Kapitel III
Die amerikanische Phase
Wie man den Tod instrumentalisiert
(März/April)
Den Gesundheitsämtern entgleiten die Infektionsketten ∙ In vier Wochen über zwei Millionen neue
Infizierte ∙ Die Bundesregierung rennt ihren
Versäumnissen hinterher ∙ Trump jongliert mit
Leichenzahlen ∙ Wie man das Virus stoppen kann –
mit Hammer und Tanz ∙ Die Totenschiffe
18. März, USA, Miami Beach
Betrunken, mit Sonnenbrand auf Nase und Schultern und einer dunkelgrünen Schirmmütze auf dem Kopf, steht der Student Brady Sluder vor der Kamera des Newssenders CBS
. Den Namen muss man sich nicht merken, der Bursche könnte auch John Doe heißen oder Paul Miller oder Steve Idiot. Er ist einer von denen, die so sind wie ihr Präsident, auch wenn sie ihn vielleicht nicht mal gewählt haben.
In vielen Ländern treibt das Virus die Menschen zusammen, in Italien sogar zum Singen auf die Balkone. In den USA
vertieft SARS
-CoV-2 die Spaltung des Volkes zwischen den beiden großen gesellschaftlichen Lagern; die einen rollen dem Virus den roten Teppich aus, die anderen tun, was sie können, um seinen Triumphzug zu stoppen. Am Ende sind die Vereinigten Staaten von Amerika ein Königreich für das Coronavirus.
»If I get corona, I get corona«, dröhnt Brady. »Davon werde ich
mich nicht abhalten lassen zu feiern.« Im Hintergrund ist ein Hotel zu sehen, auf den Tischen stehen Cocktailgläser, junge Menschen drängeln sich durchs Bild.
Wie Tausende andere ist Brady Sluder nach Florida gefahren, um Spring Break zu feiern, die Sauf-, Sex- und Frühlingsferien, bei denen amerikanische College-Studenten traditionell über die Stränge schlagen. Mehr als 7.000 Infizierte haben die USA
an diesem Tag, ein Bundesstaat nach dem nächsten verhängt Ausgangssperren, 100 Menschen sind gestorben. Na und?
In den nächsten Tagen wird Brady Sluder in einem Shitstorm ertrinken.
Zwei Wochen zuvor begann in Miami Beach eine »Winterparty«. Mehrere Tage lang traf sich die Schwulen-Lesben-Community zu ausschweifenden Feiern, und schon da tanzte das Virus von Mensch zu Mensch, berichtet die ›New York Times‹. Am 16. März posten die Organisatoren auf Instagram: Besucher der Winterparty wurden positiv getestet.
Am 17. März lässt Floridas Gouverneur Ron DeSantis Bars, Restaurants und Nachtklubs schließen und an den Stränden Ansammlungen von mehr als zehn Personen verbieten; und das, obwohl er seit Wochen gewarnt worden ist vor dem Risiko der Spring-Break-Reisen. Nun kommen die Einschränkungen zu spät. Tausende Studenten sind angereist und denken erst mal gar nicht daran, wieder nach Hause zu fahren. Dann feiern sie eben am Strand weiter oder in ihren Hotelzimmern.
In den Tagen danach kommen die Spring Break Partys zum Stillstand. Zehntausende reisen zurück in die Heimatstaaten. Einige haben das Virus im Gepäck. Bald meldet eine Uni in West Virginia, dass sich fünf Studenten in Florida mit dem neuartigen Coronavirus infiziert haben.
Noch ein Video geht in diesen Tagen viral, es stammt von einer Firma namens Tectonix, die Handydaten auswertet und visualisiert. Man sieht, wie sich Handybesitzer, die an einem Märztag an
einem Strand in Florida waren, danach quer durch die USA
zerstreuen.
Ende März werden die letzten Strände in Florida geschlossen. Mitte April werden die ersten Strände in Florida wiedereröffnet. Bald sind sie so voll wie immer. Auf Twitter trendet der Hashtag #floridamoron, »Schwachköpfe aus Florida«.
Ein Mann mag das alles nicht glauben, er ist von Beruf Anwalt. Er wirft sich einen schwarzen Kapuzenumhang über, verhüllt sein Gesicht und schultert eine Sense. Als Gevatter Tod geistert er die Strände entlang, um die Sonnenbadenden zu erschrecken. Um sie zu vertreiben, zurück ins rettende Haus. Aber sie beachten ihn kaum.
Tagebucheintrag Yu Liping, 18. März, Wuhan, China
»Heute zum ersten Mal wieder draußen gewesen. Nach 59Tagen in der Wohnung. Ich konnte es nicht glauben: Die Straßen, die Häuser, der Teich, alles steht noch da, man sieht Insekten in der Luft, Vögel singen – unglaublich. Der Himmel ist so klar, die Luft rein. Immer noch diese Stille. Ich hatte den Impuls, eine Hauswand zu berühren, um mich zu überzeugen, dass sie echt ist; hab’s aber natürlich gelassen.«
18. März, Berlin
Als durchsickert, dass Angela Merkel am Abend eine Ansprache im Fernsehen halten wird, kursieren unter den Hauptstadtjournalisten die Gerüchte: Merkel wird eine Ausgangssperre verhängen wie in Italien oder Spanien, meinen die einen zu wissen. Andere sprechen von einem Ultimatum an die Bürger. Dem allerletzten.
Obwohl es im Kanzleramt ein eigenes Referat gibt, dessen
Aufgabe es ist, Reden zu erstellen, verfasst Merkel den Text für die TV
-Ansprache gemeinsam mit ihrer Büroleiterin Beate Baumann und Regierungssprecher Steffen Seibert. Die ›Süddeutsche Zeitung‹ berichtet, dass Merkel den Ursprungstext kürzt, bevor sie ihn einliest, und zwar um alle Passagen zu den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. Merkel möchte eine menschliche Rede halten, eine sanfte Ansprache in einer harten Zeit.
Die Rede läuft im ARD
, im ZDF
und auf Privatsendern. Insgesamt schalten gut 30 Millionen Menschen ein, Merkels Ansprache erreicht Quoten wie sonst nur ein WM
-Finale mit deutscher Beteiligung.
»Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, das Coronavirus verändert zurzeit das Leben in unserem Land dramatisch«, eröffnet die Kanzlerin ihre Rede. Merkel verkündet nichts Neues, sondern wirbt für das, was längst beschlossen ist. Abstand halten, solidarisch sein. Kein Wort von einer Ausgangssperre oder einem Lockdown.
Angela Merkel erklärt ihre Politik oft als Ergebnis eines langen, abwägenden Prozesses. Sie, die Naturwissenschaftlerin, zerlegt große Probleme in kleine, die sich lösen lassen. Selten argumentiert die erste Kanzlerin der Bundesrepublik als Frau, noch seltener argumentiert sie als Ostdeutsche. Umso ungewöhnlicher, dass Merkel in ihrer Rede sagt: »Für jemanden wie mich, für die Reise- und Bewegungsfreiheit ein schwer erkämpftes Recht waren, sind solche Einschränkungen nur in der absoluten Notwendigkeit zu rechtfertigen.« Und: »Uns allen fehlen die Begegnungen, die sonst selbstverständlich sind.«
Bald kommt der Lockdown für Deutschland, von dem Merkel in der TV
-Ansprache kein Wort sagte: Kontakteinschränkung, Mindestabstand von eineinhalb Metern, die Schließung von Schulen, Kneipen, Friseurläden, Sportanlagen, kurzum: von allem, was nicht zwingend notwendig ist. Zuwiderhandlungen werden unter Strafe gestellt, Polizei und Ordnungsamt sollen die Einhaltung der neuen Regelungen kontrollieren.
18. März, Taiwan, Taipeh
Am Tag von Angela Merkels »Es ist ernst«-Fernsehansprache muss Gesundheitsminister Chen Shih-chung einen sprunghaften Anstieg der Infizierten in Taiwan vermelden – von 77 auf 100. Weil inzwischen klar ist, dass Europa und Amerika die Epidemie nicht unter Kontrolle bekommen, kehren Zehntausende Taiwaner zurück in ihre Heimat, wo sie sich sicherer fühlen. Seit Wochen ist die große Sorge der Behörden: Sie könnten eine zweite Virus-Welle einschleppen. Nun scheint es so weit zu sein.
Taiwan reagiert, erklärt die ganze Welt zum Risikogebiet und macht endgültig die Grenzen zu. Einreisen dürfen ab morgen nur noch Taiwaner und Ausländer, die bereits eine Aufenthaltsgenehmigung haben. Und wer noch reinkommt, egal woher, muss 14 Tage in Heimquarantäne. Deutschland gilt für Taiwan, wie der ganze Schengen-Raum, sogar schon seit dem 14. März als Hochrisikogebiet, als es bereits fast 4.000 Infektionen zu verzeichnen hatte.
Schon seit dem 4. März bringen spezielle Quarantäne-Taxen alle Einreisenden vom Flughafen auf schnellstem Weg in die Heimquarantäne. Wer Symptome hat, kommt direkt ins Krankenhaus. Später zeigt sich, dass diese Maßnahmen Dutzende eingeschleppte Infektionen daran hinderten, sich auszubreiten.
19. März, USA, Silicon Valley
In einem Vorort von San Francisco drückt Tomas Pueyo auf »Send«. Dann sei er ins Bett gegangen, erzählt er später am Telefon.
Als er am nächsten Morgen aufsteht, hat er ein Sprachbild geschaffen, das bald auf der ganzen Welt bekannt sein wird. »Der Hammer und der Tanz«, heißt der zweite Artikel in seinem persönlichen Duell mit SARS
-CoV-2, in seinem Kampf mit Recherche und Gedanken, Hirn gegen Virus. Wieder hat er nächtelang recherchiert, nach der Arbeit, wenn die Kinder schlafen. Seine
Frau ist in diesen Tagen im Krankenhaus, wahrscheinlich hat sie COVID
-19. Er arbeitet trotzdem weiter.
Er ist gelernter Ingenieur, aber er schreibt gern. Bis dahin handelte sein erfolgreichster Text auf der Internet-Plattform medium.com davon, wie man Erfolg hat. Und zwar nicht, indem man der Allerbeste wird in einer Disziplin, das sei unendlich schwierig. Sondern indem man in mehreren Disziplinen recht gut ist. Skill stacking,
die Kombination von Fähigkeiten, nennt Pueyo das, eine Kombination, die einen unverwechselbar mache. Er selbst ist gut in analytischem Denken, Psychologie, Storytelling. Er weiß, er muss jetzt weitermachen, auch wenn er noch zu müde ist. Er kann etwas bewirken.
Drei Optionen habt ihr Regierenden nun, schreibt Pueyo an diesem 19. März:
- Option: Nichts tun. Dann würden allein in den USA
mehrere Millionen Menschen sterben.
- Option: »Mitigation«, Eindämmung. Die Verbreitung des Virus wird verlangsamt, aber es hat letztlich freie Bahn, bis entweder Herdenimmunität herrscht oder ein Impfstoff gefunden wird. Die USA
, Großbritannien, die Schweiz, Schweden wollten diesen Weg gehen, diesen Irrweg, sagt Pueyo. Nicht nur würden Zehntausende unterwegs sterben. Das Virus, verbreitet in Millionen Wirtsmenschen, könne munter weiter mutieren.
- Option: Erst der Hammer, dann der Tanz. Erst draufhauen, dann lockern. Erst alles stilllegen, dann behutsam öffnen. Erst straffen, dann lösen. So, wie es China und Südkorea vorgemacht haben, so, wie Deutschland, Italien und Frankreich es in diesen Tagen versuchen. So, wie es richtig ist, schreibt Pueyo. Der Hammer werde unzählige Menschen retten. Der Hammer werde nicht Monate, sondern Wochen dauern. Er rechne sich. 1918, während der Spanischen Grippe, prosperierten bald jene
amerikanischen Städte, die für einen kurzen Moment alles abschalteten. Während Städte, die sich vor diesem Schritt fürchteten, mehr Tote zu beklagen hatten. Und dieser Schock schwächte ihre Wirtschaft auf Jahre.
Je wuchtiger der Schlag des Hammers, schreibt Pueyo, desto kürzer der Lockdown. Wie in Wuhan, wo nur ein Familienmitglied alle drei Tage das Haus zum Einkaufen verlassen durfte. Die Regierungen müssen sich entscheiden, schließt Pueyo. Wenn sie den laxen Weg der Eindämmung gehen, werden sie »eine Epidemie auslösen, das Gesundheitssystem überwältigen, den Tod von Millionen von Menschen herbeiführen und neue Mutationen des Virus freisetzen helfen«. Oder die Länder kämpfen. »Wenden Sie den Hammer an und schalten Sie die Wirtschaft ab«, beschwört Pueyo. »Das wird die Zahl der Infektionen gegen null drücken und Ihnen Zeit verschaffen. Sobald es sicher ist, beginnt der Tanz.«
»Hammer and dance« wird 20 Millionen Mal abgerufen, »Hammer and dance« geht um die Welt. »Hammer und Tanz« taucht bald darauf in Papieren des Innenministeriums in Berlin auf.
19. März, Belgien, Brüssel
Drei Tage nach dem WHO
-Appell »Testen, testen, testen« reagiert auch die EU
-Kommission in Brüssel. Sie empfiehlt, Corona-Tests rechtzeitig und gezielt vorzunehmen. Dies sei von entscheidender Bedeutung, um die rasante Ausbreitung des Coronavirus COVID
-19 zu verlangsamen. Die Kapazitäten sind jedoch begrenzt. Deshalb empfiehlt die EU
-Kommission einen einheitlichen, fünfstufigen Plan. Er bestimmt die Reihenfolge, wann welche Personen getestet werden sollen. Zuerst Klinikpatienten mit ernsten Atemwegsinfektionen, dann solche mit akuten Atemwegsinfektionen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen, selbst dann, wenn sie nur leichte Symptome haben. An dritter Stelle folgen Menschen mit akuten Infektionen, die nicht im Krankenhaus liegen,
danach ältere mit chronischen Krankheiten. Zuletzt kommen alle Patienten mit Atemwegsinfektionen – sofern die nötigen Ressourcen vorhanden sind. Doch das ist ein Problem: Pharmaunternehmen warnen schon jetzt vor Engpässen bei Corona-Tests. Ein breites Testen auf SARS
-CoV-2, wie es die WHO
fordert, sei nicht möglich. Die Zahl der vorhandenen Tests reiche nicht aus. »Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei Weitem«, sagt der Chef der Schweizer Pharmafirma Roche. »Es ist wichtig, dass die Tests zunächst für Risikopatienten und solche mit Krankheitssymptomen sind.«
20. März, Berlin
In seinem Podcast diskutieren Drosten und die Moderatorin der Sendung über eine mögliche Ausgangssperre. Drosten sagt: »Jetzt ist es relativ schwer zu sagen, wenn man da jetzt noch etwas obendrauf setzt wie eine Ausgangssperre: Was bringt das jetzt noch mal für einen Unterschied? Dafür gibt es überhaupt keine Daten, weder in Deutschland noch irgendwo anders in anderen Studien, in Modellierungsstudien. (…) Also Sie hören schon, ich bin jetzt nicht unbedingt jemand, der sagt, wir brauchen die sofortige Ausgangssperre.«
20. März, Berlin
Glücklich darf sich schätzen, wer auf dem Jomo Kenyatta International Airport landet. Normalerweise. Der Flughafen in Nairobi wurde jüngst vom internationalen Dachverband der Flughafenbetreiber für seinen »exzellenten Service« ausgezeichnet. An diesem Tag verschwinden hier sechs Millionen Schutzmasken für Deutschland. Die Ware sollte am kenianischen Flughafen umgepackt und von dort aus nach Deutschland weitertransportiert werden.
Die Beschaffungseinheit des Zolls ging Anfang März auf ein Angebot eines Großhändlers ein: Der Händler versprach, rund sechs Millionen Masken aus Südafrika zu beschaffen.
Der Auftrag wurde offenbar eilig erteilt, die Seriosität des Händlers kaum überprüft. Die Ware kam nie in Deutschland an, und die kenianische Regierung weist die Verantwortung von sich. Ob die Masken gestohlen wurden oder ob vielleicht in letzter Minute ein anderer, zahlungskräftigerer Käufer sie den Deutschen abluchste, wisse der Zoll nicht. Es gehört zum Kern des Problems, dass der Staat als Auftraggeber in den ersten Wochen der Pandemie immer zu spät dran ist.
Erst Anfang März richtet Spahns Ministerium einen Stab ein. Intern heißt die Taskforce »Troubleshooting Agentur«. Sie soll auf dem Weltmarkt einkaufen. Doch selbst die Bundesregierung ist auf diesem umkämpften Markt nur ein Bittsteller. Sie bekommt zu spüren, wie unzuverlässig Verkaufsangebote derzeit sind. Ende Februar hatte der Krisenstab beschlossen, dass nun das Innenministerium und die Generaldirektion des Zolls weltweit nach Atemmasken für deutsche Kliniken, Arztpraxen und Altenheime fahnden sollen.
Und noch scheint es absurd, dass ein so simples, billiges Ding wie etwa eine Schutzmaske plötzlich rar und teuer sein könnte. Zum Schutz vor Viren und Mikroorganismen sind Masken mit einem sogenannten Partikelfilter relativ geeignet, die FFP
-Masken, von »filtering face piece«, die außerdem den Vorteil haben, dass sie wenig wiegen und in die Tasche zu stecken sind. Drei Schutzstufen unterscheidet man, eine Maske der einfachsten Schutzstufe, FFP
-1, ohne Ventil, schützt laut Euronorm »149:2001« vor ungiftigen Partikeln und luftgetragenen Bioschadstoffen. Sie wiegt etwa zehn Gramm: ein Ding aus Vliesstoff, mit zwei Gummihalterungen, einem Nasenclip und Dichtlippe aus Schaumstoff im Nasenbereich. Noch vor zwei, drei Wochen konnte man ein 50er-Paket im Baumarkt oder in der Apotheke kaufen, für rund fünf Euro, bald wird der Preis um 1.000 bis 1.500 Prozent steigen.
Ein besonders mächtiger Konkurrent beim Einkauf sind die USA
. In den vergangenen Wochen haben mehrfach kaufkräftige
US
-Kunden Lieferungen aufgekauft, die eigentlich für den deutschen Markt bestimmt waren. Die Welthandelsorganisation WTO
warnt vor einem globalen Beutezug und erinnert Regierungen an ein »angemessenes, transparentes und nicht-diskriminierendes Verhalten«.
Elena Butta, Krankenschwester in Lodi, Italien
»Wir sind an ein System mit nahezu unbegrenzten Ressourcen gewöhnt. Stattdessen ist alles plötzlich zu einem Problem geworden: die Schutzvorrichtungen, die Betten, die Anzahl des Personals. Ich habe aber einen großen Wunsch erlebt, an Lösungen zu arbeiten, damit es nicht zu einer völligen Katastrophe kommt.«
21. März, Kreuzfahrtschiff »Celebrity Eclipse«,
vor der chilenischen Küste
Vivian Miller, 77, steht auf dem Sonnendeck und macht Fotos. Hunderte Passagiere drängen sich aneinander, manche in Badehose, andere im Hawaiihemd. Sie halten Getränke, fotografieren, manche applaudieren. Sie lachen. Zwischen zwei türkisblauen Swimmingpools steht die Bordcrew in ihren weißen Hemden. Der Kapitän der »Celebrity Eclipse« hat an diesem Morgen zu einer Feierstunde geladen, zu »Ehren des Pflege- und Medizinpersonals« in aller Welt. Ausgerechnet.
Vivian Miller, die Rentnerin, ahnt nicht, dass ihr Bild bald um die Welt gehen wird, als Sinnbild für die Verantwortungslosigkeit einer Branche.
Anfang März hat das Kreuzfahrtschiff, einst auf der Meyer-Werft in Papenburg gebaut, Buenos Aires verlassen, mit 2.850
Passagieren und 1.271Crew-Mitgliedern an Bord. Es hat Kap Hoorn umrundet und sich auf den Weg nach Norden gemacht. Doch schon Santiago de Chile konnte wegen der Pandemie nicht angelaufen werden, und als Vivian Miller und die anderen Passagiere schließlich Ende März von Bord gehen dürfen, haben sich etliche von ihnen mit Corona angesteckt. Mindestens zwei Menschen sterben.
Warum hat die Kreuzfahrtbranche so spät reagiert und in Kauf genommen, das Virus in alle Welt zu tragen?
Schon einer der ersten weltweiten Hotspots war ein Kreuzfahrtschiff. Seit dem 4. Februar lag die »Diamond Princess« mit 3.700 Menschen an Bord im Hafen von Yokohama. Es ist nicht klar, wie sich das Virus an Bord geschlichen hatte; zuerst war offenbar ein Passagier infiziert, dann kreiste COVID
-19 in der Kombüse.
Zwei Wochen lang stand das Schiff unter Quarantäne. Als ein japanischer Infektiologe am 17. Februar an Bord gehen durfte, herrschten dort »chaotische Zustände«. Bereiche, in denen sich mögliche Infizierte aufhielten, waren nicht klar abgetrennt, Schutzmasken wurden falsch oder gar nicht getragen. Er habe in seiner Karriere »noch nie so viel Angst gehabt«, gab der Mann später zu Protokoll.
Am 20. Februar wurde die »Diamond Princess« evakuiert. 712 Menschen hatten sich mit Corona angesteckt. Mindestens 13 von ihnen starben im Zusammenhang mit COVID
-19.
Ausdrücklich warnte Anthony Fauci von der Corona-Taskforce der US
-Regierung in jenen Tagen vor Kreuzfahrten: »Menschen auf einem großen Schiff, alle zusammen, zur gleichen Zeit, die ganze Zeit – man könnte sich keinen besseren Brutkasten für Infektionen wünschen.«
Erste Länder handelten. Doch die großen Reedereien machten weiter, als sei nichts geschehen. Und auch die meisten Passagiere weigerten sich, auf ihre einmal gebuchte Reise zu verzichten.
Ende Februar sperrte Jamaika seine Häfen für Reisende aus
Ländern, in denen das Virus ausgebrochen war; damit durften praktisch keine Kreuzfahrtschiffe mehr anlegen. Bald folgten Argentinien und Brasilien. Am 8. März warnten amerikanische Behörden vor Reisen mit Kreuzfahrtschiffen. Passagiere über 70 mussten Fragebögen über ihren Gesundheitszustand ausfüllen. Nur so konnten sie an Bord. Weshalb am Tag darauf im Hafen von Miami betagte Rentner Schlange standen.
Unter ihnen eine 83-Jährige aus South Carolina. Nichts werde sie davon abhalten, gemeinsam mit 70 Freunden und Bekannten zur Hochzeit ihres Patensohnes auf die Kaimaninseln zu fahren. »Ich vertraue auf Gott, dass ich in Sicherheit sein werde«, sagte sie dem ›Miami Herald‹.
Erst am 14. März verhängt die amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC
eine einmonatige Fahrsperre für Kreuzfahrtschiffe, eine »No-Sail-Order«. Zu diesem Zeitpunkt waren noch immer rund eine halbe Million Passagiere auf Kreuzfahrten. Bis Ende März werden die letzten Freizeitdampfer über die Weltmeere kreuzen.
Da hat die Stimmung auf den riesigen Schiffen längst gedreht. Das, was als Vergnügungsreise geplant war, wird zu einer Reise ins Ungewisse, die in vielen Fällen im Sarg endet. Unruhe macht sich unter den Passagieren breit. Sie verfolgen die weltweiten Nachrichten. Gerüchte über Erkrankte auf anderen Schiffen machen die Runde.
Inzwischen befasst sich ein Untersuchungsausschuss im amerikanischen Kongress mit den Vorgängen in der Branche. Vor allem Carnival Corporation haben die Abgeordneten im Visier, die größte Reederei – mit den heftigsten Ausbrüchen. Nicht nur auf der »Diamond Princess« vor Japan, sondern auch auf der »Ruby Princess« vor Australien, auf der mindestens 22 Menschen starben. Insgesamt sollen auf Carnival-Schiffen mindestens 65 Passagiere und Besatzungsmitglieder gestorben sein, berichtet die ›Washington Post‹.
Es ist unklar, wann die ersten Freizeitdampfer wieder in See stechen werden. Die Branche drängelt und pocht auf den 1. August.
Vivian Miller geht es gut.
22. März, Berlin
Aus dem Bundesinnenministerium wird ein 17-seitiges internes Strategiepapier geleakt und taucht im Internet auf. In Auftrag gegeben von Minister Horst Seehofer: »Wie wir COVID
-19 unter Kontrolle bekommen«. Das Papier, im Innenministerium innerhalb weniger Tage entstanden und vom Robert Koch-Institut abgesegnet, beginnt mit einem schauderhaften Szenario: Was passiert, wenn wir nichts tun? Dann, so steht es im Konzept, werden eine Million Menschen an COVID
-19 sterben – allein in Deutschland. Dieses Szenario zu vermeiden, habe deswegen »oberste strategische Priorität«, wie es im Papier heißt: Es empfiehlt das »unter Experten meistdiskutierte Szenario Hammer and Dance«. Pueyos Nachtarbeit im Silicon Valley ist in Berlin angekommen.
Die Autorinnen und Autoren, zu denen Experten des Robert Koch-Instituts sowie ausländische Universitäten zählen, schreiben, die Regierung müsse klarer und alarmierender kommunizieren. Die Pandemie werde noch immer nicht wirklich ernst genommen: »Um die gesellschaftlichen Durchhaltekräfte zu mobilisieren, ist das Verschweigen des Worst Case keine Option.« In Deutschland funktioniert zu diesem Zeitpunkt noch alles zu gut, die Krankenhäuser sind nicht überlastet, die Zahl der Toten ist im Vergleich zu anderen Ländern gering.
Im Papier werden die Gedanken vieler Deutscher bewusst überspitzt so beschrieben: »Na ja, so werden wir die Alten los, die unsere Wirtschaft nach unten ziehen, wir sind sowieso schon zu viele auf der Erde, und mit ein bisschen Glück erbe ich so schon ein bisschen früher.« Wie soll die Politik da ein Schreckensszenario mit einer Million Toten kommunizieren, ohne dass es nach Panikmache aussieht?
Das Dokument kann als Reaktion gelesen werden, als Reaktion darauf, dass am 4. März Kanzleramtschef Helge Braun die Staatskanzleien der Länder informiert hat, dass die Eindämmung des Virus gescheitert ist. Die Infektionsketten lassen sich nicht mehr nachverfolgen.
Das Dokument ist auch eine Reaktion auf den Besuch von RKI
-Chef Lothar Wieler und Charité-Virologe Christian Drosten im Innenministerium, wie die ›Welt‹ später schreibt. Die beiden waren deutlich geworden: Wenn wir nichts tun, schätzten sie, könnten bis August zehn bis 15 Millionen Menschen an COVID
-19 erkrankt sein. Ginge man davon aus, dass nur jeder zwanzigste Patient eine Intensivbehandlung braucht, wäre das Gesundheitssystem völlig überlastet. Es droht eine Lage wie in Italien, womöglich sogar wie in Bergamo, wo die Armee die Leichen aus der Stadt fahren musste.
Ein erstes Stichwort des Papiers für die Kommunikation der Politiker lautet: »Schockwirkung«. Man solle mit der Urangst der Menschen arbeiten, dem Ersticken. Denn wer einen schweren Verlauf einer COVID
-19-Erkrankung hat und nicht beatmet werden kann, wird sterben, weil kein Sauerstoff mehr durch ihn fließt.
Ein zweites Stichwort ist eine Formel: »2019 = 1919 + 1929«. Heißt: Die Gegenwart ist so schlimm wie der Ausbruch der Spanischen Grippe und die Weltwirtschaftskrise zusammen. All das, so die Autorinnen und Autoren des Papiers, könne dabei helfen, dass die Menschen COVID
-19 endlich ernst nehmen. Es helfe dabei, ein »Narrativ des Zusammen« zu entwickeln – wir gegen Corona.
Aber das sei nur der erste Schritt. Es muss, so die Autorinnen und Autoren des Papiers weiter, ein Strategiewechsel her. Vorbild Südkorea. Das Land testet massenhaft Menschen. Sind die krank, isoliert man sie, bevor sie viele weitere anstecken. Nur auf diese Weise gewinne man einen Vorsprung vor dem Virus. Und nicht mehr testen wie bisher – nur Leute mit Symptomen.
Mandy K., Altenpflegerin
»Da ich nur mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit komme, habe ich große Angst, mich zu infizieren und die Bewohner anzustecken. Auf der Arbeit haben wir keine erforderliche Schutzausrüstung, da sie nicht lieferbar ist. Wenn wir am Bewohner arbeiten, sind wir natürlich sehr nah. Beim Zähneputzen bekommen wir oft etwas ins Gesicht, wenn sich jemand bei der Durchführung verschluckt.«
23. März, USA, New York
New York steht jetzt still. Die U-Bahnen sind leer, die Restaurants und Bars geschlossen, die Einkaufsstraßen ausgestorben. Lockdown. Sechs Tage ist es her, seit Gouverneur Andrew Cuomo der Stadt den Stecker gezogen hat, viel zu zögerlich; Tausende hätte man retten können, hätte er nur eine Woche eher reagiert. Gouverneur Cuomo befürchtet einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems. Intensivbetten, Schutzmasken, Schutzkittel, Beatmungsgeräte – es fehle an allem.
Offiziell hat New York an diesem Tag 17.000Corona-Infizierte, mindestens 150 Menschen sind gestorben. Der ehemalige Filmproduzent Harvey Weinstein hat sich angesteckt. Ein erster Hotspot: die jüdisch-orthodoxen Gemeinden in Brooklyn und Queens. Die Menschen verkriechen sich daheim. Sie rechnen mit dem Schlimmsten.
Doch zugleich gibt es Hoffnung. Hunderte Arbeiter sitzen an diesem Montag in einer ehemaligen Werfthalle in Brooklyn, schneiden dünnes Plexiglas zu, hantieren mit Schaumstoff und Gummibändern. Drei Tage zuvor saß hier niemand. Nun ist es eine Manufaktur, die Gesichtsschilde produziert für Pfleger und
Ärztinnen, über Nacht aus dem Boden gestampft, wie Reuters berichtet.
Freitag. Eigentlich stellt Michael Bednark mit seiner Agentur Deko-Material her, rüstet Messestände aus, entwirft Lichtkonzepte und Inneneinrichtungen. Nun liest er jeden Tag, wie verzweifelt Krankenhäuser um Schutzausrüstungen ringen. Bald werden Pflegerinnen in Skibrillen und Müllsäcken auf COVID
-19-Stationen gehen. Bednark setzt sich an seinen Schreibtisch. Wie könnte er mit seinen Mitteln dazu beitragen, Schutzausrüstungen herzustellen?
Samstag. Bednark holt Zulieferer dazu und einige Mitarbeiter. Sie treffen sich in seiner Agentur in der Navy Yard, diskutieren Entwürfe, bauen Prototypen. Eine dünne Plexiglasscheibe, ein Stück Schaumstoff, ein breites Gummiband wie bei einer Skibrille. Das reiche doch, einen einfachen Gesichtsschild herzustellen. Bednark macht Fotos und mailt sie an die Gesundheitsbehörde in New York.
Sonntag. Die Beamten reagieren sofort und laden Bednark ein, seine Idee zu präsentieren. Noch am gleichen Abend melden sie sich zurück und genehmigen einen leicht korrigierten Entwurf: rundere Ecke am Plexiglas, ein verstellbares Gummiband. Und bestellen 120.000 Gesichtsschilde.
Montag. Michael Bednark tut sich zusammen mit Mike Dugall, dem Chef einer benachbarten Werbedruckerei. Sie rufen ihre Mitarbeiter zurück zur Arbeit, werfen ihr Netzwerk an, telefonieren herum, schon beginnt die Manufaktur zu wachsen; bald wird sie 300 Mitarbeiter haben. Die Produktion läuft an. Weniger als vier Minuten wird ein Arbeiter pro Schutzschild brauchen. Binnen zwei Wochen werden sie 240.000 Schilde hergestellt haben.
Jeden Tag wird es jetzt schlimmer in New York. Mehr Infizierte, mehr Tote, mehr Verzweiflung. Doch die Stadt bäumt sich auf, so, wie sie es schon viele Male getan hat. Unter einem Video
zu dem Projekt von Michael Bednark kommentiert jemand: »Pack den Stier bei den Hörnern.«
23. März, Berlin
Stresstest. Für den Gesundheitsminister, für das Gesundheitssystem. Ärzte erwarten eine schnell ansteigende Welle von Infizierten. Einige Tage zuvor hatte Spahns Ministerium einen Gesetzentwurf vorgelegt: Pflegeheime, Pflegedienste und Pflegepersonal sollten mehr Geld bekommen, Kliniken mit bis zu 7,8 Milliarden Euro unterstützt werden. Eine Art Entschädigung, weil Krankenhäuser Operationen verschieben und die Zahl der Intensivbetten aufstocken müssen.
Wütend protestierten die Lobbyisten: Das sei viel zu wenig. »Der Entwurf ist eine Katastrophe«, sagte der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, wer so handle, treibe Krankenhäuser in die Insolvenz. Der Katholische Krankenhausverband sprach von einer »herben Enttäuschung«.
An diesem Tag stellt Jens Spahn einen zweiten Entwurf vor, überarbeitet und aufgestockt: 50.000 Euro bekommt eine Klinik für jedes zusätzliche Intensivbett mit Beatmungsmöglichkeit, dazu eine Tagespauschale von 560 Euro für jedes freigeräumte Bett auf einer normalen Station. Auch niedergelassene Ärzte bekommen mehr Geld, genau wie die Fieberambulanzen und die Notrufnummer 116117.
Außerdem will Spahn das Infektionsschutzgesetz ändern und Kapazitäten bündeln. Das soll ermöglichen, »schneller und effektiver auf bundesweite Epidemien zu reagieren«, sagt er auf einer Pressekonferenz. Die Länder sperren sich, wollen keine Kompetenzen abgeben.
Hildegard Fischer, ärztliche Psychotherapeutin, München
»Es macht sehr wütend, dass sich viele Pfleger und Ärzte wegen fehlender Schutzkleidung in lebensbedrohliche Gefahr bringen müssen, weil unser Bundesgesundheitsminister frühzeitige Hinweise von Herstellern und Ärzten völlig ignoriert hat. Dass dieser fahrlässige Gesundheitsminister selbstverständlich davon ausgeht, dass wir alle trotz Bedrohung weiterarbeiten und die Menschen versorgen, uns aber gleichzeitig mit Honorarabzug bestraft.«
23. März, Berlin
In seinem Podcast diskutieren die Moderatorin und Christian Drosten die Sinnhaftigkeit von Masken im öffentlichen Raum. Der Virologe sagt: »Das kann sich jeder ganz einfach vorstellen. Wenn ich niese, dann verteile ich kleinste Tröpfchen. Und wenn ich ein Stück Tuch vor dem Mund habe, das kann entweder so ein Zellulose-Tuch sein wie bei einer gekauften Maske, oder es kann auch natürlich ein Schal sein oder irgendetwas, diese großen Tröpfchen werden dann abgefangen. Da lässt sich nichts dran diskutieren. Und das ist natürlich gut. (…) Deswegen muss die Maske an der Quelle sein und nicht am Empfänger. Und das ist sicherlich eine vollkommen einleuchtende Überlegung. Was eben nicht so einleuchtend ist, dass ich mich in der Öffentlichkeit mit einer Maske nicht selber schützen kann. Das ist einfach vielleicht ein bisschen schwer zu vermitteln. Aber es gibt einfach in der Literatur entweder keine oder – je nachdem, wie man es interpretieren will – fast keine Evidenz dafür, dass das helfen könnte.«
23. März, Düsseldorf
Die Gesundheitsämter, die wichtigsten Schaltzentralen zur Abwehr der Pandemie, erwachen. Das »Landeszentrum Gesundheit« für NRW
verschickt Tabellen und Karten an die Gesundheitsämter in Nordrhein-Westfalen. Kommunen mit vielen Infizierten wie Heinsberg (985) oder Düsseldorf (205) sind dunkelblau, Detmold (11) und Münster (12), wo es kaum Ansteckungen gibt, hellblau gekennzeichnet. Das »Landeszentrum Gesundheit« hat 150 Mitarbeiter in Bochum und Münster, eine Abteilung soll der Landesregierung und den Kommunen helfen, übertragbare Krankheiten einzudämmen.
Auf den ersten Blick sieht die Karte nach Fleißarbeit aus, aber das trügt. Die Beamten in den Gesundheitsämtern sind damit gar nicht glücklich. »Das ist doch eine unsinnige Karte, hier werden doch nur die Fälle gezeigt und keine Prävalenzen«, heißt es in einem internen Schreiben. Prävalenz: die Zahl der Infizierten geteilt durch die Zahl der Getesteten, ein viel genauerer Wert.
Immer wieder beklagen sich die Gesundheitsämter über die Arbeitsweise des »Landeszentrums Gesundheit«. Als es eine Woche zuvor eine »aktuelle Information« zu COVID
-19 verschickte, war diese Information nicht aktuell. Ein Empfänger lästerte, ob sich das Landeszentrum schon »unter Quarantäne« befinde, »da schon lange keine Infos mehr« ankämen. An anderer Stelle wird das Landeszentrum aufgefordert, »seiner Steuerungsfunktion« nachzukommen. Das »bloße Weiterleiten von RKI
-Dokumenten ist in dieser Situation nicht zielführend«.
In der Corona-Krise zeigt sich, dass im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland fehlt, was die Amtsärzte 2015 gefordert hatten: gebündelte Kompetenz in Sachen Infektionsschutz. Auch bei der Wiedereröffnung der Schulen im Mai werden die Kommunen weitgehend auf sich allein gestellt sein.
24. März, USA, New York
Das Sterben hat begonnen, 780 Tote zählten die USA
am Vortag. In Washington gibt Präsident Trump seine täglichen Pressekonferenzen, in New York der demokratische Gouverneur Andrew Cuomo. Beide werden täglich live übertragen. Etliche Bundesstaaten haben inzwischen einen Lockdown ausgerufen. Die Menschen sitzen zu Hause, sie fürchten sich und sie langweilen sich und verfolgen, wie die beiden Männer immer wieder aufeinander losgehen. Ein Sinnbild für die Kämpfe, die dem Land nun bevorstehen, zwischen rechts und links, Republikanern und Demokraten, zwischen jenen, die auf ihrer unbedingten Freiheit beharren, und jenen, die im Gemeinwohl das höhere Gut sehen. Die Pandemie wird zum Politikum.
An diesem Morgen platzt Andrew Cuomo der Kragen. »Der Präsident sagte, es sei ein Krieg. Nun, dann handeln Sie, als sei es ein Krieg!«, ruft er. 7.400 Beatmungsgeräte hat der Bundesstaat New York, man werde ein Vielfaches brauchen, wenn das Virus zuschlägt, fordert Cuomo seit Wochen. Er fordert, einen Großteil der 20.000 Beatmungsgeräte aus der Notfallreserve des Bundes nach New York zu bringen und so lange dort zu lassen, bis die Welle abflacht. Doch nun hat die Katastrophenbehörde FEMA
ganze 400 Apparate geliefert.
»Was sollen wir mit 400 Beatmungsgeräten?«, ruft Cuomo. »Wollt ihr einen Klaps auf den Rücken dafür, dass ihr 400 Beatmungsgeräte geschickt habt? Ihr werdet die 26.000 Menschen aussuchen, die sterben werden!«
Einige Stunden später ist Präsident Trump telefonisch bei Fox News zugeschaltet. »Weißt du«, sagt Trump zum Moderator, »wenn du in ein Krankenhaus gehst, haben sie dort zwei, drei Beatmungsgeräte. Und nun, plötzlich, sagen sie: ›Können wir 30.000 Beatmungsgeräte bestellen?‹ Ich glaube nicht, dass 40.000 oder 30.000 Beatmungsgeräte gebraucht werden.«
Pressekonferenz von Cuomo am nächsten Morgen: »Ich habe
keine Kristallkugel«, sagt er mit leisem Ekel in der Stimme. »Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung. Aber ich arbeite hier nicht auf der Grundlage von Meinungen. Ich arbeite auf der Grundlage von Fakten, Daten, Zahlen und Prognosen.«
Kurz darauf tweetet Trump: »Tausende (gelieferte) Beatmungsgeräte der Bundesregierung im Lager in New York gefunden. N.Y. muss JETZT
verteilen!« Es stimmt nicht. Cuomo, angewidert: Der Präsident ist »grob uninformiert«.
Bis hierher war Andrew Cuomo weder besonders bekannt noch besonders beliebt, weder galt er als besonders warmherzig noch als besonders effizient, und dass in New York so viele sterben werden, hat auch mit dem verfehlten Krisenmanagement der Stadt zu tun. Doch nun, in der Krise, wächst Cuomo über sich hinaus. Ruhig und sachlich spricht er. Nimmt Anteil, ist gerührt, rüttelt auf, tröstet. Und stellt sich dem Berserker im Weißen Haus entgegen.
Präsident Trump liebt das Bad in der aufgepeitschten Menge, Wahlkampfauftritte, bei denen er Hallen zum Kochen bringt. Die fallen nun aus. Also kapert er die Corona-Pressekonferenzen im Weißen Haus, um zum Volk zu sprechen, okkupiert das Rednerpult im winzigen Presseraum, wo er von Wundermitteln fantasiert und von Impfungen, die quasi über Nacht erfunden werden. Anderthalb Stunden können die Pressekonferenzen dauern, und 60 Prozent der Zeit spricht er.
Die ›Washington Post‹ hat ausgewertet, was Trump dabei sagt. 13 Stunden Redezeit enthalten unter anderem:
Selbstlob und Lob der Regierungsarbeit: 2 Stunden 45 Minuten. Attacken auf Demokraten: 30 Minuten. Attacken auf Medien und Journalisten: 25 Minuten. Attacken auf Gouverneure: 22 Minuten. Attacken gegen China: 21 Minuten. Beileid für COVID
-19-Opfer: 4,5 Minuten.
Frage eines Reporters an Präsident Trump: »Was sagen Sie Bürgern, die nun Angst haben?«
Antwort Trump: »Ich sage ihnen, dass Sie ein schrecklicher Reporter sind.«
Auch Andrew Cuomos Pressekonferenzen, morgens um 11.15 Uhr, können dauern. Millionen sehen zu, wie er die Fragen der Reporterinnen beantwortet. Aber hier spricht ein Mensch. Seine Tochter sei jetzt in Quarantäne, erzählt Cuomo, »und, ganz ehrlich, wir haben uns vielleicht noch nie so gut unterhalten«. Endlich hätten sie sich ausgesprochen, über Themen, für die ihnen früher die Zeit und der Mut fehlte, über ihre Gefühle hätten sie geredet, »über Fehler, die ich bedaure und über die ich schon lange mit ihr reden wollte«.
Präsident Trump, auf die Frage nach den verfehlten Corona-Tests: »Ich übernehme überhaupt keine Verantwortung.«
Andrew Cuomo, als es um eine Durchführungsordnung geht: »Sollte irgendwer irgendwem die Schuld geben wollen, dann gebt sie mir. Es gibt niemanden sonst, der für diese Entscheidung verantwortlich ist.«
Trump: »Das Virus wird verschwinden, einfach so.«
Cuomo zu Soldaten: »Das wird Wochen um Wochen um Wochen dauern. Heute wird ein langer Tag. Und ein harter Tag. Und ein hässlicher Tag. Und ein trauriger Tag. Sie erleben einen historischen Augenblick. Diese Zeit wird unser Land verändern. Sie formt Persönlichkeiten. Deshalb sage ich euch, meine Freunde, lasst uns rausgehen und diesem Virus in den Arsch treten!«
26. März, Berlin
Gesundheitsminister Jens Spahn sitzt auf dem Podium der Bundespressekonferenz, und wie so oft hat er Experten mitgebracht. Virologen sind jetzt wie Kronzeugen, sie können das Unsichtbare glaubhaft machen. »Ärzte und Pflegekräfte bereiten sich auf die wohl größte Herausforderung in 75 Jahren vor«, sagt Spahn. Inzwischen gibt es 36.500 Infizierte in Deutschland und 198 Tote. »Aber noch ist das die Ruhe vor dem Sturm.«
176 Labore arbeiten laut Robert Koch-Institut quasi rund um die Uhr. Zwischen 300.000 und 500.000 Tests seien in der Vorwoche ausgewertet worden, sagt Spahn. »Das dürften die meisten Tests in einem Land auf der ganzen Welt sein.« Viele Regierende sagen das in diesen Tagen, Trump sagt es jeden Tag.
Bis Ende April sollen 200.000 Menschen pro Tag getestet werden, das wären mehr als eine Million Tests pro Woche in Deutschland. Klingt wünschenswert. Aber machbar ist das nicht. Denn dafür fehlt es an Geräten, Reagenzien, Personal.
Das Robert Koch-Institut hat deshalb die Empfehlung zu den Testungen entsprechend angepasst: Ab sofort sollen nur Menschen getestet werden, die Symptome zeigen und Kontakt zu Infizierten hatten oder die zu einer Risikogruppe gehören.
Gregg Frost, Leitender Oberarzt Hämatologie/Onkologie, Saarbrücken
»Die Patienten haben Angst. Sie dürfen keinen Besuch kriegen. Überwiegend treffen wir auf Verständnis. Ich habe Sorge, dass das kippt, wenn die Maßnahmen fortgeführt werden.
Ich selbst habe auch oft Angst. Ich merke, wie ich innerlich unruhig werde, wenn ein Patient in meiner Sprechstunde, der zu einer Routinekontrolle kommt, noch tausend Fragen zu allen möglichen Dingen stellt. Im Moment tickt eine innere Uhr, die mir sagt, dass mein Infektionsrisiko nach 15 Minuten steigt.«
27. März, Lübeck
Wenn bei Stefan Dräger in diesen Tagen das Telefon klingelt, weiß er nicht, ob ein rumänischer Hilfsverein anruft, der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz oder das Kanzleramt in Berlin. Am Wochenende zuvor hatte er den König der Niederlande in der Leitung.
Alle haben den gleichen Wunsch: Sie wollen Schutzmasken. Der Medizintechnik-Hersteller Drägerwerk aus Lübeck ist einer der größten Hersteller von Masken und Beatmungsgeräten in Europa.
Egal, wer bei Dräger anruft, seine Antwort lautet immer gleich: Die Produktion kommt nicht hinterher. Die Dräger-Standorte in Schweden und Südafrika sind voll ausgelastet und laufen rund um die Uhr. Einige Wochen zuvor hat Dräger einen Großauftrag der US
-Regierung erhalten und wird an der Ostküste der USA
eine Maskenfertigung errichten. Die Produktion soll im September starten.
Auch Deutschland hat es versäumt, für den Krisenfall vorzusorgen. Aber einen Anruf aus Berlin, um eine Produktion von Schutzmasken hier im Land hochzuziehen, hat Stefan Dräger bislang nicht erhalten.
29. März, USA, Washington
Kaum hatte Präsident Trump Mitte März Einschränkungen von sozialen Kontakten empfohlen, begann er, sie zu torpedieren. »ES KANN NICHT SEIN, DASS DIE ARZNEI SCHÄDLICHER IST ALS DIE KRANKHEIT
«, dröhnte er seinen 80 Millionen Twitter-Followern entgegen. Und träumte laut davon, das Land spätestens Ostern aufzumachen. Wäre doch schön, wenn dann die Kirchenbänke wieder voll seien.
Nun steht Trump im Rosengarten des Weißen Hauses und verkündet überraschend, die Einschränkungen um weitere vier Wochen zu verlängern. »Nichts wäre schlimmer, als einen Sieg zu
verkünden, ehe ein Sieg erreicht ist«, sagt der Präsident. »Das wäre die größte Niederlage überhaupt.«
Dann wird er persönlich. Vom New Yorker Stadtteil Queens erzählt er, vom Elmhurst-Krankenhaus, in dessen Nähe er aufgewachsen sei. Das sei ein sehr gutes Krankenhaus, er kenne die Farbe der Fassade und die Größe der Fenster. »Ich habe das in der vergangenen Woche im Fernsehen gesehen: Leichensäcke, überall. Auf den Krankenhausfluren«, sagt Trump. »Die haben Kühlcontainer aufgestellt, weil sie mit den Leichen nicht alle fertigwerden. Es sind zu viele.« Angefasst wirkt Trump. Ungläubig. Als habe ihn das überrascht.
Von Freunden erzählt Präsident Trump am nächsten Tag, »wir dachten, dass sie für einen kurzen Aufenthalt eingewiesen werden. Und nun ist einer von ihnen bewusstlos und liegt im Koma. Und man denkt: Wie kann das passieren?« Später wird dieser Freund, ein Immobilienmakler, sterben.
Aber es war nicht nur das persönliche Entsetzen, das ihn kurzzeitig zur Vernunft brachte. Inzwischen hört Trump häufiger auf Deborah Birx und Anthony Fauci, auf die »Gesundheitsfraktion« im Corona-Krisenstab, und die haben ihm Modellrechnungen gezeigt, nach denen durch ein zu frühes Öffnen Hunderttausende sterben könnten.
Längst sind auch seine Wahlkampfberater ins Lager der Warner gewechselt. Trump werde bei der Wahl im November danach beurteilt werden, wie er die Krise gemeistert habe; mehr Tote, nur weil man die Wirtschaft zu früh angeworfen hat, könnte eine zweite Amtszeit zunichtemachen. Trump beginnt, mit Toten herumzuhantieren, mit Totenzahlen, die er bändigen will, um sich als Retter gegen den übermächtigen, unsichtbaren Feind zu profilieren. Trump beginnt, den Tod zu instrumentalisieren.
Inzwischen sind die USA
das Land der Welt mit den meisten Corona-Infizierten, über 140.000 sind es inzwischen.
30. März, Berlin
Deutschland hat mehr als zehn Tage Kontaktbeschränkungen hinter sich. In deutschen Medien ist es mittlerweile Trend, Aussagen Drostens aus seinem Podcast zu kurzen Artikeln zu bündeln, die sich dann so lesen, als würde Drosten der Politik konkrete Anweisungen geben.
Der fühlt sich zusehends missverstanden und sagt in seinem Podcast, Folge 24, zur Rolle der Wissenschaft: »Eine Sache kann und darf die Wissenschaft nicht und hat die Wissenschaft nicht, nämlich die Wissenschaft hat kein demokratisches Mandat. Ein Wissenschaftler ist kein Politiker, der wurde nicht gewählt, und der muss nicht zurücktreten. Kein Wissenschaftler will überhaupt so Dinge sagen wie: Diese politische Entscheidung, die war richtig. Oder diese politische Entscheidung, die war falsch. Oder diese politische Entscheidung, die muss jetzt als Nächstes getroffen werden. Sie hören das von keinem seriösen Wissenschaftler.«
Die Geschichte »Drosten und die Medien« entwickelt sich mehr und mehr zu einer toxischen Beziehung. Der Virologe kritisiert explizit: »Ich sehe mich selber als Comicfigur gezeichnet, und mir wird schlecht dabei. Ich bin wirklich wütend darüber, wie hier Personen für ein Bild missbraucht werden, das Medien zeichnen wollen, um zu kontrastieren. Das muss wirklich aufhören.« Er berichtet von einer Hassmail, in der ihm vorgeworfen wird, für den Selbstmord des hessischen Finanzministers verantwortlich zu sein.
30. März, Berlin
Mehr Tests, das wollen alle. Das merkt auch Olfert Landt, der Testhersteller in Berlin. Ende März hat er 90.000 Testkits in die ganze Welt verkauft, genug für knapp neun Millionen Tests. Doch auch er würde nicht allein auf Masse setzen. Sondern gezielter testen.
»Ich halte den Aufruf der WHO
: Testen, testen, testen für übertrieben«, sagt Landt. »Undifferenziertes Testen ist in meinen
Augen Unsinn.« Ginge es nach Landt, sollte man zwei Gruppen von Menschen testen – die aber täglich: »Jeden, der Krankheitsanzeichen hat. Und zweitens all jene, die berufsbedingt ständig und unvermeidbaren Kontakt mit anderen haben.« Also Friseure, Zahnärztinnen, Physiotherapeuten. Aber auch Personen, die Kontakt haben mit Menschen, die besonders anfällig sind, wie Krankenpfleger, Altenpflegerinnen, Chirurgen. »Diese Menschen müsste man arbeitstäglich prüfen, also jeden Morgen«, sagt Landt. Das sei machbar.
Über sogenannte »Minipools« könnte man ganze Gruppen auf einmal auf das Coronavirus untersuchen. »Dabei könnte man die Wattestäbchen aller Leute einfach zusammen testen«, sagt Landt. Ist der Test negativ, gehen alle weiter unbesorgt zur Arbeit. Ist der Test positiv, dann »ist einer in der Gruppe positiv, und alle gehen in die Quarantäne.«
31. März, Berlin
Helge Braun, Bundesminister für besondere Aufgaben, twittert: »Wir erhalten viele Angebote für die Lieferung von med. Schutzausrüstung. Das geht jetzt ganz einfach. Der Bund kauft FFP
2-Masken, OP
-Masken und Schutzkittel im ›Open House‹-Verfahren.«
Vier Tage zuvor hat das Gesundheitsministerium dieses »Open-House-Verfahren« gestartet. Der Staat verhandelt nicht mehr über den günstigsten Preis, sondern bestellt, kauft und bezahlt. Wie viel die Masken und Kittel kosten dürfen, legt der Bund fest. Mindestens 25.000 Stück müssen Unternehmen dann zu diesem Preis für Länder und die Kassenärztlichen Vereinigungen bis spätestens 30. April liefern, in das Logistikzentrum des Bundes nach Thüringen. Von hier wird das Material dann an Kliniken, Praxen und Pflegeheime weiterverteilt.
Seit Wochen schnellen die Einkaufspreise für Schutzkleidung nach oben. Während FFP
2-Masken Mitte Februar noch 45 Cent kosteten, lag der Preis zwei Wochen später bei 13,52 Euro. Ein
Preisanstieg um 3.000 Prozent. Für OP
-Atemmasken, die normalerweise 3 Cent kosten, zahlen Krankenhäuser Ende März 50Cent. Auch für Privatpersonen wird es immer schwieriger, an Masken zu kommen. Auf Online-Plattformen wie eBay oder Amazon nutzen Verkäufer die Ängste der Bürger aus und verkaufen FFP
2-Mundschutz im Fünferpack für 199 Euro – statt wie sonst für 20 Euro. Der Hunderterpack Einmal-Masken kostet dort bald 199 Euro.
»Auf dem Schutzmaskenmarkt geht es derzeit zu wie auf dem Goldmarkt«, sagt Jens Spahn nach dem Besuch eines Logistikzentrums in der Nähe von Erfurt, »ein Cent-Produkt ist plötzlich Gold wert.«
Max Bürck-Gemassmer, Niedergelassener Allgemeinarzt, Berlin
»Es fehlt seit Wochen Schutzausrüstung. Die banalsten Dinge wie Desinfektionsmittel sind knapp und müssen rationiert werden. Tägliche Teambesprechungen, wie wir mit der Situation umgehen können: Wie können wir das Team und uns selbst schützen? Wie können wir unter diesen Bedingungen die reguläre Patientenversorgung aufrechterhalten? Die Arbeit ist dadurch für alle extrem belastend und anstrengend. Wir fühlen uns von politischen Entscheidungsträgern hängen gelassen.«
31. März, USA, New York
Wäre die Stadt New York ein Land, sie läge jetzt auf Platz fünf der weltweiten Corona-Rangliste, hinter China, vor Deutschland. Und der Scheitelpunkt der Infektionswelle ist noch Wochen entfernt. Wochen, in denen es jeden Tag schlimmer werden wird.
Im ganzen Land fehlen Tests, Wattetupfer für Tests, Schutzkleidung, Beatmungsgeräte. Und das Weiße Haus hält sich vornehm zurück. »Versuchen Sie, es selbst zu bekommen«, soll Präsident Trump in einer Telefonkonferenz zu den Gouverneuren der Bundesstaaten gesagt haben. »Wir werden Sie unterstützen, aber versuchen Sie, es selbst zu bekommen.«
Andrew Cuomo, der Gouverneur von New York, reagiert scharf: »Das ist, als würde man mit 50 Bundesstaaten bei eBay um Beatmungsgeräte bieten«, echauffiert er sich. »Wir bieten gegeneinander, und dann werden Sie von einem Unternehmen angerufen und hören: ›Nun, Kalifornien hat Sie gerade überboten.‹« Und am Ende komme die nationale Katastrophenbehörde FEMA
hinzu und treibe die Preise weiter in die Höhe. »Welchen Sinn macht das?«
Die USA
sind ein Zentralstaat. Die Regierung in Washington hätte das Geld, die Kompetenz und die Macht, den Kampf gegen das Virus zu steuern. Einen »Zar« müsste man einsetzen, einen Beamten mit weitreichenden Befugnissen, der alle Stoppschilder rausreißt. Es geschieht nicht.
Stattdessen verkündet der weithin verhasste Trump-Schwiegersohn Jared Kushner, neuerdings Leiter einer ominösen Taskforce, die Bundesstaaten müssten sich selbst um ihre Vorräte kümmern, »die nationalen Vorräte gehören uns«.
Das stimmt, »wir sind nur die Unterstützung«, pflichtet Präsident Trump ihm bei. »Wir sind ja keine Bestellbehörde.«
Genießt er es, dass ihm seine politischen Gegner nun aus der Hand fressen müssen? Auf einer Pressekonferenz sagt Trump, er habe Vizepräsident Mike Pence gebeten, die Gouverneure einiger demokratisch regierter Staaten nicht anzurufen. »Ich sage: Mike, rufen Sie nicht den Gouverneur von Washington an. Sie verschwenden Ihre Zeit mit ihm. Rufen Sie nicht die Frau in Michigan an.« Gemeint ist die Demokratin Gretchen Whitmer, sie wird als Vize-Präsidentschaftskandidatin der Demokraten gehandelt.
Trump: »Wenn sie einen nicht richtig behandeln, rufe ich nicht an.«
In Massachusetts regiert der Republikaner Charles Baker, ein Trump-Kritiker. Die ›Washington Post‹ berichtet, er habe weniger Schutzmaterial erhalten als angefordert, während der Gouverneur von Florida, ein Trump-Buddy, die angeforderte Lieferung gleich doppelt bekam. Am Ende wird Charles Baker die private Boeing 767 eines Milliardärs ausleihen, um damit Schutzmasken von China nach Boston transportieren zu lassen.
Die Bundesstaaten sind weitgehend auf sich allein gestellt, und jeder macht es anders. In manchen Bundesstaaten regiert nun die wissenschaftliche Vernunft. In anderen die Ideologie.
Aus Washington kommt nur zögerlich Hilfe nach New York. Aber sie kommt. 250 Krankenwagen, 500 Rettungssanitäter, 2.000 Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger sind unterwegs.
Lauren Barlog, Gynäkologin, Brooklyn, New York
»Ich verließ das Krankenhaus nach 24 Stunden ohne Schlaf, 24 Stunden, in denen ich eine OP
-Maske über einer N95-Maske getragen hatte, 24 Stunden, in denen ich meine eigenen schwangeren Patientinnen beobachtet hatte – nur um auf das neu aufgebaute mobile gekühlte Leichenhaus vor dem Krankenhaus zu stoßen. Ich spürte die Tränen über mein Gesicht rollen, die ich den ganzen Tag zurückgehalten hatte.«
1. April, USA, Washington
Der Virologe Anthony Fauci hat Morddrohungen erhalten. An diesem Tag bekommt er Personenschutz. Neun Leibwächter, die ihn rund um die Uhr bewachen.
Vor allem eine Szene ist es, die den schmächtigen, bebrillten, 79 Jahre alten Anthony Fauci ins Visier von Rechtsextremen geraten ließ. Auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus zwölf Tage zuvor hat Präsident Trump einen Witz gemacht. Nicht vom Außenministerium sprach er, vom »State Department«, sondern vom »Deep State Department«. Deep State, der Beamtenapparat, der die Freiheit der Bürger untergrabe und sich dem Willen des Präsidenten widersetze – Fauci, der sonst mit stoischem Blick hinter dem Präsidenten steht, lachte kurz in sich hinein, senkte dann den Kopf und hielt sich die Hand an die Stirn.
Die Szene ging viral. Fanatische Trump-Anhänger sahen darin eine Beleidigung des Präsidenten. Nicht lange, da wurde eine komplette Verschwörungstheorie darum gestrickt. Der Vorwurf: Fauci wollte die Macht des Präsidenten im Wahljahr untergraben.
Seit Anfang der 1980er-Jahre berät Fauci die US
-Regierung. In der Aidskrise gelang es ihm, die HIV
-Forschung in den USA
voranzutreiben, obwohl Präsident Reagan das Wort »Aids« erst dann zum ersten Mal aussprach, als 23.000 Menschen an der Krankheit gestorben waren. Sechs US
-Präsidenten hat Fauci bei Epidemien beraten.
Er gilt als einer der weltweit führenden Virologen, verdient mehr als der Vizepräsident oder Oberste Richter der Vereinigten Staaten und verwaltet als Direktor des Nationalen Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten ein Budget von sechs Milliarden Dollar.
Der ›New York Times‹ sagt Fauci: »Ich habe dem Präsidenten Dinge gesagt, die er nicht hören will. Ich habe öffentlich etwas anderes sagen müssen als das, was er behauptet. Sicher ist es riskant, aber das ist mein Stil. Ich sage es, wie es ist, und wenn er angepisst ist, dann ist er eben angepisst. Glücklicherweise ist er das nicht. Interessanterweise.«
»Wir haben versagt«, gibt Fauci Mitte März zu, versagt bei der rechtzeitigen Entwicklung eines Corona-Tests. »Wenn wir von
Anfang an alles abgeschaltet hätten, wäre es vielleicht ein bisschen anders gekommen«, sagt er einen Monat später auf die Frage, ob Leben hätten gerettet werden können. Mit anderen Worten: Ja, die Regierung hätte unnötiges Sterben verhindern können. Noch zugespitzter: Tausende haben Trumps Dilettieren mit dem Leben bezahlt.
Trump empfiehlt das Malaria-Mittel Hydroxychloroquin. Fauci: »Wir müssen das wissenschaftlich betrachten.« Und wissenschaftlich gesehen ist es Unfug.
Ein Impfstoff gegen das Coronavirus sei nur wenige Monate entfernt, behauptet Trump auf einer Pressekonferenz. Nein, es dauere mindestens 18 Monate, widerspricht Anthony Fauci auf der gleichen Pressekonferenz.
Als der Virologe zum zweiten Mal in Folge beim Pressebriefing des Weißen Hauses abwesend ist, trendet der Hashtag #WheresDrFauci. Fauci ist nur zurück in seinem Büro und arbeitet an der Entwicklung eines Impfstoffs. Aber die Menschen machen sich Sorgen. »Die einzige Person, von der ich etwas hören möchte, ist Dr. Anthony Fauci«, twittern besorgte Anhänger.
Sogar Brad Pitt verkleidete sich mit Perücke und Brille als Dr. Fauci und parodierte Trumps Falschaussagen in der Kultsendung ›Saturday Night Live‹. Zuvor hatte der Virologe gescherzt, dass er gern einmal sehen würde, wie der Schauspieler ihn imitiere. Am Ende bedankte sich Brad Pitt persönlich bei Dr. Fauci: »Vielen Dank für Ihre Ruhe und Ihre Klarheit in dieser beunruhigenden Zeit.«
Noch hört Präsident Trump auf den obersten Virologen der USA
. Wie lange noch? Bald wird er einen Tweet weiterleiten mit dem Hashtag #firefauci.
2. April, Hamburg
Der ›Spiegel‹ fragt in Zusammenarbeit mit dem Umfrageinstitut Civey: »Wie beurteilen Sie die Maßnahmen der Politik zur
Bekämpfung der Corona-Pandemie?« Rund 56Prozent der Befragten halten die Corona-Regeln für angemessen. 29 Prozent als »eher nicht ausreichend« oder »eindeutig nicht ausreichend«. 15 Prozent geben an, die Reaktionen der Politik seien »eher übertrieben« oder »eindeutig übertrieben«.
3. April, Berlin
Die ›Bild‹-Zeitung führt ein »Virologen-Ranking« durch und fragt ihre Leser: »Welchem Virologen vertrauen Sie am meisten?« Innerhalb von drei Stunden nehmen laut Selbstauskunft 60.000 Personen teil. Das Ergebnis: Christian Drosten gewinnt mit 37 Prozent Stimmanteil. Als Kontext schreibt ›Bild‹ freundlicherweise dazu: »Übrigens: Das Ergebnis dieser Umfrage sagt nichts über Glaubwürdigkeit oder Kompetenz der Experten aus. Vielmehr zeigt sie, wie bekannt und präsent die jeweiligen Forscher sind. Und: Fast alle Experten haben sich in der Corona-Krise schon widersprochen. Kein Wunder: Das Virus ist neu, Experten müssen ihre Erkenntnisse ständig der aktuellen Entwicklung anpassen.«
Noch hält ›Bild‹ das für nachvollziehbar. Bald wird sie Drosten diesen Lernprozess als Fehler ankreiden.
3. April, München
Das Virus hat Deutschland lahmgelegt, Lockdown, seit fast zwei Wochen. Wie kommt man da wieder raus? Lockert die Bundesregierung die Einschränkungen zu früh, könnte das Gesundheitssystem doch noch kollabieren. Lockert sie die Einschränkungen zu spät, würgt sie die Wirtschaft unnötig ab. Forscher klagen über die dünne Datenlage. Auf welcher Grundlage sollen sie da Empfehlungen aussprechen?
Wie viele Menschen in Deutschland haben sich tatsächlich infiziert – und sind nun möglicherweise immun gegen das Virus? Wie viele sind tatsächlich an COVID
-19 gestorben? Was war los in Heinsberg, dem ersten deutschen Hotspot? Die offiziellen
Zahlen, täglich in der Tagesschau verlesen, zeigen nur, wer sich neu angesteckt hat und mit dem Virus infiziert war, als er oder sie starb. Krankheitsverläufe, tatsächliche Infektionszahlen, Ansteckungswege, Sterberaten – vieles beruht in diesen Tagen auf Schätzungen.
Mehrere große Studien werden in diesen Tagen aufgelegt. Eine kommt federführend vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Die Wissenschaftler wollen 100.000 Blutproben auf Antikörper testen und so herausfinden, wie weit sich das Virus ausgebreitet hat – und wie tödlich es ist.
In München sollen Menschen in 3.000 zufällig ausgewählten Haushalten auf Antikörper getestet werden. Den Testpersonen wird Blut abgenommen und bei einigen ein Rachenabstrich gemacht, es folgen ausführliche Befragungen. So soll unter anderem herauskommen, wie schnell das Virus in Familien mit Kindern um sich greift, was Risikofaktoren sind, wie viele Menschen sich infizieren, ohne Symptome zu entwickeln. Die Untersuchung in Bayern ist die bislang größte ihrer Art in Deutschland, sie ist repräsentativ für München – und soll viele Hinweise für andere deutsche Großstädte geben.
Die Studien beruhen auf Antikörpertests. Dringen Viren in einen Körper ein, bekämpft das Immunsystem die Krankheitserreger und produziert Antikörper, Immunglobuline – die ein Test aufspüren kann. Wie verlässlich sind solche Tests?
Weil das menschliche Immunsystem etwa zehn Tage braucht, um Antikörper gegen SARS
-CoV-2 zu bilden, kann der Antikörpertest keine frische Infektion anzeigen. »In den ersten zehn Tagen sind diese Tests sozusagen blind«, sagt der Virologe Christian Drosten in der ›Zeit‹.
Außerdem sind die Tests fehleranfällig. Seit Jahrzehnten kursieren Coronaviren in der Bevölkerung, etwa 90 Prozent der Erwachsenen haben Antikörper dagegen im Blut. Meist lösen diese Coronaviren nur harmlose Erkältungen aus, doch der Test reagiert auch auf sie. Deshalb wären gerade am Ende einer
Erkältungssaison viele »falsch positive« Ergebnisse bei den Antikörpertests zu erwarten. Christian Drosten sagt, die Rate »falsch positiver Signale« bei ihm im Labor liege bei drei bis vier Prozent.
Antikörpertests können PCR
-Tests nicht ersetzen. Sie können aber Aufschluss darüber geben, wie weit sich das Virus in der Bevölkerung verbreitet hat. Hoffnungen hingegen setzen Forscherinnen und Forscher auf Antigentests. Auch die ähneln Schwangerschaftstests, suchen aber nicht nach Antikörpern, sondern nach Genmaterial von SARS
-CoV-2 im Schleim aus Nase oder Rachen. »Wenn die Tests gut anschlagen, können sie die aktuellen komplett ersetzen«, sagt Christian Drosten in der ›Zeit‹. »Dann sind die Warteschlangen weg.«
7. April, München
Im Instagram-Feed von Andreas Scheuer erscheinen fünf neue Fotos. Sie zeigen den Bundesverkehrsminister, wie er zusammen mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder und Lufthansa-Chef Carsten Spohr bei Sonnenuntergang vor einer Boeing 777F in die Kamera lacht. Darunter: »8mio Schutzmasken für Bayern geliefert! #bayern #soeder #lufthansa«. So posieren sie für Journalisten.
»Das ist gute Logistik«, lobt sich Scheuer. »Auftrag, Entscheidung, Verlässlichkeit – das passt.« Und das sei erst der Anfang. In den kommenden Wochen würden »mehrere 100 Millionen Masken« folgen. Vermittelt hat den Deal die Passauer Firma F&E Protective, die normalerweise mit Sportkleidung handelt.
Ein paar Tage später stellt sich heraus: 11,2 Millionen Masken, die Minister Scheuer nachbestellt hatte, sind unbrauchbar – die Filter taugen nicht viel, die Bänder reißen ab. Die Fake-Artikel entsprechen nicht deutschen Norm- und Qualitätsmaßstäben. Die minderwertige Ware bleibt nach Sichtung in China – nur Masken, die die TÜV
-Kriterien erfüllen, werden importiert.
»Der Markt gleicht inzwischen dem Drogenhandel:
Verpackungen sind irreführend, angeblich angebotene Produkte existieren gar nicht«, sagt der Beschaffungsexperte einer Kassenärztlichen Vereinigung dem ›Spiegel‹.
Seit Wochen warnt die europäische Polizeibehörde Europol vor gefälschter Schutzausrüstung. »Betrüger beuten Ängste und Sorgen von Opfern während der Krise aus«, heißt es in einem Bericht. »Wir gehen Risiken ein, bei denen dem Bundesrechnungshof wahrscheinlich alle zwei Stunden ein Nervenzusammenbruch droht, weil wir auch teilweise Sachen bestellen, die wir nicht bekommen«, plaudert Finanzminister Olaf Scholz am 5. April bei ›Anne Will‹ aus.
Ein unkoordinierter, anarchischer Kampf um die wenigen Ressourcen, so beschreibt die Tagesschau den Maskenmarkt. Es ist die Stunde der Glücksritter und Betrüger, Diebe bestehlen Krankenhäuser und Firmen. Ein Mann aus Hürth lässt 1.200 Atemschutzmasken aus seiner Firma mitgehen. Eine Bande ergattert 50.000 Masken aus dem Zentrallager der Kölner Kliniken.
7. April, Berlin
Die Kanzlerin greift zum Telefon. Am anderen Ende der Leitung: Chinas Staatschef Xi Jinping. Was genau besprochen wird, ist unklar. Doch dieses Gespräch ermöglicht Deutschland Zugang zu einer chinesischen Schutzmasken-Firma, die beste Qualität herstellt und verlässlich liefert.
In China existiert inzwischen eine Art Masken-Hotline für Botschafter und Regierungen. Wer bei den Topfirmen einkaufen darf, darüber entscheidet der chinesische Staat. Die Tagesschau titelt: »Merkel machts möglich.«
Deutschland produziert kaum medizinisches Verbrauchsmaterial, etwa 90 Prozent der Masken kommen aus China, und ein guter Teil davon ausgerechnet aus jener Provinz, in der das Virus ausbrach: Hubei. Die chinesischen Fabriken fahren ihre Produktion nur allmählich wieder hoch. Es fehlen Arbeiter. Inzwischen
haben mehrere gigantische Fabriken auf Maskenproduktion umgestellt. Ohne sie ginge es nicht.
Offiziell stehen Deutschland in diesen Tagen 37Millionen Schutzmasken zur Verfügung. Für die kommenden sechs Monate wird jedoch ein Bedarf von 15 Millionen allein in den deutschen Arztpraxen berechnet. Ohne den Nachschub aus China könnte bald keine Ärztin in Deutschland mehr eine Operation ausführen.
Also mühen sich jetzt deutsche Beamte, den asiatischen Markt zu ergründen. Sie lernen, dass chinesische Anbieter oft Vorkasse binnen 24 Stunden erwarten und dass sich in Kartons manchmal nutzlose Papiermasken statt schützender Vliesware befinden. Vor allem lernen sie, dass manches Angebot kriminell ist. Das Auswärtige Amt greift ein, wenn andere Länder Ware beschlagnahmen. Das Verkehrsministerium kümmert sich darum, dass Flugzeuge mit Masken und Schutzkitteln landen können.
Die Bundesregierung verkündet, Lehren aus der Krise zu ziehen. Sie kündigt an, gemeinsam mit Firmen globale Lieferketten zu analysieren, Abhängigkeiten festzustellen und Produkte zu definieren, die im Krisenfall ausreichend verfügbar sein müssen. Ziel soll sein, eine eigene Produktion für Masken hier im Land aufzubauen, selbst wenn sie teurer sein sollten als marktüblich. FFP
-2-Masken made in Germany? Ja, das wird es wohl bald geben. Wie sich so manches ändern wird.
8. April, China, Wuhan
Elf Wochen war Wuhan abgeriegelt, nun wird die Stadt geöffnet. Zehntausende Chinesen hatten eigentlich nur zu einem Familienbesuch über das Neujahrsfest in die Stadt kommen wollen und saßen fest; endlich dürfen sie heim. Auch die Wohnblocks, in denen die Menschen eingesperrt waren, während sie von Nachbarschaftskomitees mit Lebensmitteln versorgt wurden, werden freigegeben. Trotzdem wagen viele Bewohner sich weiterhin nicht auf die
Straße. Sie misstrauen den Behörden, die behaupten, das Virus sei unter Kontrolle.
Wie viele Menschen sind tatsächlich in Wuhan gestorben? Ende März kursieren Bilder von Staus und Menschenschlangen vor den Krematorien, wo Angehörige die Asche von Verstorbenen abholen dürfen. Ein Lastwagenfahrer berichtet einem Reporter, er habe 5.000 Urnen geliefert – an eines der acht städtischen Beerdigungsinstitute. Die Mitarbeiter der Krematorien werden daraufhin ausgetauscht. Um Nachfragen von Journalisten vorzubeugen?
Und tatsächlich, Mitte April korrigiert die Stadtregierung von Wuhan die Zahl der Opfer: 3.869 Menschen, 50 Prozent mehr als zuvor angegeben, seien im Zusammenhang mit COVID
-19 gestorben. Man habe nicht alle Toten erfasst, weil erstens viele Menschen zu Hause gestorben seien. Weil zweitens die Krankenhäuser auf dem Höhepunkt der Krise keine Kapazitäten für die Erfassung der Daten gehabt hätten. Und drittens seien private Krankenhäuser und provisorische Quarantänelager nicht an das zentrale Meldesystem angeschlossen gewesen.
Einerseits ist das nachvollziehbar. Auch in China war die erste Phase der Epidemie unübersichtlich und chaotisch. Andererseits: Ist das die ganze Wahrheit? Skeptisch muss die auffällig glatt korrigierte Zahl der Opfer machen: Sie stieg um genau 50 Prozent. Das klingt nach einer Vorgabe.
Zahlen sollte man in China grundsätzlich misstrauen, sie sind hoch politisiert und entscheiden über die Karrierechancen von Parteikadern. Intransparenz ist ein zentrales Merkmal des chinesischen Herrschaftssystems. Oder, wie der China-Fachmann James Palmer einmal schrieb: »Niemand weiß irgendetwas über China – nicht einmal die chinesische Regierung.«
Es gibt zahlreiche Hinweise, dass die Corona-Statistik frisiert wurde. So sollen vor einem Besuch Xi Jinpings in Wuhan gezielt weniger Menschen getestet und COVID
-19-Patienten frühzeitig
entlassen worden sein, um die geschönte Botschaft des Staatsführers zu unterstreichen, das Virus sei unter Kontrolle. Von Unternehmen in Wuhan wird berichtet, dass sie Krankheitsfälle verschwiegen, um weiter produzieren zu können.
Ab dem 13. Februar galt in der Provinz Hubei nicht mehr nur ein positiver PCR
-Test als Beleg für eine SARS
-CoV-2-Infektion, sondern auch ein CT
-Scan der belasteten Lungen. Die Folge: Die Zahl der Infizierten stieg um 44 Prozent an. Doch bereits eine Woche später kehrte Hubei zur alten Zählweise zurück. Die Änderung fiel zusammen mit dem Austausch der Parteiführung in Hubei und Wuhan.
All das bedeutet nicht, dass die Zentralregierung die Fälschung der Statistik anordnet oder steuert. Ministerpräsident Li Keqiang droht regelmäßig damit, jeden, der Infektionen verheimlicht, »an die Schandsäule der Geschichte zu nageln«.
Man muss davon ausgehen, dass auch er den offiziellen Zahlen misstraut. Und die echten nicht kennt.
8. April, Italien, Rom
Die vielleicht schlimmste aller Entscheidungen – wie sollen Ärztinnen und Ärzte sie treffen? Wenn es nicht für alle reicht: Wer bekommt ein Beatmungsgerät, ein Intensivbett, wer wird zurückgelassen und muss sterben? An diesem Tag veröffentlicht das Nationale Bioethikkomitee in Rom dazu einen Leitfaden, er heißt: »Die klinische Entscheidung bei Ressourcenknappheit und das Triage-Prinzip bei einer Pandemie«.
Der Vorschlag der Ethikkommission: Es zähle ausschließlich die klinische Lage des Patienten. Nur die Aussicht auf Besserung dürfe eine Rolle spielen. Alter, Geschlecht, sozialer Status, ethnische Zugehörigkeit oder Behinderung sind unerheblich. Solche Kriterien heranzuziehen, sei »ethisch inakzeptabel«.
Lorenzo d’Avack leitet die Kommission. Er sagt: »Man kann nicht von vorneherein einen Menschen ausschließen, nur weil
er über 60 ist.« Warum sagt er das? Weil die italienische Gesellschaft für Anästhesie, Analgesie, Reanimations- und Intensivmedizin im März geraten hatte, auch das Alter der Patienten solle ein Parameter sein. Nein, widerspricht d’Avack, das dürfe nicht sein.
Und fügt hinzu, es stünde eigentlich anderen Institutionen zu, solche Fragen zu entscheiden. Italiens oberstem Gesundheitsamt, dem Istituto Superiore di Sanità, und dem Gesundheitsministerium. Doch von beiden kam nichts, und das bedaure er zutiefst. Lorenzo d’Avack: »Sie haben durchweg geschwiegen.«
8. April, Düsseldorf
2.325 Euro brutto. Das ist der Lohn für einen Aushilfsjob, den es so bisher noch nicht gegeben hat: den »Containment Scout«. Gemeint sind damit Kontaktdetektive, die nachforschen, wen ein Infizierter möglicherweise noch alles angesteckt haben könnte. Und die mit den möglicherweise Infizierten Kontakt halten. 100 Teams zu je fünf Personen sollen in Städte und Gemeinden geschickt werden, um dort zu helfen.
Die Gesundheitsämter können das nicht mehr leisten, nicht einmal mit kurzfristig abgestellten Beamten aus anderen Behörden. Logisch: Ein Beamter aus dem Liegenschaftsamt hat zwar möglicherweise gerade wenig zu tun – aber das macht ihn noch nicht zum Experten für COVID
-19-Anrufe.
Die 500 neuen Containment Scouts – meist Studenten – arbeiten unter Anleitung des RKI
, aber auch sie haben längst nicht alle medizinisches Grundwissen. Philosophiestudenten, Sozialwissenschaftler oder Lehramtsstudentinnen sind darunter, sie müssen eingearbeitet und begleitet werden, sind aber erst mal nur für ein halbes Jahr eingeplant. Da ist die zweite oder dritte Welle womöglich noch nicht vorbei.
Kontaktmanagement bei Virusketten ist kein einfacher Callcenterjob. Die Containment Scouts müssen sich schon
auskennen. Natürlich kann jeder einen möglicherweise infizierten Menschen anrufen und fragen, wie es ihm denn geht. Das ist nicht schwer. Aber man muss mit der Antwort etwas anfangen können. Das ist auch der Grund, warum einige Gesundheitsämter auf die RKI
-Scouts verzichten. Sie setzen darauf, dass ihre eigenen Leute eingespielt genug sind.
8. April, USA, New York
Das Presbyterian Hospital ist eines der renommiertesten Krankenhäuser in New York, verbunden mit zwei Universitäten. 2019 wurde es zum besten der Stadt und zum fünftbesten im Land gekürt. Aber auch hier sind sie längst an ihre Grenzen gelangt. Seit Ende März müssen sich zwei Patienten ein Atemgerät teilen. Das ist medizinisch riskant, aber anders können sie der Flut von COVID
-19-Erkrankten nicht Herr werden.
Auf den Fluren liegen die Patienten, die einstige Notaufnahme wurde in eine Intensivstation verwandelt. Fast täglich gibt es neue Berichte aus den Krankenhäusern in New York. Wie es in den Erstaufnahme-Zelten, Notfallabteilungen und Intensivstationen aussieht, dokumentieren die ›Washington Post‹, das ›Time‹-Magazin und die ›BBC
‹. Sie zeigen: Für die Ärztinnen, Mediziner und Pflegerinnen ist die Krise in dieser ersten Aprilwoche kaum zu bewältigen.
In dieser zweiten Aprilwoche melden die Zeitungen jeden Tag neue, traurige Superlative für New York City. 5. April: 560 Tote. 6. April: 563 Tote. Am 7. April: 590 Tote im Zusammenhang mit COVID
-19.
Wer in diesen Tagen stirbt, ist einsam. Der muss seinen letzten Weg allein gehen. Zu hoch das Ansteckungsrisiko. »Wir rufen die Angehörigen an, damit sie sich per Video verabschieden können«, sagt ein Arzt. Er steht dann daneben und sieht, wie die Söhne und Töchter, die Eltern und Ehepartner in Tränen ausbrechen. Und dann müssen sie auflegen, und der Patient ist allein.
Manchmal nimmt sich dieser Arzt Zeit für den Tod, Zeit, die er eigentlich nicht hat. Dann setzt er sich neben den Patienten, erzählt er, nimmt dessen Hand und versucht, ganz ruhig zu werden. Hört zu, wie der Patient betet. Denkt an die Angehörigen. Auch er muss dann mitunter weinen.
Eine Ärztin ist seit 6.30 Uhr auf den Beinen. Alle Patienten auf ihrer Intensivstation sind an COVID
-19 erkrankt. Alle werden beatmet. Sie hastet an ihren Kollegen und Kolleginnen vorbei, mehr als flüchtige Blicke sind es nicht, keine Zeit, keine Zeit. Hinter den Masken und Hauben sieht sie kaum mehr als die Augen, erzählt sie, aus denen sie die Tagesform der anderen ablesen kann: Stress und Müdigkeit. Aber auch Mut und Entschlossenheit.
Zwischendurch beschlagen die Gläser der Schutzbrillen. Nicht immer ist es schlimm, ein bisschen die Sicht zu verlieren – wenn zum Beispiel wieder ein Bett mit einem weißen Laken über einer menschlichen Silhouette auf dem Flur steht und auf den Abtransport von der Station wartet.
Seit Ende März sind weiße Kühlcontainer vor den Krankenhäusern aufgebaut worden. »Die Krankenhäuser geben uns für gewöhnlich 72 Stunden Zeit, einen Leichnam abzuholen«, sagt Omar Rodriguez in Queens, wo er für ein Bestattungsunternehmen arbeitet. Aber nun drängeln Krankenhäuser. »Sie haben es eilig, die Leichen da zügig rauszubekommen.«
2008 hat New York festgelegt: Sterben mehr als 200 Menschen pro Tag, werden Leichenhallen aus Containern aufgestellt, wie nun auf Randall Island.
Längst sind Insassen von Rikers Island dabei, Massengräber auszuheben. Rikers Island, das größte Gefängnis der Stadt, längst ist auch hier das Virus ausgebrochen. Sechs Dollar pro Stunde bekommen die Männer dafür. Seit 150Jahren werden Menschen, für die sich in New York niemand interessiert, auf Hart Island verscharrt, einer unbewohnten Landzunge am östlichsten Punkt der Bronx. Obdachlose, Einsame, Gestrandete. In den 1980er-Jahren
wurden hier Aids-Opfer vergraben. Jetzt verscharren die Gefangenen hier Corona-Opfer, denen niemand hinterherweint.
Ein Krankenhaus in der Bronx. Ein Pfleger betritt die ihm zugeteilte Station. Er stammt aus Dallas, er hat sich freiwillig gemeldet, er will an vorderster Front kämpfen gegen das Virus. Am ersten Tag sagte ihm ein Pfleger bei der Einführung: »Willkommen in den Untiefen der Hölle.« Nun, beim ersten Gang über die Flure, sieht er einen Mann, dem Blut aus dem Mund läuft. Wenig später soll er zwei Verstorbene aus einem der oberen Stockwerke abtransportieren. Später einen Toten aus dem OP
-Saal. Pflegepersonal, dazu sagt man hier healthcare worker
. In diesen Tagen fühlen sich viele von ihnen als deathcare worker
.
Seit 17Jahren fährt Anthony Almojera Krankenwagen. Er sitzt vorn und rast mit Blaulicht durch die Hochhausschluchten, hinten drin zwei Rettungssanitäter. Jetzt, Mitte April, schieben sie 16-Stunden-Schichten. An diesem Morgen setzt er sich um 6.02 Uhr hinters Steuer und wartet, dass Aufträge hereinkommen. Almojeras erste Fahrt an diesem Morgen: ein Mann mit Herzstillstand.
Sie rasen los, kommen an, ziehen Schutzkleidung über und hasten ins Haus. Eine Frau sagt, ihr Ehemann huste seit fünf Tagen und habe Fieber. Die Sanitäter beginnen, den Mann zu reanimieren. Eine halbe Stunde später ist er tot. Weiter. Allein an diesem Morgen werden sie versuchen, sechs Personen mit Herzstillstand wiederzubeleben.
Der siebte Fall trifft Almojera ins Mark. Sie stürmen in eine Wohnung – und sehen, wie eine Frau ihre am Boden liegende Mutter zu reanimieren versucht. Die Sanitäter übernehmen, aber es ist zu spät. Almojera schaut die beiden Sanitäter an. Ihre Augen sagen: Tut uns leid, wir haben alles versucht. Sie sprechen der Frau ihr Beileid aus. Sie sagt, ihr Vater sei vor drei Tagen ebenfalls gestorben. Sie glaubt, er hatte »es«. Nun verliert sie ihre Mutter, noch ehe der Vater unter der Erde ist.
Von den zwölf Menschen, die Anthony Almojera an diesem
Tag nicht mehr retten kann, ist nur einer dabei, der eindeutig kein COVID
-19 hatte. Sondern sich umgebracht hat.
8. April, Brasilien, Brasília
Um 20.00 Uhr tritt Jair Bolsonaro im Planalto-Palast in Brasília vor Kameras, um eine Ansprache zu halten, zur Lage der Nation in der Corona-Krise. »Wir erleben einen unvergleichlichen Moment in unserer Geschichte«, sagte Bolsonaro. »Der Präsident zu sein, heißt, das große Ganze zu sehen – nicht nur die einzelnen Teile.«
Zur gleichen Zeit treten Tausende Menschen in Dutzenden brasilianischen Städten an ihre Fenster – Pfannen, Töpfe und Kochlöffel in der Hand – und trommeln, unterbrochen nur durch Rufe, »Fora Bolsonaro« – Raus, Bolsonaro! Diese Proteste mit Küchenutensilien, Panelaço genannt, finden seit Mitte März jeden Abend statt. Gegen Bolsonaro. Und die Art, wie er das Land während der Bedrohung durch das Virus führt.
Brasiliens Präsident ist zu diesem Zeitpunkt das wohl einzige Staatsoberhaupt, das sich nicht an die Vorgaben der WHO
halten will. Er bezeichnet das Coronavirus als »Grippchen«, das ein »Athlet« wie er symptomfrei überstünde. Die Lockdown-Maßnahmen seien »hysterisch«, Arbeitslosigkeit töte ebenso, wenn nicht mehr als das Virus. Bolsonaro verbreitet nahezu täglich neue Thesen: Das Virus verbreite sich im heißen Brasilien schlechter – das stimmt nicht. »Viele Leute« in Brasilien hätten schon längst Antikörper gegen das Virus – sehr wahrscheinlich nicht richtig. »Brasilianer (…) fangen sich nichts ein«, sagt Bolsonaro. »Schau dir doch die Typen an, da springt einer in die Kanalisation, taucht, kommt raus und holt sich gar nichts.«
Der erste bestätigte Fall des Coronavirus in Brasilien war ein 61-jähriger Mann; gerade aus dem Italien-Urlaub zurückgekehrt, wurde er am 26. Februar in São Paulo positiv getestet. Er gilt als der Ursprung der Ausbreitung des Virus im Land. Als am 17. März
der erste Mensch in Brasilien durch das Virus starb, ebenfalls in São Paulo, waren in Brasilien 314Infektionen bekannt, davon 156 in der größten Stadt des Landes, dem größten Ballungszentrum der südlichen Hemisphäre – dem Zentrum der Seuche in Brasilien.
São Paulo hat ein vergleichsweise gutes Gesundheitssystem. Die Angst aber ist von Anfang an: Was, wenn sich das Virus in den Armenvierteln ausbreitet? Oder in Amazonien? Am 21. März stirbt der erste Bewohner einer Favela am Coronavirus, in der Cidade de Deus – »City of God« – in Rio de Janeiro. Am 24. März wird der erste Todesfall im Amazonasbecken bekannt. Zwei Wochen später stirbt ein 15-jähriger Yanomami an COVID
-19, das erste indigene Opfer.
Am Tag von Bolsonaros Rede, als er die Wichtigkeit unterstreicht, »das große Ganze« zu sehen, zählt Brasilien genau 800 Tote durch das Virus. Doch Bolsonaro hat »gute Nachrichten« für seine Zuhörer in TV
und Radio: Roberto Kalil, ein Kardiologe eines renommierten Krankenhauses in São Paulo, habe Hydroxychloroquin, ein Anti-Malaria-Medikament, an Dutzenden Patienten getestet – »alle sind geheilt«. Er bedankt sich bei Kalil und beendet die Rede mit einem Zitat: »Halten wir uns an Johannes 8:32: Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien.«
Einen Tag später sagt Kalil dem ›Jornal da Manhã‹, er teste neben Hydroxychloroquin auch Antikoagulantien, Kortison, Antibiotika und etliche weitere Medikamente. »Ich will auf keinen Fall irgendwelche anderen Behandlungen beeinflussen«, sagte der Arzt. Hydroxychloroquin wird sich wenige Wochen später mehrfach als unwirksam herausstellen. Und Bolsonaro immer mehr den Blick auf das große Ganze verlieren.
Tagebucheintrag Yu Liping, 8. April
»Der Lockdown für Wuhan ist offiziell beendet! Ich war heute wieder draußen, hier und da haben sogar die ersten Garküchen geöffnet. Vor einer Garküche sah ich einen sehr alten Mann, der mit seiner sehr alten Frau draußen war, die Frau saß im Rollstuhl. Sie hatten ihre Masken abgenommen. Und der Mann hatte eine Portion warme Trockennudeln gekauft und half seiner Frau beim Essen, gab ihr kleine Portionen, und dann wischte er ihr vorsichtig mit einer Papierserviette den Mund und das Kinn ab. Diese Geste war so rührend und normal – ich brach in Tränen aus.«
Tagebucheintrag Yu Liping, 9. April
»Heute ist mein 30. Geburtstag, ein Freund aus Peking, der seit der Krise in Wuhan festsitzt, hat mich und ein paar Freunde in sein Hotelzimmer eingeladen, zu einer kleinen Geburtstagsparty. Wir wurden am Eingang kontrolliert, im Zimmer zeigten wir uns gegenseitig unsere Mobiltelefone mit dem ›Unbedenklichkeits-Nachweis‹, dann nahmen wir, eins, zwei, drei, gleichzeitig die Masken ab. Merkwürdiges Gefühl, in Gesichter zu schauen, die nicht halbiert sind. Und die Party begann. Wir waren zu sechst, erst gab es Kuchen, dann Bier, dann einen heftigen Streit, der den Rest des Abends beherrschte. Und zwar um die Frage, wie man sich zur Regierung stellen sollte, zu ihrer Version, dass sie alles fehlerlos und wunderbar hingekriegt hätte. Und dass, wer das bezweifelt, ein Verräter sei – denn so lautet jetzt schon die staatliche Devise, der sich viele anschließen. Es fehlte nicht viel, und zwei Männer wären aufeinander losgegangen. Wir waren so uneins wie wahrscheinlich der Rest der Gesellschaft: Die meisten
wollen einfach nur zur Normalität zurück und nehmen die Beschönigungen und Sprachregelungen der Regierung hin. Eine Minderheit findet das unmöglich, man kann nicht da weitermachen, wo man aufgehört hat – und zu denen gehöre ich. Eine Epidemie darf nicht dafür herhalten, die Freiheit einzuschränken. Aber diese zwei Positionen sind offenbar unüberwindbar. Am Ende meiner Party wurde gebrüllt und geweint, die Hälfte der Gäste zog wütend ab. Happy Birthday! Willkommen im neuen China.«
9. April, Düsseldorf
Was ist nötig, um die Pandemie zu stoppen? Was ist zumutbar? Welche Grundrechte dürfen eingeschränkt werden, wo gehen Politiker zu weit? Oder, wie es NRW
-Ministerpräsident Laschet in seinem Grußwort an diesem Morgen formuliert, gibt es »mildere Mittel, um das Gleiche zu erreichen«? Wie können Politiker »die Freiheit und Gesundheit der Menschen besser als bisher in Einklang bringen«?
Pressekonferenz in der Staatskanzlei Düsseldorf, Horionplatz 1, Raum 46/47, endlich sollen handfeste wissenschaftliche Erkenntnisse her. Hendrik Streeck tritt ans Rednerpult, grauer Anzug, grau karierte Krawatte, er hat erste Ergebnisse aus der »COVID
-19Case-Cluster-Study« dabei, die Heinsberg-Studie, von der seit Tagen alle reden.
»Ich möchte als Allererstes sagen, dass ich hier nicht allein stehe«, beginnt Streeck höflich und dankt lächelnd all jenen, die auch daran mitgewirkt haben.
Professor Hendrik Streeck, 42 Jahre alt, Chef-Virologe der Universität Bonn, ist ein anerkannter Forscher im Feld der HI
-Viren, die die Immunschwächekrankheit Aids auslösen können. Die Öffentlichkeit sieht in ihm eine Art schnittigen
Wunschschwiegersohn: erstaunlich jung, erstaunlich erfolgreich, erstaunlich gut aussehend. ›Bild‹ nennt ihn einen »Sunny-Boy«.
Er ist nicht unbedingt verlegen darum, zwischen seinen Sprechrollen als Experte und Bürger zu wechseln, auch nicht vor einem Millionenpublikum bei ›Markus Lanz‹. Als Bürger, wie Streeck betont, kritisiert er den Lockdown, die Bundesregierung und das Robert Koch-Institut. Der Bürger-Virologe Hendrik Streeck kommt gut an, mehr und mehr wird er zu einer Art Sehnsuchtsfigur für alle, die sich wünschen, dass nun auch mal Schluss sein muss mit diesem Corona und diesen ganzen Einschränkungen.
Seit Ende März sind Streeck und sein Team vor Ort, um die Fallstudie durchzuführen. Heinsberg soll eine Art Labor sein, die Republik soll von Heinsberg lernen. Noch gibt es viele Fragen rund um SARS
-CoV-2: Wie hoch ist die Dunkelziffer bei den Infizierten? Schließlich bemerkten längst nicht alle eine COVID
-19-Erkrankung – 80 Prozent der Infektionen verlaufen mild oder moderat. Man könnte auch sagen: Für diesen großen Teil der Infizierten ist die Krankheit egal. Mal verläuft sie symptomlos, mal werden die Symptome für eine einfache Erkältung oder Grippe gehalten – andere anstecken können diese Menschen dennoch. Wie verlaufen Übertragungswege, wie lange überlebt das Virus auf dem Fell einer Katze, auf Türklinken, Smartphones und Fernbedienungen?
Streeck erzählt bei der Pressekonferenz in Düsseldorf, wie sein Team Rachenabstriche von 500 Menschen genommen und per PCR
-Test untersucht hat. Anschließend prüften sie per ELISA
-Test, ob die Menschen Antikörper in sich trugen. Und dann folgten ausführliche Befragungen. Wer war wann wo, wer hatte Kontakt mit wem?
Die ersten Ergebnisse der Heinsberg-Studie legen nahe, dass die Sterblichkeitsrate bei COVID
-19 um gut das Fünffache niedriger liegt als angenommen. Auch übertrage sich das Virus selten durch Kontakt mit Oberflächen, weder auf Einkaufswagen noch
Türklinken, sondern vor allem dort, wo viele Menschen lange engen Kontakt haben. Wo sie singen und schwitzen und tanzen, wie auf der Kappensitzung am 15. Februar. Wer sich dort ansteckte, lief zudem Gefahr, schwer zu erkranken. Offenbar ist dafür auch die Menge der aufgenommenen Viren entscheidend, also die Viruskonzentration. Sie begünstigt auch einen schweren Krankheitsverlauf.
Am Ende der Pressekonferenz rät Streeck, die Einschränkungen in Deutschland zu lockern.
In den Tagen darauf wird er angegangen: für die Studie selbst, für die frühzeitig veröffentlichten Ergebnisse, für die blockbusterhafte Präsentation über die sozialen Medien. Mitfinanziert wurden Studie und Präsentation durch die NRW
-Landesregierung, und nicht lange, da kommt heraus, dass eine PR
-Agentur dafür gesorgt hat, dass Streecks Botschaft – »Lockern« – auch ja überall ankommt. Das Geld für diese Kampagne stammte von zwei Privatunternehmen. Wie hängt das alles zusammen, die Wissenschaft, die Wirtschaft, die Politik, wer spielt hier wem in die Karten?
Armin Laschet will Kanzlerkandidat der CDU
werden. Er gibt sich als Vorkämpfer der Freiheit, er will rasch lockern, rascher als die anderen. Fast scheint es in diesen Tagen, als wolle er SARS
-CoV-2 mit seinen markigen Statements beeindrucken, mit denen er versucht, sich als Gegenentwurf zum strengen bayerischen Landesvater Markus Söder zu inszenieren, seinen Konkurrenten um die Kanzlerschaft.
Längst geht es nicht mehr nur darum, die Krise zu bewältigen. Sondern auch, als Krisenmanager zu glänzen.
10. April, Berlin
Die ›Bild‹-Zeitung arbeitet weiter an ihrer Stilisierung »Streeck vs. Drosten« und titelt zur Diskussion rund um die Heinsberg-Studie: »Virologen im Corona-Clinch«. Dabei kann von einem
Streit zwischen beiden Experten keine Rede sein – was auch Christian Drosten immer wieder betont. Er kritisiert zwar die frühe Veröffentlichung von Zwischenergebnissen aus Heinsberg, aber nie Streeck selbst.
Auch andere Medien arbeiten weiter an der angeblichen Feindschaft zwischen den beiden Experten. Die ›taz‹ twittert: »Der eine hat tolle News aus der Forschung im besonders vom #Coronavirus betroffenen Kreis #Heinsberg. Der andere zerreißt diese Neuigkeiten in der Luft. #COVID
-19.«
Daraufhin antwortet Drosten am 10. April ebenfalls via Twitter: »Liebe #taz, wenn ein Wissenschaftler um Vorlage eines Manuskripts bittet, ist das kein ›Verriss‹ oder ›Disput‹. Es gibt keinen Vorwurf an die Kollegen, nur eine Nachfrage. Diskurs ermöglicht wissenschaftliche Meinungsbildung. Auch wenn sich manche einen Gelehrtenstreit wünschen.«
11. April, Südafrika, Kapstadt
Der Maskenmarkt ist weltumspannend, hält alle Kontinente in Bewegung. Nicolas Duchenne, Logistikchef der Firma S.A. Healthcare mit Sitz in Kapstadt, Südafrika, wartet auf eine Lieferung von 400.000 Schutzmasken, geordert in China, längst überfällig – und merkt dabei, wie mühsam es ist, wenn man als Käufer aus Afrika kommt, kein Big Player ist, ohne die politische Macht, die etwa die USA
in den Ring werfen können.
Der Konkurrenzkampf ist gnadenlos, und wer keinen politischen Einfluss geltend machen kann, wie etwa Angela Merkel, die beim chinesischen Präsidenten telefonisch intervenierte, muss sich hinten anstellen.
Die USA
stehen vorn in der Schlange. Es gibt in Amerika den »Defense Production Act«, ein Bundesgesetz aus der Zeit des Koreakrieges. Es ermächtigt Präsident Trump, Industriebetriebe zur Produktion bestimmter Güter zu verpflichten – General Motors beispielsweise könnte er zwingen, Beatmungsgeräte zu bauen.
Und man kann, wenn man den richtigen Moment abpasst, Lieferungen abzweigen. Anfang April wurde ein Lieferant gezwungen, 600 Beatmungsgeräte vom Typ Newport HT
70 Plus an die amerikanische Regierung zu verkaufen, auf Basis des Defense Production Act – dabei war die Lieferung nur auf einer Zwischenlandung in Miami und sollte eigentlich nach Brasilien gehen.
China versucht indes, über die Lieferungen auch politischen Einfluss zu gewinnen, sagen Beobachter – es ist die neue Diplomatie der Masken. 83 Ländern hat China bereits seit Januar Hilfe angeboten, wohl auch, um sich in vielen bedürftigen Ländern Südamerikas oder Afrikas politisch zu positionieren. Die Welt wird nach Corona eine andere sein: Wer Masken hat, hat Macht.
11. April, Taipeh
Nur noch mit Maske tritt Gesundheitsminister Chen Shih-chung mittlerweile vor die Kameras. In seiner täglichen Pressekonferenz hält er, ausgedruckt auf die Größe einer Tageszeitung, einige englische Zeilen in die Kameras. Es ist die E-Mail, die Taiwans Seuchenbekämpfer am 31. Dezember der WHO
geschrieben hatten.
Aus Sicht Taiwans hatte die Nachricht das Potenzial, die Welt zu alarmieren – wäre sie nicht ignoriert worden. Chen pocht darauf: Lange vor China habe man auf eine mögliche Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch hingewiesen. Der Hinweis darauf, dass Patienten in Wuhan isoliert werden, sei doch für jeden Experten eindeutig gewesen. Wenn China die WHO
damals nicht warnte, dann habe es die Wahrheit vertuscht. Wenn doch, habe die WHO
es versäumt, die Welt zu warnen. Weil die WHO
wenige Tage zuvor angab, Taiwan habe eben nicht vor einer solchen Übertragbarkeit gewarnt, legt Chen nun seine Belege vor.
International startet Präsidentin Tsai eine Masken-Charmeoffensive: Taiwan produziert nun so viele, dass es sie sogar spenden kann. Unter den Empfängerländern der ersten Zehn-Millionen-Hilfslieferung sind die USA
und auch Deutschland. Eine Million
Masken »Made in Taiwan« landen am Gründonnerstag in Frankfurt, zur Weiterverteilung an bedürftiges Fachpersonal. Bundesgesundheitsminister Spahn bedankt sich offiziell für die Million gespendete Masken: Taiwans Erfahrungen bei der Bekämpfung der Pandemie seien für Deutschland »von großem Nutzen«.
11. April, USA, Nebraska
Es wird Ostern. Die Menschen sind wütend. Und hungrig.
An die 400 Autos warten vor der mobilen Tafel, die Schlange ist endlos. Polizisten regeln den Verkehr. Durch die Autoreihen läuft eine Frau und verteilt Flugblätter. Ericka Smrcka heißt sie und arbeitet für die Food Bank in Nebraska; als sie sah, wie viele Autos es sind, schossen ihr Tränen in die Augen, hat sie später der ›New York Times‹ erzählt.
Smrcka weiß, dass das Essen im Lastwagen nur für die eine Hälfte der Menschen genügen wird. In die andere Hälfte der Wagen muss sie ein Flugblatt reichen mit den Adressen anderer Tafeln. Und auch dort wird es nicht genug für alle geben. Sie fürchtet sich vor der Wut der Hungrigen.
22 Millionen Menschen in den USA
sind jetzt arbeitslos. Ersparnisse haben die wenigsten. Ende März verabschiedete Washington ein Konjunkturpaket über 2.000 Milliarden Dollar, das größte in der Geschichte der USA
. Die Schlangen vor den Food Banks wachsen weiter. Ein Auto haben sie vielleicht noch, die Menschen, aber die Kühlschränke sind leer.
In der Nähe von Pittsburgh filmt eine Drohne Hunderte Autos, die bei der Greater Community Food Bank anstehen. In einem davon sitzt Tini Mason. Nie hätte er gedacht, einmal um Essen anstehen zu müssen. Nie hätte er sich dieses Bild vorstellen können. »Wir strecken, was wir haben«, sagt er, »jede Konservendose, jedes Päckchen. Wer weiß, was noch alles auf uns zukommt.«
Eben war er noch Koch, nun ist er arbeitslos und wartet auf staatliche Unterstützung. Er fährt mit geöffnetem Kofferraum vor,
Freiwillige laden Boxen mit Lebensmitteln hinein, Mason hupt zum Abschied – und sagt, er werde Eier und Früchte mit Nachbarn teilen, die kein Auto haben.
Eine Tafel in Omaha beklagt, dass im März nur noch halb so viel Lebensmittel gespendet wurden wie sonst, weil Restaurants, Hotels und Casinos dicht waren und die Supermärkte so leer gekauft, dass zum Spenden nichts übrig blieb. So gab die Tafel mehr als zehnmal so viel aus für Essen wie sonst. Und muss doch viele abweisen.
Vor der Wut der Hungrigen fürchtet sich Ericka Smrcka, als sie ihnen die Flugblätter durchs Autofenster reicht. Doch die Menschen sind freundlich. Obwohl sie stundenlang im Auto gesessen haben und nun erfahren, dass sie leer ausgehen – sie bedanken sich.
Es wird Ostern.
In North Carolina hält Pastor William Barber eine Online-Predigt. Er ist berühmt, ein Streiter für Gerechtigkeit zwischen den Klassen und den Hautfarben. An diesem Samstag trägt er ein lila glänzendes Hemd und eine goldene Kette, seine kurzen, schwarzen Haare erinnern an den Filz eines Tennisballs. Er schaut ernst in die Kamera, schließt die Augen, schüttelt den Kopf. »Zündet eine Kerze im Gedenken an diejenigen an, die gestorben sind und unnötigerweise sterben«, sagt er. »Sie sterben durch menschliche Fahrlässigkeit.«
13. April, China, Wuhan
Ai Fen, die Ärztin, die nach ihrem rasch gelöschten Interview ungefähr einen Monat wie verschwunden war, zumindest für Journalisten nicht aufzufinden war, postet ein Video. Man sieht sie vor der Notaufnahme ihres Krankenhauses stehen, sie spricht sehr steif, sie dankt allen, die Anteil nahmen an ihrem Schicksal, aber es gehe ihr gut, sie arbeite, Ende. Der Auftritt wirkt inszeniert, angespannt, als hätte man sie unter Druck gesetzt.
14. April, USA, South Dakota
Smithfield Foods ist der größte Schweinefleischproduzent der USA
. In Sioux Falls, in South Dakota, einem weitläufigen, spärlich besiedelten Bundesstaat im Mittleren Westen, steht ein achtstöckiger Kasten, in dem 3.700 Arbeiter jeden Tag 19.500 geschlachtete Schweine zersägen, zerlegen, räuchern, verpacken.
An diesem Tag wird klar: Der Schlachthof ist zu einem Virenherd geworden. Zu einem der brisantesten Corona-Cluster des Landes.
Drei Wochen ist es her, seit ein erster Fall unter den Arbeitern entdeckt wurde. Die Fabrik blieb geöffnet. Smithfield-CEO
Kenneth Sullivan erklärte, man arbeite weiter, das Land müsse mit Fleisch versorgt werden, und: »Wir treffen die größtmöglichen Vorsichtsmaßnahmen, um die Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Mitarbeiter und Verbraucher zu gewährleisten.« Abstandsregeln, Schutzmasken, das ganze Programm.
Es existierte nur in der Theorie. Ohne Schutzmasken standen die Arbeiter weiterhin Ellenbogen an Ellenbogen am Fließband und zerlegten Schweinehälften im Dreischichtsystem. Noch mit Husten und Fieber kamen sie zur Arbeit. Sie stammen aus Myanmar, Äthiopien, Nepal, Kongo oder El Salvador. Sie hatten Angst um ihren Job, also kamen sie, bedienten Elektromesser, verpackten Frühstücksspeck, Hotdog-Würstchen, Pulled Pork.
Bei den Gewerkschaften der Branche gingen anonyme Beschwerden ein: Wer sich krankmelde, werde abgemahnt, Mitarbeiter würden unter Druck gesetzt, mit Fieber noch zur Arbeit zu kommen. Sogar von Sonderprämien war die Rede für jene, die durchhalten. Nicht nur bei Smithfield, auch bei der Konkurrenz. Das Virus hatte freie Bahn.
An diesem Tag werden die Smithfield-Arbeiter endlich flächendeckend getestet. 891 sind infiziert, beinahe jeder Vierte. Am Tag darauf wird die Fabrik geschlossen.
Für Agustin Rodriguez kommt das zu spät. 64 Jahre war er alt,
ein stiller, religiöser Mann aus El Salvador. Auch er erschien tagelang angeschlagen zur Arbeit. Bis er während seiner Schicht plötzlich keine Luft mehr bekam. Seine Frau brachte ihn ins Krankenhaus. Dort starb er, berichtet die ›New York Times‹.
Kristi Noem, die Gouverneurin von South Dakota, eine glühende Trump-Anhängerin, hatte sich gegen Ausgangs- und Kontaktsperren entschieden. Das Leben ging seinen normalen Gang. Genau wie sieben andere Bundesstaaten der USA
wird sie keinen Lockdown verhängen.
Anfang Mai wird die Smithfield-Schweinefleischfabrik in Teilen wiedereröffnet. In der Abteilung Gewürztes Hackfleisch trennen jetzt Plexiglasvorrichtungen die Arbeiter am Fließband. Auch Lydia Toby tritt um 6.00 Uhr morgens ihren Dienst an. Einzeln betritt sie ein Zelt, das schlauchartig ins Innere der Fabrik führt. Ihre Körpertemperatur wird gemessen, sie bekommt eine Schutzmaske, dann beginnt ihr Arbeitstag.
Landesweit haben sich bis dahin mindestens 5.000 Arbeiter in Fleischverarbeitungsbetrieben mit dem Coronavirus infiziert. Mindestens 20 sind gestorben.
14. April, USA, Boston
Wer wegen COVID
-19 beatmet werden muss, hat schlechte Karten. Vier von fünf Patienten sterben in manchen US
-Bundesstaaten. Wird es Jim Bello schaffen, der seit dem 10. März im Krankenhaus liegt?
Anfang März, nach einem Wanderausflug, hatte der Anwalt aus Boston plötzlich hohes Fieber bekommen. Er ist 48 Jahre alt, verheiratet, Vater von drei Kindern und ziemlich sportlich, er joggt, fährt Ski und Rad. Bald bekommt er Atembeschwerden, bald ist klar, dass er sich mit Corona infiziert hat. Und wie so viele COVID
-19-Patienten bekommt er bald ein akutes Atemnotsyndrom (ARDS
): Seine Lungen sind so entzündet und mit Flüssigkeit geflutet, dass die winzigen Lungenbläschen, die den Sauerstoff
ins Blut übertragen, zu nutzlosen, durchnässten Ballons geworden sind.
Auf dem Röntgenbild sind seine Lungen weiß wie Knochen, praktisch ohne luftgefüllte Zwischenräume – »eine der schlimmsten Brust-Röntgenaufnahmen, die ich je gesehen habe«, sagt einer der Ärzte im Mass-General-Krankenhaus in Boston der Reporterin der ›New York Times‹.
Das Beatmungsgerät wird kalibriert, Sauerstoffgehalt, Druck und Atemvolumen werden sorgfältig geregelt, damit die entzündete Lunge ausheilen kann. Noch die kleinste Bewegung lässt den Sauerstoffgehalt in Jim Bellos Blut dramatisch sinken, die Mediziner fahren seinen Körper künstlich so weit wie möglich herunter. Sie fürchten, sein Herz könne aufhören zu schlagen. Wie sollten sie ihn in diesem Zustand wiederbeleben?
Auch in Boston sind die Ärzte ratlos, wie sie COVID
-19-Patienten behandeln sollen. Jim Bello bekommt Remdesivir, als Teil einer klinischen Studie, vielleicht hat er auch ein Placebo bekommen; sogar Hydroxychloroquin wird ihm laut ›New York Times‹ verabreicht, das von Präsident Trump so lautstark propagierte Anti-Malaria-Mittel, das sich bald als schädlich erweisen wird. Und immer wieder fragen sich die Ärzte, warum der Krankheitsverlauf bei COVID
-19 so unberechenbar ist.
Kurzzeitig scheint auch Jim Bello auf dem Weg der Besserung, als sich sein Zustand plötzlich rapide verschlechtert. Sie drehen ihn vorsichtig auf den Bauch, um den Druck seines Herzens gegen seine Lungen zu minimieren und so die Atemwege zu entlasten. Doch das hilft nur kurz. Der Sauerstoffgehalt in seinem Blut sinkt weiter.
Nur eine Chance hat er jetzt noch: ECMO
, die extrakorporale Membranoxygenierung, ein riskantes Verfahren. Sein Blut wird in eine Maschine geleitet, die es mit Sauerstoff anreichert und zurück in den Körper pumpt. Jederzeit kann es Komplikationen geben, eine Blutung, einen Schlaganfall.
Einige Tage später ruft der diensthabende Arzt laut ›New York Times‹ Jim Bellos Frau an. Ja, sie dürfe zu ihrem Mann, eine Viertelstunde lang. Sie dürfe seine Hand halten und ihm zureden. In Schutzkleidung betritt sie sein Zimmer. Und sitzt dann mehrere Stunden lang an seiner Seite.
Niemand wird je sagen können, warum Jim Bello überlebt hat. Weil sein Körper am Ende stärker war als das Virus? Weil er Glück hatte? Weil er die Nähe seiner Frau spürte? War es das, was ihn zurück ins Leben holte? Wenig später beginnt sich sein Zustand zu bessern. Bald wird die ECMO
abgestellt. Bald kann Jim Bello zum ersten Mal aufrecht sitzen.
An diesem 14. April wird das Beatmungsgerät abgestellt. Zum ersten Mal kann Jim Bello aus eigener Kraft Luft holen.
Nach 32Tagen.
15. April, USA, New York
An diesem Tag, an dem in den USA
über 2.500 Amerikaner an COVID
-19 sterben, mehr als GI
s im Afghanistankrieg, schwärmen 15 Reporterinnen und Reporter des ›New Yorker‹ aus, um 24 Stunden lang zu protokollieren, was vorgeht in ihrer Stadt. Und so erleben sie, wie …
… nach Mitternacht, in der Nähe des John-F.-Kennedy-Flughafens, Josiah Charles in ihrem Bett liegt und nicht schlafen kann. Mit der Krise verlor sie ihren Job, die 600 Dollar Arbeitslosengeld waren schnell aufgebraucht. Aktuell beträgt ihr Kontostand 73Cent. Sie hat sich um staatliche Unterstützung beworben, noch in dieser Nacht soll die US
-Steuerbehörde IRS
das Geld überweisen, heißt es. Mit einem Laptop auf dem Schoß loggt sie sich wieder und wieder in ihr Bankkonto ein, bis um 1.37 Uhr tatsächlich das Geld ankommt. Sie legt sich hin, sie kann nun ein bisschen ruhiger schlafen. Ihr neuer Kontostand: 1.200,73 Dollar.
Gegen 3.00 Uhr muss Bradley Hayward, ein Arzt im Presbyterian Hospital, einen Corona-Patienten mit Herzstillstand
behandeln. Der Mann ist einen Tag vorher vom Beatmungsgerät genommen worden, eigentlich schien es, als sei er stabil. Jetzt muss es schnell gehen, damit wieder Blut durch seinen Körper pumpt. Sie retten ihn.
Gegen kurz vor 8.00 Uhr tritt Derrick Palmer am Amazon-Warenlager in Staten Island zum Schichtdienst an. Ein Schild am Eingang weist an, »bitte langsam durch den Gang zu gehen, damit die Kamera Ihre Körpertemperatur messen kann«. Das neue System hat den Mitarbeiter ersetzt, der sonst dort stand und die Temperatur mit einem Infrarot-Thermometer gemessen hat.
Derweil am Times Square, wo sich sonst die Menschen drängeln, die Neontafeln den frühen Morgen erhellen, so wie jeden Tag, aber es ist kaum jemand da und sieht es.
An der Upper East Side leint Soraya Ribeiro gegen 9.15 Uhr zwei Hunde an. Von der 5th Avenue aus betritt sie den Central Park. Die Dogwalkerin aus Brasilien führt normalerweise einen Strauß von Hunden am Arm. Doch jene, die ihre Dienste buchen, sind entweder aus der Stadt geflohen oder vermeiden jeden unnötigen Kontakt. An normalen Tagen kommen Kinder an, die die Hunde streicheln wollen. An diesem Morgen halten die Menschen großzügig Abstand.
Am Montefiore Medical Center in der Bronx versorgt Joselyn Baez gegen 11.30 Uhr in einem Notaufnahmezelt die Neuankömmlinge. »Fieber, Schüttelfrost, Husten?«, fragt sie. Je nach Antwort bekommen die Patienten ein orangefarbenes oder grünes Armband, ehe sie weitergeschickt werden. Neuerdings, wenn ein Patient von einem Beatmungsgerät genommen oder entlassen wird, spielen die Kollegen über die Lautsprecher die New-York-Hymne ›Empire State of Mind‹ von Jay-Z und Alicia Keys. Als Joselyn ihre Schicht an diesem Morgen antrat, hörte sie das Lied, und das gab ihr Hoffnung. Beginnt die Stadt, sich langsam, ganz langsam zu erholen?
Um 11.46 Uhr wird Maddy Wetterhall in ihrem Krankenwagen
angefordert. Ein älterer Herr in Brooklyn, der schon länger unter starkem Gedächtnisverlust leidet, benimmt sich seltsam, wie seine Ehefrau sagt. Isst nicht und reagiert nicht, wenn man ihn anspricht. Er liegt komplett angezogen in seinem Bett. Die Vorhänge sind zugezogen. Noch ist unklar, was mit ihm ist. Weil das Corona-Risiko zu groß ist, kann seine Frau ihn nicht ins Krankenhaus begleiten. Sie drückt Maddy Wetterhall einen Zettel in die Hand mit der Medikamentenliste ihres Mannes. Dann fällt die Tür des Krankenwagens zu. Die Frau kann jetzt nur warten und hoffen.
In Midtown Manhattan, kurz vor 14.00 Uhr, ist Germaine Jackson damit beschäftigt, ihre Leute einzuteilen. Sie ist Managerin für die New Yorker Subway, Herald Square ist die Station, für die sie heute zuständig ist. Hier laufen acht U-Bahn-Linien und ein Zug zusammen. Sie trägt eine Warnweste und eine blaue Gesichtsmaske, während sie eine Putzkolonne einweist. 67Subway-Arbeiter sind bisher an dem Virus gestorben, 2.500 wurden positiv getestet. Jackson instruiert die Reinigungskräfte noch einmal, alle Oberflächen, die die Kunden berühren, besonders gründlich zu behandeln, und verteilt Masken und Handschuhe.
Wie prekär die Lage ist, spürt an diesem Tag auch Megan Liu. 15.00 Uhr, sie hat sich ein Glas Wein eingeschenkt, so sitzt sie vor ihrem Laptop und hört ihrer Abschlussrede zu. Sie hat an der Columbia University Medizin studiert und bekommt ihren Titel nun einen Monat früher als geplant. Die Nachwuchsärzte sollen so schnell wie möglich an die Front, die Krankenhäuser unterstützen.
Allmählich sinkt die Sonne herab über den Häuserschluchten von Manhattan. An der 6th Avenue Ecke 14th sitzt ein Mann auf dem Bürgersteig, vor ihm ein leerer Kaffeebecher von McDonald’s. Die Streifenpolizisten der N.Y.P.D. kennen ihn, er heißt Michael und erzählt immer die gleiche Geschichte: Er wartet auf ein Auto, das ihn abholen und nach Kalifornien bringen soll. Ein
Krankenpfleger begleitet die Polizisten. Menschen ohne Zuhause sind besonders leichte Opfer für das Virus, viele haben Vorerkrankungen. Michael, so sieht es nach einer kurzen Untersuchung aus, scheint in Ordnung zu sein. Er hustet nicht, hat kein Fieber. Einer der beiden Beamten gibt ihm einen Klarsichtbeutel mit Mundschutz und Desinfektionsmittel. »Danke, dass ihr vorbeigeguckt habt«, sagt Michael, bevor die Männer weiterziehen.
Im Central Park drehen die Feierabendläufer ihre Runden. Als das Coronavirus in die Stadt kam, war »social distancing« auch hier ein Fremdwort. Inzwischen halten die Jogger Abstand, versuchen, auf Distanz zu bleiben, auch wenn der Vordermann nicht das gleiche Lauftempo hat. Sogar Schutzmasken tragen manche Jogger, andere haben sich ein Tuch vor den Mund gebunden.
John Fredericks steht derweil auf der Feuertreppe seines Apartments im East Village. Seit einigen Wochen stellt er sich abends mit seiner Gitarre ans Fenster und spielt ›Star-spangled Banner‹, die amerikanische Nationalhymne. Seine Verneigung vor Ärztinnen und Pflegern, die jetzt jeden Abend um 19.00 Uhr von den Balkonen und Fenstern aus beklatscht werden. Nach dem ersten Ständchen hat sein Nachbar gerufen: »Mach das morgen wieder!« Nach ein paar Tagen wurden die Nachbarn ungeduldig, wenn er nicht pünktlich anfing zu spielen. An diesem Abend klatscht John zunächst Applaus. Dann pfeifen ein paar Nachbarn auf den Fingern, wie vor einem Konzert, und 19.01 Uhr greift er in die Saiten.
Um 20.30 Uhr vereinbart Dr. Heather Jones am Brooklyn Methodist Hospital mit ihrer Patientin Lisa Cintron, dass sie nun doch einen Kaiserschnitt machen. Die Frau ist nah am ermittelten Termin, zwei Tage vorher wurde versucht, die Geburt einzuleiten. Das Unterfangen dauert, Cintron presst und presst, die Stunden ziehen sich in die Länge. Dann kommt die gemeinsame Entscheidung: doch ein Kaiserschnitt. Sie ist erschöpft. Zwar ist sie negativ auf Corona getestet worden, aber mit Maske fällt ihr das Atmen schwer. Die Schwestern auf der Station bereiten sie vor und
fahren sie in den OP
-Saal, ihr Mann ist an ihrer Seite, und um 21.18 Uhr hält sie ein schreiendes, gesundes Baby in den Armen.
Das Wasser liegt ruhig da am Nordufer von Staten Island. Kapitän Jackie Benton ist seit dem Morgengrauen auf seinem Schlepper für Containerschiffe unterwegs. Es geht auf Mitternacht zu. Seit er 18 Jahre alt ist, arbeitet Benton auf Schiffen. Jetzt ist er 44. Vor zwei Wochen hat er geholfen, mit seinem Schlepper die »U.S.N.S. Comfort« nach Manhattan zu eskortieren. Das Sanitätsschiff ist fast 270 Meter lang, es passte gerade so an den Anleger. Die Manöver waren nicht einfach, aber sie haben es hinbekommen. Es war wichtig für New York. Empire State of Mind.
15. April, USA, Washington
Präsident Trump steht am Rednerpult im Garten des Weißen Hauses, vor ihm sind die üblichen Journalisten versammelt, Trump liest eine Erklärung vom Blatt ab. Er spricht merkwürdig schlecht betont. Am Ende mancher Sätze senkt er nicht die Stimme – es wirkt, als sehe er den konkreten Text zum ersten Mal.
Was er sagt, hat es in sich: Seit der Gründung der WHO
im Jahre 1948 habe Amerika die Weltgesundheitsorganisation großzügig unterstützt. Doch in der Corona-Krise habe die Weltorganisation versagt. Weil die WHO
zu zögerlich war und zu nachsichtig mit China, seien Tausende Menschen gestorben.
Schon vor einer Woche hatte Trump plötzlich auf die WHO
eingeschlagen und ihr eine zu große Nähe zur chinesischen Staatsregierung vorgeworfen. Anschließend drohte er, die US
-Gelder für die WHO
zu streichen.
Nun ist es so weit. Trump sagt, er habe seine Mitarbeiter angewiesen, die Zahlungen zu stoppen.
Die Nachricht, obwohl nicht mehr so überraschend, ruft sofort weltweite Reaktionen hervor. Bill Gates schreibt: »Die Zahlung an die WHO
einzustellen, ist genauso gefährlich, wie es sich anhört.« Der deutsche Außenminister Maas äußert sich ähnlich, Russland
nennt die USA
»egoistisch«, und UN
-Generalsekretär Guterres sagt, eine Pandemie sei wohl nicht der richtige Zeitpunkt, um Zahlungen an die WHO
zurückzuhalten.
Die WHO
wiederum sagt erst einmal gar nichts, jedenfalls nicht öffentlich.
Im Moment ist niemandem klar, von wie viel Geld Trump überhaupt spricht. Es könnte sogar sein, dass die Ankündigung kaum einen Effekt haben wird. Niemand weiß, wie substanziell die Drohung ist, es könnte sich auch – überwiegend – um Theaterdonner handeln.
Zunächst einmal sind die US
-Zahlungen nicht eingestellt, sondern nur eingefroren. 60 bis 90 Tage lang sollen die amerikanischen Behörden untersuchen, welche Fehler der WHO
tatsächlich anzulasten sind. Erst dann soll eine Entscheidung fallen. Es ist nicht einmal klar, ob in diesen 60 bis 90 Tagen überhaupt Geld geflossen wäre.
Dass niemand so genau weiß, um welche Summen es nun geht, liegt zum einen an der etwas vagen Ankündigung Trumps. Vor allem aber liegt es am komplizierten Haushalt der WHO
.
Das Budget der WHO
wird immer für zwei Jahre festgelegt. 2018 und 2019 lag es bei etwa 5,1 Milliarden Euro. Jedes Mitgliedsland muss einen Beitrag bezahlen, je nach Wirtschaftskraft. Das sind die Pflichtbeiträge, sie decken aber nur etwa ein Fünftel des Haushalts. Größter Zahler sind die USA
.
Gute 80Prozent des Haushalts kommen von freiwilligen Spendern. Die Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung ist ganz vorne mit dabei, die Weltbank, die EU
. Aber auch wiederum viele Staaten, die freiwillig mehr geben als den Pflichtbeitrag. Deutschland und Großbritannien zum Beispiel. Auch bei den freiwilligen Geldgebern liegen die USA
vorne. Insgesamt sorgen sie für knapp 15 Prozent des Budgets.
893 Millionen Dollar zahlten die USA
für den letzten Haushalt. 237 davon waren Pflicht, der Rest freiwillige Leistung. Das
gespendete Geld landet aber nicht einfach im großen WHO
-Topf, sondern ist in der Regel an Projekte gebunden.
Gut möglich, dass Trump diese freiwilligen Beiträge meinte. Er kann eigentlich nur die Spenden als Druckmittel einsetzen.
Das Problem: Die freiwilligen Gelder sind verplant – für Projekte, die mit Corona gar nichts zu tun haben. Da wären zum Beispiel etwa 43 Millionen Dollar für Polio-Überwachung und Impfungen in Nigeria, Afghanistan und Pakistan. Wenn der Präsident dieses Geld zurückhält, bedeutet das: Weil Trump die WHO
für Fehler im Kampf gegen Corona bestraft, leidet der Kampf gegen die Kinderlähmung.
Dass die WHO
von den Mitgliedsstaaten kritisiert wird, ist nicht neu. Da ist der Vorwurf, die WHO
sei ein bürokratischer Haufen und gehe mit dem Geld nicht sparsam um. 2017 tauchten Berichte auf, nach denen die WHO
allein für Reisekosten mehr Geld ausgab als für die Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria zusammen: 200 Millionen Dollar.
Und dass die WHO
-Mitglieder eifersüchtig darüber wachen, wer von ihnen wie viel Einfluss hat, ist ebenfalls nichts Neues. Während des Kalten Krieges war die damalige Sowjetunion sogar mal kurz aus der WHO
ausgetreten, weil ihr der amerikanische Einfluss zu groß wurde.
Beim Zug der Schweinegrippe 2009 gab es Vorwürfe, die WHO
habe zu früh und zu laut reagiert – auch damals hatte die WHO
den internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Die Schweinegrippe war dann aber doch viel harmloser als gedacht. Genau umgekehrt lief es bei der Ebola-Epidemie 2014 bis 2016. Danach hieß es, die WHO
sei zu langsam und zu zögerlich gewesen. Beides hat einen wahren Kern.
Auch Trumps aktuelle Vorwürfe an die WHO
kann man vertreten. Es gibt allerdings meist auch ein Gegenargument.
Vorwurf Nummer eins: Die WHO
hat zu spät davor gewarnt, dass COVID
-19 von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.
Noch Mitte Januar habe die WHO
kritiklos chinesische Meldungen veröffentlicht, nach denen es keine Beweise für die Mensch-zu-Mensch-Übertragung gebe.
Das stimmt. Am 14. Januar schrieb die WHO
tatsächlich: »Vorläufige Untersuchungen der chinesischen Behörden haben keinen klaren Beweis für eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung erbracht.«
Allerdings: Dieses Verhalten entspricht den üblichen Gepflogenheiten in der Weltorganisation. Die WHO
kontrolliert nicht die Staaten, sie besteht aus ihnen. Mit anderen Worten: Sie gibt Informationen weiter, die aus den Mitgliedsstaaten kommen. Sie würde auch weitergeben, was US
-Behörden ihr melden – ohne es zu überprüfen.
Am gleichen 14. Januar übrigens sagte eine WHO
-Ärztin bei der Pressekonferenz in Genf, COVID
-19 sei ähnlich wie SARS
und MERS
, da wäre eine Mensch-Mensch-Infektion keine Überraschung.
Zweiter Vorwurf: Die zögerliche Haltung der WHO
habe viel Zeit und damit auch viele Menschenleben gekostet.
Das stimmt so nicht. Die USA
und Südkorea hatten beide ihren ersten Fall am 20. Januar. Aber sie haben sehr unterschiedlich darauf reagiert. Und da liegt wohl der Hauptgrund für die vielen Toten.
Dritter Vorwurf: Die WHO
hat viel zu spät vor Reisen gewarnt. Das stimmt. Es steht aber grundsätzlich jedem Land frei, die Grenzen dichtzumachen. Trump hat ja genau das auch getan.
Und schließlich, letzter Vorwurf: Die WHO
kuscht vor China.
Tatsächlich klingen die Aussagen von WHO
-Chef Tedros Ghebreyesus nicht gerade kritisch. Nur ein Beispiel: Ende Januar sagte der WHO
-Generaldirektor, ohne die gewaltigen Anstrengungen und Fortschritte Chinas würde es viel mehr Kranke und Tote außerhalb des Landes geben.
Sechs Tage davor gab es noch ein dickeres Lob: »China hat hart
daran gearbeitet, das Virus einzudämmen.« Aufwand und Transparenz seien vorbildlich, »Alles wird gut ausgehen. Und besonders danken möchte ich Präsident Xi.«
Diese Freundlichkeit stammt allerdings nicht von WHO
-Chef Ghebreyesus. Das war Originalton Donald Trump, bevor er später seine Meinung änderte.
Donald Trumps Ankündigung, der WHO
die Gelder zu streichen, führt übrigens zu einem – wahrscheinlich nicht beabsichtigten – Effekt: Am gleichen Tag verkündet Bill Gates, dass er die Zuwendung an die WHO
um 150 Millionen Dollar erhöht.
16. April, Brasilien, Brasília
Auf seiner Weltreise hat das Virus auch Südamerika erreicht, in Chile, Peru, Ecuador schnellen die Zahlen der Infizierten und Toten nach oben, vor allem in Brasilien. Am Donnerstagvormittag gibt Brasiliens Gesundheitsminister, Henrique Mandetta, wie jeden Morgen die aktuellen Zahlen bekannt: 30.425 Infizierte, 1.924 Tote. Davon nahezu die Hälfte in São Paulo. Die meisten Städte des Landes haben zu dieser Zeit Quarantänen verhängt, Geschäfte geschlossen, Homeoffice ermöglicht, Hygienemaßnahmen erzwungen. Mandetta, selbst Mediziner, warb früh für diese Maßnahmen und applaudiert ihnen bei jeder Gelegenheit. Die Bevölkerung scheint ihm die klaren Worte zu danken. Er erreichte in kürzester Zeit hohe Zustimmungswerte, ist deutlich beliebter als Präsident Jair Bolsonaro.
Zwischen Minister und Präsident ist in den ersten Aprilwochen ein Machtkampf ausgebrochen. Bolsonaro, so schlau und weitsichtig wie Trump im Februar, widerspricht den Einschätzungen Mandettas, attackiert ihn bei jeder Gelegenheit, fordert ihn zum Rücktritt auf, was Mandetta ablehnt. Am 15. April teilt Bolsonaro ein Video mit dem Titel »Die Partner der Lähmung«, in dem Social Distancing als »morbide Show« bezeichnet wird, ein Komplott internationaler Medien, des Gouverneurs von São Paulo,
João Doria, und des Gesundheitsministers Mandetta. Vom TV
-Sender Globo darauf angesprochen, sagte dieser: »Die Brasilianer wissen nicht, ob sie dem Präsidenten oder dem Minister folgen sollen.«
24 Stunden später entscheidet Bolsonaro diese Frage. Wenige Stunden nach seiner morgendlichen Ansprache schreibt Henrique Mandetta einen Tweet, der im ganzen Land eine weitere Runde Proteste mit Pfannen und Töpfen hervorruft. »Ich habe soeben vom Präsidenten Jair Bolsonaro die Nachricht meiner Entlassung erhalten«, schreibt er. Er dankt seinem Team, Gott und der brasilianischen Nationalheiligen. »Mithilfe der Wissenschaft«, sagt Mandetta, »finden wir einen Weg.«
Am selben Tag noch gibt Bolsonaro Mandettas Nachfolger bekannt: Nelson Teich, ein Onkologe und CEO
einer Gruppe von Privatkliniken. »Wir arbeiten daran, die Gesellschaft so schnell wie möglich wieder zur Normalität zu führen«, sagt Teich. Es ist Bolsonaros Weg, der Weg, den Mandetta nicht gehen wollte. »Ich weiß, das Leben ist unbezahlbar«, sagt Bolsonaro, »aber die Wirtschaft muss wieder laufen.«
15. April, Berlin
Videokonferenz mit Angela Merkel und den Ministerpräsidenten der Länder. Die Runde diskutiert die »Empfehlung zum Tragen von sogenannten Alltagsmasken im ÖPNV
und Einzelhandel«.
Sachsen führt am 20. April als erstes Bundesland in Deutschland die Maskenpflicht ein. Drei Tage später zieht Sachsen-Anhalt nach – und Thüringen folgt. Während alle anderen Bundesländer spätestens am 27. April Maske tragen.
Discounter wie Lidl und Aldi nehmen Schutzmasken in ihr Sortiment auf. Binnen vier Tagen verkauft Lidl knapp 14 Millionen Einwegmasken. Wo der Discounter sie eingekauft hat, bleibt ein Geschäftsgeheimnis.
Drei Monate haben Regierung und Virologen in Deutschland
gebraucht, um sich darüber zu verständigen, dass das, was in ganz Asien zum Straßenbild bei jeder Grippewelle gehört, offenbar auch in Deutschland gegen eine Pandemie helfen kann. All die Argumente, die von den Verantwortlichen in diesen drei Monaten gegen das Tragen von Masken vorgebracht wurden, weil sowieso nicht genügend aufzutreiben waren, werden ihnen in den folgenden Wochen von all denen entgegengehalten werden, die sich vom Virus nicht bedroht fühlen und die Schutzmaßnahmen der Regierung für übertrieben oder überflüssig halten.
16. April, Berlin
Christian Drostens Augenringe werden tiefer, trotz der Osterfeiertage. Bis hierher hat er rund 1.000Podcast-Minuten aufgezeichnet. Auf jede Sendung bereitet er sich anhand neuer Studien akribisch vor. Hinzu kommen unzählige weitere Interviews und Pressekonferenzen.
In der Talkshow von Maybrit Illner prognostiziert Drosten, die »beneidenswert niedrige Sterblichkeit in Deutschland« werde nicht immer so bleiben. Er spricht sich für eine Maskenpflicht aus und für Tracing-Apps und gibt zu: Man wisse nicht, wie sehr Schulen zur Verbreitung des Virus beitragen.
16. April, Schweden, Stockholm
Spinnen die Schweden oder spinnen alle anderen? Der Mann, der Schweden auf einem europäischen Sonderweg durch die Krise führt, hat gute Neuigkeiten. »Es gibt einen Rückgang bei den Neuinfektionen«, sagt Anders Tegnell, der schwedische Staatsepidemiologe. Er sagt das genauso, wie er alles sagt: monoton und ohne eine Miene zu verziehen. Als hänge nicht das ganze Land an seinen Lippen, sondern nur eine Handvoll Teenager-Nerds aus der Bio-AG
.
Vor denen stünde er womöglich lieber als im Scheinwerferlicht. Doch zurzeit muss er jeden Tag zum »Pressträff« vor die
Kameras. Denn nicht der Ministerpräsident ist es, der in der Krise die Richtung vorgibt, sondern er, der unaufgeregte Mann im Wollpulli. So ist es angelegt im schwedischen System. Auf ihrem Gebiet hat die Gesundheitsbehörde das Sagen und muss sich von niemandem reinreden lassen.
Grummelnd kommentiert der 64 Jahre alte Arzt die Zahlen und Kurven, eine Hand so auf dem Pult vor sich, dass es gerade seriös genug aussieht, die andere in der Hosentasche, dazu runde Brille, zerknitterte Jeans, Turnschuhe. Immer sieht er so aus, als sei er zwar gerade erst aufgestanden, aber jederzeit bereit, ins Eismeer zu springen.
Mehr als 20.000 Fälle hat das Land schon Ende April – ziemlich viel für ein dünn besiedeltes Land. Rechnet man die mehr als 2.400 Toten auf die Bevölkerung um, sind das dreimal so viel wie in Deutschland, fünfmal so viel wie in Norwegen und zehnmal so viel wie in Finnland. Doch während die ganze Welt im Lockdown verharrt, bringen die Schweden weiterhin ihre Kinder in die Grundschulen und Kindergärten, vergnügen sich in Bars und Restaurants, als ob nichts wäre. Oder jedenfalls: fast nichts.
Ein paar Restriktionen gibt es schon. Mehr als 50 Menschen dürfen sich nicht versammeln, der Unterricht an den Universitäten und höheren Schulklassen wurde vollständig ins Netz verlegt, und Besuche in Altersheimen sind tabu.
Björn Holm, ein junger Vater aus Stockholm, bleibt zurzeit sogar ganz zu Hause. »Weil ich erkältet bin«, erklärt er, und versucht, dabei lauter zu sein als das Kindergeschrei, das durchs Telefon dringt. Und erkältet sein, das heißt, die Wohnung nicht verlassen, auch nicht für den Spielplatz.
Nur erkältet, sicher? Björn Holm lacht. »Na ja, das kann man nicht wissen. Also in Deutschland würdet ihr euch vielleicht testen lassen. Aber hier bleiben wir einfach zu Hause«, sagt er, und man kann hören, wie abwegig er dieses deutsche Geteste findet. Zwei Tage lang soll man sich völlig gesund fühlen, bevor man wieder
rausgeht. Daran hält er sich. »Natürlich«, sagt Björn. Genauso, wie die Kleinfamilie »natürlich« auch auf Besuche der alten Eltern verzichtet. Alles andere wäre ja unverantwortlich.
Es ist dieses Gefühl von Verantwortung und Gemeinsinn, auf das Tegnell immer abhebt. Die Leute sind ja nicht blöd. Die machen schon, was man ihnen sagt. So redet Tegnell, wenn ihn ausländische Journalisten fragen, warum es in Schweden keine Verbote gibt. Und er scheint jedes Mal ein bisschen ratlos, wenn er an den Fragen der Journalisten merkt, für wie unerhört sie diesen schwedischen Sonderweg halten.
»So einzigartig ist dieser Weg doch gar nicht«, sagt er dann. »So wie andere Länder auch, wollen wir die Kurve abflachen und die Verbreitung verlangsamen, damit das Gesundheitssystem nicht zusammenbricht.« Aber jede Regierung mache nun mal das, was am besten für ihr Land funktioniere. Und in Schweden sind das eben »freiwillige Maßnahmen«.
Es scheint zu wirken. Die Straßen sind leerer als sonst, in den Läden und Pizzerien gibt es Markierungen auf dem Boden, »die meisten halten schon Abstand«, sagt Björn Holm. Es kursieren zwar auch immer mal wieder Fotos von skandalös vollen Plätzen und Parks, aber die Daten von Google Maps scheinen Tegnell im Großen und Ganzen recht zu geben: Die Schweden bewegen sich zwar mehr als ihre Nachbarn in Finnland und Dänemark, aber doch viel weniger als vorher.
Es gibt auch Kritik an Tegnells Weg. Schon Mitte März warnten schwedische Wissenschaftler in einem offenen Brief vor dem »gefährlichen Experiment« der Regierung. Nun fordern 22 Kollegen Tegnells in einer der großen Tageszeitungen ein Umdenken: »Der Ansatz muss radikal und schnell geändert werden«, drängen sie. Schulen und Restaurants gehörten sofort dichtgemacht.
Und die Schriftstellerin Elisabeth Åsbrink warnte ihr »friedensgeschädigtes Land« vor einem bösen Erwachen. Den Schweden sei der Glaube eingepflanzt, dass ihnen nichts Schlimmes
widerfahren könne, schrieb sie in einem Aufsatz. Und damit leider auch Blindheit gegenüber Gefahren.
Schlittert das Land also sehenden Auges in die Katastrophe? Besonders gut vorbereitet ist Schwedens Gesundheitswesen auf diese Pandemie jedenfalls nicht. Denn auch im Wohlfahrtsstaat Schweden wurde privatisiert und gespart. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl hat in Europa nur Portugal weniger Intensivbettenplätze als Schweden.
Doch Tegnell bleibt eisern bei seinem Mantra: Verbote bringen nichts. Er weist darauf hin, dass die Krankenhäuser noch weit entfernt von der Überlastung seien. Und darauf, dass in Stockholm ein Feldlazarett gebaut wurde, um im Notfall Hunderte COVID
-19-Patienten aufzunehmen. Noch steht es leer.
Außerdem, so die Hoffnung des Staatsepidemiologen, werden schon bald mehr Menschen immun sein als anderswo. »Unsere mathematischen Modelle deuten darauf hin, dass es im Mai in Stockholm möglicherweise eine Herdenimmunität gibt«, sagte er in einem Interview mit dem norwegischen Rundfunk.
Die meisten Schweden folgen ihm. Das zeigen immer neue Umfragen. Und auch mit der rot-grünen Regierung von Ministerpräsident Stefan Löfven sind sie zufrieden, solange der sich weiterhin im Hintergrund hält und macht, was Tegnell ihm sagt. Hinzu kommt: Ein Lockdown wie in Frankreich wäre in Schweden allein schon rechtlich nicht machbar. Die Verfassung verbietet einen Ausnahmezustand in Friedenszeiten.
Bis auf wenige kritische Zwischenrufe bleibt es erstaunlich ruhig in Schweden. Nicht mal die Opposition gibt Kontra. Eine der Unterzeichnerinnen des offenen Briefes sagte es der ›Süddeutschen Zeitung‹ gegenüber so: »Wenn du Einwände vorbringst, ist es so, als spucktest du gegen den Wind.«
Auf YouTube macht der neue Song des schwedischen Rappers Shazaam die Runde: »Ich bin Anders Tegnell, ich scheiß auf die andern und glaube an mich«, rappt er darin. »Bin am Mikro mit
den Fakten, hab kein Wochenende. Keiner kommt mir an mich heran, ich halte immer zwei Meter Abstand.«
Fragt man ihn nach seinen Beweggründen, erklärt der Rapper: »Ich glaube, die Schweden brauchten ein Gesicht der Hoffnung, und ich schätze, dieses Gesicht ist gerade er.« Neben Greta Thunberg haben die Schweden nun also schon ihren zweiten Nationalhelden.
Während Europa entsetzt auf das liberale Schweden schaut, schaut Schweden ebenso entsetzt zurück. Tegnell gibt zu, dass sein Weg ein Experiment ist. Aber das viel größere Experiment sieht er in den Nachbarländern mit ihren nie da gewesenen Restriktionen, von denen man nun mal nicht wisse, wie sie sich auswirken. »Wir machen hier auch Dinge, die zuvor noch nie gemacht wurden. Aber Sie machen noch viel mehr«, sagt er. Für Tegnell ist klar: »Sie können eine Gesellschaft nicht monatelang komplett einsperren.«
Björn Holm, der junge Vater aus Stockholm, kann gar nicht glauben, wie klaglos die Europäer in ihren Wohnungen ausharren. Für sein Geschichtsstudium samt Promotion hat er Jahre in Berlin, Valencia und Florenz verbracht. »Die Maßnahmen werden schon ihre Berechtigung haben«, sagt er vorsichtig, »aber ich hätte nicht gedacht, dass so etwas in europäischen Demokratien gemacht wird.«
Tegnells Vorvorgänger im Amt des Staatsepidemiologen, der Arzt Johan Giesecke, der weiter in der Gesundheitsbehörde arbeitet, und zwar »eng zusammen« mit Tegnell, sagt es ganz unverhohlen: »Ich muss innerlich lachen, wenn ich mir die anderen europäischen Länder anschaue. Wie wollen die denn wieder von ihren Bäumen runterkommen? Hat irgendwer von denen einen Exit-Plan?« So sprach er Mitte April bei einer Online-Konferenz internationaler Eliteuniversitäten.
Und dann sind da eben noch die Todeszahlen. Für alle Kritiker der Beweis: Schwedens Weg funktioniert nicht. Und auch Tegnell
gibt unumwunden zu: Ja, sie sind hoch. Niedriger als in Spanien und Italien zwar, aber weitaus höher als bei den skandinavischen Nachbarn. Für Tegnell heißt das aber nicht, dass sein Weg der falsche ist. Es heißt für ihn lediglich, dass Schweden sich in einer anderen Phase befindet.
Das klingt in deutschen Ohren befremdlich, fast ein wenig nach Sozialdarwinismus, wie da mit Sterbenden und Toten gerechnet wird, als machte es überhaupt keinen Unterschied, ob einer jetzt oder in einem Jahr stürbe. In einem Gastbeitrag für eine deutsche Zeitung schrieb ein schwedischer Ökonom gerade, »dass die bereits Verstorbenen nicht überlebt hätten, wenn sie sechs oder zwölf Monate später erkrankt wären. Das Durchschnittsalter der Todesfälle liegt bei 81 Jahren, nahe unserer durchschnittlichen Lebenserwartung«.
Also Alte und Kranke opfern, damit sich der Markt erholt? Als der Grüne Boris Palmer in Deutschland so ähnlich sprach, gab es einen Aufschrei. Den Schweden sind solche Befindlichkeiten anscheinend fremd. Da kann ein Ökonom in einer Online-Vorlesung sogar ganz ungezwungen verschiedene Leben gegeneinander aufrechnen: Das Lebensjahr eines jungen und gesunden Menschen zähle eben anders als das eines alten und kranken. Es sei zwar »unschön«, aber nun mal Usus in der Gesundheitsökonomie, mit diesen »qualitätskorrigierten Lebensjahren« zu rechnen.
Tegnell macht solche brutalen Rechnungen erst gar nicht auf. Womit er rechnet, das sind einzig die sozialen Kosten. Wie lange hält eine Gesellschaft den Lockdown aus? Sind Depression und Arbeitslosigkeit nicht auch gefährlich für die Gesundheit? Und bricht nicht das ganze System zusammen, wenn die Mütter ihre Kinder zu Hause unterrichten müssen?
Die Maßnahmen müssten so sein, dass man sie auch durchhalte, sagt Tegnell. Nie spricht er von einem besseren Weg, immer nur von einem anderen, einem, »der zu uns passt«. Und immer setzt er hinzu, dass es noch zu früh sei, um zu urteilen. Doch je
mehr Länder ihre Wirtschaft nun wieder langsam hochfahren, desto mehr sieht er sich bestätigt: Die anderen glichen sich nun wieder Schweden an.
Immerhin hat nun sogar die Weltgesundheitsorganisation Schweden gelobt. Der Exekutivdirektor des WHO
-Programms für Gesundheitsnotfälle Mike Ryan sprach von einem »Modell für die Zukunft«: »Wir können möglicherweise von unseren Kollegen in Schweden lernen«, sagte er.
Und zwar, wie eine Gesellschaft ohne Lockdown dauerhaft mit dem Virus leben könne.
17. April, Berlin
Seit einem Monat ist alles anders in Deutschland. Ausnahmezustand, noch immer. Was haben die Einschränkungen gebracht? Wurde die Ausbreitung des Virus gebremst? Zeit für eine Zwischenbilanz in der Bundespressekonferenz, Gesundheitsminister Jens Spahn ist da und RKI
-Präsident Lothar Wieler, unter anderem.
Schon drei Tage zuvor hatte Wieler verkündet, dass die Zahl der Neuinfektionen über Ostern zurückgegangen sei. Allerdings sei über die Feiertage auch weniger getestet worden. »Lassen Sie uns nicht nachlassen beim Einhalten der Regeln«, mahnte Wieler. Je größer die Disziplin, »umso schöner wird die Belohnung sein«.
Nun hat auch Jens Spahn gute Nachrichten mitgebracht. »Wir waren erfolgreich«, sagt er, aus dem dynamischen Wachstum sei ein lineares Wachstum bei den Neuinfektionen geworden. Täglich würden mehr Menschen genesen als neu erkranken. Das Gesundheitssystem sei zu keinem Zeitpunkt an seine Grenzen gestoßen. Spahn: »Der Ausbruch ist – Stand heute – wieder beherrschbar und beherrschbarer geworden.«
Jeder Infizierte, ergänzt RKI
-Präsident Wieler, stecke derzeit nur noch 0,7 Personen an – im März waren es drei. Trotzdem könne man keine Entwarnung geben. Wieler: »Dieses Virus ist in unserem Land und bleibt in unserem Land.«
Über 1,7 Millionen Tests seien bislang in Deutschland gemacht worden, resümiert Jens Spahn, rund 350.000 Tests in der Woche. Dabei könnten die Labore sogar mehr als doppelt so viele Tests machen, sofern die notwendigen Reagenzien zur Verfügung stehen. »Aber auch da hat sich die Lage schrittweise verbessert.« Flächendeckend testen will Spahn trotzdem nicht, sondern: zielgerichteter. Wieler nickt, ja, man müsse strategischer testen, »vermehrt in Altenheimen und Pflegeheimen«.
Das wird ihrer beider Mantra auch in den Tagen darauf sein: mehr testen, besser testen. Die Krankenkassen werden sich sperren: Sie wollen eine massive Ausweitung der Tests nicht bezahlen. Spahn insistiert.
Der Druck lässt nach, die Aufarbeitung beginnt. Befragung im Bundestag. Gesundheitsminister Spahn ist überraschend ehrlich: »Wir werden alle miteinander viel verzeihen müssen«, sagt er. Noch nie habe man in der Bundesrepublik »unter so großen Unsicherheiten in so kurzer Zeit so weitreichende Entscheidungen« treffen müssen. Politik, Gesellschaft, Wissenschaft werden in der Nachbetrachtung wohl Fehleinschätzungen zugeben müssen.
Spahn: »Ich finde das vergleichsweise normal.«
17. April, USA, New York
4.500 Tote in den USA
, an einem Tag. Lockdown in New York und Kalifornien, in Seattle und Chicago. Je länger er anhält, desto schriller wird der politische Streit. Nicht lange, da werden Bewaffnete ein Parlament besetzen.
Seit mehr als einer Stunde hat New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo auf seiner täglichen Pressekonferenz geredet. Eine Journalistin meldet sich und liest ihm einen Tweet von Präsident Trump vor:
»Gouverneur Cuomo sollte mehr Zeit mit ›Machen‹ und weniger Zeit mit ›Jammern‹ verbringen. Gehen Sie da raus und erledigen Sie die Arbeit. Ihre Zahlen sind nicht gut. Weniger reden
und mehr handeln!«, schreibt der Präsident. Was er, Cuomo, dazu sage?
Trump und er kennen sich schon ewig. Beide stammen aus Queens, beide haben übermächtige Väter, beide das nicht enden wollende Bedürfnis, der Welt in einem fort zu beweisen, dass sie die Besten sind. »Es sind zwei Egomanen«, sagt ein abtrünniger Republikaner. »Aber für Cuomo spricht, dass er ein kompetenter Egomane ist.«
Ihr letzter Streit liegt erst einige Tage zurück. Cuomo hatte sich mit fünf anderen Gouverneuren zusammengetan, um eine mögliche Öffnung ihrer Bundesstaaten zu koordinieren. Das missfiel dem Präsidenten.
»Cuomo hat täglich, sogar stündlich angerufen und um neue Krankenhäuser, Betten, Beatmungsgeräte usw. gebettelt. Ich habe alles für ihn und alle anderen erledigt, und jetzt scheint er die Unabhängigkeit zu wollen! Das wird nicht passieren!«, schrieb Trump auf Twitter.
Und legte im Weißen Haus nach: »Wenn jemand der Präsident der Vereinigten Staaten ist, ist seine Macht allumfassend. Und so muss es sein. Allumfassend. Und die Gouverneure wissen das.«
Allumfassend?
Andrew Cuomo ließ sich daraufhin in mehreren News-Shows zuschalten. »Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wovon der Präsident spricht«, sagte er auf NBC
. »Wir haben eine Verfassung, keinen König. Der Präsident hat nicht die totale Autorität.« Auf CNN
nannte er Trumps Krisenmanagement »schizophren«. Und auf MSNBC
verglich er dessen Corona-Briefings mit einem »Comedy-Sketch«.
Tatsächlich ruderte Trump zurück. Weil er seinen Fehler eingesehen hatte? Wohl kaum. Eher, weil er traditionell keine Verantwortung übernehmen will. Ganz gleich, was bei der Wiedereröffnung des Landes schiefläuft, er wird die Schuld dafür den Gouverneuren in die Schuhe schieben.
Und nun schickt Trump also, während Cuomos Pressekonferenz, per Twitter eine Backpfeife. Cuomo solle aufhören zu »jammern« und endlich »machen«.
»Zunächst einmal, wenn er zu Hause sitzt und fernsieht, sollte er vielleicht aufstehen und zur Arbeit gehen, richtig?«, ätzt Cuomo zurück. »Zweitens, halten wir Emotionen und Politik da raus, und persönliches Ego, wenn möglich. Denn hier geht es um die Menschen.«
Und dann folgt eine zehnminütige Tirade. Zu viele Krankenhausbetten? »Es waren Ihre Modelle, Herr Präsident«, sagt er. »Wenn wir so töricht waren, Ihnen zuzuhören, dann schämen wir uns.« Trump hatte auf seiner Pressekonferenz mit Zahlen von 100.000, 200.000 oder 2,2 Millionen toten Amerikanern herumhantiert und sich – während er diese Modellrechnungen referierte – einen Scherz über sein Verhältnis zu Models erlaubt.
Er blickt in die Runde. »Ich weiß nicht, was ich tun soll – einen Blumenstrauß schicken?«, fragt er. »Nochmals vielen Dank, Herr Präsident, für das alles. Danke für das Lazarettschiff der U.S. Navy. Danke, dass Sie gerade Ihre Arbeit als Präsident machen.«
Dr. Peter Shearer, Mount Sinai Hospital, Chefarzt
»Wir haben vergangene Woche angefangen, Leichen in Kühlcontainern unterzubringen. Ich glaube, da stecken zurzeit rund 40 Leichen drin. Es ist nicht so, dass zehn Menschen sterben und die Menschen dann zu den Bestattern geschickt werden. Die Leichen häufen sich hier an. Wir haben die Container mit Fächern ausgestattet, um die Übersicht nicht zu verlieren, wer wer ist. Wir müssen sichergehen, dass die Familien die richtige Leiche zurückbekommen.«
17. April, Berlin
Die Deutschen werden ungeduldig. Und sind zusehends genervter vom Lockdown. Eltern beklagen sich, fühlen sich vergessen in der Krise und allein gelassen. Auf Facebook gründet sich die öffentliche Gruppe #elterninderkrise, weil »Eltern und kleine Kinder keine Lobby haben«. Bald hat sie einige Tausend Mitglieder.
Katharina Mahrt, Aktivistin und Mutter, startet eine Petition und fordert 1.000 Euro Sonder-Corona-Kindergeld für alle Familien. Tausende unterschreiben.
In Berlin demonstrieren mehrere Hundert Menschen vor der Volksbühne gegen die Corona-Beschränkungen. Sie nennen sich »Querfront« und rufen »Grundrechte!« oder »Wir sind das Volk!«.
Und das ist nur der Anfang. Rund drei Wochen später, an einem sonnigen Frühlingssamstag, werden Tausende gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gehen, in Berlin, Stuttgart, München und Frankfurt.
20. April, Berlin
Christian Drosten weist in seinem Podcast auf eine Studie hin, die in einem kleinen italienischen Dorf über einen Zeitraum von zwei Wochen durchgeführt wurde: Fast alle Dorfbewohner seien einmal am Anfang und einmal am Ende der zwei Wochen auf eine Infektion mit SARS
-CoV-2 getestet worden. 43,2 Prozent der mit SARS
-CoV-2 Infizierten zeigten keinerlei Symptome. Obwohl die Viruskonzentration im Rachen bei ihnen genauso hoch gewesen sei wie bei Infizierten mit Symptomen.
Es ist die große Frage in diesen Tagen: Wie »tanzen«, wie den Lockdown allmählich beenden? Christian Drosten macht sich in seinem Podcast »ein bisschen Sorgen« darüber, eine Lockerung könne von der Bevölkerung missverstanden werden, aber irgendwann müsse man auch zu dem Schluss kommen, »dass die Wirtschaft jetzt auch mal wiederbelebt werden muss«. Gleichzeitig spricht er eine Warnung aus: Eine zweite Welle könne
das Land mit Wucht treffen. Das ganze Land, nicht nur einzelne Landkreise.
An diesem Tag wird Drosten ein Sonderpreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Deutschen Stifterverbandes verliehen. Er bedankt sich auf Twitter: »Durch Früherkennung und Aufklärung der Bevölkerung ist Deutschland heute in einer einzigartigen Position. Verspielen wir diese nun nicht!«
Wie weit ist das Virus bis Mitte April in seinem Feldzug rund um den Globus gekommen? Welche Fehler macht der Mensch?
Man kann es leider nur einen Triumphzug nennen: Innerhalb der letzten vier Wochen hat COVID
-19 über zwei Millionen Menschen neu infiziert, ist nun in inzwischen 180 Ländern. Über 2,3 Millionen Infizierte sind es weltweit, davon 84.200 in China. Allein in den USA
hat es bis jetzt 723.605 Menschen erwischt, 34.203 haben die Attacke nicht überlebt. Weltweit starben bis jetzt über 157.847 Menschen an dem Virus.
Nach China und Italien liefern nun die USA
die Bilder und Zahlen des Schreckens. Und die nächsten beiden willigen Opferstaaten haben sich durch Ignoranz und Untätigkeit schon in Stellung gebracht: Russland und Brasilien.
Was weiß die Menschheit, sofern sie das Wissen an sich heranlässt, bis jetzt über das neue Coronavirus? Rund um den Globus berichten Ärzte von äußerst diversen Krankheitsverläufen und überraschenden Symptomen, die COVID
-19-Patienten zeigen und die über eine Lungenentzündung mit Lungenversagen hinausgehen. Der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, Durchfall, Schwäche, Schlaganfälle, Embolien, Schäden an Niere, Darm, Herz, Hirn und Auge, all diese Symptome kommen vor. Inwieweit Kinder infektiös sind, also das Virus weitertragen können, bleibt umstritten.
COVID
-19 bleibt ein Rätsel, trotz wachsender Erkenntnisse. Das renommierte Wissenschaftsmagazin ›Science‹ schreibt in
einem Bericht vom 17. April: »Trotz der mehr als 1.000 wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die nun wöchentlich in Zeitschriften und auf Preprint-Servern erscheinen, ist ein klares Bild schwer zu zeichnen, da sich das Virus wie kein anderer Erreger verhält, den die Menschheit je gesehen hat.«
Rund um den Globus mehren sich die Berichte von Patienten mit außergewöhnlichen Symptomen: Aus Japan dringen Berichte von einem COVID
-19-Fall in die Welt, der unter epileptischen Anfällen litt und in dessen Nervenwasser sich SARS
-CoV-2 nachweisen ließ. In New York treten auf einmal Fälle von COVID
-19-Patienten mit schwerem Schlaganfall auf. Die fünf sind 33, 37, 39, 44 und 49 Jahre alt. Das ›Journal of American Medical Association‹ vergleicht in einer Studie die Daten von 5.700 Patienten, die vom 1. März bis 4. April in New Yorker Krankenhäuser eingeliefert wurden – und stellt fest, dass 70 Prozent von ihnen gar kein Fieber hatten.
Im Zürcher Universitätsspital finden Wissenschaftler und Forscherinnen durch Autopsien heraus, dass SARS
-CoV-2 nicht nur eine Lungenentzündung auslöst – sondern auch Herz-, Hirn-, Darm-, Leber- und Nierengefäße befallen kann. Mediziner wissen jetzt: COVID
-19 ist keine reine Lungenentzündung – sondern eine systemische Erkrankung, die den ganzen Körper betrifft.
Das ›Deutsche Ärzteblatt‹ berichtet Ende April von Autopsie-Ergebnissen am Universitätsspital Basel, man habe bei den Patienten in den seltensten Fällen eine Lungenentzündung beobachten können, wohl aber, dass der Sauerstoffaustausch in der Lunge nicht mehr richtig funktioniere.
Am 27. April schließlich wird das amerikanische CDC
eine neue Liste mit Symptomen veröffentlichen, die als wichtige Orientierungshilfe für alle Ärzte und Ärztinnen gilt: Fieber, Schüttelfrost mit Fieber, Muskelschmerzen, Kopfweh, den Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn, Rachenschmerzen.
In Deutschland sind laut RKI
mittlerweile 159.119Covid-19
-Fälle gemeldet, 4 Prozent davon verlaufen tödlich. 87 Prozent der Todesfälle und 19 Prozent aller Fälle sind 70 Jahre oder älter. Die meisten Erkrankten sind zwischen 15 und 59 Jahre alt. Die in Deutschland am häufigsten genannten Symptome: Husten, Fieber und Schnupfen.
Wie sollen sich die Deutschen schützen, was wird ihnen empfohlen? Abstand halten, Masken tragen, Hände waschen und demnächst eine App herunterladen. Eine App, die als Wunderwaffe dafür sorgen soll, dass viele Maßnahmen gelockert werden können.
Die Idee ist, dass Bürgerinnen und Bürger per Handy gewarnt werden, wenn sie in der Nähe eines infizierten Menschen waren. So ließe sich eine Infektionskette schneller unterbrechen. Doch wie soll das funktionieren?
Schon im März lag im Gesundheitsministerium ein Gesetzentwurf, der eine erste Lösung vorschlug. Danach würden die Mobilfunkprovider, also Telekom, Vodafone, O2 und so weiter, mit ihren Standortdaten aushelfen. Im allerersten Moment klingt das gar nicht so blöd: Wenn jemand sein positives Testergebnis bekommt, will man ja wissen: Wen könnte er oder sie angesteckt haben? Kollegen oder Familienmitglieder lassen sich leicht kontaktieren. Aber wie findet man diejenigen, die nur zufällig und nur kurz in der Nähe waren – aber lang genug, um das Virus abzukriegen?
Hier kommen, so der Plan vom März, die Mobilfunkbetreiber ins Spiel. Sie wissen aus ihren Daten, in welchen Funkzellen das Handy des Infizierten eingebucht war. Und sie kennen die Namen aller anderen, die zur gleichen Zeit in der gleichen Funkzelle unterwegs waren. Jetzt müsste man nur noch prüfen, ob die beiden lange genug für eine Infektion in der gleichen Gegend waren, und schon gäbe es eine Namensliste mit möglichen neuen Fällen. Weil es nur um den Aufenthalt am gleichen Ort geht, und nicht um den Inhalt eines Gesprächs, und weil hinterher alles schön wieder
gelöscht wird, scheint auch der Datenschutz gewährleistet. Wie gesagt, im ersten Moment klingt es nach einem guten Plan.
Tatsächlich aber ist die Idee erschütternd schlecht: Dass ein Gesundheitsamt einem privaten Telefonbetreiber mal eben die Namen von Infizierten rüberreicht – schon datenschutzrechtlich wäre das ein Unding.
Vor allem aber ist die Idee technisch dumm: Funkzellenortung ist viel zu ungenau. In einer Funkzelle auf dem platten Land befinden sich zum gleichen Zeitpunkt möglicherweise ein Dutzend Menschen – aber die können locker ein paar Kilometer voneinander entfernt über die Äcker spazieren. Eine Ansteckungsgefahr hätte es hier nie gegeben.
In einer Innenstadt wiederum sind die Funkzellen zwar viel kleiner. Aber dafür stecken in einer Funkzelle vielleicht 1.000 Menschen oder mehr – sollten die jetzt alle getestet werden? Oder für 14 Tage in die Selbstisolation? Es gäbe mehr Fehlalarme als tatsächliche Treffer. Gesundheitsminister Spahn verteidigt den Vorschlag nur kurz, dann verschwindet die Passage aus dem Gesetzentwurf.
Nun, im April, deutet sich eine schlauere Lösung an. Und vor allem: Sie könnte europaweit funktionieren. Ein Konsortium von Wissenschaftlern, Tech-Firmen und Start-ups will eine gemeinsame App entwickeln. Besser gesagt: eine Grundlage schaffen, auf der einzelne Anbieter ihre Apps aufbauen. Institute der Fraunhofer-Gesellschaft gehören dazu, Vodafone und die TU
Dresden.
Wieder geht es darum, herauszufinden, ob ein Mensch einem Infizierten über längere Zeit gefährlich nahe gekommen ist. Auch bei dieser Lösung benötigt man eine App auf dem Handy. Das aber – erster Pluspunkt – passiert freiwillig. Niemand wird gegen seinen Willen getrackt. Zweites großes Plus: Es werden keine Ortsdaten gespeichert. Wo man sich begegnet, spielt ja keine Rolle. Entscheidend für die Infektionsgefahr ist: Wie nah war man beieinander? Und wie lange dauerte der Kontakt? Zehn Minuten im gleichen Raum wäre so ein Schwellenwert.
Dritter Vorteil: Alle Beteiligten könnten anonym bleiben. Oder zumindest pseudonym, was nicht ganz das Gleiche ist. Aber datenschutzrechtlich immer noch besser als ein Klarname in einer Funkzelle.
Das »Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing« (europaweite und Privatsphäre bewahrende Kontaktverfolgung) funktioniert mit Bluetooth. Das ist ein Funkstandard, den alle halbwegs modernen Handys beherrschen. Bluetooth ist für kurze Strecken gedacht: vom Computer zur Musikanlage, vom Handy zur Freisprechanlage im Auto, vom Laptop zum Beamer zum Beispiel. Faustregel: Nach acht bis zehn Metern oder ein bis zwei Wänden ist bei Bluetooth Schluss mit der Verbindung.
Eine Corona-App auf Bluetooth-Basis läuft seit Ende März schon in Singapur, ähnliche Konzepte entstehen gerade überall.
Das Prinzip funktioniert so: Person 1, nennen wir sie »Herr Müller«, und Person 2, »Frau Schmidt«, haben beide die Corona-App auf ihren Handys. Sie wollen alarmiert werden, wenn sie Kontakt mit einem Infizierten hatten, aber sie wollen bitte schön nicht ausspioniert werden. Damit sie Vertrauen fassen, arbeitet die App mit einer mehrstufigen Verschlüsselung.
Beim Installieren hat jede App eine Kennzahl bekommen, ein zufälliges Wirrwarr von Zeichen. Wer nur diese Zeichenfolge kennt, kann daraus nicht erkennen, welcher Besitzer damit verbunden ist. Damit ist die Verschlüsselung noch nicht am Ende, es wird später noch ein bisschen verwirrender. Herr Müller und Frau Schmidt verlassen also ihre Wohnungen und schalten das Bluetooth am Handy ein.
Mal angenommen, Herrn Müllers geheime Kennzahl wäre 11111, Frau Schmidts Zahl die 22222 (in Wirklichkeit ist die Zeichenfolge natürlich komplizierter). Müllers App macht nun Folgendes: Aus der 11111 errechnet die App mit einer Verschlüsselungsmethode alle paar Minuten einen neuen Code. Nur als Beispiel: Erst ein »aaaaa«, dann ein »BBBBB
« und so weiter.
Das Trickreiche daran: Diese Verschlüsselung funktioniert nur in eine Richtung. Wer 11111 kennt, der weiß, dass man damit (und nur damit) »aaaaa« herstellen kann. Umgekehrt geht das nicht: Wer das »aaaaa« mitliest, kann daraus nicht auf 11111 schließen – und auf den konkreten Herrn Müller dahinter schon gar nicht.
Müller steigt in den Bus, sein Handy strahlt zehn Minuten lang das »aaaaa« ab, danach das »BBBBB
« und so weiter, jeweils mit einem Zeitstempel. Gleichzeitig sammelt Müllers App alle Kennungen ein, die in der Gegend herumschwirren. Zum Beispiel alle Zeitenfolgen, die Frau Schmidts App aus der 22222 (der Kennzahl von Frau Schmidt) generiert hat. Schmidts App wiederum merkt sich die Zeichen »aaaaa« und »BBBBB
« – sie weiß aber nicht, ob dahinter zwei Personen stecken oder eine. Das sieht also alles sehr anonym und durchdacht aus.
Einmal am Tag laden die Apps ihre Sammelergebnisse auf einen zentralen Server. Wenn alle Beteiligten gesund bleiben, passiert nichts, und nach 14 Tagen werden die Daten gelöscht.
Aber wenn Müller Corona-positiv getestet ist, kann er seine Erkrankung in der App melden. Damit nicht irgendwelche Trolle pausenlos falsche Alarme generieren, geht das nur mit einer Freigabe durch das Gesundheitsamt.
Müller meldet sich also krank, und auf dem zentralen Server beginnt ein Rechenprogramm mit der Arbeit. Der Server kennt Müller nur als 11111. Er prüft also, welche Zufallszahlen sich aus der 11111 berechnen lassen – und ob irgendeine davon in den letzten Tagen von jemand anderem hochgeladen wurde.
Das Ergebnis: Jawohl, »aaaaa« und »BBBBB
« wurden hochgeladen, und zwar von 22222. Dass hinter der pseudonymen 22222 die konkrete Frau Schmidt steckt, weiß der Server nicht. Aber er kann an die App mit der Kennung 22222 eine Nachricht schicken: Sie hatten Kontakt mit jemandem, der sich nun als infiziert herausgestellt hat. Frau Schmidt kann nun in die freiwillige
Selbstisolation gehen oder sich testen lassen – falls genügend Tests zur Verfügung stehen.
In den ersten Apriltagen, so scheint es, ist dieses App-Konzept so gut wie beschlossen. Das RKI
spricht sich dafür aus, das Gesundheitsministerium ebenfalls. Aber es gibt ein paar Probleme.
Damit die Daten wirklich helfen bei der Rückverfolgung der Kontakte, müssten 60 Prozent der Bevölkerung die App installieren. Das ist viel. Sie müsste auf alten iPhones genauso laufen wie auf modernen. Und auf den vielen, vielen Varianten von Android natürlich auch. Schon das ist kompliziert: Apple-Handys sind eigentlich nicht darauf eingerichtet, dass Bluetooth-Anwendungen dauerhaft im Hintergrund laufen. Wer im Bus sitzt, will aber dort im Netz lesen, WhatsApp verschicken oder Candy Crush spielen – jedenfalls nicht die Corona-App im Vordergrund behalten.
Das größte Problem ist am Ende der Datenschutz. Im Konsortium der App-Entwickler gibt es Streit, einige Teilnehmer scheiden aus. Sie wollen keinen zentralen Server, der die Berechnungen durchführt und Kennzahlen der infizierten Teilnehmer kennt. Die Bürgerinnen und Bürger müssten nämlich darauf vertrauen, dass tatsächlich alle Daten nach kurzer Zeit gelöscht werden, dass tatsächlich niemand eine Verknüpfung von Meldedaten der Gesundheitsämter und geheimen Kennzahlen herstellen kann. Wie soll man das Vertrauen von 60 Prozent der Bevölkerung gewinnen?
Es gibt eine Alternative, die dezentrale Variante. Die funktioniert ähnlich. Auch hierbei werden die Identitäten mehrfach verwürfelt und per Bluetooth ausgetauscht. Aber die App schickt keine Kontaktliste an einen Server. Es gibt also keine zentrale Stelle mehr, die verknüpfen könnte, wer wann in der Nähe von wem war.
Man braucht zwar noch einen Server, aber der ist halt nicht mehr allwissend. Auch dieser Server würde die 11111 von Herrn Müller zugeschickt bekommen, wenn Müller infiziert gemeldet
ist. Aber der Rechner kann damit nichts anfangen, weil er, zum Beispiel, die Daten von Frau Schmidt nie zu sehen kriegt. Er könnte nichts verknüpfen.
Sein einziger Job ist, die 11111 an alle Teilnehmer zu senden. Und dann prüft jedes Handy selbst, ob es die Tochtercodes von 11111 in den letzten Tagen gesehen hat.
Ende April schwenkt die Regierung um: Auch sie will jetzt die datenschutzfreundlichere Version der App. Das dürfte weniger an Einsicht liegen als am Zeitdruck. Und an zwei Weltkonzernen.
Kurz vor Ostern nämlich verkünden die Konkurrenten Apple und Google, dass sie gemeinsam an der Grundlage für eine App arbeiten. Und dass sie ihre Betriebssysteme dafür vorbereiten – in der dezentralen Version. Das bedeutet: Die beiden Konzerne, die faktisch den Handymarkt beherrschen, setzen einfach den Standard. Wer schnell eine Lösung will, muss folgen.
Natürlich kann immer noch jeder seine eigene App bauen. Aber wenn man sie an die Schnittstellen von Apple oder Google flanschen will, dann geht das nur mit der dezentralen App.
Apple und Google gelten zwar als Datenkraken – der eine etwas mehr als der andere. Aber in diesem Fall halten sie sich zurück. Sie stellen nur eine Umgebung für die datensparsame App bereit. Dafür erhalten sie sogar Lob von Datenschützern – selten genug. Und sie drücken aufs Tempo.
Allerdings dauert die Meinungsbildung zu Apps in der Regierung ähnlich lang wie die zum Sinn und Unsinn von Masken. Wann kommt die App – zur zweiten Welle im Herbst?