Kapitel IV
Die brasilianische Phase
Wie man es dem Virus zu einfach macht
(April/Mai)
Brasilien und Russland werden die neuen Epizentren ∙
In Deutschland beginnt der Wettlauf der Politiker
um den Titel »Der Superlockerer« ∙ Neue Tests
versprechen neuen Schutz ∙ Die neuen Volksfeinde:
die Virologen ∙ 118 Impfstoffe im Konkurrenzkampf ∙
Die Angst vor der zweiten Welle
20. April, USA, Phoenix
Sie steht einfach da.
Die Demonstranten pöbeln sie an, beschimpfen sie, schwenken Flaggen vor ihrem Gesicht. Sie rührt sich nicht vom Fleck. Steht da mit Mundschutz und blauem Kittel, stundenlang, und bald geht auch dieses Foto um die Welt, eine Krankenschwester, die sich wütenden Demonstranten entgegenstellt, die wollen, dass der Lockdown endet. Ein Bild des gewaltfreien Widerstandes.
Ja, das ist die Assoziation: gewaltfreier Widerstand. Und die Frage: Was passiert da jetzt in den USA zwischen Menschen, die eigentlich ein Interesse und ein Ziel haben: zu verhindern, dass dieses bedrohliche Virus weiter vordringt?
Überall auf der Welt rücken Menschen während der Corona-Pandemie zusammen. Sie sammeln sich hinter ihren Regierenden, der Parteienstreit schweigt für den Moment, die Kritik wird leiser. Das Virus eint. Nicht aber in den USA . Hier vertieft die Krise nur die Spaltung. Der Kulturkampf geht in eine neue Runde. Mit alten Themen.
Der Generalstaatsanwalt von Texas hat versucht, mit den Schönheits- auch die Abtreibungskliniken dichtzumachen. Genau wie Tate Reeves, der bubihafte Gouverneur von Mississippi, dem ärmsten Bundesstaat der USA . »Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um Mississippi weiter zum sichersten Ort für ungeborene Kinder in den USA zu machen«, sagt er. Jener Tate Reeves, der endlos wartete mit einem Lockdown – und immer wieder aufrief zum Gebet.
Der demokratische Gouverneur von New Jersey wiederum wurde verklagt, weil er Waffengeschäfte nicht zu den »notwendigen Einrichtungen« gezählt und so vom Lockdown ausgenommen hatte. Das verstoße gegen die Rechte von Waffenbesitzern.
Und überall im Land beginnen nun die Anti-Lockdown-Demonstrationen. Zuerst kommen einige Hundert. Nun an diesem Tag, in Phoenix, Arizona, sind es schon an die tausend. Rechtsextreme, Tea-Party-Anhänger, Trump-Fans, dicht an dicht umzingeln sie das Parlament. »U-S-A, U-S-A«, skandieren sie und recken selbst beschriebene Plakate in die Luft, auf denen sie »Öffnet Arizona« fordern. Hunderte von Pick-ups umkreisen die Demonstration und veranstalten ein Hupkonzert.
Lauren Leander, die Krankenschwester, steht einfach da. Und schafft es so in die Nachrichten von ABC , CNN und anderen Medien. Du bist gar keine richtige Krankenschwester, schimpfen die Demonstranten, du bist eine Schauspielerin und von der Regierung bezahlt!
Gegen den Lockdown demonstrieren sie, der sie in die Arbeitslosigkeit treibe. Für ihre Freiheit demonstrieren sie, niemand dürfe ihnen etwas vorschreiben. Andere flüchten sich in Verschwörungstheorien: 5G-Sendemasten sind schuld an allem. Aufnahmen von leeren Krankenhauseingängen kursieren im Netz. Wo bleibt das Chaos, wo, bitte, gibt es eine nennenswerte Zahl von COVID -19-Patienten?
Spontan wirken die Demonstrationen auf den ersten Blick, der ungefilterte Wille des Volkes. Tatsächlich steht dahinter ein Netz von ultrakonservativen Gruppen. Sie heißen »FreedomWorks« oder »Tea Party Patriots«, ihre Verbindungen reichen bis ins Weiße Haus. Sie bezahlen Anwälte, die Klagen gegen den Lockdown einreichen, und geben Umfragen in Auftrag, um die Autorität der Gouverneure zu untergraben. Fox News ermutigt die Demonstranten, für ihre »Freiheit« zu kämpfen, und angestachelt werden sie auch von Präsident Trump. »LIBERATE MINNESOTA «, twittert Präsident Trump am Morgen des 17. April. »LIBERATE MICHIGAN «. Und drittens »LIBERATE VIRGINIA «. Drei Bundesstaaten, von Demokraten geführt.
Lauren Leander, die Krankenschwester, mag das alles kaum glauben. Als die Pandemie begann, hat sie sich freiwillig auf der Intensivstation gemeldet, schließlich sei sie fit und jung. Jeden Tag hört sie das Keuchen und den Husten, hilft den Sterbenden, sich von ihren Angehörigen zu verabschieden, per Videochat, ein letztes Mal. Und beschloss, auf die Straße zu gehen, eine stumme Anklage gegen den Irrsinn dieser Demos. Auf denen so gut wie niemand eine Maske trägt.
20. April, Berlin
Christian Drosten macht sich in seinem Podcast »ein bisschen Sorgen« darüber, eine Lockerung könne von der Bevölkerung missverstanden werden, aber irgendwann müsse man auch zu dem Schluss kommen, »dass die Wirtschaft jetzt auch mal wiederbelebt werden muss«. Die Diskussion um die Frage, wie weit die Lockerungen der bestehenden Corona-Maßnahmen gehen sollen und inwieweit sie eine Gefahr darstellen, bestimmt nun die Diskussion im Land: Geschäfte bis zu einer Größe von maximal 800 Quadratmetern dürfen wieder öffnen, das geht vielen Deutschen zu weit, anderen ist es zu wenig. Sie möchten ihr normales Leben zurück, darum erfinden Politiker jetzt die »neue Normalität«, von der noch keiner weiß, was sie mit der alten Normalität zu tun haben wird.
Drosten warnt: Eine zweite Welle könne das Land mit unerwarteter Wucht treffen, nicht nur lokal. Die »zweite Welle« wird zur ständigen Warnung, die Angst davor, dass das Virus sich wieder exponentiell ausbreitet. Drosten: »Durch Früherkennung und Aufklärung der Bevölkerung ist Deutschland heute in einer einzigartigen Position. Verspielen wir diese nun nicht!« Zweite Welle gegen neue Normalität, das sind die Schlagworte der beiden Lager, die sich auch in Deutschland formieren.
21. April, USA, Charlottesville
Wer vor vielen Jahren in den Tropen war, erinnert sich vielleicht an Resochin: Es war in den 1980er-Jahren das Mittel der Wahl, wenn man sich vor Malaria schützen wollte. Dann rückte es in den Hintergrund, weil Resistenzen zunahmen und gute Konkurrenzprodukte auf den Markt kamen, berichtet das ›Handelsblatt‹. Der Pharmakonzern Bayer wollte die Produktion eigentlich einstellen. Doch jetzt wird Resochin – es enthält den Wirkstoff Chloroquin – wiederbelebt: Ersten Studien zufolge könnte es bei der Therapie gegen COVID -19 helfen. Und US -Präsident Trump wird nicht müde, das verwandte Mittel Hydroxychloroquin anzupreisen.
Seit diesem 21. April gibt es begründete Zweifel an der Wirksamkeit der Stoffe. Ein Team um Jayakrishna Ambati von der Universität in Virginia präsentiert eine Studie. Zwar habe sich in Laborversuchen gezeigt, dass Hydroxychloroquin die Vermehrung der Coronaviren bremsen und somit zu einem milderen Krankheitsverlauf bei COVID -19 führen könnte. Aber bei Patienten war es letztlich nicht wirksam, ja, vielleicht schadete es sogar, denn: Bei einer Behandlung mit Hydroxychloroquin war die Sterblichkeitsrate höher als in einer Vergleichsgruppe. Analysiert wurden die Daten von 368 männlichen COVID -Patienten.
Eine größere, belastbarere Studie sei in Arbeit.
22. April, Berlin
Die Mainzer Firma BioNT ech erhält die Genehmigung, mit klinischen Tests für ihren Corona-Impfstoff zu beginnen. Uğur Şahin und Özlem Türeci stehen plötzlich im Licht der Weltöffentlichkeit. Die BioNT ech-Aktie ist an der Technologiebörse Nasdaq gelistet, über Nacht steigt sie um fast 50 Prozent und hat nun einen Wert von rund 12 Milliarden Dollar – fast dreimal so viel wie die angeschlagene Lufthansa.
BioNT ech – das inzwischen mit dem US -Pharmakonzern Pfizer zusammenarbeitet – will den neuen Impfstoff zunächst an 200 Freiwilligen testen. Anschließend sollen weitere 500 Personen, darunter auch ältere Menschen, in die Studie aufgenommen werden. Mit Zwischenergebnissen rechnet Uğur Şahin Ende Juni. Auch im günstigsten Fall ist eine allgemeine Zulassung für den Impfstoff nicht vor 2021 in Sicht.
23. April, USA, Washington
An welche Sätze wird man sich einst von Donald Trump erinnern, in 50, 100 Jahren? Vielleicht gehören diese hier dazu, gesprochen im Weißen Haus, an einem Tag, an dem in den USA weitere 2.000 Menschen durch COVID -19 sterben, mindestens. Im Presseraum des Weißen Hauses sagt US -Präsident Donald Trump, blickt immer wieder zu einem Mediziner, der vor ihm gesprochen hat:
»Nehmen wir mal an, wir behandeln den Körper mit einer enormen Menge ultraviolettem oder einfach starkem Licht, ich glaube, Sie sagten, das sei noch nicht überprüft worden, aber Sie werden es testen. Mal angenommen, man könnte das Licht in den Körper bringen, durch die Haut oder sonst irgendwie. Ich glaube, Sie sagten, auch das werden Sie testen. Klingt interessant.«
»Nicht als Behandlung«, wirft Corona-Beauftragte Deborah Birx ein, man meint, leise Panik in ihrer Stimme zu hören, doch Trump lässt sich nicht beirren:
»Es gibt ein Desinfektionsmittel, das in einer Minute abtötet. Einer Minute. Und gibt es eine Möglichkeit, wie wir das machen können, durch spritzen oder fast säubern? Denn man sieht, dass es in die Lungen gelangt und dort eine enorme Menge bewirkt. Also, es wäre interessant, das zu überprüfen. Sie werden Ärzte daransetzen müssen, aber für mich klingt das interessant. Also, wir werden sehen. Aber das ganze Konzept des Lichts, die Art und Weise, wie es in einer Minute tötet, das ist ziemlich stark.«
Gelächter. Entsetzen. Fassungslosigkeit. Hat der Präsident das wirklich gesagt? Er sei nur sarkastisch gewesen, lügt Trump am nächsten Tag. Er habe nur laut gedacht, rechtfertigt ihn Birx. Kurz darauf setzt der Präsident die täglichen Pressekonferenzen ab. Sie seien die ganze Mühe doch nicht wert.
Dabei hatte er eben noch auf Twitter gejubelt, dass deren Quoten »durch die Decke gehen«. Und legt nach: »Weil die Einschaltquoten für die Pressekonferenz des Weißen Hauses die höchsten sind, tun die Opposition (Lamestream Media), die Radikale Linke, die nichtsnutzigen Demokraten & die wenigen verbliebenen RINO ’S alles in ihrer Macht Stehende, um sie zu verunglimpfen & abzusetzen. Die Stimme des Volkes!«
RINO = Republican in name only. Also all jene Republikaner, die nicht Trump hinterherdackeln.
Bald bekommt Trump einen ersten Denkzettel für sein Dilettieren in der Krise: Eine von den Republikanern in Auftrag gegebene Meinungsumfrage sieht Trump bei den US -Wahlen in wichtigen Bundesstaaten hinter seinem Herausforderer Joe Biden. Und das, obwohl Biden gerade nichts tun kann, als hilflose Videobotschaften aus dem Keller seines Einfamilienhauses zu senden.
In jenen Tagen sickert ein Memo durch über eine mögliche Strategie der Republikaner im Präsidentschaftswahlkampf, die Kernpunkte laut ›Politico‹:
China für den Coronavirus-Ausbruch verantwortlich machen. Die Demokraten mit der chinesischen Regierung in Verbindung bringen. Jede Diskussion über Trumps Corona-Krisenmanagement vermeiden.
23. April, Berlin
Kanzlerin und Regierung sind beliebt wie selten, die Union steht wieder bei erstaunlichen 40 Prozent. Die Regierung macht weiter, immer weiter mit Hilfsprogrammen und Schutzschilden, es wirkt so, als könne man das Virus unter Millionen, Milliarden und Billionen begraben. Die Regierung senkt die Mehrwertsteuer für Hotels und Gaststätten und stockt das Kurzarbeitergeld auf. Die Botschaft ist klar: Diese Regierung tut alles, was nötig ist.
Die andere Seite, das ist die skeptische Seite, aber das ist auch die dunkle Seite. Seit Beginn der COVID -19-Krise gärt etwas in der Republik. Etwas, das keine Solidarität kennt, keine Vernunft und Vorsicht, sondern nur Wut und Hass. Und am Ende auch: Gewalt.
Ende Januar, da galt COVID -19 noch als chinesische Krankheit, und das Virus SARS -CoV-2 war sehr weit weg und doch irgendwie gruselig nah. Es kann überall sein, in jedem Menschen und auf jeder Oberfläche. Auch Angst kann ein Virus sein. Angst kann in den Körper eindringen, sich einnisten und Symptome hervorbringen, Rassismus zum Beispiel. Unter dem Hashtag #JeNeSuisPasUnVirus – Ich bin kein Virus – berichten asiatisch aussehende Menschen von Beleidigungen, von angeekelten Blicken, Anfeindungen, Drohungen und von Gewalt, auch in Deutschland.
Ende April fangen die Skeptiker an, auf die Straße zu gehen, in München, Stuttgart, Gera, Köln, Frankfurt, vor allem in Berlin. Für die Freiheit, werden sie sagen. Gegen die Einschränkungen. Darunter sind Menschen, die einfach nur wieder ihre Freunde wiedersehen wollen, ihre Großeltern vielleicht. Es kommen Kleinunternehmer und Gastronomen, die um ihre Existenz fürchten, und Menschen, die einfach nur unsicher sind, ob wirklich jede Einschränkung der vergangenen Wochen notwendig war. Aber da sind eben auch die Impfgegner, die Friedensbewegten, die Neue Rechte und die alten Nazis. Und Leute, die glauben, sich nicht anstecken zu können.
Die Feindbilder auf ihren Plakaten: Virologen wie Christian Drosten, Kanzlerin Angela Merkel, der Staat Deutschland, bei dem es sich ihrer Meinung nach um eine GmbH der Alliierten handelt, vor allem: Bill Gates. Viele tragen das Grundgesetz unter dem Arm, wenige eine Maske auf der Nase, die sie »Maulkorb« nennen und mit der man ihnen ihre Meinung verbieten und ihre Freiheit nehmen will. Die Veranstalter sprühen Markierungen im Abstand von zwei Metern auf die Straßen. Die Demo-Teilnehmer sollen sich nicht zu nah kommen. Doch niemand hält sich daran, es sind zu viele, die kommen und eng an eng brüllen: »Wir sind das Volk«. Auf einer Demo in Berlin greifen sie Journalistinnen und Journalisten an.
Selbst ein paar Tausend Menschen auf der Straße mögen kein Stimmungsbild für die Republik sein. Noch immer halten sich die meisten an die Einschränkungen, die nur funktionieren, wenn sich eben die meisten daran halten. Aber mit jeder Woche sinkt in Umfragen die Zustimmung zu den Einschränkungen. Die Menschen beobachten einander, viele denken: Warum soll ich mich weiter einschränken, wenn es andere auch nicht tun? Auf dem Weg zu einer Herdenimmunität kommt dem Menschen sein Wesen als Herdentier in die Quere.
Mit jeder Woche wächst auch die Zahl der Unzufriedenen quer durch die Gesellschaft. Kurz nach den Demos verfassen einige mächtige katholische Bischöfe, darunter auch ein deutscher Ex-Kurienkardinal, ein Schreiben, in dem sie die Einschränkungen als »Auftakt einer Weltregierung« bezeichnen – einer zentralen Denkfigur so gut wie jeder Verschwörungstheorie.
24. April, USA, Washington
Meldung in der ›Washington Post‹: »Nachdem sie das Weiße Haus umfahren, gehupt und dabei aus den Autofenstern gerufen hatten, begaben sich die Demonstranten zum Trump International Hotel und legten im strömenden Regen ›Leichensäcke‹ davor. Mehr als 20 mit Pappe und Zeitungspapier gefüllte schwarze Säcke, die an die Leichen von Opfern der Corona-Pandemie erinnern sollten, säumten den Bürgersteig entlang der Pennsylvania Avenue.«
24. April, Brasilien, Manaus
Als die Wärter des Stadtfriedhofes von Manaus, dem größten im Amazonasbecken, morgens an ihren Arbeitsplatz kommen, finden sie eine schlammige Fläche vor, überschwemmt vom Regen des Tropensturms, der die Nacht zuvor über die Stadt zog. Tausende offene Gräber sind mit Lehm vollgelaufen, müssen neu ausgehoben werden. Tausende Plätze, die vorgesehen waren für die Tausenden Coronavirus-Toten, die die Stadt in den kommenden Tagen erwartet.
Manaus, die Millionenstadt im amazonischen Regenwald, ist mit dem Virus komplett überfordert. Die Intensivstationen der Krankenhäuser sind zu 96 Prozent ausgelastet. Auf dem Stadtfriedhof werden täglich rund 140 Menschen beerdigt. Der Tagesdurchschnitt des Vorjahres war 23.
Aber der Präsident lebt es vor, nichts sehen, nichts hören, am liebsten nichts sagen, und wenn doch, dann sich lustig machen über diese kleine Grippe. Keine Tests, nicht an Kranken, nicht an Verstorbenen. Das Land hat den Ausbruch nicht nur nicht unter Kontrolle. Es kann ihn nicht einmal richtig sehen. Die Regierung stellt sich dumm – wie man noch sehen wird, das dümmste Mittel gegen SARS -CoV-2.
Statt das Land sicher durch die Zeit zu führen, hat der Präsident andere Sorgen. Er muss sich gegen immer neue Vorwürfe verteidigen. Auf den Titelseiten der Tageszeitungen am 25. April findet man Sergio Moro, Justizminister, bekannt als Brasiliens Saubermann. Bolsonaro hat Moro am Vortag entlassen. Weil Moro ihm illegale Einflussnahme in der Bundespolizei vorgeworfen hatte, ein Vorwurf, der später bestätigt wird. Das Wort Impeachment häuft sich in Medien und in Reden der Opposition.
Während Brasiliens Politiker und Medien sich mit einer möglichen Staatskrise auseinandersetzen, beschließt der Bürgermeister von Manaus, Menschen, aus Mangel an Platz, in Massengräbern zu beerdigen.
24. April, Island, Reykjavík
Die Epidemie ist nun offiziell vorbei. »In den letzten 24 Stunden wurde niemand mit COVID -19 diagnostiziert«, erklärt Islands Chef-Epidemiologe, und die Polizei im besonders betroffenen Osten der Insel meldet: »Alle Infizierten haben sich erholt. Freuen Sie sich darüber, genießen Sie die Sonne und das Leben hier im Osten. Wir sind auf dem richtigen Weg.«
Was haben die Isländer anders, was haben sie besser gemacht?
Rund 15Prozent der Bevölkerung wurden in Island getestet. Jeder, der will, kriegt einen Rachenabstrich, darüber hinaus werden Isländerinnen und Isländer stichprobenartig zum Test eingeladen. So weiß die Regierung ziemlich gut Bescheid über ihre rund 350.000 Bürger.
Als in Deutschland die Rheinländer noch sorglos schunkelten, begannen die Gesundheitsbehörden auf der Insel mit dem Testen – obwohl es dann noch einen ganzen Monat dauerte, bis sie den ersten Patienten fanden. Und früh erklärten sie Norditalien und Tirol zu Risikogebieten und verordneten den Rückkehrern Quarantäne.
Der deutsch-isländische Schriftsteller Kristof Magnusson ist davon überzeugt, dass den Isländern in der Krise ihre ungeheure Spontaneität nützt. »Die Isländer haben zu Beginn der Pandemie keine Zeit damit vertan, sich leidzutun, denn sie wissen: Wenn wir den Hering jetzt nicht fangen, schwimmt er weiter.«
Als die ersten Infizierten im März aus Italien, Österreich und der Schweiz zurückkehrten, machten sich Heerscharen von Corona-Detektiven an die Arbeit und verfolgten alle Kontakte zurück. Sämtliche Angehörige, Freunde und Zufallsbekanntschaften wurden zum Zuhausebleiben verdonnert. Außerdem wurden die einzelnen Viruslinien genau untersucht.
Viele ließen sich zurückverfolgen nach Großbritannien – weshalb die Forscherinnen und Forscher davon ausgehen, dass das Virus dort früh verbreitet war. Noch etwas leiten die Isländer aus ihren Daten ab: Kinder übertragen das Virus eher nicht. In Deutschland kamen Wissenschaftler zu anderen Ergebnissen, doch für ihre Insel haben die Isländerinnen und Isländer entschieden: Kindergärten und Grundschulen bleiben offen. Seit dem 4. Mai haben auch die weiterführenden Schulen, Museen und Friseure wieder auf, ab dem 20. Schwimmbäder und Fitnessstudios.
Statt auf Verbote und Einschränkungen setzte Island von Anfang an auf gezielte Maßnahmen. Eine Tracing-App hilft dabei. Als die meisten Länder noch über das datenschutzrechtliche Für und Wider diskutierten, teilte eine Mehrheit der Isländer schon längst ihre Daten mit den Behörden – freiwillig. In einem Land, in dem fast jeder jeden kennt, bleibt sowieso nichts geheim.
Datenschutz ist für die Isländer ein Fremdwort, denn man weiß einfach gern Bescheid über seine Landsleute. In keinem anderen Land haben so viele Menschen ein Facebook-Konto. Treffen sich zwei fremde Isländer, überlegen sie sofort, wie man wohl miteinander verwandt ist. Es gibt sogar eine Internetseite, auf der man den Verwandtschaftsgrad zu jedem beliebigen Landsmann in Erfahrung bringen kann.
Täglich berichtet die Polizei, in welchem Landkreis sich gerade wer vorsorglich in Quarantäne begibt und wer die 14 Tage hinter sich hat. Am Ende der Polizeimeldungen steht meistens so was wie: »Freu dich und folge weiter den Anweisungen.«
Ewig kann sich die Insel nicht abschotten. Der Tourismus ist für Island überlebenswichtig. Ab Mitte Juni will Reykjavík das Land deshalb wieder für Touristen öffnen. Sie sollen die Wahl haben zwischen einem Corona-Test und einer zweiwöchigen Quarantäne.
Zehn Isländer sind an COVID -19 gestorben, 1.801 hatten sich infiziert. Obwohl Tausende Isländer ihre Jobs verloren haben, sehen sie es positiv: Zum ersten Mal können sie in Frieden ihre Geysire und Wasserfälle bewundern. Die Redakteure des isländischen Magazins ›The Reykjavík Grapevine‹ stellen jeden Tag ein zwanzigminütiges Video online, in dem sie nichts anderes tun, als staunend durch ihr leeres Land zu laufen und dabei den immer gleichen Satz zu sagen: »Das ist so verrückt, normalerweise wäre es hier rappelvoll!«
Was kann man von Island lernen? »Wir haben uns einfach sehr früh vorbereitet«, sagt Ministerpräsidentin Katrín Jakobsdóttir. Sie betont stets, dass es in einem so kleinen Land natürlich leicht sei, den Überblick zu behalten. Andere Isländer wollen von dieser Selbstverzwergung nichts wissen. Als eine Journalistin den Geschäftsführer der Testfirma DeCode fragte, ob der isländische Weg in einem so großen Land wie den Vereinigten Staaten überhaupt möglich wäre, zögerte der keine Sekunde: »Es sollte Ihnen sogar viel leichter fallen!« Schließlich hätten die Amerikaner die besten Universitäten. »Unsere Bevölkerung ist zwar tausendmal kleiner als Ihre, aber Sie haben fünftausendmal so viele Ressourcen wie wir.« Es ist mit Island vielleicht ein bisschen so wie mit kleinen Männern: Sie müssen einfach besonders gut sein.
Nachrichtenthema war zuletzt auch Helga Guðmundsdóttir aus den Westfjorden. Hunderte Isländer haben »der tüchtigen Dame« auf Facebook zu ihrem 103. Geburtstag gratuliert. Und dazu, dass sie nahezu zeitgleich vollständig von COVID -19 genesen war.
24. April, Berlin
Christian Drosten teilt in seiner Sendung mit, in Zukunft nur noch zweimal die Woche auf Sendung zu sein; er schafft das Pensum nicht mehr. Das Lesen all der Studien für den Podcast hält ihn oft bis spät in die Nacht wach, dann schickt er wieder bis nach Mitternacht E-Mails mit der Moderatorin hin und her, um sich abzustimmen. Die Vorbereitung raubt ihm Zeit für seine Forschung, der Schlafmangel der letzten Wochen kostet ihn Konzentration.
Drosten im Interview mit dem englischen ›Guardian‹: »Für viele Deutsche bin ich der Bösewicht, der die Wirtschaft lähmt. Ich bekomme Morddrohungen, die ich an die Polizei weiterleite. Noch beunruhigender sind für mich die anderen E-Mails, die von Leuten kommen, die sagen, dass sie drei Kinder haben und sich Sorgen um die Zukunft machen. Es ist nicht meine Schuld, aber es sind solche E-Mails, die mich nachts wach halten.«
Das Wissenschaftsmagazin ›Science‹ veröffentlicht ein Porträt über den deutschen Virologen mit der Überschrift: »Wie die Pandemie diesen Virologen zu einer unwahrscheinlichen Kultfigur machte.« In dem Artikel wird der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zitiert. Er zieht einen unglücklichen Vergleich: »Wenn Drosten an diesem Punkt sagt, es sei zu früh [für etwaige Lockerungen der Kontaktsperren], dann hat das genauso viel Gewicht, wie wenn Merkel es sagen würde.«
24. April, Berlin
Im ›Spiegel‹ veröffentlichen sechs prominente besorgte Bürger ihre Sorgen. Der Lockdown müsse entschlossener gelockert werden, die Gesellschaft müsse den Umgang mit Risiken neu definieren. Einer der besorgten sechs ist der Virologe Alexander Kekulé, der seit Beginn der Pandemie ein gern gesehener Gast in allen Talkshows ist und im ›Tagesspiegel‹ die Kolumne »Was Wissen schafft« mit Texten versorgt.
Der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Uniklinikums Halle spricht eher wie ein Oppositionspolitiker, nicht wie ein Wissenschaftler, fordert und kritisiert mehr, als er erklärt, und ist deshalb schon lange ein beliebter Gesprächspartner von Journalisten. Als Christian Drosten seinen Podcast startet, legt Kekulé mit seinem »Corona-Kompass« beim MDR sofort nach. Wären Drosten, Streeck und Kekulé ein musikalisches Terzett, dann wäre Drosten der Geiger, Streeck der Posaunist und Kekulé der Mann mit der Pauke.
Kekulé rechnet schon mal vor, wie ein einziges infiziertes Schulkind innerhalb von acht Wochen 3.000 Menschen ansteckt: »Das kann jeder, der Mathe in der Schule hatte, nachrechnen«, sagt er – und ist im Nu bei 15 Toten.
Kekulé scheint seinen Kollegen immer einen Schritt voraus zu sein, immer noch früher noch drastischere Maßnahmen zu fordern. Als das Robert Koch-Institut im Januar beschwichtigte, COVID -19 sei harmloser als die Grippe, forderte Kekulé bereits Einreisekontrollen an den Grenzen. Und lange bevor die Ministerpräsidenten so weit waren, plädierte er für einen zweiwöchigen Lockdown.
Doch auch Kekulé musste sich, so wie seine Kollegen, immer wieder korrigieren. So hielt er das Virus anfänglich noch für »deutlich weniger gefährlich als SARS « und äußerte, im Gegensatz zu Ebola und der Vogelgrippe ließe es sich leicht in den Griff bekommen. Auch Masken tat er als völlig übertrieben ab.
Auch wenn Kekulé manchen als Prophet gilt: Seine Einlassungen sind vor allem ständige Kontrapunkte zu denen seiner Kollegen Drosten und Lothar Wieler vom RKI . Wenn Drosten die Verbreitung des Virus eine »Naturkatastrophe in Zeitlupe« nennt, poltert Kekulé: »Es gibt keinen größeren Unsinn: Eine Pandemie ist eine Explosion!« Und wenn Wieler bei der Zahl der Neuinfizierten einen Fehler einräumen muss, schürt Kekulé genüsslich Misstrauen: »What shall we do if fear comes from the protector?«, fragt er auf Twitter.
Während Wieler und Drosten stets betonen, was sie alles nicht wissen, ist bei Kekulé immer alles glasklar: die Forderungen maximal, der Ton kompromisslos. Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit nannte das in einem Interview mit der ›Welt‹ fahrlässig. In Wissenschaftskreisen, so der Kollege, sei man sich einig: »Alexander Kekulé vertritt eine Außenseiterposition.«
Es ist eine Position, in die sich Kekulé im Lauf der Jahre selbst manövriert hat. Einst beriet auch er die Regierung, bis 2015 arbeitete er zusammen mit Lothar Wieler für das Innenministerium an Pandemieplänen. Doch er eckte immer wieder an, machte sich mit seiner ständigen Kritik am Gesundheitsministerium unbeliebt. Ob es um Ebola ging, EHEC oder das Marburgvirus: Immer wusste Kekulé es besser als die Regierenden, und immer schoss er in seinen Kolumnen und Gastbeiträgen aus vollen Rohren.
2005 etwa prophezeite er in düsteren Tönen, was passiert, wenn die Vogelgrippe nach Deutschland käme: »Selbst junge und gesunde Menschen sterben innerhalb weniger Tage wie die Fliegen.« 2009 dann scheuchte er die Politik wegen der Schweinegrippe auf, forderte umgehend, die Schulen zu schließen. Und wenn gerade gar kein Virus unterwegs war, warnte er eben: »Die Gefahr durch Vulkanausbrüche wird unterschätzt.«
Oft erwies sich Kekulés Alarm als unbegründet. Diesmal, beim neuartigen Coronavirus, nicht.
Seitdem die Pandemie da ist, vor der Kekulé seit 20 Jahren warnt, ist der Wissenschaftler in seinem Element. Er treibt die Kollegen und die Politiker vor sich her. Er macht Tempo. Auf seinen Druck hin schließt die Stadt Halle an der Saale Mitte März als erste deutsche Stadt ihre Kitas und Schulen. Kurz darauf ziehen alle Bundesländer nach.
Während die Zeitungen Drosten schon zum neuen Kanzler ausrufen, erinnert Kekulé die Öffentlichkeit daran, dass es auch unter Virologen durchaus verschiedene Meinungen gibt. Ja, er scheint seine Aufgabe geradezu im Widerspruch zu sehen: »Forschung bedeutet immer auch, etablierte Thesen radikal infrage zu stellen«, schrieb Kekulé in einer seiner ›Tagesspiegel‹-Kolumnen. Und setzte hinzu, dass es nicht »das Schulterklopfen mittelmäßiger Kollegen« sei, das Spitzenforscher glücklich mache, sondern vor allem Freiheit.
Kekulé fühlt sich offenbar wohl als Außenseiter und Querulant. Er will gar nicht dazugehören. Hauptsache, gegen den Strom, so die Devise.
Ab der zweiten Märzhälfte, als die Bundesregierung macht, was er lange gefordert hat, vollzieht er eine Kehrtwende. Er, der Fachmann, warnt, dass in der Regierung nur noch Fachleute das Sagen haben: »Das ist keine Staatsform, die wir haben wollen«, raunt er, »das ist keine Alternative zur Demokratie.« Kämpft Kekulé noch gegen das Virus, oder will er jetzt die Regierung stürzen? Spätestens Ende April verlässt der Professor aus Halle schließlich die Rolle des Wissenschaftlers, macht selbst Politik mit seinem Aufruf im ›Spiegel‹. Gemeinsam mit Julian Nida-Rümelin, Boris Palmer, Christoph Schmidt, Thomas Straubhaar und Juli Zeh fordert er, »aus dem Lockdown so rasch wie möglich in eine Phase überzugehen, die unsere Volkswirtschaft aus dem Winterschlaf aufweckt«. Das Coronavirus sei auf dem Rückzug, erklären die Autoren. Jetzt seien es die Nebenwirkungen des Lockdowns, die exponentiell zunähmen.
Und Kekulé, der Arzt und Mahner: »Leben ist mehr als die Vermeidung von Tod.«
26. April, USA, Virginia
Die 18-Stunden-Schichten. Die überfüllten Stationen, die Notfälle, das Leid. Irgendwann war die Ärztin Lorna Breen so ausgebrannt, dass sie einfach nur noch dasaß. Sie konnte nicht mehr. Ihre Kollegen schickten sie heim, sie solle sich erholen. Kurz darauf hat sich Lorna Breen das Leben genommen.
Lorna Breen, 49, war Internistin in der Notaufnahme des Presbyterian Allen Hospital in New York. Es hat 200 Betten, in denen an manchen Apriltagen an die 170COVID -19-Patienten lagen. Auch Lorna Breen infizierte sich mit dem Virus, wie so viele Ersthelfer in New York, ihre Schutzausrüstung war mangelhaft. Anderthalb Wochen blieb sie in Quarantäne, dann kehrte sie zurück an die Front.
War es zu früh? Fehlte ihr noch die Kraft? Hätte sie sich länger erholen müssen?
Nachdem ihre Kollegen sie heimgeschickt haben, fährt sie von New York zu ihrer Familie nach Virginia. »Abwesend« habe seine Tochter gewirkt, gibt ihr Vater zu Protokoll. Sie habe ihm erzählt, wie es in New York zugehe. Dass Menschen sterben, noch ehe man sie aus dem Krankenwagen geholt hat.
Freunde beschreiben Lorna Breen als einen fröhlichen, aufopferungsvollen Menschen. Sie tanzte Salsa, ging Ski und Snowboard fahren, einmal im Jahr gab sie eine Party auf ihrer Dachterrasse in Manhattan. Neben der Arbeit half sie freiwillig in einem Seniorenheim aus. Als das Krankenhaus mit COVID -19-Patienten überschwemmt wurde, schrieb sie ihren Kolleginnen und Kollegen Kurznachrichten, um zu fragen, wie es ihnen gehe. Sie kümmerte sich.
»Sie hat versucht, ihren Job gut zu machen, und das hat sie umgebracht«, sagt der Vater. Seine Tochter sei ein Corona-Opfer, genau wie all die anderen.
Tagebucheintrag Yu Liping, 26. April
»Noch ein Krach. Meine Eltern haben herausgefunden, dass ich dieses Tagebuch schreibe, dass ich es fortführen und eines Tages veröffentlichen will – und darüber hatten wir einen Riesenstreit. Ihre Argumente waren nicht neu. Sie sagen, China wurde während der Krise politisch attackiert, vor allem von Amerika und Trump, und Partei und Regierung müssen uns schützen. Wer gegen die offizielle Linie aufbegehrt, wer Fehler und Schwachpunkte publiziert, handelt unverantwortlich. Sie finden es auch schlimm, dass Fang Fangs Buch im Ausland erscheint – das werden unsere politischen Feinde ausnutzen. Was soll ich darauf erwidern? Ich kann das nicht akzeptieren. Es geht doch um die Wahrheit. Darum bin ich Journalistin geworden. Ich will aber auch meine Eltern nicht enttäuschen, will nicht, dass sie ihr Gesicht verlieren, weil es heißt, sie hätten ihre Tochter schlecht erzogen.«
27. April, London
Plötzlich übernimmt die Universität Oxford die Pole-Position – im weltweiten Wettrennen um einen Corona-Impfstoff.
Die meisten anderen Teams müssen mit kleinen klinischen Studien beginnen: An einigen Hundert Teilnehmern demonstrieren sie, dass ihr Produkt »sicher« ist, also zumindest schon mal keinen Schaden anrichtet. Die Wissenschaftler vom Jenner Institut in Oxford aber können gleich in die Vollen gehen, berichtet Reuters: Sie haben in früheren Studien bewiesen, dass ähnliche von ihnen entwickelte Impfungen für den Menschen harmlos sind. Nun planen sie bis Ende Mai einen Test für ihren neuen Coronavirus-Impfstoff mit mehr als 6.000 Menschen und wollen direkt nachweisen, dass er funktioniert. Mit einer Notfallgenehmigung könnten die ersten paar Millionen Dosen bis September verfügbar sein, Monate vor allen anderen Forscherteams. Wenn sich ihr Impfstoff denn als wirksam herausstellt.
28. April, Brasilien, Brasília
Die Zahl der Todesfälle in Brasilien steigt auf 5.017 – das sind mehr Corona-Tote als in China, ein extremer Anstieg. Frage an Präsident Jair Messias Bolsonaro während einer Pressekonferenz: »Wir haben bei den Todeszahlen durch COVID -19 China überholt …« Der Präsident unterbricht und sagt: »Na und? Tut mir leid, aber was genau soll ich tun? Ich heiße Messias, aber ich bewirke keine Wunder.« Dann grinst Bolsonaro über seinen Witz.
Die Menschenrechtsorganisation »Human Rights Watch« sagt: Brasiliens extreme Ungleichheit verschärft die Epidemie. Die Reichen trugen das Virus nach Brasilien. Sie infizierten sich in Europa oder China, verbreiteten es dann in Brasilien. Deshalb ist auch São Paulo, Brasiliens reichste Stadt, mit Abstand am meisten betroffen. Die Wohlhabenden können sich Behandlungen in privaten Krankenhäusern leisten. Sie können Vorsichtsmaßnahmen treffen, haben die Mittel, sich zu isolieren. Doch dann erreicht das Virus die Peripherie. Hier kann sich die Bevölkerung weder Distanz noch den Arbeitsausfall leisten, hat begrenzten Zugang zu Krankenhäusern, Medikamenten – nicht einmal zu Tests. Behausungen sind stickig und überfüllt, manchmal ohne fließend Wasser. Menschen teilen sich Räume und Betten. Sie fahren in Bussen und Bahnen quer durch die Stadt zur Arbeit. Der erste Ausbruch in den Vierteln der Wohlhabenden konnte eingedämmt werden. Der zweite nicht.
Nachdem Bolsonaro bei der Pressekonferenz erkannt hat, dass sein Witz nicht gelandet ist, blickt er kurz um sich, fragt seinen Berater, ob die Konferenz live übertragen wird. Dann wendet er sich den Kameras zu und spricht den betroffenen Familien sein Beileid und seine Solidarität aus. »So ist das Leben«, endet er. »Morgen sterbe ich. Logisch, wir wollen einen würdevollen Tod und eine schöne Geschichte dahinter.«
28. April, USA, Michigan
»Direkt über mir Männer mit Gewehren. Sie schreien uns an. Ein paar von uns tragen kugelsichere Westen«, twittert Dayna Polehanki, Abgeordnete in Michigan. Dutzende Demonstranten sind in das Parlament eingedrungen, brüllen die Wachleute an, skandieren Slogans. Einige sind schwer bewaffnet. Breitbeinig posieren sie für die Fotografen, Sturmhauben über dem Kopf, Sturmgewehre in den Händen.
Bilder, die an einen Staatsstreich erinnern.
Tausende Demonstranten umringen das Kapitol. »Ich glaube, den Beschluss haben sie sich aus ihrem Arsch gezogen!«, schreit ein Mann mit Sonnenbrille und Cowboyhut ins Mikrofon – den Beschluss, den Lockdown in Michigan bis Mitte Mai zu verlängern. Die Masse grölt, ihre Fäuste schnellen in die Luft. »Lockdown ist kein Virus. Es geht um Kontrolle«, steht auf einem Pappschild, das eine Frau in einem Jumpsuit in die Luft hält. Zu sehen in vielen Videos der Nachrichtensender. »Es gibt keinen Notfall. Lebe frei – oder sterbe«, steht auf dem ihrer Nachbarin. »Sperrt sie ein«, schreien die Demonstranten im Chor – gemeint ist die Gouverneurin. Ein Mann verteilt mit bloßen Händen Süßigkeiten an Kinder.
Rot versus blau. Demokraten versus Republikaner. Lockdown versus Lockerung. Gemeinwohl gegen unbedingte Freiheit. Das Primat der öffentlichen Gesundheit gegen das Primat der Wirtschaft. Gesichtsmasken gegen keine Gesichtsmasken. Der Streit in den USA wird schriller. Militanter. Einige Tage zuvor wurde ein Wachmann erschossen, als er einen Mann daran hindern wollte, einen Supermarkt ohne Mund-Nasen-Schutz zu betreten.
Und natürlich mischt sich Präsident Trump ein und gießt Öl ins Feuer. »Dies sind gute Leute, aber sie sind wütend«, twittert er. »Sie wollen ihr Leben zurück. Sprechen Sie mit ihnen, machen Sie einen Deal.« Gemeint ist Gretchen Whitmer, die Gouverneurin von Michigan, eine der prominentesten Demokratinnen.
»Ungeheuerlich« sei der Protest gewesen, empört sich Whitmer einige Tage später in einem Interview auf CNN . »Es gab dort Hakenkreuze und Konföderiertenflaggen, Galgenschlingen und Sturmgewehre«, sagt sie, Utensilien, die an die »schlimmsten rassistischen Kapitel unserer Geschichte« erinnern. Und fordert die Menschen auf, nicht auf diese versprengten Radikalen zu hören, in einem »Staat mit fast 10 Millionen Menschen, von denen die große Mehrheit das Richtige tut«. Sie verstehe die Sorgen der Menschen. Auch sie wolle, dass der Lockdown bald vorbei ist. Und werde weiter auf die Experten hören.
Losgetreten wurde der Protest in Lansing von der Michigan Conservative Coalition (MCC ) und Michigan Freedom Fund (MFF ), rechten Lobbygruppen mit Verbindungen zu den Republikanern und ins Weiße Haus: Der MFF erhielt in den vergangenen Jahren mehr als 500.000 Dollar von der Familie von Betsy DeVos, Präsident Trumps Bildungsministerin. Eine »Spende«, so DeVos.
Rechtsextreme Gruppen wie die Proud Boys, ein Verein neofaschistischer Patrioten, und andere selbst ernannte, bewaffnete Milizen schließen sich dem Protestaufruf an. Bundesweit fordern sie Menschen auf, für ihre Freiheit einzustehen. Viele Amerikaner sind wütend. Sie haben Angst. Existenzangst. Die Extremisten wollen sie ausnutzen. Die Massendemonstration von Michigan – ein guter Ort, um Menschen ein gefährliches Virus einzupflanzen: Rassismus.
Am Tag vor den Protesten am 28. April warb Fox News, US -amerikanischer Nachrichtensender und Sprachrohr des Präsidenten, für die Facebook-Seite »Michiganders Against Excessive Quarantine«. Eine Moderatorin lobte: »Viele Menschen sind stolz auf euch.« Einen Tag später hatte die Facebook-Gruppe 80.000 neue Anhänger.
»Ich verstehe eure Wut und Enttäuschung«, antwortet Gouverneurin Whitmer den Demonstranten. »Es ist traurige Ironie, aber die Proteste führen nur zu einer Verlängerung der Beschränkungen.«
29. April, Berlin
Wie lange ist jemand nach einer Corona-Infektion immun? Und ist man es überhaupt? Niemand kann es mit Sicherheit sagen. Die WHO warnt Regierungen, »Immunitätsausweise« auszustellen für all jene, die eine Infektion durchgemacht haben. Es sei nicht bewiesen, »dass das Vorliegen von Antikörpern gegen SARS -CoV-2 beim Menschen eine Immunität gegen eine erneute Infektion durch dieses Virus verleiht«, teilt die WHO auf ihrer Internetseite mit.
Gesundheitsminister Spahn will einen solchen Immunitätspass trotzdem einführen. So steht es in dem »Entwurf eines Zweiten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite«, den die Regierung an diesem Tag beschließt. Datenschützer sind alarmiert, Patientenschützer finden einen solchen Pass »zutiefst diskriminierend«. Spahn sieht das nicht so, er vergleicht den Immunitätsausweis mit einem Impfpass. Das Problem mit der Immunität ist ihm aber wohl bewusst. Es handele sich um eine »vorsorgliche Regelung für den Zeitpunkt, zu dem wir überhaupt sichere abschließende Erkenntnisse zur Immunität haben«, sagt er auf einer Pressekonferenz. »Wir regeln das sozusagen vorausschauend.«
Es ist Spahns nächste Fehleinschätzung.
Mit seinem Gesetzentwurf will Spahn auch deutlich mehr Tests durchsetzen – vor allem im Umfeld besonders gefährdeter Menschen, etwa in Pflegeheimen. »Wir wollen Corona-Infizierte künftig schneller finden, testen und versorgen können«, sagt Spahn. »Nur so können wir Infektionsketten wirksam durchbrechen und einen unkontrollierten Ausbruch der Epidemie in Deutschland verhindern.« In Pflegeheimen sollen Menschen jetzt auch ohne Symptome getestet werden. Ärzte und Labore müssen jetzt auch negative Testergebnisse melden, Gesundheitsämter zudem mitteilen, wenn jemand genesen ist. Die Kosten für die Tests sollen die Krankenkassen tragen – auch wenn jemand keine Symptome zeigt. Doch die wehren sich nach wie vor.
Eigentlich eine gute Idee, das mit dem massenhaften Testen. Warum wird es nicht längst gemacht?
Drei Monate sind vergangen, seit der erste Corona-Infektionsfall bei einem Webasto-Mitarbeiter in München bestätigt wurde. Drei Monate, in denen das Virus sich im ganzen Land verbreitet und Hunderttausende Menschen befallen hat. Drei Monate, in denen das Robert Koch-Institut der Epidemie hinterherläuft, indem es schlingert und schwankt.
Im Januar geht das RKI von einer »geringen« Gefahr für Deutschland aus, später wird sie hochgestuft auf »hoch«. Und wer genau soll eigentlich getestet werden? Mal so, mal so.
Januar. Risikoeinschätzung: geringe Gefahr. Wer soll getestet werden? Eine Person zeigt akute Symptome und hatte in den letzten 14 Tagen Kontakt zu einem bestätigten COVID -19-Fall. Oder: Eine Person zeigt Symptome und war in den letzten 14 Tagen in einem Risikogebiet.
28. Februar. Risikoeinschätzung: geringe bis mäßige Gefahr. Wer soll getestet werden? Wie oben, nur trifft die Entscheidung für den Test jetzt ausdrücklich der Arzt.
12. März. Risikoeinschätzung: mäßige Gefahr. Wer soll getestet werden? Neben jenen aus einem Risikogebiet werden jetzt auch solche Personen getestet, die zuletzt in einem besonders betroffenen Gebiet in Deutschland waren.
24. März. Risikoeinschätzung: hohe Gefahr. Wer soll getestet werden?
Nur Personen mit Symptomen sollen getestet werden, die in den letzten 14 Tagen Kontakt zu einem bestätigten COVID -19-Fall hatten, die zu einer Risikogruppe zählen oder in der Pflege, in einer Arztpraxis oder in einem Krankenhaus arbeiten. Das Kriterium »Risikogebiet« entfällt.
24. April. Risikoeinschätzung: hohe Gefahr. Wer soll getestet werden?
Alle Patienten mit Atemwegserkrankungen sollen getestet werden – auch dann, wenn die Symptome nur leicht sind. Menschen in Kliniken, Alten- und Pflegeheimen sollen auch ohne Symptome getestet werden.
Verwirrung. Bei Ärzten und Patienten. Das stufenweise Anheben der Risikoeinschätzung offenbart nicht nur, wie zögerlich das RKI auf die Ausbreitung des Virus reagiert hat. Sondern auch, wie ungeschickt die Behörde kommuniziert – mit der Bevölkerung, mit Ärzten und Laboren.
Bis einschließlich April, Kalenderwoche 18, wurden 2,7 Millionen Labortests in Deutschland gemacht. Seit Ende Februar wurden die Kapazitäten in den Laboren schätzungsweise um den Faktor 20 gesteigert. Nach Zahlen des RKI lag die Laborkapazität immer höher als die bundesweite Nachfrage. Nur Mitte März wäre es fast einmal zu einem Engpass gekommen. Im April waren die Testzahlen sogar rückläufig.
Mitte April können Labore laut RKI knapp 820.000 Tests pro Woche machen. Aber genutzt wird noch nicht einmal die Hälfte. Dies könnte daran liegen, dass über Ostern viele Arztpraxen geschlossen hatten. Oder daran, dass viele Menschen denken, sie würden nicht die RKI -Kriterien für einen Test erfüllen. Zu oft wurden die Kriterien geändert, zu streng waren sie am Anfang der Pandemie, als noch die Kapazitäten fehlten und die Labore geschont werden sollten.
Wochenlang sagte das RKI immer wieder: Nur Kranke werden getestet. Nur sie bekamen den Test von den Krankenkassen bezahlt. Und die Ärzte hielten sich daran. Sie schickten nur Patienten zum Test, die Symptome hatten. Nun sind die Kapazitäten da und werden nicht abgerufen – auch wegen der mangelhaften Informationspolitik des RKI .
Die Erklärung des RKI für das Ungleichgewicht zwischen Kapazität und Nachfrage: »Die Zahl der Tests könnte gesunken sein, weil die Zahl der COVID -Erkrankungen – und damit einhergehender Verdachtsfälle – gesunken ist«, schreibt eine RKI -Sprecherin auf Anfrage des ›Spiegel‹. Möglich wäre also, dass sich einfach nicht genug Menschen testen lassen wollen. Der Anteil an akuten Atemwegserkrankungen sei deutlich zurückgegangen.
Doch selbst wenn die Zahl der Tests wieder steigt – inzwischen sind sogar genug Reserven vorhanden, um auch alle Kontaktpersonen von COVID -19-Patienten zu überwachen. Außerdem gibt es keine Materialknappheit mehr. Deswegen hat das RKI die Testkriterien wieder gelockert, zuletzt Anfang Mai: Künftig sollen alle Menschen auch »bei kleinsten Symptomen« getestet werden.
30. April, Berlin
Die Maschinen bei TIB Molbiol in Berlin-Tempelhof laufen noch immer auf voller Leistung, sieben Tage die Woche. Ungefähr 15Millionen Corona-Tests hat er seit Beginn der Krise verschickt, schätzt Olfert Landt. »Wir sind Ende April in der Lage, dass wir locker 800.000 Tests am Tag produzieren können, also 8.000 Kits«, sagt er. Doch es ist etwas ruhiger geworden. Seit Ostern ist die Nachfrage nach den Testkits zurückgegangen.
»Das ist der Reserve-Klopapier-Effekt«, sagt Landt. »Die Leute haben alle schon für Monate eingekauft.« Im März und April hätten manche Kunden Tausende Testkits auf einmal bei ihm bestellt, kartonweise. »Wir hatten Zeiten, in denen es wirklich knapp war«, sagt Landt. »Wo wir konnten, haben wir versucht, auf die Kunden einzuwirken, und gesagt: So viel ist doch Blödsinn.« Jeden Abend stand Landt persönlich in der Kit-Abteilung und musste entscheiden, welche Lieferung für welchen Kunden mit Sicherheit noch rausmusste. Zweimal am Abend, einmal um 18.00 Uhr und einmal um 20.00 Uhr, gingen die Bestellungen in den internationalen Versand. Auch danach fuhr Landt manchmal noch spätabends persönlich bei DHL vorbei, um letzte Pakete abzugeben.
Jetzt, Ende April, geht es weniger stressig zu. Die Arbeit läuft routinierter, alle in der Firma haben sich an größere Bestellungen gewöhnt. Landt kann jeden Kunden noch am selben Tag beliefern. »Wir haben es sogar geschafft, kleine Vorräte zu produzieren«, sagt er.
Zur gleichen Zeit debattieren Merkel und die Ministerpräsidenten in Berlin über Lockerungen der Corona-Beschränkungen. Viel zu früh, glaubt Landt, Deutschland ist dafür noch nicht bereit. »Wir haben fast 200.000 Infizierte, die kriegen wir nicht mehr in Schach«, sagt er. Landt rechnet damit, dass die Übertragungsraten sofort wieder hochgehen, wenn die Maßnahmen jetzt gelockert werden.
30. April, Berlin
Die ›Bild‹-Zeitung hat ihren Kurs geändert – und schießt jetzt gegen Drosten. Was Mitte März noch so klang: »Ganz Deutschland verlässt sich auf Christian Drosten. Der Grund: Drosten hat als einer der wenigen den Corona-Durchblick«, liest sich jetzt, sechs Wochen später, so: »Weil er ständig seine Meinung ändert: Merkel motzt über Drosten.« Die ›Bild‹ will aus mehreren Quellen vernommen haben, wie sich die Kanzlerin über Drostens wissenschaftliche Aussagen ärgere, die heute so und morgen anders seien. Dabei hat das so nie stattgefunden.
Dementsprechend dementiert Regierungssprecher Steffen Seibert: »Diese Berichterstattung ist falsch. Die Bundeskanzlerin hat in der Pressekonferenz über die wichtige Rolle der Wissenschaft und von Herrn Drosten gesprochen. Nicht anders hat sie sich auch in der Konferenz mit den Ministerpräsidenten geäußert.«
Derweil werden die Diskussionen in Deutschland um mögliche Lockerungen der Corona-Regeln hitziger. Eine Frage, die im Zentrum der Streitigkeiten steht: Wann können Schulen und Kitas endlich wieder öffnen? Die Antwort hängt von einer Reihe anderer Fragen ab: Wie leicht stecken Kinder sich an – aber auch: Wie infektiös sind sie, also in welchem Maße gibt ein infiziertes Kind das Virus weiter, und wie?
Das Problem: Die Datenlage ist zu dünn. Schuld ist ein Paradoxon des neuen Corona-Alltags, das fast an Ironie grenzt: Solange Schulen und Kitas geschlossen sind, gibt es keine Möglichkeit, ausreichend Datenmaterial zu erheben – doch genau das wäre nötig, um Schulen und Kitas wieder öffnen zu können. Zudem zeigen infizierte Kinder oftmals keine Symptome, was die Sachlage noch komplizierter macht, denn in Deutschland werden vorwiegend Menschen mit Symptomen getestet. Die Folge: Viel zu wenige Kinder werden getestet, um aussagekräftige Empfehlungen abzugeben.
Auch Drosten kann die Fragen nicht beantworten, aber er präsentiert in seinem Podcast, Folge 37, eine eigene Datenerhebung. In seinem Labor vergleicht er mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Viruskonzentration in Rachenabstrichproben von 3.712 positiv getesteten Patienten, davon 127 Kinder. Das Ergebnis: »Wir können in Kindergruppen nicht nachweisen, dass die gegenüber Erwachsenen unterschiedliche Viruskonzentration in den Atemwegen haben.« Der Virologe und sein Team schließen daraus: Kinder könnten genauso infektiös sein wie Erwachsene. Eine Studie aus Genf bestätigt die Ergebnisse, findet sie doch im Rachen von Kindern ebenfalls hohe Viruskonzentrationen.
Eine neue Haushaltsstudie aus Wuhan, die PCR -Proben von Infizierten in verschiedenen Altersproben erhoben hat (0 bis 14 Jahre, 15 bis 64 Jahre, und älter als 64 Jahre), lässt Drosten in seiner Sendung vom 30. April aber schlussfolgern, dass Kinder zwischen 0 und 14 Jahren ungefähr nur ein Drittel so empfänglich sind für eine Infektion wie Erwachsene, dass aber Ruheständler ab 64 Jahren ein anderthalbmal so hohes Risiko aufweisen, sich anzustecken.
Und dann ist da noch eine Studie aus Frankreich, die den Infektionsausbruch unter 660 Personen an einer Schule für 15- bis 18-jährige Schüler mittels Antikörpertestung untersucht hat. Lehrer, Schüler, Mitarbeiter wie Küchenpersonal oder Schulpsychologen, aber auch Geschwister und Eltern. Knapp 38,3 Prozent der Schüler haben sich infiziert, außerdem 43,4 Prozent der Lehrer und 60 Prozent der sonstigen Mitarbeiter. Drosten kommt – trotz aller Zweifel an der Frage, ob die untersuchte Stichprobe repräsentativ sei – angesichts dieser Ergebnisse zu dem Schluss: »Das sind Zahlen, da muss man schon sagen, wenn das in Schulen passiert, dann darf man Schulen nicht öffnen. Da infizieren sich wirklich im Mittel über 40 Prozent.«
Der Virologe bleibt seinem Kurs treu: mahnt zur Vorsicht, lobt das Erreichte, warnt vor einer noch stärkeren Infektionswelle, die im kommenden Herbst und Winter auf Deutschland zurollen könnte, wenn jetzt zu stark gelockert würde. Doch es hilft nichts: Die Politik wendet sich in diesen Tagen von ihm ab. Die Ministerpräsidenten sind es leid, sie wollen nicht mehr auf den Wissenschaftler hören.
Die Politik verliert die Geduld mit der Wissenschaft; das ständige Abwägen, die zögerlichen Aussagen, das Schlingern der Erkenntnissuche. Vor allem jetzt, da der Rückhalt aus der Bevölkerung schwindet. Die Politik will eindeutige Zahlen, eindeutige Statistiken – sie fordert Beweise. Drosten fühlt sich unter Druck. »Es geht einfach im Moment in die falsche Richtung«, sagt er in seinem Podcast. »In den Medien wird zu sehr die Wissenschaft polarisiert, nicht nur ich als Person – inzwischen nennen Politiker meinen Namen in Talkshows, was ich eine Unverschämtheit finde und eine vollkommene Irreführung der Öffentlichkeit und der politischen Meinungsbildung. Denn hier wird vom Inhalt abgelenkt auf eine Person, der man alle möglichen Eigenschaften anhängen kann, nur nicht den Inhalt der Diskussion.«
30. April, Düsseldorf
Am Gründonnerstag gibt der NRW -Ministerpräsident Armin Laschet (CDU ) den Takt vor, den Lockdown zu lockern. Dazu nutzt der Christdemokrat die Zwischenergebnisse der Heinsberg-Studie des 42-jährigen Professors aus Bonn, Hendrik Streeck, der eine geringere Mortalität bei den Corona-Infizierten im Kreis Heinsberg ausgemacht haben will.
Der Leiter des Düsseldorfer Gesundheitsamtes warnt vor »zu viel Optimismus, das gute Ergebnis, das wir jetzt sehen, ist die Folge des Verhaltens der letzten 14 bis 28 Tage«, sagt Klaus Göbels, »wir haben uns kein Guthaben erarbeitet«.
Und die Kommunen müssen sicherstellen, dass die guten Ergebnisse gehalten werden. Sie seien »entscheidend dafür«, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel, »jede einzelne Infektionskette müsse erfasst werden«. Und das kann nur in Städten und Gemeinden geschehen, deren öffentliches Gesundheitssystem bis zu Beginn der Krise ein Schattendasein fristete.
Aber nun will der Bund helfen, und zwar mit über 500 sogenannten »Containment Scouts«. Unter der Leitung des Robert Koch-Instituts sollen 100 Teams zu je fünf Personen in Städte und Gemeinden geschickt werden, um die dortige Suche nach Infektionsketten zu unterstützen. Die Bezahlung ist in Zeiten, in denen Studentenjobs rar sind, nicht schlecht. 2.325 Euro brutto. Der Ansturm ist überwältigend. Das Bundesverwaltungsamt hat Ende März 11.000 Bewerbungen.
Fünf »Kontaktdetektive« sollen pro 20.000 Einwohner die Infektionsketten nachspüren. Für Düsseldorf mit knapp 613.000 Einwohnern wären das 153 Menschen. Kontaktmanagement bei Virusketten ist kein einfacher Callcenterjob. Die Anrufer müssen genau nachforschen, um die Veränderung bei den Angerufenen verstehen zu können. Die Infizierten mit minderen oder keinen Symptomen und deren Kontaktpersonen werden täglich angerufen, sie werden nach dem Gesundheitszustand befragt. Dazu braucht es Fingerspitzengefühl und Fachwissen. Die geplante Tracing-App soll helfen, sie kann das Kontaktmanagement der Kommunen erleichtern.
»Die App kann ein persönliches Gespräch nicht ersetzen«, sagt der Leiter des Düsseldorfer Gesundheitsamtes der ›Frankfurter Allgemeinen Zeitung‹, »wenn jemand erfährt, dass er mit einem Infizierten Kontakt hatte oder positiv getestet wurde, haben wir als Gesundheitsamt auch die Aufgabe zu beraten.« Ab dem 30. April versendet die Stadt Düsseldorf negative Ergebnisse über eine SMS und greift nur zum Telefon, wenn der Test positiv ausfiel.
1. Mai, San Francisco, USA
Rund 120Forscherinnen und Forscher veröffentlichen eine interaktive Karte, auf der man im Detail sehen kann, wie SARS -CoV-2 die menschliche Zelle unter seine Kontrolle bringt. »Das Virus hat nur 29 Proteine, der Mensch dagegen rund 20.000. Es ist auf menschliche Proteine angewiesen«, sagt Nevan Krogan von der University of California San Francisco bei einem Pressebriefing. Mithilfe der Karte suchten die Forscher nach Medikamenten, die bereits auf dem Markt oder in der Entwicklung zirkulieren – um zu testen, ob sie dem Virus Einhalt gebieten können.
Genauer: Die Wissenschaftler untersuchten, wie die Proteine des Virus mit jenen des Menschen interagieren. Sie fanden 332 nennenswerte Interaktionen. 66 menschliche Proteine machten sie als »drugable targets« aus, als Zielstruktur für 69 bekannte Wirkstoffe, von denen wiederum 29 bereits in den USA zugelassen sind, während sich zwölf Substanzen in klinischen Studien befinden und 28 präklinisch untersucht werden. »Wir haben uns auf die Wirtsproteine fokussiert«, erklärt Krogan.
Einige Substanzen wirkten sehr gut, ohne die Zellen zu schädigen, berichtet er, sogar deutlich stärker als der derzeitige Hoffnungsträger Remdesivir. Dabei lägen nur zwei Wirkmechanismen zugrunde: Entweder blockierten die Substanzen eine wichtige Proteinumwandlung bei der viralen Vervielfältigung, oder sie griffen an entscheidenden menschlichen Rezeptoren an.
Tagebucheintrag Yu Liping, 1. Mai
»Wir haben uns halbwegs vertragen. Ich werde dieses Tagebuch fortführen, aber nicht ins Netz stellen, jedenfalls nicht jetzt und vor allem nicht unter meinem Namen. Aber ich werde es – auszugsweise – für dieses Buch, das in Deutschland erscheint, zur Verfügung stellen. Und werde es außerdem aufbewahren. Vielleicht habe ich mal Kinder oder Enkel, dann können die es eines Tages lesen – und erfahren, wie es war, als ihre Großmutter während der vielleicht größten Pandemie der Geschichte in Wuhan festsaß, im Auge des Sturms. Mehr kann ich nicht tun. Ich bin nicht Fang Fang, ich wünschte, ich wäre eine Heldin, aber das ist wahrscheinlich ein langer Weg.«
2. Mai, USA, Washington
Die USA erlauben als erstes Land der Welt den begrenzten Einsatz des Ebola-Wirkstoffs Remdesivir bei Coronavirus-Patienten in Krankenhäusern. Die Ausnahmegenehmigung sei »in Lichtgeschwindigkeit« zustande gekommen, sagte der Chef der Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde Stephen Hahn. US -Präsident Donald Trump bezeichnete den Schritt als »sehr vielversprechend«. Eine klinische Studie hatte zuvor gezeigt, dass das Mittel bei COVID -19-Patienten die Zeit bis zur Genesung um mehrere Tage verkürzen kann.
Der Hersteller von Remdesivir, der Pharmakonzern Gilead Sciences, will nun mit der US -Regierung zusammenarbeiten, um das Medikament direkt an Krankenhäuser mit dem größten Bedarf zu liefern. Gilead-Chef Daniel O’Day kündigte an, 1,5 Millionen Dosen Remdesivir zu spenden. Diese sollten für mindestens 140.000 Behandlungen ausreichen. Patienten, die an der Lungenkrankheit COVID -19 litten, könnten das Medikament nun je nach Schwere der Erkrankung fünf oder zehn Tage lang bekommen, teilte Gilead mit. Bis Dezember will der Pharmakonzern genügend Remdesivir für eine Million Behandlungen produzieren.
Remdesivir ist weltweit noch nirgends vollständig als Medikament zugelassen. Selbst die erteilte Ausnahmegenehmigung für die USA entspricht keiner formellen Zulassung. Sie ist zudem ungewöhnlich, weil sie nach nur einer einzigen vielversprechenden klinischen Studie erfolgt ist.
4. Mai, Penzberg
Wie weit ist die Durchseuchung mit SARS -CoV-2 in Deutschland und der Welt fortgeschritten? Wie viele Menschen haben eine Infektion überstanden? Und wie viele sind vielleicht immun gegen das Virus? Antikörpertests sollten bei der Beantwortung dieser Fragen helfen. Doch die meisten bisherigen Tests sind umstritten, ungenau, wenig zuverlässig. Das soll sich jetzt ändern: mit einem neuen Antikörpertest des Schweizer Pharmaunternehmens Roche. Mit ihm soll es möglich sein, Hunderte von Millionen Menschen auf das Virus zu testen.
Bei der Vorstellung des Tests am Firmenstandort in Penzberg anwesend, um den Durchbruch zu zelebrieren: Ministerpräsident Markus Söder, Bundestagsabgeordneter Alexander Dobrindt und Gesundheitsminister Jens Spahn. Der Test ermögliche es, »Antikörper, die durch das Coronavirus gebildet worden sind, mit ganz ungewöhnlich hoher Sensitivität von 100 Prozent und Spezifität von 99,81 Prozent festzustellen«, sagt der Verwaltungsratspräsident des Unternehmens. Bei einer Prüfung hat der Test alle Blutproben mit Coronaviren korrekt erkannt. Damit helfe der Test der Politik, »die Wiederöffnung der Wirtschaft und der Gesellschaft zu ermöglichen«.
Drei Millionen der neuen Tests sollen noch im Mai nach Deutschland ausgeliefert werden. Für die Monate danach habe man die Auslieferung von je fünf Millionen Tests vereinbart, sagt Spahn. Anders als Antikörper-Schnelltests, ist der Test von Roche nicht für den Hausgebrauch gedacht. Das Verfahren basiert auf einem Bluttest, die Auswertung erfolgt über bestimmte technische Geräte in einem Labor. Einen Engpass der Testkapazitäten erwartet Roche nicht.
4. Mai, Bonn
Der Virologe Hendrik Streeck präsentiert die Ergebnisse seiner Heinsberg-Studie. Dieses Mal ohne Podium, ohne Dutzende Journalistinnen und Journalisten, ohne Armin Laschet, der von der Bedeutung der Studie für ganz Deutschland schwärmt. Dieses Mal, sagt Streeck, will er »die Daten sprechen lassen«. Er hat daraus gelernt, dass man ihn vor gut einem Monat vor allem für die opulente Präsentation seiner Heinsberg-Studie kritisierte. Und was sagen sie nun, die Daten aus Heinsberg?
15 Prozent der Menschen in Heinsberg haben sich in der Vergangenheit mit dem Virus infiziert. Ein Fünftel von ihnen hatte keine Symptome, keinen Husten, kein Fieber, keinen Verlust des Geschmackssinns. Das heißt: Jede fünfte Infektion wird übersehen, das Virus aber dennoch weitergegeben. Eine enorme Zahl, eine enorme Gefahr.
4. Mai, Italien, Rom
Eineinhalb Monate lang gehörte ein Termin zum Alltag vieler Menschen in Italien. Um 18.00 Uhr – manchmal um 18.10 Uhr – tritt ein Mann mit Brille und langärmeligem Poloshirt, der Rand des Kragens in Italienfarben, im Fernsehen auf: Angelo Borrelli, Vorsitzender des italienischen Zivilschutzes. Er verkündet die täglichen Zahlen der COVID -19-Pandemie in Italien: die Genesenen, die Neuinfizierten, die Toten.
Schon im März hatten manche Bürgermeister der Lombardei auf die Diskrepanz hingewiesen zwischen der offiziell verkündeten Zahl der Toten und den Meldungen, die sie in ihren Gemeinden bekamen. Giorgio Gori, Bürgermeister von Bergamo, schrieb am 26. März auf Twitter: »Vom 1. bis 24. März starben in Bergamo 446Menschen. Das sind 348 mehr als der Durchschnitt der letzten zwei Jahre. Die offiziellen COVID -19-Toten im selben Zeitraum sind 136.«
Der Bürgermeister des 5.000 Einwohner starken Dorfes San Giovanni Bianco, 35 Autominuten von Bergamo entfernt, sagte im Interview mit der Lokalzeitung ›Eco di Bergamo‹: »Vor der Pandemie gab es in meiner Gemeinde einen Toten pro Woche, jetzt sind es 15.«
Am 4. Mai veröffentlicht das nationale Statistikamt Istat gemeinsam mit dem Istituto Superiore di Sanità, Italiens oberster Gesundheitsbehörde, eine Studie, die den Bürgermeistern recht gibt. Sie vergleicht unter anderem zwei Zahlen. Zahl eins: der Mittelwert der Todesfälle in der Zeit vom 20. Februar bis 31. März in den Jahren 2015 bis 2019. Im Schnitt starben in diesem Zeitraum jährlich 65.592 Menschen. Zahl zwei: die Todesfälle in der gleichen Zeitspanne im Jahr 2020. Da sind es 90.946. Im Vergleich starben also 25.354 Menschen mehr als im Durchschnitt.
Das Statistikinstitut bietet drei Erklärungen an: Die Toten könnten an COVID -19 gestorben sein, ohne auf SARS -CoV-2 getestet worden zu sein. Sie könnten an anderen Erkrankungen gestorben sein, die durch SARS -CoV-2 verschlimmert worden seien. Und sie könnten gestorben sein, weil die Krankenhäuser überlastet waren oder sie selbst Angst davor hatten, inmitten einer Pandemie ein Krankenhaus zu betreten.
Die dritte Hypothese, die bislang nur eine Annahme ist, könnte das bestätigen, was Mirco Nacoti befürchtet hatte. Nacoti ist der Anästhesist aus Bergamo, der im April einen Artikel in der Fachzeitschrift ›NEJM Catalyst‹ geschrieben hatte. Er sagt: Wenn ein Staat keinen Plan hat, um im Fall einer Pandemie Krankenhäuser davor zu schützen, zu Virenschleudern zu werden, wenn er keinen Plan hat, um gesundheitliche Routineeingriffe weiterzuführen, dann sterben am Ende mehr Menschen.
Besonders betroffen ist laut Studie die Region Lombardei. In der Provinz Bergamo sind im März 568Prozent mehr Menschen gestorben als im Durchschnitt in den Vorjahren. Auch an zweiter, dritter und vierter Stelle findet man lombardische Provinzen: Cremona (plus 391Prozent), Lodi (plus 371Prozent) und Brescia (plus 291Prozent).
Die Frage, warum die Lombardei so hart getroffen wurde von COVID -19, ist eine, die unter anderem Politiker, Staatsanwältinnen, Mediziner und Journalistinnen noch lange beschäftigen wird. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie tödlich COVID -19 war, sondern auch darum, welche Faktoren dazu geführt haben können, dass sich das Virus SARS -CoV-2 so verbreiten und das Gesundheitssystem mehrere Wochen lang überfordern konnte.
6. Mai, Berlin
Kanzlerin Angela Merkel tritt vor die Presse, um der Republik Lockerungen zu verkünden, die sie selbst nicht will, sondern die ungeduldigen Ministerpräsidentinnen und -präsidenten: Die Geschäfte öffnen wieder, und zwar alle. Besuchsbeschränkungen in Kliniken und Pflegeheimen werden gelockert. Kinos und Kirchen sollen bald wieder öffnen dürfen, selbst die Fußball-Bundesliga wieder anlaufen. »Die erste Phase der Pandemie«, sagt die Kanzlerin, »liegt hinter uns.« Die Bilanz: 168.551 Fälle, 7.369 Tote. In nicht einmal zehn Wochen. Noch weiß niemand, ob diese Nachricht zum Aufatmen einladen soll – oder zum Durchatmen, bevor die zweite Phase der Pandemie beginnt, die vielleicht noch schlimmer wird, weil mehr Menschen sterben und viele Menschen noch wütender werden, wenn man sie erneut einschränkt.
7. Mai, USA, Silicon Valley
Wieder hat Tomas Pueyo, der Viruserklärer, kaum geschlafen, erzählt er am Telefon. Wieder ist er erst um 4.00 Uhr nachts ins Bett gegangen, in einem Vorort von San Francisco. Tagsüber arbeiten, dann kurz die Kinder sehen, dann an den Schreibtisch. So viel muss er noch lesen. An vier Artikeln gleichzeitig schreibt er.
Er ist jetzt weltbekannt. Er hat einen Agenten angeheuert, der die Interviews mit Journalisten koordiniert, aus England und Japan, Guatemala und Deutschland. Gerade hat er eine dreiteilige Serie auf medium.com veröffentlicht. »Tanzen lernen« heißt sie. »Der Hammer hat uns Zeit verschafft«, beginnt das erste Stück. »Millionen Menschen wurden gerettet. Einige Länder haben uns den Weg gezeigt. Lasst uns aus ihren Erfolgen und aus ihren Misserfolgen lernen.«
Und dann kommt die erstaunliche Botschaft: Länder müssen nicht alles abschalten, um eine Pandemie zu besiegen. Es geht auch viel, viel, viel billiger. Und das beginnt mit einem Stück Stoff.
»Wenn eine Mehrheit der Menschen hausgemachte Masken trägt, die einigermaßen wirksam sind, könnte allein das eine Epidemie stoppen«, schreibt Pueyo. In Zahlen: Es genügt, wenn 60 Prozent der Menschen eine zu 60 Prozent effektive Maske tragen, schon wird die Ausbreitung eingedämmt.
Ein Schal vor dem Mund, schreibt Pueyo, halte die aus dem Mund geatmeten Aerosole am schlechtesten zurück. Eine Maske aus blickdichtem Stoff sei besser. Unschlagbar: wenn man einen Staubsaugerbeutel hineinarbeite. Dann wirke sie fast so gut wie eine OP -Maske.
Tschechien habe es vorgemacht: Binnen drei Tagen trugen dort 100 Prozent der Menschen in der Öffentlichkeit selbst gemachte Masken – und das Land hatte einen der günstigsten Epidemie-Verläufe in Europa.
Darüber hinaus brauche es nur vier Maßnahmen, schreibt Pueyo: schnell und effektiv Menschen testen, Kranke sicher isolieren, Kontakte rasch verfolgen und sie verlässlich unter Quarantäne stellen.
Schon könne man eine Pandemie möglicherweise auch ohne Shutdown in den Griff kriegen. Ohne Schulen und Betriebe zu schließen, ohne die Wirtschaft eines Landes radikal herunterzufahren. Taiwan habe es vorgemacht. Südkorea habe es vorgemacht. Warum sollten andere Länder nicht davon lernen?
In der Analyse mag Pueyo in vielem recht haben, in seinen Vorschlägen klingt durch, dass wir alle auf der Suche sind nach dem Weg, der uns schützt und gleichzeitig nicht überfordert.
7. Mai, Düsseldorf/Coesfeld
Geschäfte, Spielplätze, Restaurants, Friseure öffnen wieder, die ersten Schulkinder kehren zurück, und man weiß nicht, wie lange das gut geht.
Eine neue Zahl soll das Tempo der Öffnung regeln: Pro Landkreis dürfen im Schnitt von sieben Tagen nicht mehr als 50 Neuinfizierte auftreten – gerechnet auf 100.000 Einwohner. Andernfalls wird eben nicht mehr gelockert.
Und kaum sind die neuen Regeln beschlossen, werden sie im westfälischen Coesfeld überschritten. Diesmal ist der Hotspot ein Schlachtbetrieb der Firma »Westfleisch«. 129 Arbeiter sind infiziert, 13 müssen ins Krankenhaus. Der Siebentagesschnitt steigt auf 52,7. Die Arbeiter kommen aus Osteuropa, sind über Werkverträge bei Subunternehmen angestellt und zersägen Schweinehälften. »Westfleisch« schiebt den Subunternehmen die Schuld zu – denn die sind für die Unterbringung der Arbeiter verantwortlich.
Es ist ein unwürdiges Spiel. Die Deutschen haben zu Beginn der Krise schon gelernt, dass es ohne Saisonarbeiter weder Spargel noch Salat gäbe, jetzt sehen sie, was der wahre Preis für billiges Grillfleisch ist. Tausende Werk- und Saisonarbeiter leben in viel zu kleinen Unterkünften, sie können weder Abstand noch Hygieneregeln einhalten. Sie werden in voll besetzten Bussen zum Arbeitsplatz gekarrt, zudem wechseln sie regelmäßig Standort und Betrieb. Das sind ideale Infektionsbedingungen.
NRW hatte 2019 die Lebens- und Arbeitsverhältnisse von 17.000 Beschäftigten in 30 Betrieben prüfen lassen. Mangelhafter Arbeitsschutz und unwürdige Unterkünfte waren also kein Geheimnis. Nur wissen wollte es niemand so richtig. Nun sollen die 20.000 Mitarbeiter in den Fleischereien getestet werden.
Dass Abstand halten und enge Unterkünfte nicht zusammenpassen, ist so logisch, dass man es eigentlich gar nicht erwähnen müsste. Die Hoffnung, es möge schon irgendwie gut gehen, ist also bestenfalls naiv. In einer Düsseldorfer Flüchtlingsunterkunft mit 85 Personen wurden 46 positiv getestet. Die Bewohner mussten in zwei Hotels untergebracht und unter Quarantäne gestellt werden.
Bei jedem positiv Getesteten müssen die Gesundheitsämter die Infektionsketten verfolgen. Bei 50Infizierten pro 100.000 Einwohner, so die Idee, kriegt man das noch hin. In einem solchen Fall lassen sich noch die Kontaktpersonen finden und vorsichtshalber in Quarantäne schicken. Doch die Ärzte in den Gesundheitsämtern sagen: Das schaffen wir nicht. 50 ist zu viel.
Der WDR und der NDR haben die Gesundheitsämter in Deutschland abtelefoniert und nachgefragt. Die Antwort: Nur bei einem knappen Viertel der Ämter reicht das Personal, bei allen anderen nicht. Duisburg zum Beispiel bräuchte 125 Kontaktdetektive, hat aber nur 19.
Nur in Baden-Württemberg werden die aufgespürten Kontaktpersonen auch standardmäßig getestet. Wie mit den möglicherweise infizierten Menschen umgegangen wird, ist ebenfalls sehr unterschiedlich: In dem einen Ort werden sie täglich angerufen und nach dem Befinden befragt, andere sollen bei Fieber eben eine E-Mail schicken.
Und gerade jetzt haben die Gesundheitsämter noch mehr zu tun: Jedes Nagelstudio, jedes Restaurant, jeder Laden benötigt ja ein Hygienekonzept – und wer Fragen hat, ruft beim Gesundheitsamt an. Das Personal ist am Limit.
Der Leiter des Gesundheitsamtes in Düsseldorf warnt am 8. Mai in der ›Westdeutschen Zeitung‹ vor dem Herbst: »Was ist, wenn sich COVID -19 und die saisonale Grippe überlagern?« Bis dahin müsse die Stadt die Test- und Laborkapazität erhöhen. Der Düsseldorfer Chef hatte im vergangenen Jahr schon gewarnt. Doch anders als damals stehen die Chancen nun besser, dass auf diese Warnung gehört wird.
8. Mai, Brasilien, São Paulo
In São Paulo steigt die Zahl der Infizierten auf 39.973, die der Toten auf 3.206. Die Einschränkungen im Bundesstaat gelten seit mehr als einem Monat, die Kurve wird flacher, doch noch immer infizieren sich zu viele Menschen. Der Gouverneur von São Paulo, João Doria, beschließt die nächste Stufe der Beschränkungen: Maskenpflicht, auch in Fahrzeugen und auf der Straße. Einlassbeschränkungen in die Stadt für Privatautos. Man wolle einen Lockdown im Stile New Yorks vermeiden, sagt Doria, doch es bleibe eine Option. Es ist eine Warnung an die Bevölkerung: Haltet euch an die Regeln.
Doria, ehemaliger Journalist und Unternehmer, wurde bekannt als Talkshow-Moderator. Später war er Bürgermeister von São Paulo. Präsident Bolsonaro verschaffte Doria mit seiner Unterstützung den Sieg in der Gouverneurswahl. Sie traten als BolsoDoria auf, waren engste Kollegen und Verbündete. Bis zum Ausbruch des Virus.
João Doria verhängt bereits im frühen März Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus in São Paulo. Parks, Restaurants, Museen – alles wird geschlossen. Viele Bewohner der Stadt empfinden die Maßnahmen als streng. Zu dem Zeitpunkt gibt es in ganz Brasilien nur 300 Fälle und einen Toten. Es sieht aus, als wäre der Ausbruch minimal. Doch in Wirklichkeit wird kaum getestet. Als die Zahlen steigen, steigt auch die Zustimmung für die Maßnahmen. Nur von einer Seite hielt die Kritik an: vom Präsidenten.
Bolsonaro reagiert auf die Schließung der wichtigsten Wirtschaft des Landes mit Vorwürfen an Doria. In einer vom Fernsehsender Globo übertragenen Pressekonferenz wird Bolsonaro persönlich. Doria sei der Hysterie verfallen. Doria antwortet, er sei »enttäuscht« davon, wie Bolsonaro sich präsentiere, er sei »unkontrolliert attackiert« worden. Es folgt ein Streit auf Twitter, der in allen Nachrichtensendungen des Landes zitiert wird.
Als am 8. Mai die allgemeine Maskenpflicht eingeführt wird, zeigt sich Bolsonaro demonstrativ mit herunterhängender Maske im Fernsehen. Er trifft sich weiter zu Wahlkampfveranstaltungen, schüttelt Hände. In Brasília findet ein Pro-Bolsonaro-Barbecue statt. Während sich Bolsonaro von seinen treusten Anhängern weiter feiern lässt, wenden sich nach und nach viele seiner ehemaligen Verbündeten von ihm ab. João Doria als Erster, dann weitere Gouverneure in anderen Bundesstaaten, seine eigenen Minister, bis hin zum Gouverneur von Rio de Janeiro, Wilson Witzel, einer der engsten Vertrauten des Präsidenten.
In einem Interview sagt João Doria: Es sei bedauerlich, aber man müsse heute gegen zwei Viren kämpfen: das Coronavirus. Und das Virus im Präsidentenpalast.
9. Mai, USA, Silver Spring
Der Virologe Christian Drosten hatte gehofft, dass es Anfang Mai so weit sein würde. Er sollte recht behalten. Denn jetzt ist er da, der neue Test. Erstmals hat die US -Arzneimittelbehörde FDA einem Antigentest auf das Coronavirus eine Notfallgenehmigung erteilt. Der Antigentest mit dem Namen »Sofia 2 SARS Antigen FIA « spürt Proteinfragmente der Viren in Nasenabstrichen von Patienten auf. Es handele sich damit um eine völlig neue Kategorie von Test, schreibt die FDA auf ihrer Internetseite.
Bisher existieren PCR -Tests, die nach Erbgut von SARS -CoV-2 in Rachenabstrichen suchen, und Antikörpertests, die bei Antikörpern im Blut anschlagen, die das Immunsystem zuvor als Reaktion auf die Erreger gebildet hat. Doch beide Testverfahren haben ihre Nachteile. Der Antikörpertest, auch der neue der Firma Roche, kann eine Infektion erst im Nachhinein feststellen, also erst dann, wenn die Infektion bereits überstanden ist. Möchte der Arzt eine aktuelle Infektion nachweisen, nimmt er stattdessen einen Rachenabstrich beim Patienten und schickt diesen ins Labor, für einen PCR -Test. Die Analyse der Proben dauert etwa drei bis fünf Stunden.
Dieser Prozess soll laut dem Hersteller Quidel mit dem neuen Antigentest sehr viel schneller gehen. Auch der Antigentest zeigt an, ob ein Mensch gerade mit dem Coronavirus infiziert ist oder nicht. Doch der Nachweis beruht nicht auf dem Erbgut des Virus, sondern auf dessen Proteinen, also den Eiweißbausteinen. Der große Vorteil im Vergleich zu PCR -Tests: Der Test schlage innerhalb von 15 Minuten an, verspricht Quidel. Und: Die Sensitivität liege bei 80, die Spezifität sogar bei 100 Prozent. Das bedeutet, dass der Test gesunde Menschen in 100 Prozent aller Fälle als gesund erkennt. Allerdings sind Antigentests laut FDA weniger sensitiv als bisherige PCR -Tests, ihnen entgehen deutlich mehr Infektionen. Ein großer Nachteil, denn »negative Ergebnisse schließen eine Infektion nicht aus«, schreibt die FDA .
Trotzdem sieht die FDA in dem neuen Antigentest große Chancen, er könnte die Zahl der Tests in den USA auf mehrere Millionen pro Tag erhöhen und dabei helfen, das Ausmaß der Verbreitung des Virus besser zu verstehen. In Deutschland sind solche Antigentests bislang noch nicht zugelassen.
11. Mai, Russland, Filitowo
Das Dorf Filitowo ist nicht mehr als eine sandige Gerade, geteilt durch die Teerstraße nach Torschok. 40 Holzhäuser säumen den Weg noch, viele sind windschiefe Ruinen. Auf Igors Seite sind noch drei Häuser bewohnt, auf der anderen fünf. Ein halbes Dutzend Jungstiere schlendern durch verlassene Vorgärten.
Coronavirus? »Trüber Unsinn«, sagt Igor, der sein Geld als Klempner in der Gebietshauptstadt Twer verdient. Sicher, in Torschok, der Kreisstadt, gibt es zehn Infizierte, aber Torschok ist 32 Kilometer und gefühlte hunderttausend Schlaglöcher entfernt. Auch Russlands Meldungen des Tages kümmern Igor und seine Nachbarn nicht: 11.656 Neuinfizierte, das ist vaterländischer Rekord, und mit 242.271 Fällen der zweite Platz hinter den USA in der weltweiten Corona-Statistik.
»Trüber Unsinn«, die Region Twer, die die Fläche Österreichs und 1,26 Millionen Einwohner besitzt, zählt heute gerade 31 neue Fälle, insgesamt 898 Infizierte und zehn Tote. Und Igor denkt, dieses Virus hätte es schon immer gegeben. »In Twer gab es im November und Dezember eine Welle von Lungenentzündungen, aber sie haben nicht einmal die Kindergärten zugemacht.«
Russland lebt in zwei Corona-Wirklichkeiten. Die Pandemie ballt sich in der Hauptstadt Moskau mit ihren real 15 Millionen Einwohnern. Von ihnen sind heute nach amtlichen Angaben 115.909 infiziert und 1.124 gestorben, das sind mehr als die Hälfte aller COVID -19-Fälle und Toten im Land. Der Rest verteilt sich auf die Regionen und die fast 130 Millionen übrigen Russen. Mit anderen Worten: Moskauer stecken sich fast zehnmal häufiger an als ihre Landsleute in der Provinz. Sicher, im reichen Moskau wird viel mehr getestet, und die Zahlen sind überall mit Vorsicht zu genießen.
Aber in Moskau gilt das Virus als reale Gefahr. Wenn Moskauer doch gegen die Verbote verstoßen und um 11.00 Uhr nachts mit ihrem Hund in den nächsten Park schleichen, tragen sie Masken und machen große Bögen umeinander. In Filitowo aber laden sich die Nachbarn gegenseitig in die Banja ein, zum gemeinsamen, hautnahen Schwitzen. Auch die Obrigkeit im Gebiet Twer nimmt das Virus lockerer als in Moskau, die aserbaidschanische Dönerbude in Torschok ist geöffnet, man muss seinen Falafel allerdings draußen essen. In Twer arbeiten Fabriken und Friseure, elektronische Passierscheine braucht man hier keine. »Erhöhte Bereitschaft« nennt sich dieses Regime.
In der Provinz glaubt man noch immer nicht recht an das Virus. Dabei deutet die Statistik der nächsten Tage an, dass die Epidemie in Moskau nachlässt, in vielen Regionen aber erst Fahrt aufnimmt. Bis zum 16. Mai wird die Zahl der täglichen Neuinfektionen in der Hauptstadt von 6.169 auf 3.505 fallen. Im übrigen Russland klettert sie weiter, von 5.487 auf 5.695. Und im Gebiet Twer von 31 auf 53. Im Gegensatz zu Moskau scheinen Twer und andere Gebiete noch nicht über den Berg zu sein. Und überall zweifeln Ärzte und Demografen.
In Filitowo brüllt der Dieselmotor eines Lastendreirads auf, die Dorfjugend braust in Gestalt zweier stämmiger Teenager mit wichtigen Gesichtern vorbei. Als sie zurückkehren, sitzen ein Schäferhund auf der Ladefläche und ein noch pickelfreies Mädchen, die Tochter Moskauer Wochenendpendler. Sie lachen. Die Jungs, der Hund und die Moskauer Schönheit, Provinz und Hauptstadt, haben zusammengefunden. Und gemeinsam ignorieren sie jede soziale Distanz.
12. Mai, Berlin
Erst predigte er wochenlang sein Mantra »Wir sind gut vorbereitet« in den Medien. Dann bat er darum, Fehler der Politik während der Corona-Krise zu entschuldigen. Nun, ein paar Tage vor seinem 40. Geburtstag, folgt die Beichte. Spahn sitzt bei einem Live-Interview mit der ›Zeit‹. Eine Stunde lang stellt er sich den Fragen, erklärt seine Entscheidungen. Denn Menschen machen Fehler. Politiker sind auch Menschen. Ob es schon etwas gäbe, bei dem er so weit wäre, sich zu entschuldigen? Es gehe »grundsätzlich erst mal ums gegenseitig Verzeihen-Müssen«, sagt er. »Da werden mit Sicherheit nicht immer alle Entscheidungen – im Nachhinein – richtig gewesen sein.«
Dann beginnt die Beichte: »Hätten wir früher Masken kaufen sollen? Ja!«, sagt Spahn. Anfangs sei es selbst einigen Professoren der Hygiene nicht klar gewesen, wie wichtig Schutzmasken sind. Mit der Zeit sei dann die Erkenntnis gekommen, dass die Maske bei diesem speziellen Coronavirus doch sinnvoll ist. Importe wie FFP 2-Masken aus China würden nochmals vom TÜV geprüft. »Weil bei so einem Goldgräbermarkt, wie das leider gerade ist, natürlich auch viel Schmu dazwischen sein kann«, sagt Spahn.
12. Mai, Russland, Sankt Petersburg
Das Ding heißt Awenta-M und sieht ungefährlich aus. Ein schlankes Gestell auf Rädern, zwei Schläuche, ein Kopfapparat mit Monitor. Das Beatmungsgerät Awenta-M wird im Uralsker Instrumentenwerk gebaut, einer Fabrik des Staatskonzerns Rostech am Stadtrand von Jekaterinburg. Die wenigen Arbeiter, die bereit sind, mit Journalisten zu reden, erklären, ihr 75-Watt-Beatmer sei sicher, sein Innenleben bestehe aus nicht brennbaren Materialien.
Aber Awenta-M hat gebrannt, lichterloh, am frühen Morgen des 12. Mai im Petersburger Sankt-Georg-Krankenhaus, drei Tage vorher im Moskauer Krankenhaus Nummer 50. »Eines der Beatmungsgeräte flammte förmlich auf, danach breitete sich sofort Rauch aus«, sagte ein Petersburger Augenzeuge. Im Sankt-Georg-Krankenhaus erfasste das Feuer eine Intensivstation, fünf COVID -19-Patienten kamen um, alle waren an Awenta-M-Geräte angeschlossen. Ein sechstes Opfer erlag später seinen Brandverletzungen. Auch in Moskau wird Awenta-M des Kurzschlusses verdächtigt, dort starb ein Corona-Kranker in den Flammen, drei wurden verletzt. Die Aufsichtsbehörde Rossdrawnadsor verbot bis auf Weiteres die Nutzung aller Apparate, die nach dem 1. April hergestellt wurden. Beim Jekaterinburger Hersteller wurde ein geschäftsführender Generaldirektor durch einen anderen ersetzt.
Awenta-M war in Russland ein Renner, im April wurden 45 Geräte als humanitäre Hilfe in die USA geschickt, zu Hause sollten bis Ende des Jahres 6.700 Exemplare ausgeliefert werden. Zum Einzelpreis von knapp 14.000 Euro, dreimal billiger als etwa klinische Geräte der Schweizer Marke Hamilton.
Russland kontert die Pandemie mit Stückzahlen. Ende April verkündete Wladimir Putin, man werde die Produktion vaterländischer Beatmungsgeräte von 70 Stück im Januar auf 2.500 im Mai steigern. Mitte Mai ergänzte der Präsident, man habe 148.000 Krankenhausbetten für Corona-Infizierte organisiert. Auch das ein Kraftakt, laut dem Rechercheportal ›proekt.media‹ ging Russland mit ganzen 12.000 Intensivstationsplätzen in die Pandemie. In Russland werden wieder Pläne übererfüllt.
Dabei lässt die medizinische Infrastruktur zu wünschen übrig. Nach einem Bericht des russischen Rechnungshofs vom Februar besitzen 30 Prozent der Krankenhäuser kein fließendes Wasser, 41 Prozent keine Zentralheizung. Und manche Ärzte vermuten, auch marode, Funken schlagende Stromleitungen hätten das Sauerstoffgemisch in den Beatmungsgeräten entzünden können.
Aber russische Ärzte trauen Awenta-M ebenfalls nicht besonders. Der Apparat sei im Vergleich zu Schweizer Hamilton-Geräten ein Schiguli neben einem Mercedes, sagte ein Mediziner der Zeitung ›Moskowski Komsomoljez‹. Quantität vor Qualität – das erinnert an Sowjetzeiten.
14. Mai, Berlin
Lange wurde beraten, kritisiert, angepasst, nun ist es beschlossene Sache: Der Bundestag hat dem »Zweiten Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite« zugestimmt. Mit den neuen Corona-Gesetzen sollen SARS -CoV-2-Infizierte künftig schneller gefunden, getestet und versorgt werden. Das soll besonders gefährdete Menschen besser schützen. Auch Eltern, Kurzarbeiter und Arbeitslose profitieren vom neuen Gesetz – sie bekommen mehr Geld. Genauso Beschäftigte in der ambulanten und stationären Altenpflege, sie sollen eine Corona-Prämie von bis zu 1.000 Euro bekommen, steuerfrei, wie versprochen. Länder und Arbeitgeber können die Zahlung auf bis zu 1.500 Euro aufstocken. Auch die örtlichen Gesundheitsämter sollen stärker unterstützt werden.
Spahn im Bundestag: »Es ist uns gemeinsam gelungen, die Dynamik zu durchbrechen, die Infektionszahlen wieder in eine für das Gesundheitswesen und für uns als Gesellschaft händelbare Größenordnung zu bringen«, sagt er. »Das macht uns demütig, nicht übermütig. Aber es macht uns auch ein Stück stolz: als Gesellschaft, als Gemeinschaft, als Nation.«
16. Mai, Italien, Rom
Nach 56Tagen geduldigem Lockdown werden auch in Italien die Kritiker lauter. Zum dritten Mal protestieren Menschen in verschiedenen italienischen Städten. Die Bewegung nennt sich »Mascherine tricolori«, erkennbar an ihren Masken in den Farben der italienischen Flagge. Ihr Motto: »Die Maske ist kein Maulkorb«. In Rom, berichtet die Zeitung ›Repubblica‹, laufen an diesem Samstag rund 200 Menschen durch die Innenstadt.
In einem Video auf der Internetseite der Zeitung ›Corriere della Sera‹ sieht man die Demonstranten, wie sie zum Teil breitbeinig und mit Sicherheitsabstand auf der zentralen Piazza del Popolo stehen. Ein Mann mit Glatze und einer olivgrünen Bomberjacke liest mit Megafon von einem Blatt Papier ab: »Diese Situation ist das Resultat der Fehler derjenigen, die uns regieren, nicht der Bürger«, sagt er. Er schließt seine Rede mit dem Ruf: »Es lebe die Freiheit, es lebe Italien.« Auf dem Weg durch die Innenstadt singen die Demonstranten die Nationalhymne.
Ein Beschluss der italienischen Regierung hatte Menschenansammlungen aufgrund der Gesundheitsrisiken untersagt. Der Protest, berichtet ›La Repubblica‹, war nicht offiziell angemeldet, so griff die Polizei in Rom ein und stoppte die Demo. Die »Mascherine tricolori« bezeichnen sich selbst als parteilos. Doch unter den Menschen, die in Rom protestieren, berichten italienische Medien, seien auch Mitglieder der neofaschistischen Partei Casa Pound gewesen. Verschwörungstheorien spielen, anders als bei den Demonstrationen in Deutschland, keine große Rolle. Mag daran liegen, dass die Bürger in Italien die Gefahren von COVID -19 unmittelbar erlebt haben. Die Debatte ging deshalb eher um die Maßnahmen der Regierung.
Manche hohen Kirchenvertreter verbreiteten allerdings Verschwörungstheorien. Am 7. Mai hatte eine Gruppe um den Erzbischof und früheren päpstlichen Nuntius in den USA Carlo Maria Viganò den »Aufruf für die Kirche und für die Welt an Katholiken und alle Menschen guten Willens« veröffentlicht. »Wir haben Grund zur Annahme, dass es Kräfte gibt, die daran interessiert sind, in der Weltbevölkerung Panik zu erzeugen.« Es gehe darum, die Menschen zu kontrollieren und ihre Bewegungen zu überwachen. »Lassen wir nicht zu, dass Jahrhunderte der christlichen Zivilisation unter dem Vorwand eines Virus ausgelöscht werden, um eine verabscheuungswürdige technokratische Tyrannei aufzurichten.«
Der Initiator des Aufrufs, Erzbischof Carlo Maria Viganò, ist ein vehementer Kritiker von Papst Franziskus. Zu den Unterzeichnern gehört auch der deutsche Kardinal und frühere Bischof von Regensburg Gerhard Ludwig Müller. Im Interview mit der ›Zeit‹ wies er die Vorwürfe zurück, ein Verschwörungstheoretiker zu sein: »Wer die Geschichte kennt, der weiß, dass es schon oft den Griff nach der Weltherrschaft gab – durch den Faschismus wie durch den Kommunismus«, sagte er. Kritik an dem Aufruf kam unter anderem von der deutschen Bischofskonferenz und vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken.
Während der ersten Wochen der COVID -19-Pandemie kursierten rührende Videos aus Italien: gesamte Nachbarschaften etwa, die von ihren Balkonen sangen und gemeinsam Musikinstrumente spielten. Es gibt auch Italiener, die nicht gern auf dem Balkon singen, sondern lieber vom Fenster aus die Nachbarn kontrollieren und bei der Polizei melden, wenn die aus dem Haus gehen oder Partys feiern. Von »caccia all’untore« war die Rede, einer Jagd auf den Giftsalber, und von »Balkonpolizisten«.
Der Hass mancher Menschen richtete sich gegen Jogger. Bekannt wurde etwa das Video eines sizilianischen Bürgermeisters, der sich in einem Video unter anderem über Menschen in seiner Gemeinde aufregte, die laufen gehen würden: »Seid ihr alle zu Läufern geworden? Wo geht ihr denn hin? Das letzte Mal, als ihr gelaufen seid, wart ihr in der Grundschule.«
18. Mai, Brasilien, São Paulo
Droht ein Kollaps? In staatlichen Krankenhäusern in São Paulo sind 85 Prozent der Intensivbetten belegt, in privaten 95 Prozent. Sechs Krankenhäuser haben einen Aufnahmestopp verhängt. Bruno Covas, der Bürgermeister von São Paulo, ordnet an, ein weiteres Feldhospital zu bauen, es ist das vierte. In zwei Wochen, sagt er, werde die Stadt an ihre Grenze kommen. In São Paulo, wo inzwischen mehr Menschen gestorben sind als in China.
São Paulo ist die Stadt mit dem besten Gesundheitssystem Südamerikas, vergleichbar mit jenen in Mitteleuropa. Lange galt Brasilien als Vorbild im Umgang mit neuen Krankheiten. Als in den 90ern HIV ausbrach, umging Brasilien Patente, um massenhaft antiretrovirale Medikamente an die Bevölkerung zu verteilen. 2014, während der Zika-Epidemie, entwickelte ein Labor in São Paulo einen genetisch veränderten Moskito, der sich mit der Aedes-Aegypti-Mücke paart, der Verbreiterin von Zika und Dengue, und unfruchtbaren Nachwuchs zeugt. Heute wird diese Strategie auch in den USA genutzt.
»Brasilien hätte eine der besten Antworten auf die Pandemie geben können«, zitiert die ›New York Times‹ eine Wissenschaftlerin. »Doch alles ist unorganisiert, und niemand arbeitet zusammen an einer Lösung. Das hat seinen Preis. Und der Preis sind Menschenleben.«
Bürgermeister Covas hatte angekündigt, die Pläne für den Lockdown São Paulos lägen bereit und müssten nur umgesetzt werden. Doch dann kommt eine Nachricht aus Brasília: Präsident Jair Bolsonaro ordnet an, Fitnessstudios und Schönheitssalons seien essenzielle Wirtschaftszweige und müssten geöffnet bleiben. Bundesrecht bricht Landesrecht. Kurz darauf zeigt sich Bolsonaro im Fernsehen bei einer Veranstaltung, in der er Kinder auf den Arm nimmt und durch die Haare fährt.
»Es ist unverständlich, wie einige Teile der Bevölkerung russisches Roulette spielen wollen«, sagt Bruno Covas gegenüber der BBC , erstaunlich höflich. »Gleichgültigkeit angesichts sterbender Menschen – das ist einfach ungebührlich.«
Das brasilianische Roulette führt dazu, dass Ende Mai nicht Russland, sondern Brasilien das Land ist, das hinter den USA die zweitmeisten Corona-Infizierten zählt.
18. Mai, Taiwan, Taipeh
Wenige Stunden bevor in Genf die in diesem Jahr größtenteils per Videoschalte abgehaltene Weltgesundheitsversammlung (World Health Assembly, WHA ) beginnt, tritt Joseph Wu vor die Presse. Was Taiwans Außenminister mitteilt, überrascht: Trotz ungewöhnlich offener Unterstützung durch Länder wie die USA , Japan oder Deutschland zieht Taiwan seine Bemühungen um den Beobachterstatus bei dem jährlichen WHO -Treffen zurück. Man werde im Lauf des Jahres darauf zurückkommen. Die Zeit bei der WHA sei knapp, alle wollten sich auf den Kampf gegen die Pandemie konzentrieren.
Mitten in der Pandemie wollten die Taiwaner anscheinend eine anachronistische Debatte verhindern, die sie wohl verloren hätten. Die Unterstützung für ihr Begehren war zu gering. 29 Staaten seien eindeutig auf Taiwans Seite, so Außenminister Wu. 98 hätten es bei einer Abstimmung sein müssen.
Darum lieber Erfolge verkünden: Seit über zehn Tagen musste Gesundheitsminister Chen Shih-chung keinen neuen Corona-Fall mehr vermelden. Aus Südkorea dagegen kommen im Mai wieder schlechte Nachrichten. So suchen die Behörden in Seoul plötzlich über 5.500 Menschen. Grund ist ein 29-jähriger Infizierter, der am 2. Mai in dem für sein Nachtleben bekannten Viertel Itaewon in Nachtklubs und Bars unterwegs war. Mindestens 1.500 Menschen sollen sich zu diesem Zeitpunkt an den betroffenen Orten befunden haben. Erschwert wird die Suche nach den Kontaktpersonen dadurch, dass das Viertel, in dem der neue »Superspreader« unterwegs war, sich besonders bei Homosexuellen großer Beliebtheit erfreut – in Südkorea ist Homosexualität immer noch ein Tabuthema. So haben die Menschen Angst, sich zu melden, oder machen aus Sorge vor Stigmatisierung falsche Angaben. Als Konsequenz werden Bars und Nachtklubs im ganzen Land geschlossen und allein 61.000 Tests in diesem Zusammenhang durchgeführt.
Doch die Südkoreaner wissen, dass es noch nicht vorbei ist. So zieht ihr Land, das nach wie vor als eines derjenigen gilt, welches die Pandemie im Griff hat, einige Restriktionen wieder an und lockert andere. Nach dem Hammer kommt auch hier der Tanz.
20. Mai, Russland, Moskau
Es gehört zu Maria Sacharowas Job, empört zu sein, vor allem über die Verlogenheit der Westpresse. »Noch ein antirussischer Sensationsfake«, schimpft die Sprecherin des russischen Außenministeriums. Die ›New York Times‹ und die ›Financial Times‹ hatten die Sterberate in Russland angezweifelt. Offiziell gab es in Moskau 642Corona-Opfer. Tatsächlich waren im April fast 2.000 Menschen mehr als im Vorjahr gestorben, hatten die Zeitungen berichtet. Maria Sacharowa verlangte ein Dementi.
Inzwischen gilt es in Russland als offenes Geheimnis, dass die Statistiken geschönt werden. Das Gesundheitsministerium hat festgelegt: Patienten, die infiziert sind, aber an einer anderen Krankheit sterben, sollen nicht als Corona-Tote vermerkt werden, im Gegensatz zur international üblichen Praxis. Mehrere Regionen führten schon vorher doppelte Listen, bei denen sie zwischen Todesfällen »durch« COVID -19 und solchen »mit« COVID -19 unterschieden.
Ein anonymer Beamter gab zu Protokoll, die Regierung habe die Regionen angewiesen, anstatt COVID -19 nun »Lungenentzündung« auf die Totenscheine zu schreiben – nachdem Wladimir Putin erklärt hatte, man wolle den Lockdown nun lockern. »In einigen Regionen ist es offenbar verboten, am Coronavirus zu sterben«, sagt der Demograf Alexei Rakscha dem Portal ›meduza.io‹. Er glaubt: Die amtlichen Todeszahlen in Moskau seien rund 2,5-mal zu niedrig, in den Regionen bis zu fünfmal.
Mancherorts wohl zehn- bis zwanzigmal. Am 20. Mai meldet die Republik Dagestan offiziell 36Corona-Opfer. Auf einer digitalen »Gedächtnisliste«, auf der russische Mediziner die Pandemieopfer unter ihren Kollegen zusammenzählen, stehen am selben Tag die Namen von 37 Ärzten. Der Gesundheitsminister sprach schon vorher in einem Interview von 40 toten Ärzten und 657Pneumonie-Opfern in Dagestan. Auch die Obrigkeit glaubt den eigenen Zahlen nicht mehr.
22. Mai, Berlin
Jetzt endlich soll es losgehen, das reihenweise Testen in Krankenhäusern und Pflegeheimen. »Mein Ziel ist es, noch im Mai eine Verordnung vorzulegen, die präventive Reihentests in Krankenhäusern und Pflegeheimen ermöglicht«, sagt Gesundheitsminister Jens Spahn im Interview mit der ›Welt‹. Alle Kontaktpersonen von Infizierten sollen Anspruch auf einen Test haben, selbst dann, wenn sie keine Symptome haben. Das war bislang anders. Wer einen Test wollte, musste zumindest leichte Symptome zeigen.
Aber Spahn insistiert. Er begründet die Neuregelung mit den ungenutzten Testkapazitäten in Deutschland. Rund 425.000 Tests seien in der vergangenen Woche durchgeführt worden, mehr als doppelt so viele wären möglich gewesen.
Vor allem Krankenhäuser und Pflegeheime sollen jetzt immer wieder durchgetestet werden. Sie gelten als Corona-Hotspots. Immerhin: Laut RKI -Bericht waren von den Labortests, die in Deutschland durchgeführt wurden, zuletzt immer weniger Proben positiv: 1,7 Prozent waren positiv – so wenige wie noch nie seit Beginn der RKI -Statistik Mitte März.
22. Mai, Berlin
Das Coronavirus ist gekommen, um zu bleiben. Zumindest für die nächsten Monate, befürchtet Olfert Landt, der Test-Hersteller. »Das wird uns jetzt eine ganze Weile begleiten«, sagt er. »Das wird immer wieder aufpoppen.« Seine Prognose: Hier und da wird es kleine, lokale Ausbrüche geben, auf die man reagieren muss, wo man Kranke isolieren muss. Überall dort, wo viele Menschen eng zusammenkommen, wie in Fleischereibetrieben. Und auch in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen wird das Virus immer wieder auftauchen, »wo dann überraschend mehr Leute als normal sterben«. Das Virus wird bleiben, so lange, »bis wir eine Grundimmunität in der Bevölkerung haben«, sagt Landt, »erreicht durch Erkrankung oder Impfstoffe«.
Wer Landt auf die Menschen anspricht, die in diesen Tagen auf die Straße gehen, gegen Corona-Maßnahmen protestieren und sagen: »Alles halb so schlimm«, der bekommt eine klare Antwort: »Die Leute sind extrem verwöhnt davon, dass sie zeit ihres Lebens immer versorgt waren.« Plötzlich müssten diese Menschen gewisse Unterbrechungen in ihrem Leben hinnehmen. Er höre manche Sätze sagen wie: Das Virus betreffe ja nur ein paar alte Leute, dafür müsse man nicht so einen Aufwand machen. Geduld? Haben diese Menschen nicht. »Deren Vorväter haben vor 75 Jahren mehrere Jahre lang ein ziemlich schlechtes Leben geführt, haben in Bombennächten im Keller gehockt und faulige Kartoffeln gegessen. Für die war überhaupt nicht absehbar, wie lange das dauern wird«, sagt Landt. »Und jetzt kann man sich nicht ein paar Wochen lang ein bisschen zurückziehen?«
24. Mai, Moormerland, Frankfurt
SARS -CoV-2 ist ein Virus, das davon profitiert, wenn der Mensch unvorsichtig wird. Es braucht nur einen Unvernünftigen, um Hunderte, vielleicht Tausende anzustecken. Das hat Heinsberg gezeigt, im Februar, als schon früh die Eindämmung scheiterte und die Kontrolle über die Infektionsketten verloren ging.
Im ostfriesischen Moormerland, im Landkreis Leer, freuten sich die Menschen so sehr über die Wiedereröffnung eines Lokals, dass sie sich umarmen, einander die Hände reichen und weder auf Mindestabstände noch Masken achten. Der Inhaber kocht selbst für seine geladenen Gäste, vor allem Menschen, die ihn finanziell unterstützen, später setzt er sich zum Essen zu ihnen. Darunter ist ein Arzt, schreibt die ›Ostfriesen-Zeitung‹, der trotz Symptomen vorbeischaut. Vielleicht denkt er sich, das bisschen Husten, das bisschen Fieber, das hält ihn doch nicht auf. Ein paar Tage später ist klar: Er ist infiziert. Und mit ihm mindestens 18 weitere Personen. Das Lokal bleibt noch ein paar Tage geöffnet, später schicken die Behörden 70Menschen in Quarantäne. Der erste Fall eines Wiederausbruchs seit Öffnung der Gastronomie in Deutschland.
Und der Gottesdienst einer Baptistengemeinde in Frankfurt am Main. Seit die Kirchen wieder offen sind, kommen die Gläubigen zum Beten. Sie verhalten sich vorbildlich, sie halten Abstand zueinander, sie tragen Masken, neuerdings steht in vielen Gotteshäusern ein Desinfektionsmittelspender. Jede Kirche erarbeitet in Deutschland ein eigenes Hygienekonzept. SARS -CoV-2 sorgt dafür, dass jahrtausendealte Traditionen wie das Abendmahl pausieren müssen.
In der Baptistengemeinde in Frankfurt feierten sie am Sonntag den ersten Gottesdienst seit Wochen. Jemand brachte das Virus mit. Zehn Tage später ist klar: Gut 40COVID -19-Erkrankungen lassen sich zu diesem Gottesdienst zurückverfolgen – und zwar im ganzen Rhein-Main-Gebiet. Die Baptisten kamen aus Hanau oder dem Hochtaunus und nahmen das Virus wieder mit nach Hause.
Der Ausbruch in Frankfurt ist – wieder – ein Einzelfall. Das zuständige Bistum Limburg möchte erst einmal abwarten, wie sich die Lage entwickelt. Bisher schien es, als sei der Scheitelpunkt der Krise erreicht. Als ginge es nun mit dem Virus bergab und dem Land wieder bergauf. Ist die Pandemie vorbei, oder geht sie erst richtig los?
Wie weit ist das Virus in seinem Feldzug rund um den Globus gekommen? Welche Fehler macht der Mensch?
Wenn Viren jubeln könnten, dann würde Ende Mai ein millionenfacher Lärm die Erde erfassen. Bis auf fünf Nationen hat SARS -CoV-2 alle Länder des Planeten und über 5,2 Millionen Erdbewohner infiziert, in einem Monat hat es wieder mehr als zwei Millionen Menschen neu mit COVID -19 angesteckt. Über 330.000 Menschen haben den Besuch des molekularen Mietnomaden bis jetzt nicht überlebt, in Afrika hat das Virus sich bisher kaum breitgemacht.
Die Liste der Länder, die zeigt, wie viele Corona-Infizierte gemeldet sind, hat sich in den vier Monaten der Pandemie oft verschoben. Länder, die zunächst kaum Infizierte aufwiesen, führen jetzt die traurige Liste an: mit großem Abstand USA , Brasilien, Russland. Hinter Kanada und Saudi-Arabien liegt China nur noch auf dem 17. Platz. Italien hat die sechstmeisten Infizierten, Deutschland steht drei Plätze dahinter.
Die Top drei mit den meisten Toten: USA , Großbritannien, Italien.
Die Pandemie verpasst der Welt eine seltsame Ungleichzeitigkeit der Dinge. Die Menschen an dem einen Ort der Welt dürfen, was die an anderen unter Strafandrohung zu lassen haben. Jetzt sterben die Menschen an einem Ende der Welt, während sie am anderen die Krise für beendet erklären. Die COVID -19-Pandemie hat die Welt entglobalisiert. Und entsolidarisiert. In Thüringen will der Ministerpräsident schnell zu dem, was er für Normalität hält, in NRW entstehen in den Schlachthöfen zur gleichen Zeit neue Virenzentren.
Was weiß die Menschheit, sofern sie das Wissen an sich heranlässt, bis jetzt über das neuartige Coronavirus?
SARS -CoV-2 verändert sich in seiner genetischen Eigenschaft, mutiert also und bildet in verschiedenen Ländern verschiedene Linien aus. Bislang haben Mutationen keine Auswirkungen auf die Eigenschaften des Virus. Ob es aggressiver werden könnte im Sinne einer noch effizienteren Verbreitung, ist unklar. SARS -CoV-2 mutiert allerdings relativ langsam. Und: Im Vergleich zu SARS -1 ist SARS -CoV-2 schon viel besser an den Menschen adaptiert, weil Gesunde sich leichter bei Kranken anstecken können: SARS -CoV-2 repliziert bereits im Rachen, also in den oberen Atemwegen, verbreitet sich dann besonders gut, wenn der Mensch sich noch nicht krank fühlt. Über sein Oberflächenprotein S bindet es sich außerdem an einen Rezeptor, den auch SARS -1 nutzt, aber SARS -CoV-2 bindet sich stärker an diesen. Protein S weist außerdem eine besondere Schnittstelle auf, die unserem Mietnomaden bei seiner Weltreise vielleicht behilflich war.
Das Virus bildet immer neue Cluster: Yu Liping, die junge Journalistin aus Wuhan, erschrickt, als sie die Meldung liest – SARS -CoV-2 ist zurück. In Wuhan, in Sanmin, einer Wohnanlage am Westufer des Jangtse-Flusses, ist ein Cluster von etwa 20 neuen Infektionen aufgetreten, dabei hatte die Regierung doch schon den Sieg und die Kontrolle über die Epidemie ausgerufen, dabei wollte sich Wuhan wieder in die Normalität zurücktasten.
Neue Fälle, 21 an der Zahl, werden auch aus Jilin, einer Vier-Millionen-Stadt im Nordosten des Landes, gemeldet. Die Region grenzt an Russland, die Behörden vermuten, dass das Virus von chinesischen Rückkehrern mitgebracht wurde. Jilin ist erst mal abgeriegelt, Zug- und Busverbindungen wurden gestoppt, das öffentliche Leben stillgelegt – nach den schweren Versäumnissen von Wuhan reagieren die chinesischen Behörden jetzt schnell und radikal. In Wuhan ebenso. Dort soll jetzt ein Massentest stattfinden, mehr als zehn Millionen Menschen sollen untersucht werden – einen Massentest dieses Umfangs, so etwas hat es noch nie gegeben.
Was ist bekannt über den Infektionsweg und die Symptomatik der Erkrankung, die SARS-CoV-2 verursachen kann?
Vor allem breitet sich das Virus über Tröpfcheninfektionen aus. Aber auch über Aerosole in der Raumluft. Schmierinfektionen – also die Weitergabe eines Erregers über eine Kette von Berührungen, sei es von Mensch zu Mensch oder durch den Kontakt mit kontaminierten Oberflächen – könnten laut epidemiologischen Schätzungen rund zehn Prozent der Infektionen ausmachen.
Die mittlere Inkubationszeit liegt bei sechs Tagen, die maximale bei 14. Die höchste Infektiosität besteht am Tag vor Symptombeginn. Kinder und Schwangere zeigen nach ersten Studienergebnissen besonders häufig einen asymptomatischen Krankheitsverlauf. Die Frage, wie infektiös Kinder sind, bleibt ungeklärt. Denn Kinder sind unterprobt. Sie könnten genauso infektiös sein wie Erwachsene, hat Christian Drosten in seinem Labor durch den Vergleich von Daten herausgefunden – eine Haushaltsstudie aus Wuhan kommt allerdings zu dem Schluss, dass Kinder zwischen null und 14 Jahren ungefähr nur ein Drittel so empfänglich sind für eine Infektion wie Erwachsene.
Gehirnschwellungen, Herzschädigungen, eine Störung der männlichen Sexualhormone, geschwollene Zehen, Wunden der Haut wie juckende Stellen, Bläschen und Quaddeln, in seltenen Fällen schwere Entzündungsreaktionen bei Kindern inklusive Nierenversagen – der Katalog an Symptomen von COVID -19-Kranken wächst weiter. Laut RKI bleiben die Hauptsymptome aber: Fieber, Husten, Halsschmerzen. 2,8 Prozent der Erkrankten bilden eine Pneumonie aus, zwei bis 25 Prozent der Hospitalisierten benötigen eine Beatmung. 87 der in Deutschland an COVID -19 Verstorbenen waren 70 Jahre oder älter. Schwere Verläufe können allerdings auch bei Personen auftreten, die keine Vorerkrankung aufweisen – genauso wie bei jüngeren Menschen, schreibt das RKI .
Woher stammt SARS-CoV-2, aus welcher dunklen Höhle dieser Erde?
Genomanalysen legen nahe, dass es von Wildfledermäusen aus China stammt und von dort auf den Menschen übergesprungen ist. Womöglich über einen Zwischenwirt. Was den Ursprung angeht, zeigt SARS -CoV-2 damit eine gewisse Kohärenz: SARS -1 stammt ebenfalls aus China, genauer gesagt, aus einer Höhle in der chinesischen Provinz Yunnan. Sein natürliches Reservoir, so drücken es Expertinnen aus, hat SARS -1 in der Hufeisennasenfledermaus.
Verwunderlich ist das nicht, vor allem nicht für Expertinnen und Experten. Denn Fledermäuse sind aus Virensicht ein Paradies. Ein Zuhause, das die perfekten Lebensbedingungen bietet. Mit rund 1.100 verschiedenen Arten stellen sie ein Fünftel aller Säugetierarten, seit mindestens 65 Millionen Jahren sausen sie durch die Lüfte unseres Planeten – und genauso lange entwickeln sich Viren mit ihnen mit. Man lebt in friedlicher Koexistenz.
Warum Fledermäuse solch ideale Wirtstiere darstellen? Viele Fledertierarten hausen in Höhlen, wo es warm und feucht ist, auch in den Karsthöhlen in der Nähe von Wuhan, zu Tausenden in einem Höhlenimperium. Sie baumeln tagsüber dicht an dicht von der Decke, in der Dämmerungszeit aber suchen sie kreuz und quer ihren Weg; ein geselliger Lebensstil, der Viren reichlich Möglichkeiten bietet, von einem Individuum zum anderen zu wechseln, sich dabei weiterzuentwickeln und anschließend über Kot, Urin, Speichel und Blut in die Welt getragen zu werden.
Eine Fledermaus bleibt, sollte sie sich einmal infiziert haben, aber nicht über viele Jahre mit ein und demselben Virus infiziert. Sondern das Immunsystem des flatternden Säugers ist so ausgeklügelt, dass es Viren schnell wieder loswird. Wieso die Tiere sich so schnell anpassen, eine Immunität entwickeln können und wie genau all das funktioniert, weiß niemand. Es ist die 100.000-Dollar-Frage, an der rund um den Globus geforscht wird. Bis dato kann sie niemand in Gänze beantworten.
Was Virologen und Infektionsbiologinnen aber wissen: welche Gefahr von Zoonosen ausgeht. Eben weil sie Epidemien und sogar Pandemien auslösen können. Normalerweise von der Öffentlichkeit unbemerkt, untersuchen sie deshalb Riesenschuppentiere in Gabun, fangen Fledermäuse in Asien, erforschen Zecken in Baden-Württemberg. Aber die wissenschaftliche Suche entspricht einem Wettrennen, das die Forschung eigentlich nicht gewinnen kann. Denn viele Viren entwickeln sich fortwährend weiter; sie verändern sich schnell in ihrer genetischen Eigenschaft, mutieren also. Als würden sie auf ihrem Personalausweis einige Angaben austauschen. Damit sind sie den Forschern immer einen Schritt voraus.
Eine Mutation ist zunächst einmal ein neutraler Vorgang, auch wenn das Wort für Laien oft nach Horror klingt. Dabei bedeutet eine Mutation lediglich: Bei der Vervielfältigung des Genmaterials – Biologen nennen diesen Vorgang Replikation – hat sich ein Fehler eingeschlichen. Vielleicht wurde an einer bestimmten Stelle eine Aminosäure ausgetauscht, oder versehentlich ist eine Lücke entstanden. Viren replizieren sich bis zu 100.000-mal am Tag. Dass innerhalb dieses Vorgangs ein Fehler passiert; geschenkt – als würde man einen Text in rasantem Tempo immer wieder abschreiben, um ihn zu kopieren, ohne dass am Ende ein Korrektorat oder eine Lektorin den Text noch einmal überprüft, um im Zweifel entstandene Fehler wieder auszubessern. So kommt es auch, dass SARS -CoV-2 verschiedene Viruslinien rund um den Globus ausbildet; das Virus in den USA zeigt, genetisch betrachtet, Abweichungen von seiner verwandten Viruslinie etwa in China. Deswegen können Wissenschaftlerinnen und Forscher auch den Ausbreitungsweg von SARS -CoV-2 rekonstruieren und sogar Rückschlüsse über Verwandtschaftsverhältnisse der einzelnen Viruslinien ziehen – unser Mietnomade hinterlässt seine Reiseroute.
Eine Mutation wird erst dann gefährlich, wenn sie zum Beispiel eine genetische Information vererbt, die dazu führt, dass ein Virus sich besser verbreiten kann. Wenn es dann einen regen und engen Kontakt zwischen Menschen und einem Wildtier wie etwa einer Fledermaus gibt, die als Reservoir für eine Vielzahl an Erregern dient, ist der Wechsel vom Tier zum Menschen nur noch eine Frage der Zeit. Eine Sache der Statistik.
Es könnte also weitere, weltumspannende Pandemien geben. Deswegen forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an potenziellen Erregern; sie untersuchen Primaten, Flughunde, Mäuse, Schuppentiere oder Arthropoden, sammeln Proben aus Höhlen, von Wildtiermärkten oder entlegenen Dörfern, vergleichen Genomsequenzen, erheben Statistiken, errechnen Verwandtschaftsverhältnisse. Weil sie wissen: In der Welt, in der wir leben, so wie wir leben, werden Zoonosen wahrscheinlicher.
Es wird oft gesagt und geschrieben, dass SARS -CoV-2 in die Welt des Menschen eingedrungen sei – aber eigentlich ist es andersherum: Wir dringen in die Welt der Viren ein. Sie sind viel älter als wir, entstammen den Ursprüngen des Lebens auf unserer Erde – und sie sind überall. In meterdickem Eis, hoch oben in der Luft, kilometertief im Ozean, selbst in uns: Das menschliche Genom wird zu etwa acht Prozent von einer viralen Spur durchzogen.
Doch je weiter der Mensch in die entlegensten Gebiete des Planeten vordringt, durch bislang unentdeckte Höhlen kraxelt, schwer zugängliche Flussgebiete erobert und die letzten unberührten Tropenwälder erkundet – desto wahrscheinlicher wird er auf ein Virus stoßen, das in seinem natürlichen Reservoir schlummert. Die Frage lautet: Wie tödlich wird es sein?
SARS -CoV-2 hat es sich bequem gemacht in seinem neuen Zuhause, dem Menschen. Wo es als Mietnomade weiter seine Runde dreht, von Zelle zu Zelle, von Mensch zu Mensch. Man weiß inzwischen aus Studien, dass viele Menschen keine anderen Menschen infizieren, dass aber wenige Menschen (etwa 20 Prozent der Infizierten) viele Menschen infiziert haben, immer da, wo wir es dem Virus zu einfach machen: auf Massenpartys, in Stadien, Gottesdiensten und Konferenzsälen. Vieles ist noch unklar: Wie genau das Virus auf den Menschen übergesprungen ist, wann genau der Ausbruch stattfand, ob es sich in Richtung einer noch besseren Ansteckung modifiziert, welche Symptome COVID -19, die Krankheit, verursacht durch SARS -CoV-2, noch zeigen wird. Eines aber ist sicher: In der globalisierten Welt, in der wir leben, wird dieser Mietnomade nicht der letzte gewesen sein, der uns besucht. Besser, wir gewöhnen uns daran.
Besser, wir lernen aus dieser Pandemie und sehen sie als Generalprobe. Die Menschheit braucht nicht nur Pandemiepläne, sie braucht genügend Schutz, Medikamente und Personal, sie braucht Gesundheitssysteme, die in kurzer Zeit mit Millionen Infizierten umgehen können. Sie braucht Politiker, die Warnungen und Studien von Wissenschaftlern in nachhaltiges Handeln transformieren. Vor allem aber: Sie braucht Bürger, die so informiert sind, dass sie sich zur Abwehr einer Pandemie zum Schulterschluss bereit erklären und so dem Virus keine Chance geben.
Wie sagte der Nobelpreisträger und Molekularbiologe Joshua Lederberg? »Viren sind unsere einzigen und wahren Rivalen um die Herrschaft auf diesem Planeten. Sie suchen nach Nahrung – und wir sind ihr Stück Fleisch.«