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Lara
Woche 1: Freitag, Mittagszeit
»Also, meinst du, er hat es getan?«
Ich klemme mir mein Handy zwischen Schulter und Ohr, damit ich meinen Blazer ausziehen kann. Was als angenehm warmer Morgen begonnen hat, hat sich in einen drückend heißen Nachmittag verwandelt, und meine Bluse klebt unangenehm an meinem verschwitzten Rücken.
»Noch zu früh, um diese Frage zu beantworten«, eröffne ich meinem Vater, ziehe die Arme aus den Ärmeln des Blazers und rolle ihn zu einem ordentlichen Bündel zusammen, um ihn in meine Handtasche zu stopfen.
»Wie lautet die Anklage?«
»Insidergeschäfte«, antworte ich mit gedämpfter Stimme, obwohl niemand mich beachtet. In der Mittagsstunde an einem Wochentag in der Wall Street sieht es so aus, wie jedermann erwarten würde – jede Menge Anzüge und Martinis und Eitelkeiten. Niemand macht sich die Mühe, einer Frau in einer langweiligen Bluse und mit vier Jahre alten Stilettos, die sie im Versandhandel gekauft hat, einen zweiten Blick zuzuwerfen.
Es macht mir nicht wirklich etwas aus, aber ich werde wenigstens dieses eine Mal zugeben, dass ich nichts einzuwenden hätte gegen eins von diesen hochpreisigen Mittagessen, statt eines mittelmäßigen Kaffees zu billigen Sandwiches.
Da das heutige Mittagessen wahrscheinlich irgendwas zwischen trockenem Truthahn und langweiligem Thunfisch sein wird, habe ich es nicht eilig, das Telefongespräch mit meinem Dad zu beenden. Er arbeitet gerade an einem großen Fall, daher spielen wir seit zwei Wochen Telefonfangen. Es tut gut, seine Stimme zu hören.
»Wer hat den Tipp gegeben?«, hakt mein Dad nach.
»Fantastische Frage«, murmele ich.
Ich kann praktisch hören, wie mein Vater die Stirn runzelt. »Du weißt es nicht?«
»Steve hält sich bedeckt. Vertraulicher Informant und so.«
Steve Ennis ist mein Boss. Ich arbeite für den Mann, seit ich mit dreiundzwanzig bei der SEC angefangen habe, und bis zu diesem Fall hätte ich mir keinen besseren Chef vorstellen können. Doch bei der Ian-Bradley-Sache weicht Steve mir aus, und es macht mich verrückt.
Ich verstehe die Notwendigkeit, in gewissen Fällen Zeugen zu schützen, aber den Namen des Zeugen vor dem Ermittler geheim zu halten, ist eine vollkommen andere Sache und echt frustrierend.
Mein Dad pflichtet mir anscheinend bei. »Aber du bist die Ermittlerin. Wie sollst du deinen Job erledigen?«
Ich hebe mir mein volles Haar aus dem Nacken, aber heute geht keine Brise, daher nutzt es mir nichts. »Glaub mir, das habe ich Steve alles längst gesagt. Aber das waren die Bedingungen des Informanten. Wir müssen seine Privatsphäre schützen.«
»Also weißt du, dass es ein Er ist.«
Ich lächele, denn das ist so typisch Dad – er ist durch und durch FBI-Mann. »Ja. Anscheinend ist es ein Er.«
»Nun, das ist ein Anfang. Bestimmt kannst du mit ein klein wenig Herumgraben …«
»Dad«, unterbreche ich ihn sanft. »Ich werde nicht dafür bezahlt, den Informanten zu finden. Ich werde dafür bezahlt herauszufinden, ob er recht hat.«
»Hat er?«
Ich zucke die Achseln, obwohl mein Dad mich nicht sehen kann. »Ich hab dir doch schon gesagt, es ist noch zu früh für ein Urteil.«
»Was sagt dein Bauchgefühl?« Ich höre ihn, was immer er zu Mittag isst, kauen, und mein Magen knurrt.
»Er sagt, dass er Hunger hat. Was isst du da?«
»Gesunden Mist ohne Geschmack. Jetzt hör auf auszuweichen. Was sagt dein Bauchgefühl über den Fall?«
»Wen interessiert das?«, gebe ich schnippisch zurück. »Bauchgefühle können trügen. Mein Job ist, Fakten zu finden. Beweise.«
»Du darfst die Intuition nicht verachten, Lara. Wenn deine Mom und ich beim FBI irgendetwas gelernt haben …«
»Ja, nun, aber ich bin nicht beim FBI, Dad.«
Ich höre ihn einen Atemzug ausstoßen. »Nicht schon wieder das …«
Ich sollte mir meinen Ärger nicht anmerken lassen, aber je mehr Berufserfahrung ich auf dem Buckel habe, umso schwerer ist es, die Mauer zu akzeptieren, die meine Eltern hochziehen, wann immer ich meinen Traum erwähne, beim FBI anzufangen.
Sie haben mir stets gesagt, ich könne tun, was immer ich wolle – ich könne alles, was Männer können, all diese guten, ermutigenden Sprüche. Bis zu dem Moment, an dem ich ihnen mitgeteilt habe, dass ich in ihre Fußstapfen treten wolle.
Statt mich zu ermutigen, waren sie … dagegen.
»Ich bitte dich nicht, mich in Quantico unterzubringen«, sage ich leise. »Ich will selbst dort hinkommen, aus eigener Kraft. Aber du und Mom wechselt jedes Mal das Thema, wenn ich es erwähne.«
»Lara, wenn du eines Tages Kinder hast, wirst du es verstehen. Deine Mutter und ich tun uns höllisch schwer bei dem Gedanken, dass unser kleines Mädchen Kampftraining und Schießübungen durchläuft.«
»Fähigkeiten, die ich in der Abteilung für Wirtschaftskriminalität wahrscheinlich niemals benötigen werde«, antworte ich. »Der Job wird ganz ähnlich sein wie der, den ich jetzt habe …«
»Warum bleibst du dann nicht bei dem, den du hast?«
Ich lege frustriert den Kopf in den Nacken und schaue kurz in den Himmel. Es ist ein alter Streit und ein anstrengender.
»Die SEC ist ganz in Ordnung. Es war eine tolle Ausbildung, aber ich will zum FBI, Dad. Du weißt, dass das immer der Plan war.«
»Ich weiß«, bestätigt er grantig und kaut weiter.
»Ist es wirklich so eine schlechte Idee«, necke ich ihn, »dass dein einziges Kind in die Fußstapfen seiner Eltern treten will?«
»Das ist es, weil unsere Schritte gefährlich sind.«
»Genau«, stürze ich mich auf das Argument. »Du und Mom bringt euch jeden Tag in Gefahr, und ich mache mir Sorgen, aber ich bin stolz auf euch. Ich will, dass ihr auch stolz auf mich seid.«
Es folgt ein langer Augenblick nachdenklichen Schweigens.
»Wir sind stolz auf dich.«
Ich unterdrücke einen Seufzer. Ich verstehe ihren Beschützerinstinkt, aber wenn ich ganz ehrlich bin, frage ich mich auch, ob sie denken, ich sei dazu nicht in der Lage – dass ich nicht gut genug sein werde. Ich bin nicht so blitzgescheit wie mein Dad, nicht so knallhart wie meine Mom und vielleicht … ah, verdammt. Ich bin ein richtiges Mädchen. Ein Mädchen, das mit achtundzwanzig Jahren immer noch versucht, seinen Eltern zu gefallen.
Ich werde abgelenkt, als ich eine vertraute Gestalt die Straße überqueren sehe.
Seit unserem Frappuccino-Moment am Dienstag ist Ian mir aus dem Weg gegangen, und ich habe es satt. Ich kann mit E-Mails, Berichten und Einzelheiten von Meetings nur begrenzt etwas anfangen. Ich muss mit dem Kerl reden. Um ihn zu durchschauen.
Und heute ist er zum ersten Mal seit Tagen nicht in Begleitung seiner Wachhund-Assistentin.
Jetzt ist meine Chance.
»Dad, ich muss Schluss machen. Wir reden bald wieder, okay?«
»Halt mich über den Fall auf dem Laufenden.«
»Mach ich.«
Ich lege auf, stecke mein Handy in meine Handtasche und beschleunige meinen Schritt, damit ich Ian nicht aus den Augen verliere. Ein wenig stalkermäßig, ich weiß, aber ich bin Ermittlerin. Manchmal werden wir regelrecht zu Privatschnüfflern um des Jobs willen.
Ian überquert eine weitere Straße und geht auf das Hudson-Ufer zu, was … seltsam ist. Diese Stelle der Stadt ist ein Sammelplatz von Touristen und Eltern mit Kinderwagen, nicht für die Elite der Wall Street. Ich hätte erwartet, dass er in einer der Kneipen des Finanzdistrikts verschwindet, die Martinis und Kaviar anbieten.
Ich brauche ihm nicht lange zu folgen. Er betritt ein kitschig wirkendes Restaurant namens Vincedi’s, das aussieht, als ob seine nächste Bewertung vom New Yorker Gesundheitsamt bestenfalls fragwürdig sein wird.
Definitiv ein Lokal, in dem man sich mit jemandem treffen würde, mit dem man nicht gesehen werden will.
Ich gebe der Sache zwei Minuten, dann betrete ich das
Restaurant.
»Nur eine Person?«, fragt die muntere Hostess und hält mir eine laminierte Speisekarte hin.
Ich nicke und folge ihr zum Tisch, wobei ich den Blick schweifen lasse, um nach Ian zu suchen. Ich hoffe, dass ich ihn entdecke, bevor er mich entdeckt.
Das Restaurant ist größer als erwartet, daher sehe ich ihn erst, als man mir einen Platz zugewiesen hat. Inzwischen habe ich neben der aufmerksamen Suche im Raum auch Interesse an den »Gourmetburgern« geheuchelt.
Mir rutscht der Magen in die Kniekehlen.
Wie vermutet, trifft er sich mit jemandem. Aber so wie es aussieht, hat sein Interesse an ihr nichts mit J-Conn zu tun.
Ian sitzt in einer Nische in der Ecke und flüstert der schönsten Frau, die ich je gesehen habe, etwas ins Ohr. Ihr rotes Kleid ist maßgeschneidert für ihre perfekte Figur und so tief ausgeschnitten, dass es ihre beeindruckenden Brüste zur Schau stellt, ohne billig zu wirken. Ihr Haar ist lang und schwarz, ihr Make-up tadellos. Sie ist schwerlich eine Frau, die sich in einem miesen, abseits der ausgetretenen Pfade gelegenen Restaurant verstecken würde, was mich auf die Frage bringt, ob sie verheiratet ist.
Warum sollten sie sich so weit entfernt von den anderen schönen Menschen der Wall Street treffen?
Dann geht mir ein Licht auf: Ich spioniere Ian Bradley bei einem Stelldichein nach.
Ich schließe in entsetzter Demütigung die Augen. Bitte, jemand soll mich auf der Stelle umbringen.
Als ich die Augen wieder öffne, rutscht mir der Magen nicht nur in die Kniekehlen, er verwandelt sich in eine verdammte Achterbahn.
Ian sieht mich direkt an und zieht herausfordernd die Brauen hoch.
Es ist eins der ersten Male in meiner beruflichen Laufbahn, dass ich keine Ahnung habe, was ich tun soll. Es ist vollkommen unmöglich, dass ich das hier als Zufall herunterspielen kann – nach den Mahlzeiten zu urteilen, die ich an meinem Tisch habe vorbeigehen sehen, ist dieses Lokal superätzend. Und es ist nicht
einmal billig, daher habe ich wirklich keinen anderen Grund, hier zu sein, als ihn auszuspionieren. Was er ganz genau weiß, wie mir sein Feixen verrät.
Ist es möglich, vor lauter Verlegenheit spontan Feuer zu fangen?
Ich werfe einen verstohlenen Blick auf die Tür und überlege, ob ich irgendwie halbwegs würdevoll fliehen kann. Als ich wieder hinschaue, wird Ians Lächeln noch breiter, und mir wird klar, dass das genau das ist, worauf er hofft: dass ich gedemütigt den Rückzug antrete.
Pech gehabt.
Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, reiße ich mich zusammen, begrüße den Kellner, der an meinen Tisch kommt, und bestelle eine Cola light und einen Truthahnburger. Dann hole ich Notizblock und Bleistift aus meiner Handtasche und lehne mich auf meinem Stuhl zurück, als sei ich darauf vorbereitet, jede Bewegung, die Ian tut, niederzuschreiben.
Ich bin durch einen halben Raum von ihm getrennt und werde nicht die kleinste Kleinigkeit erfahren, aber die Art, wie sein Lächeln verblasst und sein Kinn sich anspannt, sagt mir, dass meine unerwartete Sturheit ihn maßlos ärgert.
Für den Moment reicht mir das.