„Das waren keine ... Wir haben etwas gefun– –“
„Du meinst das hier“, fuhr Zirfas in des Bürgermeisters Gestammel, „diesen roten Fetzen, Knut?“
Nach Luft japsend wich der Bürgermeister zurück. Wo hatte Zirfas dieses blutverkrustete Leinenstück her? Lauber war sicher, daß es sich um genau dasselbe Fetzchen handelte, das er letzte Nacht, während im Finstern das Hexengelächter gackerte, im Schloßpark aufgelesen hatte. „Siebold“, murmelte er – etwas Entsetzliches mußte vorgefallen sein: der Arzt belauscht, übertölpelt, womöglich bereits inhaftiert.
„Der Chirurg? Eins nach dem andern, Knut.“ Zirfas trat dicht vor den Bürgermeister und hielt ihm das Leinenstück unter die Nase. „Dieses Fetzchen hier hättest du mir nicht vorenthalten dürfen; der rote Saft hätte schließlich Blut sein können. Aber der Schein trügt, wie so oft, Genosse: Ist nur Pflanzensaft, auf eine Hexenkutte gegossen, mit der ein paar sommergeile Teenager letzte Nacht im Schloßpark Liebeszauber spielten.“
„Aber das Krankenhauslabor – –“
„So etwas kommt eben vor, Knut, wenn man sich auf krumme Wege wagt: Dein falscher Freund Siebold hat am Ergebnis gedreht. Bildete sich ein, er hätte aus alter Zeit noch ‘ne Rechnung mit mir offen, und hoffte wohl, mich mit deiner Hilfe zu Fall zu bringen. Aber die Komödie ist schon wieder vorbei.“ Wie ein Ziertüchlein schob Zirfas das schreiend rote Kuttenstück in die Brusttasche seines Jacketts. „Aus diesem Fetzchen hier kann man niemandem ‘nen Strick drehen: Rote-Bete-Saft.“
„Und der ... Doktor?“ fragte Lauber und hielt die Luft an, hätte sich am liebsten gar die Ohren zugepreßt, da er die Antwort längst ahnte:
„Unglücklicherweise ...“ Zirfas drückte seine Faust so fest zusammen, daß die Bernsteinkugeln darin wie splitternde Knochen knirschten. „Infarkt; dem weltlichen Richter entzogen, wie man in frommeren Zeiten sagte. Aber jetzt zu dir, Knut: Du bist doch ein Meister der subtilen Andeutung, oder? Nichts direkt aussprechen und das Gemeinte trotzdem unauslöschlich ins Bewußtsein deines Gegenübers ätzen – das kannst du doch wie kein zweiter, du alter Fuchs. Also spazierst du jetzt rüber zum Schloß und siehst nach, ob du diesen Prohn zu Gesicht kriegst. Wenn ja, flöße ihm folgende Gewißheiten ein – und damit soll, soweit es dich und mich betrifft, alles vergeben und vergessen sein ...“
Schl. St., d. 11. IV. 38
Ließ heute einmal die Chronik beiseite; machte mich über ein Pergamentbüchlein her, das ich – Zufall oder nicht – zwischen zwei Chronikbänden (MDCCCLXXIf.) eingeklemmt fand. Erst beim Blättern dämmerte mir, daß dies Bändlein, anno 1788 ediert von einem Pater Franziskus in Lebus, lauter Schnurren u. Mären enthält, die sich im Laufe der Zeit um Schloß St. u. meine Ahnen rankten. Trägt den Titel Werwvlfi, Werknaeppi vnd altera Gravspvk in Stacklit, darin auch diese unerhörte Nachricht:
Die Mahren von Stacklit / oder / Der Spuk vom verlorenen Sohn
I. Spuk – Wie der Magus nach Stacklit kam
Einst kehrten die Ritter v. Stacklit mit blutigen Köpfen u. geschundenen Gliedern aus Samland heim; mit verhohlenem Gefolge überdies, das den Stacklitern seither viel Gram u. Spuk bescheret: Die geheime Begleitschar von einem Alten angeführet, der nannte sich Supplit u. plärrte magische Sprüche bei Nacht u. bei Tag; am Arm des Grafen die Tochter des Magus, die hieß Saskiatrimpe u. war blond wie die Ähren, so auf ästischen Äckern wogen –:
:– nur daß ihr kalter Blick sie um alle Anmut betrogen!
II. Spuk: Wes’ Kinder sie sind
Kaum heimgekehret, bauten die Ritter unter der Burg ein geheimes Gewölbe für die Hexersippe; die richtete sich dorten nach heidnischer Sitte ein: Plärrte der Supplit allnächtlich Zaubersprüche, bis sein Wolfsgott aus finstern Tiefen fuhr; buhlte derweil die Saskia mit dem Grafen u. schufen selbzweit die verborgene gräfliche Linie: Spukwesen, die euch bis aufs Goldhaar gleichen –:
:– nur daß nicht Liebe noch Blut ihr Herz erreichen!
III. Spuk: Weshalb man sie Knaeppi wie Wulfi nennet
Heißen die Mahren u. verbreiten seither Schrecken in Stacklit: drücken u. placken dortselbst in Hütten u. Häusern Nacht für Nacht. Heißen auch Werknaeppi, u. mit zwiefachem Rechte: hocken als Knäblein auf der Brust des Schläfers; packet indes der Geplackte nach dem Mahren –:
:– so tut aus dem Knaeppi ein Werwulf fahren!
IV. Spuk: Wie die Mahren zur Welt kommen
Läßt sich die Saskia stets nach Satansart begatten; rennt dann kreischend zum Gottesacker, tanzt auf den Gruben u. keckert ihr Gelächter in die Nacht; singt u. kreischt auch vielerlei Sprüche in der Sprache Supplits u. soll selten fehl gegangen sein. Ruft nämlich gleich schon ein Stimmlein aus der Tiefe: „Mach auf, laß mich raus.“ Scharrt die Saskia das Kindlein aus der Erde u. druckt’s an ihren Busen, von Mutterfreuden wie verrücket –:
:– nur daß einen Mahr sie gebor’n, der fortan die Christenheit drücket!
V. Spuk: Wen die Mahren fliehen
Die Saskia soll den Brauch auch beherrschen, Kindlein zu erwecken, die lange schon dahin u. nur noch faulig’ Fleisch u. bleich’ Gebein sind: Scharrt sich durch die Erde; öffnet den Deckel; wirft das Gebein in ihre Schürz’ u. schüttelt’s durcheinander, daß man’s durch die Nacht bis ins Dorf klappern hört. Legt nachher alle Knöchlein säuberlich zurecht u. plärrt genehme Sprüchlein in Supplits Sprache: mit sonderbarem Singsang u. lauter als je. Fährt gleich ein Geist ins kleine Gebein, kleidet sich mit Fleisch, u. spricht ein fein’s Stimmlein: „Nimm mich mit, ich bin dein“ –:
:– nur daß sich die Mahren, wenn erwecket, sogleich aus dem Arm der Saskia befrei’n!
VI. Spuk: Was der Vater spricht
O wie sie flehend durch die Felder, ächzend über Äcker, weinend in den Weiler ziehen: fliehend die Hexenmutter; beraubet der Grabesruhe; betrogen um die Seligkeit, welcher sie süß schon entgegenträumten. Ward aber in Stacklit so arg mit der Mahrenplage, daß der Schulze beim Grafen um Audienz bat: Vermöge kein Christenmensch gelinden Schlaf mehr zu finden, u. könne beim Anblick der Mahren, wie sie nackend u. klagend durch Wald u. Gasse geistern, selbst die Seele der Brävsten wüst u. düster werden. – Erbleichend lauscht’ der Graf dieser Beschwer; dann: Wer immer einen Mahr ihm zur Burg hinauf führe, erhalte reichen Lohn –:
:– denn wes’ einen nächtliche Plage, des’ andern verlorener Sohn!
VII. Spuk: Wie man den Mahr packt
Wird seither in Stacklit die Kunst verfeinert, welche der Graf an jenem Tag den Schulzen gelehret: So packst du den Mahr auf besondere Weise, damit er sich nicht zum Werwulf wandeln kann; so schnürst du ihn mit besonderen Knoten, die kein Mahr zu lösen vermag; so schleppst du das Knaeppi im Morgenlicht zur Burg hinarf –:
:– drei kostbare Weisheiten, Leser, nur daß man sie dir hier nicht melden darf!
VIII. u. letzter Spuk: Wie der Mahr verrecket
Mag der Mahr flehen, winseln, beten: muß doch ins Verlies hinab, wo Supplit plärrt u. Saskia ihrer Kindlein harrt. Hockt aber die Burg auf einem riesigen Felsblock zu Stacklit: so hart u. fest, daß selbst der Magus mit aller Schwarzkunst den Fels nicht höhlen mag. Gruben darob, als die geheime Sippe in Stacklit eintraf, unter dem Brocken die Höhle des Supplit u. mauerten sie flugs zum Verlies: mit einer geheimen Pforte nur zum Park hin, wo die Saskia nächtens mit dem Grafen buhlt. Führt aber ein dünner Stollen seit jeher vom Gewölbe lotrecht nach Untererde: Durch diesen Spund würget der Graf die Mahren –:
:– u. lasset sie klaftertief ins Verlies hinabfahren!
Wurden ja nur darum nach Teufelsbrauch gezeuget u. aus der Leichengrub’ neuerlich geboren: weil Supplit u. sein Wolfsgott Opfer fordern! Der verschlingt die Mahren einen um den andern u. entlohnt den Hexer mit wunderlichem Gleisnerkram: magischen Pfeiflein u. Flöten, so allesamt gülden glimmen –:
:– als wär’ ein Fünkchen Himmelslicht versiegelt drinnen!
Die Moral
Da’s indes nur Einen Gott gibt, Leser, Unsern Herrn, so im Himmel residiert u. nimmer unter Felsen hauset: so kann auch jener Wolfsgott bloß eine Satansfratze sein –:
:– u. alles Licht, das von dorten heraufdringt, nur der Höllenfeuer Widerschein!
Darob beherziget: Drucket ein Mahr euch im Schlafe, / so lasset euch placken u. zwacken; / doch untersteht euch, das Knaeppi zu packen, / um’s zu schnüren u. nach Stacklit wegzuführen: / Der Burggraf dorten ist mit Satan im Bund.– –
Schl. St., d. 12. IV.38
Trete aus dem Büchersaal in die Halle, da steht mit einem Mal, wie aus dem Boden gewachsen, er vor mir. Fordert mich auf, ihn zu begleiten: Nein, es dulde keinen Aufschub; er müsse darauf bestehen: sofort! – Folge ihm hinaus in den Morgendämmer: benommen, auch nervlich lädiert wie immer, wenn ich in der Frühe, nach vielen Stunden im Finstern, von dort in die helle Welt zurückkehre; marschiere hinter ihm über den Hof zum nördlichen Wirtschaftsflügel, in die alte Bräuhalle, sein „Hauptquartier“. Mit großen Schritten eilt er mir voraus; hypnotisierend: das Knallen u. Hallen der Eisenbeschläge seiner Stiefel auf den abgewetzten Fliesen der Bräuhalle, die wie für immer nach gärigem Hopfen riecht – –
Seine Faust im Vorübergehen auf die Schalter hauend, schaltet er dürftiges Licht ein: An den Wänden schmale Bänke, darauf hier u. dort Häuflein Kinderwäsche: erbärmlich; rührend; unerträglich – – wende mich gewaltsam von einem Leibchen, das unter der Bank zusammengestaucht auf dem Boden liegt – – da fällt mein Blick auf die Feuertür an der hinteren Schmalwand: grau; eisern; verrammelt; eine Stille hinter dieser Eisenplatte, als wären dort Schreie zu Schweigen eingebrockt – –
Drei Schritte vor dieser Tür bleibt er stehen u. wendet sich um: so abrupt, daß ich beinahe gegen ihn gerannt wäre. Sieht mich von seiner Hünenhöhe aus zusammengekniffenen Augen an: Es gebe ein Problem; nur ich könne Abhilfe schaffen; würde dies sicher auch nicht unterlassen, da es genaugenommen mein Problem sei – –
Die jungen Teufel dort (deutet mit dem Daumen zur Feuertür in seinem Rücken) – ob ich davon gehört hätte, daß er sie zu Studienzwecken im Lagerraum einquartiert? – – Und ehe ich auch nur den Mund öffnen kann: „Natürlich wissen Sie davon, so wie ich damals gleich von Ihrer Sache mit dem kleinen Sorno erfuhr!“ – – Und bevor ich widersprechen, den so heimtückisch geknüpften Zusammenhang wieder zerreißen kann: „Drei von ihnen sind heute nacht verduftet! Ist mir ein Rätsel, wie sie aus diesem Loch kriechen konnten – aber wie auch immer: Wir haben sie ja wieder – – und trotzdem gibt es ein Problem!“
Starrt mich noch einen Moment an, die Fäuste auf die Hüften gestemmt; dann beginnt er zwischen mir u. der fatalen Tür auf u. ab zu stapfen. Wieder: das Knallen u. Hallen seiner Stiefelabsätze auf den abgetretenen Fliesen; unerträglich, denke ich, diese riesenhafte Halle: kalt u. gekachelt u. kahl bis auf die Bänke längs der Wände u. die kleinen Häuflein Kinderwäsche hier u. dort – –
„Wer weiß, ob wir die drei jemals wiedergefunden hätten“, spricht er weiter, „aber das Glück war auf unserer Seite: Die jungen Teufel rannten durch den Wald direkt nach Dorf Stiegliz. War sicher kein Anblick für schwache Nerven: wie sich die Kerle im Stockfinstern an das waldnächste Gehöft ranpirschten. Mußten ja versuchen, fürs erste zumindest ein paar Lumpen u. eine Handvoll Fraß aufzutreiben: in unserem Programm mit Fug nicht vorgesehen. Aber sie waren kaum ins Haus eingedrungen, da stand der Bauer vor ihnen, drohend die Axt erhoben – u. ehe die Teufelchen sich versehen, liegen sie alle drei schon auf der Diele, sauber mit Stricken verschnürt!“
Nach diesen Worten bleibt er wieder vor mir stehen: schweigend; u. in der plötzlichen Stille kommt es mir vor, als sei hinter der Feuertür Stöhnen zu hören: dumpfig; wie durch Knebel hindurch – –
„Währenddessen“, sagt er, „sind meine Männer längst ausgeschwärmt, u. es dauert nicht lange, da fällt ihnen drüben im Dorf das hellerleuchtete Bauernhaus auf. Sie klopfen an, der Bauer macht auf, aber nur einen Spalt, durch den er hervorlugt: Ja, er hat soeben drei Übelwichte überwältigt; – aber, u. jetzt Obacht: Er weigert sich, die Burschen an meine Leute herauszugeben! Besteht darauf, sie Ihnen persönlich zu überbringen! Dem Grafen, sagt er immer wieder, nur dem Grafen persönlich u. gegen gute Belohnung, wie’s seit altersher Brauch ist.“
Ich muß bleich geworden sein; abermals wirft er mir einen langen Blick zu: nachdenklich; auch eine Spur amüsiert. „Seit altersher Brauch?“ wiederholt er. „Und Sie erwarten immer noch, daß ich Ihnen die Geschichte mit diesem kleinen Sorno glaube – übrigens kein deutscher Name, wie? Die örtlichen Behörden mögen Sie ja um den Finger gewickelt haben – was aber, wenn gewisse übergeordnete Stellen die Angelegenheit an sich ziehen? – Was ist mit Ihnen, Graf? Sie sehen aus, als hätten Sie ein Gespenst gesehen!“
Er nimmt mich beim Arm u. führt mich, zwischen den alten Bräutrögen hindurch, aus denen gäriger Gestank aufsteigt, zu der schmalen Bank an der Wand; fegt mit dem Unterarm ein Bündel Wäsche beiseite, u. ich sinke direkt neben der Feuertür auf die Bank, die viel zu lang ist – – zieht sich um die ganze Halle herum, wohl 30 auf 15 Meter: Wie viele Kinder er hier wohl künftig „prüfen“ will? Und ob auch bei diesen Prüfungen „Lumpen u. Fraß mit Fug nicht vorgesehen sind“? – – Das u. anderes geht mir wirr durch den Kopf, wie ich auf der Kinderbank hocke u. auszusinnen versuche: Was weiß er? Was will er jetzt von mir?
„Den Schacht unter dem Schloß glaube ich Ihnen durchaus – u. wie!“ fährt er munter fort u. nimmt seine Wanderungen zwischen Bräutrögen u. Feuertür wieder auf. „Aber wie sollte es zugehen, daß Sie von dem sinnreichen Bodenloch so gar nichts gewußt hätten – wenn doch sogar im Dorf beides sprichwörtlich ist: das klaftertiefe Loch unter dem Schloß – – u. die Belohnung, die jeder erhält, der hier am Schloßtor einen Entlaufenen abliefert? – – Also, kurz u. gut, Graf: Das Bäuerchen, das die drei Teufel geschnappt hat, besteht darauf, Ihnen persönlich seine Beute zu übergeben. Und was mich betrifft: Ich verlange von Ihnen dreierlei – –“
Er bleibt vor der Feuertür stehen u. legt eine Hand auf die Klinke; schüttelt indes den Kopf, als hätte er sich anders besonnen, u. wendet sich wieder mir zu: „Erstens: Sie nehmen die drei ordnungsgemäß entgegen – der Mann wartet übrigens schon bei den alten Ställen auf Sie; zweitens: Sie entlohnen ihn so fürstlich, daß er garantiert für immer das Maul hält – – u. drittens: Wie sonst verschwinden kleine Teufel – –: indem die Erde sie verschlingt!“
Es war Abend geworden; vor den Bibliotheksfenstern schwebte die Sonne wie ein gigantischer Bernsteinball. Für Momente schien es, als käme die Kugel auf der „roten, toten Hand“ zur Ruhe, doch dann versank sie im Gewirr blutfarbener Zweige, und binnen Sekunden wurde es düster im Büchersaal.
„Soweit das erste Wachsheft deines Vaters.“ Alex warf Timo, der neben ihm am Stehpult lehnte, einen besorgten Blick zu: Timo hielt das letzte der Blätter mit den entschlüsselten Texten noch in der Hand; aber es war offensichtlich, daß er nicht mehr las. „Und ich bin beinahe froh, daß wir das zweite Heft nicht sofort entziffern können: Du brauchst wirklich eine Pause; ich übrigens auch.“
„Nicht entziffern? Aber wieso?“
„Weil dein Vater mit dem Heft leider auch den Code gewechselt hat: Die Zeichen sind dieselben wie vorher; nur ergeben sie, nach dem bisherigen System entschlüsselt, keinen Sinn mehr – und bis ich das neue ausgetüftelt habe – –“
„Aber ich muß wissen“, stammelte Timo, „ob er ...“
Alex war sich nur zu sehr bewußt, worauf Timo hinauswollte, doch auch er brachte es nicht über sich, die Frage auszusprechen: Hatte sich der Graf Görsmanns Erpressung gebeugt? Und wenn ja – was war daraufhin dort unten geschehen? „Cramsen“, sagte er, „wo ist der Alte eigentlich?“
So sehr waren sie während langer Stunden in die Entzifferung und Lektüre der gräflichen „Beobachtungen und Mutmaßungen“ vertieft gewesen, daß ihnen erst in diesem Moment auffiel: Der Alte war von seinem Mittagsschläfchen nicht mehr in die Bibliothek zurückgekehrt.
„Ich hole ihn“, sagte Timo und lief schon auf die Tür zu, „er muß uns berichten, wie die Sache weitergegangen ist!“
Fahl empfing ihn die Halle; die Ritter glotzten von den Säulen; unter seinen Schuhen ein Rascheln und Knirschen, aber Timo sah und hörte nichts. Er war außer sich: seine Kehle voller Tränen, sein ganzer Körper bebend vor Angst und Erschütterung und Schmerz. „Schluß jetzt!“ Er schrie es, doch die Bilder in seinem Innern wichen nicht, verblaßten nicht einmal wie die gemalten Ritter an den Säulen – „nichts“, schrie Timo, „nichts ist jemals aus und vorbei!“ Ärger noch als der Verdacht, daß sein Vater sich dem Teufelspakt gebeugt haben mochte, quälten ihn zwei Gedankenbilder, die unmöglich zusammengehören konnten und die seine überreizte Einbildungskraft doch immer wieder vor sein geistiges Auge projizierte:
Die weizenblonde Buhle Saskia, fluchwürdige Sprüche plärrend über einem frischen Grab. Und Karoly, der sich, nur scheinbar längst tot, aus seinem Waldgrab am Oderufer erhob. War es möglich –?
„Nein!“ schrie er wieder. „Cramsen!“ rief er, die weite, geschwungene Treppe emporstürmend – im Halbdunkel, auf ächzenden Stufen; und mit den Füßen stieß er Tierskelette, Stuckbrocken, aufstiebendes Staubgewölle beiseite – „was ist damals passiert?“ Am verwüsteten Silbersalon im ersten Stock vorbei stürzte er weiter nach oben – das „Knallen u. Hallen“ der Stiefelbeschläge kam ihm in den Sinn; die Mahren, dachte er, wie’s seit altersher Brauch ist – würgt sie hinab ins Verlies, wie’s der Wolfsgott fordert: Was zum Teufel –? „Cramsen!“
Doch das ganze riesenhafte Gebäude war erfüllt nur von Schweigen; von Schatten, die über Wände tanzten, und dem Stampfen seiner Schritte auf zertretenen Stufen – zertreten, dachte Timo, zerstampft wie die Kacheln in der alten Bräuhalle, wo damals, ab dem Jahr, als ich geboren wurde, das Grauenvolle Tag für Tag geschah.
Auch das zweite Geschoß ließ er hinter sich, schrie immer wieder „Cramsen!“, doch niemand antwortete ihm. Stürzte endlich in den Mansardengang unter der Dachschräge; polterte an der langen Reihe schmaler Kammertüren entlang; riß das Türchen auf, hinter dem Cramsen in früherer Zeit gehaust und wohin er den Alten vorhin geführt hatte: nichts! Die Kammer mit der Pritsche; auf der Decke noch der schmale Abdruck vom liegenden Leib des Alten; aber Cramsen war verschwunden.
Wo zum Henker mochte er hingegangen sein? Timo wandte sich um, und da stand Margot vor ihm – Margot in ihrer kalkweißen Kutte, darüber das strömende, noch im Abenddämmer wie elektrisch funkelnde Kupferhaar. Hochaufgerichtet, ihr Blick forschend auf ihn geheftet, aber sie war bleich, erschrocken – und tieftraurig, wie ihm schien. Er streckte eine Hand aus, nicht einmal verwundert, sie vor sich zu sehen.
„Margot“, flüsterte er, aber sie wich zurück vor ihm, dabei ihr Haar über die Schulter werfend, und darunter die Kutte war mit Blut getränkt: ein tatzenförmiger Fleck, der sich von der Schulter bis zu ihrem Herzen zog. „Trowal“, flüsterte Timo, „er hat dich verletzt.“ Wieder wollte er sie berühren, wieder wich sie zurück vor ihm. Inmitten des gräßlichen Flecks auf ihrer Brust fehlte ein Fetzen Stoff, die blanke Haut schimmerte dort hervor – kalkweiß, dachte Timo, der im selben Moment mit seiner vorgereckten Hand gegen etwas Hartes, Kaltes stieß.
Sein Herz pochte wie rasend: Spuk, dachte er, ich hätte nie geglaubt, daß es so etwas wirklich gibt ... Er stand im Mansardenflur vor der Wand, deren abblätternden Kalkputz er noch mit der Hand berührte – eine leere weiße Fläche, kein Zweifel, doch genau dort hatte er Margot nur einen Lidschlag vorher gesehen. Sie sogar gerochen, den Duft ihres Körpers, ihrer Kupferhaare, und die Trauer tief in ihrem Innern so intensiv wie einen eigenen Schmerz gespürt. Und doch war es nur ein Trugbild, dachte er, da vernahm er leises Trappeln wie von Schritten auf der hinteren Treppe, dazu ein Wispern, fern schon, verwehend: „Such mich!“
Er fuhr herum und stolperte den Klängen hinterher. Auch ein Rauschen und Scharren glaubte er jetzt zu hören, wie wenn ein grober Saum über Stufen schleppt. Ihre Nonnenkutte, dachte er, durch den dämmrigen Mansardengang hastend, wieso trägt sie die immer noch, und weshalb hat niemand ihre Wunde versorgt? Die hintere Tür klapperte im Wind; er stieß sie auf und fand sich auf der Gesindestiege, das Wispern und Huschen schon tief unter ihm. Diesen Turmschacht hatte er seit jeher gefürchtet: eine enge Wendeltreppe; die Stufen hoch, der Schacht düster selbst am hellen Mittag, da nur wenige Luken die baumstammdicken Mauern durchbrachen. Und wie nachtfinster nun erst, während Timo, die speckigen Stufen eher ahnend als wirklich sehend, abwärts jagte – getrieben von abermals in ihm auflodernder Hoffnung: Das war kein Spuk, sie ist wirklich hier.
Und war doch nirgends mehr zu sehen, als er endlich bis ganz nach unten gepoltert war, die Pforte offen fand und in den Schloßhof trat. Dunkelheit hatte sich herabgesenkt; der Himmel verhüllt von Wolken. Jener Abend im Winter ‘91 fiel ihm wieder ein: der Schloßhof verschneit, doch auf der funkelnd weißen Fläche wohl ein Dutzend Kübelwagen; und wie er in die Halle trat: der Kamin lodernd, der weite Raum von trunkenem Gesang erfüllt. Was hatte Margot damals mit diesen Freunden altdeutschen Brauchtums zu schaffen – und zudem als einzige Frau?
„Margot!“ rief er, und ihm war, als hielte mit ihm das gewaltige Gemäuer in seinem Rücken den Atem an. Da, vorn, bei dem Durchgang, der Hof und Park verband – hatte er dort nicht eine weiße Gestalt um die Ecke huschen sehen? Wieder stürzte er hinter ihr her, wieder glaubte er zu hören: „Such mich!“, und abermals begann sein Herz wie rasend zu schlagen. Warm und feucht strich die Abendluft über seine Haut; im Finstern hastete er über das zersprungene Hofpflaster, bog um die Ecke und prallte gegen einen heißen, weichen Leib – –
„Da sind Sie ja endlich“, sagte der Bürgermeister von Stiegliz. „Ich habe Sie schon überall gesucht, Herr Prohn.“
Doch zu seinem Erstaunen warf Prohn ihm nur einen verworrenen Blick zu und rannte ohne ein Wort an ihm vorbei in den dunklen Park.
Er blieb erst wieder stehen, als er die „rote, tote Hand“ erreicht hatte, auf halber Höhe zwischen Schloß und Orangerie. Zwei Schritte vor ihm klaffte das Loch in der Wiese, das Wachtmeister Worzak heute in der Frühe gegraben hatte – warum?
Im schwarzroten Dunkel unter dem Blutbuchen-Fünfling ließ er sich ins Gras gleiten, neben dem Moosbett, auf dem nach uralter Legende die Saskia mit ihrem gräflichen Freier zu buhlen liebte; aber davon wußte Timo nichts. Er war mit einem Mal sicher, daß Margot ihm nicht nur als Spuk im Mansardenflur erschienen war: Sie war wirklich in Stiegliz, dachte er, irgendwo nah bei ihm hier im Park. Und wenn er wieder hinter ihr herjagte, würde sie ihm nur abermals entfliehen; doch wenn er ruhig auf sie wartete, würde sie zu ihm kommen, und er würde sie umarmen und nicht mehr loslassen, niemals mehr. Alles würde gut werden, phantasierte Timo, so einfach wie im Märchen: durch Kuß und Beschwörung, die den bösen Zauber brach.
Rücklings fiel er ins Moos und schloß die Augen. Über ihm raschelte das Laub des vielhundertjährigen Baumriesen, und im Buschwerk ringsum erklang ein Zirpen und Wispern wie von vielen tausend Silberstimmchen, die in heller Verzweiflung sangen und klagten. So intensiv dachte er an Margot, so sehr empfand er die Sehnsucht nach ihr mit jeder Faser seines Körpers, daß die Zauberin gar nicht anders konnte, als zu ihm zu kommen und zu seiner Erlösung neben ihm aufs Mooslager zu sinken. Ohne die Augen zu öffnen, spürte er, wie sie näher und näher kam. Schon meinte er ihren Duft zu riechen, da spürte er einen Tritt gegen seinen rechten Fuß – und dann einen Körper, der erstickend schwer auf ihn fiel.
Ein Mahr! durchfuhr es ihn. Rücklings lag Timo in der Wiese und konnte sich nicht regen, wie versteinert vor Angst: Tonnenschwer lag der Mahr auf ihm und drückte ihm den Atem ab – –
Dann endlich wich der Druck von ihm und Timo fuhr hoch. Er brauchte einen langen Moment, um zu begreifen, dass es kein Mahr gewesen war – natürlich nicht.
Der Mond war durch die Wolken gebrochen, und hügelab huschte ein Schemen durch die Wiese: bleich wie in der Spukmär, das Lockenhaar im Mondlicht schimmernd, und jetzt wandte er im Laufen den Kopf zurück. Kai!, durchzuckte es Timo, aber der Junge dort unten war weder ein Mahr noch sein verschollener Bruder Kai.
Er hatte beinahe schon die Senke erreicht, eben wollte er auf den Magmaplatz treten – da flog die Orangerietür auf, und eine hagere Gestalt im wehenden Mantel stürzte auf ihn zu. Mit einem Satz wendete der Junge und rannte wieder hügelan, und Timo wich in den Schatten der „roten, toten Hand“ zurück, außerstande, irgend etwas Vernünftiges zu tun. Dabei sah er ja: Der Knochenhagere, der dem Jungen mit ungelenken Sprüngen nachsetzte, war Cramsen, und der Junge konnte niemand anderes als jener Georg sein.
Hinter einem der mächtigen Buchenstämme ließ sich Timo zu Boden sacken. Von hier aus waren der Junge und Cramsen nicht zu sehen, was ihm für einen Moment geradezu tröstlich schien. Und es dauerte weitere lange Augenblicke, bis er in der Dunkelheit unter dem Laubdach die massige Gestalt bemerkte, die neben dem obersten Stamm des Rotbuchen-Fünflings stand.
„Jetzt laufen Sie bitte nicht wieder weg, Herr Prohn“, sagte der Bürgermeister von Stiegliz, dem es bei der Vorstellung graute, ein zweites Mal hinter diesem verrückten Westmenschen durch den Park rennen zu müssen. „Gewisse Personen haben mich gebeten, Ihnen klarzumachen, daß Sie aus wohlerwogenem Eigeninteresse beschließen sollten, das Schloßgelände bis auf weiteres nicht zu verlassen. Cramsen besorgt Ihnen, was Sie zu Ihrer Verpflegung und so weiter brauchen“, ergänzte er hastig, denn Prohn schien schon wieder im Begriff, das Weite zu suchen:
Mit verzerrtem Gesicht nickte er Lauber zu, doch seine Aufmerksamkeit galt den Lauten, die jenseits des Buchenstamms erklangen: den hastenden Schritten in der Wiese; dem Keuchen aus zwei Kehlen; den Schreien des Alten, unverständlich, eher Krächzen als menschlicher Ruf ...
Ohne länger auf Lauber zu achten, trat Timo wieder aus dem Schatten der Blutbuchen hervor und sah direkt in das Gesicht des Jungen, der hügelan auf ihn zu hetzte, nur noch wenige Schritte von ihm entfernt: die Augen aufgerissen, Goldfunken sprühten aus seinen Haaren, und hinter Timo rief Lauber: „Haben Sie mich verstanden, Herr Prohn?“
Im selben Moment geriet der Junge ins Stolpern. Er riß die Arme hoch, stürzte vor Timos Augen in die Tiefe und war binnen eines Lidschlags so vollständig verschwunden, als hätte die Erde ihn mit Haut und Haaren verschluckt. Nur sein Schrei drang noch aus der Grube: „Hilfe, Vater – bitte nicht!“
Genau dieselben Worte, durchfuhr es Timo, habe auch ich geschrien: damals, als ich am Seil hing, die Arme emporgereckt, und mit gräßlicher Sanftheit schwang das Seil mich hin und her ... und in der Tiefe lauerten die riesigen Wolfslichter, gierig und mitleidlos ...
Der Junge sprang aus Worzaks Grube, stieß Cramsen beiseite und verschwand in der Nacht. Doch Timo sah weder ihn noch den Alten, weder Lauber, der in Richtung Ostmauer davonlief, noch Alex, der mit langen Schritten vom Büchersaal herbeieilte, durch Rufe und Schreie aufgestört. Unverwandt starrte er in die Grube, und da sprang in seinem Innern jenes Tor auf, hinter dem seit so vielen Jahrzehnten die grauenvollsten seiner Erinnerungen eingekerkert waren:
„Ich war noch sehr klein“, flüsterte Timo, „vielleicht sieben Jahre alt, als er mir befahl ...“
... er mir befahl: „Gib acht auf alles, was du dort unten siehst – jede Einzelheit kann wichtig sein!“
Ich war furchtbar aufgeregt, aber guten Mutes, sogar voller Stolz: Er vertraute mir diese Mission an, die so wichtig, so geheim war, daß ich schwören mußte, niemandem davon zu erzählen. Nicht einmal Kai. Und vor allem der Mutter nicht.
Er hatte mir befohlen, mich in ein enges Lederfutteral zu zwängen, das mich von den Füßen bis zum Hals umschloß – „damit du dich auf der rauhen Rampe nicht verletzt.“ Er hatte mir die Hände über meinem Kopf zusammengebunden und mit dem Seil verknüpft, das damals schon in der geheimen Kammer von der Decke herabhing. Dann die Kurbel – ein kurzes Kreischen der Winde – und ich pendelte über dem Bodenloch hin und her.
„Du hast nichts zu befürchten“, sagte er, „da ist überhaupt nichts Gefährliches, aber vielleicht haben unsere Ahnen dort einen Schatz versteckt.“
Was aber, wenn es dort unten Geister gab – spukende Ritter in klirrender Rüstung – Schloßgespenster mit rostigen Säbeln? Fragen, die mir die ganze Zeit schon auf der Zunge brannten; immer wieder hatte ich sie heruntergeschluckt, um seinen Zorn nicht herauszufordern – und jetzt war es zu spät:
Die Winde kreischte, das Seil schaukelte stärker; ruckweise stieß er mich den Schacht hinab, und mit jedem Stoß wurde es dunkler um mich her. In der Hand hielt ich eine kleine Stablampe – „Paß auf, daß sie dir nicht runterfällt“, hatte er gesagt, „und schalte sie erst ein, wenn du ganz unten bist und deine Hände runternehmen kannst.“ Eingezwängt in die enge Tierhaut, schaukelte ich wie eine Lederpuppe in die Tiefe, stieß endlich durch die Kuppel und schwebte nun unter der Decke des schwarzen Saals.
Bis dahin hatte ich die meiste Zeit nach oben gesehen: zu seiner Silhouette in der Höhe, die unter grotesken Verrenkungen die Kurbel drehte; zu der Lampe in meinen Händen, die wegen der Fesseln bereits taub zu werden begannen ... Jetzt aber hörte ich tief unter mir leises Winseln und Heulen, schaute erschrocken, mein Kinn auf die Brust drückend, an mir herab und sah sie zum ersten Mal: die riesigen Wolfslichter, gierig und mitleidlos – –
„Hilfe, Vater – bitte nicht“, schrie ich, „bitte laß mich – ich will doch nicht in dieses Loch hinein!“
Vielleicht hörte er mich wirklich nicht, weil die Winde oben in der Kammer zu laut kreischte; vielleicht erreichten meine Schreie zwar sein Ohr, aber nicht sein Herz? „Mit der rechten Hand“, hatte er gesagt, „hältst du die Lampe fest, mit der linken dies dünnere Seil: Wenn du daran reißt, weiß ich, daß du wieder nach oben willst.“ Wie besessen zerrte ich an dieser Hilfeleine, aber er beachtete es nicht: Hoch über mir kreischte die Winde und spulte beharrlich das Seil ab; an seinem Ende schaukelte ich ruckweise auf das Loch im Boden des schwarzen Saals zu; in der Tiefe erklang das schaurige Heulen, und die Wolfslichter glommen: gierig und mitleidlos – –
Ich riß an der Leine, ich schrie aus Leibeskräften, mehr konnte ich zu meiner Rettung nicht tun: Meine Hände waren gefesselt, meine Beine und Füße in das Futteral gezwängt; ohnmächtig war ich ihm ausgeliefert, und er – er hatte mich getäuscht! Warum? Das konnte ich einfach nicht verstehen, es war fast furchtbarer als das Grauen im Abgrund: Er warf mich, seinen Sohn, den Bestien dort unten zum Fraß vor!
Der Trichter: Mit den Füßen voran fuhr ich hinein und raste noch tiefer in die Erde hinab; sekundenschnell zerfetzte die rauhe Rampe mir auf dem Rücken, hinten auf den Beinen meine Lederhaut. Das Winseln und Heulen unter mir schwoll an zu Gesängen besinnungsloser Blutgier; dann die untere Mündung: so eng, daß mir der Fels über Beine und Arme schrammte, wie schmal ich mich auch zusammenzog – schreiend, unablässig schreiend, wenn auch längst heiser und kraftlos – –
Der Höllenschacht spie mich aus, schleuderte mich in die tiefsten unterirdischen Tiefen hinein, und ich stürzte, kaum mehr gebremst durch das mit mir hinabrasende Seil, weitere schwindelnde Meter – schlug endlich auf – wartete auf den Schmerz, der sich doch gewiß einstellen mußte – – nichts! Unbegreiflich weich fühlte sich der Boden dort unten an, Alex, zumindest die Stelle direkt unter der Rampe: Dort bedeckte ein dicker, goldgelb funkelnder Teppich den Boden des unterirdischen Felsensaals. Beinahe wie Haut fühlte es sich an, wie lebendiges, warmes Gewebe – und schien doch, wenn man es berühren wollte, so unkörperlich wie warmer Wind oder wie ein Sonnenstrahl. Jenseits dieses sonderbaren Teppichs aber, der vielleicht vier auf vier Meter umfasste, herrschte tiefe, nur von Sternenglimmer durchsetzte Nacht.
Unbeholfen war ich aufgestanden, durch das Seil behindert, mehr noch durch das mittlerweile zerlöcherte Futteral. Jetzt erst fiel mir die Stille auf: kein Heulen, kein Winseln mehr; auch von den riesigen Wolfslichtern war nichts zu sehen. Sie haben sich versteckt! dachte ich, neuerlich von Grauen geschüttelt, sie lauern im Finstern, und gleich stürzen sie sich auf dich, um dich zu zerfleischen!
Meine Hände, ohnehin durch die Fesselung fast fühllos, zitterten; dennoch gelang es mir, die Lampe einzuschalten: Der dünne Strahl glitt über den Boden, tanzte auf der Grenze zwischen dem gelben Funkeln und der Finsternis dahinter. Wie sonderbar, wie ganz unsagbar grauenvoll: Der Boden dort – er war nicht aus Fels, nicht aus Stein, wie ich erwartet hatte; statt dessen sah ich etwas ... ich sah eine Schulter, Alex ... einen Rücken, darüber den Nacken ... nein! Meine Hand bebte, der Lichtstrahl sprang zurück auf den gelben Teppich, zitterte wieder über der Grenze zwischen der Dunkelheit und dem warmen Leuchten ... zwischen der Schulter im Finstern und ... und dort, ganz deutlich im gelben Teppich: der weichen Wölbung eines Arms.
Dort lag ein Junge, Alex, auf dem Bauch, als ob er schliefe: eine Wange auf seinen rechten Arm gebettet, und er war tot, das spürte ich sofort. Er war groß, mit meinen damaligen Augen gesehen: vielleicht dreizehn, vierzehn Jahre, und etwas stimmte nicht mit ihm, etwas fehlte an ihm – genauer gesagt, es fehlte nicht, es war verändert, umgewandelt: sein linker Arm.
Unwillkürlich war ich neben ihm niedergekniet; scheu tastete ich nach seiner Schulter, so gut es mit meinen Handfesseln ging. Ich bin im Krieg geboren, aufgewachsen; ich hatte schon einige Tote gesehen, und ich wußte: Dieser hier war tot, seine Schulter starr und kalt, doch weiter abwärts ... Es sah aus, als wäre der linke Arm des Jungen unter den gelben Teppich geschoben; daher die Wölbung, die sich überdeutlich in der goldgelben Schicht abzeichnete: die Rundung des Oberarms, selbst der Winkel seines Ellbogens – nur daß es dort keinen wirklichen Teppich gab! Bloß diese goldgelbe Substanz: weich und hell wie Fleisch, aber wenn ich sie zu berühren versuchte, griff ich ins Leere, als ob ich mit meinen Fingern einfach Krallen formte ... Der Arm dieses Toten bestand aus bernsteingelbem Licht, Alex, und wie ich mit einem Schrei wieder hochfuhr, wirbelte der Strahl meiner Lampe durch den Abgrund, zuckte in wildem Zickzack über den Boden, und ich sah: Der ganze Boden war mit Leichen bedeckt, überall nackte Kinderleichen, Alex, alle auf dem Bauch liegend, in Kreisen angeordnet – und die den innersten Kreis bildeten, ragten ein jeder mit einem Arm, einer Schulter, einem angewinkelten Knie in die leuchtend gelbe Lache hinein – und alle diese Arme, Schultern, Knie, Alex ... waren verwandelt in dies weiche, fleischige Licht.
Grauenvoll war die Stille, die dort unten herrschte; ich wollte schreien und brachte keinen Laut heraus; wollte fliehen und konnte mich doch nicht regen; wollte nichts mehr sehen und konnte doch nicht hindern, daß die Lampe wie lebendig in meiner Hand bebte; daß sie immer wieder über den Boden, über die dichte, stille, bleiche Schicht der Leichen strich; immer tiefer hinein in diese Hölle, Alex; wie gigantisch der Saal dort unten ist: Ich sah keine Wand, nirgends; und dann mit einem Mal, als hätte mein Lampenstrahl etwas angerührt, das keinerlei Licht vertrug:
Ein grauenvolles Heulen in nachtschwarzer Tiefe – ein Winseln, die Oktaven emporjagend, jäh abbrechend und neuerlich einsetzend mit höllischem Schleifton – dazu ein Funkeln und Gleißen weit hinten im Finstern, als risse dort eine riesenhafte Bestie ihre mondengroßen Augen auf. Ein Fauchen und Schnauben vernahm ich, dann ein Klatschen und Patschen, ein weiches Schmatzen, als stampfe das Untier auf den Leichen zu mir her.
Wieder schrie ich: „Vater, bitte!“; sah einen hohen, weiten Schatten, der scheinbar aus der Tiefe des Höllensaals zu mir heranstob – und dann sah ich den Wolf, Alex, den riesenhaften Wolf: Weit hinten im Höllensaal hockte er auf dem Boden, und seine ganze plumpe Gestalt leuchtete gelb wie Bernstein, und seine Augen, gleißend und funkelnd wie zwei Monde, starrten mich an, und ich schrie und schrie, und die Lampe fiel mir aus der Hand und kollerte davon, und ich schrie und riß an der Hilfeleine ... dann endlich begann hoch über mir die Winde zu kreischen, und ich wurde an meinem Seil in die Höhe gezerrt. Noch auf der Rampe verlor ich das Bewußtsein; die ganze Welt hat sich damals für mich in ein Chaos aus Alptraum und Wahnsinn umgestülpt – –