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Ian
Woche 5: Donnerstag, Mittagszeit
Wenn ich mich später an den Ausdruck auf Jacob Houghtons Gesicht erinnere, als ich mich seinem Tisch nähere, werde ich etwas zu lachen haben. Im Moment jedoch habe ich nur Augen für Lara.
Ich gehe auf sie zu und lege eine Hand auf ihren Rücken, als sie aufsteht und sich mit sichtlicher Erleichterung zu mir umdreht.
»Was zum Teufel?«, stottert Jacob.
»Nein«, sagt Lara mit einem wütenden Zischen und droht ihm mit einem Finger. »Sie haben kein Recht, entrüstet zu sein. Sie haben ihm etwas angehängt.«
»Er hat Sie betrogen!«, sagt Jacob ungläubig. »Und Sie verteidigen ihn?«
»Ich betrüge nicht«, unterbreche ich ihn schneidend. »Weder in meinem Berufsleben noch in meinem Privatleben.«
Jacob stößt ein Schnauben aus. »Klar. Sie sind ein aufrichtiger Pfadfinder, davon bin ich überzeugt.«
»Sie haben gelogen«, wütet Lara. »Sie und Steve haben beide
gelogen.«
Ich drücke die Hand fester auf ihren Rücken, um ihr Halt zu geben, während ich eigentlich am liebsten zuschauen würde, wie sie sich auf Jacob stürzt, was sie liebend gern tun würde, das kann ich spüren.
Jacob lacht. »Oh, Lara. Es hat Sie schlimmer erwischt, als ich dachte. Er hat Sie um den kleinen Finger gewickelt und Sie dann hierhergeschickt, um mir ein Geständnis abzupressen.«
»Das war meine Idee«, erklärt sie und sieht ihn fest an.
»Hu«, sagt er überrascht. »Ich verstehe, warum Steve immer so eine hohe Meinung von Ihnen hatte. Aber das interessiert
niemanden.« Er greift nach seinem Glas und leert den Rest seines Weins. »Mein Wort steht gegen Ihres, und niemand wird glauben, dass ein mutmaßlicher Verbrecher und seine …«
Ich mache drohend einen Schritt auf ihn zu, und in seine Augen tritt ein argwöhnischer Ausdruck.
»Seine Freundin«, sagt er widerstrebend, in einem Ton, der mir verrät, dass es nicht seine erste Wortwahl war.
»Genau genommen«, wirft Sabrina ein und erhebt sich von dem Tisch hinter Jacob, »steht Ihr Wort gegen unseres
.«
Jacob wirbelt herum. »Wer zur Hölle sind Sie?«
Sie wedelt mit einer Hand. »Oh, ich
bin nicht wichtig. Aber darf ich Ihnen Dana Keller vorstellen? Sie ist Journalistin und arbeitet für das Wall Street Journal.«
Die sensationslüsterne Reporterin steht mit einem hämischen Lächeln auf. »Wissen Sie, als Sabrina gesagt hat, sie habe einen Knüller für mich, dachte ich, es wäre vielleicht einfach ein weiterer leitender Angestellter mit perversen Neigungen. Aber das hier ist so
viel besser.«
Jacob erbleicht und sieht aus, als müsste er gleich kotzen. »Ich weiß nicht, was Sie glauben gehört zu haben, aber …«
»Oh nein, es geht nicht darum, was sie glaubt,
gehört zu haben«, schnurrt Sabrina. Sie nimmt einen kleinen, schwarzen Rekorder vom Tisch. »Es geht darum, was sie tatsächlich
gehört hat.«
»Dieser kleine Bursche ist allererste Sahne«, sagt Dana stolz und zeigt auf den Rekorder. »Zeichnet jedes Wispern auf, selbst in einem lauten Restaurant wie diesem.«
Während Jacob das Gerät ungläubig anstarrt, kommen Kennedy und Matt von der anderen Seite des Restaurants herbeigeschlendert. »Ist hier drüben alles in Ordnung, Lara? Wir haben bemerkt, dass du deine Serviette hast fallen lassen«, sagt Matt mit gespielter Sorge.
»Alles in Ordnung«, antwortet Lara und wedelt mit der Serviette wie mit einer weißen Flagge.
Jacob stößt ein entsetztes Lachen aus und dreht sich zu Lara um. »Sie haben gewusst, dass sie dahinten saßen. Sie haben das alles geplant. Was war das Signal? Dass Sie Ihre Serviette fallen lassen und die dann Ian anrufen?«
»Fast richtig. Wir haben ihm eine Textnachricht geschickt«,
erklärt Kennedy. »Er hat draußen gewartet.«
»Hm, mit einer Spur weniger Wein hätten Sie vielleicht mehr auf Ihre Umgebung geachtet«, sagt Sabrina und greift nach der halb leeren Flasche im Eiskübel.
»Sie haben mich reingelegt«, knurrt Jacob uns alle an.
»Ätzend, nicht wahr?«, sage ich und sehe dem Mann fest in die Augen. Doch er ist ein zu großer Feigling und wendet einen Herzschlag später den Blick ab.
»Der einzige Unterschied zu Ihrem Vorhaben ist, dass Sie es verdient haben«, bemerkt Lara leise zu Jacob.
»Das war nicht nur ich«, verteidigt sich Jacob, der offensichtlich das Stadium des Leugnens hinter sich gelassen hat und direkt dazu übergeht zu feilschen. »Steve ist genauso schuldig. Der Bursche steckt bis über beide Ohren in Spielschulden und war bereit, für Geld so ziemlich alles zu tun.«
»Oh, das wissen wir«, stelle ich fest. »Meine Anwältin, Vanessa Louis, ist nur Sekunden, nachdem Lara diese Serviette fallen gelassen hat, in die Büros der SEC marschiert, um Steves Boss über die Situation ins Bild zu setzen.«
Er starrt uns entsetzt an. »Wie viele Leute waren an dieser Falle beteiligt?«
»Nur meine Anwältin und die Leute, die Sie hier sehen«, antworte ich lässig, greife nach Laras Weinglas und nehme einen Schluck. »Oh, und meine Assistentin und die Betriebsaufsicht der SEC, die gleich hier sein sollte …«
»Da sind sie!«, zwitschert Matt.
Wir drehen uns alle um und sehen Kate zwei Anzugträger mit unerbittlichem Gesichtsausdruck in unsere Richtung weisen.
»Oh, mit dem Fallenlassen dieser Serviette sind alle möglichen Dinge passiert«, murmelt Dana Keller bewundernd.
Jacob ignoriert sie, und seine ganze Aufmerksamkeit ist auf mich gerichtet, als sich die SEC-Agenten dem Tisch nähern. »Sie haben mit meiner Frau geschlafen«, sagt er leise. Geschlagen. »Meiner Frau
.«
Für einen Sekundenbruchteil tut er mir fast leid. Wenn ich irgendetwas durch dieses Martyrium gelernt habe, dann, dass eine Frau das Leben eines Mannes vollkommen auf den Kopf stellen kann. Dann erinnere ich mich daran, dass er mich deswegen hinter Gitter
bringen wollte.
»Ich wusste nicht, dass sie verheiratet war«, sage ich und sehe ihn an. »Etwas, das ich Ihnen mit Freuden mitgeteilt hätte, wenn Sie den Mumm gehabt hätten, mich darauf anzusprechen.«
Er runzelt die Stirn. »Whitney hat nicht …«
»Nein«, unterbreche ich ihn. »Whitney hat Sie nicht erwähnt. Sie hat auch keinen Ring getragen. Ich weiß das, weil ich kein Arschloch bin – ich achte auf so was. Sie
wusste, dass sie eine Affäre hatte, aber ich wusste es definitiv nicht.«
»Hat sie von Ihrem Plan gewusst?«, fragt Lara Jacob. »Oder haben Sie beschlossen, Ian ins Verderben zu stürzen, ohne sich die Mühe zu machen, alle Tatsachen aufzudecken?«
Sein halsstarriges Schweigen und sein zorniges Stirnrunzeln sind Antwort genug.
»Ich hasse ihn«, flüstert Lara, während wir alle zusehen, wie er weggebracht wird.
»Ich nicht.«
Sie schaut mit großen Augen zu mir auf. »Wirklich? Er wollte einen Meineid leisten, und das in der erklärten Absicht, dich ins Gefängnis zu bringen.«
»Eine miese Tat«, gebe ich ihr recht und lege ihr eine Hand auf die Taille. »Aber ich hasse ihn trotzdem nicht. Das kann ich nicht.«
»Warum nicht?«
Ich drücke die Lippen auf ihr Haar und sage ihr die Wahrheit. »Weil er dich zu mir geführt hat.«