Kapitel II
Die italienische Phase
Wie man über Leben und Tod entscheidet
(Februar/März)
Der Karneval bringt den Tod nach Deutschland ∙
Die Bundesregierung verschleppt den Schutz gegen das Virus ∙ Trump entmachtet seine Seuchenbehörde ∙
Christian Drosten spricht täglich zum Volk ∙
Die Leichenkolonnen von Bergamo
18. Februar, Italien, Codogno
Mattia Maestri, er wird als Patient 1 in die Geschichte Italiens eingehen, betritt die Notaufnahme des Krankenhauses von Codogno. Seit drei Tagen fühlt er sich krank. Am Vortag ist er nicht zur Arbeit gegangen, sein Hausarzt kam zur Visite. Nun ist das Fieber weiter gestiegen. Maestri beschließt, ins Krankenhaus zu gehen.
Bis hierher gab es in Italien nur COVID -19-Erkrankte, die sich in China angesteckt hatten: Ein Ehepaar aus Wuhan, ein italienischer Forscher, der die Eltern seiner Freundin in Wuhan besucht hatte. Nun hat das Virus mit Mattia Maestri einen nahezu perfekten Wirt gefunden: einen 38 Jahre jungen Mann, werdenden Vater, Hobbyfußballer, passionierten Marathonläufer, angestellt in einer großen Firma. Gesellig, aktiv, ständig unterwegs. Dutzenden begegnet er jeden Tag.
Maestri wird geröntgt. Die Diagnose, so wird es eine Ärztin der Zeitung ›La Repubblica‹ sagen: eine leichte Lungenentzündung. Er bekommt Antibiotika verschrieben und darf nach einigen Stunden das Krankenhaus wieder verlassen. Die Krankengeschichte von Maestri wird später von vielen Medien rekonstruiert, er wird zum gläsernen Patienten.
Ein Rundschreiben des italienischen Gesundheitsministeriums vom 27. Januar regelt, nach welchen Kriterien mögliche COVID -19-Fälle zu melden sind. Keines der Kriterien trifft auf Maestri zu. Als eine Ärztin ihn fragt, ob er in China gewesen sei, verneint er. In New York sei er zuletzt gewesen, das schon, aber China?
Am nächsten Tag, Mittwoch, geht Maestri in den frühen Morgenstunden erneut zur Notaufnahme. Diesmal muss er über Nacht im Krankenhaus bleiben. Er fiebert, sein Kopf dröhnt, er atmet schwer. Doch auch am Donnerstag schlagen die Medikamente, die man bei einer Lungenentzündung üblicherweise gibt, nicht an. Die Ärzte rätseln, was mit ihm los ist. Nach einer Computertomografie verlegen sie ihn am Donnerstag auf die Intensivstation.
Maestris Ehefrau ist im achten Monat schwanger und hat an diesem Donnerstag ebenfalls einen Termin im Krankenhaus, für einen Geburtsvorbereitungskurs. Die Ärztinnen sprechen sie an: Ob ihr Mann nicht doch eine Verbindung nach China habe? Da erinnert sich die Ehefrau an einen Freund, den Maestri getroffen habe, Manager bei einer Maschinenbaufirma in der Lombardei. Ja, der sei in China gewesen.
Gegen 20.30 Uhr kommt die Diagnose aus Mailand: Mattia Maestri ist SARS -CoV-2-positiv.
Es ist der Beginn einer umfangreichen Untersuchung, die Maestri in den folgenden Wochen in einen gläsernen Bürger verwandeln wird. Er wohnt in Codogno, einem 16.000-Einwohner-Städtchen südöstlich von Mailand. Am 4. Februar, so rekonstruieren italienische Medien, traf er Freunde in einem Pub, darunter jenen, der in China gewesen war. War er es, der ihn angesteckt hat?
In den beiden Wochen darauf traf Maestri zig Menschen. Er ging zur Arbeit in der Unilever-Niederlassung in Casalpusterlengo, die mehrere Hundert Beschäftigte hat. Er startete bei einem Halbmarathon und rannte bei einem Laufwettbewerb, ging essen, nahm an einem Rote-Kreuz-Kurs teil, lief für die Fußballmannschaft Picchio Somaglia auf, er spielt dort im Mittelfeld. Einer seiner Mitspieler wird später der Zeitung ›Il Giorno‹ erzählen, dass die Mannschaft zusammen geduscht und dann einen Aperitivo getrunken habe. Sechs von ihnen werden später positiv auf SARS -CoV-2 getestet werden.
Nun, nach Maestris positiver Diagnose, beginnen die italienischen Behörden, all jene zu testen, mit denen er engeren Kontakt hatte, zunächst rund 150 Personen. Seine schwangere Ehefrau hat das Virus, und als die Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus von Codogno einige Patienten mit »Lungenentzündung« genauer unter die Lupe nehmen, entdecken sie drei weitere Fälle.
Am Freitag, 21. Februar, gibt der Gesundheitsminister der Lombardei eine Pressekonferenz. »Wir bitten die Menschen, freiwillig zu Hause zu bleiben«, sagt er. Ähnliche Maßnahmen hätten in Deutschland und Frankreich die Ausbreitung des Virus gestoppt.
Am Sonntag, 23. Februar, erklärt die italienische Regierung zehn Gemeinden der Provinz Lodi zur »zona rossa«, zur Gefahrenzone. Eine Ausgangssperre wird verhängt. Zu spät. Bald wird herauskommen: Das Virus grassierte offenbar bereits ab Mitte Januar in der Lombardei. Einen Monat, ehe die Behörden es entdeckten.
Wer hat Mattia Maestri angesteckt? Niemand weiß es. Sein Freund, der China-Heimkehrer, wird wiederholt getestet – und ist negativ. Mattia Maestri liegt unterdessen auf der Intensivstation und ringt um sein Leben. Und halb Italien nimmt Anteil.
Fausto Russo (38), COVID -19-Patient, Latium
»Wir schauen fern, hören Radio, fühlen uns bedroht, aber manchmal auch unbesiegbar. Die Gefahr scheint immer weit weg zu sein. Dann bekommst du plötzlich Fieber und Husten. Du denkst, es wird am Regen liegen und an der Kälte auf dem Fußballfeld. Und dann plötzlich kannst du kaum noch atmen.«
19. Februar, Italien, Mailand
Sie sind zusammengekommen, um dieses Wunder mitzuerleben. Die italienische Mannschaft Atalanta Bergamo spielt zum ersten Mal überhaupt in der Vereinsgeschichte in der Champions League. Und sie hat es bis ins Achtelfinale geschafft – trotz dreier Niederlagen in den ersten drei Spielen. »Ein Sportwunder« nennt es die italienische Zeitung ›Gazzetta dello Sport‹. Und nun spielt Atalanta, die Tifosi auch »La Dea«, die Göttin, nennen, im Achtelfinale gegen die spanische Mannschaft FC Valencia. Geht das Wunder an diesem Abend weiter? Kann Bergamo den starken FC Valencia bezwingen?
Das Stadion in Bergamo wird gerade renoviert, also findet das Spiel im Mailänder San Siro statt, dem größten Fußballtempel Italiens. 45.792 Tickets sind verkauft worden, an die 2.500 Fans sollen aus Valencia angereist sein. Eine italienische Journalistin fährt mit der U-Bahn ins Stadion und erinnert sich später an die Fangesänge, die die gesamte Strecke über gesungen wurden, »in den geschlossenen, stickigen« Waggons. Auf dem Weg ins Stadion die üblichen Verbrüderungsszenen: Fans aus Valencia und Fans aus Bergamo schmettern einander ihre Fan-Hymnen entgegen, posieren für Fotos, stoßen mit Bierdosen an, teilen sich Gläser.
Atalanta schlägt Valencia mit 4:1. Ja, es ist ein Wunder.
Fünf Tage nach dem Match schreiben Beamte des Gesundheitsministeriums der Region Valencia an den Fußballklub: Wenn Fans, die nach Mailand mitgereist waren, an Fieber, Husten oder Atemnot leiden, dann sollten sie zu Hause bleiben, Kontakt zu anderen Menschen meiden und sich beim Notruf 112 melden. Genau 14 Tage nach dem Spiel wird der Gesundheitsminister der Lombardei verkünden, dass es rund um Bergamo »einen starken Anstieg« von Infizierten gegeben habe.
Der erste bestätigte COVID -19-Fall in Valencia wird wenige Tage später ein Sportjournalist sein. Er hatte aus Mailand über das Spiel berichtet und war mit der U-Bahn ins Stadion gefahren. Valencia wird durch das Spiel in Bergamo eines der Einfallstore des Virus in Spanien.
21. Februar, Vò, Italien
In Vò, einem Dorf vor den Toren von Padua, stirbt Adriano Trevisan, herzkrank, 77 Jahre alt. Auch er wird in die Geschichte eingehen: als Europas vielleicht erstes COVID -19-Opfer.
Seit einer Woche ging es ihm schlecht. Fieber, Atemnot, er wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Man befragte seine Angehörigen: Ob er viel reise? Nein, überhaupt nicht, entweder sei er zu Hause oder in einer Bar, wo er mit seinen Freunden Karten spiele.
Und so wird Adriano Trevisan nicht auf Corona untersucht. »Die Ärztin sagte uns, dass sie ihn nicht testen lassen konnte, weil die Vorschriften das nicht vorsahen«, erzählt seine Tochter ›La Repubblica‹. COVID -19 gilt in diesen Tagen als ein chinesisches Problem. Und nicht als ein italienisches.
Schließlich testet man Adriano Trevisan doch. Am Abend des folgenden Tages stirbt er.
Vò wird unter Quarantäne gestellt und von Polizeikräften abgeriegelt. Alle Dorfbewohner werden getestet. 89 haben sich mit Corona infiziert.
Stefano Manera, Arzt aus Mailand, freiwillig in Bergamo
»Diese neue Realität konfrontiert uns: mit unserem Tod, unserer Einsamkeit, unserer Beziehung zur Natur. Wir sind zerbrechliche Wesen. Solange alles in Ordnung ist, fühlen wir uns allmächtig. Aber ein Virus reicht, um unser gesamtes System zu zerstören. Schon zerfallen unsere Gewohnheiten, schon fällt unsere Wirtschaft auseinander.«
20. Februar, China, Peking
Das Außenministerium gibt eine Pressemitteilung heraus: »Das chinesische Volk duldet keine Medien, die rassistische Äußerungen veröffentlichen und China mit böswilligen Angriffen verleumden« – und verweist drei Reporter des ›Wall Street Journal‹ des Landes. Immer wieder hat Peking Reporter rausgeworfen, die ›New York Times‹ musste gehen, weil sie Korruption in der Kommunistischen Partei offengelegt hatte. Nun, in der Corona-Krise, liegen die Nerven offenbar so blank, dass ein einfacher Kommentar auf der Meinungsseite des ›Wall Street Journal‹ genügt, damit drei Reporter das Land verlassen müssen. »Warum China der kranke Mann in Asien ist«, so war der Text überschrieben, und es wurde argumentiert, dass die Epidemie die Zerbrechlichkeit des chinesischen Systems offenbare. Das reichte.
21. Februar, Italien, Pavia
Mattia Maestri, Patient 1, wird von Codogno nach Pavia verlegt, ins Krankenhaus San Matteo, eines der ältesten in Italien. Er liegt im künstlichen Koma. Und wird, während er mit dem Leben ringt, zu einer Schicksalsfigur für seine Landsleute.
»Er wurde zu einem Symbol«, sagt Raffaele Bruno, Chefarzt im San Matteo. »Als hätten die Menschen den Eindruck, wenn Maestri überlebt, dann könne jeder das Virus besiegen.«
Italienische Medien berichten täglich, wie es Mattia Maestri geht. Sie zeichnen nach, wann er wo war und wen er getroffen hat, erstellen Schaubilder und Illustrationen. Sie befragen seine Ärzte und berichten über seine schwangere Frau, auch sie ist zeitweilig Patientin im Krankenhaus.
Vielleicht ist das Interesse so groß, weil Mattia Maestri jung und durchtrainiert ist und man fälschlicherweise annimmt, dass SARS -CoV-2 doch eigentlich nur die Alten und Schwachen dahinrafft. Vielleicht sehnen sich die Menschen in diesem Moment nach einer Hoffnungsfigur. Für die Mediziner, die Maestri behandeln, ist das Rampenlicht nicht leicht zu ertragen. »Zu der Verantwortung für den Patienten kam diese mediale Last dazu«, sagt Chefarzt Bruno, »wir durften den Menschen, die sich mit ihm identifizierten, die Hoffnung nicht nehmen.«
18 Tage lang wird Maestri künstlich beatmet, er liegt im künstlichen Koma. »Ich war bewusstlos«, wird er ›La Repubblica‹ erzählen, »manchmal träumte ich etwas, aber ich weiß nicht mehr, was. Ich litt nicht. Ich hatte jedoch den klaren Eindruck, dass dieser Frieden der Vorraum des Todes war.«
Er sagt: »Ich denke, dass die bevorstehende Geburt meiner Tochter meine Energie vervielfacht hat. Ich konnte nicht gehen, während sie auf dem Weg in die Welt war.«
Als Maestri Mitte März sein Bewusstsein wiedererlangt, erfährt er, dass sein Vater an COVID -19 gestorben ist. Eine Trauerfeier konnte es nicht geben, aber seine Mutter hat die Asche daheim.
Am 7. April kommt Mattia Maestris Tochter auf die Welt. Er ist bei der Geburt dabei. »Ich habe zwei Stunden erlebt, die das ganze Leid davor ausgelöscht haben. Die Lombardei beklagt Tausende Tote, und dieses Kind öffnet die Augen, weil es spürt, dass das Leben trotzdem wunderbar ist.«
Attilio Gilmozzi, Arzt, Krankenhaus Maggiore in Crema
»Es war der Vormittag des 22. Februar. Ich bekam die Nachricht, dass COVID -19 bei uns im Krankenhaus angekommen ist. Ich stand da mit dem Handy in der Hand wie ein Idiot. Ich habe die Nachricht sicher zehn- bis zwanzigmal gelesen. Ich habe meiner Ehefrau Sara gesagt, dass ich spät nach Hause komme. Sie hat nicht gefragt, warum, stattdessen fing sie an zu weinen. Sie hatte sofort verstanden. Ich dachte an meinen Sohn und daran, dass ich ihn eine Weile lang nicht umarmen würde.«
23. Februar, Berlin
In Italien dringt das Virus vor allem im Norden schnell voran, zwei Menschen sterben an COVID -19. Christian Drosten sagt der dpa: »Eine Eindämmung in letzter Sekunde ist wohl auch mit allen verfügbaren Kräften nicht mehr erreichbar.« Mittlerweile erscheint Drosten immer öfter in den Medien, er erklärt, er warnt.
24. Februar, Düsseldorf
Die Düsseldorfer Narren fragen sich in der Karnevalswoche im Februar, ob der diesjährige Rosenmontagszug abermals ausfallen wird. Das »Kö-Treiben« und viele Umzüge in den Stadtvierteln hatte das Ordnungsamt am Tag zuvor abgesagt, es ist zu windig. Die Prognosen der Windstärke liegen zwischen 8 und 9.
Dann Entwarnung. »De Zoch kütt«, der Zug zieht durch die Düsseldorfer Altstadt; es bricht sogar mal die Sonne durch die Wolken. Und auch Corona spielt bei dem Rosenmontagszug eine Rolle. Ein Mottowagen zeigt ein buntes, lachendes Karnevalsvirus, das dem grimmig blickenden Coronavirus eine Nase zeigt.
Klaus Göbels, Leiter des Gesundheitsamtes von Düsseldorf, sieht die Situation ernster, besorgter. Der 49-jährige Leiter des Gesundheitsamtes ist Internist und Infektiologe und beschäftigt sich seit seiner Studienzeit mit Infektionskrankheiten, wobei er früh Wissenschaft mit Praxis verband. Er studierte zudem Public Health an der London School of Hygiene and Tropical Medicine.
Gesundheitsämter sind in Deutschland die Kommandozentralen im Kampf gegen eine Epidemie. In NRW sind es 54 einzelne Gesundheitsämter, bundesweit mehr als 400.
Gesundheitsämter sollen die Vorgaben von Land und Bund umsetzen, vom Mundschutz über die Organisation der Intensivbetten. Vor allem aber sollen sie die Infektionsketten aufspüren, also Leute ermitteln, die ein Infizierter angesteckt haben könnte. Viel Arbeit, wenig Personal: Seit Anfang der 2000er-Jahre wurde beim ärztlichen Personal fast ein Drittel eingespart, beklagen Gesundheitspolitiker.
Auch arbeiten die Gesundheitsämter teilweise noch mit Papierakten und Faxgeräten. »Wir haben aus der Schweinegrippe nicht die richtigen Konsequenzen gezogen, was die Digitalisierung angeht«, sagt Göbels.
Mit Gefahren einer Pandemie für Düsseldorf hatte der heutige Leiter des Gesundheitsamtes schon vor zehn Jahren zu tun. Als er 2009 im Gesundheitsamt als Amtsarzt in Düsseldorf anfing, breitete sich gerade die Schweinegrippe aus. Damals erkannte Göbels, dass »einer erneuten Pandemie mit einem bundeseinheitlichen Vorgehen begegnet« werden müsse.
Schon Wochen vor dem Ausbruch in China hatte Göbels sich Sorgen gemacht und seine Vorgesetzten gewarnt. Da die letzte »pandemische Influenza zehn Jahre her ist«, sei »zu befürchten, dass sich ein solches Ereignis wiederholen wird. Aktuell ist Düsseldorf denkbar schlecht auf eine solche Situation vorbereitet«. Die Warnung blieb ungehört.
Das Problem beim Kampf gegen eine Pandemie wurde schon damals deutlich: Es fehlt eine zentrale Koordination. Es waren Gesundheitsamtsleiter in Nordrhein-Westfalen, die das ändern wollten, Göbels war dabei. Etwa seit dem Jahr 2000 hatte Nordrhein-Westfalen die Gesundheitsdienste mehr oder weniger an die Kommunen abgeschoben, Infektionskrankheiten schienen weit weg und wenig bedrohlich zu sein. Dann kamen SARS , die Vogelgrippe, die Schweinegrippe, und so wandten sich die Verantwortlichen der Gesundheitsämter und der Ärzteverbände 2015 an die Landesregierung. In dem Papier »Infektionsschutz in Nordrhein-Westfalen« forderten sie eine zentrale Koordination der 54 Gesundheitsämter in NRW . Doch genau diese gibt es bis heute nicht.
Andere Bundesländer haben solch eine Institution, Hessen zum Beispiel, das »Kompetenzzentrum für lebensbedrohliche Erkrankungen«.
Ein anderer Kritikpunkt: Nordrhein-Westfalen habe im Gegensatz zu anderen Bundesländern keine eigenen Laborkapazitäten. Aber ohne Labore, so steht es in dem Papier, »können die Aufgaben zur Sicherstellung des Infektionsschutzes nicht erfüllt werden«.
Die damalige grüne Gesundheitsministerin zeigte kein Interesse, ihr Interesse galt der Homöopathie. Und auch der neue CDU -Minister, der sie ablöste, interessierte sich offenbar nicht für den Infektionsschutz – oder jedenfalls nicht genug.
Als die Pandemie kommt, geschieht, was Göbels und seine Kollegen vor fünf Jahren verändern wollten: Die Kommunen bleiben mit dem Coronavirus allein.
Überall in Deutschland holen Bürgermeister und Landrätinnen die Pandemiepläne aus den Schubladen. Einige lesen die Szenarien zum ersten Mal. Mitarbeiter in Gesundheitsämtern stellen fest, dass Masken, Handschuhe und Schutzkittel nicht ausreichend eingelagert wurden. Obwohl es so in den Plänen steht. Deutschland ist nicht vorbereitet auf eine Pandemie.
Dabei ist auf dem Papier des Nationalen Pandemieplans alles geregelt: Bricht eine Seuche aus, soll ein Krisenstab eingerichtet werden. Handschuhe, Masken, Desinfektionsmittel sollten eingelagert sein. Der Nationale Pandemieplan besteht aus zwei Teilen: In Teil 1 werden vor allem die Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung und die hierfür zuständigen Institutionen benannt, Teil 2 enthält die wissenschaftlichen Grundlagen.
Bereits 2005 schreibt das Gesundheitsministerium vor, genügend Ausrüstung für eine mögliche Pandemie anzuschaffen. Zur Planung gehören demnach Reservierung, Einkauf, Lagerung von Medikamenten, Impfstoffen und Materialien.
Nur: Die Umsetzung des Plans ist Aufgabe der Bundesländer. Diese sind zuständig für Gesundheit und Katastrophenschutz.
Das Problem des Pandemieplans: Arztpraxen und Krankenhäuser sind Wirtschaftsunternehmen. Sie müssen sparen. Und sie sparen am Lagerbestand. Wie schlecht die Republik, die Bundesregierung, die Länder und Kommunen auf eine Pandemie vorbereitet sind, das zeigt sich an einem kleinen Ding, einem Cent-Produkt, das in den nächsten Wochen vom Gesundheitsminister bis zur Krankenschwester allen das Leben schwer machen wird.
Achim Theiler, Geschäftsführer im Bereich Hygienebekleidung
»Als auf einmal Hunderte Bestellungen kamen, habe ich gedacht, da stimmt etwas nicht. Daraufhin habe ich Herrn Spahn, dem Gesundheitsminister, einen Brief geschrieben und ihn gebeten, diese Lage zu überprüfen. Die Antwort war: gar keine. Ich habe eine Bekannte, die ist im Intensivbereich. Die hat mir gesagt, sie hat eine Anordnung bekommen, sie sollte ihre Maske 48Stunden tragen. Ich habe ihr meine letzten fünf Masken geschickt.«
24. Februar, Schweiz, Genf
WHO -Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus sieht müde aus, und der Mann, der bei der Pressekonferenz neben ihm Platz nimmt, wirkt noch müder: Michael J. Ryan, Mitte 50, Epidemiologe aus Irland, leitet das Notfallkomitee der WHO .
Ryan ist einer der wichtigsten Berater des WHO -Chefs. Beim Kampf gegen Ebola führte er im Kongo das Ärzteteam an, inmitten eines Bürgerkrieges. Ryan weiß, wovon er redet. Er hat bewiesen, dass er Eindämmung kann.
Doch Ebola ließ sich vergleichsweise einfach begrenzen, das Virus war zwar ein tödlicher, aber nicht sehr tückischer Feind. Ebola tötet zu schnell, um erfolgreich um die Welt zu ziehen. Vereinfacht gesagt: Wer Ebola hat, ist erst dann so richtig ansteckend, wenn er selbst schon zu schlapp zum Reisen ist. Ebola war eine Epidemie, blieb aber ein regionales Ereignis.
Und Corona? Kann man das noch als Epidemie bezeichnen? Oder ist aus einem eingrenzbaren Geschehen bereits eine weltumspannende Bedrohung geworden? Muss man das nicht »Pandemie« nennen? Ryan und Tedros Adhanom Ghebreyesus haben darüber diskutiert, die Einschätzung soll an diesem Tag verkündet werden.
Vor nicht ganz einem Monat hatte die WHO eine »gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite« ausgerufen, das ist bereits die höchste Warnstufe. Wenn die WHO jetzt erklärt, dass die Welt gerade eine Pandemie erlebt, dann hat Tedros Adhanom Ghebreyesus nichts mehr zum Eskalieren. Was soll er in einem Monat sagen, wenn die Zahlen schlechter geworden sind? Dass die Welt den Kampf verloren hat?
Tedros Adhanom Ghebreyesus spricht also erst einmal von China. Ermutigend, sagt er, sei dort der Rückgang der Fallzahlen. Beunruhigend hingegen die Lage in Iran, Italien und Südkorea.
»Ob man es eine Pandemie nennen muss, hängt von der geografischen Verteilung der Fälle ab, von der Schwere der Krankheit und von den Auswirkungen auf die Gesellschaft«, sagt Tedros Adhanom Ghebreyesus.
COVID -19 habe zwar das Potenzial zu einer Pandemie, aber im Moment gebe es keinen unkontrollierten Ausbruch. »Das Wort Pandemie zu benutzen«, sagt er schließlich, »würde Ängste auslösen. Es wäre aber nicht von den Fakten gedeckt.«
Das ist – offenkundig – eine taktische Auslegung des Begriffs Pandemie. Was Tedros Adhanom Ghebreyesus nicht sagt: Eigentlich definiert die WHO das Wort »Pandemie« anders.
25. Februar, USA, New Orleans
Als Kind half Brian Sims seiner Mutter, Kokosnüsse mit Glitzer zu verzieren, die später bei der Parade in die Menge geworfen wurden. In diesem Jahr ist er Zulu-König, am Mardi Gras, wie der Dienstag nach dem Rosenmontag auf Französisch heißt, Höhepunkt des Straßenkarnevals in New Orleans. Und so steht Brian Sims mit schwarz-weiß bemaltem Gesicht auf dem Paradewagen, flankiert von zwei lebensgroßen Leoparden aus Plastik, schwenkt sein Zepter, grüßt in die Menge.
Wie stets hat der »Zulu Social Aid & Pleasure Club« einen der vielleicht prächtigsten Wagen des Umzugs, er rollt durch die Bourbon Street, die voller Menschen ist, vorn und hinten marschieren Bläser, die Feiernden singen, tanzen, umarmen und küssen einander, sie fangen Perlenketten und Kokosnüsse, die ihnen vom Zulu-Wagen aus zugeworfen werden.
Nicht lange, da werden acht aus der Zulu-Bruderschaft an COVID -19 gestorben sein. New Orleans wird eine der Städte mit der höchsten COVID -19-Todesrate in den USA sein, doppelt so hoch wie in New York. Mardi Gras wird in die Geschichte der Corona-Pandemie eingehen als eines jener »Superspreading Events«, bei dem sich das Virus leicht und massenhaft verbreitet hat.
Wer hätte es verhindern können?
Seit Mitte Januar, die Vereine nähen Strass an die Kostüme, verfolgen die Verantwortlichen in New Orleans die Gefahren, die von dem neuen Virus ausgehen könnten. Am 21. Januar gibt das Notfallvorsorgeteam des Gesundheitsamtes eine erste Mitteilung heraus: Man stehe mit den Bundesbehörden in Kontakt, aber »zurzeit empfiehlt das CDC nur Kontrollen an Flughäfen, die direkt von Wuhan aus angeflogen werden«.
Immer wieder setzen sich die Beamten in den kommenden Wochen zusammen, das belegen interne E-Mails, die ›New York Times‹ hat sie ausgewertet. Sie diskutieren über Schutzmasken für
Immer wieder setzen sich die Beamten in den kommenden Wochen zusammen, das belegen E-Mails, wie die ›Times-Picayune‹ schreibt. Sie diskutieren über Schutzmasken für Ersthelfer, Notfallmaßnahmen für Kranke, hustende Patienten, die auf dem Flughafen ankommen. Ein behördenübergreifendes Treffen Anfang Februar soll sicherstellen, »dass alle vor dem Karneval auf das Coronavirus vorbereitet sind«, doch noch am 13. Februar gibt das Gesundheitsamt Entwarnung: »Die Wahrscheinlichkeit, dass wir jemanden mit Coronavirus bekommen, ist gering«, heißt es in einer E-Mail.
Präsident Trump wird nicht müde, das Virus mit einer Grippe zu vergleichen, auch der Gesundheitsminister wiegelt ab. Und so meldet die Stadtverwaltung von New Orleans am 25. Februar: »Das öffentliche Gesundheitswesen ist bereit für den Karneval. Das Coronavirus bedeutet ein sehr geringes Risiko für die Feierlichkeiten.«
Und so kommt der Mardi Gras. Fast 1,5 Millionen Menschen aus aller Welt sind angereist, die Straßen sind voll. Auf einer Tribüne in der Bourbon Street steht Landon Spradlin, ein bekannter Pastor mit Sonnenbrille, Basecap und Truckerbart, und streicht über die Saiten seiner Gitarre. Eine Gospelversion von »Let it Rain« gibt er zum Besten, die Menschen singen mit, es ist wie jedes Jahr.
»Die Medien sorgen für Massenhysterie«, hat Pastor Spradlin einige Tage vor dem Karneval auf seiner Facebook-Seite geschrieben, »Gott heilt alles«. Doch in den Tagen danach geht es ihm nicht gut, bald plagen ihn Hustenattacken; nicht lange, da klagt auch seine Frau über Fieber und Kurzatmigkeit, berichtet die BBC . Dann bricht Spradlin zusammen.
Seine Frau kann noch fahren, ehe Spradlin im Krankenhaus auf die Intensivstation gebracht wird, sagt er: »I’m sorry. I love you.« Dann wird er intubiert. Sie wird ihn nie wiedersehen.
Das Virus hat sich vermehrt, bald gibt es die ersten Toten. Mitte März wird in Louisiana eine Ausgangssperre verhängt. New Orleans ist wie ausgestorben. Kein Trommeln und Trompeten, kein Gelächter oder Gesang, stattdessen Stille, Krankheit, Tod.
Louisiana gehört zu den ärmsten Bundesstaaten der USA , das Virus hat leichtes Spiel. Viele der COVID -19-Verstorbenen hatten Vorerkrankungen, Fettleibigkeit, Diabetes, chronische Nierenprobleme, Bluthochdruck. Ein Drittel der Menschen in Louisiana ist schwarz, aber sie beklagen mehr als zwei Drittel der Opfer.
Auch die Zulu-Bruderschaft, die so ausgelassen auf dem Paradewagen tanzte, trifft es. Ein ehemaliger Karnevalskönig stirbt. Wäre er in einem anderen Jahr gestorben, Tausende wären wohl zu seiner Beerdigung gekommen, eine Dixieland-Jazzband hätte gespielt, ein Gospelchor gesungen. An diesem Tag aber sitzt seine Witwe einsam auf einem Stuhl im fast leeren Beerdigungsinstitut, zwei Meter Abstand zum nächsten Trauergast, und weint vor sich hin. Niemand darf sie in den Arm nehmen. Familie und Freunde sind über Lautsprecher zugeschaltet, Tausende aus der Bruderschaft trauern aus der Ferne um den Zulu-König, der an COVID -19 starb.
Hätten die Behörden in New Orleans den Ausbruch verhindern können? Müssen? Hätten sie hier, im tiefen Süden der USA , sehen können, was die Verantwortlichen in Washington nicht sahen? Später wird jemand zu Protokoll geben: »Die Bürgermeisterin wäre hingerichtet worden, wenn sie gesagt hätte: ›Lasst uns den Karneval absagen.‹«
25. Februar, USA, Washington
Bis zu diesem Tag haben die wichtigen amerikanischen Behörden die Gefahr kleingeredet, im Einklang mit ihrem obersten Dienstherrn. Höchstens hinter verschlossenen Türen sind die Beamten ehrlich, wie bei einem geheimen Briefing im Senat an diesem Morgen; ein Senator twittert danach, er sei »entsetzt«, wie miserabel das Land vorbereitet sei.
Da tritt eine Frau, Nancy Messonnier, Abteilungsleiterin der Seuchenbehörde CDC , aus der Deckung. »Wir erwarten, dass sich das Virus in diesem Land ausbreiten wird«, sagt sie bei einer telefonischen Pressekonferenz. »Es ist nicht die Frage, ob dies geschieht, sondern wann es geschieht und wie viele Menschen schwer erkranken werden.«
Endlich sagt es jemand. In Worten, die jeder versteht. »Ich hatte heute Morgen beim Frühstück ein Gespräch mit meiner Familie«, fährt sie fort, »und ich habe meinen Kindern gesagt, dass wir uns jetzt als Familie auf eine erhebliche Störung unseres Lebens vorbereiten müssen.«
Städte und Gemeinden sollten beginnen, sich auf den Ernstfall vorzubereiten. Schulen müssten geschlossen, Konferenzen abgesagt, Büros ins Homeoffice verlegt werden. »Wir bitten die amerikanische Öffentlichkeit, mit uns zusammenzuarbeiten, falls es zum Schlimmsten kommt.«
Am Tag zuvor sind die Börsen um mehr als drei Prozent nach unten gerauscht. Nun stürzen die Kurse weiter ab.
Präsident Trump war auf Staatsbesuch in Indien, er ist auf dem 18-stündigen Rückflug und lässt für den kommenden Nachmittag eine Pressekonferenz einberufen.
Trump tritt im »Situation Room« vor die Presse. Hinter ihm aufgereiht unter anderem: CDC -Chef Redfield und Gesundheitsminister Azar. »Es ist eine Grippe, wie eine Grippe«, sagt Trump. »Was auch immer passiert, wir sind absolut vorbereitet.«
Die Pandemie ist abgesagt. Das CDC bekommt einen Maulkorb, die mächtigste Seuchenschutzbehörde der Welt. Als im Jahr 2002 SARS ausbrach, halfen CDC -Forscher, das Genom des Virus zu entschlüsseln. Wenn auf der Welt Epidemien bekämpft werden mussten, war auf das CDC Verlass. Doch nun rücken die USA ins Zentrum einer Pandemie, und die Behörde muss sich einem Präsidenten unterordnen, der die größte Bedrohung der Vereinigten Staaten seit 9/11 durch Kleinreden bekämpfen will.
»Wenn Sie fünfzehn Fälle haben, und die fünfzehn werden in ein paar Tagen auf fast null sinken, dann haben wir ziemlich gute Arbeit geleistet«, sagt Trump an diesem Tag.
Der Ton für die kommenden Wochen ist gesetzt – keine alarmierenden Botschaften mehr. Vizepräsident Mike Pence übernimmt die Leitung des Krisenstabs, die Gesundheitsexperten müssen sich wegducken.
Die Entmachtung der CDC kritisiert vor allem ihr ehemaliger Chef, der Infektionsmediziner Tom Frieden. Er leitete die Behörde unter US -Präsident Barack Obama. »Das offensichtliche Fehlen der CDC auf nationaler Ebene ist gefährlich. Sie an den Rand zu drängen wird Zeit und Leben kosten. Es ist wie ein Kampf mit einer Hand hinter dem Rücken«, sagt Frieden später.
Und er benennt die Schwachstellen im Kampf gegen den Eindringling, der unbemerkt Bundesstaat für Bundesstaat einnimmt. »Haben wir die Produktion von Beatmungsgeräten hochgefahren? Die Produktion von N95-Sicherheitsmasken für unsere Gesundheitsmitarbeiter? Das Training auf den Intensivstationen? Die Produktion von Thermometern, Handdesinfektionsmitteln? Die Ausbildung von Menschen, die Ansteckungsketten untersuchen?«
25. Februar, Berlin/Rom
Das Virus vermiest dem Gesundheitsminister den großen Auftritt. Am Morgen sitzt Jens Spahn neben Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet auf dem Podium der Bundespressekonferenz. Laschet kündigt an, dass er für den Parteivorsitz in der CDU kandidieren werde, als Nachfolger von Angela Merkel. Sein Stellvertreter? »Jens Spahn.«
Eigentlich hatte Spahn selbst CDU -Chef und damit Kanzlerkandidat werden wollen, nun verzichtet er. Er weiß: Er muss sich erst mal um dieses Coronavirus kümmern.
Viel Zeit zum Händeschütteln – noch ist das üblich – bleibt Spahn an diesem Morgen nicht, der Regierungsflieger wartet schon. Er muss weiter nach Rom, Corona-Krisentreffen der europäischen Gesundheitsminister. Italien ist besorgt, die Zahl der Infektionen steigt rasant. 230 Menschen sind infiziert, sieben Menschen gestorben, Italien ist jetzt der größte Virenherd in Europa. Die meisten Infektionen treten im Norden auf, in der Region Lombardei, die an die Schweiz grenzt. Trotzdem beschließen die europäischen Gesundheitsminister an diesem Tag: Die Grenzen bleiben offen.
Gut 1.400 Kilometer weiter, in Deutschland, bestätigt am selben Abend der Landrat von Heinsberg: Der Mann im Krankenhaus in Erkelenz ist Corona-positiv. Sein Zustand sei kritisch, er schwebe in Lebensgefahr. Es ist der erste Corona-Fall in Nordrhein-Westfalen, Spahns und Laschets Heimatland. Es könnten weitere Menschen infiziert sein, niemand weiß, wie viele. Für Spahn wird es jetzt ernst. Ursprünglich wollte er das Virus von Deutschland fernreden. Doch es lässt sich nicht mehr stoppen.
Zurück in Deutschland, keine 24 Stunden nach der Meldung aus Heinsberg, ändert Spahn seinen Ton. Er ist jetzt der Krisenminister. »Wir befinden uns am Beginn einer Corona-Epidemie in Deutschland«, erklärt er. Er habe seine Ministerkollegen aus den Ländern darum gebeten, ihre Pandemiepläne zu überarbeiten und zu aktivieren. Spahn bildet mit Bundesinnenminister Horst Seehofer einen Krisenstab, in dem die zuständigen Ministerien, die Länder, Wissenschaftler und Ärzte vertreten sind. Und er profitiert von einem Glücksfall: Schon im November, noch vor Ausbruch des Virus, hatte er damit begonnen, eine neue Abteilung »Gesundheitsschutz, Gesundheitssicherheit, Nachhaltigkeit« aufzubauen. Leiter der Abteilung ist Hans-Ulrich Holtherm. Holtherm war bisher Chef des Ulmer Bundeswehrkrankenhauses – und er ist ein Pandemie-Experte. 2009 half er dem Gesundheitsministerium bei der H1N1-Pandemie, 2014 gehörte er zum Ebola-Krisenstab. Jetzt ist er Spahns oberster Infektionsschützer.
»Wir haben eine neue Qualität«, sagt Spahn abends im Interview bei den Tagesthemen. Bisher habe es bei den Infizierten in Deutschland immer eine direkte Verbindung zu China gegeben. »Und das ist jetzt in Nordrhein-Westfalen erstmalig nicht der Fall.« Es könnte Hunderte Kontaktpersonen geben, es war ja Karneval. »Die Behörden bemühen sich«, die Infektionskette nachzuverfolgen, sagt Spahn. »Aber man muss ehrlicherweise sagen: Das ist ein großes Stück Arbeit, das nicht unbedingt gelingen muss.« Worte, die wie ein Zugeständnis wirken: Wir haben das Virus unterschätzt, wir können es nicht mehr aufhalten. Aber er weiß jetzt: Deutschland und er, der Gesundheitsminister, haben jetzt ein Testproblem, ein Maskenproblem, ein Beatmungsproblem und lauter Probleme in den Gesundheitsämtern.
Und er hat ein RKI -Problem: Der Gesundheitsminister hat sich in den vergangenen Wochen auf die Expertise des Robert Koch-Instituts gestützt. Der Behörden-Chef Wieler hat in einem Interview mit der ›Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung‹ bekannt: »Aus dem Mund des RKI -Präsidenten hat jeder Satz ein anderes Gewicht. Ich muss jedes Wort wägen, muss genau überlegen, was ich sage. Jedes Wort aus diesem Haus muss gut durchdacht sein.«
Waren seine Worte gut durchdacht? In den zurückliegenden Wochen hat Wieler eher beschwichtigt als gewarnt. Ende Januar, als die Bilder des Ausnahmezustands in China bereits Europas Medien beherrschten, sagte Wieler: »Die Gefahr für die deutsche Bevölkerung ist sehr gering.« Er schätze das Risiko einer weltweiten Ausbreitung des Virus über Einzelfälle hinaus als »zurzeit gering« ein. Mitte Februar sagte er, das neuartige Coronavirus SARS -CoV-2 werde voraussichtlich »wie eine schwere Grippewelle« durch Deutschland laufen – genau die Einschätzung für all jene, die meinen, das Virus müsse man nicht ernst nehmen, es sei alles halb so wild, die Reaktionen seien überzogen.
Dem folgend hält Jens Spahn noch nichts von radikalen Maßnahmen, er will keine Städte abriegeln oder Großveranstaltungen absagen lassen. Man müsse abwägen, was angemessen sei und was nicht. Deswegen habe man auch den Karneval in Köln nicht absagen müssen – es sei ja nicht abzusehen gewesen, dass es dort einen Infizierten gab, sagt Spahn. Man könne nicht »das gesamte öffentliche Leben in Deutschland, Europa und der Welt beenden«. Außerdem zeige die Lage in China und Italien, dass solche Maßnahmen das Infektionsgeschehen nicht beenden.
Walter Plassmann, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung
»Wir versuchen seit Wochen verzweifelt, irgendwo auf der Welt Schutzausrüstung zu kaufen, das ist fast nicht möglich. Von der Bundesregierung ist nichts gekommen. Nicht eine einzige Maske haben wir gekriegt. Wenn uns die Schutzausrüstung ausgeht, sind wir am Ende.«
25. Februar, Berlin
Olfert Landt, der Testhersteller in Berlin, kann dieses »zögerliche Verhalten« der Regierung nicht nachvollziehen. »Fatal und fahrlässig« findet er, was in Deutschland passiert. Oder eher: nicht passiert. »Die Gefahr ist unterschätzt worden«, sagt Landt später. Er ist sicher, dass Deutschland »zügiger hätte reagieren können und dass man auch fokussierter hätte vorgehen können«. Bestimmte Dinge seien vorhersehbar und ablesbar gewesen aus dem, was in China und in den Nachbarländern passierte. Er hätte mehr Vorausschau von der Politik erwartet, sagt Landt. »Mit den Fallzahlen und den vielen Toten in China hätte man auch hier jederzeit sagen können: Leute, wenn das ins dicht besiedelte Europa kommt, haben wir hier einen Weltuntergang«, sagt Landt. Schon im Januar, mit den ersten infizierten Webasto-Mitarbeitern in Bayern, hätte Spahn die Bevölkerung warnen sollen. Spätestens als es in Italien losging, »hätte man von einer ernsthaften Bedrohung sprechen müssen«, sagt Landt.
Landt ist überzeugt: Deutschland hätte von Anfang an viel radikaler vorgehen müssen, um das Virus loszuwerden. Sofort den Verkehr aus allen Ländern mit höheren Fallzahlen einstellen. Sofort alle Reisenden in häusliche Quarantäne. »Dann hätte man sich einen Großteil der aus Italien und Österreich eingeschleppten Fälle sparen können.« Sofort jeden Erkältungsfall auf Corona untersuchen. Sofort alle Verdachtsfälle bei einem positiven Ergebnis isolieren. Und nicht nur die – sondern gleich die ganze Bevölkerung. »Wenn man alle für drei Wochen nach Hause geschickt hätte«, sagt Landt, »dann wäre das Virus verhungert.«
Es ist ein schmaler Grat für Spahn, den Krisenminister. Er muss die Deutschen auf einen Massenausbruch vorbereiten und einen kühlen Kopf bewahren. Er muss eindringlich warnen und zugleich vermeiden, eine Panik auszulösen. In vielen Städten kommt es bereits jetzt zu Hamsterkäufen, Desinfektionsmittel und Schutzmasken sind quasi ausverkauft, Apotheken, Ärzte und Kliniken bekommen kaum noch Nachschub.
Auch die Mitarbeiter von Olfert Landt produzieren für den kollabierenden Weltmarkt. Praktisch jeden Tag rufen Botschaften, Ministerien, Behörden und Labore aus aller Welt an, um Hunderte oder Tausende Testkits zu bestellen. Ende Februar liegt Landt bei mehr als drei Millionen verkauften Tests. Sein Umsatz verdreifacht sich.
26. Februar, Berlin
Der NDR startet einen neuen Podcast, er heißt »Das Corona-Update mit Christian Drosten«. Plötzlich interessiert sich die breite Öffentlichkeit für das, was Virologen sagen. »Also, ich versuche, wenn’s geht, nachts zu schlafen«, sagt Drosten auf die Frage, wie es ihm gerade gehe, aber es »gelingt mir nicht immer«. Einen Tag bevor die WHO COVID -19 als Krankheit mit »pandemischem Potenzial« einstuft, sagt Drosten in seiner Sendung: »Haben wir jetzt eigentlich eine Pandemie? Und ich denke: Ja, wir haben sie.«
In den kommenden Wochen wird Christian Drosten Deutschlands Cheferklärer Nummer eins werden. Er wird der Öffentlichkeit geduldig erläutern, wie sich das Virus ausbreitet, warum Goldfische geeignet sind, das PCR -Verfahren zu erklären, und was Letalität bedeutet. Er spricht als Wissenschaftler, aber so, dass ihn alle verstehen.
Drosten sagt, was er weiß – aber auch, was nicht (»ich bin kein Impfstoffforscher, ich bin ein allgemeiner Wald-und-Wiesen-Virologe«). Er berichtigt sich, falls nötig (»Am Anfang hatten wir eine sehr starke Betonung auf mittlere und junge Erwachsene. Und so langsam geht es eben auch in die älteren Bevölkerungsstufen rein.«). Er behält die sachliche Bodenhaftung des seriösen Wissenschaftlers (»Man kann mich für jemanden halten, der sich auskennt. Oder man kann sagen: Der ist einfach ein Trottel und der sagt hier irgendwelche Sachen.«). Und er lässt sich nicht politisch instrumentalisieren (»Ich will bei den Daten bleiben und nicht bei Empfehlungen an die Politik, sondern sagen, wie es aussieht.«). Er wehrt sich dagegen, politisch instrumentalisiert zu werden, auch dann, wenn er – als Berater der Bundesregierung – an der Seite von Gesundheitsminister Spahn auf der Bundespressekonferenz Platz nimmt.
Das ist ein ungewohnter Kommunikationsstil. Ein Experte, der zugibt, etwas nicht zu wissen? Der lieber zögert, anstatt vorzupreschen, der abwägt, Platz für Korrekturen lässt? Das ist in diesen Tagen selten, in denen ahnungslose Populisten wie Trump, Bolsonaro, Johnson oder Orbán mit Halbwissen verwirren.
Noch erweist sich Drostens auch sich selbst korrigierende Art als Vorteil. Nicht lange, da werden Medien und Politiker ihn genau dafür bestrafen.
26. Februar, Düsseldorf und Heinsberg
In der zweiten Februarhälfte verliert Deutschland die Kontrolle über die Infektionsketten. Mitteilung der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen zu den Erkrankungen in Heinsberg: »Wir können nicht garantieren, dass wir die Infektionskette gestoppt kriegen.« Anders als bei Webasto in Bayern gelingt es den Behörden nicht, den Ursprung des Virus unter den Teilnehmern der Kappensitzung zu ermitteln. Genauso wenig schaffen sie es, alle Kontaktpersonen der Infizierten zu informieren oder gar zu testen.
Am 26. Februar werden zwei Patienten mit COVID -19 in die Universitätsklinik in Düsseldorf eingeliefert. Am selben Tag richtet die Stadt einen Krisenstab ein. Der Chef der Feuerwehr und der Leiter des Gesundheitsamtes, Klaus Göbels, arbeiten eng zusammen. Sie kennen sich aus der Flüchtlingskrise.
In der ›Rheinischen Post‹ sagt Göbels: »Es ist eine sehr dynamische Lage.« Der Begriff »dynamisch« fällt häufig in diesen Tagen, und man kann ihn sich übersetzen mit: »Was gestern noch galt, ist heute vielleicht schon ganz anders. Die Dinge ändern sich schnell.« Das gehöre zum Wesen einer Pandemie, sagt Göbels, daher könne der Politik nicht zum Vorwurf gemacht werden, eine bestimmte Entwicklung jetzt nicht präzise vorhersagen zu können; manche Maßnahmen greifen, andere nicht.
Es ist das alte Dilemma: Die Arbeit von Seuchenschützern sieht man eigentlich nur dann, wenn sie misslingt. Erfolgreicher Seuchenschutz muss sich den Vorwurf gefallen lassen, übertrieben zu haben. Die Katastrophe ist ja ausgefallen.
Wie im ganzen Bundesgebiet stellen auch in Düsseldorf Ärzte, Seniorenheime und Krankenhäuser fest, dass sie zu wenig Schutzkleidung und Atemmasken haben. Da ist es, Spahns Maskenproblem. Die von dem Robert Koch-Institut 2005 ausgearbeiteten Pandemiepläne sehen eine angemessene Bevorratung mit Schutzkleidung vor. Eine Hausärztin braucht pro Patientin einen Schutzanzug, ein Paar Handschuhe und eine Maske, ganz zu schweigen von den Unmengen an FFP 2-Atemschutzmasken, Schutzbrillen und Schutzkitteln für Krankenhäuser.
Die Vorschrift besagt: Benötigte Materialien seien »rechtzeitig« vor Eintreten des Pandemiefalls zu bevorraten. Aber: Ab wann ist »rechtzeitig«? Und was geschieht, wenn dieser Zeitpunkt verpasst ist? Ärzte und Krankenhäuser sind auch Wirtschaftsunternehmen, am Ende des Monats sollte unter der Bilanz ein Plus stehen. Eine ausreichende Reserve an Schutzkleidung benötigt Geld für Einkauf, Wartung und Lager.
Viele Ärzte, Krankenhäuser und Altenheime waren nicht schnell genug. Nun ist der Markt leer gefegt, sind die Werke für den Nachschub in China geschlossen. Ärzte, Krankenhäuser und Altenheime müssen ausgerechnet an dem sparen, was für die Eindämmung einer Infektionskrankheit das Wichtigste ist.
Aushang in einem Altersheim in Düsseldorf: »Da überall ein Lieferengpass mit Hygieneartikeln besteht, darf Mundschutz nur nach vorheriger Absprache getragen werden.«
Achim Theiler, Geschäftsführer im Bereich Hygienebekleidung, Brief an Gesundheitsminister Spahn
»Ich appelliere an Sie, unterschätzen Sie die Problematik dieses Virus nicht! Abwarten, verschieben und nur darüber reden ist nicht die richtige Strategie! Wie kann es sein, dass die private Wirtschaft mehr zum Schutz des Staates unternimmt als der Staat? Sehen Sie sich die Kurve der Erkrankungen an: Sie steigt täglich um über 20 Prozent, trotz der restriktiven Maßnahmen, die China durchführt. Sie müssen dringend beginnen zu agieren und nicht nur zu reagieren.«
27. Februar, Heinsberg
Erst zwei Wochen nach dem Auftritt der Teufelskerle in der Langbroicher Bürgerhalle werden die Besucher der Kappensitzung und deren Familien unter Quarantäne gestellt, am Ende gut 1.000 Menschen. Zwei Wochen – das wäre unter Normalbedingungen schon eine sehr lange Zeit für ein Virus wie SARS -CoV-2, das sich rasend schnell verbreitet. Während des Karnevals jedoch, wenn zu jeder Tageszeit, in jedem Dorf und jeder Stadt am Rhein gefeiert wird wie in Langbroich, sind zwei Wochen nicht weniger als eine Ewigkeit.
Für die Menschen in Heinsberg fühlt sich die Quarantäne an wie eine Sippenhaft. Die Heinsberger erleben, was zuvor schon die Mitarbeiter bei Webasto erlebt haben: gesellschaftliche Ächtung. Einem wird im nahe gelegenen Aachen sein Auto mit dem Kennzeichen HS zerkratzt. Die Botschaft ist eindeutig: Wir wollen euch hier nicht. Die Chefin der JVA Heinsberg erzählt, ihr würden keine Gefangenen mehr abgenommen. In den sozialen Medien fordern einige, Heinsberg wegzubomben. Es kursiert eine Fotomontage des Heinsberger Ortsschilds auf Facebook und in WhatsApp-Gruppen: »Partnerstadt von Wuhan«.
27. Februar, Russland, Moskau
Das Virus erreicht Russland. Wahrscheinlich ist es längst weit verbreitet, aber da die Behörden kaum testen, gebührt David Berow die Ehre, offiziell Patient Null zu sein: ein 29-jähriger Mann, smart und sportlich und so verantwortungsbewusst, dass er sich mit Allerweltssymptomen selbst in einer Klinik meldet. Er ist Funktionär des russischen Fußballverbandes und ein paar Tage zuvor von einem Urlaubstrip aus Mailand heimgekehrt.
Schon im Januar sind in Sibirien ein Kleinunternehmer und eine Studentin mit COVID -19 im Krankenhaus gelandet. Aber das waren Chinesen, sie wurden schnell kuriert. Mehr Corona gibt es in Russland nicht, offiziell. Das Virus wütet in China, taucht in Bayern auf und in Brasilien. Russland aber, das sich mit China 4.200 Kilometer Grenze teilt, die 2019 monatlich von etwa 190.000 Touristen in beide Richtungen passiert wird, soll nicht betroffen sein. Eine Insel der Immunität?
Für die Moskauer Medien ist das Coronavirus ohnehin kaum mehr als ein Boulevardthema, ein Fernsehdoktor verkündet, die Gefahr, sich zu infizieren, betrage für Russen »null Komma null Periode Prozent«. Das Virus sei sogar nützlich, weil es die Leute dazu brächte, sich häufiger die Hände zu waschen.
In Talkshows und auf Internetplattformen blühen Verschwörungstheorien, man streitet, ob das Virus in einem chinesischen, einem amerikanischen, einem georgischen oder einem ukrainischen Biowaffenlabor gezüchtet worden sei. Oder ob es nur ein Fake ist, mit dem die USA die Welt verunsichern wollen.
Auch Wladimir Putin warnt vor Falschmeldungen aus dem Ausland, deren Ziel es sei, »Panik unter der Bevölkerung zu säen«. Noch Mitte März wird Putin angesichts von gerade 114 infizierten Landsleuten zufrieden erklären, man habe mit vorzeitigen und entschlossenen Maßnahmen eine massenhafte Verbreitung der Krankheit in Russland verhindert. Coronavirus – kein vaterländisches Problem.
Und bestätigt nicht Patient Null, der den Fehler gemacht hat, sich trotz Epidemie ein bisschen Dolce Vita in Italien zu gönnen, was viele Russen seit Langem wissen: dass die Gefahr nicht aus dem verbündeten China kommt, sondern aus dem Westen?
29. Februar, USA, New York
In der ›New York Times‹ fragt der Kolumnist Nicholas Kristof: »Is this the big one?« Ist das hier das große Ding, vor dem alle immer gewarnt haben?
Eine gespannte Ruhe liegt über der Stadt. Noch immer hat New York offiziell null Infizierte, aber alle ahnen, dass das Virus die Stadt längst erreicht hat. Am 24. Februar endete in Mailand die Modemesse, Hunderte machten sich auf den Rückflug.
Die Behörden beginnen mit den Vorbereitungen. Notfallpläne werden aus den Schubladen gezogen, die Krankenhäuser rücken ihre Intensivbetten zurecht. Man beginnt, die Beatmungsgeräte zu zählen, 7.241 gibt es in den Kliniken, 1.750 in einem Notfalllager. Und alle wissen: Es sind zu wenige.
29. Februar, Italien, Lombardei
Seit Tagen steigen in Italien die Zahlen der Infizierten, bis zu diesem Tag: 21 Tote und 885 Infizierte, besonders betroffen die Region Lombardei.
An diesem Abend betritt Mirco Nacoti das Provinzkrankenhaus von San Giovanni Bianco, einem Städtchen in den Alpen, eine halbe Autostunde vor Bergamo. Er ist Anästhesist, er soll in der Notaufnahme aushelfen. Er ist schockiert. »Die Notaufnahme war voller Menschen. Alle hatten Schwierigkeiten, Luft zu holen«, sagt er. Nacoti bekommt auch Notrufe, die ihn vor die Entscheidung stellen: Welchen Patienten geht es so schlecht, dass man sie trotz hohen Ansteckungsrisikos ins Krankenhaus bringen muss?
Er entscheidet, einen 60-jährigen Mann mit Schlaganfall zu Hause zu lassen. »Ich habe mich versichert, dass es sich um eine transitorische ischämische Attacke handelte«, erzählt Nacoti, »also eine, die in der Regel binnen 24 Stunden abklingt.« Hätte er sich anders entschieden, ist sich Nacoti sicher, wäre der Mann später an COVID -19 gestorben: »Das Ansteckungsrisiko in der Klinik war monströs.«
In der gleichen Nacht muss Nacoti im Krankenwagen zu mehreren Außeneinsätzen fahren. In vielen Haushalten begegnet ihm ein ähnliches Bild: »Fast überall waren Menschen mit grippeähnlichen Symptomen.« Mehrere sind tot, als sie ankommen.
Mirco Nacoti hat in seinem Leben viel Leid gesehen. Für »Ärzte ohne Grenzen« war er in Haiti, im Chad und an der Elfenbeinküste. Er hätte nie gedacht, dass sich seine Heimat einmal in ein Krisengebiet verwandeln würde.
Guido Bertolini ist Epidemiologe in Mailand. Seit Tagen bekommt er beunruhigende Nachrichten von einem Kollegen, der im Krankenhaus von Lodi arbeitet. Die Situation sei kaum noch unter Kontrolle zu halten. Der Kollege schickt ihm Excel-Tabellen, die auflisten, wie viele Menschen täglich in der Notaufnahme auflaufen, meist mit Atemproblemen oder Lungenentzündungen. An einem Tag sind es 262. Bertolini mag es kaum glauben. »Mir schienen die Nachrichten übertrieben«, wird er später sagen.
An diesem 29. Februar ist Guido Bertolini mit seiner Familie unterwegs in den Bergen, als er einen Anruf von einem Beamten bekommt. Ob er das COVID -19-Krisenteam der Region Lombardei unterstützen könne? Bertolini sagt, er wolle es sich überlegen, zunächst müsse er sich ein Bild von der Situation verschaffen. So fährt er ins Krankenhaus von Lodi.
Das, was er nun in der Notaufnahme vorfindet, übersteigt seine Befürchtungen. »Überall lagen Menschen«, sagt er, »manche hingen zu zweit am Sauerstoff. Es sah nicht nach Italien aus.« Bertolini sieht einen Mann um die 70, durchtrainiert und mit gesundem Teint. Er trägt einen CPAP -Helm, jenes Gerät, das eine Beatmung ermöglicht. Ein Arzt erzählt ihm, dass der Mann in einer bedrohlichen Lage ins Krankenhaus gekommen war, jedoch sehr gut auf die CPAP -Therapie reagiert hatte. Allerdings, sagt ihm der Kollege, sei das ihr letzter Helm.
Kurz darauf wird ein 48-jähriger Mann eingeliefert. Es geht ihm schlecht. Auf Sauerstoffzufuhr durch eine Sauerstoffbrille reagiert er kaum. Die Ärzte sind sich einig: Ein CPAP -Helm würde seine Lage verbessern. Er ist viel jünger als der 70-Jährige, er hat zwei Töchter. Was tun?
Sie wagen es nicht. Sie versuchen, Zeit zu gewinnen. Zwei Tage später muss der 48-Jährige intubiert werden. Bertolini weiß nicht, ob er überlebt hat. Die Szene wird ihn nicht loslassen. Die Erlebnisse prägen ihn. Bertolini wird zusammen mit anderen Ärzten einen Leitfaden verfassen, der Kolleginnen bei solchen Entscheidungen unterstützen soll.
COVID -19-Patientin (38), Bergamo
»Ich bekomme einen CPAP -Beatmungshelm. Man sagt mir, dass meine Alveolen voller Wasser sind und dies die einzige Möglichkeit ist, mich zu retten. Der Helm beengt meinen Nacken, ich fühle mich, als würde ich ersticken. Ich habe Angst, es fühlt sich so an, als sei ich lebendig begraben. Ich bekomme Lexotan, um mich zu entspannen. Das Gefühl im Helm ist verrückt. Es gibt ein kontinuierliches Geräusch, ein Ventilator leitet Sauerstoff von rechts ein und gibt Kohlendioxid nach links ab. Ich verstehe nicht, was man mir sagt, und kann nicht mal Lippen lesen, weil sie alle Masken tragen. Ich bin allein mit mir selbst, meinen Ängsten und meinen Gedanken.«
Ende Februar, Österreich, Ischgl
Ein Virus wie SARS -CoV-2 kann man sich als geselliges Wesen vorstellen. Es braucht Fledermäuse, es benutzt Menschen, ganz besonders wenn viele von ihnen aus vielen Orten zusammenkommen, sich drängen, umarmen, anrempeln und Popsongs ins Gesicht brüllen.
Könnte sich ein Virus wie SARS -CoV-2 aussuchen, wohin es getragen werden möchte, wäre es in diesem Winter sicher gern nach Ischgl gereist. Wer »Ischgl« sagt, meint neben den schönen Pisten – zu denen die Menschen nur in vollgestopften Gondeln kommen – den Ballermann der Alpen, wo man im Skianzug »Jägerbombs« bestellt, Kräuterschnaps mit Energy-Drinks gemixt, wo die Oh-ooohh-oohs und Scha-lalaa-laaaas der deutschen Schlager aus den Boxen ballern und auch mal eine Polonaise aus »Nikis Stadl« quer über die Straße hinüber ins »Kitzloch« führt.
Im »Kitzloch« ist es eng und dunkelholzig. Es ist ein Laden mit niedrigen Decken und einem so riesigen Tresen, dass er den Menschen kaum Platz lässt. Wer hier trinkt und tanzt, muss Körperkontakt mit Fremden mögen, aushalten oder auch abwehren, wenn sie einem zu nahe kommen oder zu betrunken sind für ein Gespräch, wenn sie lallen oder nach Schweiß riechen. Eine Virusinfektion aber sieht man niemandem an. Man riecht sie nicht im Atem und schmeckt sie nicht beim Küssen. Man lacht über das Virus in den Bars von Ischgl, »ein Corona, bitte«, doppeldeutig zwinkernd wird das Flaschenbier bestellt, wie lustig.
Ischgl ist ein Bergdorf, in dem es über weite Strecken des Jahres mehr Hotelbetten gibt als Menschen. Die Gäste kommen aus Deutschland, Europa, der ganzen Welt. Normalerweise kehren die Skiurlauber zurück mit Erinnerungen an den Schnee auf der Eleven, der längsten Piste von Ischgl, manche haben eine Knieprellung, weil sie gestürzt sind, andere einen Knutschfleck aus »Nikis Stadl« oder dem »Kitzloch«. In diesem Winter aber bringen viele ein besonderes Andenken mit nach Hause: SARS -CoV-2, das Virus.
Einen Kater von den »Jägerbombs« im Kitzloch hat man gleich am nächsten Morgen, Symptome von COVID -19 stellen sich erst nach fünf bis sechs Tagen ein. Zunächst hält man sie vielleicht für eine Erkältung. Außerdem ist man ja im Urlaub, den man sich nicht von ein bisschen Husten und leicht erhöhter Temperatur verderben lassen will. Man bekämpft die Symptome mit Paracetamol und Aspirin und hält durch. Zurück in der Heimat geht man wieder zur Arbeit, in ein, zwei Tagen ist der Husten bestimmt wieder weg, zwischendurch zeigt man Freunden die Schnappschüsse auf dem Handy vom Käsefondue auf der Hütte. Bevor die Skiurlauber von Ischgl den eigenen Zustand mit der Weltlage zusammenbringen, werden sie unzählige Menschen angesteckt haben, ohne es zu bemerken.
Anfang März, Island
In Island melden sich seit Ende Februar mehrere heimgekehrte Skiurlauber mit typischen COVID -19-Symptomen bei den Behörden. Vorsorglich schickt man sie in Quarantäne, über die Passagierlisten der Flugzeuge, in denen sie aus München oder Innsbruck nach Reykjavík geflogen waren, werden ihre Sitznachbarn ermittelt und aufgefordert: Bleibt zu Hause!
Am 5. März, zu diesem Zeitpunkt gibt es auf der Insel 26Infizierte, erklärt Island als erstes Land weltweit den Skiort Ischgl zum Hochrisikogebiet. Die Entscheidung läuft über das europäische Frühwarnsystem für Infektionskrankheiten EWRS auch im Robert Koch-Institut in Berlin und im Gesundheitsministerium in Wien ein. Die Isländer übermitteln sogar eine Liste von Hotels, in denen die Infizierten gewohnt haben. Doch eine Reisewarnung wird von dort aus nicht vorgeschlagen, weder in Deutschland noch in Österreich.
In der deutschsprachigen Presse ist kaum die Rede von erhöhter Corona-Gefahr in den Skigebieten der Alpen. Die Warnung aus Island bleibt zunächst folgenlos. Der Winter ist die Zeit, in der die Hoteliers und Gastronomen in Alpendörfern wie Ischgl Geld verdienen. Nimmt deshalb niemand die Warnung aus Island ernst, die – wenn sie stimmt – das Ende der Saison bedeuten würde? Es ist ein Milliardengeschäft für die Region, gut 60.000  Menschen arbeiten in der Branche. Will man die wirklich wegen ein paar Infizierten auf der kleinen Atlantikinsel alle nach Hause schicken?
In Ischgl ist es so, dass Politiker, die so etwas entscheiden könnten, nebenberuflich die Lifts oder Hotels betreiben, die nun schließen müssten. Entscheidungsträger, die gegen ihre wirtschaftlichen Interessen handeln müssten, davon profitiert vor allem: SARS -CoV-2. So ein Virus ist anders als eine Lawine oder ein gerissenes Seil bei einem Lift, wenn man gleich weiß, was schiefgegangen ist. Das Virus ist leise. Und es schlägt zeitverzögert zu.
Erst am 9. März werden die Behörden Kneipen wie das »Kitzloch« schließen. Der Liftbetrieb geht sogar noch zwei Tage weiter – das ist der Kompromiss, auf den sich Politiker und Touristiker einigen. Das Virus hat gesiegt.
2. März, Berlin
Jens Spahn sitzt wieder auf dem Podium der Bundespressekonferenz, seine Botschaft an diesem Tag: Es ist ernst, aber wir haben es im Griff. Klingt gut, stimmt aber nicht. Das Coronavirus kursiert in zehn Bundesländern, mehr als 150 Menschen sind infiziert, offiziell. Das Virus macht sich breit im Land. Zweifel werden laut: Kann das deutsche Gesundheitssystem das schaffen? Hat die Bundesregierung die Lage wirklich unter Kontrolle? Erkennt sie rechtzeitig das Testproblem, das Maskenproblem, das Beatmungsproblem und die Probleme der Gesundheitsämter?
Spahns Strategie gegen die Panikmache: Er fährt Experten auf, Fachleute, denen man abnimmt, dass sie sich auskennen, sie kommen vom Robert Koch-Institut, vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg, vom Hygieneinstitut der Charité in Berlin oder vom Gesundheitsamt Frankfurt.
RKI -Präsident Lothar Wieler: Sein Institut habe an diesem Tag die Risikoeinschätzung hochgestellt, von »gering bis mäßig« auf »mäßig«.
Christian Drosten von der Charité: »Es ist fast unmöglich, im Moment zu sagen, wie gefährlich das Virus ist.«
Spahn wirkt nervös, er flüstert Drosten etwas zu. Der wirkt amüsiert und redet weiter. »Gut, wenn der Minister möchte, dass ich dazu was sage, dann mache ich das mal.« Dann erklärt er erst mal die Sache mit der Fallsterblichkeit. Dazu sehe er in den sozialen Medien »viel Drama« und eine »Überbetonung eines Risikos«, sagt Drosten. Aber er sehe das Drama im Moment nicht. »Im Moment sind wir eher so in einem Korridor von 0,3 bis 0,7 Prozent Fallsterblichkeit.« Und er erwartet sogar, dass die in nächster Zeit noch mal geringer werde.
Solche Sätze passen gut in Spahns Strategie. Die Grenzen schließen, Großveranstaltungen absagen, Unternehmen dichtmachen? Noch hält er das für überflüssig. Am gleichen Tag sagt Christian Drosten in der vierten Folge seines Podcasts: »Ich kann das gar nicht oft genug wiederholen. Der Einzelne muss sich nicht überlegen, dass er demnächst stirbt. Das wird nicht passieren. Das wird nur mit der allerkleinsten Wahrscheinlichkeit passieren. Es geht hier nicht um Überlegungen des Einzelnen. Es geht hier, um es vielleicht mal so ein bisschen auf eine andere Ebene zu heben, nicht um Egoismen, sondern es geht hier um die Gesellschaft und um unser Medizinsystem.«
3. März, Düsseldorf
Das Coronavirus ist in Düsseldorf angekommen. Zwei Männer müssen beobachtet werden, einer hatte in Heinsberg Karneval gefeiert, ein anderer kommt zurück aus Norditalien. Die Gesundheitsämter machen sich an die Arbeit: Hotlines müssen eingerichtet, Infektionsketten zurückverfolgt, Mitarbeiter rekrutiert werden, die nun stundenlang an den Telefonen sitzen und Leuten hinterhertelefonieren, Kontaktpersonen oder jenen, die sich infiziert haben und daheim in Quarantäne sitzen.
Jetzt rächt sich, dass die Gesundheitsämter so lange heruntergespart wurden, dass ihnen Personal fehlt und sie die Digitalisierung verschlafen haben. Das führt zu absurden Situationen, wie die ›Rheinische Post‹ berichtet. Zwei Düsseldorfer hatten nach ihrer Rückkehr aus Ischgl »Corona-spezifische« Symptome. Sie riefen die Hotline an. Ihnen wurden ein Rückruf vom Gesundheitsamt und ein baldiger Test versprochen. Der Rückruf blieb aus. Als sie noch mal anklingelten, stellte sich heraus, dass es zu dem ersten Anruf keinen Vorgang gab. Die Studenten haben die Telefonate handschriftlich festgehalten. Ihre Notizen wurden nicht richtig übertragen oder waren schlicht unleserlich.
Bald gibt es Hunderte Infizierte, in Düsseldorf, in Aachen, im ganzen Bundesland. Und mit allen müssen die Gesundheitsämter Kontakt halten. »Das ging natürlich nicht mit den paar Mitarbeitern, die man im Bereich Infektionsschutz hat«, sagt Anne Bunte, Leiterin des Gütersloher Gesundheitsamtes. Die Kommunen müssen improvisieren, Kollegen aus anderen Abteilungen und Ämtern müssen helfen. »Wir haben uns alle Datenbanken selber gestrickt«, sagt Amtsleiterin Bunte, jedes Gesundheitsamt habe da seine eigene Lösung gefunden. Das bedeutet: Die Kommunen in NRW können Daten nur mühsam miteinander abgleichen.
4. März, Berlin
Die Experten-Pressekonferenz zwei Tage zuvor lief gut für Jens Spahn. Als er jetzt im Bundestag eine Regierungserklärung abgibt, wirkt er gelassen. Das Testproblem? »Es dauert teilweise noch zu lange, bis Verdachtsfälle getestet werden.« Das Maskenproblem? »Gerade kaufen weltweit Regierungen, Krankenhäuser und Privatpersonen Schutzkleidungen auf Vorrat«, sagt er. »Gleichzeitig steht in China die Produktion teilweise still.« Das Kapazitätsproblem? Man entlaste Krankenhäuser und Heime »bis auf Weiteres von Dokumentationsaufwand und Auflagen«, verkündet Spahn auf Twitter.
5. März, USA, Connecticut
Das Büfett ist reichhaltig, die Stimmung ausgelassen. Julie Endich amüsiert sich prächtig. Eine Freundin von ihr feiert ihren 40. Geburtstag, in Westport, einer verschlafenen Stadt am Meer, eine Autostunde vor Manhattan. Mehr als 50 Gäste sind gekommen. Julie Endich arbeitet als Beraterin für eine Kosmetikfirma, und auch all die anderen haben es zu etwas gebracht. Weltgewandt sind sie, mobil, gut vernetzt, einer ist eigens aus Johannesburg angereist, berichtet die ›New York Times‹.
Drei Tage später erwacht Julie Endich mit hohem Fieber. Ihre Lunge schmerzt. Sie fühlt sich, als stehe ihr jemand auf der Brust. Sie ahnt, was es ist. Aber Corona-Tests sind weiterhin unendlich schwer zu bekommen. Noch eine Woche dauert es, bis Julie Endich Gewissheit hat. Ja, sie hat das Virus.
Und nicht nur sie.
Es ist unklar, wer von den Partygästen das Virus mitgebracht hat. Klar ist nur: Die Feiernden teilten nicht nur Häppchen, Sekt und Erinnerungen, sondern auch Corona. 38 Partygäste werden getestet. Mehr als die Hälfte von ihnen ist positiv. Bis zu dieser Geburtstagsfeier gab es in dem verschlafenen Städtchen Westport keinen bekannten Corona-Fall. Elf Tage danach haben sich mindestens 85 Menschen infiziert. Die Kinder der Feiernden tragen es in die Schulen und Kindergärten von Connecticut, die Erwachsenen verbreiten es unter ihren Arbeitskollegen in Manhattan. Der Mann aus Johannesburg erkrankt noch auf dem Heimflug in einem voll besetzten Flugzeug Richtung Südafrika.
»Party Zero« werden die amerikanischen Zeitungen die Geburtstagsfeier taufen.
6. März, Italien, Rom
Der Epidemiologe Guido Bertolini hat Ende Februar die katastrophale Lage in der Notaufnahme in Lodi beobachtet. Er hat erlebt, wie das Medizinpersonal vor dem Dilemma stand, welcher Patient mit dem letzten verfügbaren CPAP -Beatmungshelm zu retten sei. Und er möchte, dass niemand allein durch einen solchen Entscheidungsprozess gehen muss.
Darum hat er zusammen mit sechs Ärzten einen Leitfaden verfasst, der »klinisch-ethische Empfehlungen« für den Ausnahmezustand geben soll, mit 15 Richtlinien, an denen sich Notfallärzte orientieren können. COVID -19, glaubt Bertolini, habe eine neue ethische Dimension geschaffen: Was tun, wenn die Ressourcen nicht ausreichen, um alle Menschen zu pflegen, deren Zustand sich durch eine Therapie sehr wahrscheinlich verbessern würde? »Mediziner in westlichen Ländern sind nicht daran gewöhnt, solche Entscheidungen zu treffen«, sagt er.
Sie veröffentlichen den Leitfaden im Namen mit der »Gesellschaft für Anästhesie, Analgesie, Reanimations- und Intensivmedizin«, die über 8.000 Ärzte und Medizinerinnen aus ganz Italien vereint. Die bislang gängige Maßnahme, Intensivstationen mit mehr Betten aufzustocken, bringe wenig, so der Tenor des Papiers. Heißt: Ein Bett allein heilt noch keinen Patienten. Und je mehr Betten belegt sind, desto weniger kann sich das Medizinpersonal um jeden kümmern.
Der Vorschlag: Das Medizinpersonal soll jede einzelne Person genau betrachten. Wie ist ihr allgemeiner Zustand? Welche Vorerkrankungen hat sie? Wie alt ist sie? Bei Engpässen sollen dann jene Patienten vorrangig behandelt werden, die die höchsten Überlebenschancen haben. Das mag einleuchten. Aber dann fordern Bertolini und seine Kollegen auch etwas Umstrittenes: jene zu bevorzugen, die das meiste Leben noch vor sich haben. Das Alter soll eine Rolle spielen.
Das Dokument ist vorsichtig formuliert, mit viel »sollte« und »könnte«. Dennoch löst es in Italien große Aufregung aus. Der Präsident der italienischen Ärztekammer sagt: »Wir dürfen nicht zulassen, dass dieses Szenario Wirklichkeit wird.«
Einer der Ärzte, die die Richtlinien mitentwickelt haben, sagt: Die ersten zehn intubierten COVID -19-Patienten im Piemont seien zwischen 76 und über 90 Jahren alt gewesen. Innerhalb weniger Wochen seien alle gestorben. Erst im Nachhinein habe man verstanden, dass eine Intensivtherapie nicht zwingend die richtige Lösung für sehr alte Menschen sei. »Bei Patienten mit COVID -19 sprechen wir nicht von ein paar Tagen, sondern von Wochen auf der Intensivstation«, sagt er. Das durchzuhalten, sei schon für einen gesunden 50-Jährigen desaströs.
Damit ein Patient intubiert werden kann, muss er in ein künstliches Koma verlegt werden. Er muss auf dem Bauch liegen und künstlich ernährt werden. »Wenn das Wochen dauert, ist der Körper zerstört«, sagt der Arzt. Man baut Muskelmasse ab, ist unterernährt, hat durch das Koma den Schlafrhythmus verloren. Bakterielle Infektionen, Wundliegen, Thrombosen drohen. »In Turin haben wir Patienten, die seit mehr als 50 Tagen im Krankenhaus sind. Wir wissen immer noch nicht, ob sie überleben werden«, sagt er.
Bei ausreichenden Plätzen sei dies kein Problem, bei einem überforderten System hieße das hingegen, Menschen nicht aufnehmen zu können, die mehr Überlebenschancen hätten. Und am Ende womöglich zwei Menschen zu verlieren. Anstatt einen.
Eines stört ihn besonders: dass es überhaupt so weit kommen musste. »Wenn das Medizinpersonal nicht über ausreichend Geräte und Betten verfügt, muss es Entscheidungen treffen, die es nicht treffen müsste, wenn der Staat die Krankenhäuser geschützt hätte«, sagt er.
Silvia Giulianelli, Krankenpflegerin im Krankenhaus
San Salvatore, Pesaro
»Die Patienten, mit denen wir zu tun haben, sind bereits intubiert oder sind gerade intubiert worden. Das ist der schlimmste Teil an meiner Arbeit. Denn die Patienten verstehen, was los ist. Sie sehen uns mit unserer Ausrüstung. Sie fühlen diese enorme Distanz. Sie haben Angst, sie hören im Fernsehen, wie gravierend die Lage ist. Ungefähr die Hälfte ist jünger als meine Eltern. Wir lassen sie einschlafen, und sie wissen nicht, ob sie jemals wieder aufwachen werden.«
6. März, USA, Atlanta
Jeden Tag neue Fälle. In Utah und Nebraska, in Kentucky, Indiana und Minnesota. In South Carolina und Pennsylvania, in Oklahoma und Nevada. In Colorado, Tennessee und Maryland. Ein Mann, der Reisende am Flughafen von Los Angeles überwachen soll, hat sich infiziert. Sechs neue Tote an diesem Tag, vier rund um Seattle, zwei in Florida.
Die Kritik ist mächtig, ohnmächtig. Warum wurde nicht eher auf Corona getestet, massenhaft und systematisch? Warum wurde der Februar vergeudet? Wer hat Schuld?
Da macht Präsident Donald Trump das, was er in solchen Situationen immer macht: Schlagzeilen erzeugen, die Debatte an sich reißen, versuchen, den »News Cycle« zu dominieren. An diesem Tag besucht er die Zentrale der Seuchenbehörde CDC und stellt sich in einem Labor der Presse. Ein denkwürdiges Bild: in der Mitte Trump, in Windjacke und roter »Keep America Great«-Wahlkampfkappe. Links von ihm Gesundheitsminister Azar, rechts CDC -Direktor Redfield, in Anzug und Krawatte – jene beiden Männer, die es vergeigt haben. Deren Behörden versagt haben. Aber an diesem Morgen geht es um Erfolgsmeldungen.
»Nahezu perfekt« seien die Corona-Tests, prahlt Trump. Und gesteht, selbst einen scharfen medizinischen Verstand zu haben. »Ich mag dieses Zeug. Ich verstehe es wirklich. Die Leute hier sind überrascht, dass ich es verstehe. Jeder dieser Ärzte sagte: Woher wissen Sie so viel darüber?« Bis hierher: harmlose Spinnereien eines Narzissten. Aber dann sagt Trump einen von diesen Sätzen, der nicht nur Gelächter erzeugt oder Verwirrung, sondern Schaden anrichtet: »Jeder, der einen Test will, bekommt einen Test.«
Millionen Amerikaner hören es in den Nachrichten. Zehntausende machen sich auf den Weg. Ängstliche, Übervorsichtige, Erkältete. Blockieren die Hotlines, verstopfen die Notaufnahmen und Praxen. »Menschen wollten sich testen lassen, weil sie neben jemandem gesessen hatten, der hustete«, sagt die Epidemiologin Saskia Popescu, die in Washington Kliniken auf die Pandemie vorbereiten hilft. Ärzte mussten sich Schutzkleidung überstreifen, Labore testen, so knapp die Ressourcen sind, so unnötig werden sie nun verbraucht. Wochenlang wurde kaum getestet, nun behauptet der Präsident dreist, alle könnten sich testen lassen. »Das hat das Gesundheitssystem wirklich belastet«, sagt Epidemiologin Popescu.
Noch immer nimmt Donald Trump das Virus nicht ernst. Noch immer hat er vor allem eine Sorge – dass die Wirtschaft abstürzt, die Börse weiter crasht, seine Wiederwahl scheitert. Noch drei Tage später, am 9. März, twittert er: »Im vergangenen Jahr starben 37.000 Amerikaner an der Grippe. Im Durchschnitt sind es zwischen 27.000 und 70.000 pro Jahr. Nichts wird stillgelegt, das Leben und die Wirtschaft gehen weiter. Gegenwärtig gibt es 546 bestätigte Fälle von Corona, mit 22 Todesfällen. Denken Sie darüber nach!«
Wobei. Etwas geschieht mit ihm in diesen Tagen. Die Ärztin und Aids-Expertin Deborah Birx – eine der ganz wenigen Überlebenden aus der Obama-Ära – ist neu im Corona-Krisenstab. Sie ist eine vollendete Diplomatin. Nie kritisiert sie Trump, immer lässt sie ihn am besten aussehen, stets hat sie jene einfachen Diagramme dabei, die Trump besonders schätzt. Er beginnt, ihr zu vertrauen, wiederholt bemerkt er: Er halte sie für elegant.
Oder – so unglaublich das klingt – hat Tucker Carlson dem Präsidenten den letzten Anstoß gegeben? Tucker Carlson ist einer der Stars von Fox News, Trumps ultrakonservativem Heimatsender. Seit Januar wird auch dort die Gefahr kleingeredet. Corona sei ein »Hoax« der Demokraten, aufgebläht, um Trump zu schaden.
Auch Tucker Carlson ist eigentlich ein Scharfmacher und Hetzer. Aber die Gefahr, die vom »China-Virus« ausgeht, erkennt er früh. Seit Anfang Februar berichtet er darüber. Privat macht er sich Sorgen. Er bittet um einen Termin bei Trump. Anfang März besucht er ihn in Mar-a-Lago, Trumps Wochenenddomizil in Florida. Zwei Stunden lang diskutieren sie miteinander, hat Tucker Carlson ›Vanity Fair‹ erzählt.
Am 9. März sagt Tucker Carlson in seiner abendlichen News-Show: »Menschen, die Sie kennen, werden krank werden, einige werden sterben. Das ist echt. Politiker, denen Sie vertrauen, Politiker, für die Sie wahrscheinlich gestimmt haben, haben Wochen damit verbracht, es kleinzureden.«
Am nächsten Tag ist Trumps Ton ein anderer.
7. März, Berlin
Abschiedsfeier vor der möglichen Quarantäne: Auch wegen der Gerüchte, dass das Nachtleben bald zum Erliegen kommt, kommen sie an diesem Wochenende alle noch einmal in die Berliner Kneipen und Klubs. Sie wollen noch mal feiern, vielleicht das letzte Mal, die prekär beschäftigten Webdesigner, die Lehrer und die Geschäftsfrauen, die wegen der kurzfristig abgesagten Tourismusmesse ITB in der Stadt sind, und die DJ s, die heute in Berlin auflegen und morgen schon in London oder Athen. Die Klubs der Hauptstadt gelten als einige der besten der Welt. Es gibt Menschen, für die es nicht ungewöhnlich ist, am Freitagabend in Tel Aviv oder London in ein Flugzeug zu steigen, nur um im »Berghain« oder »Kater Blau« zu tanzen.
Am 7. März, einem Samstag, feiern im »Kater Blau«, direkt an der Spree, Hunderte Menschen auf der »P.F.D.K.«, das steht für »Perlen für die Katz«, eine wiederkehrende Marathon-Techno-Party. Die März-Ausgabe der P.F.D.K.-Party startet am Freitag um Mitternacht, vorbei ist sie erst am Montag. Es gibt Gäste, die bei solchen Partys durchgehend bleiben. Die mit einer Zahnbürste in den Klub gehen und sich tagelang nur von veganen Burgern und Ecstasy ernähren. Den Alltag – ihren Job, die Beziehungskrisen, die Schlagzeilen über den ersten COVID -19-Fall in Berlin – nimmt an diesem Wochenende niemand mit in den Klub.
Wie die Après-Ski-Kneipen in Ischgl sind Technoklubs wie gemacht für SARS -CoV-2. Dem Virus hilft es, wenn die Gäste untereinander Bier, Zigaretten, Joints und Pillen teilen, vielleicht auch nur einen Lippenstift beim Nachschminken auf der Toilette. Wenn sie tanzen und küssen und die, die es wollen, Sex mit Fremden auf der Toilette haben, in Darkrooms oder gleich auf der Tanzfläche. Dabei halten sich die meisten Gäste in den Klubs an einen ungeschriebenen Feierkodex der Berliner Nächte, dessen oberste Regel ist Sicherheit, die eigene und die der anderen. Gäste verhüten mit Kondomen, um sich keinen Tripper oder HIV einzufangen. Wer Ecstasy nimmt, trinkt anschließend nur Wasser. Auch im Rausch, der einen völlig aus dem Alltag schießt, achtet man in Berlins Klubs aufeinander. Vorsicht ist besser als Notaufnahme. Safer Sex, Safer Use – nur auf ein Virus, das sich schon überträgt, wenn man eng nebeneinander tanzt und schwitzt, ist niemand vorbereitet.
Eine Woche später rufen die Berliner Gesundheitsbehörden dazu auf, Menschen, die in dieser Nacht im »Kater Blau« waren, mögen sich bitte beim Gesundheitsamt Friedrichshain-Kreuzberg melden und in Quarantäne begeben. Es habe einen bestätigten Fall von COVID -19 unter den Besuchern gegeben. Innerhalb von 24 Stunden melden sich gut 1.000 Menschen.
In der ›Welt am Sonntag‹ erzählen einige von ihnen, wie schwer es war, einen Test zu bekommen. Beim Gesundheitsamt Friedrichshain-Kreuzberg bekommen sie gesagt, die Tests müssten sie selbst besorgen, in den Kliniken hören sie: Sorry, keine Kapazitäten gerade. Eine Stadt ist überfordert, und Menschen müssen es mit ihrem Gewissen vereinbaren, ob sie ihr Leben vorsorglich zu Hause verbringen. Wer es kann, tut es, arbeitet im Homeoffice, legt sich auf die Couch und schaut Netflix. Wer es nicht kann, weil er Angst hat, seinen Job bei einer Krankschreibung zu verlieren, wegen eines läppischen Virus, das nur Alte bedrohen soll, lebt sein Leben weiter. Mitte März zählt Berlin 263Infizierte – ein Sechstel davon wird sich auf Klubbesuche zurückführen lassen. Am 17. März, über eine Woche nach der Party im »Kater Blau«, schließt die Stadt alle Kneipen und Klubs.
8. März, Berlin
Seit diesem Wochenende ist der Gesundheitsminister nun doch der Ansicht, dass Massenveranstaltungen nicht mehr stattfinden sollten. Geht es nach Spahn, sollen alle Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern abgesagt werden, also auch Bundesligaspiele, Messen oder große Konzerte. »Ich bin mir bewusst, welche Folgen das für Bürgerinnen und Bürger oder Veranstalter hat.« Je langsamer das Virus sich verbreite, desto besser könne das Gesundheitssystem damit umgehen.
Mehrere Bundesländer kündigen an, sich an Spahns Empfehlungen zu halten. Doch zwingen kann er sie wegen des föderalistischen Systems nicht. In der Schweiz sind Großveranstaltungen zum Beispiel schon seit Ende Februar untersagt. Und in Italien bleiben seit vier Tagen die Schulen geschlossen, im Norden des Landes, dort, wo es die ersten Infektionen gab, stehen die Klassenzimmer sogar schon seit Februar leer. Auch im Iran, in Japan und in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi gehen Kinder nicht mehr zur Schule. Doch Spahn will keine Schulen schließen, obwohl erste Epidemiologen auch in Deutschland dazu raten.
Das noch größere Versäumnis: die Versorgung mit Schutzkleidung. Bei Corona-Verdacht suchen Patienten meist zuerst ihren Hausarzt auf, der braucht 50 bis 70 Handschuhe, Masken und Schutzanzüge pro Tag.
Pfleger und Ärzte in Krankenhäusern benötigen gemäß dem Pandemieplan eine persönliche Schutzausrüstung: FFP 2-Atemschutzmasken für das medizinische Personal – mindestens eine pro Person und Schicht, dazu Einweghandschuhe, Schutzbrillen, ein einfacher Mund-Nasen-Schutz und mindestens zwei Schutzkittel pro Mitarbeiter und Woche.
Normalerweise kaufen Hausärzte bei Zwischenhändlern ein, Krankenhäuser schreiben größere Aufträge aus für Unternehmen wie Dräger, Hartmann, 3M oder Siemens. Das Material muss zertifiziert sein. Es wird bestellt, bezahlt und pünktlich geliefert. Normalerweise. Jetzt kommt seit Wochen nichts mehr an.
Die Kassenärztliche Vereinigung teilt dem Gesundheitsministerium mit, Deutschland werde in den kommenden sechs Monaten knapp 115 Millionen OP - und 47 Millionen Schutzmasken benötigen. In fast allen deutschen und österreichischen Kliniken und Praxen kommt es schon bald zu Lieferverzögerungen. Doch selbst wer eine Maske trägt, ist nicht zu 100 Prozent geschützt. In Deutschland werden sich 6.400 Pfleger und Ärztinnen mit dem Virus anstecken. In den nächsten sechs Wochen werden acht von ihnen, trotz Mundschutz, sterben.
9. März, Berlin
Olfert Landt, der Testhersteller, und seine rund 30 Mitarbeiter arbeiten in 12- bis 14-Stunden-Schichten, sieben Tage die Woche, bis Mitternacht. Die Nachfrage nach Corona-Tests boomt, überall auf der Welt versuchen Behörden, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Eine besonders große Hoffnung ruht dabei auf den Tests. Allein Südkorea hat binnen kürzester Zeit Zehntausende getestet. Auch in Deutschland rüsten die Labore auf.
Inzwischen produziert Landts Firma Kits für 150.000 Tests – täglich. »Ich könnte auch locker eine halbe Million am Tag herstellen«, sagt Landt. Aber es fehlen die Kapazitäten, um sie einzutüten, die Mitarbeiter können nicht mehr. »Jede Woche haben wir uns erschöpft gefühlt und dachten: Mehr schaffen wir nicht«, sagt Landt. »Und die nächste Woche hatten wir das Doppelte.« Der Botschafter aus Ruanda fährt in seinem Mercedes vorbei, um die Lieferung persönlich abzuholen. Landt braucht dringend mehr Maschinen und mehr Personal.
Es herrscht Verunsicherung darüber, wer getestet wird und wer nicht. Ein Mann aus Hessen postet auf Twitter seine Geschichte: wie er erfuhr, dass er zu einem Infizierten Kontakt hatte und sofort bei der Corona-Hotline anrief. Wie er dort ans Gesundheitsamt verwiesen wurde. Wie das Gesundheitsamt ihn an den Hausarzt verwies, der ihm sagte, »ein Test sei nicht möglich, weil die Teströhrchen fehlten«. Wie auch das Uniklinikum Frankfurt ihm mitteilte, dass ein Test nicht möglich sei. Etwa zwei Tage und zwanzig Tweets später wurde der Mann getestet. Das Gesundheitsamt hatte einen Arzt zu ihm nach Hause geschickt.
Nicht jeder, der Fieber, Husten oder eine Lungenentzündung hat, muss auch getestet werden. Wer einen Test bekommt, entscheiden Kliniken und Ärzte. Sie orientieren sich dabei an den aktuellen Empfehlungen des RKI . Demnach reichen Symptome wie Fieber, Husten oder Atembeschwerden allein für einen Test nicht aus. Erst wenn die Person sich innerhalb der letzten 14 Tage auch in einem Risikogebiet wie China oder Italien aufgehalten hat oder Kontakt zu einem nachweislich Infizierten hatte und nun selbst Symptome entwickelt hat, gilt der Verdacht als »begründet« – die Person wird getestet, und binnen 24 Stunden wird das zuständige Gesundheitsamt informiert.
9. März, Heinsberg
Am 9. März, einem Montag, gibt es die ersten Corona-Toten in Deutschland. Es dauerte ein paar Wochen, bis das Virus über den Automobilzulieferer Webasto, über das Skigebiet Ischgl und die Kappensitzung in Heinsberg ins Land und das Bewusstsein der Deutschen einsickerte. An diesem 9. März steigt die Zahl der in Deutschland Infizierten auf über 1.000. Die Kranken sind zwischen 0 und 82 Jahre alt, SARS -CoV-2 ist kein Virus der Alten, der Risikopatienten. COVID -19 ist eine Volkskrankheit, die jeden und jede treffen kann – das sagen die Fakten. Die öffentliche Meinung ist dennoch eine andere: Deutschland hat bisher gut auf die Krise reagiert, so gut, dass die Menschen sie noch nicht ernst nehmen.
Doch an diesem 9. März verändert sich etwas. Es sterben die ersten beiden Menschen in Deutschland infolge der COVID -19-Infektion. Eine Frau in Essen, ein Mann in Heinsberg: Jakob D., 78 Jahre alt, ein CDU -Ratsherr, ein Mann mit Vorerkrankungen im höheren Alter, mit Diabetes und Herzproblemen. Zur Beerdigung des Karnevalisten kommen nur zehn Menschen, weniger als ein Elferrat. Mehr sind nach den neuen Regeln des Landes Nordrhein-Westfalen nicht erlaubt.
Als erste Region in Deutschland stuft das Robert Koch-Institut Heinsberg als »besonders betroffenes Gebiet« ein, es ist nun offiziell das Epizentrum des deutschen COVID -19-Ausbruchs. Landrat Stephan Pusch, ein Jurist, 51 Jahre alt, ein Mann, den sie in Heinsberg liebevoll »Papa Pusch« nennen und der, selbst wenn er Ernstes verkündet, aussieht und klingt, als würde er gleich einen Witz erzählen – dieser Landrat Pusch bittet die Bundeswehr um Hilfe.
Wenig später werden 3.000FFP 2-Masken, 15.000Mund-und-Nasen-Schutzmasken und 8.000 Schutzkittel geliefert. Pusch nimmt die Lieferung persönlich entgegen, er bedankt sich artig und sagt dennoch: »Das reicht für zwei, drei Tage.« Pusch braucht mehr Ausrüstung, viel mehr. Er komme ins Grübeln, erzählt er im Deutschlandfunk: Wenn es klappt, dass er direkt bei Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen Material anfordert – warum soll er dann nicht den ganz großen Wurf wagen?
Also setzt Pusch sich an seinen Rechner und googelt: An wen schreibt man, wenn man einen Brief direkt an die chinesische Führung schreiben will, aber kein Mandarin schreiben kann? Pusch schreibt den Brief auf Deutsch, adressiert ihn an Chinas Staatschef Xi Jinping und die chinesische Botschaft in Berlin: »Sie werden sich sicher fragen«, schreibt Pusch in dem Brief, »wie ein im politischen System der Bundesrepublik Deutschland relativ unbedeutender Mensch wie ein Landrat dazu kommt, sich an die Staatsführung der Volksrepublik China zu wenden.«
Pusch bittet um Hilfe aus China, er schlägt eine Städtepartnerschaft mit Wuhan vor. Heinsberg ist das deutsche Symbol für die Pandemie, Wuhan das globale. Das verbinde doch, schreibt Pusch, die unfaire Schuldzuweisung, die sie in Heinsberg wie in Wuhan erleben. Und tatsächlich – noch am selben Tag bekommt Pusch eine Antwort. Der chinesische Generalkonsul in Düsseldorf bittet um Materialwünsche per E-Mail und Fax, er werde die Liste weiterleiten. Am Ende kommen tatsächlich 15.000 Masken aus China in Heinsberg an – weil ein kleiner Landrat aus Nordrhein-Westfalen einen Brief an Xi Jinping geschrieben hatte.
10. März, Wuhan
Ministerpräsident Xi Jinping besucht Wuhan. Die Inszenierung: ein besorgter Landesvater vor einer Erfolgskulisse. Es gibt wieder Obst und Gemüse, in den Krankenhäusern hat sich die Situation stabilisiert, die Fallzahlen stagnieren. China ist nicht mehr Corona-Spitzenreiter auf der Welt – zumindest nach chinesischen Zahlen.
Apps sollen nun helfen, das Virus und das Leben unter Kontrolle zu halten. In China hat jede Großstadt oder Provinz ihre eigene Gesundheits-App, genauer gesagt ein Miniprogramm, das in bestehende Apps integriert wurde. Vom Prinzip her funktionieren sie alle ähnlich.
Das Programm entscheidet darüber, ob jemand Zugang zu seinem Arbeitsplatz, zu öffentlichen Gebäuden, Parks, Einkaufszentren und zur U-Bahn erhält. Dafür muss am Eingang ein QR -Code gescannt werden, der Informationen über den aktuellen Risikostatus des Benutzers abruft. Zeigt die App die Farbe Grün, darf der Handybesitzer weitergehen. Bei Gelb oder Rot wird der Zugang verweigert.
Die Farben sind in verschiedenen Städten unterschiedlich definiert. Gelb kann zum Beispiel bedeuten, dass eine Person sich aufgrund des Aufenthalts an einem Ort mit hohem Ansteckungsrisiko in Heimquarantäne befinden sollte. Rot kann heißen, dass jemand sich mit Corona infiziert hat oder entsprechende Symptome zeigt. Welche Daten in diese Bewertung genau einfließen, ist nicht bekannt. Sowohl die Behörden, die die Daten verwalten, als auch die Internetunternehmen, die die Daten für ihre Auftraggeber bearbeiten, halten sich bedeckt. Tencent, eines der beiden Unternehmen, die sich den Markt aufgeteilt haben, teilt lediglich mit, keine seiner Gesundheits-Apps beinhalte »jegliche Art von Echtzeit-Tracking von Personen oder Virus-Bewegungen«.
Klar ist, dass die chinesischen Apps, anders als in Südkorea, nicht per Bluetooth erfassen, mit wem eine Person wie lange und mit welchem Abstand Kontakt hatte. Die Standortdaten, die vermutlich einbezogen werden, sind sehr viel weniger genau und deshalb weniger geeignet, Kontaktpersonen von Infizierten zu entdecken. Das kann man schon daran erkennen, dass es im Internet zahllose Aufrufe von Behörden an potenzielle Kontaktpersonen gibt, sich doch bitte freiwillig zu melden. Anders als in Südkorea wird die App auch nicht dafür genutzt, zu überwachen, ob Quarantänepflichtige widerrechtlich ihre Wohnung verlassen. Dafür gibt es in China andere Wege: An der Tür wird entweder ein Bewegungsmelder oder eine Kamera installiert. Zudem wird der Zugangspass für den Wohnblock der Betroffenen deaktiviert.
Anders als man im Überwachungsstaat China erwarten könnte, geschieht das Tracking von Kontaktpersonen in vielen Fällen analog. In Peking etwa liegen in Banken und Restaurants Listen aus, in die man handschriftlich Telefon- und Passnummer eintragen muss. Sie werden jeden Tag vom Nachbarschaftskomitee eingesammelt.
Dass China nicht alle Überwachungsmethoden für das Tracking nutzt, die der Polizei zur Verfügung stehen, hat vermutlich damit zu tun, dass die zuständigen Behörden weniger Zugriffsrechte auf die Daten haben. Hinzu kommt, dass Provinzen und Behörden in dem Riesenland dafür bekannt sind, ihren Datenschatz ungern untereinander zu teilen. Das ist einer der Gründe, warum es mehrere Hundert verschiedene App-Programme mit jeweils eigenen Algorithmen gibt. Das Grün aus einer Provinz wird anderswo unter Umständen nicht anerkannt, sodass deren Bürger teils nicht überall Zugang erhalten. Das gilt vor allem für Menschen aus Wuhan. Die Zentralregierung hat inzwischen einen nationalen Gesundheitscode herausgegeben, doch der hat sich bisher nicht durchgesetzt.
Wenn ein Gesundheitscode plötzlich Gelb oder Rot zeigt, wissen die Betroffenen oft gar nicht, warum. Der Versuch, dagegen vorzugehen, läuft nicht selten ins Leere, die Qualität der Beschwerdestellen ist von Provinz zu Provinz sehr unterschiedlich. Davon zeugen die unzähligen Berichte von Leidtragenden, die im Internet unter dem Hashtag »Gesundheitscode Farbänderung« zu finden sind. Das kann schwerwiegende Folgen haben, denn in manchen Städten ist es kaum möglich, sich ohne einen grünen Gesundheitscode überhaupt zu bewegen. In Wuhan zum Beispiel wird er schon am Ausgang des eigenen Wohnblocks überprüft. Auch beim Taxifahren wird er verlangt.
Es zeichnet sich bereits ab, dass ehrgeizige Provinzfürsten ihr neues Kontrollinstrument auch nach dem Ende der Pandemie nicht mehr aus der Hand geben wollen. Schon ist die Rede davon, die Gesundheits-App mit der Sozialversicherungskarte, der Krankenversicherungskarte, dem Führerschein und der U-Bahn-Karte zu verschmelzen.
10. März, USA, Silicon Valley
Tomas Pueyo, zu Hause in einem Vorort von San Francisco, drückt auf »senden«. Dann geht er ins Bett.
Am nächsten Morgen hat sein Artikel mehr als eine Million Leserinnen und Leser. Bald sind es zwei, dann drei, dann 40 Millionen. Und nicht lange, da wird Tomas Pueyo, 38, gelernter Ingenieur, Vater von drei Kindern, Manager eines Start-ups, Spitzname »Yoda«, weil er es seit jeher liebt, komplexe Probleme zu sezieren, zum weltweiten Erklärer der Pandemie.
»Hammer und Tanz«, auch dieser Ausdruck stammt von ihm, längst ist er zu einem geflügelten Wort geworden. Tagelang, erzählt Tomas Pueyo später im Zoom-Interview, habe er überlegt, wie er das Latein der Epidemiologen in griffige, bildhafte Wörter übersetzen könne. Für Lockdown suchte er nach einem aggressiven Bild, schnell hatte er den »Hammer«. Ein Bild für Lockerung zu finden, fiel ihm schwerer. Er kaute auf »Amboss« herum, das passte zum Wortfeld, ergab aber keinen Sinn. Bis ihm plötzlich »Tanz« einfiel. Hatte nichts zu tun mit »Hammer«. Aber es passte. Jeder sieht es vor sich.
»Coronavirus – warum Sie jetzt handeln müssen«, heißt sein erster Artikel, veröffentlicht auf medium.com, glänzend geschrieben, verständlich und klug. Seit Wochen hat Pueyo mit wachsender Sorge beobachtet, wie seine Eltern, seine Freunde, wie Politiker das Virus unterschätzten. Eben noch hatte er keinen Schimmer von Epidemiologie, nun las er sich ein – und machte sich noch mehr Sorgen.
»Das Virus kommt zu Ihnen«, beginnt der Text. »Es kommt mit exponentieller Geschwindigkeit. Ihr Gesundheitssystem wird überfordert sein. Erschöpfte Pfleger werden zusammenbrechen. Ärzte werden entscheiden müssen, welcher Patient beatmet wird und welcher stirbt. Die einzige Möglichkeit, es zu verhindern, ist soziale Distanzierung. Nicht morgen. Heute. Als Politiker, Gemeinderat oder Manager haben Sie die Macht und die Verantwortung, dies zu verhindern.«
Pueyos Rechnung: Wenn heute ein Mensch an COVID -19 stirbt, dann hat er sich wahrscheinlich vor 17,2 Tagen angesteckt. Angenommen, die Sterblichkeit beträgt 1 Prozent – dann könnte es damals 100 Infizierte gegeben haben. Angenommen, die Zahl der Infizierten verdoppelt sich alle 6,2 Tage – dann könnten aus den 100 Infizierten von damals heute bis zu 800 Infizierte geworden sein.
Sprich: Stirbt heute ein Mensch an COVID -19, kann man auf aktuell 800 Infizierte schließen. Woraus folgt: Die offiziellen Zahlen sind lachhaft falsch. Im US -Bundesstaat Washington gibt es damals 140 Infizierte. Es könnten bis zu 16.000 sein – denn 22 Menschen sind gestorben. In Frankreich haben sich offiziell 1.400 Menschen angesteckt. Realistischer wären 24.000 Infizierte – weil es mindestens 30 Todesfälle gibt.
Und so folgt Zahl auf Zahl. Pueyo seziert das Virus nicht als Virologe, sondern umkreist es mit dem Gespür eines Jägers. Corona-Sesamstraße, eine Sendung mit der Maus für die ganze Welt. Er hat einen Krimi verfasst, erzählt in Statistiken und Charts. Einen Bestseller.
Den Lockdown um einen Tag hinauszögern? Macht bis zu 40 Prozent mehr Infizierte und mehr Tote. Zulassen, dass das eigene Gesundheitssystem mit Kranken überschwemmt wird? Könnte die Sterblichkeit verzehnfachen.
Die Verantwortlichen müssen handeln, fordert Pueyo. Sofort. Sofort müssten Macron und Merkel, Johnson und Trump einen Lockdown verkünden.
Es ist der 10. März 2020.
Tomas Pueyos Text schließt mit einer Bitte. »Dies ist vielleicht das einzige Mal, dass das Teilen eines Artikels Leben retten könnte. Die Regierenden müssen das hier verstehen, um eine Katastrophe abzuwenden. Der Moment zum Handeln ist jetzt.« Und: Sie werden auf ihn hören, jedenfalls die Klugen unter den Regierenden. Sie machen Pueyo so zum Mastermind, zum Regierungsberater ohne Auftrag (und ohne Honorar).
10. März, USA, Boston
Wer wegen COVID -19 beatmet werden muss, hat schlechte Karten. Vier von fünf Patienten sterben in manchen US -Bundesstaaten. Wird Jim Bello es schaffen?
Anfang März, nach einem Wanderausflug, hat der Anwalt aus Boston plötzlich hohes Fieber bekommen. Bello ist 48 Jahre alt, verheiratet, Vater von drei Kindern, er ist sportlich: Er joggt, fährt Ski und Rad. Bald wird er positiv auf das Coronavirus getestet, bald leidet er unter Atembeschwerden – und wird in ein Vorstadtkrankenhaus eingeliefert.
Bei rund 80 Prozent der Infizierten verläuft COVID -19 aus ungeklärten Gründen so glimpflich, dass sie keine oder nur milde Symptome ausbilden. Jim Bello hat Pech.
Das ist das Tückische an diesem Virus, es kann jeden und jede treffen, im Restaurant, in der U-Bahn, im Supermarkt. Ein anderer Kunde, der vorbeiläuft, hat zweimal kurz gehustet. Es fällt nicht auf, man schiebt den Gedanken beiseite. Man stellt sich an die Kasse, bezahlt und hat den hustenden Mann schon vergessen. Es geht dir gut, auch einen Tag später und den Tag darauf. Doch nach etwa fünf bis sechs Tagen bekommt man Fieber und beginnt selbst zu husten. Das Immunsystem hat den Kampf gegen den Eindringling aufgenommen. Es fährt die Betriebstemperatur hoch, damit es besser arbeiten kann und es für den Feind ungemütlicher wird; daher das Fieber.
Begonnen hat es mit einem Tröpfchen, viel zu klein, als dass man es sehen könnte. Das Virus ist zunächst in den Nasen-Rachen-Raum gereist und von dort in die Luftröhre vorgedrungen. Sie teilt sich auf Höhe des Brustbeins in die beiden Hauptbronchien, die sich wiederum in feinste Verästelungen auffächern, wie ein Baum.
An den Enden der Äste sitzen dünnwandige Bläschen: die Lungenalveolen. Hier findet über ein feines Kapillarsystem der Gasaustausch statt. Sauerstoff aus der eingeatmeten Luft gelangt ins Blut, Kohlendioxid von dort in die Lungenbläschen zurück. Der frisch eingeatmete Sauerstoff gelangt in die roten Blutkörperchen und wird schließlich über das Kreislaufsystem im ganzen Körper verteilt. Vielleicht schafft das Virus schon im Rachenraum den Übergang in die Schleimhautzellen, die die Hohlräume des Körpers auskleiden, vielleicht gelingt das auch erst in der Lunge. Sie ist das Hauptreiseziel des Virus. Weil die Oberfläche der Lunge mit 100 bis 140 Quadratmetern der Größe einer schönen Fünfzimmerwohnung entspricht – und damit eine riesige Angriffsfläche bietet. Und weil auf dieser Fläche besonders viele Stellen sitzen, an denen das Virus andocken kann.
Wenn SARS -CoV-2 durch den Lungenschleim deines Atemwegsapparates driftet, bleibt es irgendwann mit seinem Protein S an Rezeptor ACE 2 einer Lungenzelle hängen. Protein S ist bekanntlich jenes Eiweiß, das aus der Virushülle herausragt, mit ihm verschafft sich der Eindringling Zutritt in dein Innerstes, deine Zellen. Das Protein S und der Rezeptor ACE 2 passen perfekt und spezifisch ineinander. Wie ein Schlüssel in sein Schloss. Protein S ist der Schlüssel, ACE 2 das dazugehörige Schloss. Allerdings braucht das Protein S zwei Aktivatoren: die Protease Furin und ein Enzym, das die abstrakt klingende Abkürzung TMPRSS 2 trägt. Deine Lungenzelle stellt freundlicherweise beides gleich selbst zur Verfügung. Die zwei Aktivatoren drehen – vereinfacht gesagt – den Schlüssel so, dass er ins Schloss passt; als würde dir jemand dabei helfen, deine Tür mit verbundenen Augen aufzuschließen. So findet Protein S die richtige Position. Steckt der Schlüssel erst einmal, hat Protein S also angedockt, verschmilzt die Virushülle mit der Zellmembran. Die Tür geht auf. Das Virus ist drin.
Sofort wird deine Zelle umprogrammiert: SARS -CoV-2 gibt nun den Takt vor und stellt den Bauplan für neue Viren. Deine Zelle produziert von nun an keine Zellbestandteile mehr nach ihrem eigenen DNA -Plan, sondern Virusbestandteile nach dessen Plan. Das Virus besitzt keine eigene Infrastruktur, es macht sich die Infrastruktur deiner Zelle zunutze. Wie am Fließband produziert die jetzt einzelne Viruspartikel: RNA , das Glykoprotein S, Lipide, andere Virusproteine. Copy, paste . Copy, paste . Copy, paste . Wieder und wieder. Deine Zelle schaltet auf Massenproduktion um. Sobald genug Virenbestandteile vorhanden sind, setzen sie sich selbstständig im Inneren der Wirtszelle zusammen, werden aus dieser entlassen, die nächste Wirtszelle ist an der Reihe, copy, paste.
Natürlich wehrt sich dein Körper, seine Waffe ist das Immunsystem. Genau genommen hast du davon sogar zwei: eines, das Wissenschaftler »angeboren« nennen, ein zweites, das sie »adaptiv« getauft haben. Beide sind eng miteinander verzahnt, jedes hat eigene Aufgaben.
Das angeborene Immunsystem ist evolutionär betrachtet sehr alt; es hat sich vermutlich vor 750 Millionen Jahren herausgebildet. Du kannst es dir wie ein Sondereinsatzkommando vorstellen, das fortwährend durch deinen Körper patrouilliert und darauf achtet, dass niemand reinkommt, der nicht reinsoll. Schafft es doch ein Eindringling in eine Zelle, geht der Alarm los, eine Art Frühwarnsystem: Zytokine werden angeschaltet, zu denen auch Stoffe gehören, die man Interferone nennt. Sie sind wie mikroskopisch kleine Megafone, durch die der Sicherheitstrupp an die Nachbarzellen die Botschaft verbreitet: »Achtung, bitte bereit machen, hier stimmt etwas nicht!«
Jetzt holt dein Körper seinen Notfallplan hervor und aktiviert eine ganze Kaskade weiterer Schritte. Fresszellen und Killerzellen werden zum Ort der Infektion geschickt, um die befallene Zelle zu beseitigen. Ein Entzündungsprozess wird eingeleitet, um noch mehr Abwehrzellen an den Ort der Infektion zu bringen. Zugleich soll die Entzündung die virusinfizierten Zellen eliminieren.
Das adaptive Immunsystem braucht länger, bis es reagiert, meist einige Tage. Dafür arbeitet es sehr viel spezifischer. Während das Interferon-Frühwarnsystem mit seinen Fress- und Killerzellen gegen jedes Virus Alarm schlägt, müssen die sogenannten T- und B-Zellen, die in deinem Blut und in der Lymphe zirkulieren, erst heranreifen, um auf einen spezifischen Erreger reagieren zu können. Sie erkennen ihn über sehr spezifische, dem jeweiligen Virus eigene Eiweiße, sogenannte Antigene. Die T- und B-Zellen bilden daraufhin Antikörper aus, die genau auf das jeweilige Antigen reagieren. Und, das ist der größte Clou deines Immunsystems, es produziert Gedächtniszellen, die sich das jeweilige Antigen »merken«. Sollte dein Körper in Zukunft noch einmal mit diesem Virus in Berührung kommen, kann das Immunsystem sofort die nötigen Antikörper ausbilden. So entsteht Immunität.
Was SARS -CoV-2 im Rahmen seines Raubzugs durch den Körper aber zunächst einmal schafft: eine Entzündung in der Lunge. So können die Lungenalveolen nicht mehr richtig arbeiten, jene dünnwandigen Bläschen, die in deinen Bronchialverästelungen sitzen und an denen normalerweise der Gasaustausch stattfindet. Sie werden leck und laufen mit Flüssigkeit voll. Der Gasaustausch funktioniert nicht mehr, wie er soll – der Patient bekommt Atemnot. Ärzte nennen diese Symptomatik ein akutes Atemnotsyndrom (ARDS ).
Auch bei Jim Bello nimmt COVID -19 diesen Verlauf. Auf dem Röntgenbild der Computertomografie sind seine Lungen weiß wie Knochen, praktisch ohne luftgefüllte Zwischenräume – »eine der schlimmsten Brust-Röntgenaufnahmen, die ich je gesehen habe«, sagt ein Arzt später einer Reporterin der ›New York Times‹, die das Leiden von Jim Bello recherchiert hat. In diesen Bereichen hat das Virus zugeschlagen, die weißen Blutkörperchen von Bellos Immunsystem haben das Gewebe in seiner Lunge zerstört. Die Folge: Es wird nicht mehr ausreichend Sauerstoff transportiert. Die Sättigung in Bellos Blut wird irgendwann unter den Mindestsollbereich von 90 Prozent sinken, das Atmen wird ihm immer schwerer fallen. Statt wie im gesunden Zustand zwischen 12 und 18-mal wird er nun 35-mal oder sogar öfter pro Minute einatmen, er schnappt nach Luft. Doch es hilft nichts: Bello muss künstlich beatmet werden. Es ist die letzte Möglichkeit, ihn vor dem Erstickungstod zu bewahren.
Längst liegt er auf der Intensivstation. Bald verliert er das Bewusstsein.
10. März, Spanien, Valencia
An dem Tag, an dem der italienische Fußballverband alle Spiele der Serie A absagt, findet in Spanien das Champions-League-Rückspiel zwischen dem FC Valencia und Atalanta Bergamo statt. Das Stadion ist leer. Niemand jubelt den Spielern zu. Ein Geisterspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Atalanta gewinnt 4:3, der Stürmer Josip Ilic erzielt alle vier Tore.
»Atalanta und Ilic sind in die Geschichte eingegangen«, schreibt die Lokalzeitung ›Eco di Bergamo‹, aber das Ergebnis rückt bald in den Hintergrund. Fünf Tage nach dem Match teilt Valencia-Verteidiger Ezequiel Garay auf Instagram mit, dass er sich mit Corona angesteckt habe, der erste Infizierte der spanischen Liga. Am gleichen Tag gibt der FC Valencia eine Pressemitteilung heraus: Fünf Menschen aus Mannschaft und Betreuerstab seien positiv getestet worden. Und bald wird auch ein Bergamo-Spieler SARS -CoV-2-positiv sein, Torwart Marco Sportiello.
Welche Rolle hatte das Hinspiel für die Ausbreitung des Virus? Madrider Virologen haben eine Karte über die Verbreitung von 28 in Spanien identifizierten Genomen des Virus erstellt, die durch leichte Mutationen entstehen. Die Hälfte bei spanischen Infizierten isolierten Viren kam demnach über das chinesische Epizentrum Wuhan nach Shanghai und von dort mit Flügen über London und Rom nach Madrid. Und: Die über Mailand gekommene Valencia-Variante breitete sich bis zur spanischen Hauptstadt aus.
Der erste Corona-Kranke Spaniens war laut ›Süddeutscher Zeitung‹ allerdings ein deutscher Tourist auf der Kanarischen Insel La Gomera, Mitarbeiter der Bayerischen Firma Webasto und Teilnehmer am Coaching-Seminar der Kollegin aus Wuhan. Der zweite Fall: ein auf Mallorca wohnender Brite, der sich beim Wintersport in Südtirol angesteckt hatte.
Skiorte, Fußballstadien, Diskotheken – wo Menschen feiern im Februar und März, feiert SARS -CoV-2 mit.
Der Immunologe Francesco Le Foche sagt dem ›Corriere dello Sport‹: »Die Ansammlung Tausender von Menschen, ein paar Zentimeter voneinander entfernt, in nachvollziehbarer Euphorie, Schreien, Umarmungen – das alles kann die Virusreplikation begünstigt haben.« Weil es in Bergamo ein historisches Spiel war, hätten sich vielleicht auch Kranke ins Stadion geschleppt: »Ich kann mir vorstellen, dass jeder zum Spiel gegangen ist, asymptomatische Menschen und solche mit Fieber.«
Giorgio Gori, der Bürgermeister von Bergamo, wird deutlichere Worte finden und das Match eine »biologische Bombe« nennen. Atalanta-Kapitän Alejandro Papu Gómez wird sagen: »Dass wir diese Partien gespielt haben, ist grausam.«
Partita zero wird die Begegnung in Italien inzwischen genannt, Spiel null.
11. März, Österreich, Ischgl
In Ischgl dauert es bis zum späten Nachmittag des 11. März, bis die Behörden das Skigebiet dichtmachen. Zwischen der Warnung aus Island und dem Ende der Saison sind sechs volle Tage vergangen, darunter ein Samstag, der Tag des Bettenwechsels: Tausende Urlauber kommen, Tausende Urlauber gehen und tragen das Virus in die Welt. Noch immer wehren sich die Hoteliers und Gastronomen in Ischgl gegen das frühzeitige Ende der Saison. Ein Abbruch zu diesem Zeitpunkt hieße für sie: keine Riesen-Abschlussparty mit Eros Ramazzotti am 2. Mai, gut 400.000 Übernachtungen weniger, Gewinneinbußen von womöglich 25 Prozent.
Vielleicht blicken die Ischgler Wirte hinaus in die Welt und fühlen sich unfair behandelt. In Orlando, Florida, zum Beispiel spielt Billie Eilish, die momentan wohl angesagteste Sängerin der Welt, ein ausverkauftes Konzert vor 20.000 Fans. In Leipzig, Sachsen, sehen 42.000 Menschen das Champions-League-Spiel von RB Leipzig gegen Tottenham Hotspur aus London. Wenn es noch erlaubt ist, woanders ein Fußballstadion und eine Konzertarena zu füllen, wie schlimm soll es dann in ihren Kneipen sein, wo sie das Spiel zeigen, um an Bier trinkenden Fans Geld zu verdienen?
COVID -19 konfrontiert die Welt mit einer seltsamen Ungleichzeitigkeit der Dinge. An einem Ende der Welt dürfen die Leute, was sie an einem anderen Ort unter Strafe zu unterlassen haben. An einem Ende der Welt ist das Leben, am anderen der Tod. Laut den Zahlen des Robert Koch-Instituts sind weltweit zu diesem Zeitpunkt über 5.000 Menschen an COVID -19 verstorben, 3.100 davon in China. In Deutschland sind es fünf Tote.
Am Ende ist es Bundeskanzler Sebastian Kurz, der am 13. März höchstpersönlich verkündet: Ischgl wird isoliert.
Das RKI braucht offenbar die Worte von Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz, der Ischgl unter Quarantäne stellt, als eine Art Weckruf. Erst am Abend des 13. März stuft das RKI Tirol als Risikogebiet ein. Als sich der ›Spiegel‹ Ende März nach den Gründen für diese späte Reaktion erkundigt, antwortet das RKI , man habe momentan »keine Ressourcen für historische Recherchen«.
Zweck einer Quarantäne ist es meistens, dass Menschen genau dort bleiben sollen, wo sie bereits sind. Um die Verbreitung etwa eines Virus wenn nicht zu stoppen, dann wenigstens zu verlangsamen. Man hätte die Skiurlauber in Ischgl isolieren und testen können. Die Gesunden hätten gehen dürfen, die Infizierten hätten die Erkrankung vor Ort überstehen müssen. In Ischgl aber sollten die Urlauber die Quarantänezone so schnell wie möglich verlassen, alle. Ein fataler Schritt, einer von vielen. Denn er bewirkt das Gegenteil von dem, was eine Quarantäne eigentlich bewirken soll: Die Verbreitung wird beschleunigt.
Viele Hotels werfen ihre Gäste direkt nach der Ankündigung hinaus. So organisieren die Behörden für gut 150 Briten mehrere Busse, die sie, eskortiert von der Polizei, zu einem Hotel in der Nähe fahren. Andere suchen sich eigenständig Unterkünfte in der Umgebung, vor allem in Innsbruck, um die Zeit bis zu ihrem Rückflug zu überbrücken. Vielleicht gehen sie dort in der Stadt spazieren, machen Fotos vom Goldenen Dachl und besuchen abends noch ein Restaurant. All jene Skiurlauber, die das Virus in sich tragen, verteilen es erst in Tirol, dann daheim.
Und doch: Die Verantwortlichen finden lange, sie hätten »alles richtig gemacht«. Das sagt noch am 16. März der Tiroler Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg im ORF . Könnte SARS -CoV-2 nicken, in diesem Moment würde es das tun. Das Krisenmanagement ist so, als habe es sich das Virus selbst ausgedacht. Schuld, sagt der Landesrat, seien die anderen. Die Medien zum Beispiel, die so getan hätten, als sei das Virus in Ischgl entstanden – dabei sei es doch eingeschleppt worden, ins idyllische, wehrlose Tirol.
11. März, Schweiz, Genf
Keine drei Wochen ist es her, dass WHO -Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus nicht von einer Pandemie sprechen wollte. Das sei nicht von den Fakten gedeckt, meinte er damals, und würde die Leute nur verängstigen.
Was also ist nun anders, was macht die Epidemie zu einer Pandemie? Klar, zuerst geht es natürlich darum, wie schnell und wie weit sich eine Krankheit verbreitet. Außerdem, so hatte Tedros Adhanom Ghebreyesus im Februar noch gesagt, käme es auf die Schwere der Fälle an und auf die Auswirkungen auf die Gesellschaft. Und die waren damals noch nicht so, dass er von einer Pandemie reden wollte.
Es gibt ein Bulletin der WHO , in dem diskutiert wird, was eine Pandemie ist und was nicht. Es stammt aus dem Jahr 2011 und beschreibt die Voraussetzungen am Beispiel der Grippe. Die klassische Definition, heißt es darin, geht so: »Eine Pandemie ist eine Epidemie, die weltweit oder in sehr großen Gebieten auftritt, die internationale Grenzen überschreitet und eine Vielzahl von Menschen betrifft.«
Von der Schwere der Krankheit oder Auswirkungen auf die Gesellschaft ist in der klassischen Definition nicht die Rede. Das heißt: Als Tedros Adhanom Ghebreyesus noch nicht von einer Pandemie reden mochte, bezog er sich auf eine Definition, die sein eigenes Haus so gar nicht festgelegt hat. Die WHO wollte aus politischen Gründen noch nicht von einer Pandemie sprechen.
Jetzt hat Tedros Adhanom Ghebreyesus seine Meinung geändert, und wiederum gibt es dafür politische Gründe, nicht medizinische.
Für die tägliche Arbeit der WHO gibt es zwischen Epidemie und Pandemie ohnehin keinen Unterschied. Es existiert kein zusätzlicher Alarmplan, der nur bei weltweiter Verbreitung aktiviert würde. Es gibt im Pandemiefall nur mehr Gesundheitsbehörden, die überzeugt werden müssen, den Empfehlungen der WHO zu folgen, also Betten bereitstellen, Schutzkleidung besorgen, Personal ausbilden.
Tedros Adhanom Ghebreyesus steckt in einer Zwickmühle. Wenn er jetzt von einer Pandemie redet, darf er nicht den Eindruck erwecken, der Kampf wäre sowieso verloren. Pandemie klingt nach: unkontrollierbarer Ausbruch. Das würde nämlich auch bedeuten: Die Weltgesundheitsorganisation mit all ihren Expertinnen, Ärzten, Plänen, Empfehlungen und Komitees hat es nicht hingekriegt.
Andererseits sieht es genau danach aus.
Als Tedros Adhanom Ghebreyesus nun vor die Presse tritt, hat er eine genau durchdachte Argumentation mitgebracht. Er fängt mit der Statistik an: »In den letzten zwei Wochen haben sich die Fallzahlen außerhalb Chinas verdreizehnfacht und die Zahl der betroffenen Staaten verdreifacht.« Dann der Blick in die Zukunft, drohend: »Wir werden mehr Fälle sehen, die Zahl der Toten und der betroffenen Länder wird steigen.«
Als Nächstes: Die eigenen Bemühungen herausstellen und mit dem Finger auf andere zeigen – aber keinen Namen nennen. Er sagt: »Wir haben das Ausbruchsgeschehen rund um die Uhr verfolgt und sind tief besorgt über die Schwere der Fälle und über die Verbreitung.« Er fügt hinzu: »Und über das alarmierende Ausmaß an Tatenlosigkeit.« Und schließlich: »Deshalb haben wir beschlossen, COVID -19 als Pandemie zu bezeichnen.«
Noch immer, sagt er, sei das Virus besiegbar. Alle Länder könnten noch die Kurve abflachen, das ist der tröstliche Teil seiner Rede. Die eigentliche Botschaft aber soll wohl sein: Wir – also die WHO  – »haben laut und deutlich Alarm geschlagen«.
12. März, Berlin
Gemeinsam mit dem Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder und Hamburgs Erstem Bürgermeister Peter Tschentscher tritt die Kanzlerin nach einem Treffen mit den Ministerpräsidentinnen und -präsidenten vor die Presse. Sie bitte die Deutschen, Sozialkontakte zu meiden. Heißt: kein Angrillen mit den Nachbarn, keine runden Geburtstage, möglichst keine Theateraufführungen und Konzerte. Ein gravierender, nie zuvor da gewesener Eingriff in die Freiheit des Einzelnen. Nichts, worum man leichtfertig bittet.
Merkel bereitet die Deutschen darauf vor, dass »60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infiziert werden könnten«, also 60 Millionen Deutsche, und vermittelt so unbewusst die Botschaft: Wenn so viele das kriegen, dann wird es sein wie eine Erkältung. Eine Botschaft, die in den nächsten Wochen dazu beiträgt, dass viele Deutsche das Virus nicht ernst genug nehmen.
13. März, Berlin
Es braucht fünf Tage, 2.160 weitere Corona-Infizierte und die Erklärung der WHO , bis Gesundheitsminister Spahn einsehen muss, dass er falschlag. Fast alle Bundesländer kündigen jetzt an, Schulen und Kitas ab der kommenden Woche zu schließen. Spahn ruft zurückkehrende Reisende aus Italien, Österreich und der Schweiz zu freiwilliger Quarantäne auf. »Wenn Sie innerhalb der letzten 14 Tage in #Italien, in der #Schweiz oder in #Österreich waren: Vermeiden Sie unnötige Kontakte und bleiben Sie 2Wochen zu Hause – unabhängig davon, ob Sie Symptome haben oder nicht«, schreibt er auf Twitter. Bisher wurde das nur Menschen empfohlen, die Symptome wie Fieber oder trockenen Husten zeigten. Doch vor allem in Italien und auch in der Schweiz breitet das Virus sich immer weiter aus. Das erfordert härtere Maßnahmen.
13. März, USA, Boston
Der Gesundheitszustand von Jim Bello, dem Anwalt aus Boston, hat sich verschlechtert. Auf der Intensivstation wird er künstlich beatmet, und das bedeutet für seinen Körper: Stress. Erst die Betäubung, dann der Schlauch. Die Ärzte müssen ihn tief in die Luftröhre schieben, nun presst eine Maschine Sauerstoff hindurch in die Lunge.
Eine künstliche Beatmung ist ein massiver Eingriff. Er erfordert Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Die Kunst liegt darin, genügend Druck zu geben, um die Atemwege offen zu halten – aber nicht so viel, dass die Lungen überdehnt und weiter verletzt werden. Die Einstellungen eines Beatmungsgeräts müssen fortlaufend mit den Werten abgestimmt und an die Verfassung des Patienten angepasst werden: Sauerstoff, Atemfrequenz und -volumen, Druck und Luftfeuchte jedes Atemzugs. Außerdem wird der Kohlenstoffdioxidgehalt in der Ausatemluft gemessen: Wo Sauerstoff reinkommt, muss CO 2 rauskommen.
Um diesen Gasaustausch zu verbessern und einen Kollaps der Lungenflügel zu verhindern, wird man im sogenannten PEEP -Verfahren (»Positive End-Expiratory Pressure«) auf den Bauch gedreht. Die Beatmung erfolgt unter Überdruck. Hoch konzentrierter Sauerstoff wird in die Lungen gepresst, und die entzündeten Lungenbläschen entfalten sich. Durch ihre Membran strömt der Sauerstoff ins Blut. Ein Ventil hält den Druck hoch, um zu verhindern, dass sich bei der Ausatmung die Lunge wieder an den Umgebungsdruck anpasst. Weil die Maschine den Druck im unteren Teil der Lunge nicht aufrechterhalten kann, muss man ständig vom Rücken auf die Seite auf den Bauch gedreht werden und wieder zurück. Für den diensthabenden Intensivpfleger bedeutet das: Schwerstarbeit.
Im Körper gerät einiges durcheinander, vielleicht kommt es zum Worst Case. Die Sicherheitstrupps des Immunsystems sind höchst aktiviert – der Körper durchlebt einen Zytokin-Sturm. Das Virus hat durch einen Trick das Interferon-Frühwarnsystem ausgeschaltet, wodurch es sich zunächst ungehemmt vermehrt hat. Nicht mehr nur in der Lunge. Auch im Darm, in der Niere, im Herzen. Die Entzündung wird systemisch.
Dadurch aber hat das Immunsystem immer neue Signale empfangen, ausgelöst durch die Zytokin-Flutung. Also fährt das Immunsystem sein Waffenarsenal weiter hoch – es überreagiert. Und greift nun den eigenen Körper an. Gelangt die Infektion in die Blutbahn, entsteht das, was jeder Arzt fürchtet: eine Sepsis. Durch sie weiten sich die Blutgefäße, ihre Wände werden durchlässig. In der Folge werden die Organe unterversorgt, die Niere, die Leber, das Herz.
Weitere Komplikationen sind nicht unwahrscheinlich in diesem Zustand, der Körper ist jetzt extrem anfällig, zusätzliche Erreger haben leichtes Spiel. Irgendwann kann das ganze System kippen; die Ärzte bekommen das überschießende Immunsystem nicht mehr in den Griff.
Auch Jim Bello hängt an der Beatmungsmaschine, um sein Bett herum stehen Maschinen, die ihn überwachen, es piept und blinkt. Er ist bewusstlos, während der Kampf in seinem Körper tobt.
Vanessa Hernandez, Krankenschwester, Miami
»Wir sind nicht genug. Wir haben nicht genug. Es gibt keine Helden in einer Pandemie. Dieses Virus macht uns kaputt.«
13. März, USA, Washington
Es ist ein milder Nachmittag in Washington D.C., 25 Grad und leichter Sonnenschein, als der Präsident im Rosengarten des Weißen Hauses ans Rednerpult tritt und den nationalen Notstand ausruft. »Two very big words«, sagt Donald Trump, dunkler Anzug, rote Krawatte. Und liest ab: »Durch gemeinsame Anstrengungen, geteilte Aufopferung und nationale Entschlossenheit werden wir die Bedrohung durch das Virus bewältigen.«
Seit Wochen bekämpfen sich zwei Lager im Weißen Haus. Eine »Gesundheitsfraktion« rund um Deborah Birx, die harte Einschränkungen fordert, und eine »Wirtschaftsfraktion« um Finanzminister Mnuchin, die dagegen ist. Zwei Tage zuvor soll es zum Showdown im Oval Office gekommen sein, wie ›Bloomberg News‹ recherchierte. Präsident Trump hörte zu, wie seine Untergebenen über ein Einreiseverbot für Europäer stritten. Finanzminister Steven Mnuchin plädierte ein weiteres Mal, dass strikte Maßnahmen die USA in eine Depression stürzen würden. Worauf Robert O’Brien, der nationale Sicherheitsberater, entgegnet habe: Die Wirtschaft würde ohnehin den Bach hinuntergehen, ganz gleich, ob sie jetzt handeln.
Trump ließ sie eine Weile weitermachen, dann schickte er sie nach nebenan und sagte ihnen, sie sollten mit einem Plan zurückkommen, hinter dem alle stehen könnten. Als sie zurückkamen, hatten sie sich geeinigt: Ja, die Grenzen sollten für Europäer geschlossen werden.
Trump machte sich bereit, eine Rede an die Nation zu halten. Sie wurde ein Desaster, sie enthielt zwei grobe Fehler. Trump sagt, dass »wir alle Reisen von Europa in die Vereinigten Staaten für die nächsten 30 Tage aussetzen werden« – falsch, nur Ausländer, die zuvor in Europa waren, sollten fernbleiben. Er sagt, die Krankenkassen des Landes würden Zuzahlungen für Virustests und -behandlungen leisten – was besagte Krankenkassen bald ablehnen werden. Und dann verspricht sich Trump: Auch der Handel von Gütern werde für drei Wochen unterbrochen.
Den Handel unterbrechen? Das gibt den Börsen den Rest. Am nächsten Tag rauschen die Kurse, seit drei Wochen im Sinkflug, noch einmal um zehn Prozent in den Keller, der größte Verlust seit 1987.
Drei Tage später wird Trump weitere Einschränkungen verkünden. Reisen sollten unterbleiben, Schulen geschlossen, größere Treffen abgesagt werden. Aber es sind nur Empfehlungen. Trump überlässt es den Gouverneuren in den Bundesstaaten, sie umzusetzen.
Manche, wie in Ohio, handeln vorbildlich. Andere, wie in Florida, verantwortungslos.
13. März, Peking/Rom
Am 13. März landet ein Flugzeug mit Schutzkleidung, Beatmungsgeräten und neun chinesischen Medizinern auf dem Fiumicino-Flughafen in Rom. Sie werden vom Chef des italienischen Roten Kreuzes empfangen. Es ist eine Staffelübergabe: Italien wird das Zentrum der Pandemie. Es sieht aus wie eine Wiedergutmachung: Erst hat China das Virus in die Welt entkommen lassen, nun unterstützt es Italien, wo es am heftigsten wütet.
Es ist der Beginn einer PR -Kampagne, mit der die chinesische Führung ihre Rolle in dieser Pandemie umzudefinieren versucht. Sie will davon ablenken, dass sie es durch anfängliches Zaudern und Vertuschen versäumt hat, die Seuche zu stoppen, als es wohl noch möglich gewesen wäre. Stattdessen inszeniert sich Xi Jinping als Führer einer verantwortungsvollen Großmacht, die der Welt mit der Abriegelung Wuhans wichtige Zeit erkauft habe und nun andere Länder in ihrem Kampf gegen COVID -19 unterstütze.
Die eigene Bevölkerung will Xi Jinping glauben machen, dass Chinas Vorgehen gegen die Epidemie so erfolgreich sei, dass es anderen Ländern als Vorbild gelte. Tagtäglich berichten die Staatsmedien über Telefonate Xi Jinpings, in denen die Führer der Welt ihm Anerkennung und Dank zollen.
Die passenden Bilder dazu liefert der serbische Präsident, der zur Begrüßung eines chinesischen Ärzteteams am Belgrader Flughafen die chinesische Fahne küsst. Viele Chinesen erfüllt das mit Stolz. Zumal sie durch eigene Entbehrungen dazu beigetragen haben, dass die Infektionszahlen in China sinken, während Europa nun offiziell das Epizentrum der Krise ist. Unwidersprochen bleibt die Propaganda aber nicht. Zhao Shilin, ein emeritierter Professor und früheres Mitglied des Zentralkomitees, schreibt in einem offenen Brief an Xi Jinping: »Die Körper unserer verstorbenen Landsleute sind noch warm, da sollten wir nicht so eifrig sein, uns selbst zu huldigen. Die Lobeshymnen sollten nicht die Lehren überdecken, die wir ziehen sollten.«
Die amerikanische Botschafterin in Warschau wird später in einem Interview sagen, China habe die Lieferung von Schutzkleidung an Polen davon abhängig gemacht, dass Präsident Andrzej Duda dem chinesischen Staatschef in einem Telefongespräch danke. Bestätigt wird das in Warschau nicht, doch etwas Ähnliches spielt sich in Deutschland ab: Chinesische Diplomaten drängen deutsche Beamte, sich lobend über Chinas Krisenmanagement zu äußern. Um den Maskenlieferungen etwas Visionäres anzuhaften, spricht Xi Jinping von einer »Seidenstraße der Gesundheit«, die China gemeinsam mit seinen Partnern bauen wolle.
Die Vehemenz, mit der China diese Kampagne betreibt, hat mit dem 7. Februar zu tun. Der Tag, an dem Li Wenliang stirbt, trifft die Kommunistische Partei tief ins Mark. Die Rufe nach politischen Reformen sind so laut wie seit der Studentenbewegung von 1989 nicht mehr. Die Autorität des Parteichefs steht auf dem Spiel. Denn es gibt Stimmen, die die Katastrophe von Wuhan nicht nur lokalen Kadern anlasten, sondern den Eigenheiten jenes zutiefst autoritären Systems, das Xi Jinping seit seinem Machtantritt von 2012 in seinem Sinne geformt hat. Eine alternative Wahrheit muss her. Der Propagandaapparat leistet ganze Arbeit.
Der Regierung in Peking kommt dabei zugute, dass nun aus Italien und den USA jene Bilder dringen, die die chinesische Bevölkerung aus Wuhan nicht sehen durfte. Bilder der Verzweiflung, der Überforderung, des Chaos. Auf einmal erscheint das Versagen der eigenen Politiker in einem milderen Licht. Als Vergleich steht den Chinesen das erratische Krisenmanagement des amerikanischen Präsidenten vor Augen. Fassungslos verfolgen sie die Berichte über junge New Yorker, die ihr Recht auf Partys einfordern und freimütig erklären, dass die Seuche ihnen in ihrem Alter ohnehin nichts anhaben könne. Für Kopfschütteln sorgt auch die Debatte in Großbritannien über Herdenimmunität. Das Narrativ vom überlegenen chinesischen System und der Dekadenz des Westens erscheint da nicht mehr ganz so abwegig.
Wie jede gute Propaganda ist auch diese nicht zu weit von der Wirklichkeit entfernt. Tatsächlich hat die chinesische Führung nach der ersten Phase der Vertuschung erhebliche Ressourcen mobilisiert, um das Virus in Wuhan unter Kontrolle zu bekommen. Dieser Kraftakt wird zumindest von jenen anerkannt, die keine Angehörigen verloren haben. Die anderen, die noch immer Rechenschaft und Wiedergutmachung einfordern, werden nun gezielt drangsaliert.
Sieben Angehörige, die Klage gegen die Wuhaner Lokalregierung einreichen wollten, werden von der Polizei eingeschüchtert. Freiwillige eines Onlineprojekts, das zensierte Medienberichte für die Nachwelt archiviert, verschwinden. Und die Wuhaner Schriftstellerin Fang Fang, deren Tagebuch über den Lockdown in Deutschland und Amerika als Buch erscheint, wird von einer Horde nationalistischer Blogger und Internet-Trolle zum Volksfeind erklärt, Morddrohungen inklusive. Befeuert wird der Nationalismus von den durchschaubaren Versuchen Donald Trumps, mit Schuldzuweisungen an China von eigenen Fehlern abzulenken. In dieser aufgeheizten Stimmung wird jeder, der es wagt, noch Kritik an der chinesischen Regierung zu üben, zum Nestbeschmutzer deklariert. In der chinesischen Diktatur ist es allerdings unmöglich, die wahre öffentliche Meinung zu ermitteln.
Nicht nur Chinas Rolle in der Pandemie wird umdefiniert, sondern auch die Xi Jinpings. Die leninistische Geschichtsschreibung bringt es fertig, seinen Auftritt als Krisenmanager vorzudatieren. Ursprünglich war sein Name erstmals am 20. Januar im Zusammenhang mit der Krise genannt worden. Er habe angeordnet, das neue Coronavirus entschieden zu bekämpfen, meldet seinerzeit Xinhua. Doch Mitte Februar wird es auf einmal heißen, der Parteichef habe schon am 7. Januar in einer Politbüro-Sitzung entsprechende Maßnahmen eingeleitet.
Gäbe es in China eine freie Presse, dann hätte dies die Frage aufgeworfen, warum der Parteichef die eigene Bevölkerung dann 13 Tage lang im Ungewissen ließ, obwohl er doch schon so früh von dem Ausbruch gewusst habe. Doch diese Frage wird nicht gestellt. Das frühere Datum soll offenbar den Eindruck zerstreuen, Xi Jinping habe die Krise verschlafen und seinen Apparat womöglich nicht im Griff. Denn vorher hat er sich derart rargemacht, dass im Internet die Frage laut wurde: »Wo ist diese Person?« All das ist nun vergessen.
13. März, Berlin
Am 13. März beschließt die Kanzlerin gemeinsam mit den 16 Ministerpräsidentinnen und -präsidenten, die deutschen Krankenhäuser und medizinischen Einrichtungen auf den Pandemiebetrieb umzustellen. Nicht dringende Operationen werden verschoben, die Betten sollen frei bleiben für COVID -19-Infizierte.
Die kollektive Angst der nun beginnenden Pandemie: das Gesundheitssystem könne zusammenbrechen. Man fürchtet »italienische Zustände«, man fürchtet die Triage, die Einteilung von Kranken nach der Schwere ihrer Erkrankungen, die Ärzte zwingt, eine der schwierigsten Fragen der medizinischen Ethik zu beantworten: Wem helfen sie, wenn sie nicht allen helfen können?
Bereits Ende Januar hat die Deutsche Ärztekammer gewarnt, die Krankenhäuser wären im Fall einer Pandemie überfordert, weil man sie in den vorangegangenen Jahren dem Markt angepasst habe: Aus Krankenhäusern wurden Wirtschaftsbetriebe, aus Operationen Bilanzposten. Geld bringt, was nicht lange dauert. Ärzte fehlen, Betten fehlen, es gibt in Deutschland kaum Einzelzimmer mit besonderen Vorschleusen für hochansteckende Quarantänepatienten.
14. März, Italien, Bergamo
Am Vortag sind allein in der Lombardei 966Menschen gestorben. Die Krankenhäuser sind zu Orten des Schreckens geworden. Krankenwagen stehen Schlange, schon auf dem Weg in die Klinik sterben die ersten Patienten.
Am schlimmsten ist es in der Provinz Bergamo. Das Krematorium kommt nicht hinterher, die Leichen zu verbrennen. Es arbeitet 24 Stunden am Tag, an sieben Tagen die Woche, und doch beträgt die Wartezeit, um einen Leichnam einäschern zu lassen, 15 Tage.
Bilder gehen um die Welt und sind den Menschen eine Warnung. So heftig also kann es enden. Ein Video: Jemand blättert durch die Lokalzeitung ›Eco di Bergamo‹. Zuerst in einer Ausgabe, die einen Monat alt ist. Die Traueranzeigen füllen eine Seite. Dann sieht man die aktuelle Ausgabe. Zehn Seiten füllen die Traueranzeigen jetzt. Der Blätternde, ein italienischer Journalist, stellt das Video auf Twitter. Millionen sehen es.
Ein Foto: eine Reihe von Militärfahrzeugen, Lastwagen in Tarnfarben. Es ist Abend, die Scheinwerfer sind eingeschaltet. Sie stehen Schlange auf einer Straße Richtung Friedhof. Ein Militärkonvoi in Friedenszeiten, der Leichname transportiert, wer hätte so etwas für möglich gehalten? Allein an diesem Tag werden 70 Fahrzeuge zu diesem Friedhof in Bergamo fahren, um Verstorbene aufzuladen und auf andere Regionen zu verteilen.
Am gleichen Tag veröffentlicht der Anästhesist Mirco Nacoti zusammen mit Kollegen einen Artikel im Fachblatt ›NEJM Catalyst‹. Ihre Prämisse: Das, was sich in der Provinz Bergamo abspielt, könnte sich überall auf der Welt wiederholen. Christian Drosten teilt den Artikel auf Twitter: »Ein Weckruf aus Bergamo. Dringende Leseempfehlung. Alle Entscheider sollten diesen Text kennen.«
Die Debatte um die Intensivstationen, glauben die Autoren, greife zu kurz. In Zeiten einer Pandemie sei der patientenzentrierte Ansatz westlicher Gesundheitssysteme untauglich. Krankenhäuser würden zu Zentren der Ansteckung, wo sich Krankenhausmitarbeiter, Pflegerinnen, Krankenwagenfahrer und Patienten infizierten, das Virus hinaus in die Welt tragen könnten. So breite sich COVID -19 aus, das Gesundheitssystem kollabiere.
Es brauche darum einen gemeinschaftsorientierten Ansatz, regen die Autoren an. Einen Ansatz, der die öffentliche Gesundheit als Ganzes betrachtet. Einen, der in einer Pandemie sicherstellt, dass Menschen weiterhin geimpft werden; dass Frauen weiter in Sicherheit gebären können, Krebspatienten weiter bestrahlt werden. »Wenn all das nicht mehr garantiert werden kann, sterben insgesamt mehr Menschen«, sagt Nacoti.
Im Gespräch mit Nacoti ist zu spüren, wie sehr ihn die Situation auch Wochen nach der Veröffentlichung noch umtreibt. Die Debatte habe sich viel zu sehr verengt auf die Zahl der Intensivbetten. Ein Fehler sei auch die Annahme gewesen, dass jeder Mediziner in der Lage sei, mit solch einer Ausnahmesituation richtig umzugehen. Stattdessen brauche es Experten, die Erfahrung im Umgang mit Epidemien und humanitären Krisen haben und Entscheidungsträger beraten können. Daher richten Nacoti und Kollegen einen dringenden Appell an die Öffentlichkeit: Man brauche einen Langzeitplan für die nächste Pandemie.
Valeria Gaffuri, Krankenpflegerin im Krankenhaus
Sant’Anna (Como)
»Selbst viele junge Leute fragten uns: Sterbe ich? Was wird mit mir passieren? Sie haben Smartphones, zumindest diejenigen, die nicht intubiert sind, und können mit Verwandten in Kontakt bleiben. Ältere Menschen haben oft nur alte Handys und sind wirklich allein. Ich arbeite in der Geriatrie, den Tod habe ich schon immer gesehen. Aber davor gab es immer Familienmitglieder. Jetzt bist du alleine mit dem Patienten und fühlst dich hilflos.«
15. März, Mainz
Während sich das Coronavirus weltweit ausbreitet und die Zahl der Infizierten und Toten rapide ansteigt, forschen zahlreiche Labore und Unternehmen an einem Impfstoff. Jeder kluge Kopf in der Wissenschaft, der sich auf dieses Rennen einlässt, weiß: Finde ich zuerst den rettenden Impfstoff gegen COVID -19, globaler Dank ist mir sicher. Die Forscherinnen und Forscher lockt der Eintrag in die Geschichtsbücher – auf ihre Konzerne wartet üppiger Gewinn.
Uğur Şahin weiß das alles. Der 54-Jährige leitet mit seiner Frau Özlem Türeci die Mainzer Biotechfirma BioNT ech. Über die Jahre hat sich das Unternehmen in der Entwicklung individualisierter Krebstherapien einen Namen gemacht. Şahin ist ein zurückhaltender, schlanker Mann mit raspelkurzen, dunklen Haaren. Sein Auftreten ist leise, aber bestimmt. Am 24. Januar war der Professor für experimentelle Krebstherapie im Fachmagazin ›The Lancet‹ auf einen Bericht gestoßen, der für ihn, seine Frau und viele seiner Mitarbeiter alles änderte: »A familial cluster of pneumonia associated with the 2019 novel coronavirus« wird da beschrieben, also die epidemiologischen, klinischen und mikrobiologischen Befunde von fünf Mitgliedern einer chinesischen Familie. Sie litten nach einem Besuch in Wuhan unter einer ungeklärten Lungenentzündung. Weitere Berichte zu SARS -CoV-2 folgten. Şahin war schnell klar, dass das wissenschaftliche Know-how seines Unternehmens hier einen entscheidenden Beitrag leisten kann. Er will Verantwortung übernehmen – und schwenkt um. Das Problem: Sein neuer Gegner ist unsichtbar. Noch.
Die Suche nach einem Impfstoff sei ein »Menschheitsprojekt«, wird Şahin danach stets in Interviews erklären. »Je früher ein effektiver Impfstoff verfügbar ist, desto früher können wir alle in unser altes Leben zurückkehren.« Um das zu erreichen, will er den Impfstoff in »Lichtgeschwindigkeit« entwickeln. Und so heißt das Projekt dann auch: Lightspeed. 400 der 1.300BioNT ech-Mitarbeiter sitzen seither rund um die Uhr an der Impfstoffentwicklung. Dreischichtbetrieb, sieben Tage die Woche, schreibt später das ›Manager-Magazin‹.
An diesem Tag stellen Şahin und Türeci ihren Kandidaten öffentlich vor, ein antiviraler Impfstoff mit dem kryptischen Namen BNT 162. Partner sind das chinesische Unternehmen Fosun, mit dem Pharmagiganten Pfizer laufen enge Gespräche. Schon Ende April sollen in Europa, den USA und in China klinische Tests starten.
Eine antivirale Impfung? Kann das gut gehen? Bisher waren antivirale Schutzimpfungen gegen sich rasch genetisch verändernde Erreger wie Influenzaviren oder unerwartet auftretende »Emerging Disease Threats« wie Zika und SARS kaum erfolgreich.
Es ist ein Wettrennen gegen das Virus. Und längst auch gegen die Konkurrenz. Weltweit arbeiten Dutzende Forscherteams an der Entwicklung eines Impfstoffs. Sie schließen immer mehr Wissenslücken über die Infektionswege des Virus und dessen Weg direkt in die menschliche Lunge. Sie suchen nach Andockstellen und der richtigen Strategie, den Schädling aus dem Körper zu vertreiben.
Ein Impfstoff ist eine Art Hütchenspielertrick: Er gaukelt dem Körper etwas vor, was nicht da ist, und lässt ihn glauben, er sei mit einem gefährlichen Erreger infiziert. Gelingt der Trick, bildet das Immunsystem Antikörper und T-Zellen zur Virenabwehr. Dadurch wird das sogenannte Immungedächtnis aufgebaut. Trifft der echte Erreger später tatsächlich auf den Menschen, kann sein spezifisches Immunsystem umgehend reagieren und die Erkrankung abwehren. Normalerweise dauert die Entwicklung eines Impfstoffs 12 bis 18 Jahre – diesmal soll es schneller gehen.
Es gibt mehrere Impfstofftypen, man kann sie grob kategorisieren in Lebend- und Totimpfstoffe:
Lebendimpfstoffe: Üblicherweise verabreicht man bei Impfungen abgeschwächte Krankheitserreger. Sie lösen keine Erkrankung aus, allerdings kann es zu Krankheitssymptomen kommen, weil der Körper des Menschen durch die Eindringlinge sein Abwehrsystem trainiert und im Falle eines späteren Angriffs dann den tatsächlichen Erreger abwehren kann.
Aufbauend auf diesem Prinzip sind etwa auch der erste zugelassene Ebola-Impfstoff und weitere experimentelle Impfstoffe entwickelt worden. Diese Strategie kommt nun beispielsweise in den SARS -CoV-2-Projekten des Pharmakonzerns Janssen und der University of Oxford zur Anwendung.
Andere Impfstoffe wie BNT 162 von BioNT ech oder auch der von CureVac aus Tübingen enthalten ausgewählte Gene des Virus in Form von mRNA oder DNA . Diese sollen nach der Injektion im Körper die Bildung von dann ungefährlichen Virusproteinen hervorrufen, die dann wie bei einem konventionellen Impfstoff den Aufbau des Immunschutzes bewirken.
Die RNA -Technik gilt in der Forschung als besonders interessant, weil sie eine relativ schnelle Entwicklung von Impfstoffen und einen schnellen Aufbau von Produktionskapazitäten verspricht. Auch wenn es bisher keine einzige zugelassene mRNA -Vakzine gibt, gelten mRNA -Impfstoffe gegen SARS -CoV-2 daher als Hoffnungsträger.
Totimpfstoffe: Sie enthalten abgetötete Krankheitserreger, die jedoch so abgeschwächt wurden, dass sie die Erkrankung selbst nicht auslösen. Das Immunsystem erkennt aber die Virusproteine und bildet dagegen die passenden Antikörper.
Mehrere Projekte, die auf Impfstoffe mit Virusproteinen abzielen, wie etwa die von Novavax, Greffex, der University of Queensland und der Kooperation von Sanofi und GSK , beruhen zumindest in Teilen auf lang bewährter Technologie. Sehr viele zugelassene Impfstoffe sind so zusammengesetzt, etwa solche gegen Tetanus, Hepatitis B oder Grippe.
16. März, Lübeck
Der 16. März ist ein schwarzer Montag für die weltweiten Aktienmärkte. Die Ölpreise stürzen ab, Fluggesellschaften stellen den Verkehr ein. Doch ein Wert klettert an der Frankfurter Börse auch an diesem Tag nach oben: die Aktie des deutschen Medizintechnikunternehmens Dräger. Drei Tage davor, am Nachmittag des 13. März, hat man den größten Auftrag der Firmengeschichte bekannt gegeben: 10.000 Beatmungsgeräte, bestellt von der Bundesregierung. Geschätztes Volumen: 200 Millionen Euro. Das Lübecker Unternehmen hilft, Minister Spahns Beatmungsproblem zu lösen. Das lohnt sich: Am Ende des Monats wird die Dräger-Aktie den höchsten Wert seit 2017 verzeichnen.
»Die Situation erfüllt uns mit Demut, aber auch mit Stolz«, erklärt der Vorstandsvorsitzende Stefan Dräger. Die Bundesregierung ist nicht der einzige Kunde. Dräger kann den Anfragen aus aller Welt gar nicht in vollem Umfang gerecht werden. Allein die Produktion der 10.000 Geräte für Deutschland, ein Vielfaches der üblichen Jahresproduktion, wird bis Weihnachten dauern.
Deutschland hat eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Allein 28.000 Intensivbetten stehen zu Beginn der Pandemie zur Verfügung. Etwa 20.000 davon sind mit einem Beatmungsgerät ausgestattet. Nirgendwo in Europa gibt es mehr.
Und doch wächst mit jedem Tag und jeder neuen Infektion die Angst vor einem Systemkollaps. Die Auslastung der Intensivbetten ist hoch, Anfang März liegt sie durchschnittlich noch bei 70 bis 80 Prozent.
Die Intensivpflegeplätze für die Behandlung der schweren COVID -19-Fälle müssen freigeräumt werden. Nur hier kann künstlich beatmet werden. Hüft-OP s, Schönheitseingriffe und alle anderen elektiven, also medizinisch nicht dringend gebotenen Operationen, werden verschoben. Andere Stationen werden für die Intensivpflege umfunktioniert. Wirtschafts-, Gesundheits- und Verteidigungsministerium bemühen sich international um die Besorgung weiterer Beatmungsgeräte. Alles, um den befürchteten Engpass um jeden Preis zu vermeiden.
Weltweit produzieren Medizintechnikunternehmen wie Dräger am Limit. Hilfe wird ihnen von der Autoindustrie angeboten: Volkswagen bereitet sich auf die Herstellung von Bauteilen für Beatmungsgeräte vor. Hierfür sollen 125 industrielle 3-D-Drucker verwendet werden. Auch Daimler ist zur Hilfe bereit. Doch prompt kommt die Antwort aus der Medizinwirtschaft: So einfach geht das nicht. Die Zertifizierung ist aufwendig, die Produktionsabläufe komplex, und Einzelteile müssen aus aller Welt geliefert werden. Außerdem ist da die Frage der Sicherheit: Fällt ein Beatmungsgerät aus, stirbt der Patient. So einfach, so kompliziert.
Die Herstellung eines Beatmungsgeräts dauert einige Stunden. Entscheidend ist dabei vor allem die Gesamtwiederbeschaffungszeit, also die Dauer, um die Lieferkette zu füllen. Jede Maschine besteht aus rund 500 Teilen von 120 Lieferanten.
Auch in anderen Ländern bieten Autofirmen ihre Unterstützung an. In Italien sind es Ferrari und Fiat. In Amerika prüfen General Motors und Ford ihre Möglichkeiten. Donald Trump will die Wirtschaft notfalls zur Produktion von Beatmungsgeräten zwingen.
In Deutschland ist man von diesen Zahlen und Problemen weit entfernt. Doch auch hier werden die Schwächen des Gesundheitssystems aufgedeckt: Es fehlt insgesamt an mindestens 17.000 Krankenpflegern und Intensivfachkräften. Ohne ihr Wissen und ihre Kompetenz kann kein Beatmungsgerät funktionieren, müssten Intensivstationen geschlossen werden.
Das weiß auch Stefan Dräger. Er pocht auf eine sehr differenzierte Verteilung der Geräte im Bundesgebiet und warnt vor Hamsterkäufen durch Krankenhäuser. »Es geht nicht um das Gerät, sondern um den Menschen, der dranhängt«, sagt er. Es erfordere jahrelange Erfahrung, das Befinden der Patienten einzuschätzen und zu wissen, wie das Gerät richtig eingestellt werden muss, damit die Menschen wieder gesund werden. Daher müssten Zentren, die Patienten mit akutem Lungenversagen behandeln, bevorzugt beliefert werden. Dräger: »Die können auch das Personal schneller anleiten.«
16. März, USA, Boston
Auch in Boston sind die Ärzte ratlos, wie sie COVID -19-Patienten behandeln sollen. Auch bei Jim Bello, dem Anwalt, der in diesen Tagen um sein Leben kämpft. Sie verabreichen ihm Remdesivir, als Teil einer klinischen Studie, vielleicht hat er auch ein Placebo bekommen; sogar Hydroxychloroquin geben sie ihm, das von Präsident Trump so lautstark propagierte Anti-Malaria-Mittel, das sich bald als schädlich erweisen wird.
Kurzzeitig scheint Jim Bello auf dem Weg der Besserung. Doch plötzlich verschlechtert sich sein Zustand rapide. Die Intensivpfleger drehen ihn vorsichtig, um den Druck seines Herzens gegen seine Lungen zu minimieren und so die Atemwege zu entlasten. Doch das hilft nur kurz. Der Sauerstoffgehalt in seinem Blut sinkt weiter. Nur eine Chance hat er jetzt noch: ECMO , die extrakorporale Membranoxygenierung, ein hoch riskantes Verfahren. Sein Blut wird in eine Maschine geleitet, die es mit Sauerstoff anreichert und zurück in den Körper pumpt. Jederzeit kann es zu Komplikationen kommen, zu Blutungen und Schlaganfällen.
Am 27. März versucht eine Krankenschwester, Jim Bello vorsichtig zu bewegen, um ein Wundliegen zu verhindern. Das kostet ihn fast sein Leben. Einige Tage später ruft der diensthabende Arzt laut ›New York Times‹ Jim Bellos Frau an. Ja, sie dürfe zu ihrem Mann, eine Viertelstunde lang. Sie dürfe seine Hand halten und ihm zureden. In Schutzkleidung betritt sie sein Zimmer und sitzt mehrere Stunden an seiner Seite.
Niemand wird je sagen können, warum Jim Bello überleben wird. Weil sein Körper am Ende stärker war als das Virus? Weil er Glück hatte? Weil er die Nähe seiner Frau spürte? War es das, was ihn zurück ins Leben holte?
Fest steht: Wenig später verbessert sich sein Zustand. Bello braucht die ECMO nicht mehr. Die Entzündung seiner Lungenbläschen geht zurück, die nächste Phase der Beatmung wird eingeleitet: die Entwöhnung. Diese Phase dauert in der Regel die Hälfte der gesamten Beatmungszeit. Wie jeder andere Muskel, der über Wochen nicht benutzt wird, hat sich während der künstlichen Beatmung die Atemmuskulatur zurückentwickelt. Bello würde ersticken, würde er einfach vom Gerät getrennt. Also muss er das Atmen üben, eine Art Fitnesstraining für die Lunge durchlaufen.
Eine Entwöhnung läuft folgendermaßen ab: Zunächst wird das Narkosemittel so weit reduziert, dass der Patient aufwacht. Eine Intensivpflegekraft ist dabei, wartet ab, bis er die Augen öffnet, die Gesichtsmuskeln bewegt und selbstständig zu atmen beginnt. Nun folgt ein Balanceakt, den der Pfleger oder die Pflegerin mit dem Patienten wie auf einem Drahtseil geht. Einerseits muss der Patient wach genug sein, um selbst atmen zu können – andererseits müssen die Medikamente so eingestellt sein, dass der Patient keinen Stress bekommt.
Täglich wird das Lungen-Fitnesstraining durchgezogen, die Intensivpflegekraft achtet darauf, dass der Patient genug Luft bekommt, beobachtet die Vitalzeichen wie Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, Blutdruck und Herzfrequenz. Holt der Patient 15-mal pro Minute Luft und befindet sich damit innerhalb der Norm? Oder sind es 50 Atemzüge, und er hechelt?
Dr. Steven Corwin, Presbyterian Hospital, Generaldirektor
»Es bricht einem das Herz, zu sehen, wie ein andernfalls gesunder 40-Jähriger aufgrund des Virus an ein Beatmungsgerät geschlossen werden muss. Es bricht einem das Herz, ein Kind daran hängen zu sehen. Es bricht einem das Herz, zu sehen, wie jemand in der Blüte des Lebens steht und daran stirbt.«
16. März, Schweiz, Genf
Zum ersten Mal sind die Zahlen in China niedriger als im Rest der Welt. Die Pandemie hat nun gewissermaßen auch offiziell ihren Ursprungsort verlassen. »Das ist die größte Gesundheitskrise unserer Zeit«, sagt Tedros Adhanom Ghebreyesus, der Generaldirektor der WHO . Wie er auf diese Krise reagiert, ist eine Mischung aus hilflos, professionell und rührend albern.
Drei Tage zuvor hat sich Tedros Adhanom Ghebreyesus beim korrekten Händewaschen filmen lassen, unter dem Hashtag #safehands steht das Filmchen auf Twitter. Der oberste Gesundheitspolitiker der Welt steht in Genf am Waschbecken und führt vor, wie das Händewaschen geht, und man fragt sich, wer ihm wohl zu diesem Auftritt geraten hat: Hände nass machen, sagt der WHO -Generaldirektor und dreht den Wasserhahn auf. Genügend Seife nehmen, sagt er, dann Handflächen reiben. Die Kamera filmt in Zeitlupe.
Und nun sitzt er vor der Presse und berichtet, wie gerührt er die Applausvideos von den italienischen Balkonen verfolgt hat. Doch dann ist er wieder ernst: »Wir haben eine Botschaft an alle Staaten: testen, testen, testen.«
Nur wer die Zahlen kennt, kann die Seuche beherrschen. »Testet jeden verdächtigen Fall«, sagt der WHO -Chef. »Isoliert alle Positiven, auch die milden Fälle.« Zur Not könnten Kranke mit mildem Verlauf in Turnhallen oder Stadien untergebracht werden, damit mehr Platz im Krankenhaus bleibt.
1,5 Millionen Tests, sagt Tedros Adhanom Ghebreyesus, habe die WHO jetzt an 120 Länder verteilt. Klingt viel. Macht im Schnitt aber 12.500 Tests pro Land.
Je mehr die Lage in China unter Kontrolle kommt, desto selbstbewusster wird Chinas außenpolitische Position. Chinesische Hilfe und Know-how werden stolz präsentiert, um nach innen und außen die systemische Überlegenheit Chinas gegen das Durcheinander der westlichen Demokratien zu unterstreichen. Der Sprecher des Außenministeriums stellt in einer Verlautbarung fünf Schritte vor, wie China anderen Ländern helfen will – »Chinas Weisheit und Vorschläge sollen dazu führen, den globalen Sieg über das Virus zu erlangen«. So wird die Pandemie genutzt, um sich zu brüsten, sie wird zum Konkurrenzkampf der Systeme.
16. März, USA, Seattle
An diesem Tag hört die Welt von Jennifer Haller. Sie ist die erste Probandin, der ein möglicher Impfstoff gegen das Coronavirus injiziert wird. Am Kaiser-Permanente-Forschungsinstitut in Seattle wird ihr der Impfstoff mRNA -1273 mit einer Spritze in den Arm verabreicht, entwickelt durch den US -Pharmakonzern Moderna.
Haller ist 43 Jahre alt. Sie hat zwei Kinder und ist Mitarbeiterin eines Start-ups. Zufällig wird sie zum Gesicht des globalen Rennens um den rettenden Impfstoff: Sie hatte bei Facebook den Aufruf des Forschungsinstituts entdeckt, las, dass eine Entschädigung in Höhe von 1.100 Dollar gezahlt werde. Hallers Mann, ein Software-Tester, hatte gerade seinen Job verloren. »Ich dachte, wir müssen uns wahrscheinlich darauf vorbereiten, dass er sechs Monate lang arbeitslos ist«, erinnert sich Hall. Und bewarb sich.
Der Impfstoff mRNA -1273, den Haller erhält, setzt auf einen modernen Ansatz: Anders als bei der Entwicklung traditioneller Impfstoffe oft üblich, besteht RNA -1273 nicht aus Bestandteilen des eigentlichen Erregers. mRNA -1273 enthält die Boten-RNA (mRNA ) des S-Proteins, mit dem die Coronaviren an den sogenannten Epithelzellen im menschlichen Körper andocken. Die mRNA ist in Lipid-Nanopartikel eingewickelt, das nach der Injektion des Impfstoffes von den Körperzellen aufgenommen wird. Die Zellen stellen dann das S-Protein her. Es wird vom Immunsystem als fremd erkannt, was die Bildung von schützenden Antikörpern anregt, die dann bei einer etwaigen Infektion SARS -CoV-2-Erreger neutralisieren könnten.
Insgesamt bekommen 45 Probanden RNA -1273 – ob es wirksam ist, wird sich in einigen Wochen herausstellen.
Das Tempo der Impfstoffentwicklung, das Moderna hier umsetzt, ist erstaunlich – normalerweise dauert es rund zwölf bis 18 Jahre, bis ein Impfstoff auf den Markt kommt. Zuvor sind unzählige klinische Studien nötig, die die Wirksamkeit und Sicherheit für jeden Einzelnen garantieren sollen. Die rasche Entwicklung des Impfstoffs durch Moderna wurde nach Informationen des National Institutes of Health möglich, weil der Hersteller bereits an Impfstoffen gegen das erste SARS -Virus und das verwandte MERS -CoV gearbeitet hatte.
Nachdem die chinesischen Behörden am 11. Januar 2020 die komplette genetische Sequenz des neuartigen Coronavirus im Internet veröffentlicht hatten, haben Forscher am »Vaccine Research Center« der NIH innerhalb von zwei Tagen den Impfstoff entworfen, sprich: die gewünschte Sequenz für die mRNA festgelegt.
Anfang Februar wurde eine erste Lieferung Labortests unterzogen. Gleichzeitig begann die Produktion der für eine erste Studie notwendigen Impfstoffmenge, die am 24. Februar zur Verfügung stand. Am 4. März hat die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA die Erlaubnis für eine klinische Studie erteilt, die üblichen tierexperimentellen Studien wurden übersprungen. Die Behörde verlässt sich offenbar darauf, dass bei präklinischen Tests zu Impfstoffen, die mit der gleichen Plattform gegen das erste SARS -Virus und gegen das MERS -Virus hergestellt wurden, keine Sicherheitsprobleme aufgetreten sind. Ein riskanter Kurs, kritisieren viele Experten.
17. März, USA, Washington
Präsident Trump auf einer Pressekonferenz: »Das ist eine Pandemie. Ich hatte den Eindruck, dass es eine Pandemie ist, lange bevor es eine Pandemie genannt wurde.«
17. März, Ukraine, Kiew
Polizei und Staatsanwaltschaft verkünden einen Coup: die Beschlagnahme von etwa 100.000 Masken aus Diebesgut. Wochen zuvor hatten ukrainische Geschäftsleute begonnen, überall im Land Masken aufzukaufen. Eine unmoralische Investition, sie sahen die Krise kommen, und der Preis würde kräftig anziehen. Übers Internet fanden sie einen Käufer, 38.000US -Dollar war er bereit zu zahlen.
Doch als sie die Masken an ihn übergeben wollten, standen ihnen plötzlich drei Männer in schwarzen Uniformen gegenüber. Mit Pistolen zwang man sie, sich auf den Boden zu legen, die Männer brausten mit den Kartons voller Masken davon. Doch es waren kleine Ganoven. Nicht mal die Pistolen waren echt. Nicht lange, da wurden sie geschnappt. Ihnen drohen hohe Gefängnisstrafen.
Geschichten wie diese sind jetzt keine Seltenheit. Auf dem Markt für Medizinprodukte geht es inzwischen zu wie auf dem Drogenmarkt von Medellín. Historisch hat jede Seuche, jede Krise – etwa die Pest – die Werte und den Anstand unterhöhlt, auch Corona scheint die kriminelle Fantasie zu beflügeln. In Tennessee, USA , hat ein Brüderpaar 17.700 Flaschen an Desinfektionsmitteln gehortet, mit dem Plan, sie für 70 Dollar das Stück über Amazon zu verkaufen. In einer Klinik in Marseille werden 2.000OP -Masken geklaut. Im Lübecker Uniklinikum verschwinden plötzlich rund 200 Liter Desinfektionsmittel. Auf dem Jomo-Kenyatta-Airport von Nairobi, Kenia, werden am 20. März sechs Millionen Schutzmasken verschwinden, während sie eigentlich nur umgeladen werden sollten für den Weiterflug nach Deutschland, bestellt von der Bundesregierung beziehungsweise von der Beschaffungseinheit der Zollbehörden.
Denn Zoll und Bundeswehr sollen jetzt eilig medizinische Güter kaufen, vor allem Schutzmasken, für Kliniken, Arztpraxen, Altenheime. Vor allem niedergelassene Ärzte warten verzweifelt auf Ausrüstung. Anfang März hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung einen Hilferuf abgesetzt: Die Praxen benötigten in den nächsten sechs Monaten etwa 47 Millionen FFP 2-Masken und rund 115 Millionen OP -Masken. Später wird die Bundesregierung sich an Firmen wenden, die bereits auf dem chinesischen Markt vernetzt sind, die wissen, wie man’s macht.
Die chinesische Industrie hat ihre Produktion angeblich auf das Zwölffache hochgefahren. Doch plötzlich, berichten deutsche Kliniken und deren Einkäufer, sind neue Zwischenhändler auf der Bildfläche erschienen. Sie hätten die Bestände der Großhändler aufgekauft, würden sie nun in kleineren Tranchen weiterverkaufen. Auch verlangen die meisten chinesischen Geschäftspartner jetzt Vorkasse – sie nutzen die aufgeheizte Konkurrenz der Kaufgierigen, die verzweifelt die Hersteller abtelefonieren, weil es für sie um Menschenleben geht.
17. März, Berlin
In dem Ausnahmezustand, in dem sich die Republik mittlerweile befindet, verzwergen selbst epochale Ereignisse, die sonst tagelang die Schlagzeilen bestimmt hätten, zu kleinen Meldungen. Das Ende der Schuldenbremse, die immerhin seit über zehn Jahren im Grundgesetz steht. Und die Operation Luftbrücke.
Wenigstens der Name ist so epochal wie die Mission selbst, eine Anspielung auf die Luftbrücke, über die die Westalliierten ein Jahr lang das abgeschottete West-Berlin versorgten: Außenminister Heiko Maas hat nicht weniger vor, als Hunderttausende gestrandeter Deutscher aus der ganzen Welt nach Hause zu holen.
50 Mitarbeiter des Auswärtigen Amts kümmern sich in Schichten 24Stunden am Tag darum, Flugzeuge zu chartern und Überflugrechte zu klären. Innerhalb weniger Wochen kehren fast eine Viertelmillion Deutsche mit der Operation Luftbrücke aus dem Ausland zurück. Rund 40.000 aus Spanien, 35.000 aus Ägypten, 2.000 aus Tansania, gut 1.000 Menschen aus Israel.
Es ist die größte Rückholaktion der Geschichte der Bundesrepublik. Es ist, in diesen Zeiten, nur eine Meldung von vielen.
17. März, Tübingen
Ernst zu nehmende Konkurrenz für den Impfstoff der Mainzer BioNT ech-Forscher kommt nicht nur aus den USA . Auch die Entwicklungen des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF ) in Hamburg und die des Biotech-Unternehmens CureVac aus Tübingen gelten als aussichtsreiche Kandidaten.
Trotz des Wettbewerbs scheint allen klar, es geht jetzt nur gemeinsam. Bei den Impfstoffen arbeiten international mehrere Dutzend Firmen und Einrichtungen an einem Impfstoff. Deutschland zählt international zu den Ländern mit besonders vielen Projekten für Impfstoffe gegen COVID -19.
International aktiv sind auch große Player, etwa die US -Konzerne Pfizer und Johnson & Johnson. Stiftungen wie die von Bill Gates sind omnipräsente Geldgeber und befeuern den Fortschritt. Gegen SARS -CoV-2, das erst seit etwa Neujahr bekannt ist, sind bis April mindestens 101 Impfstoffprojekte angelaufen: Die WHO verzeichnet von Beginn an alle ernst zu nehmenden Forscherteams auf ihrer Website. Waren es anfangs zwei, drei, sind es Mitte März schon 55 Teams.
Neben der WHO koordiniert auch die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI ) verschiedene Projekte. Dass es eine Organisation wie die CEPI braucht, wurde nach der verheerenden westafrikanischen Ebola-Epidemie erkannt, bei der mehr als 11.000 Menschen ums Leben kamen und auch die Wirtschaft in den betroffenen Ländern stark geschädigt wurde. Doch die Reaktion der Welt auf diese Krise war tragisch kurz, heißt es bei CEPI : Ein Impfstoff, der seit mehr als einem Jahrzehnt in der Entwicklung war, konnte erst über ein Jahr nach Beginn der Epidemie eingesetzt werden. Die Vakzine war zu 100 Prozent effektiv – was darauf hindeutet, dass ein Großteil der Epidemie hätte verhindert werden können.
Es war offensichtlich, dass es ein besseres System braucht, um die Entwicklung von Impfstoffen gegen bekannte epidemische Bedrohungen zu beschleunigen: CEPI wurde 2017 in Davos von den Regierungen Norwegens und Indiens, der Bill & Melinda Gates Foundation, dem Wellcome Trust und dem Weltwirtschaftsforum ins Leben gerufen.
Wie weit ist das Virus bis Mitte März in seinem Feldzug rund um den Globus gekommen? Welche Fehler macht der Mensch?
Es ist zu spät, das Virus einzugrenzen, zu viele Länder haben das Virus nicht ernst genommen. Bis zum 17. März hat SARS -CoV-2 in China 81.077 Menschen infiziert, so melden es die Statistiken der WHO . 3.218 Menschen haben die Attacke des Virus nicht überlebt.
Außerhalb Chinas gelten über 86.000Menschen als infiziert, viel mehr werden es in Wahrheit sein. 134 Länder hat SARS -CoV-2 auf seinem Vormarsch erreicht, so melden es die Statistiken.
Was weiß man über das Virus bis Mitte März? Genetische Analysen von SARS -CoV-2 zeigen zwei modifizierte Eigenschaften des Virus in dessen Oberflächenprotein. Wissenschaftler werten dies als Beweis dafür, dass das Virus sich natürlich entwickelt hat und nicht künstlich im Labor hergestellt wurde. Virusmaterial lässt sich nicht nur in den oberen Atemwegen nachweisen, sondern auch im Sputum und im Stuhl, in Letzterem aber kein lebendes Virus. Etwa eine Woche nach Symptombeginn lassen sich Antikörper nachweisen.
In allen deutschen Bundesländern haben sich mittlerweile Menschen infiziert, insgesamt gibt es in Deutschland laut Robert Koch-Institut 7.156COVID -19-Erkrankte. Die meisten Erkrankten sind zwischen 35 und 59 Jahre alt, Männer sind häufiger betroffen als Frauen. 0,2 Prozent der Erkrankten sterben. Das mittlere Alter der Todesfälle liegt bei 80 Jahren. Das RKI listet für Erkrankte neben Husten und Fieber nun auch allgemeine Symptome auf wie Kopf-, Rücken-, Muskel- und Gelenkschmerzen, Appetit- und Gewichtsverlust, Erbrechen, Durchfall, Apathie oder Hautausschlag.
Wer Mitte März 2020 sieht, was sich in den Krankenhäusern Italiens abspielt, kann sich vorstellen, was auf die USA , auf Deutschland, auf viele Länder der Welt zukommen kann. Die Botschaften der Kolonnen mit Lastwagen voller Leichen in Italiens Norden: soziale Kontakte so weit wie möglich unterbinden, Infektionsketten zuverlässig und schnell verfolgen, sich mit Masken gegen Ansteckung schützen, vor allem: Intensivbetten mit Beatmungsgeräten aufstocken.
Die größte Angst während der COVID -19-Pandemie ist inzwischen die mögliche Überlastung des Gesundheitssystems. Man fürchtet »italienische Zustände«, man fürchtet die Triage, die Einteilung von Kranken nach der Schwere ihrer Erkrankungen, die Ärzte zu einer Entscheidung zwingt: Wem helfen sie, wenn sie nicht allen helfen können? Müssen sie Menschen sterben lassen, die eine geringe Chance haben, zu überleben, um Menschen zu retten, die eine höhere Chance haben?
Schon kurz nachdem das Virus Ende Januar nach Deutschland kam, warnte die Deutsche Ärztekammer, die Krankenhäuser wären im Fall einer Pandemie überfordert, weil man sie in den vorangegangenen Jahren dem Markt angepasst hat: Aus Krankenhäusern wurden Wirtschaftsbetriebe, aus Operationen Bilanzposten. Geld bringt, was nicht lange dauert. Ärzte fehlen, Betten fehlen, es gibt in Deutschland kaum Einzelzimmer mit besonderen Vorschleusen für hochansteckende Quarantänepatienten.
Am 13. März hat die Kanzlerin gemeinsam mit den 16 Ministerpräsidentinnen und -präsidenten beschlossen, die deutschen Krankenhäuser und medizinischen Einrichtungen auf den Pandemiebetrieb umzustellen. Nicht dringende Operationen wurden verschoben, die Betten sollen frei bleiben für COVID -19-Infizierte. Funktioniert das? Wie kommen die medizinischen Einrichtungen in Deutschland in den ersten Wochen der Pandemie klar?
Es ist kein einziger Fall bekannt, in dem Ärzte die Triage anwenden müssen. Das deutsche Gesundheitssystem ist zu keinem Zeitpunkt überfordert. So sieht es jedenfalls aus, betrachtet man das System als Ganzes und würde aus einem Nebeneinander von völliger Überforderung und relativer Entspanntheit einen Durchschnitt berechnen.
Aber es gibt Kliniken, die an ihre Grenzen kommen. Da ist etwa das Ernst-von-Bergmann-Krankenhaus in Potsdam, das so etwas wie das Little Italy des deutschen Gesundheitssystems wird. Der ›Spiegel‹ rekonstruiert den Fall aufwendig. Eine halbe Million Menschen versorgt die Klinik in Potsdam jedes Jahr, Krebspatienten, todkranke Kinder, Gebärende. Normales Krankenhausgeschäft – vor SARS -CoV-2. Das Virus verändert im Ernst-von-Bergmann-Krankenhaus jede Station. Väter dürfen nicht mehr in den Kreißsaal, um bei ihren Frauen zu sein. Kinder dürfen ihre kranken Großeltern nicht mehr besuchen, alles ist gefährlich, und sie wollen nicht noch mehr Tote.
Arzt, Ernst-von-Bergmann-Klinikum, Potsdam
»Was wir auf der Intensivstation machen, ist vergleichbar mit einem Kriegseinsatz. Ein Drittel der Patienten stirbt. Ein Drittel hat später körperliche Probleme. Ein Drittel psychische Probleme. Ganz grob gesagt. Der Geräteeinsatz ist intensiv, aber das Ergebnis ist sehr frustrierend. Wenn man das zu ernst nimmt, zerbricht man daran.«
Mitte März haben sie im Ernst-von-Bergmann-Krankenhaus einen Krisenstab einberufen. Jeden Tag pinnen sie bunte Karteikarten mit Zahlen an die Wand: die Infizierten, die Verdachtsfälle, die Toten. Es ist Denken im Konjunktiv: Wie bereiten wir uns darauf vor, was kommen könnte?
Der Krisenstab in Potsdam hat 600 Gegenstände identifiziert, die besonders wichtig werden, wenn der Sturm kommt. Viele der Gegenstände sind mit roter Farbe markiert. Sie zu besorgen, dürfte schwierig werden: OP -Handschuhe, Desinfektionstücher, Seife.
Schon immer sterben Menschen auf Intensivstationen. Aber nun, so scheint es in vielen Krankenhäusern zu sein, sterben sie alle an einer Krankheit: COVID -19. In Potsdam haben sie die größte Sorge auf der Geriatrie, einer ganzen Station voller Menschen, die man mittlerweile »COVID -19-Risikopatienten« nennt – Vorerkrankte und Alte. Schon seit Anfang März ist es verboten, die Patienten zu besuchen.
Das Robert Koch-Institut hat noch keine dauerhafte Maskenpflicht für Ärztinnen und Pfleger empfohlen. Viele tragen sie freiwillig. Gerade für die Geriatrie ist es ein schwerer Schritt. Demente Patienten erkennen die Pfleger nicht mehr und haben Angst, wenn sie maskierte Menschen sehen. Im Ernst-von-Bergmann-Krankenhaus richten sie eine sogenannte Schwarze Station ein, eine Quarantänestation für COVID -19-Patienten, die vom Rest des Krankenhauses isoliert werden soll. Ein abgetrennter Eingang, Hygieneschleusen, eine eigene Küche.
Assistenzarzt, Ernst von Bergmann-Klinikum, Potsdam
»Durch schlechte Versorgung sind in den letzten Jahren immer Leute gestorben, das ist eine knallharte Realität. Eine Intensivstation mit 16 Betten kann man nicht mit vier Pflegern fahren. Das geht nicht. Es reicht ein Medikament, das nicht richtig gewechselt wird, und zack, ist es aus. Ich fand es immer komisch, dass Krankenhäuser wirtschaftlich arbeiten sollen. Soll die Polizei wirtschaftlich arbeiten? Soll die Feuerwehr wirtschaftlich arbeiten?«
In ganz Deutschland entstehen provisorische Einrichtungen für den Notfall. Das Westfalenstadion zum Beispiel, die Heimat von Borussia Dortmund. Es wird umgerüstet, in der vierten Etage der Nordtribüne entsteht ein provisorisches Behandlungszentrum. In Berlin baut ein Unternehmer innerhalb weniger Wochen ein ganzes Behelfskrankenhaus auf das Messegelände. Er besorgt Baugenehmigungen, Fertigwände, Betten, Beatmungsgeräte und Kühlkammern: für die Leichen.
Am Abend des 27. März treffen im Ernst-von-Bergmann-Krankenhaus per Fax die Laborergebnisse von Patienten ein. Am nächsten Morgen sagt die Chefärztin der Geriatrie: »Wir haben einen Ausbruch.« Sofort testen sie das gesamte Krankenhaus durch, Patienten und Personal – als erstes Krankenhaus in Deutschland und entgegen der Empfehlung des Robert Koch-Instituts, das angesichts der knappen Testkapazitäten rät, nur Menschen mit Symptomen zu überprüfen.
Das Ergebnis: 60 infizierte Patienten, 36 infizierte Mitarbeiter. 3 Tote. Was soll man tun in so einer Situation? Das Krankenhaus dichtmachen? Das würde Menschen schützen, einerseits. Andererseits würde es Menschen das Leben kosten, wenn sie nicht mehr versorgt würden. Im Ernst-von-Bergmann-Krankenhaus entscheiden sie sich für das Weitermachen. Wenig später gibt es COVID -19-Ausbrüche in der Urologie und Nephrologie.
Das Robert Koch-Institut schickt ein Team, um die Ursache zu erforschen. Es läuft ein Ordnungswidrigkeitenverfahren, weil Ärzte Infizierte zu spät gemeldet haben, schreibt der ›Spiegel‹. Das Gesundheitsministerium nennt das Ernst-von-Bergmann-Krankenhaus »die größte Sorge, die wir in Brandenburg haben«.
Im März: 16 infizierte Patienten, 18 infizierte Mitarbeiter, 2 Tote. Drei Wochen später: 77 infizierte Patienten, 176 infizierte Mitarbeiter, 34 Tote.
Das Krankenhaus in Potsdam, von der ›Bild‹ »Todesklinik« genannt, bleibt die Ausnahme in Deutschland – Italien hat den Deutschen geholfen, durch ihr Verhalten italienische Verhältnisse in den Krankenhäusern zu verhindern.
In den nächsten Wochen blicken die Deutschen schaudernd nach New York, dort wütet das Virus weitgehend ungehindert, weil die USA zu lange gebraucht haben, um SARS -CoV-2 ernst zu nehmen.