25
Ian
Woche 4: Freitagabend
»Woher kommen die?«, frage ich, als Sabrina zierliche kleine, quadratische Servietten auffächert, wie ich sie noch nie im Leben gesehen habe.
»Papierladen im Flatiron«, antwortet sie und legt den Kopf schräg, um die Winkel ihres Serviettenarrangements zu prüfen. »Sind sie nicht fabelhaft?«
Ich grunze nur. »Und du bist hier, weil …?«
»Nun, stell dir nur mal kurz vor, wir hätten beide bessere Eltern gehabt«, sagt sie und geht zum Waschbecken, um die Stängel der Blumen zu beschneiden, die sie mitgebracht hat. »Sie hätten uns zum Schulball bringen wollen. Es dokumentieren. Sicherstellen, dass du das Sträußchen hast.« Sie hält die Blumen hoch.
Ich sehe Matt an, der auf dem Barhocker in meiner Küche sitzt. »Was redet sie da?«
»Lass mich damit in Ruhe.« Matt zuckt die Achseln und greift in eine Schale mit schnieken Käsecrackern, eine weitere Ergänzung Sabrinas. »Ich spreche ihre Sprache nicht.«
Sabrina schlägt ihm auf den Handrücken. »Nichts anfassen. Die sind für Lara.«
»Autsch!« Er schüttelt die Hand aus. »Seit wann magst du die SEC lieber als mich?«
»Schon immer. Ich mag jeden lieber als dich.«
»Ich kann dem Hinweis auf den Schulball immer noch nicht folgen«, werfe ich ein und beobachte skeptisch, wie Sabrina Blumen in einer Vase arrangiert, von der ich gar nicht wusste, dass ich sie hatte.
»Der Schulball ist eine große Sache«, sagt sie und steckt eine Blume, deren Namen ich definitiv nicht kenne, an einen anderen Platz. »Genau wie dein erstes Date.«
»Oh Gott«, murmele ich. »Das schon wieder?«
»Sie werden so schnell groß«, bemerkt Matt, greift nach einer von Sabrinas Servietten und tupft sich die Augen ab.
»Die darfst du auch nicht anfassen«, eröffnet Sabrina Matt. »Hast du einen blassen Schimmer, wie viel die kosten?«
»Als könntest du es dir nicht leisten. Wie viel berechnest du gegenwärtig, um im Leben anderer Menschen Gott zu spielen?«
»Oh, ich liege garantiert innerhalb deines Budgets, du Wunderknabe. Wenn du also jemanden engagieren möchtest, der dir bei deinem unzulänglichen …«
»In Ordnung«, unterbreche ich sie. »Raus. Alle beide.«
»Aber …«
»Kein Aber.« Ich hebe Sabrinas Tasche auf, drücke sie ihr an die Brust und schubse meine Freunde Richtung Tür. »Auf Wiedersehen.«
Matt winkt mir zum Abschied zu und benutzt dafür größtenteils den Mittelfinger.
»Selber«, sage ich ihm.
Er runzelt die Stirn, während Sabrina hämisch grinst. »Ich finde, ich sollte hierbleiben«, beharrt er, als er aufsteht. »Du weißt schon, als Störfaktor im rechten Augenblick.«
»Ja, genau das braucht jedes Date.«
»Ian, du kannst nicht ernsthaft daran denken, dich mit dieser Frau zu treffen …«
»Genug!«
Ich neige nicht zu Wutausbrüchen. Wirklich nicht. Aber es gibt einen feinen Punkt, ab dem Freunde keine Freunde mehr sind, sondern monotone Nervensägen.
»Habe ich dir die Hölle heißgemacht, als du und Sabrina gevögelt und dann jeder den Abflug gemacht habt? Halte ich Kennedy und Kate Vorträge darüber, was zum Teufel mit ihnen los ist? Nein. Ich lasse euch euer Ding machen, euer Leben leben, also lasst mich das Gleiche tun. Bitte.«
Matt sieht mich einen Moment lang an, dann schaut er zu Sabrina hinüber, die mit den Achseln zuckt.
»Na schön«, brummt er schließlich. »Rufst du mich an, wenn sie geht?«
»Nein, denn das wäre seltsam«, sage ich, lege ihm eine Hand zwischen die Schulterblätter und schiebe ihn nicht allzu sanft in Richtung Wohnungstür.
Sabrina ist bereits dort und öffnet sie, dann greift sie in ihre Handtasche, um ihren Lippenstift aufzufrischen. »Schick uns zumindest eine Nachricht. Wir wollen sichergehen, dass sie nicht mit dir spielt, dass das kein Trick ist …«
»Ich arbeite nicht mit Tricks.«
Wir alle drehen uns um und sehen Lara in der Tür stehen, eine braune Papiertüte an die Brust gedrückt und einen ärgerlichen Ausdruck auf dem Gesicht. Und vielleicht ist da auch ein Hauch Kränkung in ihren Zügen.
Sabrina hat den Anstand zusammenzuzucken. »Ich meinte nicht …«
»Doch. Meinten Sie«, fällt Lara ihr ins Wort.
Sie trägt heute Abend ihre Brille nicht, und ihr Haar ist offen, so wie an jenem Abend im Klub. Aber was ich am besten finde, ist, dass sie Jeans trägt und eine Art Trägertop. Wie lange ist es her, seit ich den Freitagabend mit einer Frau in Jeans verbracht habe? Normalerweise sind es schicke Kleider, unbequeme Schuhe und eine Wolke Haarspray.
Lara sieht aus, als würde sie sich wohlfühlen. Und es ist eins der erotischsten Dinge, die ich je gesehen habe.
Nun, das und der gerechte Zorn auf ihrem Gesicht.
»Der Fall ist abgeschlossen. Ich halte Ian für unschuldig, sowohl beruflich als auch persönlich. Wenn es anders wäre, wäre ich nicht hier«, sagt Lara kühl.
Dann geschieht das Unmögliche. Sabrina errötet vor Verlegenheit und sagt … nichts.
Sowohl Matt als auch ich starren sie erschrocken an. Sabrina Cross verströmt nie etwas anderes als kühnes Selbstbewusstsein.
»Und Sie«, fügt Lara hinzu und richtet ihre Aufmerksamkeit auf Matt. »Sie und Kennedy sind gute Wachhunde. Das weiß ich zu schätzen. Aber Sie sind auch Ians Freunde und sollten wissen, wann Sie sich zurückzuziehen haben.«
»He«, blafft Matt. »Sie kennen ihn jetzt wie lange? Wir Übrigen sind schon seit Jahren hier …«
»Hervorragend«, unterbricht Lara ihn mit einem strahlenden Lächeln. »Dann vertrauen und respektieren Sie als Freund, der ihn schon seit Jahren kennt, doch sicher sein Urteilsvermögen, oder?«
Matts Kiefer mahlt zornig, aber er weiß, wann er überlistet wurde. »Stimmt.«
»Wunderbar.« Sie tritt zur Seite: ein deutlicher Befehl. Geht.
Zu meiner Überraschung tun sie es.
Zum ersten Mal seit Menschengedenken ziehen Matt und Sabrina sich fügsam zurück, ohne auch nur einmal zurückzuschauen.
Hölle, sie streiten nicht einmal miteinander.
Ich werfe Lara einen ehrfürchtigen Blick zu. »Du hast ja keine Ahnung, wie beeindruckend das war.«
Sie lächelt und kommt in die Wohnung. »Tut mir leid, wenn ich zu weit gegangen bin. Du bedeutest ihnen wirklich viel.«
»Das stimmt. Das heißt aber nicht, dass sie recht haben.«
Lara sieht zu mir auf, ihre blauen Augen ungeschützt ohne ihre Brille. »Du glaubst ihnen also nicht? Du denkst nicht, dass ich hergekommen bin, weil ich hoffe, du wirst etwas über J-Conn ausplaudern?«
Ich trete näher an sie heran, lege ihr einen Finger unters Kinn und drücke ihr Gesicht zu meinem hoch. »Ich finde nicht, dass wir für den Rest des Abends das Wort J-Conn auch nur ein einziges Mal erwähnen sollten.« Ich streiche mit meinem Mund über ihren. »Abgemacht?«
Statt einer Antwort legt sie mir eine Hand um den Hals und zieht mich zu sich herab, und das, was ich als kurzes Küsschen gedacht hatte, wird schnell hitzig.
Normalerweise habe ich die Dinge gern unter Kontrolle, aber ich liebe die Art, wie Lara mich küsst. Ich lasse sie es auf ihre Weise tun, sowohl hungrig als auch ein klein wenig schüchtern. Es ist perfekt. Alles von der zaghaften Berührung ihrer Zunge auf meiner bis dahin, wie sie meine Wange umfasst, gibt mir das Gefühl, als sei dies der einzige Kuss, der jemals von Belang war.
Sie zieht sich zurück und drückt mir die Tüte in die Hand. »Hier. Komme niemals mit leeren Händen zu jemandem nach Hause und so weiter.«
Ich greife in die Tüte und ziehe etwas heraus, von dem ich angenommen hatte, es sei eine Flasche Wein. Ich grinse, als ich feststelle, dass es kein Wein ist. »Campari.« Eine der Hauptzutaten für einen Negroni.
»Und …« Sie wühlt in ihrer riesigen Handtasche, bis sie etwas anderes in der Hand hält, nämlich ein kleines Fläschchen … »Fleckentferner.«
»Nur für den Fall des Falles«, sagt sie, reicht mir das Fläschchen und tätschelt meine Brust, bevor sie weiter in meine Wohnung hereintritt. »Es sieht anders aus als neulich.«
»Ich hatte die Möbel umgestellt, um Platz für die Bar zu schaffen«, antworte ich und stelle den Campari neben Sabrinas Blumen. »So wie jetzt sieht es normalerweise hier aus.«
»Es ist sehr … männlich«, sagt sie und sieht sich um.
Ich nehme eine Flasche Champagner aus dem Kühlschrank. »Hast du das neckische kleine Kissen auf dem Sofa nicht gesehen?«
Sie beugt sich vor, um einen Blick auf das fragliche Kissen zu werfen. »Das ist wohl kaum selbst gemachte Stickerei.«
»Stick-was?«, frage ich und gehe mit einem Champagnerglas auf sie zu.
»Egal.« Sie nimmt das Glas entgegen, und ich stoße in einem wortlosen Trinkspruch mit meinem gegen ihres.
Sie senkt den Blick auf mein Hemd und legt dann den Kopf in den Nacken. »Es ist schwarz.«
Ich schaue auf mein schwarzes Hemd hinab. »Und?«
»Und ich sehe keine Krawatte.«
»Ihre Beobachtungsgabe ist heute Abend exzellent, McKenzie«, antworte ich mit einem Feixen.
»Es ist nur … das ist das erste Mal, dass ich dich in irgendetwas anderem als einem Anzug sehe. Es gefällt mir.«
Ich berühre ihr Haar und streiche mit den Fingern durch die seidigen Strähnen. »Hmm. Während all dieser Zeit habe ich versucht, dich dazu zu bringen, mich nicht zu hassen wie die Pest, und dabei hätte ich einfach nur das Anzughemd weglassen müssen.«
»Ich habe dich nicht gehasst wie die Pest.«
Ich werfe ihr einen wissenden Blick zu. »Du wolltest an jenem ersten Tag auf dem Bürgersteig, dass ich tot umfalle. Gib es zu.«
»Du hast dich unmöglich benommen. Gib das zu.«
»Habe ich«, bestätige ich, ohne zu zögern.
Sie stößt ein genervtes Lachen aus. »Es ist sehr schwierig, mit dir zu streiten, weißt du das?«
»Dann streite nicht. Setz dich. Lass uns darüber sprechen, womit ich dich füttern soll«, sage ich und deute auf die Barhocker.
Sie hüpft auf die glatte schwarze Sitzfläche und nimmt sich eine Serviette von der Theke. »Von Sabrina?«
Ich verdrehe die Augen. »Natürlich. Also … Sushi, Italienisch, Chinesisch oder irgendetwas anderes?«, schlage ich vor und schiebe mein Handy über die Theke, auf dem ich die App für die Lieferung von Mahlzeiten aufgerufen habe.
Sie beißt sich auf die Unterlippe. »Was hältst du von Pizza?«
Die Frau taucht in Jeans auf, mit einer Flasche Campari und will Pizza bestellen.
Wo ist sie mein Leben lang gewesen?
»Ich finde Pizza gut«, sage ich, nehme mein Handy wieder an mich und tippe den Namen eines Restaurants um die Ecke ein.
Und mit dir finde ich sie noch besser.