte nur weg. Weg von Lorenzos spöttischem Lächeln, seiner herablassenden Art – und ganz besonders seiner unglaublichen Anziehungskraft.

Seinen Blicken und Berührungen, die dich so aus dem Konzept bringen …

Endlich fand sie den Ausgang und stolperte über die Türschwelle. Tief atmete Isabel die angenehm kühle Abendluft ein und schloss für einen Moment die Augen. Sie spürte, wie sich ihr Herzschlag allmählich beruhigte, und ihr Atem ging langsamer. Seufzend öffnete sie die Augen wieder und schüttelte den Kopf. Dieses Treffen war reine Zeitverschwendung gewesen. Zeit, die sie wirklich besser hätte verwenden können. Sie würde jetzt nach Hause fahren, und … O nein!

Aufstöhnend fuhr sie sich durchs Haar. Ihr war soeben klar geworden, dass sie so leicht nicht von hier fortkommen würde. Auf dem Parkplatz des Angelo’s standen lediglich Privatfahrzeuge, ein Taxi war weit und breit nicht zu sehen. Wenn sie also nicht ins Restaurant zurückkehren und dort darum bitten wollte, dass man ihr telefonisch einen Wagen bestellte – und das hatte sie gewiss nicht vor, dazu war ihr die Gefahr zu groß, Lorenzo noch einmal zu begegnen –, stand ihr ein längerer Fußmarsch bevor. Zumindest, bis sie die Küstenstraße erreichte, würde sich gewiss keine Mitfahrgelegenheit ergeben.

Also dann, sagte sie sich und straffte die Schultern. Doch bereits nach etwa zwanzig Metern, als die gepflasterte Auffahrt in einen mit Splitt gestreuten Schotterweg überging, kam Isabel mit ihren Stilettoabsätzen nicht mehr weiter. Fluchend zog sie die Schuhe aus. Dann eben barfuß!

Allzu weit kam sie allerdings nicht. Dank der winzigen Splittsteinchen fühlte es sich schon nach wenigen Schritten an, als würde sie auf Glasscherben laufen. Ernüchtert gab sie schließlich auf. Tränen traten ihr in die Augen. Tränen der Frustration und der Verzweiflung, nicht des Schmerzes. Aufschluchzend setzte sie sich auf einen der Randsteine, die den Weg begrenzten, und barg das Gesicht in den Händen, die High Heels noch immer an den Riemchen haltend.

Was stimmte bloß nicht mit ihr, dass sie immer wieder in solche Situationen geriet? Wieso konnte nicht ein einziges Mal alles so laufen, wie sie es sich wünschte? Eines stand fest: Wenn jedem Menschen ein gewisses Kontingent an Glück zukam, dann standen ihr definitiv glückliche Zeiten bevor. Doch nicht in allzu naher Zukunft, wie es schien.

Lorenzo hatte schon recht: Ihr blieb kaum eine andere Wahl, als das Café del Playa zu verkaufen. Und die Schuld daran trug weder sie noch der arrogante mallorquinische Hotelier. Sicher, er und seine Handlanger hatten das Ihrige dazu beigetragen, die Situation noch weiter zu komplizieren. Doch der wahre Grund für die schlechte finanzielle Situation des Lokals war Jorges jahrelange Misswirtschaft.

Er hatte das Café geliebt wie nichts anderes auf der Welt. Ein wirklich glückliches Händchen für Geschäfte hatte er jedoch nicht besessen. Statt Geld für wirklich wichtige Investitionen wie neue Geräte und notwendige Reparaturen zur Seite zu legen, hatte er sämtliche Rücklagen in irgendwelche leichtsinnigen Immobiliengeschäfte gesteckt.

Nach Louis’ Geburt hatte Isabel versucht, mäßigend auf ihren Mann einzuwirken – erfolglos. An jenem schicksalhaften Tag, an dem er mit seinem Motorrad verunglückte, war es deshalb zu einem schlimmen Streit gekommen. In ihrer Wut hatte Isabel einige Dinge gesagt, die ihr später leidtaten. Sehr leid sogar. Doch sie hatte sie nicht zurückgenommen.

Sie schüttelte den Kopf, um die Gedanken an die Vergangenheit zu verscheuchen. Was geschehen war, war durch nichts mehr rückgängig zu machen. Sie musste sich jetzt um die Gegenwart kümmern. Louis zuliebe.

Im ersten Augenblick hatte Lorenzos Angebot recht verlockend geklungen. Die Idee, das Café versetzen zu lassen, war zugegebenermaßen nicht schlecht. Damit würde Jorges Lebenswerk für Louis erhalten bleiben. Und die Aussicht, dass ihre finanzielle Notlage mit einem Schlag beendet sein könnte, war beinahe zu schön, um wahr zu sein. All ihre Probleme würden sich in Wohlgefallen auflösen. Sie könnte mit Louis noch einmal ganz von vorn anfangen. Ein Leben ohne Sorgen und Ängste führen. Einen Moment lang gab Isabel sich ihren Träumereien hin. Doch die Forderungen, die Lorenzo stellte, waren absolut indiskutabel – oder?

Das Knirschen von Schritten auf dem Streusplitt holte sie in die Gegenwart zurück. Kurz darauf erklang Lorenzos Stimme.

„Isabel?“

Hastig wandte sie das Gesicht ab und wischte sich die Tränenspuren von den Wangen. Dann zog sie ihre Schuhe an und erhob sich. Auf keinen Fall wollte sie Lorenzo Gelegenheit geben, von oben auf sie herabzublicken.

„Was wollen Sie denn noch?“, fragte sie unfreundlich. „Ich denke, zwischen uns ist alles gesagt.“

Als er schweigend näher trat, fing ihr Herzschlag unwillkürlich wieder an zu flattern, und sie drehte sich rasch um. Er sollte nicht merken, was für eine verheerende Wirkung er auf sie ausübte. Auf gar keinen Fall!

Er stand jetzt so dicht hinter ihr, dass sie seinen warmen Atem auf der Haut spüren konnte. Sein Duft – eine aufregende Mischung aus Moschus, Sandelholz und etwas, das seine ganz eigene männliche Note zu sein schien – hüllte sie ein, drohte ihr die Sinne zu rauben. Isabel schloss die Augen und erbebte. Mit ihrem ganzen Körper sehnte sie sich danach, von Lorenzo berührt zu werden. Doch beinahe mit derselben Intensität fürchtete sie sich auch davor, ihn zu nah an sich herankommen zu lassen. Sie durfte nicht vergessen, wer er war – und was er von ihr wollte!

Doch dann legte er ihr die Hände von hinten auf die Schultern, und es war, als würde ein Funkenregen auf sie niedergehen und sie in Flammen setzen. Flüssiges Feuer schien im pochenden Rhythmus ihres Herzens durch ihre Adern zu pulsieren, und als er die Finger langsam über ihre Oberarme gleiten ließ, gelang es ihr nur mit Mühe, ein Seufzen zu unterdrücken.

Hör auf damit! Reiß dich endlich zusammen!

Um sich der Berührung, die ihr fast den Verstand raubte, zu entziehen, drehte sie sich zu ihm um. Zu spät erkannte sie, dass sie es damit nur noch schlimmer machte. Seine für einen Südländer ungewöhnlich hellen Augen waren wie Magnete. Sie hielten ihren Blick gefangen, bis sie glaubte, sich in ihren graublauen Untiefen zu verlieren.

Lorenzo schwieg. Es bedurfte auch keiner Worte, denn ihre Körper entwickelten eine eigene Sprache. Sei vorsichtig, mahnte die Stimme ihrer Vernunft, die bald vom immer lauter werdenden Hämmern ihres Herzens übertönt wurde. Dies ist sein Spiel, Isabel. Wenn du dich darauf einlässt, hast du bereits verloren.

Sie wich schnell zurück, knickte dabei mit einem Absatz weg und drohte zu fallen. Nur Lorenzos blitzschnelle Reaktion bewahrte sie vor einem schmerzhaften Sturz. Doch das, was stattdessen geschah, war vielleicht noch schlimmer.

Isabel fühlte sich unglaublich geborgen in seinen starken Armen und konnte seinen Herzschlag an ihrer Brust spüren. Sie nahm die Hitze wahr, die von ihm ausging und sie in Flammen setzte. Schweigend schaute er sie an. In seinen Augen loderte dasselbe Feuer, das auch sie empfand und sie zu verzehren drohte. Die Zeit schien still zu stehen – eine Ewigkeit lang. Sie wusste nicht, wie lange sie schon so dastand und ihn wie gebannt ansah, als er sie sanft von sich schob.

Obwohl sie ihm dankbar sein sollte, dass er ihren Moment der Schwäche nicht ausgenutzt hatte, konnte sie nichts anderes empfinden als Bedauern und ein undefinierbares Sehnen, über das sie lieber nicht nachdenken wollte.

Lorenzo reichte ihr seinen Arm und maß sie mit einem fragenden Blick. „Wollen wir nicht wieder hineingehen?“

Langsam nickte sie. Dann hakte sie sich bei ihm unter.

Es gab drei Dinge, die für Melissa Prescott bei der Partnersuche von Bedeutung waren: dass der potenzielle Kandidat gut im Bett war, ein teures Auto fuhr und ihr dabei helfen konnte, ihrem jeweiligen Ziel einen Schritt näherzukommen.

Und Ramón Suárez schien zumindest in zwei von drei Punkten ein vielversprechendes Exemplar dieser Gattung Mann zu sein.

Melissa hatte ihn vor zwei Tagen auf einer Party kennengelernt, die auf einer großen Jacht im Hafen von Mahón stattfand. Wie so oft war die Tatsache, dass sie weder den Gastgeber kannte noch auf der Gästeliste stand, für sie kein Hinderungsgrund gewesen, sich trotzdem auf das Fest zu schmuggeln. Wenn man es im Leben zu etwas bringen wollte, so lautete Melissas Devise, musste man eben manchmal gegen die Regeln verstoßen. Sklavischer Gehorsam hatte noch niemanden ans Ziel seiner Träume gebracht.

„Auf gerader Strecke bringe ich die Maschine auf fast dreihundert Stundenkilometer“, prahlte Ramón, der am Steuer seines nagelneuen flammend roten Porsche saß.

Gut aussehend konnte man ihn nicht gerade nennen. Obwohl er erst Ende dreißig war, lichtete sich sein mittelbraunes Haar an den Schläfen bereits, und auch die teure Designerkleidung konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er Fett angesetzt hatte. Normalerweise hätte Melissa einen wie ihn nicht einmal eines Blickes gewürdigt. Doch zufällig wusste sie, dass Suárez nicht nur sehr vermögend war, sondern auch über beste Kontakte zu den menorquinischen Behörden verfügte – und genau das machte ihn für sie interessant. Seine Unterstützung würde für sie sehr nützlich sein, wenn es darum ging, den Plan in die Tat umzusetzen, den sie schon seit nunmehr fast fünf Jahren verfolgte und dessen Erfüllung für sie in immer greifbarere Nähe rückte.

„Wirklich beeindruckend“, bestätigte sie mit einem strahlenden Lächeln. Es war nicht einmal gelogen, denn der Wagen gefiel ihr tatsächlich, zumal er sogar einem Mann wie Ramón ein wenig Glanz und Klasse zu verleihen vermochte.

„Ich sterbe vor Hunger. Was meinst du, wollen wir etwas essen gehen? Ich kenne ein hübsches kleines Fischrestaurant in der Nähe.“

Melissa nickte unverbindlich. Sie war zwar der Ansicht, dass es ihrem Verehrer kaum geschadet hätte, einen Abend auf Diät gesetzt zu werden, doch sie war schließlich nicht seine Ernährungsberaterin. Zudem wusste sie aus Erfahrung, dass es bei einem romantischen Dinner bei Kerzenschein um ein Vielfaches leichter war, Männer dazu zu bringen, genau das zu tun, was man von ihnen wollte.

Viel brauchte es im Grunde auch gar nicht mehr. Melissa war mit der Entwicklung, die die Dinge in den vergangenen Wochen genommen hatten, mehr als zufrieden. Zuerst hätte sie ihren Vater am liebsten dafür umgebracht, dass er ihr ausgerechnet einen Job im Café del Playa besorgt hatte. Mittlerweile hielt sie es für eine Fügung des Schicksals. Es war nur noch ein kleiner Schubs notwendig, dann würde sie ihre Rache, nach der sie schon so lange dürstete, bekommen. Und Ramón Suárez war die Waffe, mit der sie den entscheidenden Stoß zu führen gedachte.

Er lenkte den Wagen von der Straße weg auf einen schmalen, gewundenen Schotterweg, an dessen Ende ein weißer Leuchtturm in die Höhe ragte. Melissas Blick streifte ein Pärchen, das auf die Eingangstür des Gebäudes zuging. Der Mann war groß und athletisch. Er ähnelte dem Typ, den sie im Café del Playa kennengelernt hatte: Lorenzo Velásquez. Und die Frau …

Melissa erstarrte. Nein, das konnte nicht sein. Das war nicht … „Isabel!“, stieß sie hasserfüllt hervor. Sie war es tatsächlich, und ihr Anblick reichte, um Melissa das Blut in den Adern gefrieren zu lassen.

Manchmal fragte sie sich, wie sie es aushielt, Isabel Culbraith Tag für Tag aufs Neue gegenübertreten zu müssen. Diese Frau war der Inbegriff von allem, was Melissa verabscheute. Sie nährte diesen Hass seit nunmehr fünf Jahren, und ähnlich wie ein guter Wein war er nicht schwächer und wässriger, sondern im Gegenteil immer stärker und konzentrierter geworden. Und wenn der Tag der Rache gekommen war, würde sie das Glas bis zur Neige leeren und ihren Triumph auskosten, und sie wusste, dass er bittersüß und schwer schmecken würde.

„Was ist los?“ Ramóns Stimme holte sie zurück in die Realität.

„Dreh um!“, herrschte sie ihn unfreundlich an. „Bring mich nach Hause, Ramón, mir ist der Appetit vergangen.“

„Aber Melissa, ich …“ Er nahm eine Hand vom Lenkrad und legte sie ihr aufs Knie. Doch Melissa schob sie unwirsch zur Seite.

„Lass das!“, fauchte sie ihn an.

Ramón zögerte noch kurz, sah das zornige Funkeln in Melissas Augen und entschied, dass es wohl besser war, sich zu fügen. Kopfschüttelnd wendete er den Wagen und gab Gas.

Isabel fühlte sich noch immer ein wenig benommen, als sie wieder zusammen mit Lorenzo auf der Terrasse des Angelo’s Platz nahm. Was war da vorhin mit ihr geschehen? Wieso übte dieser Mann eine solch unwiderstehliche Anziehungskraft auf sie aus? Und das, obwohl sie ihn nicht einmal mochte?

Angelo kam, um die Bestellungen aufzunehmen. Er ließ mit keiner Regung erkennen, dass er etwas von ihrer Auseinandersetzung mitbekommen hatte. Dabei konnte ihm unmöglich entgangen sein, wie sie völlig aufgelöst aus dem Restaurant gestürmt war.

„Eine gute Wahl“, sagte er, als Lorenzo sich für die gegrillte Goldbrasse entschied. Isabel wählte lediglich einen kleinen gemischten Salat. Ihr war die Lust, etwas zu essen, gründlich verdorben.

„Also, was soll das Ganze?“, fragte sie, als sie wieder allein waren.

„Ich glaube nicht, dass ich Ihnen Rechenschaft schuldig bin“, entgegnete Lorenzo kurz angebunden.

„Sie müssen entschuldigen, aber das sehe ich ein wenig anders.“ Obwohl sie sich alles andere als in kämpferischer Stimmung fühlte, hob sie störrisch das Kinn. Was bildete sich dieser Mann eigentlich ein? Dachte er wirklich, dass sie ohne jegliche Erklärung auf ein solches Angebot eingehen würde? Wie konnte er überhaupt annehmen, dass eine Frau sich auf eine solche Schmierenkomödie einlassen würde? Noch dazu eine, die die Verantwortung für einen kleinen Sohn trug? „Sie verlangen von mir, dass ich Sie heirate, und besitzen auch noch die Dreistigkeit, mir zu sagen, dass mich Ihre Gründe nichts angehen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Señor Velásquez, ich …“

„Lorenzo“, fiel er ihr ins Wort. „Por favor, tun Sie mir diesen kleinen Gefallen.“

„Also, das ist doch …“ Seufzend schüttelte sie den Kopf. „Nun gut, Lorenzo – ich werde Sie ganz bestimmt nicht heiraten. Und wissen Sie auch, warum? Weil das einfach nur völlig lächerlich ist!“

Er kam nicht dazu, sofort etwas zu erwidern, da Angelo erschien, um das Essen zu servieren.

„Finden Sie?“ Sobald sie wieder allein waren, ließ er sich genussvoll die Goldbrasse schmecken, während Isabel mit der Gabel die Salatblätter auf ihrem Teller hin und her schob. „Bitte korrigieren Sie mich, sollte ich mich täuschen“, sagte er kauend, „aber es ist doch nun mal eine Tatsache, dass Ihnen finanziell gesehen das Wasser bis zum Hals steht. Wir waren uns doch bereits einig, dass Sie es aus eigener Kraft nicht schaffen können, das Café del Playa zu erhalten, oder nicht?“

Sie nickte. Es wäre albern gewesen, das Gegenteil zu behaupten.

„Nun“, sprach er weiter, als sie nichts erwiderte, „dann ist es im Grunde doch ganz einfach, nicht wahr? Ich biete Ihnen einen Weg, all Ihre Probleme auf einen Schlag zu lösen, und erwarte dafür eine angemessene Gegenleistung. Es handelt sich um ein Geschäft, von dem beide Seiten profitieren. Sie sollten versuchen, die Angelegenheit aus einem neutralen Blickwinkel zu betrachten. Niemand verlangt von Ihnen, dass Sie mir Gefühle entgegenbringen, und auch Sex ist kein Bestandteil unseres Deals. Sie sollen sich lediglich zeitlich begrenzt als meine Ehefrau zur Verfügung stellen.“

„Und warum ausgerechnet ich? Warum nehmen Sie dafür nicht eine dieser unzähligen Modepüppchen, mit denen Sie sich ständig die Zeit vertreiben?“

Einen Moment schwieg er, dann zuckte er die Schultern. „Weil Sie gerade verfügbar sind“, erwiderte er unfreundlich. „Bilden Sie sich bitte nicht ein, dass es etwas mit Ihnen persönlich zu tun hat. Sie erfüllen nur die notwendigen Rahmenbedingungen, das ist alles.“

Isabel legte ihre Gabel beiseite und atmete tief durch. Sie fragte sich, was er mit diesem Arrangement bezweckte. Was steckte hinter dem Ganzen? Die Tatsache, dass er sich offenbar nicht zu seinen Gründen äußern wollte, konnte jedenfalls nicht so etwas wie Vertrauen zwischen ihnen entstehen lassen.

Sie schaute ihm schweigend zu, wie er sein Fischgericht verzehrte und sein Weinglas leerte. Schließlich blickte er sie fragend an. „Also, sind wir uns einig?“

Empört funkelte sie ihn an. Dann atmete sie tief durch und hob das Kinn. „Nein, das sind wir keineswegs. Ich verstehe nicht, wie Sie annehmen können, dass ich mich auf Ihre Bedingungen einlassen werde! Ich trage die Verantwortung für ein Kind, Señor Velásquez, und …“

„Hatten wir uns nicht darauf verständigt, dass Sie Lorenzo zu mir sagen?“

Sie verkniff sich die Antwort, die ihr auf der Zunge lag. „Ich trage die Verantwortung für ein Kind, Lorenzo“, wiederholte sie stattdessen. „Selbst wenn ich es wollte, könnte ich Sie nicht einfach so heiraten. Ich muss vor allem an Louis denken und daran, was das Beste für ihn ist!“

„Nun, das dürfte ja wohl auf der Hand liegen“, entgegnete Lorenzo siegessicher. „Sie haben Ihren verstorbenen Mann sehr geliebt, nicht wahr? Deshalb wollen Sie auch das Café del Playa unbedingt behalten. Um sein Andenken für Ihren Sohn zu bewahren.“ Er legte sein Besteck beiseite und wischte sich den Mund mit seiner Serviette ab, ehe er wieder aufblickte. „Ihr Sohn soll eines Tages in die Fußstapfen seines Vaters treten, habe ich recht?“

Isabel spürte, wie ihr Tränen in die Augen traten. Er ahnte ja nicht, wie falsch er mit seiner Vermutung lag – und doch wie richtig. „Ich würde Louis nie vorschreiben, was er mit seinem Leben anfangen soll“, erwiderte sie mit unterdrückter Stimme.

„Dennoch wollen Sie sein Erbe für ihn bewahren – ganz gleich, was er später einmal damit anfängt?“

„Und wenn es so wäre?“

„Dann bliebe Ihnen nichts anderes übrig, als auf meinen Vorschlag einzugehen. Ohne meine Hilfe verlieren Sie alles, Isabel. Und es wird nur eines geben, was Sie Ihrem Sohn vererben könnten: einen Berg von Schulden. Also, wie ist Ihre Antwort?“

Sie hasste es, sich das eingestehen zu müssen, dabei hatte Lorenzo absolut recht. Dass ausgerechnet er ihr die Ausweglosigkeit ihrer Situation einmal mehr vor Augen führen musste, schmeckte ihr nicht. Doch die Tatsachen ließen sich nicht verleugnen: Mit sehr viel Glück würde sie in der Lage sein, das Lokal noch ein oder zwei Monate über Wasser zu halten. Danach jedoch drohten unweigerlich die Räumung und die Zwangsversteigerung, deren Erlös vermutlich nicht einmal alle Verbindlichkeiten decken würde.

Für sie würde es auf Menorca keinen Neubeginn mehr geben. Sie konnte allenfalls noch als Angestellte irgendwo anfangen und den Rest ihres Lebens damit verbringen, ihre Schulden abzuzahlen. Das waren deprimierende Aussichten, keine Frage. Sollte sie deshalb ein solch unmoralisches Angebot wirklich annehmen? Immerhin ging es hier um nichts Geringeres als eine Eheschließung!

Nachdem Lorenzo gezahlt hatte, verließen sie das Angelo’s. Isabel fühlte sich wie betäubt, als sie in den Wagen stieg. Den größten Teil des Weges sprachen sie kein Wort. Isabel spürte, dass Lorenzos Gelassenheit gespielt war und es in ihm brodelte. Doch er schien zu dem Schluss gekommen zu sein, dass es nichts brachte, sie zu drängen.

Sie nutzte diese kurze Atempause, um in Gedanken ihre Möglichkeiten durchzugehen. Im Grunde gab es nur drei: Sie konnte bis zur endgültigen Zahlungsunfähigkeit weiterkämpfen, ganz gleich, wie hoffnungslos die Lage auch sein mochte, oder sie gab auf und verkaufte an irgendwen. In beiden Fällen würde sie ihre Existenz verlieren und Louis sein Erbe. Ging sie jedoch auf Lorenzos Angebot ein …

Als er den Wagen am Straßenrand vor ihrem Haus abstellte, war sie immer noch nicht zu einem Schluss gekommen. Sie war völlig durcheinander. Was sollte sie sagen, wenn er jetzt eine Antwort von ihr verlangte?

Da war der Augenblick auch schon gekommen.

„Also?“, fragte Lorenzo.

„Ich …“ Sie schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, aber ich kann das nicht.“

Zu ihrer Überraschung zuckte er lediglich die Schultern. „Nun, es ist Ihre Entscheidung, Isabel. Sie waren meine erste Wahl, ja – allerdings nicht die einzige.“ Er stieg aus und umrundete den Wagen. Dann öffnete er die Beifahrertür und hielt Isabel nonchalant die Hand entgegen, um ihr beim Verlassen des Autos zu helfen. „Es war mir eine Freude, Ihre Bekanntschaft zu machen. Schade, dass wir nicht zu einer Einigung kommen konnten. Und was Ihr Café betrifft: Ich kann warten …“

Isabel schlug das Herz bis zum Hals. Sie stand da, wusste nicht, was sie erwidern oder tun sollte. „Ist das … ist das alles, was Sie zu sagen haben? Was habe ich Ihnen eigentlich getan, dass Sie so grausam zu mir sind?“

„Grausam?“ Er hob ihre Hand an seine Lippen und hauchte einen Kuss darauf. „Das hat mit Grausamkeit nicht das Geringste zu tun. Betrachten Sie es als ein Geschäft. Leider sind wir uns nicht handelseinig geworden. Das ist bedauerlich, aber nicht zu ändern.“ Er lächelte. „Buenas noches, Isabel.“

Dann ließ er sie stehen und ging zur Fahrerseite zurück. Er öffnete die Tür, setzte sich und ließ den Motor an. Isabels Gedanken jagten einander. Dies war vielleicht ihre einzige Chance, den Lauf der Dinge doch noch einmal zu ändern. Wenn sie ihn jedoch jetzt fahren ließ …

In diesem Moment hallte helles Kinderlachen zu ihr herüber. Die Sprösslinge ihrer Nachbarin Gabriella waren hinaus auf die Straße gelaufen, tobten und balgten ausgelassen miteinander. Unwillkürlich fragte Isabel sich, ob sie Louis jemals wieder so unbekümmert und übermütig erleben würde. Zwar erschien ihr Gabriella angesichts einer achtköpfigen Kinderschar hin und wieder ein wenig überfordert, doch sie hatte stets ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Kleinen. Isabel hingegen würde sich, wenn es zum Schlimmsten kam und man ihr das Café wegnahm, außer einer Ganztagsbeschäftigung mindestens noch einen Nebenjob suchen müssen.

Wie viel Zeit blieb ihr dann noch für ihren kleinen Sohn? An wen sollte er sich wenden, wenn er später einmal Schwierigkeiten in der Schule oder Liebeskummer hatte?

Würde ihre enge Bindung nicht über kurz oder lang darunter leiden? Was für eine Mutter konnte sie Louis noch sein, wenn sie sich nach zehn oder elf Stunden Arbeit abgekämpft nach Hause schleppte – mit der Gewissheit, finanziell nie wieder auf einen grünen Zweig zu kommen?

Bei dem Gedanken traten ihr Tränen in die Augen, die sie hastig wegblinzelte. Dazu sollte – durfte – es nicht kommen. Doch es schien nur eine einzige Möglichkeit zu geben, um das zu verhindern.

„Warten Sie“, stieß sie atemlos hervor.

Sofort stellte er den Motor wieder ab. Sie hasste ihn für das zufriedene Lächeln, das auf seinen Lippen lag. „Wusste ich doch, dass Sie Vernunft annehmen würden“, sagte er, ohne aus dem Wagen zu steigen. „Sie haben also eingesehen, dass es am besten für alle Beteiligten ist, wenn Sie auf meinen Vorschlag eingehen?“

Isabel schluckte. „Ich … brauche noch ein wenig Zeit. Ich kann das nicht einfach so zwischen Tür und Angel entscheiden.“

„Es tut mir leid, aber Geduld ist nicht gerade eine meiner Stärken.“ Er schüttelte den Kopf. „Entweder Sie sagen Ja, oder Sie lassen es. Nur seien Sie sich darüber im Klaren, dass mein Angebot hinfällig wird, sobald ich von hier weggefahren bin.“

Wieder drohten Tränen in Isabels Augen zu treten, die sie nur mit Mühe zurückhalten konnte. „Ich finde Ihr Verhalten mehr als unfair!“, wagte sie den verzweifelten Versuch eines Widerspruchs. „Zuerst überrumpeln Sie mich vollkommen, und dann verlangen Sie auch noch auf der Stelle eine Entscheidung!“

Gleichgültig zuckte er die Schultern. „Machen wir uns doch nichts vor, Isabel“, erwiderte er lässig, „Sie und ich wissen, dass es eigentlich nur eine mögliche Antwort für Sie gibt. Alle Karten liegen offen auf dem Tisch – Sie müssen nur zugreifen.“

Jetzt war guter Rat teuer. Isabel glaubte nicht, dass er bluffte. Lorenzo Velásquez war nicht der Mann, der leere Versprechungen machte. Wenn sie jetzt ablehnte, bedeutete es – wie hatte ihr Vater es früher doch immer so treffend formuliert? – rien ne va plus. Nichts geht mehr.

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, und die Kehle war ihr wie zugeschnürt, als sie schließlich nickte. „Also schön, Sie haben gewonnen“, flüsterte sie mit versagender Stimme. „Sind Sie nun zufrieden?“

„Durchaus.“ Mit einem nonchalanten Lächeln ging er über den Vorwurf hinweg, der in ihren Worten mitschwang. „In den nächsten Tagen wird mein Anwalt sich mit Ihnen in Verbindung setzen, um alle Formalitäten zu regeln. Wenn alles gut läuft, sind wir in einer oder zwei Wochen bereits verheiratet.“

Isabel wollte etwas erwidern, doch sie brachte kein Wort über die Lippen. Wie betäubt beobachtete sie, dass er den Motor anließ und mit quietschenden Reifen vom Hof brauste. Als der rote Schein der Rücklichter seines Wagens hinter der nächsten Straßenecke verschwand, drehte sie sich um und ging ins Haus. Wie sie es auch drehte und wendete, es schien einfach keine andere Möglichkeit zu geben, als auf sein Angebot einzugehen. Sie musste an Louis denken. Für ihn würde sie auch eine arrangierte Ehe mit Lorenzo Velásquez überstehen. Und eines schönen Tages würden sie über die Zweifel, die sie jetzt quälten, vermutlich lachen. So recht daran zu glauben vermochte sie allerdings nicht.

Lorenzo bog an der nächsten Kreuzung ab und lenkte seinen Mercedes an den Straßenrand. Dann ballte er in einer triumphierenden Geste die rechte Hand zur Faust. Das war ja noch weitaus besser gelaufen, als er zu hoffen gewagt hatte! Über das Autotelefon wählte er die Nummer von Ricardo del Reyes, ehe er den Motor wieder anließ und anfuhr.

Es dauerte nur Sekunden, bis der Anwalt sich meldete. Lorenzo kam sogleich zur Sache. „Ich habe die passende Kandidatin gefunden“, erklärte er. „Bitte bereiten Sie alles für eine schnellstmögliche Eheschließung vor. Am übernächsten Wochenende würde es mir am besten passen, da müsste ich lediglich eine Golfpartie mit dem Bürgermeister von Mahón verschieben und meine Teilnahme an einem Wohltätigkeitsball absagen.“

Por dios, wie haben Sie das so schnell geschafft, Lorenzo? Ich meine, es gibt sicher unzählige Frauen, die bereit wären, einen Mord zu begehen, um mit Ihnen vor den Traualtar treten zu dürfen …“

„Das war in der Tat nicht ganz einfach“, erwiderte Lorenzo mit einem zufriedenen Grinsen. „Sie kennen mich doch, Ricardo. Für mich gibt es keine unlösbaren Probleme. Ich betrachte alles, was sich mir in den Weg stellt, als Herausforderung, die es zu bewältigen gilt.“

„Schon … Wer ist denn die Glückliche?“

„Oh, Sie kennen Sie, Ricardo. Es ist Isabel Culbraith.“

„Die Besitzerin des Café del Playa, die uns solche Schwierigkeiten macht, weil sie sich weigert, ihr Lokal zu verkaufen?“, fragte del Reyes entgeistert.

„Ganz genau“, erwiderte Lorenzo. „Sie ist die perfekte Wahl. Wussten Sie, dass sie einen etwa fünfjährigen Sohn hat?“

, schon, aber … Und sie hat wirklich eingewilligt?“

„Ich habe ihr klargemacht, dass sie kaum eine andere Wahl hat. Allerdings musste ich im Gegenzug dazu auch einige Zugeständnisse machen.“

Del Reyes stöhnte leise auf. „Jetzt kommt also der Haken an der Geschichte.“

„Nein, Ricardo. Lediglich eine geschäftliche Übereinkunft, von der beide Seiten profitieren.“ Er benutzte unbewusst fast dieselben Worte, die er Isabel gegenüber verwendet hatte. „Wir setzen das Café del Playa um und übernehmen sämtliche Kosten inklusive der für ein neues Grundstück. Dafür wird Señora Culbraith einer Ehe auf Zeit zustimmen. So einfach ist das.“

„Bueno“, murmelte Ricardo, und Lorenzo meinte förmlich vor sich zu sehen, wie der Anwalt die Schultern zuckte. „Es ist Ihr Geld, Sie können damit machen, was immer Sie wollen. Ich werde sämtliche Formalitäten wie gewünscht erledigen, um eine schnellstmögliche Heirat zu ermöglichen.“ Er zögerte kurz, ehe er weitersprach: „Trotzdem würde ich mir die Sache noch einmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen, Lorenzo. Diese Señora Culbraith ist sehr eigenwillig. Nicht, dass Sie zu guter Letzt feststellen müssen, dass sie Ihnen noch mehr Schwierigkeiten macht.“

Lorenzo schüttelte den Kopf. Er wollte die Einwände seines Anwalts nicht hören. Ricardo war einfach übervorsichtig. Vermutlich ein ganz normales Verhalten für einen Juristen. Sein Berufszweig war nicht unbedingt dafür bekannt, gern Risiken einzugehen. Im Gegensatz dazu war er selbst schon beinahe als Glücksritter zu bezeichnen. Er liebte es, neue, bisher noch nicht ausgetretene Pfade zu erschließen. Meistens war er dabei erfolgreich, manchmal verlor er auch. Eines zeigte die Erfahrung allerdings ganz deutlich: Wer davor zurückscheute, hin und wieder auch einmal etwas zu wagen, würde es nie wirklich zu etwas bringen. Hätte Inés ihm nicht bereits vor Jahren kommissarisch die Geschäftsführung übertragen, dann wäre Nuñez Hoteles jetzt vermutlich nicht das, was es heute war: ein Multimillionen-Euro-Konzern mit insgesamt vierzehn Luxusherbergen auf den Balearen und der Iberischen Halbinsel, Hunderten von Mitarbeitern und jährlich steigenden Gewinnprognosen.

Genau deshalb nahm er es seiner Tante auch so übel, dass sie sich nicht an einmal getroffene Verabredungen hielt. Ihm allein verdankte sie ihren Reichtum – doch anstatt seinen unermüdlichen Einsatz für die Firma zu würdigen, enthielt sie ihm das vor, was sie mündlich schon vor langer Zeit beschlossen hatten: dass er Jahr für Jahr weitere fünf Prozent der Firmenanteile erhalten sollte, bis Inés sich endgültig aus dem Geschäftsleben zurückzog.

Doch jetzt war er am Zug. Und wenn alles so lief, wie er es sich vorstellte, würde er schon bald endlich selbst am Ruder stehen. Dass er Isabel für seinen Plan gewonnen hatte, war ein wichtiger Schritt auf diesem Weg. Und er dachte gar nicht daran, sich diesen Erfolg von Ricardo schlechtmachen zu lassen.

„Sie werden schon sehen, dass ich alles ganz wunderbar im Griff habe“, sagte er. „Isabel Culbraith kann es sich nicht erlauben, mir in die Quere zu kommen. Sie ist letztlich ebenso abhängig davon, dass ich mich an unsere Vereinbarung halte wie umgekehrt. Es war mit ein wenig Überzeugungsarbeit verbunden, ihr die Realität vor Augen zu führen, aber ich denke, sie hat ihre Lektion begriffen.“

„Ich hoffe wirklich, dass Sie recht behalten werden“, war del Reyes einziger Kommentar, ehe Lorenzo das Gespräch beendete. Obgleich er keineswegs an seinem Vorhaben zweifelte, fragte er sich dennoch, ob das alles nicht vielleicht doch eine Spur zu glatt gelaufen war.

Unsinn, sagte er zu sich selbst. Isabel Culbraith war eine intelligente Frau. Sie wusste, dass ihr gar keine andere Wahl blieb, als mit ihm zu kooperieren. Dennoch hatte die offenkundige Skepsis seines Anwalts leise Zweifel an der Genialität seines Vorhabens in ihm aufkommen lassen. Ärgerlich trat er das Gaspedal noch ein wenig mehr durch.

Doch selbst das röhrende Motorengeräusch seines Mercedes schaffte es nicht, seine Stimmung wieder zu heben.