Kapitel I
Die chinesische Phase
Der Mensch lernt, was er versäumt hat
(Januar/Februar)
China verheimlicht drei Wochen lang das neu entdeckte Virus ∙ Die Bundesregierung ignoriert die Gefahr ∙
US-Präsident Trump lobt die chinesische Regierung ∙
Die WHO warnt die Welt zu spät ∙ Der Whistleblower stirbt
»Viren«, schrieb der Nobelpreisträger und Molekularbiologe Joshua Lederberg, »sind unsere einzigen und wahren Rivalen um die Herrschaft auf diesem Planeten. Sie suchen nach Nahrung – und wir sind ihr Stück Fleisch.« Mehr muss man zunächst mal nicht wissen, um zu verstehen, was in den letzten Monaten auf der Erde passiert ist. Menschen sterben durch Viren, seit es Menschen gibt – auch wenn wir sie erst sehen können, seit wir Elektronenmikroskope haben, die das Unsichtbare sichtbar machen.
»Der unsichtbare Feind«, so nennt US -Präsident Donald Trump das neuartige Coronavirus, um seine Versäumnisse zu entschuldigen. Doch Virologen können es sichtbar machen, deshalb starren wir jeden Abend in den Nachrichten auf diesen Eindringling, der skurril aussieht wie eine außerirdische Kastanie.
»Wir führen Krieg«, sagt der französische Präsident Emanuel Macron, auch das ist falsch. Bisher können wir uns nur wehren, indem wir vor uns davonlaufen und uns in Wohnungen verstecken. Wir sind keine Soldaten, wir sind alle Zivilisten, und an der Front sterben die Ältesten und Schwächsten.
Viren sind auf ein Ziel programmiert: auf das Eindringen in fremde Körperzellen. Nur dort können sie sich vermehren. Dass uns die Viren dabei krank machen oder umbringen, ist nicht mehr als ein Kollateralschaden. Viren wollen uns nicht töten – sie tun es einfach.
»60 Prozent der Bevölkerung könnten infiziert werden«, hat Kanzlerin Angela Merkel den Deutschen prophezeit und damit die beruhigende Botschaft verbreiten wollen, »es schafft uns nicht«. Im 20. Jahrhundert starben allerdings mehr Menschen durch Virusinfekte als durch alle Kriege. Auf rund 700.000 wird die Zahl der Säugetier- und Vogelviren geschätzt, die auf den Menschen überspringen könnten. 260 von ihnen ist es bereits gelungen – nicht nur Polio, Aids, Dengue, Masern, Ebola, SARS , Vogelgrippe H5N1 zeugen davon.
Stellt euch nicht so an, schüttelt ruhig weiter Hände, wollte Großbritanniens Premier Boris Johnson sagen, als er Infizierten im Krankenhaus die Hand reichte. Vier Wochen später kämpfte er auf der Intensivstation mit dem Leben. Nun ja, man kann es dem Virus einfach machen oder so schwer wie möglich.
Wissenschaftler weltweit fangen erst an, SARS -CoV-2 zu verstehen. Bis Mitte Mai wurden auf der Online-Datenbank GISAID 23.363 verschiedene Virussequenzen von SARS -CoV-2 zusammengetragen, von vielen verschiedenen Orten rund um den Globus. Die Detektivarbeit der Virologen hat gerade erst begonnen.
Eigentlich war das Virus schon länger da. Bloß hat es niemand bemerkt. Wann und wo es vom Tier, wahrscheinlich von einer Fledermaus, direkt auf den Menschen übersprang, und ob es ein weiteres Tier als Zwischenwirt genutzt hat, ist noch nicht klar. Wahrscheinlich brauchte es mehrere Anläufe für den erfolgreichen Wechsel auf den Menschen, also mehrere Infektionen unabhängig voneinander. Es passte sich an, sodass es von Mensch zu Mensch weiterreisen konnte.
Dabei kopierte es sich immer wieder selbst, in rasender Frequenz: bis zu hunderttausendmal pro Tag. Und schaffte so den Sprung von Rachen zu Rachen, über Ländergrenzen, Meere, Kontinente. Heimlich, mit maximaler Effizienz – wenn SARS -CoV-2 nicht solch bedrohliche Folgen für die Menschheit hätte, man könnte demütig vor diesem Virus stehen. Staunen über dessen Durchschlagskraft und die Perfektion, mit der die Evolution das Virus ausgestattet hat.
Viren sind die Mietnomaden der Evolution. Sie machen es sich bequem in ihren Wirtsorganismen, koexistieren oftmals friedlich mit ihnen. Doch manchmal, selten, reisen sie weiter, um sich zu vermehren; sie wechseln von einer zur anderen Spezies – auch zum Menschen. So wie SARS -CoV-2 es getan hat. Dabei reist das Virus nur mit dem nötigsten biologischen Gepäck: seinem Erbgut in einer Schutzhülle.
Unser Team von 18 Medizinern, Biologen und Journalisten hat sich auf den Weg gemacht, den weltweiten Vormarsch des Eindringlings zu recherchieren. Die erste Überraschung: zu ermitteln, wie oft und wie dringlich die Weltgesundheitsorganisation WHO , das Robert Koch-Institut, das amerikanische CDC , Wissenschaftler oder Menschenfreunde wie Bill Gates gewarnt haben vor einer Pandemie, wie wir sie jetzt durchleben.
Die zweite Überraschung: zu recherchieren, wie wenig die Regierenden dieser Welt getan haben, um ihre Völker zu schützen vor dieser Gefahr, selbst dann noch, als in China zu besichtigen war, was das Virus anrichtet. Darum gehen wir der Frage nach, warum Regierende zum dritten Mal – nach der Klimakrise und der Migrationskrise – scheitern an der Aufgabe, aus Studien und Warnungen eine vorausschauende Politik zu entwickeln.
Dritte Überraschung: Niemals zuvor war die Menge an Datenmaterial in den Anfängen einer Pandemie so schnell so groß. Das Wissen über SARS -CoV-2, das in so kurzer Zeit weltumspannend zusammengetragen wurde, zeugt von der Lernfähigkeit der menschlichen Spezies.
Wissen ist der wichtigste Impfstoff gegen die Pandemie, solange der Impfstoff noch nicht gefunden ist. In der globalisierten Welt, in der wir leben, wird dieser Mietnomade nicht der letzte gewesen sein, der uns besucht. Besser, wir lassen uns nicht wieder überrumpeln. Besser, wir sind so neugierig und so entschlossen wie dieser junge chinesische Arzt aus Wuhan, der sich im Dezember 2019 wunderte ob einer mysteriösen Lungenkrankheit und so half, das unentdeckte Virus ans Licht zu zerren.
30. Dezember 2019, China, Wuhan
Der Augenarzt Li Wenliang setzt am späten Nachmittag des 30. Dezember eine kurze Nachricht auf WeChat ab. Er kann nicht ahnen, dass er sich durch diese wenigen Zeilen gehörigen Ärger einhandeln und in die Geschichte eingehen wird – als Whistleblower und Volksheld. Der Arzt Li Wenliang ist 34 Jahre alt, hat ein fröhliches Naturell, wie Freunde sagen, ein Typ, der abends gern mal ein Bier trinkt, aber selten mehr als eines, und er hat eine große Vorliebe für frittierte Hühnchen, die er sich oft bei »Dicos« am Bahnhof holt. Am Wochenende spielt er Badminton, nicht sehr gut, aber eifrig. Was Li Wenliang an diesem Nachmittag des 30. Dezember nicht ahnen kann: dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt.
Li hat eine feste Stelle im Zentralkrankenhaus von Wuhan, Zweigstelle Houhu, in der Gusaoshu Straße, Abteilung für Augenheilkunde. Er ist einer von etwa 20 Ärzten, die dort arbeiten. Lis Nachricht geht an etwa 150 Teilnehmer, ehemalige Studienkameraden, zumeist Ärzte also, sie lautet: »7 Fälle bestätigt auf dem Huanan Seafood Market, sie wurden in Quarantäne in die Notaufnahme unseres Houhu-Krankenhauses gebracht.« Und, etwa eine Stunde später: »Coronavirus-Analyse bestätigt, behaltet das für Euch, aber unsere Familien und Nächsten müssen sich schützen.« An die Nachricht hängt er außerdem das Foto eines Laborberichts, das er eigentlich gar nicht haben dürfte.
Wie hat Li von diesen sieben Fällen erfahren? Wahrscheinlich über Umwege. Die Abteilung für Augenheilkunde ist eine kleine Welt für sich; mit dem vergleichsweise hektischen Betrieb der Notaufnahme im Haupthaus hat sie eigentlich wenig zu tun, höchstens wenn von dort Unfallpatienten mit Augenverletzungen überwiesen werden. Die Chefin der Notaufnahme ist die Ärztin Ai Fen, der Vorname ist Fen, der Nachname Ai. Sie und Li kennen sich nicht persönlich, trotzdem führt der Zufall sie an diesem Tag zusammen. Denn die Information, die Li weitergibt und die sein Leben verändern wird, stammt ursprünglich von Ai Fen.
Der Ärztin Ai Fen ist in den vergangenen Tagen etwas aufgefallen: eine Häufung von Patienten mit merkwürdigen Lungen- und Atembeschwerden, seit etwa zehn Tagen, so wird sie es später in Interviews erzählen. Bei einem dieser Patienten haben sie vor einer Woche eine Bronchoskopie gemacht, Flüssigkeit entnommen und zur genetischen Sequenzierung an ein Labor in Peking geschickt, BioCapital. Den Laborbericht hat Ai Fen an diesem Vormittag bekommen, sie liest ihn mehrmals. Sie greift zu einem roten Stift, wird sie später dem ›Guardian‹ sagen, umkringelt die Worte »SARS Coronaviren« und schickt ein Foto davon an eine Kollegin und Freundin, außerdem, als Warnung, an die Message-Gruppe ihrer Abteilung. Ferner reicht sie diese Information nach oben weiter, an die Abteilung für Infektionskrankheiten im Haus und an das Gesundheitszentrum von Wuhan. Dies ist immer noch der Dienstweg, an die Öffentlichkeit geht sie nicht.
»SARS Coronaviren« ist allerdings ein bedrohlicher Hinweis, zwei Worte, die so laut tönen wie eine heulende Alarmsirene. SARS , das ist das »Schwere Akute Respiratorische Syndrom«, das 2002 von einem Coronavirus ausgelöst wurde und 800 Menschen das Leben kostete. Von Wissenschaftlern und Regierungen wurde die SARS -Pandemie als Warnung verstanden, Pandemiepläne und Impfstoffe gegen Coronaviren zu entwickeln, um bei ähnlichen Virenattacken besser gerüstet zu sein. In den 16 Jahren bis zu diesem Dezember 2019 wurden solche Warnungen immer und immer wieder erhoben.
ERSTE WARNUNG
Im Juli 2003 veröffentlicht das Wissenschafts-Magazin ›Nature‹ eine lange Analyse der gerade überstandenen SARS -Epidemie. »Sind wir auf einen ähnlichen Ausbruch vorbereitet?«, fragen die Wissenschaftler. Die Antwort: ja, wenn es um die Fähigkeit zur Analyse eines Virus geht. Aber was die Gesundheitssysteme angeht: »ein deutliches Nein«. Auf eine SARS -ähnliche Grippepandemie seien die meisten Länder beängstigend schlecht vorbereitet.
30. Dezember, China, Wuhan
Die Ärztin Ai Fen hat den Augenarzt Li nicht direkt informiert, aber über den Flurfunk des Krankenhauses erfährt er am Nachmittag davon. Li ist kein Virologe oder Epidemiologe, aber er warnt seine ehemaligen Studienkollegen und Freunde. Er ist der Mann, der die Nachricht vom Virus zu den Menschen bringt und später öffentlich macht, dass die Polizei diese Nachricht unterdrücken will.
Die Ärztin Ai Fen wird später in einem Interview mit der chinesischen Zeitschrift ›Renwu‹ betonen, sie sei keine Whistleblowerin gewesen, und sie wird es mit Bitterkeit und Bedauern sagen. Sie habe nur die Trillerpfeife zur Verfügung gestellt, gepfiffen hätten andere – und sie wird, mit Respekt, vor allem Li Wenliang nennen.
Als Li Freunden und Kollegen seine Warnung über viele neue und mysteriöse Viruserkrankte zukommen lässt, ist diese Information schon längst eingespeist in den Gesundheitsapparat des Staates. Man weiß schon seit Mitte November von solchen Kranken, der erste Patient datiert wahrscheinlich auf den 17. November, das wird später die ›South China Morning Post‹ schreiben. Seitdem wurden jeden Tag ein bis fünf neue Fälle gemeldet, berichtet die Zeitung und beruft sich auf Regierungsquellen. Nicht nur Ai Fen, auch andere Ärzte haben die Gesundheitsämter benachrichtigt.
Das chinesische »Zentrum für Seuchenbekämpfung und Prävention« ist also informiert, mit Sicherheit auch die höchsten Funktionäre im Sicherheitsapparat von Wuhan, bei der Polizei, im Amt des Bürgermeisters. Man kann sich vorstellen, wie man dort hinter verschlossenen Türen berät, abwägt, zögert. Woher stammt das Virus? Ist es neu? Und wie gefährlich ist es? Was soll man jetzt machen, als Parteichef von Wuhan, als Polizeichef, Bürgermeister?
China hat ein gut eingestelltes Melderegister für Infektionskrankheiten. Nach der SARS -Krise eingeführt, sind Kliniken verpflichtet, alle verdächtigen Fälle sofort weiterzugeben. Dieses System funktioniert in diesem Fall nicht mehr. Anfang Januar werden Labore, die Proben infizierter Patienten untersuchen, Anrufe bekommen von der Gesundheitsbehörde der Provinz Hubei. Sie sollen ihre laufenden Tests einstellen. Eine solche Anordnung, haben Reporter der Zeitung ›Caixin‹ recherchiert, ergeht sogar von ganz oben, von Chinas Nationaler Gesundheitskommission (NHC ). Von diesem Zeitpunkt an sind es noch drei Wochen, bis die Behörden zugeben, dass es ein Virus gibt und dass dieses von Mensch zu Mensch übertragen wird.
30. Dezember, USA, West Palm Beach
US -Präsident Donald Trumps offizieller Kalender: »9.43 Uhr Abfahrt Mar-a-Lago in Kolonne. 9.50 Uhr Ankunft Trump International Golf Club. 16.08 Uhr Abfahrt Trump International Golf Club in Kolonne. 16.17 Uhr Ankunft Mar-a-Lago.« Er golft und twittert. Am Vortag gab es eine Schießerei in einer Kirche in Texas, zwei Gläubige starben, bewaffnete Gemeindemitglieder erschossen den Täter nach wenigen Sekunden. Der Präsident twittert: »Diese Helden haben Leben gerettet, und die texanischen Gesetze erlauben es ihnen, Waffen zu tragen!«
ZWEITE WARNUNG
Der US -Epidemiologe Larry Brilliant berichtet 2006 von einer Umfrage unter führenden Epidemiologen. 90 Prozent von ihnen rechnen mit einer Pandemie zu Lebzeiten ihrer Kinder oder Enkel. Die Frage sei also nicht, ob, sondern wann. Brilliant, der einst mithalf, die Pocken auszurotten, warnt vor der Pandemie, sagt eine weltweite Rezession voraus und das Zusammenbrechen der globalisierten Just-in-time-Lieferketten.
30. Dezember, China, Wuhan
Trotz der verordneten Geheimhaltung sickert etwas durch. Das Gesundheitsamt stellt am Abend des 30. Dezember eine Mitteilung ins Netz, in der die Krankenhäuser aufgefordert werden, weitere Fälle von »Lungenentzündung unbekannter Herkunft« zu melden. Diese Mitteilung, als Screenshot, wird in den sozialen Medien verbreitet werden, und am nächsten Morgen wird ein solcher Screenshot unter anderem einer jungen Journalistin in Peking, Yu Liping, zugemailt werden.
Zu diesem Zeitpunkt hätte die Verbreitung möglicherweise verhindert, sicherlich stärker eingedämmt werden können. Einer internationalen Studie zufolge wäre die Zahl der Infizierten um 66 Prozent niedriger, hätte man die Stadt Wuhan nur eine Woche früher stillgelegt. Hätte man die Maßnahmen Anfang Januar ergriffen, läge die Zahl der Infizierten wahrscheinlich um 95 Prozent niedriger.
Doch irgendwo im Partei- und Sicherheitsapparat von Wuhan fällt die Entscheidung, erst mal abzuwarten. Daten sammeln, weitergeben, beobachten. Die Zensurmechanismen greifen: Auf WeChat, serverseitig, und auf dem chinesischen Livestream-Portal YY werden Schlüsselworte markiert, deren Benutzung zensiert wird. Die Bevölkerung soll nicht informiert, Unruhe oder unangenehme Nachfragen sollen vermieden werden.
So gibt man dem Virus drei tödliche Wochen.
30. Dezember, China, Peking
An dem Tag, als Dr. Li Wenliang in Wuhan seine kurze Warnung über eine mysteriöse Krankheit auf WeChat absetzt, sitzt Yu Liping etwa 1.050 Kilometer entfernt in ihrem Zimmer der kleinen Wohnung in Peking, die sie sich mit einer Freundin teilt. Liping ist Journalistin, 29 Jahre alt, sie hat einen anderen Namen, wird später am Telefon und per Mail darüber berichten, wie das Virus in den nächsten Tagen und Wochen ihr Leben verändert. Gerade hat sie ihren letzten Job gekündigt, aber das macht ihr keine Sorgen. Sie hat Geld gespart, auch sind Frauen wie sie, mit ihren Fähigkeiten, auf dem Arbeitsmarkt in Peking begehrt.
Liping, so ihr Vorname, hat Literaturwissenschaft studiert, spricht und schreibt ein ausgezeichnetes Englisch. Ihre Eltern sind beide Akademiker, sie leben in Wuhan. Wo Liping auch aufgewachsen ist.
Sie mag ihre Heimatstadt, ihr Viertel dort, den alten Fisch- und Wildtiermarkt. Aber sie lebt lieber in Peking. Die vergangenen drei Jahre hat sie bei einer Presseagentur gearbeitet, sie war zuständig für Kultur-, Wirtschafts- und Lifestylethemen. Ihr Gehalt war nicht schlecht, 11.500 Renminbi im Monat, umgerechnet etwa 1.500 Euro, das ist mehr als das Durchschnittsgehalt in Peking.
Liping war bereits mehrmals im Ausland, jetzt plant sie abermals eine große Asienreise, gleich nach dem chinesischen Neujahrsfest; zuvor aber will sie ihre Eltern in Wuhan besuchen.
30. Dezember, Berlin
Angela Merkel lässt am 30. Dezember ihre Neujahrsansprache aufzeichnen, draußen ist es dunkel, man sieht im Bild den erleuchteten Weihnachtsbaum vor dem Bundestag – festlich, gemütlich. Die Deutschen sind schließlich noch in die Weihnachtsferien gekuschelt, einige stört nur der Kinderchor des Westdeutschen Rundfunks, der eine Oma als Umweltsau besungen hat. Die Deutschen werden an Silvester eine Kanzlerin hören, die ihre 15. Neujahrsansprache hält und weiterhin alte Probleme, die sie längst hätte lösen können, als Herausforderung für die Zukunft verpackt. Es ist eine sperrige Rede, gerade einmal sechs Minuten lang, ohne Emotionen und Fokus. Sie schwört die Bevölkerung also gewohnt unverbindlich auf die anstehenden 2020er-Jahre ein. Es können »gute Jahre« werden, sagt die Kanzlerin, ein Jahrzehnt des Umbruchs: Klimawandel, Digitalisierung, die Zukunft der EU . Was man eben so sagt in einer Neujahrsansprache – die kleinen Sorgen und die kleinen Ziele für den Beginn eines Jahres, das die Bundesrepublik und die Welt schockartig verändern wird.
DRITTE WARNUNG
Ende 2012 beschreibt das Robert Koch-Institut in Berlin den Ausbruch eines fiktiven Coronavirus, genannt »Modi-SARS «. Es ist hochansteckend, vor allem für Ältere gefährlich – und es gibt kein Medikament dagegen. Die Simulation beschreibt unter anderem, dass die Infektionen in mehreren Wellen kommen: Gibt es viele Erkrankte, benehmen sich die Menschen vorsichtiger und halten Abstand. Bei sinkenden Zahlen werden sie wieder unvorsichtig.
31. Dezember, Taiwan, Taipeh
Der Kampf der Welt gegen das neue Virus, das noch keinen Namen hat, beginnt in Taiwan. Um 5.00 Uhr früh ist der stellvertretende Leiter der Seuchenbekämpfungsbehörde CDC (Centers for Disease Control, Taiwans Gegenstück zum Robert Koch-Institut) bereits wach, er hatte seinen Wecker zu früh gestellt, wie er später auf einer Pressekonferenz sagt. Er scrollt durch einen Post auf der Diskussionsplattform »Professional Technology Temple«.
SARS  – an diesem Wort bleibt der Leiter in dem Post von 2.24 Uhr hängen. Ein User namens »nomorepipe« hat Warnungen von Wuhans Gesundheitsbehörde vor ungeklärten Lungenerkrankungen geteilt. Auch die Screenshots des WeChat-Posts, in dem Li Wenliang von mindestens sieben Erkrankten in Isolation berichtet und irrtümlich noch das bereits bekannte SARS -Virus vermutet. Der Mann der Behörde leitet die Nachricht weiter an seine CDC -Kollegen. Beim Stichwort SARS läuten hier aus gutem Grund die Alarmglocken.
2003 wurde Taiwan vom SARS -Virus getroffen. Ohne Hilfe der Weltgesundheitsorganisation (WHO ) auf sich gestellt, kam es zu einer Panik mit mehr als 70 Toten. In der Folge organisierte Taiwan den Infektionsschutz von Grund auf neu. Als die neue Präsidentin Tsai Ing-wen auf Distanz zu Peking ging, entzog China 2017 nach acht Jahren Taiwan seinen Beobachterstatus bei der Weltgesundheitsversammlung. Taiwan ist nicht mehr eingebunden in die globale Seuchenbekämpfung und erhält Informationen nur auf Umwegen.
Der demokratische Inselstaat, nur 160 Kilometer vor Chinas Südostküste gelegen, gibt sofort Alarm. In der Folge wird Taiwan die Epidemie besser meistern als fast jedes andere Land. Dabei muss es zusätzlich dagegen ankämpfen, dass es von China und der WHO ignoriert und sabotiert wird, auch weil viele Staaten Taiwan nicht als eigenständigen Staat anerkennen.
Nach dem Alarm reagiert Taiwan sofort. Am Vormittag schreiben Taiwans Experten E-Mails an ihre Kollegen in China, gegen Mittag an die WHO . Sie bitten um mehr Informationen und erwähnen auch die Isolation der Patienten in Wuhan. Später betont Taiwan, dies sei ein deutlicher Hinweis auf mögliche Mensch-zu-Mensch-Übertragungen gewesen – zu einem Zeitpunkt, als China das noch leugnet. Die WHO schickt eine Empfangsbestätigung, geht aber nie öffentlich auf die Mitteilung ein. Erst im März wird Taiwan sie selbst publik machen. Der Inselstaat verliert keine Zeit: Bereits am 31. Dezember gehen Kontrolleure unmittelbar nach der Landung in Maschinen aus Wuhan, kontrollieren Passagiere auf Symptome.
31. Dezember, China, Peking
Als Liping, die junge Journalistin, am Morgen ihre Mails öffnet, findet sie einen Screenshot, den ihr eine Freundin geschickt hat: eine Eilmeldung des Hygiene- und Gesundheitskomitees von Wuhan. In der Nähe des Huanan-Fischmarktes seien Menschen an einer mysteriösen Lungenentzündung erkrankt. Das Virus sei dem SARS -Virus ähnlich.
Als Liping ihre Eltern endlich am Telefon hat, wiegeln diese ab, ja, sie hätten davon gehört, aber die Behörden hätten Entwarnung gegeben. Sie erzählen Liping sogar einen Witz, der in Wuhan kursiert: Die Welt betrachtet China als Infektionsgebiet, die Chinesen halten wiederum Wuhan für eine Infektionszone, weil nur die Leute von Wuhan so seltsam sind, und die Leute von Wuhan glauben, dass nur der Stadtteil Hankou ein Seuchengebiet sei. Und in Hankou? Dort wird so fröhlich wie nirgends sonst das Frühlingsfest gefeiert! Liping, erzählt sie später, fand den Witz nicht ganz so komisch wie ihre Eltern.
1. Januar, China, Wuhan
Die Behörden haben am Vortag, am 31. Dezember, den »Huanan Seafood Wholesale Market« schließen und das Areal abspritzen lassen. Die Beamten trugen weiße Schutzanzüge, ein Hinweis, dass den Behörden die Gefahr bekannt ist. Viele Kadaver werden vernichtet, eine Fehlentscheidung, denn sie hätten unter Umständen wertvolle Hinweise liefern können. Inzwischen hat man von chinesischer Seite aus auch die WHO und Hongkong informiert.
»Huanan Seafood Wholesale Market« ist nicht ganz korrekt – es ist ein riesiges Areal von schätzungsweise 50.000 Quadratmetern, zwölfeinhalb Fußballplätze nebeneinander, darauf zwei große Hallen, getrennt durch eine breite Durchfahrt. Hier werden an mehr als tausend Ständen nicht nur Meeresfrüchte verkauft. Es gibt in den engen, teilweise glitschigen Gassen auch Fleisch und Wildtiere, lebende Tiere in Käfigen und Netzen, daneben Schlachtfleisch, Kadaver und Schlangen-Ragout, Dachs-Schnitzel, viele Vogelarten, Nagetiere, Salamander, Kamelfleisch, Kröten, Wolfswelpen, Bambusratten, die Liste ist lang. Und unter der Hand, erzählen Insider, hätte man auch frittierte Fledermäuse und geriebene Fledermaus-Knochen in Pulverform bekommen können, geschätzt als Heilmittel gegen diverse Krankheiten. Auch Fledermaus-Exkremente kann man kaufen, der Kot der Hufeisenfledermaus wird gern zur Heilung von Augenkrankheiten verwendet oder, mit Wein vermischt, getrunken, um den Körper zu »entgiften«. Online kann man Fledermauskot auch nach Ausbruch der Pandemie noch bestellen, 100 Gramm kosten 12,38US -Dollar.
Die Ärztin Ai Fen bekommt um 23.46 Uhr eine Nachricht vom Leiter des Disziplinarausschusses ihres Krankenhauses, sie soll sich am nächsten Tag zu einer Überprüfung einfinden. Inzwischen hat sich, zusätzlich zur Zensur, das Sicherheitsbüro von Wuhan mit einer Warnung eingeschaltet: Im Internet kursierten »unwahre Informationen« über eine Lungenentzündung. Gegen acht Personen, die derlei bösartige Gerüchte erfunden oder verbreitet hätten, würde ermittelt. Von »illegalen Handlungen« ist drohend die Rede, die einen »harmonischen Cyberspace« stören würden.
Einer dieser Störenfriede und Gerüchtemacher, dessen Namen die Polizei bereits ermittelt hat, ist ein junger Ehemann und Familienvater, der Augenarzt Li Wenliang.
VIERTE WARNUNG
Microsoft-Gründer Bill Gates tritt im März 2015 auf einer TED -Konferenz in Vancouver auf. Er sagt: »Wenn etwas in den nächsten Jahrzehnten über zehn Millionen Menschen tötet, dann wird es höchstwahrscheinlich ein hochansteckendes Virus sein.« Er kritisiert, dass Ärzte und Forscherinnen zu unkoordiniert arbeiten, und fordert eine beinahe militärische Logistik: »Man muss sich auf eine Epidemie vorbereiten wie auf einen Krieg.«
3. Januar, Berlin
Kurz nach Silvester hält das Virus Einzug in das Leben von Olfert Landt. Landt, 54 Jahre alt, ist Biochemiker, ein Mann mit grau melierten Haaren, die er zu einem Pferdeschwanz zusammenbindet. Schon als Student machte er sich selbstständig, gründete die kleine Firma TIB Molbiol und richtete Laborräume in einem alten roten Backsteinhaus in Berlin-Tempelhof ein. Das ist jetzt 30 Jahre her. Seitdem verschickt er Testkits zum Nachweis von Krankheitserregern in die Welt, erzählt er am Telefon. Vogelgrippe, Schweinegrippe, SARS oder Alkhurma, ein exotisches Virus, das es nur in Saudi-Arabien gibt – Landt interessiert sich für alles, was krank macht. Sobald er von einem neuen Virus erfährt, fängt er an zu recherchieren. Landt arbeitet schnell und gründlich, genauso wie sein Team. Meist sind sie mit die Ersten, die einen Test für ein neues Virus herausbringen. Das war bei der SARS -Pandemie 2003 so, bei der Geflügelpest 2006 und auch bei der Schweinegrippe 2009. Dabei arbeitet er auch immer wieder mit Virologen zusammen, etwa mit Christian Drosten, dem Direktor des Instituts für Virologie der Berliner Charité.
An diesem Tag im Januar sitzt Landt bei Drosten im Büro. Die beiden Männer kennen sich schon lange, seit Jahren arbeiten sie immer wieder gemeinsam an kleineren Forschungsprojekten, etwa in Afrika oder Südamerika. Sie machen lokale Studien und versuchen, die Diagnostik in den jeweiligen Ländern voranzutreiben. Jetzt gibt es da diese seltsame Krankheit, die sich in China ausbreitet, Landt hat es in den Nachrichten gesehen. Auch Drosten kennt die Berichte. Darin heißt es, dass 42 Menschen auf einem Fischmarkt in Wuhan krank geworden sind.
Es gab zwar einen Todesfall, aber soweit Landt weiß, hatte der Mann eine Vorerkrankung. Das kann bei einer Infektion immer passieren. Außerdem sind die Meldungen jetzt schon sieben Tage her, und es gab keine Meldungen über Folgeinfektionen. Deswegen geht Landt davon aus, dass die Menschen sich einfach etwas eingefangen haben auf diesem Fischmarkt in Wuhan, sie werden schon irgendwann wieder gesund.
Drosten wiederum hat schon zwischen Weihnachten und Neujahr von Forschern in China informelle Informationen über das Virus bekommen. Noch ist nicht klar, um was für einen Erreger es sich handelt. Aber Drosten ist ein erfahrener Virologe, ein renommierter Experte für Coronaviren. Genau damit, spekuliert er, haben es die Menschen in China jetzt wahrscheinlich auch zu tun: mit einem neuartigen Coronavirus. In sozialen Medien hatte er davon gehört, dass es ein SARS -ähnliches Virus sein könnte, sagt er dem Deutschlandfunk. Er zählt eins und eins zusammen und schaut im Computer der Charité nach. Wichtige Daten über die Genomstruktur anderer Coronaviren sind hier gespeichert. Diese Sequenzdaten benutzen Drosten und sein Team, um erste Entwürfe für einen Test zu entwickeln, virtuell und nur mit den wenigen Informationen, die sie über das Virus haben.
3. Januar, USA, Atlanta
Seit Tagen weiß die amerikanische Seuchenbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC ) um das neue Virus. Der Direktor erhält einen Anruf von einem Kollegen aus China, der Näheres erzählt über die merkwürdige Lungenkrankheit. Der CDC -Chef informiert laut ›Washington Post‹ den Gesundheitsminister, der informiert das Weiße Haus. Drei Tage später fragt der Direktor in Peking an: Ob das CDC Wissenschaftler nach Wuhan entsenden dürfe, auch, damit sie eine Probe des Virus nehmen können? Die chinesischen Behörden lehnen ab. Noch am 14. Januar werden sie behaupten, es gebe »keine eindeutigen Beweise für eine Übertragung von Mensch zu Mensch«.
US -Präsident Donald Trump hat an diesem 3. Januar andere Sorgen. Er hat angeordnet, den iranischen General Qassim Suleimani töten zu lassen. Um 1.00 Uhr Ortszeit wird er in Bagdad von einer Drohne hingerichtet. Der Iran ist außer sich. Wird es Krieg geben?
3. Januar, China, Wuhan
Li Wenliang, der Augenarzt, wohnt mit seiner Familie in der Shangmao-Straße, daher ist für sie das Polizeirevier in der Zhongnan-Straße von Wuhan zuständig. Li wird einbestellt.
Die Ermahnung und disziplinarische Belehrung erfolgt durch die Polizeiinstruktorin. Sie wirft dem Augenarzt vor, dass er die soziale Ordnung durch lügenhafte Veröffentlichungen gestört hätte, sie fordert ihn auf, alle illegalen Aktivitäten unverzüglich einzustellen. Er wird gefragt, ob er dazu bereit sei. Darauf muss Li folgsam mit »Ja« antworten, die Antwort wird festgehalten.
Weitere derartige Aktivitäten würden eine Bestrafung nach sich ziehen, ob er dies verstanden habe? Li muss dies schriftlich bestätigen, er setzt zwei Zeichen unter das Dokument, mingbai, verstanden. Anschließend muss er das Dokument mit seinen Fingerabdrücken signieren, mit roter Stempelfarbe. Dann darf er nach Hause gehen.
Tonfall und Vorgehen sind, auch für chinesische Verhältnisse, scharf; die Behörden wollen offenbar keine öffentliche Diskussion riskieren, geplante Veranstaltungen sollen stattfinden. Das chinesische Neujahrsfest steht kurz bevor, der wichtigste chinesische Feiertag. Das »Jahr der Ratte« soll eingeläutet werden, und für den 19. Januar ist ein Großbankett geplant, das »Bankett der 10.000 Familien«, mit 40.000 Teilnehmern, 14.000 Gerichten, Drachentänzern und Showeinlagen.
Li ist so eingeschüchtert, dass er seiner Frau nichts sagt, wie Freunde später erzählen. Auch seine Arztkollegin Ai Fen, die Direktorin der Notaufnahme, wurde zum Schweigen verdonnert. Informationen wie diese werden rasch von den chinesischen Behörden aus dem Netz genommen, Algorithmen fahnden nach verdächtigen Schlüsselwörtern; aber es gibt immer wieder Screenshots, es gibt immer wieder Menschen, die sich erinnern und die gelöschte Information weiterreichen.
Li wird in den nächsten Tagen angstvoll den Mund halten, auch auf das Tragen einer Maske verzichten. Und irgendwann, vielleicht während der Untersuchung eines Patienten, passiert es: Das neue Virus findet Eingang in den Körper des Augenarztes. Wo es augenblicklich sein Programm abspult.
Der Eindringling ist so klein, dass er selbst durch ein Lichtmikroskop noch unsichtbar bleibt, gerade einmal 150 Nanometer groß, was ungefähr einem Hundertstel bis Tausendstel einer normalen Körperzelle entspricht. Zum Vergleich: Ein Nanometer entspricht einem Millionstel Millimeter. Dieser Erreger, er ist noch nicht einmal ein richtiges Lebewesen. Sondern eine lange Kette wandelndes Genmaterial, gespeichert in Form eines aufgewickelten Einzelstrangs Ribonukleinsäure. Umschlossen von einer Lipidmembran, auf der spezifische Eiweiße sitzen, die zackenartig aus der Virushülle herausragen.
Im Elektronenmikroskop sieht das Virus fast niedlich aus: wie ein Kreis, in den jemand ringsherum kleine kurze Stäbe gesteckt hat. Wie wenn Kinder eine Sonne malen.
Mehr braucht das Virus nicht, um sich auszubreiten. Es kann nichts und doch alles. Nichts, weil ein Virus anders als beispielsweise ein Bakterium über keinen eigenen Stoffwechsel verfügt, über keine eigenen Zellbestandteile, auch nicht über die Fähigkeit zur selbstständigen Eiweißsynthese. Alles, weil es maximal effizient mithilfe des Wirts die eigenen Erbanlagen weitergibt und seine Wirkung verheerend sein kann: Viren lösen Erkrankungen aus, die nicht tödlich sein müssen, wie etwa Herpes oder eine ganz normale Erkältung. Die es aber sein können.
Li Wenliang wird das noch spüren. Zunächst aber spürt er: nichts. Er bemerkt nicht, wie das Virus erst über seinen Nasen-Rachen-Raum bis tief in die Schleimhautzellen seiner Lunge wandert, wie es sich in Rachen und Lunge in rasendem Tempo vermehrt, eine Zelle nach der nächsten kapert. Weil sich zu diesem Zeitpunkt noch keine Symptome zeigen. Sie werden erst einige Tage später auftreten. In der Zwischenzeit beginnt im Körper des jungen Arztes der Wettkampf Virus gegen Immunsystem. Und Li Wenliang wird weitere Menschen anstecken, ohne dass er davon weiß. Denn er ist jetzt, in der Phase noch vor den ersten Symptomen, besonders infektiös.
FÜNFTE WARNUNG
Die WHO erstellt Anfang 2018 eine Liste mit sieben bekannten global gefährlichen Krankheiten. Dazu zählen Ebola, SARS oder das Zika-Virus. Am Ende der Liste, auf Platz acht, steht »Disease X« – eine noch unbekannte Krankheit, von der man aber weiß, dass sie kommen wird. Ziel ist, die Suche nach Heil- und Impfstoffen so zu vereinheitlichen, dass man auch bei unbekannten Erregern schnell zu Ergebnissen kommt.
4. Januar, Schweiz, Genf
Zum ersten Mal informiert die Weltgesundheitsorganisation die Öffentlichkeit darüber, dass in China irgendetwas vorgeht. Die Botschaft wird per Twitter verkündet und klingt sehr allgemein: »China hat der WHO eine Häufung von Lungenerkrankungen – ohne Todesfälle – in Wuhan in der Provinz Hubei gemeldet. Es wurden Untersuchungen eingeleitet, um den Grund dieser Krankheit zu erkunden.« Die WHO setzt zwei Hashtags: #China und #pneumonia.
Wenig später schiebt die WHO einen zweiten Tweet nach: »Wir beobachten dieses Ereignis genau und werden weitere Details mitteilen, wenn wir welche haben. Die WHO arbeitet auf drei Ebenen (lokal, regional, Hauptquartier) daran, die Situation zu verfolgen.« Und wieder: #China, #pneumonia.
Ein Grund zur Sorge? Meldungen über Atemwegserkrankungen sind im Winter nicht ungewöhnlich, und Lungenentzündungen in der Grippezeit sind es auch nicht. Dass die Weltgesundheitsorganisation ein Ereignis verfolgt, hat erst einmal nicht viel zu bedeuten. Die anderen WHO -Tweets des Tages behandeln eine Kampagne zum internationalen Jahr der Hebamme, für die kommende Woche ist eine Öffentlichkeitsaktion zum Thema Selbstmord geplant. Business as usual.
Tatsächlich gibt es auf die WHO -Meldung praktisch keine Reaktionen im Netz. Die erste Antwort an die WHO stammt vom 4. März – jemand fragt um Rat, welche Desinfektionsmittel er benutzen kann.
Interessant ist aber, dass die WHO den Hashtag #pneumonia nutzt. Nur, wer diesem Hashtag folgt, könnte sich tatsächlich Sorgen machen. Denn #pneumonia wird schon seit einigen Tagen verwendet. Es gibt Dutzende Einträge aus Hongkong, Taiwan oder China, oft mit aktuellen Fallzahlen aus Wuhan und dem Hinweis auf die Lungenkrankheit SARS .
Am nächsten Tag – immer noch eingebettet in die PR zum Jahr der Hebamme – wird die WHO etwas konkreter: Am 31. Dezember habe sie von 44 Fällen in Wuhan erfahren, elf davon schwer. Die Ursache sei noch unbekannt. Vogelgrippe, Grippe, SARS oder MERS kämen nicht infrage.
Die WHO empfiehlt, sich an ihre üblichen Empfehlungen bei Atemwegserkrankungen zu halten. Wer wissen will, welche das sind, kann sich ein Dokument herunterladen. Es ist nicht einfach zu lesen und hat – inklusive Abkürzungsverzeichnis, Glossar, Vorwort und Danksagungen – 156 Seiten.
Von Reise- oder Handelsbeschränkungen rät die WHO ausdrücklich ab. Auch Reisende müssten keine besonderen Maßnahmen treffen. Wer sich krank fühlt, soll sich medizinische Hilfe holen. Und: Man möge in diesem Fall doch bitte auch den Gesundheitsbehörden die eigene Reiseroute mitteilen – es braucht schon sehr viel guten Willen, um in dem letzten Satz einen Hinweis auf eine mögliche Verbreitung herauszulesen.
9. Januar, Berlin
In China wächst die Sorge vor der mysteriösen Lungenkrankheit, während in den Straßen Berlins noch die letzten Reste der Silvesterböllerei kleben und die Deutschen denken, dieses Jahr klappe es vielleicht mal mit den Neujahrsvorsätzen. Doch beim Robert Koch-Institut in Wedding und der Charité in Mitte verfolgen die Experten schon wachsam die Nachrichten aus Wuhan. Einer, der ein besonderes Ohr und Auge für sie hat, ist der Virologe Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité. Der 48-jährige Professor ist dem Gros der deutschen Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt noch kein Begriff; wer kennt schon einen Virologen, wenn er selbst keiner ist? Wer interessiert sich schon für deren Meinung? Virologen werkeln in ihren Labors unter Abzugshauben und strengen Sicherheitsvorkehrungen, normalerweise von der Öffentlichkeit unbemerkt. Niemand interessiert sich für sie.
In internationalen Fachkreisen aber ist Christian Drosten sehr wohl ein Begriff: 2003 ist es ihm gelungen, mit seinem damaligen Team das SARS -Virus zu identifizieren und einen Schnelltest zur Nachweisprüfung zu entwickeln. Für diese Arbeit erhielt der damals 33-Jährige mit einem Kollegen 2005 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Seit Jahren forscht Drosten an neuartigen Viren. Und so wird dieser schmale Mann, studierter Mediziner, Facharzt für Virologie, Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Ehemann einer Wissenschaftlerin, Vater eines kleinen Sohnes, Fahrradfahrer und Wahlberliner, 15 Jahre später zu Deutschlands neuem Superstar der Naturwissenschaft mutieren. Er wird Interview nach Interview geben, für einen Medienpreis nominiert werden, Hass-E-Mails bekommen genauso wie Morddrohungen. Und unfreiwillig auch für ein neues Zeitalter der Politik stehen, in dem die Regierenden auf die Einschätzungen Drostens und seiner Fachkollegen angewiesen sind und sie propagieren. Zunächst zumindest.
Die Bundeskanzlerin wird irgendwann in der Bundespressekonferenz sitzen, sich kurz den Kittel der Physikerin überwerfen und erklären, wie ein Ungetüm namens Reproduktionszahl sich auf das deutsche Gesundheitswesen auswirkt. Und ihr Kabinett sowie die deutsche Öffentlichkeit werden lernen, dass die Worte Zweifel und Unsicherheit zu einem naturwissenschaftlichen Diskurs dazugehören. Auch daran wird Christian Drosten seinen Anteil haben.
Aber all das ist jetzt, Anfang Januar, noch weit weg. Genauso wie das neuartige Virus. Am 9. Januar erscheint ein Interview in der ›Süddeutschen Zeitung‹, darin sagt Drosten, er halte es für nicht unwahrscheinlich, dass es sich bei dem neuartigen Erreger um ein SARS -ähnliches Virus handle, das auf den Menschen übergesprungen sei. Andererseits »sieht man dieses Muster bei allen möglichen Viren«, so zitiert ihn die ›SZ ‹. Drosten kennt die Hinweise dafür aus der Fachliteratur. Und er weiß: Die Welt ist nicht ausreichend vorbereitet auf eine Pandemie.
9. Januar, China, Wuhan
Der Augenarzt Li Wenliang hat Hustenreiz, leichtes Fieber, er fühlt sich abgeschlagen, wie er Kollegen erzählt. Vielleicht nur eine simple Grippe? Doch was, wenn es sich um dieses mysteriöse Virus handelt? Li zieht kurz entschlossen in ein Hotel. Er will dort abwarten, ob die Symptome abklingen, möglich ist es. Li wird in diesem Hotelzimmer drei Tage und Nächte verbringen, sein Zustand wird sich verschlechtern. Li ist Arzt genug, um sich vorzustellen, was passiert ist – und was in seinem Körper vor sich geht.
Doch während er noch hofft, ist er bereits infiziert. Mit einem neuartigen Virus, das niemand kennt. Und von dem niemand weiß, woher es kommt. Der Erreger wird in den nächsten Wochen erst Wenliangs Körper zum Versagen bringen, in den kommenden Wochen ein Land nach dem anderen lahmlegen, Millionen Menschen infizieren, Hunderttausende töten, Diktaturen erschüttern, Demokratien wanken lassen, schließlich die Völker der Welt in die größte Sinnkrise seit dem Zweiten Weltkrieg stürzen.
SECHSTE WARNUNG
Der US -Wissenschaftler Michael Osterholm veröffentlicht 2017 ›The deadliest Enemy‹, einen auch für Laien lesbaren Bestseller über Viren und Infektionskrankheiten. Osterholm, Direktor des Zentrums für Infektionsforschung und Politik an der University of Minnesota, beschreibt, wie schlecht die Welt auf eine Pandemie vorbereitet ist: »Die Bedrohung verschwindet aber nicht, wenn wir sie einfach ignorieren.«
10. Januar, China, Wuhan
Li Wenliang befindet sich immer noch in der Isolation seines Hotelzimmers, es geht ihm nicht besser, das Immunsystem seines Körpers hat sich eingeschaltet. Er hustet viel, weil der Körper zerstörtes Zellmaterial loswerden will. Er hat Fieber, weil das Immunsystem die Temperatur hochfährt, um schneller arbeiten zu können und um es für den Eindringling unbequemer zu machen. Und er fühlt sich schlapp, weil all das Energie kostet. Seine Eltern zeigen dieselben Symptome. Sie haben sich ebenfalls infiziert, vielleicht bei ihrem Sohn.
Während Li sich schlecht fühlt in diesen Tagen, gelingt chinesischen Wissenschaftlern ein wichtiger Schritt: Sie holen den Eindringling aus der Deckung. Den Wissenschaftlern gelingt es, das komplette Genom des Virus zu sequenzieren, sodass es Forschern möglich ist, dessen Bauanleitung zu lesen. Unter der GenBank-Nummer MN 908947.1 und dem Namen »Wuhan seafood pneumonia virus isolate Wuhan-Hu-1, complete genome« kann jetzt jede interessierte Person in der Online-Sequenzdatenbank NCBI die Identität des Virus finden.
Was sich für Laien wie eine zusammenhangslose Sammlung einzelner Buchstaben liest, einer unverständlichen Botschaft aus Hieroglyphen gleich, dient Wissenschaftlern als eine Art Personalausweis des Virus, bestehend aus rund 30.000 Basen. Die Arbeit von Molekularbiologen im Labor ähnelt der von Detektiven: Sie suchen in den endlosen Buchstabenreihen der Genomsequenz nach charakteristischen Merkmalen, nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden im Vergleich zu Erbmaterial von bereits bekannten Organismen. Die Abfolge des genetischen Materials lehrt die Forscher nicht nur, wie das neuartige Virus theoretisch aufgebaut ist oder welche Eiweiße es ausbildet. Sondern sie hilft auch bei der Frage, woher es stammt und wie Infektionsketten verlaufen. Die Forscher stellen fest: Dieses Virus ist nicht gänzlich neu. Es ähnelt jenem, das die Welt 2002 und 2003 in Atem versetzte, und zwar unter dem Namen SARS , »Severe Acute Respiratory Syndrome«.
SARS zählt zur Familie der Coronaviren, die zum ersten Mal Mitte der 60er-Jahre identifiziert wurden. Sie verfügen über das größte Genom aller RNA -haltigen Viren. Ihnen gemein sind die kugelförmige Gestalt sowie die aus der Lipidhülle herausragenden Proteinzacken. Aufgrund dieser Struktur, die an eine Krone erinnert, trägt die Virenfamilie ihren Namen; »corona« leitet sich aus dem Lateinischen ab und bedeutet nichts anderes als: Krone.
Und so wird der Feind nach seinem Verwandtschaftsgrad mit dem SARS -Virus benannt. Er bekommt den offiziellen Namen SARS -CoV-2 und ist damit, neben den anderen Mitgliedern SARS -CoV, MERS -CoV, HKU 1, NL 63, OC 43 und 229E, das siebte Mitglied im Familienverband der Coronaviren, die den Menschen krank machen können. Sie infizieren auch verschiedene Tiere, darunter Vögel und Säugetiere. Aber nur SARS -CoV, MERS -CoV und das neuartige Virus lösen für den Menschen mitunter lebensgefährliche Erkrankungen aus. Woher das neue SARS -Virus kommt, können die Forscher nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen.
Li Wenliang checkt aus dem Hotel aus und begibt sich zum Zentralkrankenhaus, Institut für Erkrankungen der Atemwege, in der Nanjing-Straße. Er wird unter Quarantäne gestellt. Man testet ihn auf das neue Virus, negativ. Er telefoniert mit seiner Mutter, es wird das letzte Gespräch mit ihr sein, er sagt, in ein oder zwei Wochen werde er entlassen, erzählen Freunde später.
SIEBTE WARNUNG
Das Fachmagazin ›Viruses‹ veröffentlicht eine Sonderausgabe: »Viren und Fledermäuse«. Im März 2019 erscheinen darin mehrere Beiträge, in denen Fledermäuse als Reservoir für Coronaviren beschrieben werden. Vier Wissenschaftler vom Institut für Virologie in Wuhan warnen explizit, dass neuartige Coronaviren von Fledermäusen auf Menschen übergehen könnten.
10. Januar, Berlin
Sobald die Genomsequenz des neuartigen Virus online ist, machen sich Labore und Forscher auf der ganzen Welt daran, entsprechende Tests zu entwickeln. Drosten und sein Team sind da schon einen Schritt weiter: Sie vergleichen die Sequenz mit ihren Entwürfen zur Nachweisüberprüfung. Dann suchen sie zwei Tests aus, die am besten zu diesem neuen Virus passen, prüfen und verfeinern sie – und leiten sie weiter an Olfert Landt.
Es dauert nur drei Tage, dann hat Landt das erste Testkit entwickelt, auf der Basis der Sequenzvorschläge der Charité. Am 13. Januar schickt er sechs kleine Röhrchen nach Hongkong und an die Gesundheitsbehörde von Taiwan. Alles geht jetzt plötzlich ganz schnell, verpacken, verschicken, Landt hat noch nicht einmal den Beipackzettel fertig. Er mailt ihn hinterher. Dazu eine Botschaft: »Testen Sie, ob es funktioniert.«
Die Antwort der Kollegen aus China und Taiwan: funktioniert.
11. Januar, Schweiz, Genf
Die WHO bedankt sich bei China für die Offenheit. Außerdem für die intensive Überwachung des Ausbruchs und für die Schutzmaßnahmen. Kein Wort der Kritik. Die Genom-Analyse des Virus liegt nun auch der WHO vor und wird von dort an Labore, Gesundheitsbehörden und Forscher weitergegeben.
Gleichzeitig hat die WHO ihre Reiseempfehlungen minimal verschärft. Noch immer lautet die Überschrift zwar lediglich: »Beachten Sie die üblichen Vorsichtsmaßnahmen«, und noch immer rät die WHO von Reisebeschränkungen ab. Aber sie empfiehlt nun, dass Menschen, die offenbar krank im Flugzeug sitzen (oder sich nur krank fühlen), ein Formblatt ausfüllen: Falls nötig, soll sich später feststellen lassen, mit wem sie auf der Reise Kontakt hatten. Außerdem sollte an Flughäfen darauf geachtet werden, dass kranke Ankömmlinge sicher in Krankenhäuser gebracht werden können. Es sind ganz allgemeine Hinweise, die zuletzt 2005 überarbeitet wurden.
Drei Tage später gibt die Spitze der WHO eine Pressekonferenz in Genf. Nach Alarm klingt es nicht gerade, was da verkündet wird: Es gebe viele Ähnlichkeiten mit den bekannten Krankheiten SARS und MERS , und das sei eine gute Nachricht. Damit hätten die Mitgliedsstaaten ja Erfahrung. Das neue Virus käme auch nicht unerwartet, darauf sei man vorbereitet. Es gäbe Pläne.
Die beunruhigendste Aussage wird in einen butterweichen Satz verpackt: »Die Untersuchungen laufen noch, aber es gibt Hinweise darauf, dass eine begrenzte Übertragung von Mensch zu Mensch möglich ist.«
LETZTE WARNUNG
Im Oktober 2019, also kurz vor dem tatsächlichen Ausbruch, spielen Medizinerinnen, Ökonomen und andere Fachleute den Ausbruch eines Coronavirus durch. In der Simulation der Johns-Hopkins-Universität entsteht die Pandemie in Südamerika, breitet sich aber rasch aus, überfordert die Gesundheitssysteme, bringt den Handel zum Erliegen und verursacht eine Welle von Gerüchten und Verschwörungstheorien.
13. Januar, China, Wuhan
Viel zu sehen gibt es nicht auf der wohl ersten Sitzung, auf der Chinas Regierung das Geheimnis um die Erkrankten von Wuhan ein Stück weit lüftet. »Sie haben nur geredet, und wir konnten mitschreiben«, wird sich Chuang Yin-ching, ein Experte von Taiwans Seuchenbekämpfungszentrum, im Mai in einem Interview mit dem ›Daily Telegraph‹ erinnern. Von Patienten werden nur 10 oder 20 Computertomografien gezeigt.
Aber immerhin: Chuang und ein weiterer mit ihm angereister Kollege von Taiwans Seuchenkontrollzentrum sowie Experten aus Hongkong und Macau können Fragen stellen. Sie bekommen sogar Antworten: 41 Fälle seien bislang bekannt, 28 davon hatten eine Verbindung zum »Huanan Seafood Market«. Was Chuang und die anderen Experten unbedingt wissen wollen, ist eine entscheidende Frage: Kann die neuartige Erkrankung sich von Mensch zu Mensch übertragen? Darauf scheint zumindest der Fall eines erkrankten Ehepaares hinzudeuten. Der Mann arbeitete in dem Markt, doch seine Frau war an die Wohnung gebunden. Entweder hat sie sich also bei ihrem Mann angesteckt, oder er musste etwas Ansteckendes vom Markt mit nach Hause gebracht haben.
Chuang und die anderen haken nach, wieder und wieder. Der Sitzungsleiter, ein lokaler Behördenvertreter, mauert. Doch schließlich fällt ihm die Zentralregierung ins Wort. »Warum sollen wir Ihnen veraltete Informationen geben?«, sagt der Vertreter von Chinas Nationaler Gesundheitskommission, erinnert sich Chuang. »Der Stand jetzt ist, dass wir eingeschränkte Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch nicht ausschließen können.« Am nächsten Tag besuchen die Experten aus Taiwan, Hongkong und Macau das Jin-Yin-Tan-Krankenhaus, wo man Infizierte behandelt. Auf die Isolationsstation dürfen sie nicht, müssen sich mit Auskünften von Ärzten zufriedengeben.
Eine mögliche Abriegelung von Wuhan ist dabei ebenso wenig ein Thema wie das in Wuhan gelegene Institut für Virologie, das Monate später im Zentrum eines Verdachts stehen wird: Was, wenn das Virus gar nicht im »Huanan Seafood Market« seinen Ursprung hatte? Noch kann oder will sich hier offenbar niemand vorstellen, wie stark sich dieses ausbreiten wird. Wenn erst Frühling ist, meint einer der Ärzte zu Chuang, dann könne man sich ja wieder treffen, in Wuhan oder Taipeh, und über die Epidemie reden. Chuang und sein Kollege beenden ihre Fact-Finding-Mission und fliegen zurück nach Taiwan. Sie haben genug gehört, um alarmiert zu sein.
14. Januar, China, Wuhan
Liping, die junge Journalistin aus Peking, sitzt im Zug von Peking-West nach Wuhan, Endbahnhof ist Hankou. Ihr ist die seltsame Warnung, die sie als Screenshot bekam, nicht aus dem Sinn gegangen. Aber noch merkwürdiger ist, dass das Thema plötzlich aus den Verlautbarungen aus Wuhan völlig verschwunden ist. Sie habe sich vorgenommen, dem nachzugehen, wird sie später erzählen. Und sie wird ein Tagebuch führen.
Tagebucheintrag Yu Liping
»Ich hatte meinem Vater eingeschärft, mich keinesfalls am Bahnhof abzuholen, aber er wartete schon seit einer Stunde. Es waren nur wenige Menschen da, und niemand trug hier einen Mundschutz. Auch nicht in der U-Bahn. Alles war wie in den Jahren zuvor. Einige Läden an der Straße hatten rote Laternen aufgehängt, die Obstgeschäfte stellten ihre mit Früchten gefüllten Körbe aus, und aus den Garküchen, die heiße Trockennudeln oder mit Klebreis umhüllte Teigstangen anboten, stieg Dampf auf, es duftete, dass einem der Mund wässerig wurde.«
14. Januar, USA, Washington
Robert Kadlec, Abteilungsleiter für »Einsatzbereitschaft und Reaktion« im Gesundheitsministerium der USA , soll helfen, die USA vor Bakterien und Viren, Bio-Terroristen und Chemie-Attentätern zu schützen. Unter Präsident Obama gab es dafür eine Stabsstelle im Nationalen Sicherheitsrat. Unter Trump wurde das Gremium aufgelöst. »Ich bin ein Geschäftsmann. Ich mag es nicht, wenn Leute herumsitzen«, rechtfertigte Trump die Entscheidung. Nun fehlt das Wort der Experten im Weißen Haus.
Robert Kadlec hat erst vor fünf Monaten ein Planspiel veranstaltet, »Crimson Contagion« hieß es, die Purpur-Seuche. Das Szenario: Ein neues Grippevirus bricht in China aus, Touristen schleppen es nach Chicago ein. Drei Tage lang spielen die amerikanischen Behörden und Krankenhäuser die Seuche durch. Am Ende hätten sich 110 Millionen Amerikaner mit dem Virus aus China infiziert. 586.000 wären gestorben.
Das Planspiel ergibt:
Jetzt, Mitte Januar, drängt Robert Kadlec darauf, Notfallpläne zu aktivieren. Aber er dringt nicht durch. Erst Ende Februar, sechs Wochen später, wird es ihm gelingen, berichtet die ›Washington Post‹, einen Termin bei Präsident Trump zu bekommen – ein Termin, der dann doch platzen wird.
14. Januar, Berlin
Drosten bestätigt öffentlich den Verdacht, das neuartige Virus könne mit dem bekannten SARS -Erreger in Verbindung stehen. Der ›Süddeutschen Zeitung‹ sagt er: »Es ist dieselbe Virusart, nur in einer anderen Variante.« Allzu beunruhigt zeigt er sich noch nicht. Noch hat er Hoffnung und sagt mit dem Blick auf China: »Es gibt bisher keine Ärzte und kein Pflegepersonal mit Symptomen.« Das sei ein gutes Zeichen. Trotzdem warnt er in der ›SZ ‹: »Das Virus könnte zum Beispiel von Menschen übertragen worden sein, die selbst symptomfrei geblieben sind.« Dieser Verdacht wird sich später bestätigen.
15. Januar, USA, Washington
Im Weißen Haus unterzeichnen US -Präsident Trump und Chinas Vize-Ministerpräsident den ersten Teil eines Handelsabkommens. Zwei Jahre lang haben sich die beiden Nationen bekriegt, nun verkündet ein strahlender Donald Trump: »Gemeinsam korrigieren wir das Unrecht der Vergangenheit.«
Am gleichen Tag schreiten sieben Abgeordnete feierlich durch das winterliche Washington, vom Repräsentantenhaus hinüber zum Senat, und übergeben dort eine Anklageschrift. Präsident Trump soll die Ukraine erpresst haben, damit die ihm im Wahlkampf hilft. Die Demokraten wollen ihn dafür aus dem Amt jagen. Drei Wochen wird das Amtsenthebungsverfahren die amerikanischen Schlagzeilen bestimmen.
16. Januar, Berlin
Zwei Wochen nachdem Christian Drosten und Olfert Landt im Büro über das neuartige Virus sprachen, geht eine Nachricht um die Welt, die Ärzte aufatmen lässt. »Erster Test für das neuartige Coronavirus in China entwickelt« lautet der Titel der Pressemitteilung, verfasst von der Charité Berlin und dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF ). Die Sensation: Das Wuhan-Virus kann jetzt erstmals im Labor nachgewiesen werden. »Ich gehe davon aus, dass die breite Verfügbarkeit des Diagnostiktests nun in kurzer Zeit helfen wird, Verdachtsfälle zweifelsfrei aufzuklären und zu bestimmen, ob eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung des neuen Virus möglich ist«, wird Drosten zitiert. »Damit ist ein wichtiger Schritt zur Bekämpfung des neuen Virus getan.«
Der Test weckt nicht nur Hoffnung bei Ärzten und Forschern. Er überzeugt auch die WHO . Einen Tag später veröffentlicht die Organisation das Testprotokoll auf ihrer Internetseite. Es ist der erste diagnostische Leitfaden überhaupt und eine wichtige Errungenschaft im Kampf gegen das Virus. China, Taiwan, USA , Italien, Deutschland, überall auf der Welt, wo jemand aus Wuhan ankommt und sich krank fühlt, Fieber, Husten oder Atembeschwerden hat, können Labore mit dem Test jetzt sicher nachweisen, ob der Reisende das Virus in sich trägt. In China entwickeln Forscher ebenfalls einen Test, doch das Interesse der ostasiatischen Nationen am Kit von Drosten und Landt ist groß. Auch aus Europa kommen erste Anfragen.
Landt fährt die Produktion in seiner Firma langsam hoch. Anfangs verschickt er Kits an Kooperationspartner in Asien und WHO -Kooperationslabore in London, Rotterdam, Singapur und Dänemark, auch die Charité beliefert er mit Testkits. Später bearbeitet er Bestellungen von überall auf der Welt, Wien, Hongkong, Saudi-Arabien, Kuweit, vom Schweizer Labor in Genf, von deutschen Unikliniken und Instituten, auch vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr. In der ersten Woche verkauft er 43 Testkits, in der zweiten Woche kommen 287 dazu, am 31. Januar liegt Landt bei insgesamt 2.018. Das sind 193.728 Tests, denn ein Kit reicht für 96 einzelne Tests.
Wie genau funktioniert ein solcher? Zu jedem Labortest gehören Standardkomponenten, die bei jedem herkömmlichen Test gleich sind, und spezifische Komponenten, die das Virus betreffen, um es im Abstrich nachweisen zu können. »Wie bei einer Backmischung, bei der das Aroma darüber entscheidet, ob der Kuchen nach Vanille schmeckt oder nach Zitrone«, sagt Landt. Diese spezifischen Komponenten liefert Olfert Landt in seinem Kit. Das Testkit, das die Produktionsräume von TIB Molbiol verlässt, besteht aus zwei durchsichtigen Plastikröhrchen, jedes etwa vier Zentimeter lang. Das eine Röhrchen enthält die Nachweisreagenz, um eine mögliche Infektion im Verdachtsfall zu entdecken; das andere die synthetisch hergestellte Gensequenz des Virus, mit dem Labore immer eine positive Übereinstimmung erzeugen – um sicherzugehen, dass der Test auch wirklich korrekt funktioniert.
Der Nachweis erfolgt über respiratorische Sekrete, also das, was Betroffene aushusten, oder über einen Abstrich des Nasen-Rachen-Raumes. Dazu benutzt der Arzt spezielle Virustupfer, Wattestäbchen, die er tief in den Hals des Patienten einführt, bis zur hinteren Rachenwand, weil dort die Viruskonzentration besonders hoch ist. Die Tupfer mit dem Abstrich verschließt der Arzt in einem sterilen Sammelröhrchen und schickt sie an ein Labor.
Dort angekommen, beginnt die Suche nach dem Genmaterial des Virus, der Corona-Test. Das Verfahren basiert auf einer Polymerase-Kettenreaktion (PCR ). PCR -Tests gehören zu den Standardverfahren in molekularen Laboren. Sie dienen dazu, mithilfe eines Enzyms, einer Polymerase, Millionen oder Milliarden Kopien eines Genoms, etwa das eines Virus, zu erzeugen und dieses so nachweisbar zu machen – sofern tatsächlich das Virus in der Probe vorhanden ist. Auf diese Weise lassen sich auch Erbkrankheiten abklären oder etwa eine Vaterschaft feststellen.
Der Vorteil des PCR -Tests: Schon geringste Virusmengen im Abstrich führen zu einem zuverlässigen Ergebnis. Doch auch wenn der Test negativ ist, heißt das nicht, dass der Patient nicht infiziert ist. In diesem Fall ist der Test falsch negativ. Ein solches Ergebnis kann mehrere Gründe haben: schlechte Probenqualität, unsachgemäße Lagerung oder Transport, ungünstiger Zeitpunkt der Probenentnahme oder eine Mutation des Virus.
18. Januar, China, Wuhan
Immer noch vertuscht und verfälscht das Gesundheitsamt von Wuhan die Zahlen, die Brisanz; doch jetzt schaltet sich eine Autorität ein – die Epidemiologin Li Lanjuan. Sie hat aus Chats erfahren, dass sich inzwischen Ärzte und Personal infiziert haben, sie wird in Peking vorstellig und will nach Wuhan fahren. Li lebt und lehrt in Zhejiang, an der Ostküste, eine hochdekorierte Wissenschaftlerin, mit 72 Jahren auch keine Anfängerin mehr. Ihrer Autorität ist es wahrscheinlich zu verdanken, dass sie eine Delegation von sechs Wissenschaftlern anführen darf – jetzt wird die Welt erfahren, was in Wuhan passiert.
Die Delegation hat keinen Zweifel mehr, dass das Virus von Mensch zu Mensch springt. Li Lanjuans Vorschlag: sofort abriegeln. Bis zum Neujahrsfest, inklusive Reisewelle, sind es nur wenige Tage. Sie fliegen nach Peking, sprechen noch in derselben Nacht mit dem Gesundheitsminister. Am nächsten Morgen referieren sie vor dem Kabinett.
Das Parteimagazin ›Qiushi‹ wird später öffentlich machen, dass Xi Jinping am 7. Januar Instruktionen zur Eindämmung des Virus gegeben haben soll, also schon zu diesem Zeitpunkt Bescheid wusste. Es gibt allerdings auch anonyme Quellen, berichtet der ›Spiegel‹, nach denen Xi damals entschied, dass man die »festliche Atmosphäre« des Neujahrsfests nicht beeinträchtigen solle. So oder so – Hierarchie und die Politik des Maulkorbs haben dem Eindringling den Weg geebnet; das Virus hat Zeit gewonnen, sich weiter unbemerkt auf den Kontinenten breitzumachen.
19. Januar, China, Wuhan
Liping, die junge Journalistin, ist glücklich, in Wuhan bei ihren Eltern zu sein. Besorgt hat sie jeden Tag die amtlichen Mitteilungen gelesen, die sind immer noch in einem beruhigenden und abwiegelnden Tonfall gehalten: Eine Übertragung gäbe es möglicherweise »in eingeschränktem Maß«, eine Seuche sei aber »vermeidbar und kontrollierbar«. Ihre Eltern glauben den Behörden. Liping, die die vergangenen Jahre in Peking gelebt hat, fällt auf, dass man in ihrer Heimatstadt Wuhan immer schon vergleichsweise sorglos und draufgängerisch gelebt hat. Hier herrscht die Mentalität einer alten Hafen- und Händlerstadt, eine gewisse Lässigkeit und Unerschrockenheit, auf die man in Wuhan ein wenig stolz ist.
Doch am 20. Januar wird alles anders. Ein Mann von 83 Jahren, der etwas gebeugt geht und eigentlich schon längst im Ruhestand war, ist plötzlich zurückbeordert worden und tritt im Fernsehen auf.
Tagebucheintrag Yu Liping
»Völlig neue Situation, ganz neue Lage. Heute am Nachmittag war Zhong Nanshan im Fernsehen, der Epidemiologe, der 2002 das SARS -Virus entdeckt hat. Er sagte, das neuartige Coronavirus würde mit Sicherheit von Mensch zu Mensch übertragen. Und dann kam auf allen Kanälen eine Ansprache von Xi Jinping. Mutter und Vater fielen aus allen Wolken. Mein Vater, der sonst jeden Abend zu seinen alten Freunden geht, um mit ihnen Mahjong zu spielen, blieb erstmals zu Hause. Er setzte sich auf den Balkon, seinen Lieblingsplatz, und rauchte. Doch dann fiel ihm etwas ein, er sprang auf – er sollte vielleicht loslaufen und ganz schnell zwei oder drei Stangen Zigaretten besorgen.«
Die Stadt Wuhan, die ihre Bedeutung dem Hafen und der Automobil- und Schwerindustrie verdankt, gehört zu den zehn stärksten Wirtschaftszentren Chinas, sie umfasst eine Fläche von 8.494 Quadratkilometern, fast das Zehnfache von Berlin. Die Einwohnerzahl, einschließlich der Wanderbevölkerung, liegt bei rund 14 Millionen Menschen. Eine Stadt dieser Größe von einem auf den anderen Tag dichtzumachen, das ist ein historisches Novum.
19. Januar, USA, Seattle
Im Norden der Stadt betritt ein Mann eine Notaufnahme. Er hat leichtes Fieber, er hustet, vier Tage zuvor ist er von einem Familienbesuch aus Wuhan zurückgekehrt. Während er wartet, trägt er eine Atemschutzmaske. Die Ärzte entnehmen eine Probe, dann schicken sie ihn heim in häusliche Quarantäne.
24 Stunden später ist klar: Der Mann hat sich mit dem Coronavirus infiziert. Patient Zero. Das Virus hat den Sprung in die USA geschafft.
Auf einer Isoliertrage wird der Mann in die Klinik von Everett gebracht. Dort gibt es eine Sicherheitsstation mit zwei Betten, 2014 während der Ebola-Epidemie eingerichtet. Nur in voller Schutzmontur betreten Ärztinnen und Pfleger das Isolierzimmer, mit einem Roboterarm, auf dem ein Stethoskop montiert ist, können sie den Mann abhören.
Containment, der frühe Bruch der Infektionskette, die Suche nach den Menschen, die das Virus weitertragen: Während sich der Mann erholt, machen sich die Gesundheitsbehörden auf die Suche nach Kontaktpersonen. Sie sind sorgfältig: Ein Team des CDC reist an, 113 Menschen investieren mehr als 1.000 Arbeitsstunden. Mehr als 60 Menschen testen sie. Niemand von ihnen ist positiv.
Doch irgendwen müssen sie übersehen haben. Hat er im Flughafenbus gehustet? Im Supermarkt? Coronaviren verändern sich fortwährend, weshalb sich der Weg einzelner Viruslinien nachzeichnen lässt. Wochen später wird ein 15-jähriger Schüler in der Gegend entdeckt, dessen Abstrichproben zeigen: Er hat sich mit einem ähnlichen Virenstamm angesteckt wie Patient Zero.
22. Januar, Schweiz, Davos
Am Rande des Weltwirtschaftsforums fragt ein Reporter den US -Präsidenten, ob er sich Sorgen mache über eine Pandemie, nun, da das Virus die USA erreicht habe. Donald Trump: »Nein. Überhaupt nicht. Und wir haben es völlig unter Kontrolle. Es ist eine Person, die aus China kommt. Es wird alles gut werden.«
22. Januar, Berlin
Wie jeden Mittwoch kommt das Kabinett im Kanzleramt zusammen. Ein Gesprächsthema ist die rätselhafte Lungenkrankheit in China. Das Risiko für Deutschland schätzt die Bundesregierung als »sehr gering« ein. Keine Panik, keine Reisebeschränkung, erst einmal Ruhe bewahren. Die Kanzlerin kann nicht wissen, dass sie sich in nur wenigen Wochen selbst in Quarantäne begeben wird, wegen des Virus, das die Bundesregierung und auch Angela Merkel zu diesem Zeitpunkt noch nicht so richtig ernst nehmen.
Auch Gesundheitsminister Spahn verkennt das Ausmaß der Gefahr, die von dem Virus ausgeht. Dabei klingen die Nachrichten aus China beunruhigend: Nach Wuhan gibt es jetzt auch in anderen großen Städten Ein- und Ausreisesperren. Und es gibt neue Infizierte.
Anders als noch bei der großen SARS -Epidemie in Asien im Jahr 2003 funktioniere nun der Austausch der internationalen Gemeinschaft sehr gut, betont Spahn. China gehe wesentlich transparenter mit der Situation um. Dadurch könne sich auch Deutschland insgesamt besser vorbereiten. In den Tagesthemen zieht Spahn einen Vergleich, der in den kommenden Monaten immer wieder nachhallen wird: »An Grippe sterben in Deutschland bis zu 20.000 Patienten im Jahr. Ich will jetzt nur mal darauf hinweisen, dass auch das eben ein Risiko ist, das wir jeden Tag haben.« Im Vergleich dazu sei der Verlauf des Coronavirus »sogar deutlich milder«.
Der Gesundheitsminister stützt sich vor allem auf Berichte des Robert Koch-Instituts (RKI ), einer Bundesbehörde mit 1.100 Beschäftigten, rund 450 davon sind Wissenschaftler und Medizinerinnen. 1994 hat das RKI die Nachfolge des Bundesgesundheitsamts angetreten. Jedes Jahr fließen aus dem Bundeshaushalt mehr als 100 Millionen Euro in die Institutsarbeit. In seinen Berichten an Spahn bezieht sich das RKI auch auf Berichte der WHO und des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC ), berichtet die ›Welt‹. RKI , WHO und ECDC sind sich einig: Das Risiko für Reisende wird als »gering« eingeschätzt, ebenso die Eintrittswahrscheinlichkeit in die EU . RKI -Chef Lothar Wieler: »Insgesamt gehen wir davon aus, dass sich das Virus nicht sehr stark auf der Welt ausbreitet.« Und: Die wenigen Fälle in China würden gut behandelt.
Die RKI -Projektgruppe »Epidemiologische Modellierung von Infektionskrankheiten« berechnet immerhin die Wahrscheinlichkeit, dass in einem Flugzeug aus Wuhan ein Infizierter sitzen könnte. Ergebnis: sehr wahrscheinlich.
23. Januar, China, Wuhan
Um kurz nach 2.00 Uhr nachts gibt die chinesische Regierung bekannt, um 10.00 Uhr morgens Wuhan abzuriegeln. Kurz darauf werden auch umliegende Städte von der Außenwelt abgeschottet, später die ganze Provinz Hubei.
Tagebucheintrag Yu Liping, 23. Januar
»Seit heute ist die Stadt abgeriegelt, ganz plötzlich und ohne offizielle Erklärung über einen Notfallplan. Meine Mutter ist heute um sechs Uhr aufgestanden, hat die Nachrichten geguckt und ist dann zum Supermarkt um die Ecke gehastet. Aber sie kam schon fast zu spät. Fast alle Regale waren bereits wie leer gefegt, und vor der Gemüseabteilung hatte sich eine lange Warteschlange gebildet. Gemüse bekam meine Mutter nicht mehr, aber sie füllte zwei Einkaufswagen mit Eiern, Milch, Reis. Draußen begegnete sie einem Nachbarn, der verzweifelt war: Es war kein Einkaufswagen mehr zu finden.«
23. Januar, Taiwan, Taipeh
Seit fast drei Jahren ist Chen Shih-chung Gesundheitsminister. Heute sehen viele Taiwaner ihn zum ersten Mal bewusst. Der Minister leitet das Krisenzentrum. Hier laufen alle Fäden zusammen, hier werden Entscheidungen getroffen, die für andere Behörden verbindlich sind. An diesem Tag tritt der Minister erstmals zum live übertragenen Pressebriefing vor die Kameras und wird zum Gesicht von Taiwans Kampf gegen das Virus. Wie üblich, wenn Taiwans Politiker betonen wollen, dass sie im Einsatz sind, trägt er eine Weste statt Jackett. Er beschreibt die Lage in Wuhan und nennt Sofortmaßnahmen: Gefahrenstufe hoch, mehr Kontrollen von Einreisenden aus Hongkong, Macau und China.
Der Minister übernimmt das Ruder in dem Moment, als jedem in Taiwan klar wird: Der Ernstfall ist da. Vergangene Nacht hat China Wuhan abgeriegelt. Das Virus hat bereits den Sprung über die Taiwanstraße geschafft: Am 21. Januar verzeichnet Taiwan seine erste COVID -19-Erkrankte, eine Frau, die in Wuhan arbeitete und gerade zurückgekehrt war. Denn das Frühlingsfest steht vor der Tür. Wie in China, so sind auch in Taiwan Millionen unterwegs zu Familientreffen, auch viele Pendler: Hunderttausende Taiwaner, die in der Volksrepublik arbeiten, wollen die Festtage daheim verbringen und reisen durch Taiwan. Am 24. Januar steht das große Familienessen am Vorabend des chinesischen Neujahrstags an. Es ist wie Heiligabend und Silvester an einem Tag – ein Termin, den niemand infrage stellt.
Es sind perfekte Bedingungen für das Virus, sich auf der dicht besiedelten Insel schnell zu verbreiten. Die Stimmung ist angespannt, in der Bevölkerung reagiert man sensibel auf Erkältungserscheinungen, Erkrankte werden von ihren Verwandten nach Hause geschickt oder bleiben gleich dort. Nur zu gut erinnern sich die Menschen daran, wie Taiwan bei der SARS -Epidemie international isoliert war. Sie wissen: Auch dieses Mal wird niemand helfen. Taiwan ist auf sich gestellt.
Die Regierung ergreift in diesen Tagen unter Chens Regie eine Reihe drastischer Maßnahmen, basierend auf den Krisenplänen, die als Reaktion auf SARS geschrieben wurden und jetzt nur aus der Schublade geholt werden müssen. Als ersten Schritt stoppt Taiwan alle chinesischen Reisenden aus Wuhan sowie alle Reisegruppen aus ganz China. Die Einreisesperren werden in der Folge nach und nach ausgeweitet, ab dem 6. Februar dürfen chinesische Staatsbürger generell nicht mehr einreisen, egal, von wo sie abgeflogen sind. Einen Tag nach Chens erster Pressekonferenz verbietet die Regierung den Export von Gesichtsmasken, denn wenn sie sich auch mit viel Profit nach China verkaufen ließen – sie werden zu Hause gebraucht. Taiwan spinnt ein engmaschiges Datennetz, verknüpft Reise- und Gesundheitsdaten. Wenn jemand mit Husten zum Arzt geht, weiß dieser sofort, ob der Patient oder die Patientin kürzlich noch in einem Risikogebiet war.
Vor allem gibt es eine streng kontrollierte 14-tägige Heimquarantäne für sämtliche Einreisenden aus Risikogebieten und Kontaktpersonen von Infizierten. Diese Maßnahme wird sich als der wohl wichtigste Baustein erweisen, um Taiwan zu schützen. Ein 50Jahre alter infizierter Rückkehrer aus Wuhan, Taiwans dritter Fall, erhält als Erster eine hohe Strafe von umgerechnet etwa 10.000 Euro, weil er bei seiner Einreise Symptome verschwieg und lieber in Amüsierlokale ging. Die Behörden müssen etwa 80 Kontaktpersonen ausfindig machen und untersuchen. Zur Kontrolle der Heimquarantäne werden die Mobiltelefone aller Betroffenen permanent geortet. Via Funkzellenabfrage, ohne App. Vorübergehende Beschränkung der Freiheit weniger zum allgemeinen Wohl; die Bevölkerung akzeptiert solche Maßnahmen ohne Murren. Das liegt auch daran, dass die Regierung pro Tag in Heimquarantäne 30Euro Entschädigung zahlt. Aber nur dem, der sie durchsteht, ohne Probleme zu machen.
Ein anderer früherer »Tigerstaat«, eine andere dicht besiedelte Demokratie vor Chinas Haustür ist Südkorea. Auch hier reagiert man schnell. Bereits ab dem 3. Januar gelten bei Ankunft aus Wuhan besondere Maßnahmen. Am 20. Januar der erste Fall: Eine 35-jährige Chinesin zeigt bei der Einreise Symptome. Sie wird in einem Krankenhaus isoliert. Wie Taiwan setzt Südkorea auf die Nachverfolgung jedes einzelnen Falls. Man analysiert Bewegungsmuster einzelner Individuen, stellt rückwirkend Kontaktpersonen fest und testet sie. Die Maßnahmen scheinen zu wirken. Ende Januar zählt Südkorea elf Fälle – nur einen mehr als Taiwan. Doch das wird sich schon in wenigen Wochen drastisch ändern.
23. Januar, Schweiz, Genf
Zum ersten Mal kommt das Notfallkomitee der WHO zusammen. Die WHO bestätigt die Übertragbarkeit des Virus von Mensch zu Mensch.
23. Januar, China, Wuhan
Medizinern der Jin-Yin-Tan-Klinik in Wuhan gelingt der Start einer »randomisierten Studie«, einer Studie nach bestem medizinischem Design. Sie wollen wissen, ob sich die Therapie von COVID -19-Patienten durch Gabe der beiden sogenannten Virustatika Lopinavir und Ritonavir verbessern lässt. Bis zum 3. Februar werden insgesamt 199 Patienten im Alter von durchschnittlich 58 Jahren behandelt.
Die Patienten waren seit rund 13 Tagen schwer erkrankt, sodass sie auf einer Intensivstation behandelt werden mussten. Die Sauerstoffaufnahme der Lungen war eingeschränkt, teilweise mussten sie beatmet werden. Bei einigen Patienten wurde im Verlauf eine extrakorporale Membran-Oxygenierung (ECMO ) erforderlich, also eine Behandlung, bei der eine Maschine teilweise oder vollständig die Atemfunktion des Patienten übernimmt.
Viren haben keinen eigenen Stoffwechsel. Deswegen nutzen sie den ihres Wirtes, etwa den menschlicher Zellen, um sich massenhaft zu vermehren. Das macht es auch so schwierig, ein Virus mittels eines Medikaments zu töten oder dieses auch nur davon abzuhalten, sich zu vermehren. Ein Arzneimittel muss die Verbreitung des Virus stoppen – ohne gleichzeitig dem Menschen zu schaden.
Die Eingangstür, die Coronaviren nutzen, um menschliche Zellen zu befallen, bietet einen winzigen Ansatz: Es ist ein Molekül auf der Oberfläche der Zelle, Abkürzung ACE 2. Haben Coronaviren durch diese Pforte den Eintritt in die Zelle geschafft, starten sie einfach ein paar molekulare Tricks, um ihre eigene Produktion meist in den Lungen- oder Rachenzellen zu starten. An all diesen Schlüsselstellen können Medikamente wirken.
In zahlreichen Untersuchungen werden seit Januar Medikamente oder Wirkstoffe getestet, die bereits im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen entwickelt und untersucht wurden. »Repurposing« nennen Fachleute diese Herangehensweise, bei der Mittel, die bereits für einen bestimmten Zweck getestet wurden, für eine andere Erkrankung eingesetzt werden. Die meisten der klinischen Studien laufen in China, weil es dort die größte Anzahl an Patienten gibt, die daran teilnehmen können.
Die Hoffnung der Experten richtet sich zu Beginn der Corona-Pandemie auf bereits verfügbare antivirale Medikamente. Zu den aussichtsreichsten Kandidaten gehören die HIV -Mittel Lopinavir und Ritonavir, Lopinavir hat in Laborexperimenten einzelne Teile des Coronavirus gehemmt. In der SARS -Epidemie wurde Lopinavir vereinzelt eingesetzt. Die Erfahrungen waren überwiegend positiv. Es liegt also nahe, die beiden Wirkstoffe auch im Kampf gegen COVID -19 einzusetzen.
Wie die erste Studie später zeigt, sind die Mittel nicht wirksam. Lopinavir und Ritonavir beschleunigen weder die Eliminierung der Viren, noch senken sie die Morbidität und Mortalität der Patienten.
24. Januar, USA, Washington
Donald Trump lobt auf Twitter: »China hat sehr hart daran gearbeitet, das Coronavirus einzudämmen. Die Vereinigten Staaten wissen ihre Bemühungen und ihre Transparenz sehr zu schätzen. Es wird alles gut enden. Insbesondere möchte ich im Namen des amerikanischen Volkes Präsident Xi danken!«
24. Januar, USA, Chicago
Seit einer Woche kontrollieren Angestellte der Seuchenbehörde CDC an den Flughäfen von San Francisco, New York und Los Angeles. Mehr als 2.000 Reisende, die aus Wuhan kommen, haben sie überprüft – einen Bruchteil jener 300.000 Menschen, die allein in diesem Monat von China in die USA gereist sind. Dann wird in Chicago eine ältere Frau positiv getestet, auch sie war in Wuhan. Es ist der zweite Fall in den USA .
24. Januar, USA, Washington
Der Direktor der Seuchenbehörde CDC und andere Experten informieren hinter verschlossenen Türen den Senat über die möglicherweise bevorstehende Pandemie. Vier Senatoren – die Republikaner Kelly Loeffler, James Inhofe, Richard M. Burr und die Demokratin Dianne Feinstein – beginnen wenig später, ihre Aktienpakete zu verkaufen, wie ›Washington Post‹ und ›New York Times‹ berichten. Gegen Burr ermittelt das FBI , er ist inzwischen als Leiter des Geheimdienstausschusses zurückgetreten.
25. Januar, China, Wuhan
Liping, die junge Journalistin aus Peking, die ihre Eltern in Wuhan besuchen wollte und nun dort festsitzt, ist eine folgsame Tochter – aber genau das treibt sie gerade fast in den Wahnsinn. Stündlich verfolgt sie die Meldungen und Chats über das Chaos, das in Wuhan ausgebrochen ist seit der Quarantäne, und sie möchte gern bei einer der privaten Hilfsgruppen mitarbeiten. Doch ihre Eltern haben es strikt verboten, viel zu gefährlich. Wenigstens darf sie bei einem Helferteam den Telefondienst machen. Und sie schreibt in ihr Tagebuch, die Chronik eines angekündigten Todes.
Tagebucheintrag Yu Liping
»Der öffentliche Nahverkehr ist eingestellt, der Jangtse-Tunnel geschlossen, alle Stadtteile abgeriegelt. Doch wie soll die Bevölkerung im Alltag zurechtkommen? Darüber gibt es keine Verlautbarungen. Niemand weiß, an wen man sich wenden soll. Volk und Regierung fahren auf zwei parallelen Gleisen.
Medizinische Angestellte ohne Auto können nicht mehr an ihren Arbeitsplatz gelangen, in den Krankenhäusern fehlt es an Material für Präventionsmaßnahmen. Inzwischen haben gesunde Privatpersonen, die ein Auto besitzen, in den Vierteln einen Chauffeurdienst aufgestellt. Es gibt inzwischen alle möglichen Helferteams: das ›Helferteam Blauer Himmel‹, die ›Helfertruppe Lichtstrahl‹, die ›Fundgrube‹ und zahllose mehr. Inzwischen sammeln diese Freiwilligen Spenden aus dem In- und Ausland und fahren sie direkt zu den Kliniken. Trotzdem ist der Mangel bedrückend: Ärzte verzichten inzwischen auf Essenspausen, weil man, sobald man den Schutzanzug einmal ausgezogen hat, einen neuen bräuchte – und den gibt es nicht. Eine Hygienemaske wird fünf Tage lang benutzt. Ein Angestellter der Leichenhalle von Hankou berichtete, nach der Menge der eingelieferten Leichen müsse die Zahl der Toten um ein Vielfaches höher liegen als offiziell angegeben.
Dem ›Wuhaner Hospital Nr. 5‹ sind die Vorräte ausgegangen, es gibt nichts mehr zu essen. Die Testsets reichen nicht aus. Und dann gibt es zu wenige Betten, und wenn Erkrankte nicht aufgenommen werden können, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass sie weitere Menschen infizieren.«
27. Januar, Stockdorf
Die Nachricht vom ersten bestätigten COVID -19-Fall Deutschlands erreicht die Öffentlichkeit an diesem Montag. Die Vorgeschichte: eine Woche davor, am vorangegangenen Montag, Besuch aus China im bayerischen Stockdorf. Eine Mitarbeiterin aus Shanghai ist in die Konzernzentrale des Automobilzulieferers Webasto gereist, um ihre deutschen Kollegen zu coachen. Sie fühlt sich schon bei der Ankunft nicht sonderlich gut, wie sie später den Wissenschaftlern sagen wird, die ihren Fall in einer Studie rekonstruieren. Ein bisschen Rückenschmerzen, ein leichtes Ziehen in der Brust, doch extra aus China angereist, will sie sich wohl keine Schwäche erlauben und krank und müde in einem Hotelzimmer herumliegen. Sie schiebt die Symptome auf den Jetlag nach dem langen Flug. Sie nimmt Paracetamol, um das Coaching durchzustehen.
Unter den Teilnehmern ist ein 33-jähriger Mann, der am darauffolgenden Wochenende Halsweh bekommt, Gliederschmerzen und leichtes Fieber. Es ist Ende Januar, typische Erkältungszeit. Er denkt sich nichts weiter dabei. Er kann nicht ahnen, dass er in wenigen Tagen zum ersten bestätigten Infizierten Deutschlands werden wird. Die Chinesin kann nicht ahnen, dass sie ihn angesteckt hat. Vielleicht eine Grippe – es sind Symptome, die jeder im Lauf eines Lebens dutzendfach überstanden hat. Der 33-Jährige geht am Montag wieder zur Arbeit.
Der Automobilzulieferer Webasto stellt vor allem Standheizungen und Schiebedächer her, weltweit unterhält das Unternehmen 30Produktionsstandorte, allein in China sind es elf Fabriken, die größte steht in Wuhan. Webasto ist einer der wichtigsten deutschen Automobilzulieferer, so wichtig, dass das Werk in Wuhan im September 2019 feierlich im Beisein von Kanzlerin Angela Merkel eröffnet wurde.
Bei Webasto in Stockdorf trifft eine Woche nach dem Coaching die schockierende Nachricht aus China ein: Die Kollegin, deren Eltern aus Wuhan stammen und sie wenige Tage vor der Reise in Shanghai besucht haben, habe sich mit COVID -19 infiziert. Webasto lässt sofort alle Coaching-Teilnehmer testen. Das Ergebnis: Der 33-Jährige hat sich angesteckt. Er hatte beim Coaching neben der chinesischen Kollegin gesessen in einem kleinen Raum, gerade einmal zwölf Quadratmeter groß, gemeinsam mit zwei weiteren Webasto-Mitarbeitern. Im Klinikum Schwabing in München rekonstruieren sie die Infektionskette: Ausgehend von der chinesischen Mitarbeiterin haben sich 16 Menschen angesteckt. Familienmitglieder, Kolleginnen und Kollegen – von denen nicht alle an den Workshops der chinesischen Kollegin teilgenommen haben. Ein Patient, so wird es später das Forscherteam herausfinden, steckt sich wohl an, weil er sich in der Kantine den Salzstreuer vom Tisch eines Infizierten ausborgt. Die Forscher schreiben, das Webasto-Cluster sei der erste dokumentierte Fall von multipler Mensch-zu-Mensch-Übertragung von SARS -CoV-2 außerhalb Asiens.
Surreal sei ihm das vorgekommen, erzählt der 33-jährige Mann, der sich als Erster angesteckt hat, später in Interviews mit der Lokalpresse: Der Erste sein. Obwohl es jeden Menschen in Deutschland hätte treffen können, trifft es ausgerechnet ihn. Nach der Diagnose habe er sofort an seine Tochter gedacht, der er jeden Abend einen Gutenachtkuss gibt. Der Mann, der gern mit der Presse spricht, aber dabei anonym bleiben möchte, erzählt weiter, dass bekannt wird, in welche Kita seine Tochter geht. Der dortige Elternbeirat fordert die sofortige Schließung, alarmiert das Gesundheitsamt und sogar die Polizei – obwohl die Tests seiner Frau und Tochter negativ ausfallen.
Auch der Webasto-Chef erzählt in der ›Süddeutschen Zeitung‹ von einer Art Ächtung gegenüber seinen Mitarbeitern. Andere Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter nach Hause, weil sie mit Menschen verwandt sind, die bei ihm arbeiten. Sie werden in Geschäften in Stockdorf und ganz Gauting abgewiesen, einer kleinen Gemeinde, wo jeder jeden kennt. Einer darf sein Auto nicht reparieren lassen, als klar wird, dass er bei Webasto arbeitet. Der Chef sagt, es stört ihn, dass die Transparenz des Unternehmens zu Ausgrenzung führt.
Kann ein Mitarbeiter schuldig sein, durch SARS -CoV-2 zu erkranken, durch ein Virus, das die Welt vor wenigen Wochen nicht einmal kannte? Webasto informiert sofort die Behörden und alle Mitarbeiter. Der Standort Stockdorf wird geschlossen, die gut 1.000 Mitarbeiter werden ins Homeoffice geschickt – freiwillig. Ohne dass es eine Behörde angeordnet hätte. Man lässt eine Reinigungsfirma kommen, die in Schutzanzügen die Zentrale desinfiziert.
Weil die Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten, spendet Webasto Schutzmaterial, das sie momentan nicht brauchen: 5.000 Handschuhe, 25.000 Masken unterschiedlicher Art, gut 400 Schutzanzüge und 10.000 Schutzbrillen. Die tragen Mitarbeiter beim Löten, damit ihnen keine Partikel in die Augen fliegen. Jetzt liefert sie Webasto an Krankenhäuser und Pflegestationen in der Region aus. Das Unternehmen regelt die Logistik im Eigenbetrieb – eine zentrale Verteilungsstelle fehlt in Bayern.
Eine eilig gegründete »Corona-Taskforce« bei Webasto sammelt Informationen über SARS -CoV-2: Wie können sich Mitarbeiter schützen, zu Hause und in der Firma? Wie wird sich der Ausbruch in China und in Deutschland auf Geschäft und Branche auswirken? Welche Alternativen zu Dienstreisen und Meetings gibt es, die sich einfach im Homeoffice nutzen lassen? Webasto fasst die Erkenntnisse in einem Handbuch zusammen, 50 Seiten stark, und stellt es dem Verband Deutscher Automobilzulieferer zur Verfügung und damit auch den Konkurrenten der Branche. Das Dokument wird innerhalb von Tagen hundertfach abgerufen.
Die chinesische Webasto-Mitarbeiterin, die die Deutschen gecoacht und angesteckt hat, schreibt aus ihrer Heimat einen Brief nach Stockdorf. Sie entschuldigt sich dafür, das Virus nach Deutschland getragen zu haben. Es ist eine Vorlage für Webasto, die wohl nicht wenige andere Unternehmen genutzt hätten: die Chance, alles auf einen Sündenbock abzuwälzen. Aber die Chinesin bekommt eine freundliche Nachricht zurück, die sie beruhigen soll und in der sie für ihr vorbildliches Verhalten gelobt wird.
Dank des schnellen Handelns von Webasto ist die Infektionskette lückenlos rekonstruierbar. Die Betroffenen werden identifiziert und getestet. Wer gesund ist, hat Gewissheit, wer krank ist, wird isoliert und kuriert sich aus, zu Hause oder im Klinikum. Niemand stirbt während des ersten Ausbruchs von SARS -CoV-2 in Deutschland, es ist wie ein Spuk, der schnell vorbeigeht – noch sind die Bilder der Leichentransporte von Bergamo weit weg und die Infizierten im eigenen Umfeld. Das ist die gute Nachricht: Deutschland kann mit einem Ausbruch des Virus umgehen. Gleichzeitig ist ausgerechnet das entschlossene Handeln von Webasto der Beginn einer tödlichen Illusion: Das Virus scheint kontrollierbar.
27. Januar, Berlin
Gesundheitsminister Jens Spahn hat sein Spahn-Lächeln aufgesetzt. Es soll beruhigend wirken. Auf einer Pressekonferenz betont er, dass der Krankheitsverlauf beim Coronavirus milder sei als etwa bei einer Grippe. »Deutschland ist gut vorbereitet«, sagt er.
Gut vorbereitet, das würde bedeuten: genügend Testkapazitäten, Masken, Schutzkleidung, Betten in den Intensivstationen, Beatmungsgeräte und Gesundheitsämter, die wissen, was sie tun müssen gegen eine Pandemie. Und die so ausgestattet sind, dass sie tun können, was sie müssen. Was Spahn offenbar noch nicht klar ist: Ab heute haben Deutschland und sein Gesundheitsminister ein Testproblem, ein Maskenproblem, ein Beatmungsproblem und ein Ämterproblem.
Wenige Wochen später klebt sich ein Arzt ein Bild an die nackte Brust. Darauf sieht man den Gesundheitsminister. Daneben das Zitat, Deutschland sei gut vorbereitet auf die Corona-Krise. Es ist der blanke Hohn.
Ein anderer Arzt lässt sich nackt fotografieren und hält einen Totenschein in der Hand, darauf steht: »Kanonenfutter«. Eine Ärztin verdeckt ihre Brüste mit einem Schild: »Ich habe gelernt, Wunden zu nähen – warum muss ich jetzt Masken nähen können?« Sie alle sind Hausärzte, und alle haben eine Botschaft – Deutschland gehen die Schutzmasken aus. Um Gehör zu finden, lassen sie mit dem Hashtag #BlankeBedenken in den sozialen Netzwerken die Hüllen fallen. Auf der Homepage der Ärzte macht ein Satz die Situation klar: »Wenn uns das wenige, was wir haben, ausgeht, dann sehen wir so aus.«
28. Januar, München
Einen Tag nach der Meldung über Deutschlands ersten bestätigten COVID -19-Fall sagt der Chef des Klinikums Schwabing, Clemens Wendtner, in einer Pressekonferenz, der 33-jährige Webasto-Mitarbeiter habe nur leichte Symptome, alles halb so wild. Ohne es zu wollen, pflegt der Mediziner mit dieser Pressekonferenz früh die Illusion, das Virus sei harmlos. Eben kaum schlimmer als eine Grippe. Zu diesem Zeitpunkt – Ende Januar – nimmt so gut wie niemand das Virus in Deutschland ernst.
Am Abend desselben Tages meldet das Bayerische Gesundheitsministerium einen neuen Fall. Ein Mann aus Mittelfranken hat sich über einen Italienurlauber angesteckt. Die Behörden beginnen damit, die Kontaktpersonen zu identifizieren. Noch gelingt es, noch scheint es, als könnte man mit Tests, Transparenz und entschlossenem Handeln das Virus eindämmen.
28. Januar, Berlin
In einem Interview für die Tagesschau sagt der Virologe Drosten, man werde den genauen Übertragungsweg nachvollziehen. »Für den normalen Bürger, der sich fragt, ob er sich im Alltag infizieren kann, gibt es also im Moment keinen Grund zur Sorge.« Gleichzeitig spricht er eine deutliche Warnung aus: »Wir müssen die Pandemiepläne rausholen, um auf einen möglichen Massenanfall von Patienten vorbereitet zu sein. Das betrifft jedes Krankenhaus und fast jede Arztpraxis in Deutschland. Das ist eine sehr große Herausforderung für das gesamte Gesundheitssystem.«
28. Januar, Peking
Am 28. Januar besucht WHO -Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus Peking. In der Großen Halle des Volkes trifft er den chinesischen Präsidenten und dankt der Regierung »für ihre Kooperation und Transparenz«. Glaubt man der Nachrichtenagentur Xinhua, dann preist Tedros zudem Xi Jinpings Führungsstärke und »die Effizienz und die Vorteile des chinesischen Systems«. Derlei Lobhudelei und die scheinbar unkritische Übernahme der offiziellen chinesischen Lesart wird der WHO später den Vorwurf einbringen, »China-zentriert« zu sein.
Oder ist die Charmeoffensive der Preis, den die WHO zahlt, um überhaupt Zugang zu den chinesischen Daten zu bekommen, die sie braucht, um international Empfehlungen und Warnungen aussprechen zu können? Die Organisation hat selbst keinerlei Durchgriffsrechte und ist im Krisenfall auf Kooperation angewiesen. Die Regierung in Peking zeigt wenig Neigung, sich in die Karten schauen zu lassen. Eineinhalb Monate dauert es, bis sie einer Gruppe von WHO -Experten begrenzten Zugang zum Epizentrum der Seuche gewährt. Statt dies zu kritisieren, lobt die WHO , dass Peking viel schneller reagiert habe als 2002/2003, als das Land die SARS -Epidemie drei Monate lang komplett leugnete.
Kritik an der anfänglichen Vertuschung der Epidemie sucht man auch im Abschlussbericht der WHO -Mission vergeblich. Das Papier liest sich stellenweise wie aus der Feder der Propagandaabteilung der Kommunistischen Partei. Chinas Maßnahmen zur Eindämmung des Virus seien »vielleicht die ehrgeizigsten, agilsten und aggressivsten in der Geschichte«, heißt es da. Ein Grund dafür mag sein, dass es in Wirklichkeit kein WHO -Bericht, sondern der Bericht einer gemeinsamen Mission Chinas und der WHO ist. Die Regierung in Peking hat sich offenbar vorab ein Zensurrecht für den Text gesichert. Allerdings spart auch der Leiter der Mission, Bruce Aylward, nicht mit Lob für China: Dank dessen entschlossenem Vorgehen »haben Hunderttausende Menschen in China COVID -19 nicht bekommen«, sagt er. Und: Chinas Krankenhäuser »sahen besser aus als manche, die ich hier in der Schweiz zu sehen bekomme«.
Jenseits der Rhetorik werfen Kritiker der WHO später vor, zu spät gewarnt zu haben. Geschah das aus falscher Rücksicht auf China? So einfach ist es nicht. Das Notfallkomitee kann sich in zwei Sitzungen am 22. und 23. Januar nicht auf eine Ausrufung des internationalen Gesundheitsnotstands einigen. Peking und seine Verbündeten verfügen in dem Gremium aber nicht über eine Mehrheit. Auch die Empfehlung der WHO gegen Reise- und Handelsbeschränkungen ist zwar sehr im Sinne Chinas. Sie erweist sich aber im Fall Italiens, das als eines der ersten Länder die Flüge aus China einstellt, als richtig, weil Reisende aus China nun unkontrolliert über Drittländer einreisen.
Die WHO ist nicht die einzige UN -Organisation, in der Chinas Einfluss zunehmend spürbar wird. Ein Grund dafür ist die hohe Zahl an Ländern, die Peking bei Abstimmungen auf seine Seite ziehen kann. Während die USA sich zunehmend aus solchen Gremien zurückziehen, stößt China gezielt und mit gut orchestrierten Kampagnen in die Lücke.
30. Januar, China, Wuhan
Liping, die junge Journalistin aus Peking, die ihre Eltern in Wuhan besucht, sitzt mit ihrer Mutter und ihrem Vater seit einer Woche in der kleinen Wohnung fest. Sie hat zum Glück ein eigenes Zimmer, ihr früheres Kinderzimmer. Darin steht ihr Bett, links und rechts davon zwei kleine Tische mit Büchern darauf. Wenn sie aus dem Fenster schaut, kann sie in der Ferne einige Magnolienbäume sehen.
Die einzige Verbindung nach draußen sind die Hilfsgruppen und deren Diskussion und Nachrichten – und die klingen und lesen sich meist deprimierend. Ihre Eltern haben sich gerne und oft mit Freunden und Nachbarn zum Essen oder Kartenspiel getroffen, ihr Vater, der jetzt 69 geworden ist, hat oft im Park mit seinen ehemaligen Kollegen Mahjong gespielt. Jetzt verbringt er viel Zeit auf dem Balkon, seine Zigaretten, er liebt die Marke »Huang He Lou«, hat er allerdings rationiert.
Tagebucheintrag Yu Liping
»Wir haben am Tag auf zwei Mahlzeiten umgestellt, um neun Uhr gibt es Frühstück: für jeden ein Ei, eine Tasse Milch, ein Apfel. Meine Mutter hat eine kleine Kiste Äpfel ergattert, außerdem Kohl, Kartoffeln, Gurken. Aber wir gehen sehr sparsam damit um. Und um 16 Uhr etwa gibt es ein leichtes Abendessen, das war es. Macht nichts, ich habe ohnehin kaum Hunger. Jedenfalls nicht auf richtiges Essen. Stattdessen eine Gier auf Süßigkeiten, eine Gier, die ich zu kontrollieren versuche. Manchmal gebe ich nach, esse ich eine Handvoll Gummibärchen, auf einen Schlag, Gummibärchen sind großartig, irgendwie trösten sie mich. Auch unsere Gespräche beim Essen haben sich übrigens verändert: Anfangs galt eine ungeschriebene Regel, dass wir am Tisch nicht über die Epidemie redeten, aber jetzt haben sich im Bekanntenkreis die Krankheits- und Todesfälle derart gehäuft, dass wir bereits beim Frühstück über den Tod unserer Freunde sprechen – so beginnt jetzt der Tag. Das sind natürlich alles winzige Wahrnehmungen aus einer kleinen Wohnung im neunten Stock eines großen Mehrfamilienhauses. Mit dem offiziellen Narrativ hat das wenig gemein. Zwei Welten. Aber die Wahrheit steckt in diesen Details, das weiß ich jetzt.«
30. Januar, Schweiz, Genf
Die WHO schätzt die Seuche nun als »Gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite« ein. Das ist – nicht nur, aber zunächst einmal – ein symbolischer Akt. »Seht her«, bedeutet das, »wir alle müssen das Virus ernst nehmen, denn es ist kein lokales Ereignis mehr.«
Das Frühwarnsystem, die Notrufzentrale der Welt, heißt »Strategic Health Operations Centre« und liegt im Keller der Genfer WHO -Zentrale. Ein großer Tagungsraum, über verschachtelte Flure zu erreichen. Früher war das mal ein Kino. Hier tagen die Expertinnen und Experten, hier wurde auch über die Ausrufung der internationalen Notlage debattiert. Vor allem aber laufen hier die Meldungen über das Gesundheitsgeschehen auf der Erde zusammen.
An der Stirnwand des Saales, auf einem sehr großen Monitor, kann man das sogar visualisieren. Farbige Schriften auf einer Weltkarte markieren die Krankheitsherde. Ein gelb unterlegtes »Meningitis« heißt: ein neuer Ausbruch, lila steht für fortlaufende Ereignisse, braun für »wird noch beobachtet, es gibt aber keine Neuigkeiten«.
Früher tauchten hier nur Fälle auf, die ein Land offiziell gemeldet hatte. Wenn Gesundheitsbehörden irgendeines Landes zum Beispiel das Auftreten der Cholera verschwiegen, dann gab es auf der großen Karte auch keine. Beim SARS -Ausbruch von 2002 dauerte es fast drei Monate, bis die WHO davon offiziell erfuhr.
Mittlerweile besitzt die WHO ein kleines bisschen mehr an Befugnis. Sie darf sich zum Beispiel auch aus nicht offiziellen Quellen informieren. Das bedeutet: Die Mitarbeiterinnen und Mitglieder des Strategic Health Operations Centre dürfen googeln und zum Beispiel Lokalseiten von Online-Magazinen auswerten. Und dann dürfen sie einem Land sogar Fragen stellen.
Das klingt nach einer absoluten Selbstverständlichkeit, nach etwas, bei dem kein vernünftiger Mensch um Erlaubnis bitten würde. Aber in einer überstaatlichen, auf Konsens bedachten Organisation ist das ein echtes Privileg.
Die WHO , die UNO oder andere UN -Organisationen leben davon, dass die Mitgliedsstaaten sich an gemeinsame Regeln halten – aber niemand kann die Staaten dazu zwingen. Deshalb sind WHO oder UNO sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, ein Mitglied an den Pranger zu stellen. Bei der UNO wird immerhin einmal im Jahr die sogenannte Liste der Schande veröffentlicht: Darauf steht, wo auf der Welt Kinder als Kindersoldaten missbraucht werden. Doch selbst auf dieser Liste stehen in der Regel einzelne Milizen oder Armeen, keine Staaten – auch wenn Staaten gemeint sind. Und in Resolutionen des Weltsicherheitsrates werden oft, ganz diplomatisch, beide Konfliktparteien zur Mäßigung aufgerufen.
Die WHO in Genf hat noch nicht einmal ein Instrument wie Sicherheitsrat oder Liste der Schande. Sie kann nicht sanktionieren. Sie kann nur laut »Alarm« rufen und muss diesen Ruf möglichst diplomatisch verkleistern.
An diesem Tag sieht das Verkleistern so aus: Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, der WHO -Generaldirektor, gratuliert der chinesischen Führung zu ihrer »außerordentlichen Anstrengung« bei der Eindämmung des Virus. Er sagt, wir hätten »viel mehr Fälle und wohl auch mehr Tote außerhalb Chinas gesehen«, wenn die Regierung nicht so entschlossen gehandelt hätte. Dann erklärt er die Notlage und beteuert noch einmal, das geschehe nicht wegen der Ereignisse in China, sondern wegen der Ausbreitung in anderen Ländern. Das mache ihm auch die größten Sorgen.
Tedros Adhanom Ghebreyesus, ein 54-jähriger Immunologe aus Äthiopien, zählt auf der Pressekonferenz an diesem Tag auf: In 18Ländern gibt es Erkrankte, zumeist Reisende. Aber in vier Staaten außerhalb Chinas treten Mensch-zu-Mensch-Ansteckungen auf: Deutschland, Japan, USA , Vietnam. Und das ist der entscheidende Satz: Ja, das Virus breitet sich von Mensch zu Mensch aus. Und ja, es hat bereits in mehreren Staaten Fuß gefasst.
Das Ausrufen der Notlage sei reichlich spät gekommen, wird es später heißen. Tatsächlich hatte Tedros Adhanom Ghebreyesus noch am Vortag verkündet, er wolle erst einmal seine Fachleute anhören. Und knapp eine Woche davor, am 22. und 23. Januar, hatten die sich nach langer Konferenz nicht einigen können: Um den ganz großen Alarmknopf zu drücken, schien es noch zu früh. Zu wenige Daten. Das Fachleuteteam besteht aus Virologen, Epidemiologen und anderen Expertinnen.
Erst fünfmal hat die WHO solch eine internationale Notlage erklärt. 2009 bei der Schweinegrippe, die um die Welt ging. 2014 und 2019 bei Ebola-Ausbrüchen im Kongo und in Westafrika, beim südamerikanischen Zika-Virus im Jahr 2016 und einmal bei der Kinderlähmung. Das war 2014.
Dieses »Erst fünfmal gab es so eine Notlage« wird zum Beleg für die Dramatik der Situation. Die WHO zählt die fünf früheren Notlagen in ihrem Pressebriefing auf, und wohl jede Nachrichtensendung übernimmt das. Tatsächlich gibt es die »gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite« in dieser Form aber sowieso erst seit 2007. Und daran gemessen, schlägt die WHO sogar ziemlich oft Alarm, im Schnitt alle zweieinhalb Jahre.
Daran lässt sich gut erkennen, was das Kernproblem der Weltgesundheitsorganisation ist: das Missverhältnis von Größe, Anspruch und Erwartung auf der einen Seite – und der faktischen Machtlosigkeit auf der anderen.
Die WHO stellt nur Leitlinien auf, sie berät, sie gibt Empfehlungen, sie vernetzt Forscherinnen, Labore und Ärzte. Mitunter gelingt es, dass eine Leitlinie von den Mitgliedsstaaten völkerrechtsverbindlich anerkannt wird. Durchsetzen kann die WHO das nicht.
»Lassen Sie es mich ganz klarmachen«, sagt Tedros Adhanom Ghebreyesus: »Diese Erklärung ist kein Misstrauensvotum gegenüber China, im Gegenteil. Wir glauben an die Kraft Chinas, den Ausbruch unter Kontrolle zu bekommen.«
30. Januar, Italien, Rom
Das Virus wird auf seiner Welttour in Italien gesichtet. An dem Tag, an dem Italien die ersten zwei COVID -19-Fälle verzeichnet, möchte der Premierminister eigentlich mit den Vertretern der vier Regierungsparteien über die Zukunft des Landes sprechen. Um 21.00 Uhr veröffentlicht er ein Bild des Gipfels im Regierungssitz Palazzo Chigi auf Twitter mit dem Hashtag #Agenda2023. Es soll um Reformen gehen, die die Regierung bis 2023 durchsetzen will. Einer der Menschen, der mit am Tisch sitzt, ist der Gesundheitsminister, der während des Gipfels die Nachricht bekommt: Ein chinesisches Ehepaar aus Wuhan ist im Krankenhaus und Institut für Infektionskrankheiten Lazzaro Spallanzani positiv auf SARS -CoV-2 getestet worden.
Um 23.15 Uhr geben der Premier- und der Gesundheitsminister die Nachricht in einer gemeinsamen Pressekonferenz der Öffentlichkeit bekannt: »Wie schon andere europäische Länder seit einigen Tagen, hat auch Italien zum ersten Mal zwei bestätigte Fälle von Coronavirus«, verkündet der Premier, »es handelt sich um zwei chinesische Touristen, die sich seit wenigen Tagen in unserem Land befinden.« Kurz nach Eintreffen der Nachricht habe die Regierung entschieden, den Flugverkehr ab und nach China zu stoppen. Der Premier will auch die Bevölkerung beruhigen: »Es gibt keinen Grund zur Panik oder sozialer Unruhe, wir haben alle nötigen Maßnahmen bereits eingeleitet«, sagt er. Auch der Gesundheitsminister gibt sich bester Dinge: »Ich möchte auch in diesem Anlass bekräftigen, dass das italienische Gesundheitssystem eins der besten der Welt ist«, sagt er.
In den Tagen nach der Pressekonferenz rekonstruieren italienische Medien die Bewegungen des Ehepaars. In den frühen Morgenstunden des 23. Januar waren sie, eine 65-jährige Humanistin und ein 66-jähriger Biochemiker aus Wuhan, über Peking am Flughafen Mailand Malpensa gelandet. Sie hatten Verona, Parma und Florenz besucht und waren am 28. Januar in Rom eingetroffen. Hier belegten sie ein Zimmer im Zentrum der Stadt, wenige Minuten vom Kolosseum entfernt, im Grand Hotel Palatino, vier Sterne, 200 Zimmer. Am 29. Januar gegen 17.00 Uhr hatte die Frau die Hotelrezeption um Hilfe gebeten, ihr Ehemann fühle sich nicht gut, er habe hohes Fieber und brauche einen Arzt. Ein Krankenwagen hatte beide ins Krankenhaus Spallanzani gebracht, wo Ärzte sie isoliert und auf SARS -CoV-2 getestet hatten.
Weil sie zum Teil mit einer Reisegruppe unterwegs gewesen waren, waren auch die Mitreisenden ins Krankenhaus geholt und auf SARS -CoV-2 getestet worden. Die Frau zeigte den Beginn einer Lungenerkrankung, leichtes Fieber und eine Bindehautentzündung. Der Mann war in einem noch schlechteren Zustand, eine Lungenentzündung, Fieber und Husten inklusive. Ihre Lage sollte sich rasch verschlechtern. Die beiden werden Anfang Februar auf die Intensivstation verlegt.
31. Januar, China, Wuhan
Li Wenliang, der Augenarzt, gibt ein Interview, vom Krankenbett aus. Die ›New York Times‹ hat angefragt, denn Li ist mittlerweile schon über China hinaus bekannt, als der Mann, der warnte und mundtot gemacht wurde. Eine Mitarbeiterin schickt ihre Fragen via WeChat; und für chinesische Verhältnisse sind die Antworten, die Li gibt, ziemlich kritisch. Wenn die Behörden, merkt er etwa an, früher ihre Informationen offenbart hätten, wäre es viel besser gewesen – will sagen: die Katastrophe hätte verhindert werden können. »Wir brauchen mehr Offenheit«, sagt er. Gewinnen kann er mit solchen Sätzen nichts, aber viel verlieren. Trotz seiner Kürze und der Sachlichkeit ist das Interview anrührend. Li spricht von seiner Familie, wie sehr er sie vermisst, dass er denkt, dass er in etwa zwei Wochen wieder gesund sein wird. »Ich werde mit meinen Mediziner-Kollegen gegen die Epidemie kämpfen«, sagt er. »Es ist mein Job, meine Verantwortung.«
Während in Wuhan die Krankenhäuser kollabieren, kommen immer neue Details über die systematische Vertuschung in der Frühphase der Epidemie ans Licht. Besonders dreist sind die politischen Eingriffe in der Zeit vom 12. bis zum 17. Januar. In jener Woche tagt in Wuhan der Volkskongress der Provinz Hubei. Alles, was Unruhe verbreiten könnte, wird unterbunden. Dazu gehören die Meldungen neuer Lungenentzündungen unbekannten Ursprungs, zu denen die Krankenhäuser eigentlich verpflichtet sind.
Das landesweite Meldesystem wurde nach der SARS -Epidemie eingeführt, um genau das zu verhindern, was nun eintritt: politische Einflussnahme. Im Zentralkrankenhaus, in dem Li Wenliang arbeitet, macht ein Polizist den Ärzten klar, dass sie ihre Meldungen in dieser politisch sensiblen Woche nicht selbst ins System einspeisen dürfen. Eingegebene Meldungen werden nachträglich aus dem System gelöscht. Die lokale Gesundheitsbehörde verlangt, dass Krankenakten umgeschrieben und den Patienten andere Krankheiten angedichtet werden. Während der Volkskongress tagt, meldet Wuhan keine einzige Neuinfektion.
Auch die Erkrankung von medizinischem Personal mit COVID -19 wird gezielt vertuscht, die Akten gefälscht, die CT -Scans unter Verschluss gehalten. Das berichtet später die Leiterin der Notaufnahme des Zentralkrankenhauses, Ai Fen. Die Parteiaufsicht der Klinik verbietet ihr, Kollegen zu warnen. Das hat dramatische Folgen. Eine anonym veröffentlichte Liste der Seuchenbehörde beziffert die Zahl der erkrankten Ärzte und Pfleger am 20. Januar auf rund 500. Offiziell ist von 14 die Rede.
Auch nationale Stellen sind früh in die Vertuschung eingebunden. Die Gesundheitskommission in Peking weist am 3. Januar mehrere Testlabors an, Speichelproben von Infizierten zu vernichten oder an ausgewählte Labors zu übermitteln. Zu diesen zählt ein Shanghaier Labor unter Leitung des Virologen Zhang Yongzhen, der als Erster eine Gensequenz des neuartigen Coronavirus auf einer der führenden internationalen DNA -Sequenzdatenbanken, der amerikanischen GenBank, veröffentlicht. Am nächsten Tag wird sein Labor ohne Angabe von Gründen geschlossen. Erst dann, am 12. Januar, schickt China erstmals Gensequenzen des Virus an die WHO . Im Bericht der WHO -Mission, die das Land im Februar bereist, wird dieser Vorgang offenbar auf Druck Chinas später auf den 10. Januar vordatiert.
Die politische Elite weiß spätestens am 14. Januar über den Ernst der Lage Bescheid. An jenem Tag ruft der Leiter der nationalen Gesundheitskommission, Ma Xiaowei, in einer Telefonkonferenz alle Provinzregierungen auf, sich »auf eine Pandemie« vorzubereiten. Es handle sich »um die schwerwiegendste Herausforderung seit SARS «, heißt es in einem internen Memo, das später der Nachrichtenagentur AP zugespielt wurde. Dennoch vergehen sechs weitere Tage, bis die Öffentlichkeit informiert wird. Die verzögerte Reaktion hat tödliche Folgen: Laut einer Studie unter Leitung des SARS -Entdeckers Zhong Nanshan hätte die Zahl der Infektionen in China um zwei Drittel niedriger ausfallen können, wenn die Eindämmungsmaßnahmen fünf Tage früher erfolgt wären.
31. Januar, Berlin
Die Produktion von Tests in Olfert Landts Firma steigt nahezu parallel mit der Infektionskurve des Virus. Inzwischen ist sein Testkit in Deutschland nicht nur bei Drosten in der Charité verfügbar, sondern auch in großen Universitätskliniken und einigen Speziallaboren. Auch das Virus ist nicht dort geblieben, wo es herkam, es kursiert mittlerweile in mindestens 18 anderen Ländern außerhalb Chinas. Sorgen seien allerdings nicht nötig, meint das Robert Koch-Institut und schätzt »die Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland durch die neue Atemwegserkrankung aus China weiterhin als gering ein«. Die Empfehlung des RKI : Testen lassen sollten sich nur Menschen, die entsprechende Symptome zeigen und zum fraglichen Zeitpunkt in Wuhan waren oder Kontakt zu einem Erkrankten hatten.
31. Januar, USA, Washington
Die amerikanischen Behörden handeln: Das Weiße Haus gründet einen Krisenstab, ranghohe Offiziere gehören dazu, der Gesundheitsminister, der Direktor des CDC , genau wie Anthony Fauci, ein Virologe mit Weltruf. Zugleich verhängen die USA einen Einreisestopp für Ausländer, die in China waren. Amerikaner, die aus der Provinz Hubei heimkehren, müssen für zwei Wochen in Quarantäne.
An diesem Tag ruft Gesundheitsminister Alex Azar den gesundheitlichen Notstand aus, um es lokalen Behörden zu erleichtern, Geld und Personal zu beschaffen. Doch noch auf der zugehörigen Pressekonferenz gibt er Entwarnung: »Ich möchte betonen: Das Infektionsrisiko für Amerikaner bleibt gering.«
Testkits, Beatmungsgeräte, Masken – zunächst unternimmt der Krisenstab kaum etwas, um die USA auf die drohende Epidemie vorzubereiten. Zunächst geht es bei den Treffen darum, in Wuhan, in China oder Japan gestrandete Amerikaner heimzuholen.
Als Gesundheitsminister Azar wenig später versucht, vier Milliarden Dollar für die Beschaffung von Masken und Schutzkleidung lockerzumachen, sind die Haushaltsbeamten im Weißen Haus fassungslos. Das Treffen endet damit, dass sich beide Seiten anschreien.
Gesundheitsminister Azar sitzt zwischen allen Stühlen. Er hat ein gespanntes Verhältnis zu mehreren hohen Beamten im Weißen Haus, und wenn jemand nicht auf ihn hört, dann ist es Präsident Trump. Zweimal hat Azar versucht, Präsident Trump telefonisch vor der Epidemie zu warnen, am 18. und am 28. Januar. Aber er dringt nicht durch. Trump tut die Warnungen als »alarmistisch« ab.
Es gab viele Warnungen. Im täglichen Briefing des Präsidenten – von Trump selten gelesen – warnen die Geheimdienste. Sein Wirtschaftsberater Peter Navarro warnt vor einer halben Million Toten. Trump wischt es weg. Er will keinen Aufruhr. Er will den Handelsdeal mit China nicht gefährden. Er will, dass der Höhenflug an den Börsen weitergeht. Er hört nicht auf seine Berater. Seine talentiertesten und erfahrensten Beamten sind längst auf und davon, ersetzt durch unfähige Karrieristen, die ihm nach dem Mund reden. Das Weiße Haus ist unfähig, auf die Krise zu reagieren.
Am 30. Januar sagt Trump in Michigan: »Wir haben es sehr gut unter Kontrolle. Wir haben in diesem Land im Moment sehr wenige Probleme – fünf. Und diese Menschen erholen sich alle erfolgreich.«
Es ist Trumps Nine-Eleven-Moment. Die Puzzleteile liegen auf dem Tisch. Aber er hindert seine Beamten daran, sie zusammenzusetzen.
2. Februar, China, Wuhan
Seit fast drei Wochen befindet sich der Arzt Li Wenliang im Krankenhaus. Schließlich wird er positiv auf das neuartige SARS -Virus getestet. Er postet auf Weibo: »Heute kamen die Nukleinsäure-Tests mit einem positiven Ergebnis zurück, der Staub hat sich gelegt, endlich diagnostiziert.« Er signiert mit einem Emoji, einem Bildchen, einem Hündchen mit hängender Zunge.
Zahllose Menschen in China nehmen Anteil an Lis Schicksal, für sie ist er ein Märtyrer, der Warner, der mundtot gemacht wurde. Inzwischen hat Li Wenliang eine Kopie des Polizeiprotokolls ins Netz gestellt, die Behörden haben sich öffentlich bei ihm entschuldigt. Aber der Unmut vieler Chinesen wächst.
Li steht für die Wut der Menschen, Wut auf die Arroganz des Staates, den Anspruch der Partei auf Unfehlbarkeit. Auch Yu Liping, die junge Journalistin, die mit ihren Eltern in der kleinen Wohnung festsitzt, sieht in Li eine Symbolfigur, erzählt sie später.
Inzwischen hat das Virus Lis Lunge in einem Maße befallen, dass sie sich entzündet hat. Durch die Entzündung können die Lungenalveolen nicht mehr richtig arbeiten, jene dünnwandigen Bläschen, die tief in der Lunge an den Enden feinster Bronchialverästelungen sitzen und an denen normalerweise der Gasaustausch stattfindet. Sie werden leck und laufen mit Flüssigkeit voll. Der Gasaustausch in den Lungenalveolen funktioniert nicht mehr so, wie er es soll, der Sauerstoffgehalt im Blut fällt irgendwann unter 93 Prozent, der Patient bekommt Atemnot. Er atmet schneller, erhöht sein Atemzugvolumen, das im entspannten Normalzustand bei 12 bis 14 Atemzügen pro Minute liegt. Doch davon ist der Patient jetzt weit entfernt. Gleichzeitig hat das Virus wahrscheinlich das sogenannte Interferon-System abgeschaltet, das im Rahmen der Immunantwort eigentlich als Erstes reagiert, wie ein Frühwarnsystem.
Die Krankheit, die das neuartige SARS -CoV-2-Virus auslöst, verläuft bei Patienten vollkommen unterschiedlich, je nach Alter und Vorerkrankungen – oder einfach auch nach Glück. Jemand, der Diabetes hat, stark adipös oder über 70 Jahre alt ist, gehört zur Risikogruppe, so viel wissen die Mediziner und Wissenschaftlerinnen. Das Geschlecht scheint ebenfalls eine Rolle zu spielen, werden sie viel später herausfinden; Männer erkranken häufiger als Frauen.
In den kommenden Wochen werden Ärzte und Ärztinnen rund um die Welt in Tausenden Studien von immer neuen Symptomen im Zusammenhang mit SARS -CoV-2 berichten. Von Schlaganfällen, Gefäßentzündungen, Embolien, Durchfall, dem Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, von Halluzinationen, Schäden an Niere und Herz, sogar von Patienten, deren Sauerstoffsättigung zwar viel zu niedrig liegt, die aber keine klassische Lungenentzündung ausgebildet haben.
Und dann gibt es noch jene Patienten, die eigentlich keine sind, weil sie keine Symptome aufweisen und kaum bemerken, dass sie das Virus in sich tragen. In 80Prozent der Fälle verläuft die Krankheit mild bis moderat, äußert sich also durch Husten, Halsschmerzen, Fieber. Andere müssen mit Blaulicht und unter Atemnot ins Krankenhaus eingeliefert werden. In etwa 2,8 Prozent der Fälle, so wird das RKI später mitteilen, gestaltet sich COVID -19 kritisch bis lebensbedrohlich.
2. Februar, München
Clemens Wendtner sitzt in seinem Büro, es ist Sonntag. Der Chefarzt der München Klinik Schwabing hat als Erster die neun infizierten Webasto-Mitarbeiter untersucht, er ist geschockt: Die Werte zeigen eine tausendfach höhere Viruskonzentration, als sie etwa für SARS üblich ist – und das schon im Rachen. Sowohl das SARS - als auch das MERS -Virus ließen sich nur tief in der Lunge nachweisen. Experten hatten gehofft, auch das neuartige Virus müsse erst in die Lunge einwandern, um sich dort vermehren zu können. Doch jetzt weiß Clemens Wendtner: Das, was er auf dem Papier vor sich sieht, ist gefährlich.
Er meldet sich bei einem alten Bekannten aus Berlin: Christian Drosten. Die beiden kennen sich schon seit einigen Jahren, von einer früheren Zusammenarbeit zum MERS -Virus. Wendtner sagt über Drosten: »Hohe fachliche Kompetenz, netter Typ, mit dem kann man gut kommunizieren.« Drosten ist ebenso schockiert wie Wendtner. Er hätte nie für möglich gehalten, dass sich das neuartige Virus schon vor ersten Anzeichen einer Erkrankung in einer solchen Konzentration im Rachen nachweisen lässt.
Die beiden Experten kommen zu dem Schluss, dass die Öffentlichkeit unbedingt informiert werden muss. Drosten erarbeitet einen kurzen Text, schickt ihn per Mail nach München, die beiden Experten feilen noch eine Zeit lang an der gemeinsamen Pressemitteilung. Die wichtigste Aussage darin: Das Virus ist hoch kontagiös, also ansteckend, selbst bei Patienten, die kaum Beschwerden aufweisen.
Als Wendtner am Sonntagabend nach Hause fährt, fühlt er sich platt und erschlagen, an eine Pandemie habe er damals nicht geglaubt, sagt er heute. Weder er noch Drosten erkennen in diesem Moment, was sich anbahnt. Sie halten das neuartige Virus und die Geschehnisse für ein »sehr, sehr fernes Ereignis«, wie Wendtner in der Rückschau sagen wird.
4. Februar, China, Wuhan
Die Tage und Nächte gehen jetzt ineinander über im Alltag von Yu Liping, der jungen Journalistin, die mit ihren Eltern in deren kleiner Wohnung in Wuhan ausharrt. Es sind jetzt fast zwei Wochen nach Beginn der Ausgangssperre, und es hat sich so etwas wie erschlaffte Routine eingestellt. Ihre eigenen Vorräte sind beinahe aufgezehrt. Aber man kann sich Grundnahrungsmittel bringen lassen und beim Nachbarschaftskomitee Bestellungen für Gemüse oder Obst aufgeben, auf gut Glück. Der Tag, als jedem Haushalt zwei Kohlköpfe und zwei Bund Radieschen zugeteilt werden, ist ein Freudentag.
Manchmal schafft sie es, zwei, drei Tage hindurch einigermaßen munter und diszipliniert zu sein. Sie liest, hört Musik – Liping liebt Jazz, ihre Heldin ist die schwarze Jazzsängerin Ella Fitzgerald, manchmal findet sie einen Film, der sie für ein, zwei Stunden ablenkt. Aber dann kommen wieder die »meltdowns«, wie sie es nennt, wenn sie stundenlang in Weinkrämpfe verfällt. Dann zieht sie sich in ihr Zimmer zurück, um ihre Eltern zu schonen.
Tagebucheintrag Yu Liping
»Eine gute Freundin hatte sich ins Freiwilligenteam der ›Renmin Ribao‹ (Anmerkung: eine große Parteizeitung) gemeldet, ihr Job war es, die Hilfegesuche zu überprüfen, jeden Infizierten per Telefon nach dem Stand der Dinge zu befragen. Inzwischen konnten Menschen über 70 Jahren in den meisten Fällen nicht priorisiert werden. Bei einem Anruf, der einem älteren Mann galt, war ein Angehöriger am Telefon. Der eigentliche Patient war gerade in der Wohnung gestorben. Die Familie war da. Sie hatten eben die 120 gewählt, um den medizinischen Notdienst zu verständigen, und jetzt mussten sie darauf warten, dass der Notdienst den Totenschein ausstellte, bevor sie die Bestattungshalle kontaktieren konnten. Aber selbst wenn man den Notruf wählte, musste man sich in eine Warteschlange einreihen, und manchmal waren noch mehr als 300 Leute vor einem. Das war der letzte Anruf, den meine Freundin tätigte, dann konnte sie nicht mehr.«
4. Februar, Taiwan, Südkorea
Der Gesundheitsminister zeigt sich emotional – und erntet dafür keinen Spott, sondern den Spitznamen »der eiserne Minister«. In der Nacht landet ein Evakuierungsflug mit mehr als 200 Taiwanern aus Wuhan. Drei von ihnen zeigen Symptome. Der Minister tritt nach dem üblichen 14-Uhr-Pressetermin noch einmal um 20.00 Uhr mit seinem Team vor die Kameras. Er hat zu diesem Zeitpunkt mehr als 24 Stunden durchgearbeitet, ist quer durch Taiwan und wieder zurückgefahren. Mit brüchiger Stimme redet er über den Zustand der Heimkehrer. Einer der drei wurde positiv getestet, Taiwans elfter Fall. Als er bereits das Wort abgegeben hat, muss die Kamera plötzlich auf ihn zurückschwenken – der Minister bricht in Tränen aus. Darauf angesprochen, bittet er um Verzeihung dafür, dass er seine Emotionen nicht im Griff hat.
Keine zwei Wochen später verzeichnen die Beamten Taiwans den ersten COVID -19-Todesfall: ein 61 Jahre alter Taxifahrer mit Diabetes und Hepatitis C als Vorerkrankungen.
Was die Deutschen Wochen später schmerzlich vermissen, schafft Taiwan: Um die Maskenversorgung der eigenen Bevölkerung zu sichern, stampfen Regierung und Industrie in einer gemeinsamen Kraftanstrengung neue Produktionslinien aus dem Boden. Die tägliche Fertigung steigt bis April von unter 3 Millionen auf mehr als 17 Millionen Masken pro Tag. Die Abgabe ist rationiert: Mit ihrer Krankenversicherungskarte können alle Taiwaner zunächst zwei Masken pro Woche kaufen, später drei, dann neun pro 14 Tage, zum Stückpreis von umgerechnet 15 Cent.
Während die Zahlen der Infizierten in Ländern wie Südkorea und dem Iran mittlerweile drastisch steigen, bleiben sie in Taiwan niedrig. In Südkorea dagegen ändert eine einzelne Superspreaderin die Lage grundlegend: Patientin 31. Noch am 12. Februar zählen die Behörden nur 28 Fälle und beschließen: Außer Besuchern aus der Volksrepublik müssen auch die aus Hongkong und Macau nun vorsorglich in Quarantäne. Doch der größte Ausbruch, den das Land erlebt, kommt nicht von außen. Eine 61Jahre alte Südkoreanerin – Patientin 31 – besucht in der Stadt Daegu trotz Symptomen mehrere Gottesdienste und steckt so mindestens 43 weitere Menschen an, bevor sie selbst positiv getestet wird.
In nur wenigen Tagen wird sich die Fallzahl vervielfachen und drei Wochen später bei 1.261 liegen, mit zwölf verstorbenen Infizierten. Südkorea gilt nun als das am schlimmsten getroffene Land außerhalb Chinas. Möglichst viele der 200.000 Mitglieder der Religionsgemeinschaft müssen getestet werden. Kurz zuvor ruft das Land die höchste Warnstufe aus.
In Taiwan schließen derweil viele ihren »eisernen« Gesundheitsminister ins Herz. Chen präsentiert in seiner Pressekonferenz den Dankesbrief einer Genesenen und spricht sich gegen Stigmatisierung von Verdachtsfällen aus. Ende Februar sind etwa 30.000 Personen in Heimquarantäne oder haben sie bereits überstanden. Nachdem die Ferien um zwei Wochen verlängert wurden, beginnt am 26. Februar in Taiwans Schulen wieder der Unterricht – und dauert bis heute an.
Anfang Februar, Südkorea
In Chinas Nachbarstaat reagieren die Behörden auf die Bedrohung durch das Virus ähnlich wachsam und radikal wie in Taiwan, sie testen Hunderttausende und verfolgen die Infizierten per Handy – ein Vorbild für all jene, die auch in Deutschland den Einsatz von Apps zur Seuchenkontrolle fordern?
Das Land nutzt alle Möglichkeiten der digitalen Durchleuchtung seiner Bürger, soll man Untertanen sagen? Die südkoreanische Regierung hat während Epidemien grundsätzlich Zugang zu Mobiltelefon-, Kreditkarten- und Videoüberwachungsdaten. Das ist das Ergebnis eines Gesetzes, das nach dem Ausbruch des MERS -Virus erlassen wurde. Seuchenschutz schlägt Datenschutz, die Offenheit ist brutal, und der Durchgriff auf persönliche Daten ist es auch.
Mit diesen Informationen weiß Südkorea, wo sich die Leute aufgehalten haben. Dann geben die Behörden diese Informationen (ohne persönliche Daten) öffentlich bekannt, sodass andere Menschen herausfinden können, ob sich ihre Wege mit einer infizierten Person gekreuzt haben könnten. Sie geben stündlich, manchmal auch minütlich, genaue Angaben über die zurückgelegten Wegstrecken der Infizierten – welche Busse sie genommen haben, wann und wo sie ein- und ausgestiegen sind, sogar ob sie Masken getragen haben.
Wenn nun jemand infiziert ist, passieren zwei Dinge: Das eine ist das Nachverfolgen, man nennt es »Tracing«. Der infizierte Mensch wird komplett durchleuchtet, die GPS -Daten seines Handys ausgewertet: Wann hat er sich wo und wie lange aufgehalten? Aus den Kreditkartendaten lässt sich zum Beispiel erkennen, wann und wo er zum Einkaufen ging oder ob er im Love Hotel ein Zimmer gebucht hat. Selbst Aufzeichnungen aus Überwachungskameras können genutzt werden. Das Ziel: möglichst alle Kontaktpersonen aufspüren, testen und bei Bedarf wiederum durchleuchten. Tracing ist also rückverfolgen: Was passierte in den Tagen vor dem positiven Test?
Die Bewegungsdaten – Vorortzug, Karaokebar, Supermarkt, Wohnblock – erscheinen auf der Webseite des koreanischen Gesundheitsministeriums. Um wen es sich dabei handelt, ist nur notdürftig anonymisiert. Die Patienten tragen eine Nummer statt eines Namens. Aber schnell bilden sich im Netz kleine Detektivgruppen, die sich die Daten ansehen, die Informationen verknüpfen. In einem Fall fanden sie zum Beispiel heraus, dass zwei Menschen offenbar eine Affäre hatten: Die beiden waren auffällig häufig zur gleichen Zeit am gleichen Ort unterwegs.
In einer Umfrage geben Südkoreaner an, am meisten Angst hätten sie vor Infizierten in ihrer Umgebung. Und am zweitmeisten davor, selbst als Überträger bloßgestellt zu werden. Die Infoseite des Ministeriums wird eher als Pranger empfunden.
Wer infiziert ist, muss auch in Südkorea in die Isolation gehen. Dort beginnt das Tracking, die Kontrolle. Ging es beim Tracing noch darum, im Rückblick mögliche Ansteckungsopfer zu finden, ist das Tracking so etwas wie eine elektronische Fußfessel – per Handy. Eine App fragt morgens und abends nach Symptomen wie Fieber oder Husten – wer nichts einträgt, wird angerufen.
Was tun, wenn die Seuche kommt? Was hat man getan, als es noch keine Handys gab? »Fleuch pald, fleuch ferr, kum wieder spot! Das sind drei krewter in der not« – »Fliehe bald, fliehe weit, komm spät zurück. Das sind drei Kräuter in der Not«.
Diesen Ratschlag gab der Nürnberger Arzt Hans Folz 1482, als die Pest drohte – aber natürlich konnten ihn damals nur einige wenige Reiche befolgen. Eine selbst gewählte Isolation war Luxus.
Die Kranken fernhalten – das ging, wenn überhaupt, nur mit sehr strengen Regeln. Zu biblischen Zeiten mussten Menschen mit Hautausschlag vor einem Priester antreten und sich begutachten lassen – es könnte ja die Lepra sein. Bei unklarem Befund hatten die Patienten sich für sieben Tage fernzuhalten, bei klarem Befund für den Rest ihres Lebens.
Später, im Mittelalter, ließen Handelsstädte wie Genua, Venedig oder Ragusa keine Schiffe und Seeleute aus Pestgebieten in ihre Häfen. Trotzdem sollte der Handel aber weiterlaufen. Daher gab es eine Wartezeit: 40 Tage mussten die Seeleute auf einer Insel ausharren. Wer dann immer noch gesund war, durfte einreisen. Vom italienischen Begriff für »40 Tage« stammt übrigens das Wort »Quarantäne«.
Bei den Pestzügen im Mittelalter konnten ganze Dörfer einfach abgeriegelt werden, über Städte wurde der Bann verhängt. Wer rein- oder rauswollte, brauchte eine spezielle Reisebescheinigung – das Wort »Passport« geht auf solche Dokumente zurück.
Im Jahr 2020 gibt es den perfekten Aufpasser, jedenfalls beinahe: Für einen Großteil der Menschen auf dieser Welt ist das Handy der Gegenstand, der sie den ganzen Tag über begleitet. Fast jeder Deutsche besitzt ein Handy. Und in keinem anderen Gerät fallen so viele Daten über ihre Besitzer an wie in Smartphones. Schon in normalen Zeiten träumen Polizeibehörden, Werbeindustrie, Geheimdienste und Handel davon, die Daten aus den Handys zu nutzen. Und in gewissen Grenzen geschieht das auch.
In Südkorea spielt Datenschutz nicht so eine große Rolle wie in Deutschland. Man kann die zwei Staaten zwar vergleichen – beide sind hoch entwickelte Industriestaaten –, aber Südkorea ist durchdigitalisiert. Daten lassen sich leichter verknüpfen. In Deutschland wird die Telekom später dem RKI anonymisierte Daten aus Funkzellen zur Verfügung stellen – daran lässt sich immerhin erkennen, ob an einem Tag mehr – nicht identifizierbare – Menschen unterwegs sind als sonst. In Südkorea kontrolliert die App, ob eine konkrete Person sich bewegt – wenn ein Infizierter das Haus verlässt, ploppen auf den Handys in der Umgebung Warnmeldungen auf. Zum Beispiel so eine: »Ein COVID -19-Patient, der aus der Selbstisolation ins Quarantäne-Krankenhaus gebracht wird«.
Die autoritäre digitale Kontrolle gibt es auch in Taiwan. Wer einreist und erst einmal in Quarantäne geschickt wird, wird per Handy elektronisch eingezäunt. Verlässt das Handy die Funkzelle der Wohnung, erhält der Besitzer eine Warnung per SMS . Gleichzeitig wird die Polizei informiert. Auf einer Karte können die Behörden in Echtzeit sehen, wo sich die Handys der Isolierten befinden: Blauer Punkt bedeutet »alles in Ordnung«; roter Punkt heißt »unerlaubt entfernt«.
Damit niemand auf die Idee kommt, einfach ohne Handy spazieren zu gehen, erhält jeder zweimal am Tag einen Kontrollanruf, und zwar zu wechselnden Zeiten. Wer nicht abhebt, ist verdächtig und kann von der Polizei überprüft werden.
In China nutzen die Behörden die Handys der Menschen, um eine »Corona-Ampel« zu verbreiten. Am 11. Februar wird eine Health Code App an die 6,5 Millionen Einwohner der Provinz Hangzhou ausgespielt. Der Rest des Landes folgt nach und nach. Zunächst müssen die Bürger persönliche Daten wie Name, Wohnort und so weiter angeben, dann geht es um Reisen in der jüngsten Vergangenheit, und am Ende wird noch der Gesundheitszustand abgefragt.
Die Corona-Ampel wird von WeChat und Alipay betrieben, das sind die Giganten unter den Social Apps in China. Die Nutzer wissen nicht, ob ihre Angaben mit Daten abgeglichen werden, die bei den Internetfirmen oder den Behörden schon vorliegen – es wäre aber nicht überraschend. Jedenfalls bekommt jeder Teilnehmer am Ende seinen persönlichen QR -Code zugeschickt. Das ist der Corona-Ausweis für die nächste Zeit.
Wer in einen Bus einsteigen will, wer den Bahnhof, ein Restaurant oder ein Einkaufszentrum betritt, muss den QR -Code auf dem Handy vorzeigen. Ein grün unterlegter Code heißt: »Alles klar, Person ist wahrscheinlich nicht infiziert.« Gelb oder Rot heißt, dass man möglicherweise oder sogar sicher ein Gefährder ist, der in Quarantäne gehört.
Es gibt wenig Protest. Denn immerhin garantiert Grün, dass man sich bewegen darf. Die meisten, die sich beschweren, tun das, weil sie sich ungerechtfertigt als Rot eingestuft sehen.
Für Deutschland wären Apps wie in China oder Südkorea nicht vorstellbar. Aber es gibt auch datenschutzfreundlichere Varianten. Singapur wird im März so eine einführen. In Deutschland gibt es zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal eine größere Diskussion.
5. Februar, USA, New York
Drei Tage in Folge sind die Aktienmärkte gestiegen, nun erreichen sie ein Allzeithoch. »Der Höchststand ist der jüngste Beweis für die Widerstandsfähigkeit eines Marktes, der die Kriegsgefahr mit dem Iran abgewehrt hat, das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Trump und zuletzt den Ausbruch eines sich schnell ausbreitenden Virus«, meldet die ›New York Times‹.
Binnen sechs Wochen werden die Börsen ein Drittel ihres Wertes eingebüßt haben, einer der schlimmsten Crashs der Geschichte. Aber noch ist davon nichts zu ahnen.
Rund 500Amerikaner wurden derweil aus Wuhan evakuiert und auf Militärstützpunkte in Nebraska, Texas und Kalifornien gebracht. Zwei Wochen werden sie in Quarantäne verbringen, einige von ihnen haben sich infiziert. Tausende Amerikaner, die in den letzten Tagen aus China zurückgekehrt sind, gehen in Selbstisolation.
Im Weißen Haus trifft sich weiter täglich der 22-köpfige Krisenstab. Um die China-Rückkehrer geht es, um die Kontrollen an den Flughäfen, die doch nichts bringen, weil auch jene ansteckend sind, die selbst keine Symptome zeigen, aber das weiß man noch nicht. Am Ende der Sitzungen redet man manchmal über die Corona-Tests. Man glaubt, das CDC habe die Sache im Griff.
5. Februar, China, Wuhan
19 provisorische Krankenhäuser für leichtere Fälle werden in kürzester Zeit eingerichtet und in Betrieb genommen, mit etwa 30.000 Betten; dazu werden in kürzester Zeit zwei Spezialhospitäler gebaut, mit einer Kapazität von insgesamt 2.500 Betten. Rund 42.000 Mitarbeiter, Zivilisten und Militärs, werden in die Provinz Hubei entsandt, bis zu 6.000 kommen jeden Tag.
Aus dem ganzen Land lässt Peking jetzt Ärzte und Pflegepersonal nach Wuhan fliegen, in einem gewaltigen Kraftakt. Unter den vielen Teams, die jeden Tag eintreffen, ist auch eine kleine Gruppe, 30 Ärzte und Schwestern, aus der Stadt Chengdu in der Provinz Szechuan – Chengdu liegt rund 1.200 Kilometer entfernt und wird wegen seiner berühmten Bärenzuchtstationen gerne als »Panda-Hauptstadt« bezeichnet.
Mit dabei ist der Arzt Huang Xiabo, der mit Kriseneinsätzen Erfahrung hat, er ist der stellvertretende Chef des Teams. Der Delegation aus der Panda-Stadt wird als Einsatzort das Rote-Kreuz-Hospital zugewiesen, ein vergleichsweise kleines Krankenhaus, 300 Betten, im Normalfall arbeiten hier rund 400 Leute, Ärztinnen und Ärzte, Schwestern, Köche, Pfleger.
Die Helfer aus der Panda-Stadt sind am 26. Januar in Wuhan eingetroffen, zehn Tage später veröffentlicht der Arzt Huang Xiabo seine privaten Aufzeichnungen auf der Internetseite der Wirtschaftszeitschrift ›Caixin‹: »Wir sind jetzt zehn Tage hier, zum ersten Mal komme ich halbwegs zu Atem. Morgens um etwa 7.30 Uhr verlasse ich mein Hotel, mache ich mich auf zum Krankenhaus, abends um sieben komme ich zurück, habe dann aber noch viel Arbeit vor mir, in meinem Zimmer. Videokonferenzen, Telefonate, Papierkram.
Etliche Jahre als Arzt auf der Intensivstation liegen hinter mir, ich war auch bei einem Rettungsteam dabei, als sich 2008 das Wenchuan-Erdbeben ereignete, mit damals mehr als 87.000 Toten – aber nie zuvor habe ich ein solches Chaos gesehen, so viel Leid erlebt. Gleich bei der Ankunft: Das Krankenhaus hat eigentlich nur 300 Betten, aber jeden Tag kamen etwa 800 Menschen mit hohem Fieber an. In den Fluren drängten und schoben sich die Menschen, Kranke und Gesunde lagen, saßen, standen dicht beieinander. Das größte Problem war, dass die Belegschaft sich bereits weiträumig infiziert hatte, 30 Ärzte und Schwestern waren erkrankt, und jeder fürchtete, der Nächste zu sein. Das Ganze stand kurz vor dem Kollaps.
Also haben wir zunächst die Notaufnahme für drei Tage geschlossen, anders ging es nicht. Dann haben wir die bereits aufgenommenen Patienten getestet, was schwierig war, weil es nicht genügend Nukleinsäure-Tests gab. Dann diejenigen, die positiv waren, von den anderen Patienten getrennt, dann einen Plan aufgestellt, wie wir unsere Vorräte lagern und unseren medizinischen Abfall hygienisch entsorgen. Die Stationen wurden täglich desinfiziert. Wir haben Luft-Sterilisatoren in den Fluren aufgestellt.
Und schließlich mussten wir ein anderes Prozedere im Umgang mit den Toten finden, denn normalerweise muss ein Verstorbener auf Herzschlag getestet werden, bevor er für tot erklärt wird, das ging jetzt nicht mehr, das Verfahren wurde abgekürzt. Wie auch die Übergabe an die Angehörigen vereinfacht wurde, damit der Tote – nach seiner Desinfizierung – möglichst schnell aus dem Krankenhaus kommt. Diejenigen, die die Arbeit an den Leichen machten, waren heillos überfordert. Es dauerte oft Stunden, so lange lag der oder die Tote noch im Krankenbett.
Es fehlte überhaupt an medizinischem Material. Ich telefonierte, bettelte, aber es nützte nichts. Wir konnten nicht intubieren, wir hatten auch keine künstliche Lunge. Fünf Patienten auf der Intensivstation starben in den ersten Tagen, drei von ihnen hätten wir wahrscheinlich retten können, mit einer vernünftigen Ausstattung. Diese Patienten kämpften übrigens verzweifelt um ihr Leben, vor allem die älteren Menschen. Sie hielten die Hände der Ärzte umklammert, ließen sie nicht los, sie flehten die Ärzte an, nicht wegzugehen, sie nicht aufzugeben. Aber wir konnten nur danebenstehen. Nur zuschauen, wie das Leben aus ihnen herausrann.«
6. Februar, USA, Silicon Valley
Unbemerkt von der Welt stirbt in Kalifornien die 57-jährige Patricia Dowd, Qualitätsbeauftragte einer Halbleiterfirma. Eigentlich ist Dowd ziemlich gesund. Sie ernährt sich gut, besucht Spinning-Kurse und geht regelmäßig zum Arzt. Nun ist sie einige Tage mit einer Erkältung daheimgeblieben, beantwortet aber weiter die Nachrichten ihrer Kollegen, als sie plötzlich verstummt. Wenig später wird sie tot aufgefunden. Ein Arzt diagnostiziert Herzversagen.
Ihr Mann verlangt eine Autopsie.
So kommt Wochen später heraus: Patricia Dowd war die wohl erste COVID -19-Tote in den USA . Das Virus war überall in ihrem Körper. Luftröhre, Lunge und Darm waren befallen, der Herzmuskel entzündet. Mit aller Kraft stemmte sich ihr Körper gegen das Virus. Bis eine Herzklappe riss und ihr Herz förmlich platzte.
Niemand weiß, wie sich Patricia Dowd angesteckt hat. Ihre Firma hat etliche Niederlassungen in Asien, auch in Wuhan. Ging das Virus unbemerkt unter ihren Kollegen herum, Wochen, ehe es offiziell die ersten Fälle in Kalifornien gab? Wen hat sie angesteckt? Patricia Dowd war beliebt, mehr als 700 Menschen werden zu ihrer Beerdigung kommen.
6. Februar, China, Wuhan
Li Wenliang, der erkrankte Augenarzt, liegt mittlerweile auf der Intensivstation und hängt seit Tagen an der Beatmungsmaschine. Für seinen Körper ist es ein martialisches Verfahren, bei dem unter künstlichen Bedingungen Sauerstoff in die Lunge gepresst wird. Schläuche und Kanülen verbinden den Patienten mit Maschinen, die ihn überwachen oder teilweise seine Funktionen übernehmen sollen. Ein Medikamenten-Cocktail rauscht durch den Körper hindurch.
Die Wahrscheinlichkeit weiterer Komplikationen und zusätzlicher Infektionen steigt unter einer solchen Behandlung. Bei einem lebensbedrohlichen und besonders kritischen Verlauf weitet sich die Entzündung der Lunge auf den ganzen Menschen aus, von Zelle zu Zelle; wie ein Flächenbrand. Es entsteht eine systemische Erkrankung.
An immer mehr Orten muss das Immunsystem jetzt eingreifen, es feuert mit allen Waffen, die ihm zur Verfügung stehen. Aber es kommt gegen den Virenansturm nicht an und feuert noch mehr – es reagiert über und löst einen sogenannten Zytokin-Sturm aus. Zytokine sollen als Botenstoffe eigentlich andere Zellen des Immunsystems aktivieren, doch die marschieren jetzt in solchen Mengen los, dass sie den Körper fluten – und Organgewebe zerstören. Nicht nur in der Lunge, auch in der Niere, in der Leber, im Herzen. Das Immunsystem eines Patienten in einem solchen Zustand reagiert wie der Polizeiapparat eines kleinen Landes, nachdem ein Staatsstreich stattgefunden hat. Die Polizisten sind außer Rand und Band, rund um die Uhr unterwegs, aus dem Polizeifunk dröhnen ständig die widersprüchlichsten Befehle, es kommt zu wahllosen Attacken – medizinisch ausgedrückt: zu einem Multiorganversagen.
Li Wenliang stirbt in der Nacht vom 6. auf den 7. Februar, als Todeszeitpunkt wird 2.58 Uhr verzeichnet. Von seinen engeren Kollegen werden sterben: Mei Zhongming, Zhu Heping, Jian Xueqing, Liu Li. In diesen Tagen überspringt die Todesrate durch COVID -19 bereits die Zahl der Opfer durch SARS in den Jahren 2002 und 2003, die mit 774 angegeben wird.
7. Februar, China, Wuhan
Die Nachricht vom Tod des Augenarztes Dr. Li Wenliang, einem der ersten Warner, erschüttert Wuhan, erschüttert China und geht um die Welt. Mehr als drei Wochen hat Li Wenliang im Zentralkrankenhaus verbracht, zuletzt auf der Intensivstation. Als er dort starb, betrauerten ihn Millionen von Menschen in ganz China. Während Li im Krankenhaus lag, hat sich seine Stadt Wuhan dramatisch verändert.
Seit dem 23. Januar sind Straßen, Plätze und die früher wuseligen Gassen wie ausgestorben. Wer einen Passierschein hat oder etwas ausliefern muss, hastet vermummt und geduckt dahin. Kreuzungen und Hofeingänge sind mit gelben Kunststoffbarrikaden abgeriegelt, man wird zu Checkpoints geleitet, die in kleinen, meist knallroten Zelten untergebracht sind. Wer hier von den Polizisten – in oft barschem Ton – angesprochen wird, muss sofort stehen bleiben, Abstand wahren, sich manchmal mit Desinfektionsmittel besprühen lassen, Dokumente zücken, die in einer Klarsichthülle stecken müssen. Die Einwohner von Wuhan werden in den ersten Tagen und Wochen meist über Nachbarschaftskomitees versorgt, dürftig zwar, aber immerhin verhungert niemand.
Näher als in der Notaufnahme des Zentralkrankenhauses kann man dem Elend nicht sein, ihre Leiterin Ai Fen, die im Dezember verwarnt und zum Schweigen gebracht wurde, muss mit den langen Schlangen vor der Notaufnahme leben; die Kranken müssen manchmal bis zu fünf Stunden warten. Es fehlt in der Notaufnahme an medizinischem Material, manchmal gibt es nicht mal etwas zu essen.
Die Ärztin erlebt die Verzweiflung und die Tränen ihrer Kollegen, der Schwestern und Ärzte, etliche von ihnen brechen ein unter der Belastung und dem Leid. Ai Fen wird diese Erfahrungen später dem Magazin ›Renwu‹ schildern. Und obwohl das Interview ziemlich schnell von den Behörden aus dem Netz genommen wird – verschwinden wird es nicht. Es wird in Blogs, wie etwa im Science-Integrity-Digest-Blog, weiterhin zu lesen sein, als Dokument einer elenden Zeit, als politische Momentaufnahme.
Einzelne versuchen, das verordnete Schweigen zu durchbrechen. Da ist zum Beispiel der Anwalt und Bürgerjournalist Chen Qiushi. Er ist ein Einzelkämpfer mit gewisser Resonanz, rund 430.000 Abonnenten auf YouTube, rund 250.000Twitter-Follower. Chen besucht Krankenhäuser, spricht mit Patienten und Passanten, ein Info-Partisan – und eines Tages, wahrscheinlich um den 6. Februar, verschwindet er. Oder da ist ein Jura-Professor und Verfassungsrechtler, er heißt Xu Zhangrun, lebt in Peking. Er schreibt Anfang Februar einen lodernden Essay über die Krise und die Regierung. Zitat: »Die Corona-Epidemie hat den faulen Kern der Staatsmacht aufgedeckt. Das zerbrechliche und leere Herz des zitternden Staatsgebäudes wurde dadurch gezeigt wie nie zuvor.« Danach: Hausarrest, Internetzugang gekappt, Schweigen.
Die Frage, warum auf die epidemische Gefahr nicht schneller, sensibler reagiert wurde, ist eine naheliegende – und darum ist diese Frage für den Partei- und Staatsapparat so gefährlich. Man muss für Fehler oder Pannen immer Einzelne finden und abstrafen; die Systemfrage darf nie gestellt werden. Viele Chinesen sind allerdings der Meinung, dies sei nicht der richtige Zeitpunkt, sich spalten zu lassen, China gegen Amerika, vielleicht gegen den Rest der Welt – so sehen es zum Beispiel die Eltern von Liping, der jungen Journalistin, so sehen es deren Freunde. Unter ihnen kursieren Verschwörungstheorien, das Virus hätte seinen Ursprung in den USA oder käme aus Italien, sei jedenfalls nach China eingeschleppt worden. Und würde eine zweite Welle ausbrechen, dann wäre sie von Ausländern eingeschleppt.
Die junge Journalistin Liping, die eigentlich etwas Bedeutendes aus ihrem Leben machen wollte, die für Wahrheit und Gerechtigkeit kämpfen wollte, hat sich eingereiht in die Mehrheit der Schweigenden. Sie schreibt zwar hier und dort Texte, aber sehr vorsichtig, sie hält sich mit Kritik zurück, aus Angst um ihre Eltern. Inmitten der Katastrophe ist dies Lipings kleine Tragödie, wie sie zugibt: zu akzeptieren, dass sie weniger mutig ist, als sie es vielleicht gern wäre.
Aber Liping macht immer noch bei der Hilfsgruppe mit, die Kranke auf verschiedene Kliniken verteilt, die sich um die Kranken sorgt, die abgewiesen werden, die Kranken, die älter als 60 Jahre sind.
Tagebucheintrag Yu Liping
»Wir kriegten einen Notruf rein, es war schon halb eins in der Nacht. Ein Busfahrer, der eine Ladung älterer Menschen fahren sollte, war an der Klinik abgewiesen worden, er hatte den Bus dann einfach auf dem Parkplatz des Bahnhofs von Wuchang abgestellt und Feierabend gemacht. Die alten Leute waren sich selbst überlassen. Wir versuchten es unter allen möglichen Nummern, an keiner Stelle bekamen wir die Zusage, dass sofort ein Rettungswagen geschickt würde. Wir mussten die Nachbarschaftskomitees jedes einzelnen Patienten anrufen und um einen freiwilligen Fahrer betteln. Es dauerte zwei Stunden, bis alle Patienten untergebracht waren.«
8. Februar, USA, New York
Die vier Plastikröhrchen kommen per Federal-Express, sicher verpackt in schwarzem Schaumstoff. Endlich hat das CDC , die Seuchenbehörde, die ersten Testkits geschickt. Sofort machen sich die Mitarbeiter in einem Labor im Osten von Manhattan an die Arbeit. Wieder und wieder probieren sie herum, wieder und wieder scheitern sie – die Ergebnisse sind gänzlich zufällig. Noch destilliertes Wasser testet positiv. Die Tests sind fehlerhaft.
Abends rufen die Mitarbeiter die Leiterin des Labors herbei, zugleich hohe Funktionärin im New Yorker Gesundheitsamt. Kurz vor Mitternacht setzt sie eine Mail an ihre Kollegen auf, berichtet die ›Washington Post‹ später. »Es tut mir leid, dass ich keine besseren Nachrichten habe«, schreibt sie. »Es ist eine Schande.«
Die Schande beginnt einen Monat vorher im Hauptquartier der Seuchenbehörde CDC in Atlanta, einem der Flaggschiffe der amerikanischen Gesundheitsbehörden, mit 22.000 Spezialisten. Sei es aus Hybris, sei es aus dem Wissen um die eigene Überlegenheit: Das CDC entscheidet, nicht den Test der WHO zu verwenden, sondern einen eigenen zu entwickeln. Binnen einer Woche ist er designt und wird an die nächste Instanz weitergeleitet, die F.D.A., die Food and Drug Administration, jene allmächtige Kontrollbehörde, deren 15.000 Mitarbeiter von Krebsmedikamenten bis Katzenfutter alles prüfen; eine Behörde, geprägt von Vorsicht.
Etliche Labore in den USA haben inzwischen begonnen, eigene Corona-Tests zu entwickeln. Allein, sie dürfen sie nicht einsetzen. Seit dem von Gesundheitsminister Azar ausgerufenen Notstand sind allein die Kontrolleure der F.D.A. befugt, die Tests freizugeben. Doch das kann dauern, Wochen, vielleicht sogar Monate.
Der Krankenhausriese Mayo-Clinic stellt fünf Mitarbeiter ab, die drei Wochen lang nichts anderes machen, als Unterlagen für die F.D.A. zusammenzustellen. Die Elite-Uni Stanford verschickt 250.000 der WHO -Tests in alle Welt – und versucht erst gar nicht, dafür eine Genehmigung von der F.D.A. zu erhalten.
Längst haben die wenigen Labore, die das offizielle Testkit des CDC erhalten haben, herausgefunden, dass es funktioniert, wenn man eines der drei Reagenzien weglässt. Doch so dürfen sie nicht arbeiten – nur nach der von der F.D.A autorisierten Weise. Also senden die Labore ihre Proben umständlich nach Atlanta. Und Woche für Woche ist das CDC nicht in der Lage, neue Testkits zu schicken.
So verstreicht der Februar.
Es ist der Bürochef im Gesundheitsministerium, der schließlich handelt, er lädt alle Beteiligten zu einer Telefonkonferenz. Er eröffnet sie mit lauten Flüchen und einem Ultimatum: Niemand verlässt die Konferenz, bis eine Lösung gefunden wurde.
Sie ist ganz einfach.
Alle Labore dürfen ab sofort eigene Tests verwenden, die Genehmigung der F.D.A. folgt später. Und das fehlerhafte Testkit darf mit zwei statt drei Komponenten verwendet werden. Binnen Tagen fahren die großen Labore ihre Kapazitäten hoch.
Es ist unklar, wie viele Menschen bis Ende Februar in den USA getestet werden, die Zahlen schwanken. Es sind höchstens 4.000. Selbst wer COVID -19-Symptome hat, darf nur dann einen Test machen, wenn er Kontakt zu einem Infizierten hatte oder in China war. Aber da kaum jemand getestet wird, gibt es kaum Infizierte, also werden auch andere nicht getestet. Unentdeckt kann sich das Virus durch die Staaten der USA bewegen.
9. Februar, Berlin
SARS -CoV-2 überfällt unsichtbar Menschen auf der ganzen Welt, 24 Länder außerhalb von China melden inzwischen Infektionen, in China schießen die Zahlen der Erkrankungen und Todesfälle in die Höhe. Mit ihnen steigt die Nachfrage nach Olfert Landts Testkits. Landt sieht in dem neuen Coronavirus eine ernsthafte Bedrohung. Von Kontakten in Bayern hat er durch Zufall gehört, dass drei Infizierte schwer krank sind. Doch öffentlich heißt es weiterhin: alles unter Kontrolle. Landt findet das alles sehr bedenklich. Er glaubt, dass die Menschen in Deutschland die Wahrheit wissen müssen. Die Wahrheit darüber, wie gefährlich das Virus wirklich ist und wie schwer die Krankheit verlaufen kann.
Am Sonntagabend sitzt Landt mit seiner Frau in der Staatsoper Unter den Linden, das Theater spielt ›Der Rosenkavalier‹ von Richard Strauss, Premiere. Landt und seine Frau lieben Opern, manchmal gehen sie dreimal in der Woche, sie kennen die Inszenierung schon aus der Generalprobe. Landt freut sich auf einen schönen Abend. Ein paar Reihen vor ihm sieht er einen Mann sitzen: Gesundheitsminister Jens Spahn. Landt wartet bis zur ersten Pause, dann geht er nach vorne und spricht ihn an. »Herr Spahn, entschuldigen Sie die Störung, mein Name ist Landt, wir stellen Corona-Tests her. Sagen Sie der Öffentlichkeit die Wahrheit, das ist ein gefährliches Virus.« Spahn wirkt erstaunt, er fragt nach, wie Landt darauf komme. »Drei von zehn Infizierten sind schwer krank, das ist ein bedrohliches Zeichen.« Doch Spahn bleibt gelassen. Das sei statistisch nicht valide, sagt er. »Aber es ist doch komisch«, sagt Landt, »dass wir als kleine Firma in einem Monat bereits eine Million Tests verkauft haben. Da stimmt doch etwas nicht.«
10. Februar, USA, Washington
Das Weiße Haus veröffentlicht den Haushaltsentwurf für das Jahr 2021, es wird deftige Kürzungen im Gesundheitssektor geben, schon wieder. Die Zuschüsse an die WHO sinken, an Medicaid, an Medicare, an das Gesundheitsministerium, an Forschungsinstitute und für Lebensmittelmarken. Die Ausgaben für Atomwaffen werden um 7 Milliarden Dollar steigen, die Ausgaben für das CDC um 700 Millionen Dollar sinken.
Seit Jahrzehnten höhlen die Republikaner den Staat aus. 2017 hat Präsident Trump vergeblich versucht, Obamacare abzuschaffen, jenes Gesetz, das 21 Millionen Amerikanern eine Krankenversicherung bescherte. Als das Virus die USA trifft, sind noch immer 28 Millionen Amerikaner unversichert. Schonungslos wird die Pandemie entblößen, wie zerstört das soziale Gewebe der USA seit Langem ist.
Unter den 36 OECD -Staaten sind die USA das reichste und mächtigste Land, aber auch das ungleichste. Reiche Amerikaner leben 20 Jahre länger als arme Amerikaner, ein armer, männlicher Amerikaner hat die gleiche Lebenserwartung wie ein Sudanese. Ein Neugeborenes in Peking wird durchschnittlich 82 Jahre alt werden, ein Neugeborenes in Washington 78. Ein Drittel der Menschen ist wegen der konstanten Fast-Food-Diät fettleibig und leidet unter Bluthochdruck, elf Millionen Amerikaner sind Diabetiker.
Das amerikanische Gesundheitssystem ist nicht nur ineffizient, es ist auch maßlos teuer. Corona-Tests – wenn es sie denn gibt – sind bis in den März hinein nicht gratis. In Florida kehrt Osmel Martinez Azcue aus China zurück, wird krank und tut das einzig Vernünftige: Er geht in ein Krankenhaus und lässt sich testen. Zum Glück ist er gesund. Wenig später erhält er eine Rechnung über 3.270 Dollar.
10. Februar, USA, New Hampshire
US -Präsident Trump auf einer Kundgebung: »Und übrigens, das Virus. (…) theoretisch sieht es so aus, dass es im April, Sie wissen schon, wenn es etwas wärmer wird, auf wundersame Weise verschwindet – ich hoffe, das stimmt. Aber es geht uns in unserem Land gut. China, ich habe mit Präsident Xi gesprochen, und sie arbeiten sehr, sehr hart. Und ich denke, es wird alles gut werden. Hart im Nehmen, das sage ich Ihnen, sehr, sehr hart. Aber ich glaube, es wird gut funktionieren. Wir haben nur elf Fälle, und sie werden alle besser.«
13. Februar, China, Wuhan
Der Parteisekretär der Provinz Hubei wurde abgesetzt. In der Provinz zählt man am selben Tag 14.840 neue Infizierte. Es wird verkündet, dass 16.000 Ärztinnen und Pfleger aus dem ganzen Land freiwillig nach Wuhan kommen werden, die Staatsführung wirft jetzt medizinische Reservetruppen in den Kampf gegen den Eindringling. Ein Dutzend Hochschulen ist inzwischen zu Quarantänestellen umfunktioniert worden, auch die Universität, an der die Mutter von Yu Liping arbeitet, der jungen Journalistin.
Tagebucheintrag Yu Liping, 13. Februar
»Mehr Betten, mehr medizinisches Personal, das sind die guten Nachrichten. Aber immer noch kommt es zu Versorgungsengpässen, es ist ein Schwarzmarkt entstanden für gebrauchte Atemschutzmasken. Das ärgert mich maßlos – Leute machen ein Geschäft aus der Katastrophe. Angeblich hat es auch Fälle gegeben, dass amtlich ausgewiesene Hersteller von Anti-Epidemie-Ausrüstungen den freiwilligen Helfern ihre Produkte zum Zehnfachen des üblichen Preises anboten. Der überteuerte Weiterverkauf von Infrarot-Thermometern ist eine neue Geschäftsidee. Inzwischen dreht sich alles nur noch um Corona. Ich habe in den letzten Tagen mit mehr als einem Dutzend Menschen gesprochen, die zwar nicht an Corona erkrankt sind, aber trotzdem dringend ärztliche Hilfe brauchen – Krebskranke, Menschen mit einer Gehirnblutung, Nierenkranke, die sofort eine Dialyse benötigen. Aber die finden kein Krankenhaus, das sie behandelt, solange sie nicht nachweisen, dass sie das Virus nicht in sich tragen. Andere wurden sogar zwangsweise entlassen, weil die Klinik jetzt ganz auf Corona umgestellt wurde. Corona, Corona, Corona: Ich hasse dieses Wort.«
13. Februar, München
Die weltumspannende Münchner Sicherheitskonferenz steht an, die Bühne der Entspannung, meist jedenfalls; die großen Fragen der Welt, erörtert in den plüschigen Etagen des Bayerischen Hofes. Der Anspruch der Konferenz in diesem Jahr ist kleinmütig: Wo ist der Platz des Westens und Europas in einer sich verändernden, globalisierten Welt, geprägt von russischen, amerikanischen und chinesischen Alleingängen.
Am Valentinstag hat die Zahl der Toten auf der gesamten Welt 1.000 überschritten. Wenige Kilometer vor München eröffnet die Webasto-Zentrale wieder, der Ort des ersten Virenausbruchs in der Bundesrepublik.
Bei einer Gesprächsrunde der Sicherheitskonferenz diskutieren sechs Männer, einer von der WHO , einer von der Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung, darüber, wie sich die Ausbreitung von SARS -CoV-2 verhindern lässt. Sie sitzen eng beieinander, einen Mundschutz trägt niemand. Es ist eine kleine Nebenveranstaltung – Viren, dafür interessiert man sich bei der Sicherheitskonferenz vor allem im Bereich der Cyberkriminalität.
Im Kanzleramt trifft im Vorfeld eine Anfrage ein, ob die Kanzlerin am Rande der Sicherheitskonferenz den chinesischen Außenminister treffen könnte. Merkel stimmt zu, bittet jedoch darum, auf den Handschlag mit dem chinesischen Außenminister zu verzichten. Man weiß ja nie. Im Kanzleramt ist man besorgt, China gilt als empfindlich, wenn von der internationalen Etikette der Diplomatie abgewichen wird. Kein Problem, heißt es aus China, man verzichte selbst bereits seit einiger Zeit auf das Händeschütteln.
13. Februar, Berlin
Das Robert Koch-Institut thematisiert in der neuesten Ausgabe seines ›Epidemiologischen Bulletins‹ »SARS -CoV-2 in Deutschland und Ziele von Infektionsschutzmaßnahmen«. Es geht um die 14 Fälle bei Webasto, die sich auf die chinesische Kollegin zurückrechnen lassen, und zwei weitere. Erstmals ein etwas besorgter klingender Satz: »Die Situation entwickelt sich sehr dynamisch und muss ernst genommen werden.«
Dennoch schätzt das RKI das Risiko für die Bevölkerung in Deutschland weiterhin als »gering« ein. Es sei »sehr unwahrscheinlich, dass Menschen in Deutschland jemanden treffen, der mit dem neuartigen Coronavirus infiziert ist«.
15. Februar, Heinsberg
Am 15. Februar treten die »Teufelskerle« vor gut 300 Menschen in der Langbroicher Bürgerhalle im Kreis Heinsberg auf. Die Teufelskerle sind eine Männer-Ballettgruppe, der Anlass ist die sogenannte Kappensitzung des Karnevalsvereins »Dicke Flaa«. So eine Kappensitzung ist Karneval aus dem Dorf für das Dorf. Es treten keine (Halb-)Prominenten auf, dafür die halb-talentierten Gitarrenspieler, Tänzer und Büttenredner aus der Nachbarschaft. Die spotten nicht über die Bundespolitik oder Donald Trump, sie spotten über die Schlaglöcher in der Hauptstraße oder den Bürgermeister der Nachbargemeinde. Ein Außenstehender würde wohl keinen einzigen der Witze bei einer Kappensitzung verstehen.
Einer der »Teufelskerle« ist Bernd B., ein 47-jähriger Immobilienmakler. Als er mit seiner Männer-Ballettgruppe die Bühne betritt, ist es heiß im Saal, die Jecken sitzen eng an eng an langen Tafeln. Es wird getrunken, geschunkelt, gebrüllt. Ein Paradies für Viren. Besonders, weil niemand weiß, dass SARS -CoV-2 mitfeiert: im Körper von »Teufelskerl« Bernd B.
Der Abend in Heinsberg ist der Beginn des Hotspots Heinsberg, einer kleinen Region mit einer riesigen Zahl von Infizierten und vielen Toten. Das deutsche Epizentrum dessen, was die WHO am 12. März eine Pandemie nennen wird.
Ein Teilnehmer der Kappensitzung, der später positiv auf SARS -CoV-2 getestet werden wird, berichtet später, ihm sei in den Tagen nach der Sitzung aufgefallen, dass er seine Pommes salzt und salzt und dennoch nichts schmeckt. Bald habe er nicht einmal den Geschmack eines Apfels von dem einer Kartoffel unterscheiden können. Dass neben trockenem Husten und Fieber vor allem der Verlust des Geschmackssinns ein typisches Symptom für COVID -19 ist, weiß zu diesem Zeitpunkt noch keiner.
Am Rosenmontag, eine Woche nach der Kappensitzung, fühlt sich »Teufelskerl« Bernd B. so schlecht, dass er mit seiner Frau ins Krankenhaus fährt. Ein Jeck, der krank wird, ausgerechnet am Rosenmontag, es klingt wie ein Witz. Aber es ist ernst: Als das Ehepaar B. im Krankenhaus ankommt, ist der Mann kaum noch ansprechbar, sie bringen ihn direkt auf die Intensivstation. Die Ärzte testen ihn auf Influenza, später in der Nacht auf SARS -CoV-2 – obwohl B. vorher nicht in Italien oder China war. Das Ergebnis ist tatsächlich: positiv. Auch bei seiner Frau, die als Erzieherin in einer Kita arbeitet.
Bernd B. wird künstlich beatmet, damit er nicht stirbt. Sein Fall ist aus zwei Gründen ein Wendepunkt für Deutschland. Erstens: Bernd B. geht es wirklich schlecht, seit sich SARS -CoV-2 in seinem Körper ausbreitet. Die Krankheit, die das Virus auslöst, ist lebensgefährlich – und damit keineswegs harmlos, nicht schlimmer als eine Grippe, wie es zwei Wochen zuvor bei Webasto in Bayern schien. Zweitens: Es ist nicht klar, wer Bernd B. infiziert und wen Bernd B. angesteckt hat. Deutschland verliert den Überblick über die Infektionsketten. Die Strategie der Eindämmung ist gescheitert.
17. Februar, Berlin
Der Eindringling, der Christian Drosten in den kommenden Wochen schlaflose Nächte bescheren wird, ist tückisch. Erstens, weil er überall lauern kann. Zweitens, weil er so schwer zu charakterisieren ist. Viele Fragen können die Experten zu Beginn der Pandemie nicht beantworten. Noch Mitte Februar schreibt das Robert Koch-Institut in seinem ›Epidemiologischen Bulletin‹: »Viele Eigenschaften des SARS -CoV-2 sind momentan noch nicht bekannt, zum Beispiel der Zeitraum der höchsten Ansteckungsfähigkeit (Infektiosität), die genaue Zeitdauer, bis nach Ansteckung bei einem Infizierten Symptome erkennbar sind (Inkubationszeit), wie schwer die Krankheit verläuft oder über welchen Zeitraum Erkrankte Viren ausscheiden bzw. noch infektiös sind.«
Im Verlauf der kommenden Wochen werden Wissenschaftler und Forscherinnen rund um den Globus dazulernen, rasend schnell; über den gesamten Planeten verteilt analysieren sie Sequenzen von lokalem Virusmaterial, stellen ihre Ergebnisse online zur Verfügung, tauschen sich aus. Immer mehr finden sie über das neuartige Virus heraus, Stück für Stück ergibt sich eine immer detailliertere Charakterisierung – das Phantom wird sichtbar.
Die Wissenschaft lernt: SARS -CoV-2 verbreitet sich exponentiell, also sehr schnell. Es ist hochinfektiös, jeder und jede, egal wie alt, kann den Erreger via Tröpfcheninfektion weitergeben, ohne es zu bemerken. Beziehungsweise sich über die Schleimhäute in Nase, Mund und Auge anstecken. Auch Schmierinfektionen spielen eine Rolle, aber in geringerem Maße. Kinder scheinen seltener zu erkranken, sich aber in der Viruslast nicht von Erwachsenen zu unterscheiden. In Abstrichproben aus der Nase, dem Rachen und der Lunge lässt sich das Virus nachweisen, genauso wie in Tränenflüssigkeit. Auch in Stuhlproben finden sich Bestandteile von SARS -CoV-2, aber kein infektiöses Virus. Etwa zwei Tage vor Auftreten der ersten Symptome beginnt die infektiöse Phase. Die mittlere Inkubationszeit beträgt circa sechs Tage, die maximale etwa 14 Tage. In der ersten Woche sind bereits Infizierte hochinfektiös – nach etwa einer Woche weit weniger.
Bei einem schweren Verlauf, so nehmen es die Wissenschaftlerinnen und Forscher im Februar noch an, kann das Virus allein eine Pneumonie hervorrufen. Also eine Lungenentzündung, die sich im allerschlimmsten Fall zur akuten Atemnot bis hin zu einem Multiorganversagen entwickeln kann – und damit zum Tod. Die Krankheit, die das neuartige Virus auslöst, tauft die WHO am 11. Februar auf den Namen COVID -19. Als besonders gefährdet gelten vorerkrankte und alte Menschen. Wenigstens über eine gute Nachricht können sich die Experten zu diesem Zeitpunkt freuen: SARS -CoV-2 bildet zwar verschiedene Viruslinien aus, mutiert also (was in der Natur von Viren liegt), aber scheint sich in seinen Eigenschaften nicht großartig zu verändern.
Doch wie genau funktioniert das neuartige Coronavirus im Körper? Was spielt sich auf zellulärer Ebene ab, wenn ein Mensch sich infiziert? Das kann man nur ausführlich erklären, ist aber eigentlich simpel – eine feindliche Übernahme.
Ein Virus ist ein Manipulator. Eigentlich sogar ein Diktator. Einmal in die Wirtszelle eingedrungen, programmiert es diese radikal um und nutzt die vorhandene Infrastruktur für die eigene Produktion – es versklavt die Zelle. Zwei Fähigkeiten des Virus sind dafür essenziell: Erstens, sich Zutritt in die Körperzelle zu verschaffen, um sich dann dort, zweitens, massiv zu kopieren und so die eigenen Erbanlagen weiterzugeben.
Wichtig für den ersten Schritt ist jenes Eiweiß, das wie ein Zacken aus der Virushülle herausragt: das Glykoprotein S. Es ist der Schlüssel zum Tor in die Wirtszelle. Mitte Februar gelingt Forschern ein wichtiger Schritt: Sie schaffen es, das Protein S zu untersuchen und in seiner dreidimensionalen Struktur am Computer zu modellieren. Wenn sich Protein S auf dem Bildschirm um die eigene Achse dreht, sieht es aus wie ein durcheinandergeratenes Wollknäuel. Doch in dem vermeintlichen Chaos aus Schlaufen und Windungen liegt eine exakt festgelegte Ordnung, die das Protein erst funktionsfähig macht. Wissenschaftler und Forscherinnen können aus diesem Durcheinander spezifische Charakteristika ableiten, zum Beispiel den atomgenauen Aufbau oder, am allerwichtigsten: jene Bindungsstelle in der menschlichen Zelle, über die Protein S an die Wirtszelle andockt, im Fachjargon Rezeptor genannt. Es ist derselbe, den auch das SARS -Virus nutzt: ACE 2. Nur dass SARS -CoV-2 zehnmal stärker an den Rezeptor bindet als sein altbekannter Verwandter.
Es ist diese Ähnlichkeit zu SARS -1, die Virologen und Medizinerinnen ganz zu Beginn der Epidemie schlussfolgern lässt, das neuartige Virus löse vorwiegend in schlimmen Fällen eine Lungenentzündung aus. Sie werden sich korrigieren müssen.
Wie weit ist das Virus bis Mitte Februar in seinem Feldzug rund um den Globus gekommen? Welche Fehler macht der Mensch?
Noch wäre Zeit, das Virus einzugrenzen. Bis zum 16. Februar hat SARS -CoV-2 in China 51.174 Menschen infiziert, so melden es die Statistiken der WHO , in Wahrheit sind es wohl deutlich mehr. 1.666 Chinesen haben die Attacke des Virus nicht überlebt.
Außerhalb Chinas gelten 683Menschen als infiziert, wahrscheinlich zehnmal mehr werden es in Wahrheit sein, drei Tote schreibt die Statistik der WHO dem Virus zu. 25 Länder hat SARS -CoV-2 auf seinem Vormarsch erreicht, so melden es die Statistiken, auch das entspricht nicht der tatsächlichen Verbreitung.
Wer Mitte Februar 2020 sieht, was sich in den Krankenhäusern Chinas abspielt, kann sich vorstellen, was auf die USA , auf Deutschland, auf viele Länder der Welt zukommen kann. Aber nur Länder wie Taiwan und Südkorea haben Maßnahmen ergriffen, um sich vom Virus nicht überraschen zu lassen.
Es wäre jetzt noch Zeit genug, die Maßnahmen zu ergreifen, die das Geschehen in China nahelegt. Die Botschaften aus China: soziale Kontakte so weit wie möglich unterbinden, Infektionsketten zuverlässig und schnell verfolgen, sich mit Masken gegen Ansteckung schützen, Intensivbetten mit Beatmungsgeräten aufstocken. Aber all das unterbleibt noch in Deutschland, USA , Italien und all den anderen Ländern, die in den nächsten Monaten mit Millionen Infizierten klarkommen müssen.
Selbst jetzt noch rechnen die Regierenden der Welt nicht mit der Pandemie, die ihnen seit 2003 prophezeit wird. Spätestens seit 2009 taucht im jährlichen Bedrohungsbericht des US -Geheimdienstkoordinators die Warnung vor einer Pandemie auf. Zwar erst auf der vorletzten Seite und nicht sehr ausführlich. Aber deutlich: »Eine mögliche Grippepandemie oder unbekannte Krankheiten wie SARS bleiben die größte gesundheitliche Bedrohung der Vereinigten Staaten«, heißt es in dem 2009er-Bericht. Eine mögliche Pandemie sei auch international die größte Herausforderung.
2013, wiederum im jährlichen Bericht der Geheimdienste, liest sich die Warnung schon konkreter. Es ist bereits die Rede von Coronaviren, die von Fledermäusen auf Menschen übergehen. »Ein leicht übertragbares Virus, das die Atemwege befällt und mehr als ein Prozent seiner Opfer tötet, würde zu den folgenreichsten Ereignissen überhaupt zählen«, heißt es in dem Bericht. In weniger als sechs Monaten könnte so ein Ausbruch zu Leid und Tod in jedem Winkel der Welt führen. Und: »Das ist keine hypothetische Bedrohung.«
Ähnliche Hinweise finden sich immer wieder. Auch das Robert Koch-Institut hat den Fall einer Pandemie durchgespielt und das Ergebnis der Bundesregierung übergeben. Wer den Text heute liest, erkennt zwar viele Parallelen zum tatsächlichen Geschehen. Der Bericht des RKI ist aber kein Drehbuch, er geht zum Beispiel von deutlich höheren Opferzahlen aus. Verblüffend ist aber, wie genau die Nebeneffekte vorausgesagt wurden. Dass einander widersprechende Experten die Bevölkerung verunsichern. Dass mangels Medizin und Impfstoff ein ganzes Volk sein Heil im Händewaschen suchen wird. Dass Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel knapp werden, dass Urlaube ausfallen und Flugzeuge am Boden bleiben.
Virologinnen und Epidemiologen weltweit ist seit Langem klar, dass Viren auf den Menschen überspringen und dass sie potenziell gefährlich sind. Es gelingt den Experten und Expertinnen aber nicht, die Aufmerksamkeit zu erreichen, die sie bräuchten. Sie versuchen, sich zu vernetzen, um irgendwann dann schneller und gemeinsam Medikamente und Impfstoffe zu finden. Aber am Ende bleiben sie doch die Experten, auf die keiner hört.
Der US -Epidemiologe Larry Brilliant, bekannt geworden durch seine Rolle beim Ausrotten der Pocken, beschrieb 2006 die Folgen eines Virus, das die Atemwege angreift und sich schnell verbreitet. Grenzen schließen? Wird nicht funktionieren, sagte Brilliant damals, weil es immer jemanden geben wird, der infiziert ist, der andere ansteckt, aber selbst keine oder nur sehr milde Symptome zeigt. Grenzschließungen, sagte Brilliant, würden nur den Handel behindern und die Wirtschaft leiden lassen. Wer die Pandemie eindämmen will, muss Kranke schnell erkennen und isolieren.
Das Problem: Für Testzentren, Isolierstationen oder Quarantäneüberwachung müsste eine Infrastruktur in Betrieb gehalten werden. In virusfreien Jahren wäre das mehr oder weniger totes Kapital.
Warum versagt der Mensch dabei, sich zu schützen vor dem, was kommen wird? Menschen siedeln neben Vulkanen (Ätna, Vesuv, Pinatubo, Mount St. Helen), obwohl sie wissen, dass die Vulkane nicht verloschen sind. Sie bauen schlecht gesicherte Holzhäuser in den Hurrikan- und Tornadogebieten der USA , sie betreiben Atomkraftwerke an Tsunami-gefährdeten Küsten oder jagen Treibhausgase in die Atmosphäre, obwohl die Gesetze des Klimawandels bekannt sind. Warum?
Es gibt dafür drei Gründe. Der erste: Die Gefahr ist nur abstrakt, wir sehen sie nicht. Ein Erdbeben ist eine abstrakte Bedrohung, sie wird erst konkret, wenn es rumst. Ein Virus, das sich rasend schnell ausbreitet, ist abstrakt – die allermeisten Menschen haben in ihrem Alltag keinerlei Erfahrung mit exponentiellem Wachstum, sie können sich nicht vorstellen, was das ist.
Der zweite Grund: Der Mensch kann Zeiträume schlecht einschätzen, hat ein schlechtes Gefahrengedächtnis und verdrängt. Die Spanische Grippe fand vor gut 100 Jahren statt, auch das scheint ewig her. Wenn 100Jahre nichts passiert, fällt es schwer, alarmiert zu bleiben.
Der dritte Grund schließlich: Geld.
Vorsorge kostet. Ein Tsunami-Warnsystem etablieren, obwohl der nächste Tsunami vielleicht erst anrollt, wenn die Alarmtonnen schon durchgerostet sind? Teuer. Einen Strand zwei Wochen schließen, obwohl der Hai vielleicht gar nicht wiederkommt? Unpopulär. Ein Intensivbett für 85.000 Euro anschaffen, das man womöglich gar nicht braucht? Einen Raum mit Schutzkleidung füllen statt mit zahlenden Patienten, nur für den Fall der Fälle? Unwirtschaftlich.
Das sind die Gründe, weshalb Warnungen in den Wind geschlagen werden. Das Muster ist bekannt. Ein typischer Hollywood-Katastrophenfilm beginnt stets mit einem Experten, auf den niemand hört.
Im richtigen Leben heißen diese Experten zum Beispiel Yi Fan und Kai Zhao – sie und weitere Kollegen haben noch im Frühjahr 2019 vor Coronaviren aus Fledermäusen gewarnt. Sie arbeiten beim Robert Koch-Institut oder der WHO , sie entwerfen Planspiele an der Johns-Hopkins-Universität. Sie alle haben detailliert gewarnt vor einer Pandemie und ihren Folgen.
Es gibt einen Promi unter den Mahnern. Er ist kein Arzt oder Geheimdienstchef, aber er ist weltweit bekannt. Und er ist reich, superreich: Bill Gates. Der Microsoft-Gründer gilt als zweitreichster Mensch der Welt, aus dem Geschäft mit der Software hat er sich nach und nach zurückgezogen. Nun führt er die reichste Privatstiftung der Welt, die Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung. Sie ist ungefähr 47 Milliarden Dollar schwer.
Die Gates-Stiftung fördert Entwicklungshilfe, Bildungsprojekte in den USA  – und die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen. Gates ist größter privater Geldgeber der WHO . Und als Donald Trump im Frühjahr die US -Zahlungen an die WHO einfriert, erhöht die Stiftung ihr Anti-Virus-Budget um 150 Millionen Dollar.
Bill Gates ist auf keinem seiner Stiftungsgebiete ein gelernter Experte. Aber er ist ein Nerd, es heißt, er lese sich geradezu besessen in Themen ein. Und er redet verständlich, macht Dinge begreifbar.
2018 zum Beispiel, bei einer Vorlesung in Boston, erklärt er den Unterschied zwischen Pandemiebekämpfung in Hollywood-Thrillern und in der Realität: Wo es im Film einen mutigen Doktor gibt, sei das Gesundheitssystem in der Wirklichkeit zu langsam, zu unkoordiniert und nicht effektiv, selbst in den USA , nicht nur in den ärmeren Staaten.
Gates lässt wenig Gelegenheit aus, vor einer Pandemie zu warnen. Er will, dass Firmen und Labore sich besser vernetzen, er stellt sich Virenbekämpfung wie militärische Logistik vor.
Die jüngste Gates-Warnung, kurz vor Ausbruch der tatsächlichen Pandemie, stammt aus dem Oktober 2019. Mit der Johns-Hopkins-Universität und dem Weltwirtschaftsforum hatte die Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung »Event 201« durchgespielt: Ein fiktives Coronavirus bricht in Südamerika aus und zieht um die Welt. Ziel der Übung: die Einsatzbereitschaft von Behörden und privaten Organisationen im Falle einer weltweiten Epidemie zu verbessern.
Gates und seine Stiftung sind durchaus umstritten – und zwar nicht nur bei Verschwörungstheoretikern, die glauben, dass Gates allen Menschen einen Chip einpflanzen lassen will, um sie besser steuern zu können. Ernst zu nehmen ist die Kritik, dass die Stiftung mit ihren Milliarden bestimmt, in welchen Bereichen geforscht wird und wo nicht.
Jetzt, angesichts der realen Pandemie, sagt Gates, er fühle sich schrecklich. Seine frühen Warnungen: verpufft, ungehört. Er hätte mit mehr Nachdruck reden sollen.
Und nun? Versucht die Menschheit in rasender Geschwindigkeit in Laboren rund um den Erdball so schnell schlau zu werden, um das Schlimmste zu verhindern. Was weiß man bis jetzt?
Es handelt sich um ein neuartiges RNA -Virus, das zur Familie der Coronaviren gehört und demnach eine Verwandtschaft zum SARS -Virus aufweist. Da SARS -1 ursprünglich aus der Hufeisenfledermaus stammt und damit eine zoonotische Infektionskrankheit ist, vermuten Wissenschaftler und Forscherinnen, das neuartige Virus könne ebenfalls aus einem Tier auf den Menschen übertragen worden sein. Sein Genom stimmt zu 96 Prozent überein mit dem, das man in einem anderen Coronavirus aus einer Fledermaus gefunden hat.
Das neuartige Virus vermehrt sich – anders als etwa das SARS -1-Virus – schon im Rachen und verbreitet sich über die oberen Atemwege von Mensch zu Mensch. Die nachgewiesene Viruskonzentration in den Abstrichproben ist um das Tausendfache höher als bei SARS -1. Als Wege der Verbreitung werden Tröpfchen- sowie Schmierinfektion angenommen, aber Wissenschaftler und Forscherinnen stellen sich auch die Frage, inwieweit kleinste Tröpfchen in der Raumluft, sogenannte Aerosole, eine Rolle spielen. 80 Prozent der Infizierten bilden nur milde bis moderate Symptome aus.
Die Wissenschaft steht vor einem Rätsel, das RKI schreibt gegen Mitte des Monats: »Viele Eigenschaften des SARS -CoV-2 sind momentan noch nicht bekannt, zum Beispiel der Zeitraum der höchsten Ansteckungsfähigkeit (Infektiosität), die genaue Zeitdauer, bis nach Ansteckung bei einem Infizierten Symptome erkennbar sind (Inkubationszeit), wie schwer die Krankheit verläuft oder über welchen Zeitraum Erkrankte Viren ausscheiden bzw. noch infektiös sind.«
Und das Virus? Greift sich Europa, Italien, Spanien, Deutschland, Großbritannien und nutzt auch in den USA die Sorglosigkeit, um Millionen Menschen zu infizieren.